# „Gebt der Wahrheit die Ehre!"

### Karl Fast

*Erlebnisse aus Rußlands jüngster Vergangenheit*

Gesamtausgabe · Erster, Zweiter und Dritter Teil (1950–1952)
Selbstverlag des Verfassers · North Kildonan, Manitoba, Canada

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## Zu dieser Ausgabe

Dies ist eine private, familieninterne Zusammenführung der drei selbstverlegten Originalbände zu einem durchgehenden digitalen Manuskript. Die Transkription erfolgte seitenweise von Fotografien der physischen Bücher.

Verwendete Zeichen und Hinweise:

- **[S. x]** — Seitenwechsel, entsprechend der Originalpaginierung.
- **[?]** — unsichere Lesung der Frakturschrift.
- **[sic]** — auffällige Eigenheit oder Fehler des Originals, bewußt so übernommen.
- **[unleserlich]** — im Original nicht entzifferbare Stelle.

Die originale Rechtschreibung von 1950–1952 wurde durchgehend beibehalten.

**Bekannte Lücken:** Keine. Im Dritten Teil war das Blatt mit S. 175–176 aus dem Familienexemplar herausgefallen; der Text dieser Seiten wurde im Juli 2026 nachgetragen. Die zuletzt noch offene Lücke im Zweiten Teil (S. 108–121, Kapitel „Die Bibel" samt Ende des Krohne-Berichts) wurde im Juli 2026 nach neu aufgefundenen Fotos des physischen Exemplars transkribiert und eingefügt. Damit ist die Seitenfolge des Zweiten Teils vollständig.

Diese Transkription ist ein erster Durchgang und wurde noch nicht vollständig gegen die Originale gegenlesen. Unsichere Stellen sind wie oben markiert.

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# ERSTER TEIL

**Karl Fast**
Erlebnisse aus Rußlands jüngster Vergangenheit.
1950 · Selbstverlag des Verfassers · North Kildonan, Manitoba, Canada.

*Alle Rechte vorbehalten. Druck von J. Regehr, 326 McKay Ave., North Kildonan, Manitoba, Canada.*



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## Vorwort.

**[S. 5]**

Das Buch „Gebt der Wahrheit die Ehre" soll keine Hetzschrift gegen Rußland, noch viel weniger gegen seine Völker sein, was ich von vorneherein festhalten möchte. Es soll zur Aufklärung und Belehrung derjenigen dienen, die die Verhältnisse in Rußland nicht kennen oder glauben, es wäre in den neun Jahren nach Kriegsbeginn zwischen Rußland und Deutschland anders geworden. Ich hatte ausgiebig Gelegenheit, Rußland vor dem Kriege kennenzulernen und mich andererseits davon zu überzeugen, daß die Machthaber im Kreml keineswegs daran denken, ihre Vernichtungspolitik zu ändern oder sogar zu verlassen.

Als einer der wenigen Rußlanddeutschen konnte ich nach viereinhalbjähriger russischer Gefangenschaft in den Besitz der ersehnten Freiheit gelangen.

Noch einmal, allerdings von einer ganz anderen Warte aus, sah ich die Auswirkungen des gepriesenen Sowjetsystems. Ich beobachtete in dieser Zeit den harten Kampf der Sowjetvölker ums tägliche Brot, ja oft ums nackte Leben. Mit größter Aufmerksamkeit verfolgte ich die Auswirkungen der modernen Sklavenhaltermethoden des 20. Jahrhunderts. Millionen Männer und Frauen, ja vielfach unsere leiblichen Eltern, unsere Frauen und Kinder zogen als unschuldige Opfer in die Zwangslager der „sozialistischen" Sowjetunion ein, wo sie heute noch schmachten.

Ihnen ist vor allen Dingen dieses Buch gewidmet.

Es soll aber auch die junge Generation vor einem verhängnisvollen Schicksal warnen, das sie an den Abgrund des Verderbens führen kann.

**[S. 6]**

Aus der tiefen Erkenntnis der Notwendigkeit allen [sic] über die wahren Verhältnisse im Rußland der Sowjets und über die Nöte seiner Völker zu berichten, entstand dies Buch.

Ich schreibe auf Wunsch der Sowjetregierung, denn bei jedem Kriegsgefangenentransport, der in die Heimat ging, wiederholten ihre Vertreter die Bitte: „Gebt der Wahrheit die Ehre. Berichtet wahrheitsgetreu über Sowjetrußland und eure Behandlung hier."

Ich schreibe, damit die vielen verschwundenen Kriegsgefangenen nie vergessen werden.

Ich schreibe, damit man immer der vielen verschleppten Männer und Frauen, Greise und Kinder aus aller Herren Länder gedenkt.

Ich schreibe, um alle, die noch an die Richtigkeit und Menschlichkeit des Kommunismus glauben, vor dieser gefährlichen und grausamen Pest zu warnen.

Ich schreibe, um der Wahrheit die Ehre zu geben.

Ich schreibe um der Gerechtigkeit willen.

Es ist mein größter Wunsch, daß dieses Buch ein Schärflein zur Lösung dieser großen Aufgabe beitragen möchte.

Der Verfasser.

1164 Pentland Str.
North Kildonan, Mann.
27. Juli 1950.

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## Das Elternhaus.

**[S. 7]**

Dort, wo Europa an Asien grenzt, wo der Fluß Ural und das mächtige Uralgebirge mit seinen vielen Reichtümern diese beide Kontinente voneinander trennt, glaubte eine mutige Schar Mennoniten eine günstige Gegend für ihren unermüdlichen Fleiß gefunden zu haben. Die Mutter Erde war hier jung und frisch und konnte alles hergeben, was Mensch und Tier benötigten. Die Bedürfnisse aller wurden hier von der Natur in ausreichendem Maße befriedigt. Unübersehbare Flächen, die wenige Jahre später wogende Getreidefelder trugen, verlangten nach der tüchtigen Hand des Bauern. Berge und Wiesen warteten sehnsüchtig auf ihre Gäste — die friedlich grasenden Viehherden der Gemeinden. Von Gott und der Natur begünstigt, brachten die mutigen Bezwinger der russischen Erde es sehr bald zu einem ansehnlichen Wohlstand, der nicht selten den Neid und noch mehr die Bewunderung und Achtung der einheimischen Bevölkerung hervorrief.

In Frieden und Eintracht lebten die anfangs wenigen Deutschen hier weit entfernt von der übrigen Welt in Ehrfurcht vor Gott, schufen sich eine Lebensgrundlage und ihren Kindern eine sichere Zukunft. Der russische Staat gewährte ihnen die zugestandenen Rechte und war im Grunde genommen froh, eine sichere Quelle von Getreide und anderen Erzeugnissen der Landwirtschaft zu haben, denn sie produzierten weit mehr als die russischen Bauern, die meist nur ihren eigenen Bedarf deckten.

**[S. 8]**

Nicht allzulange sollte dieser ruhige, schöpferische Zustand andauern, denn die folgenden Ereignisse brachten die Welt vollkommen durcheinander und verschonten keineswegs dieses Fleckchen Erde. Der Krieg 1914—18 brachte den Mennoniten des besagten Gebietes die erste Prüfung, das heißt den Anfang einer langen und schweren Prüfungszeit. Die Männer, die bis dahin durch Gesetz vom Wehrdienst befreit waren, wurden zu verschiedenen Ersatzdiensten wie Forstwirtschafts- und Sanitätsdienst eingezogen. Ihre Höfe gerieten durch ihre lange Abwesenheit, durch die Einwirkungen des nach Beendigung des Krieges folgenden Bürgerkrieges in Verfall. Erst einige Jahre nach dem grausamen Bürgerkrieg, der die Verhältnisse im russischen Staate grundlegend änderte, konnten die Höfe wieder in Ordnung gebracht und der frühere Wohlstand wieder erreicht werden. Mit Gottes Hilfe war es gelungen die schrecklichsten Ereignisse der vorhergehenden Vernichtungsperiode von den Siedlungen der Mennoniten abzuhalten. Jedoch sollte diese wohltuende Pause nur kurz sein, um einer noch schlimmeren Zeit Raum zu machen.

Nach 3½ jähriger Dienstzeit im ersten Weltkriege als Sanitäter in verschiedenen Feldlazaretten und Lazarettzügen kehrte der damals 26-jährige Mennonit Heinrich Siebert zu den Seinen zurück. Des ewigen Hin und Her müde, tatenkräftig, wie all seine Mitbrüder, war er bald im Besitze eines ansehnlichen Hofes. Im Glauben sich und seiner Familie ein dauerhaftes Glück zu schaffen, arbeitete er und seine Frau, die einer wohlhabenden Familie entstammte, unermüdlich an dieser großen Lebensaufgabe. Als 1921 ihnen ihr zweiter Sohn Abram geboren wurde, waren sie bereits in einer glücklichen Lage, wenn auch arbeits- **[S. 9]** reiches Leben zu führen [sic]. Beide, Vater und Mutter, gaben sich die größte Mühe, ihr Kind zu einem gottesfürchtigen Menschen zu erziehen. Der Vater, der ursprünglich bis zu seiner Einberufung als Lehrer tätig gewesen war und die Mutter, die eine gute Erziehung im elterlichen Hause genossen hatte, waren sich in der Auffassung eins: ihren Kindern eine Erziehung mit auf den Weg zu geben, die es ihnen ermöglicht, sich in allen Stürmen des Lebens zurechtzufinden. Sie unterrichteten sie im Gehorsam zu Gott, der ihnen und den Kindern immer gnädig gewesen war. Das Familienleben der Familie Siebert war ein glückliches, von Gott gesegnetes. Sorgenlos wuchsen die Kinder heran. Wieviel Freuden wurden ihnen zuteil! Die allsonnabendlichen Schlittenpartien im Winter, das Reiten im Frühjahre, die vielen Besuche bei den Verwandten, die prächtigen Feste, ob es das schöne Osterfest oder das liebe Christfest war — alles Freuden, die ihnen das Elternhaus zu bieten vermochte. Begleitet von den vielen Kinderfreuden rückte für den 8-jährigen Abram nun der Herbst des Jahres 1929 heran. Der erste Schulgang.

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## Die Verbannung des Christentums aus der Schule.

Freudigen Herzens, die Schulmappe auf dem Rücken, die Zuckertüte unter dem Arm, schritt der Kleine das erste Mal allein den Weg zur Schule, wo er von Lehrer Braun, einem älteren, ehrwürdigen Herren empfangen wurde. Lehrer Braun, aufgewachsen und erzogen noch vor dem revolutionären Umsturz, versuchte nun in der Schule, entgegen der bereits bestehen- **[S. 10]** den Vorschriften den Kindern eine christliche Erziehung zu geben. Jedoch war in der letzten Zeit ein neuer Lehrertyp herangebildet worden, der sich fanatisch an die kommunistischen Grundsätze klammerte und alles andere grundsätzlich ablehnte, das von den Eltern Beigebrachte verbot. Ein typischer Vertreter dieser Sorte Lehrer war der Lehrer Wall. In seinem Fanatismus ging er so weit, daß er es nicht verabsäumte, sich vor die Klasse zu stellen und den Kindern höhnisch zu erklären: „Liebe Kinder, ihr wißt, daß eure Eltern nun in zwei Wochen Weihnachten feiern werden. Hat eure Mutter oder der Vater euch nun wenigstens gesagt was Weihnachten eigentlich ist? Weihnachten ist ein erlogenes Märchen, das man kleinen Kindern erzählt. Ihr glaubt ja nun aber nicht mehr an Märchen, denn ihr seid ja bereits groß geworden."

Zweifelnd schauten ihn die Kinder an, denn sie bedauerten doch zu sehr, ihre schönen Weihnachtsfreuden am Christbaum mit den vielen Englein daran, nicht mehr zu haben. In die traurigen Gesichter sehend, hub Lehrer Wall wieder an: „Na da staunt ihr, was? Seid mal nicht traurig. Wenn eure Eltern Weihnachten feiern wollen, so sagt ihnen nur, daß ihr zur Schule müßt. Ich sage euren Vätern noch selbst Bescheid. So geschah es denn auch. Die Eltern wurden von den neuen Verordnungen in Kenntnis gesetzt, daß sie ihre Kinder am 1. und 2. Weihnachtstag in die Schule zu schicken hätten. Aufgeregt und böse kam der Vater an jenem Abend nach Hause.

„So lange es Christen gibt, feiert man Weihnachten, das Fest aller Feste, an dem uns Christus, der Welt Heiland geboren wurde und jetzt plötzlich will man uns zwingen, davon abzulassen. Da predigt man in den De- **[S. 11]** kreten Gewissensfreiheit und auf der anderen Seite zwingt man uns unseren Glauben aufzugeben. Mit Ausschluß aus der Schule hat man gedroht, falls die Kinder Weihnachten nicht erscheinen."

Fragend schaute ihn die Mutter an, die die Vorbereitungen zum hl. Feste zur Seite gelegt hatte. „Abram, du gehst Weihnachten zur Schule", sagte der Vater mürrisch und verschwand ins Herrenzimmer.

Am Heiligen Abend 1930, feierte man wohl noch genau so wie einst, während man am 1. Weihnachtstage davon absehen mußte, die üblichen Besuche bei den Verwandten zu machen. Reichlich wie immer war die Bescherung gewesen, aber die Freuden waren wesentlich durch die äußeren Umstände getrübt worden. Die Behörden glaubten sich stark genug, den christlichen Glauben mit einem Schlage ausradieren zu können. Es war die letzte Weihnachtsfeier im Hause der Sieberts, denn in den kommenden Jahren achtete man schon sogar darauf, daß daheim, im Kreise der Familie die heiligen Feste nicht mehr begangen wurden. Das gegenseitige Vertrauen der Menschen begann langsam zu schwinden, die Leute begannen sich gegenseitig zu fürchten und das gesamte häusliche Leben wurde zurückgezogener, geheimnisvoller. Still wurden die Gebete gesprochen, vom Glauben zu Gott, vom Erlöser, sprach man nur im Kreise der Familie. Andere Stätten des Christentums gab es ja auch nicht mehr, die Kirchen und Versammlungshäuser hatte man zum größten Teil abgebaut bzw. in Speicher und Klubs verwandelt. Hiermit setzte nun ein neuer, sehr wichtiger Faktor ein, der den Zerfall, vor allen Dingen, die Moral der Mennonitengemeinden beschleunigte, war doch die Kirche die Hüterin alles Sittlichen und Guten. Jetzt gab es aber außer **[S. 12]** dem elterlichen Hause keine Kraft, die die Jugend zur Tugend ermahnte, ihr klarmachte, welchen Weg sie zu gehen hätte, um stets in der Gnade Gottes zu bleiben. Gerade dieser Umstand wurde der heranwachsenden Generation zum Verhängnis.

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## Das freie Bauerntum wird vernichtet.

Familie Siebert lebte nach außen hin ihr gewohntes Leben. Immer noch wie früher, verkehrten hier viele Menschen, was nicht ohne Einfluß auf die Kinder blieb. Des Vaters Gastfreundschaft und Mutters immer freundliches und frohes Wesen zog die Bekannten stets an. Es kamen mit ihren Sorgen die Nachbarn, es kamen die Kirgisen, die durch die Revolution von ihren Weiden vertrieben waren und nun in der Fremde ihr Dasein fristeten, es kamen die Baschkiren, die bei Heinrich Siebert von jeher gerne gesehen waren, ihr lustiges Plaudern — teils russisch, teils deutsch und baschkirisch — erfüllte dann, zum Ärger der Mutter, das ganze Haus. An solchen Tagen gab es viel Arbeit, denn die Gäste mußten in ihrer Art bewirtet werden. Extra für diese Zwecke gekauftes Geschirr und Bestecke mußten aufgetragen werden, die Speisen ebenfalls nach dem Geschmack der freundlichen Gäste zubereitet werden. In dieser Weise verlief das Leben friedlich und schön, ohne daß man die nahenden Ereignisse ahnte.

Ein jäher Umsturz erfolgte aber als man 1929 plötzlich von der gemeinschaftlichen Bearbeitung der Felder sprach, welche dann auch recht bald in die Tat **[S. 13]** umsetzte. Zunächst wehrten sich die Bauern dagegen. Einige, die diesen Plan durchaus nicht billigten, wurden enteignet, aus dem einfachen Grunde, weil sie fremde Arbeiter auf ihren Höfen beschäftigt hatten. Den übrigen sagte man, daß es ja nur eine gegenseitige Hilfe sei, jeder könne seine Äcker behalten, alles was man besaß, bleibe nach wie vor Privatbesitz. Helfen wollte man sich schon, und ohne daß man es merkte, entstand der Keim der späteren Kolchose, die den Bauern als selbstständige Kraft vernichtete. Noch im selben Jahre gründete man die Kollektivwirtschaften gewaltigen Ausmaßes. Es sei nur die Kolchose „Das Morgenrot" erwähnt, die aus fünf großen Ortschaften bestand, von denen jede mindestens 700 ha Land besaß. Die Grenzen fielen nun weg und man arbeitete auf diesem Riesenkomplex vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Klar, konnte kein Vorsitzender (so nannte sich der Leiter der Kolchose) die Arbeiten überwachen, obwohl ihm eine Unmenge von Brigadieren und Aufsehern zur Verfügung stand. Die Arbeiten wurden nicht mehr so gewissenhaft ausgeführt wie früher, weil jeder Kollektivbauer doch genau wußte, daß er nicht für sich arbeitete, sondern für den Staat, der alles andere als ihm ein Freund war.

Hatte man zu Beginn in vielen Fällen gesagt, daß man versuchsweise das ganze mitmachen wolle, so war man sich jetzt vollkommen klar darüber, daß diese Einrichtung nicht zum Wohle des Bauern war, sondern umgekehrt: sie machte ihn bettelarm, sie verwandelte ihn in einen Arbeiter einer riesigen landwirtschaftlichen Fabrik. Um den Bauer zu zwingen, in der Kolchose zu arbeiten, wurden jetzt Maßnahmen angewandt, die es den Behörden erlaubten, den Bauern festzuhalten und ihn restlos **[S. 14]** an die Kolchose zu binden. Laut Gesetz durfte er den Ort nur mit Genehmigung der Kollektivverwaltung verlassen, was meistens nicht geschah, da es mangelte allenthalben an Arbeitskräften. Die Arbeitsweise war auch so abgestimmt, daß man jeden, ob Mann oder Frau, zwingen konnte zur Arbeit zu gehen. Zu diesem Zweck hatte man ein Lohnsystem eingeführt, laut dem jeder seinen Anteil an Arbeit leisten mußte. Für jede arbeitsfähige Person war ein Arbeitsbuch angelegt worden. In diesem Arbeitsbuch wurden die Arbeitstage festgehalten. Der Arbeitstag galt als Bewertungseinheit. So rechnete man für das Jäten 1 ha Kartoffel — 1,75 Arbeitstage, für das Zusammenfahren von 4 Fuder Getreide (Auf- und Abladen) — 1 Arbeitstag. Am Jahresende zählte man dann bei vollarbeitenden Männern 300—350 Arbeitstage durchschnittlich.

Nachdem man nun die Steuer an den Staat gezahlt hatte, nachdem die staatlichen Maschinentraktorenstationen (M.T.S.) für ihre auf den Feldern der Kolchose geleistete Arbeit bezahlt waren, nachdem man das Saatgut für das folgende Jahr bereitgestellt und verschiedene Regierungs- und Futterfonds fürs Vieh gesichert hatte, kam dann der klägliche Rest zur Verteilung auf die verdienten Arbeitstage nach dem berühmten Grundsatz: „Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seiner Leistung." Bei einer überdurchschnittlichen Ernte kam dann auf einen Arbeitstag etwa 1—1,5kg. Getreide in natura. Was konnte der Bauer nun mit seinem „Verdienst" anfangen? Er hatte wohl Brotgetreide für ein Jahr, aber er brauchte für seine Familie nicht nur das tägliche Brot, sondern es mußte für Kleidung, Hausrat und sonstige Dinge gesorgt werden. Daran konnten nur ganz wenige denken. Freilich, der **[S. 15]** Bauer bekam auch Geld für seine Arbeitstage — 1 bis 30 Kopeken pro Arbeitstag. Für dieses Geld mußten aber die Steuern und die staatlichen Binnenanleihen, durch die er seine Sympathie zum Sowjetregime bewies, bezahlt werden. Die Steuern wurden bei der Auszahlung des Geldes gleich abgezogen, so daß der Netto-Betrag bei der überwiegenden Mehrheit gleich Null war. Durch die Verhältnisse gezwungen, mußten die Bauern, die das Land ernähren sollten, sich nach einem zusätzlichen Erwerb umsehen, denn ihr Verdienst in der Kolchose reichte nicht aus, um eine durchschnittliche Familie zu unterhalten. Eine stille Unzufriedenheit machte sich unter den Bauern bemerkbar. Selbstverständlich entging diese Tatsache auch den Behörden nicht und man ergriff Maßnahmen, um diese keimende Mißstimmung sofort zu ersticken. Die wohlhabenden Bauern wurden erbarmungslos von Haus und Hof verjagt. Sie mußten überrascht schnell ihre nötigsten Habseligkeiten packen, wurden dann auf Wagen verladen und nach Mittelasien in die Gegend der jetzigen Industriestadt Karaganda verfrachtet. Dort in der Halbwüste fristeten sie lange ein Jammerdasein, das viele Opfer forderte, bis sich der überlebende Rest einigermaßen eingerichtet hatte.

Hiermit hatte man zwei Fliegen mit einem Schlage getroffen. Erstens war eine Forderung der Revolution, die Mittelschicht der Bauern zu vernichten, erfüllt worden, zweitens, man hatte den restlichen Teil der Bauern eine Angst eingetrieben, was zur Folge hatte, daß keiner es mehr wagte, sich gegen die bestehenden Verhältnisse zu erheben, nein man schimpfte nicht einmal mehr darüber, denn jedes nicht gut gemeinte Wort, war ein Grund, von seiner Familie für immer Abschied
 **[S. 16]** nehmen zu müssen, wenn man dazu noch Zeit hatte, und als Staatsfeind im Norden des Landes oder in Sibirien zu Grunde gehen müssen.

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## Gott prüft die Seinen.

Das Jahr 1932 wurde zu einem markanten Eckstein im Leben der Familie Siebert. Es begann wie alle Jahre vorher mit seinen üblichen Sorgen und Freuden. Im August wurde zum Segen der Eltern und zur Begeisterung der vier Brüder das Schwesterchen Katharina, das sie alle schmeichlerweise Tinchen nannten, geboren. Der Vater selbst aber litt seit längerer Zeit an einem schweren Magenleiden. Die Ärzte sprachen dem Kranken wohl Trost zu und behaupteten, es wäre ein Magenkatarrh, wußten aber zu genau, daß er dem damals noch nicht heilbaren Magenkrebs in Kürze erliegen würde. In der Hoffnung ganz zu genesen, reiste der Vater von Stadt zu Stadt, von Sanatorium zu Sanatorium. Das Geld der Eltern ging zur Neige. Frau Sorge wurde allmählich Gast im Hause Siebert, um sich von Tag zu Tag fester einzunisten. Während der Vater wieder seit einigen Wochen in einer Klinik in O. weilte, betete die Mutter zu Gott, doch helfend einzugreifen. Der Allmächtige hatte für die bisher sorgenlos lebende Familie jedoch einen anderen Weg gewählt, den sie ahnungslos bereits beschritten hatte.

Es war ein herrlicher Oktobertag, als Abram frohgestimmt aus der Schule nach Hause eilte. Auch die Mutter war heute wieder guter Laune. Die Brüder waren spielend im Garten beschäftigt und die kleine Tina lag lächelnd in ihrem Wagen. Heiß brannte die **[S. 17]** Sonne das Dorf, alles lechzte nach Wasser. Kein Lüftchen war gewillt, Mensch und Tier labend zu kühlen [?], als wäre alles darauf bedacht, die Gegend mit einer alles vernichtenden Feuerbrunst zu überfluten.

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## Es brennt!

Kurz nach dem Mittagessen sollte der Backofen geheizt werden. Abram bekam den Auftrag, ihn anzufeuern. Als dieses kaum geschehen war, wobei er allerdings einen Versuch gemacht hatte, nämlich ob das Feuer wohl brennen würde, wenn der Abzug nicht geöffnet wird. Es brannte, doch nur dunkel und unheilverkündend. Rasch öffnete er den Abzug und ein starker Luftzug von der offen stehenden Tür entfachte mit Gewalt das qualmende Feuer, das weit nach vorne herausschlug. Nach diesem Unfug durfte der Junge wieder an seine Schularbeit gehen und die Mutter übernahm das Heizen selbst. Wenige Augenblicke später rief eine völlig außer Atem geratene Nachbarin zur Tür hinein: „Feuer! Feuer! Rettet euch schnell!"

Regungslos stand zunächst die Mutter da. Sie konnte diese bittere Tatsache nicht fassen. Sollte wirklich ihr trautes Heim, alles was ihr lieb und wert war, die Wiege [?] ihrer Kinder in so großer Gefahr sein? War denn alles nicht schon schwer genug? War die Prüfung Gottes immer noch nicht groß genug? Und was würde Heinrich, ihr Mann, dazu sagen? Was tun? Wie Blitze gingen ihr diese Gedanken durch das Hirn. Endlich begriff sie: „Es brennt. Unser Haus, alles was wir besitzen, ist den Flammen ausgesetzt." Fassungslos griff sie ein paar Gabeln und Löffel vom Tisch und rannte **[S. 18]** aus dem Hause zum Kinderwagen in dem ihr schlummerndes Kind lag. Fremde Leute hatten es schon in Sicherheit gebracht.

Inzwischen hatten die gefräßigen Flammen gierig um sich gegriffen. Sie sprangen von Brett zu Brett, von Balken zu Balken, auf der Dachspitze kamen sie am schnellsten voran. Wo sie einmal gewesen waren, ließen sie kleine Züglein zurück, die rasch anwuchsen und selbst weitereilten. Nach einer knappen Viertelstunde war das ganze Wohnhaus, die Stallungen, Scheune und Schuppen vom Feuer erfaßt, das nun ganze Arbeit leistete. Das Haus krachte in allen Fugen. Stöhnend und ächzend brachen die Balken. Wenige Minuten später stürzte der gesamte Dachstuhl ein, alles unter sich mit feuriger Decke verhüllend. In letzter Minute konnte noch das Vieh gerettet werden, das brüllend davoneilte. Dann brach die Decke ein, das Kellergewölbe widerstand nicht dem Druck. Große Rauchschwaden verhüllten nun das ehemalige Haus. Als sie sich verzogen, standen nur noch Ruinen da, in denen nichts Lebendes oder Nützliches war. Schrecklich war der Anblick. Frau Siebert hatte ihr Jüngstes auf dem Arm, während die anderen schluchzend neben ihr standen. „Was nun?" war die bange Frage. Die wenigen geretteten Habseligkeiten lagen und standen auf dem ganzen Hofe zerstreut. Wohin? Denn man mußte sich für die heranbrechende Nacht bedenken. Jemand von Vaters Freunden hatte bei einem Herrn Peters drei Zimmer gemietet, einen Wagen bestellt und bis zum Einbruch der Dunkelheit war die Unterbringung vollzogen. Erst jetzt hatte die Mutter ihre Geistesgegenwart wieder gefunden und dachte daran, ihrem Mann telegraphisch die Nachricht von dem geschehenen Unglück zu geben.

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## Der Vater sorgt zum letzten Mal.

**[S. 19]**

Am nächsten Abend fuhr eine Kutsche vor und brachte den Kranken direkt vom Krankenbett zu seiner Familie. Bleich und abgehärmt, langsam zur Tür schreitend, so sah ihn seine Frau nach längerer Zeit. Sie hatte gehofft, ihn gesund recht bald wieder zu haben, doch jetzt schien es klar zu sein, daß eine Heilung der Krankheit aussichtslos sei. Der Vater war aber nicht so mutlos und schwach, wie er schien, denn im Kreise seiner Kinder setzte er sehr bald eine lächelnde Miene auf, die jedoch etwas gezwungen schien. Schon in den nächsten Tagen setzte er sich mit seinen Freunden, mit verschiedenen Behörden in Verbindung, um ein Haus, ein Heim für die Familie zu beschaffen. Mit dem Rest seines Geldes tätigte er einen Kauf in Kn. Für die Zukunft seiner Familie hatte er noch einmal wieder gesorgt, doch dann warf ihn die Krankheit zu Bett, das er ab nun nicht mehr verlassen sollte. Man entschloß sich mit dem Umzug bis zum Frühling zu warten, in der Hoffnung, daß der Vater ihn dann besser vertragen würde; langsam schlichen die Wintertage dahin. Im März kamen die ersten warmen Tage. Als der Vater den kommenden Frühling sah, drängte er zum Einzug in das erworbene Haus. Er bat Freunde zu sich und besprach mit ihnen diese für ihn plötzlich so wichtige Frage. Man riet ihm, noch etwas zu warten, jedoch war er nicht davon abzubringen.

Man schrieb den 20. März, als vor dem Hause eine Reihe Schlitten vorfuhr. Man verlud alles nach **[S. 20]** Anweisung des Vaters. Auf den letzten Schlitten trug man das schwere Bett, indem der Kranke lag. Wohlverpackt schaute das immer noch lachende Gesicht, wenn es auch starke Falten auf der Stirne zeigte, aus der Decke in den blauen Märzhimmel. Das erste Schneewasser rieselte von den Bergen ins Tal, das Grün begann die bereits vom Schnee befreiten Hänge zu färben, die Bäume erwachten zu neuem Leben. Wohlbehalten kam man in der neuen Wohnung an, denn es war nicht mehr ein Hof mit Stallungen, Schuppen und Scheunen. Das alles war überflüssig, weil man so oder anders alles in die Kolchose bzw. bereits übernommen hatte [?]. Nach zwei Tagen hatte man alles eingerichtet, man hatte sich, so weit es ging, häuslich eingerichtet. Am zweiten Tage gegen Abend rief Siebert seinen ältesten Sohn zu sich: „Abram, kannst du die große Wanduhr anbringen?" Mit Müh und Not war es gelungen, die schwere Uhr in Gang zu setzen. Der Junge ging an des Vaters Bett, der ihn ganz liebevoll mit seiner mageren Hand streichelte.

„Hör her, Abram, du bist die erste Stütze deiner Mutter, hilf ihr, wo du kannst. Vor allen Dingen, mache ihr nie unnötigen Kummer. Dir persönlich gebe ich folgenden Rat: lerne, so lange und so viel du kannst. Das Wissen ist keine Last, kann dir nie genommen werden und du kommst besser durch's Leben. Vergiß das nie, mein Kind!" Das Kind versprach dem Vater diesen Rat zu befolgen, denn es war ja selbst sein Wunsch, lange, lange zur Schule zu gehen. Beide ahnten aber kaum, daß sie zum letzten Mal miteinander gesprochen hatten.

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## Frau Sorge wird ständiger Gast.

**[S. 21]**

Am 23. März zog die Mutter ihren Sohn sorgenvoll ins Herrenzimmer und flüsterte ihm ins Ohr: „Reite sofort zur Großmutter und sage dort, daß Papa sehr, sehr krank ist, sie möchten sich schnell nach hier begeben. Paß aber schön auf, Papa darf es nicht wissen, denn er wird es unmöglich wahrhaben, daß er so krank ist." Trotz der schlammigen Straße, war der Ort St. bald erreicht und alle Verwandten versprachen am Nachmittag einzutreffen.

Erstaunt sah der Vater seine Frau an, als seine alte Mutter und seine Geschwister an sein Bett traten. Er wußte, daß sie von seiner Frau gerufen waren und empfing sie mit den Worten: „Ihr glaubt wohl, ich sterbe? Da habt ihr euch geirrt, ich will nicht sterben, denn ich muß noch lange leben. Wenn ihr deshalb gekommen seid, könnt ihr wieder heimkehren. Nun aber schon da seid, bleibt mal, müßt mich aber aufrichten." Er konnte sich nicht mehr im Bett aufrecht halten, wurde daher in Kissen gepackt und saß nun da und unterhielt sie bis in den späten Abend mit seinen lustigen Erzählungen. Müde, und völlig ermattet fiel er in die Kissen zurück. Man sah es an seinem Gesicht, daß sich hier ein Mensch mit allen Kräften gegen das unabwendliche [sic] Schicksal wehrte. Er wußte zu gut, was seiner Familie bevorstand, wenn er es nicht mehr da sein sollte [sic]. Es scheint, als hätte er das Elend und die Not der darauf folgenden Jahre damals schon vorausgesehen. Im Krankenzimmer war alles totenstill geworden, obwohl alle dageblieben waren. Man hörte nur das **[S. 22]** schwere und kurze Atmen des Vaters. Teilnahmslos saß die Mutter auf dem Bettrand und blickte in sein Gesicht. Ohne ein Wort weiter zu sagen, entschlief er dann in den frühen Morgenstunden des 24. März.

Erst als man den Toten herausgetragen hatte, begriff die Mutter die bittere Tatsache, sie hatte ihr Glück für immer verloren, sie blieb allein mit ihren minderjährigen Kindern, sie war stets in der Obhut des Mannes gewesen. Sie stand nun hilflos da, denn die rauhen Seiten des Lebens hatte sie noch nie verspürt. Die großen Sorgen waren vom Vater stets allein getragen worden. Nun sollte sie aber allein mit dem Leben, mit der Erziehung der Kinder fertig werden. Sie ahnte schon die große Not, die nun in Bälde über ihre Familie hereinbrechen würde. So stark die Mutter war, jetzt brach sie völlig erschöpft über dem leeren Bett zusammen, und eine Flut von Tränen brach sich Bahn. Keiner war imstande die trostlose Frau zu ermutigen. Vielleicht war es sogar gut so, denn nachdem sie sich wieder gefaßt hatte, schien sie mutiger zu sein. Ruhig kniete sie mit ihren Kindern am Bett nieder und bat den allmächtigen Gott um seine Hilfe und seinen Beistand.

Am zweiten Tage darauf fand die Beerdigung des Verstorbenen statt. Im Leichenzuge sah man alle Verwandten und Freunde des Vaters. Sie alle bedauerten tief, diesen wackeren Menschen verloren zu haben. Selbst die Baschkiren und Kirgisen, an und für sich rohe Völker, die Russen der umliegenden Orte kamen, um ihre Anteilnahme an dem Leid der Hinterbliebenen kundzutun.

Die Behörden konnten dieses friedliche Bild doch nicht so ohne jede Einmischung vorübergehen lassen. **[S. 23]** Sie versuchten hier selbst bei der Beerdigung neue Sitten und Gebräuche einzuführen. Vertreter derselben erschienen bei der Mutter und wollten sie überreden, den Sarg rot anzustreichen, denn die einzig gültige Farbe im Sowjetstaate sei die rote. Dieses verschlug der trauernden Frau doch fast den Atem und brüsk lehnte sie es ab; machte den Herrn die Erklärung, daß ihr Mann nach alter Sitte Brauch [sic] in einem schwarzen Sarg begraben werde, daß die Abdankung vom Prediger gemacht wird. So geschah es denn auch, trotz des Zorns der örtlichen Sowjets, doch wurde dieser Schritt der Mutter nie von diesen Menschen vergessen.

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## Die künstlich herbeigeführte Hungersnot.

Der Winter des Jahres 1933 war ein wahrer Schreckenswinter nicht nur für die Familie Siebert, sondern für weite Kreise und Gebiete an der Wolga, in Zentralrußland und in den westlichen Teilen Sibiriens und Mittelasiens. Eine totale Mißernte versetzte die Bevölkerung dieser Gebiete in den Hungerstand. Bettler, halb verhungert, zogen auf den endlosen Straßen von Ort zu Ort, um irgendwo etwas Nahrhaftes zu erlangen. Doch war kaum jemand in der Lage ihnen auch nur das notdürftigste zu geben, denn jedes Haus litt schwere Not. In den Straßengräben, in Strohmieten und in Scheunen konnte man die verhungerten, abgerissenen Gestalten [?] finden. Aus einem Lande, überreich an Schafherden, an riesigen Kamelkarawanen vertrieben, fanden sie den Hungertod in fremden Gefilden. Sie hatten nicht sofort Loblieder **[S. 24]** auf den sie vernichtenden Staat gesungen, und daher mußten sie auf solche Art und Weise dafür büßen. Erst in diesen Tagen konnte jeder sehen, wie sehr auch die Völker, die man schlechthin als rückständig ansah, die Freiheit liebten. Doch ging und geht in dem Reiche der „Freiheit" und „Menschlichkeit" stets Gewalt vor Recht. Wie unendlich groß war die Not, wie laut die Hilferufe der Leidenden, doch die Ohren der herrschenden Obrigkeit blieben taub, sie erledigten sich auf diesem Wege vieler Menschen, die ihnen nicht angenehm waren und so sah man dem Elend, das Millionen Menschenleben forderte, ruhig und gelassen zu. In späteren Jahren wollte man dieses Verbrechen damit abwälzen, daß man kurzerhand erklärte, Feinde der Sowjetmacht hätten diese Katastrophe herbeigeführt. Feinde waren es wohl, die die Schuld daran trugen: es waren die Feinde des eigenen Volkes, die sich mit einer unmenschlichen Rigorosität an der Macht behaupteten, es waren Menschen, die in den Sowjets die Diktatur des „Proletariats" gegenüber dem Proletariat verkörperten. Erst im Herbst 1934 konnte die Not der Bevölkerung gelindert werden, als die Natur sich der Menschen erbarmte, denn der Mensch als solcher war nicht in der Lage einzugreifen und zu helfen, obwohl in den anderen Gebieten des riesigen Reiches Brot in Hülle und Fülle vorhanden war.

Familie Siebert litt mit den anderen schwere Not. Hungerödeme überfiel [sic] den damals 8-jährigen Hans. Mühsam konnte die Mutter ihr kleines Töchterchen erhalten. Sie trug ihre Kleider zum Markt, wofür sie dann hin und wieder Nahrung herbeischaffen konnte. Meist war es Geld, mit dem sie nichts anzufangen konnte [sic]. Wie oft hörte man in jenen Tagen die Gebete der Frau Siebert zu Gott, er möge ihre Kinder erhalten. Und **[S. 25]** ihre Bitten wurden erhört, denn nun halfen ihre Geschwister, die in Übersee lebten, so gut sie konnten. Kaum daß die Sommerferien für die Kinder herangekommen waren, mußten sie ans Brotverdienen denken, denn sie wollten nicht wieder Hunger leiden. Frau Sorge hatte von allen vollends Besitz ergriffen. Von morgens bis abends arbeiteten die Kinder, um dann totmüde ins Bett zu fallen. Die Kinderfreuden waren zu Ende, obwohl sie in der Schule in Liedern ihre Kindheit verherrlichten. Man besang und besingt in der Sowjetunion das, was nicht da ist, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von der Leere abzulenken. Man besingt die Freiheit, die einer Gefängnisfreiheit gleicht, man besingt den Wohlstand des Arbeiters, der aber trotzdem gezwungen ist ständig um sein Stück Brot zu bangen, man besingt die Kultur und den Fortschritt im Lande, was jedoch nur in ganz geringem Ausmaße vorhanden ist. Man besingt den Friedenswillen des Landes, obwohl die Regierung nur auf den Krieg abzielt.

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## Verirrt.

Der Herbst 1934 wurde der Wendepunkt im Leben Abrams. Wieder in das alte Heimatdorf D. zurückgezogen, kam er nun noch mit sieben Kindern auf die Mittelschule in Pr. Als sehr begabter Junge, war er recht bald der Liebling der Lehrer geworden, was ihm für sein Alter ein zu starkes Selbstbewußtsein verlieh. Dieses wirkte sich ziemlich negativ in seinem Benehmen aus, bis dann eines Tages die Mutter davon erfuhr und ihn darauf aufmerksam machte. Er bemühte **[S. 26]** sich seit der Zeit bescheiden zu sein. Bescheidenheit sollte sein bestes Kleid werden. Das Bildungsniveau in der Schule war zufriedenstellend, doch erfuhr der Junge ein ziemlich starkes Abweichen von der elterlichen Erziehung, die [sic] der ständige Verkehr mit Kindern, die mehr oder weniger der kommunistischen Erziehung erlegen waren, wurden für ihn zur drohenden Gefahr. Man sprach hier nicht mehr von der Liebe und Achtung zu den Eltern, man pflegte nicht mehr die Ehrfurcht vor Gott, sondern umgekehrt, man stellte ihnen als Vorbild Kinder hin, die ihre Eltern an die Sicherheitsorgane verrieten, weil sie mit der bestehenden Ordnung nicht einverstanden waren, man steckte die Kinder in die Atheistenzirkel, wo man den Glauben an Gott verhöhnte und verspottete. Man predigte ihnen den Satz von K. Marx: „Religion ist Opium fürs Volk." Abram, der das Beten bei den Eltern gelernt hatte, der genau wußte, daß es einen Gott gibt, der über allem Irdischen steht, betete zu Beginn offen in Anwesenheit seiner Mitschüler, doch dann machte er es ängstlich unter der Decke im Bett vor dem Schlafengehen, denn er war des dauernden Spottes seiner Kameraden müde geworden. Schließlich ließ er es ganz bleiben, um im Laufe der Zeit zu behaupten, daß es wissenschaftlich bewiesen sei, daß ein Gott nicht existiere. Diese Wandlung vollzog sich in dem Kinde jedoch nicht so ohne weiteres. Schwere Gewissenskämpfe durchtobte der Junge [sic], bis er dann den Erklärungen seiner Lehrer Glauben schenkte und glaubte den richtigen Weg gefunden zu haben. Während der ganzen Zeit dieses Glaubenskampfes hatte er sich zu Hause bei der Mutter und den Geschwistern den üblichen Regeln gefügt. Wieder einmal auf einige Tage nach Hause gekommen, konnte er es seiner Auffas- **[S. 27]** sung nach, nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren, etwas zu tun, was ihm innerlich nicht ernst, nein sogar zuwider war und er entschloß sich, sich am Tische vom Gebet zu erheben. Die Mutter, die seit längerer Zeit mit ihrem Sohne nicht mehr über die Glaubensfrage gesprochen hatte, schaute ihn erstaunt an. Auf ihre Frage, ob er denn vergessen hätte zu beten, erklärte er, daß er nicht mehr beten wolle. Gerhard, sein ältester Bruder wollte ihn noch überreden, er möge doch vernünftig sein und einsehen, daß er alles dem allmächtigen Gott verdanke, doch Abram hörte es sich nicht an. Er war bereits aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. Er sah wohl ein, daß er im Unrecht war, doch zugeben wollte er es nicht mehr, ja er konnte es nicht, denn er war schon zu weit von dem wahren Wege entfernt, zu weit auf dem Irrwege geführt, den seine und spätere Generationen Rußlands gingen. Der Erziehung und dem Einfluß der Mutter durch das entfernte Internatsleben gänzlich entzogen, wurde er von der atheistischen Idee immer mehr beeinflußt. Viele Jahre später, fand er den Glauben zu Gott wieder, wenn der Weg zu Jesu auch lang und beschwerlich war.

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## Bei den Pionieren.

Als im Dezember 1934 der bolschewistische Parteifunktionär der Leningrader Bolschewiken Kirow ermordet wurde, leitete man in der Schule eine Massenaufnahme der Kinder in die kommunistische Kinderorganisation der Pioniere ein. Ohne diese vorher zu **[S. 28]** fragen, ohne das Einverständnis der Eltern, band man den Kindern das rote Halstuch um und erklärte ihnen, daß sie ab nun der Vortrupp [?] der Kinder waren. Abram nahm diese „Ehre" mit gemischten Gefühlen entgegen, wußte er doch zu gut, daß die Mutter, die Brüder und alle Verwandten diesem mißbilligend gegenüberstanden. Keiner der Erwachsenen wagte es, gegen diese Vergewaltigung der Kinder Protest zu erheben und letztere waren dadurch ermutigt worden. Ihr anfänglicher Zweifel an der Richtigkeit dieser Handlung verwandelte sich in Begeisterung. Sehr bald wurde Abram ein führendes Mitglied dieser Kinderorganisation, in der man die Kinder in Geländespielen und im Schießen, in Politik und anderen Dingen unterrichtete. Durch die Pionier-Organisation waren die Kinder ab dem 8ten Lebensjahr der elterlichen Erziehung restlos entzogen, sie wurden hier zu Trägern der Sowjetordnung erzogen, die keine Gebote des Anstands der Menschenachtung kannten [sic]. Sie wußten nur eines: gut ist nur das, was ihnen die Sowjetregierung bietet, daß sie rücksichtslos verteidigen wollten, daß sie Stalin, den Vater aller Sowjetvölker, wie man es ihnen immer wieder einpaukte, mehr zu lieben hätten, als ihren leiblichen Vater. Alles was nicht in diesem Bereiche lag, wurde als falsch, menschenwidrig erklärt und abgelehnt. Mit Fackelzügen und Fahnenaufmärschen, in militärischer Ordnung durchgeführt, bewiesen die Kinder ihre Ergebenheit und Treue zum Sowjetregime. Die Jugend war nun im Laufe der Zeit anspruchslos geworden, alles was man ihr gab, sah sie als ein unmittelbares Geschenk der bolschewistischen Partei an. Die junge Generation hatte man davon überzeugt, daß sie die glücklichste Jugend der Welt sei. Ja, man versuchte ihr das an **[S. 29]** Hand von Beispielen zu beweisen. Man richtete Kinderpalais, Kinderlager mit großem Prunk ein. Aus allen Teilen Rußlands brachte man immer wieder einzelne Kinder, die dann von diesen wahren Herrlichkeiten in allen Gauen zu berichten hatten. Diese Tausende hatten wohl das Glück gehabt selbst in den Genuß dieser besten Kinderbetreuung der Welt gekommen zu sein, während Millionen und aber Millionen jedoch nur die Berichte dieser Wenigen hören oder in Zeitungen lesen konnten. Diese Einrichtungen wurden von zahlreichen Delegationen des Auslands besucht. Man zeigte ihnen diese fröhlichen, sorgenlosen Kinder, vergaß dabei aber die in den Kolchosen, in den Waisenhäusern und in den Fabriken. Ja, man gedachte nie der vielen Bettlerkinder, die restlos [?] von Dorf zu Dorf ihre qualvolle Straße zogen.

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## „Artek".

Die Abschlußprüfungen für das Schuljahr 1935/36 sind im vollen Gange, als plötzlich ein Auto vom Kreisjugendverband auf den Schulhof fährt. Abram Siebert wird vom Klassenlehrer ins Zimmer des Direktors gerufen und man erklärt ihm, daß er als einziger Deutscher in das Allunionspionierlager „Artek" in der Krim geschickt wird. Als bester Schüler der ganzen Schule hat er diese Ehre. Abram scheint es wenig glaubhaft, denn er ist Deutscher, drei seiner Onkel sind von der damaligen N.K.W.D. verhaftet, somit ist er politisch belastet, seine Großeltern wohnen im Ausland — er ist spionageverdächtig. Wie soll das möglich sein?! Doch in diesem Lande ist alles möglich, selbst das Un- **[S. 30]** wahrscheinlichste. Schnell sind die letzten Prüfungen bestanden. Zu Hause wird ein Koffer mit dem Nötigsten gepackt und Abram wird schon am nächsten Tag mit dem Wagen abgeholt. Vom ganzen Gebiet, das etwa 3 Millionen Einwohner zählte, wurden vier Kinder zur Erholung auf die Krim geschickt.

Jetzt begann die Fahrt durch das weite Rußland: vom Ural nach Moskau, wo man 3 Tage Aufenthalt hatte, um die Sehenswürdigkeiten der sozialistischen Hauptstadt, das Bollwerk des Bolschewismus, zu bewundern. Unerbittlich, erdrückend und drohend verdeckt der Kreml seine Insassen [?]. Dann ging es weiter dem Süden zu, an das Südufer der Krim. Abram wußte zu der Zeit noch nicht, daß es Propagandafahrten gibt, sonst hätte er diese Fahrt im Schlafwagen erster Klasse als eine solche bezeichnet. Der Bahnhof Simferopol, ganz in grünen Bäumen versteckt, die hohen Zypressen zeigen stolz ihre Würde, ist erreicht. Hier wimmelt es nur so von Menschen aller Nationen. Sie sind hierher gekommen, um sich zu erholen von den Strapazen des täglichen Lebens. Dem Treiben in Simferopol zusehend, gewinnt man den Eindruck, daß es tatsächlich wahr ist, daß die Menschen in Sowjetrußland alle in Glück und Freuden leben. Meist vergißt man bei seinen Betrachtungen aber, daß es Auserlesene von 173 Millionen sind. Wie verschwindend wenig haben die Möglichkeit sich diese Freude gönnen zu können!? Von Simferopol geht es in Omnibussen weiter an die Südküste nach „Artek". Auf windigen, steilen, von Bäumen eingeschlossenen Straßen rollt der Wagen. Herrlich ist die Gegend! Wie glücklich wären viele Menschen, wenn sie hier auch nur eine einzige Stunde sein dürften. Weiter brauste der Wagen vorbei an prunk- **[S. 31]** vollen Schlössern der Fürsten- und Zarengeschlechter, sie blieben von den Revolutionsverheerungen verschont. Man hat sie zu Museen erklärt, oder es sind dort Kurhäuser eingerichtet worden. Man zeigt dem Volke, daß in den Prunkpalais der Herren von gestern nicht die Bonzen von heute eingezogen sind, sondern daß diese Reichtümer wirklich in den Händen des Volkes sind. Jedoch sind die Herren von heute nicht das Volk, sondern sie kamen einst aus dem Volke. Heute haben sie ihre Herkunft längst vergessen und sind die Allgewaltigen Rußlands, die das Volk rücksichtslos unterdrücken.

Ein stürmischer Empfang ist für die Neuankömmlinge bereitet. Sicher, hier kann man ohne Sorge leben, hier gibt es keine Kinderarbeit. Hunger kennt man hier nicht. Hier sieht man nicht, wie die Väter der Freunde über Nacht verschwinden. Hier gibt es nur Freuden... Mit Begeisterung besteigen die Kinder den höchsten Berg der Krim Ay-Petrie. Sie erfreuen sich an der Legende über den Aj-Judag. Singend durchlaufen sie die Wälder, die hier nur für die Kinder sind. Plätschernd tollt man in den Wogen des Schwarzen Meeres. Man braucht keine Angst haben zu ertrinken — es sind genügend Leute da, die auf die Kinder achten. Herrlich! Und das alles kostet nicht mehr und nicht weniger, als daß man es merkt [?]. Genau wie jeder andere Staat, sieht auch die Sowjetunion in der Jugend ihre Stütze.

In sechs Wochen wurde den Kindern aus allen Schichten der Völker der Sowjetunion, alles Erdenkliche gezeigt. Mit einem pompösen Abschiedslagerfeuer endete dieses einmalige Märchen für die meisten der Kinder, die nun restlos davon überzeugt waren, daß ihre Jugendzeit die schönste sei, wie auch alles andere im rie- **[S. 32]** sigen Rußland das schönste in ihren Augen ist. Diese Auffassung der Kinder wurde noch von den aus Spanien gebrachten spanischen Kommunistenkindern bestätigt, denn sie berichteten über ihr Leben in den schrecklichsten Farben.

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## Die erste Ernüchterung.

Wieder führte der Weg in die Heimatgefilde durch die Kolchosenfelder, auf denen man überall gleich schuftete, durch Städte, über Moskau, durch endlose Wälder bis nach D. Die staubigen Straßen hier weckten allmählich das Bewußtsein der Kinder, die Freuden nun endgültig vorbei sind [sic]. Die Reise hatte ihren Zweck nicht verfehlt, denn die Berichte über das Erlebte fielen selbstverständlich günstig aus. Doch die Verhältnisse zu Hause und in den andern Familien wirkten auf den nun denkenden Jungen wie eine kalte Dusche. Er begann zu merken, daß die vielen Herrlichkeiten nur für die Beobachter da sind, daß alle Einrichtungen dieser Art nur der Täuschung der Öffentlichkeit dienten. Wie ganz anders sieht doch die Wirklichkeit aus. Millionen und aber Millionen von Kindern leben in den dürftigsten Verhältnissen, kaum, daß sie Kleidung und genügend Nahrung besitzen. Die vielen Kurorte an der Südküste der Krim waren wohl auch für Kollektivbauern, doch nur für diejenigen, die ihr Leistungssoll dreifach, vierfach erfüllten. Sie wurden als Ansporn für die anderen mit einem Aufenthalt in diesem Sanatorium prämiert, während die übrigen jahraus jahrein ohne Sonntagsruhe, Winter und Sommer den Frondienst in der Kolchose leisteten.

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## Kinder werden verschleppt.

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Mit der üblichen Eröffnungsfeier begann das Schuljahr. Die Kinder freuten sich nicht so sehr zu dem Beginn des Unterrichts, als darüber, daß sie nun wieder von der schweren Arbeit auf den Feldern befreit waren. Die jüngeren Schüler, wie überhaupt alle Kinder aus den umliegenden Dörfern, die von weit und breit zusammenkamen, denn für die 28 deutschen Ortschaften hatte man nur eine deutsche Mittelschule zugelassen, lebten nun wieder sorgenloser, sie sahen nicht mehr die sorgenvollen Gesichter der Eltern, die den ihrigen Stempel aufdrückte [sic]. Die Schüler der älteren Klassen hatten bereits andere Sorgen, denn die N.K.W.D. hatte in etlichen Klassen „Staatsfeinde" festgestellt und festgenommen. Diese 17-jährigen hatten weiter nichts verbrochen, als daß ihre Väter, ein Onkel oder sonst ein Verwandter von der N.K.W.D. verhaftet worden waren. Diese Männer wurden über Nacht aus dem Bette geholt, ohne Verhaftungsbefehl, ohne Vorlage einer Anklage. Man gab ihnen keine Zeit, sich von den Angehörigen zu verabschieden. Eine stark um sich greifende Angstpsychose bemächtigte sich der meisten Männer. Keiner wußte, ob er morgen noch frei ist, ob er morgen nicht schon in einem der zahlreichen Gefängnisse ist, um von da aus in die entlegenen Gebiete Rußlands befördert zu werden. Ganz verschwindend wenig dieser Verschleppten kehrten je heim, denn sie waren fristlos, ohne Gerichtsverhandlung verurteilt worden. Ihre Hände bauten die Industriestädte in Mittelasien **[S. 34]** wie Karaganda, die nördlichen Häfen Archangelsk, Igarka auf.

Wie schon gesagt nicht nur die Erwachsenen fürchteten verschleppt zu werden, sondern auch Schulkinder und Studenten. Die Verhaftungswelle forderte an der Schule zu Pr. auf einen Schlag 15 Personen: 4 Lehrer und 11 Schüler. Anstelle der verhafteten Lehrer kamen nun zuverlässige Personen, die am liebsten gleich am ersten Tage alle Schüler zu stählernen Kommunisten umerzogen hätten. Die Menschen beugten sich wohl unter dem schwebenden Schwert, schwiegen und taten, als wären sie ergebene Streiter des totalitären Staat der Welt [sic], doch innerlich blieb bei den meisten das große Verlangen nach persönlicher Freiheit, nach Menschenwürde, das heiße Begehren nach einem Glauben, nach einer Weltanschauung, die ihnen einen inneren Halt gab und nicht vor ihnen schwebte, wie eine Seifenblase, die jeden Augenblick platzen kann, um sich in ein Nichts zu verwandeln.

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## „Und wenn sich die Zeiten ändern?"

Die kommunistisch angehauchten Lehrer versuchten die Kinder in der materialistischen Weltanschauung zu schulen. Sie waren jedoch machtlos, wenn man sie nach dem Beginn, nach dem Ursprung der Materie fragte. Man konnte wohl die Entwicklungsstufen allen Seins beweisen, aber sobald diese Frage aufgeworfen wurde, gaben sie irgendwelche nichtige Antworten, denen man als logisch denkender Mensch wenig Glauben schenken konnte. Jede Neigung zu idealistischen Auffas- **[S. 35]** sungen wurden verhöhnt und mit den schlechtesten Bewertungsnoten bewertet. Auf diese Art und Weise war es mit der Zeit gelungen alle zum materialistischen Denken zu erziehen. Immer mehr junge Menschen traten dem Kommunistischen Jugendverband bei. Auch Abram Siebert wurde ein begeistertes Mitglied dieser Körperschaft. Das rote Halstuch der Jung-Pioniere wurde abgelegt und an seine Stelle trat das Mitgliedsbuch des Kommunistischen Jugendverbandes. Die Mutter nahm dieses Ereignis ohne jede äußere Aufregung hin, wenn sie innerlich über diesen Schritt ihres Sohnes auch tief betrübt war. Sie stellte ihm lediglich die Frage, was er wohl tun würde, wenn sich die Zeiten einmal ändern würden. Der Irregeführte wußte darauf weiter nichts zu antworten, als das, was ihm jahrelang in der Schule eingepaukt worden war, nämlich, daß das bestehende Regime immer bleiben würde. Er wußte damals noch nicht, daß der Kommunismus nur auf Gewaltmaßnahmen fußt, und diese Gewalt eines Tages versagt.

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## Trotz Stalinscher Verfassung russifiziert.

Noch besaßen die Deutschen einige autonome Rechte. Sie hatten ihren eigenen Kreis mit der deutschen Amtssprache, in allen Schulen galt die deutsche Sprache als Unterrichtssprache. Durch Fleiß und Gründlichkeit war im deutschen Kreise sehr bald ein Fortschritt im Gegensatz zu den russischen Kreisen zu bemerken. Man befürchtete, die Deutschen würden den Russen über den Kopf wachsen und daher kam dann 1938 die Auflösung des Kreises mit der Begründung, **[S. 36]** er wäre territorial zu klein. Die 28 Dörfer wurden jetzt auf die angrenzenden Kreise verteilt, so daß sie wirtschaftlich miteinander nicht mehr in Berührung kamen [?]. Die Lage verschlechterte sich dadurch zusehends. Deutsche Beamte und Angestellte gab es nicht mehr, die Schulen konnten nicht mehr nach deutscher Art geleitet werden, kurz gesagt man ging rücksichtslos gegen das Deutschtum vor, man führte eine allesumfassende Russifizierung durch. Es wäre aber falsch zu denken, daß man diese Maßnahmen nur mit den Deutschen durchführte, nein, darunter litten alle kleinen Volksstämme, die in der ganzen Sowjetunion zerstreut liegen. Ihren nationalen Charakter, ihre Muttersprache durften sie nur dann pflegen, wenn sie eine ganze Unionsrepublik, eine autonome Republik, ein autonomes Gebiet oder einen nationalen Kreis darstellten. Bei den meisten war das nicht der Fall und somit verfielen sie eben erbarmungslos der Russifizierung in einem Lande, dem Chauvinismus fremd [sic], in dem alle Nationen gleichberechtigt sein sollten. Diese Rechte waren auf Grund der Stalinschen Verfassung festgelegt. Daran brauchte man sich ja schließlich nicht zu halten, wenn es nur den Zwecken der Festigung der Sowjetmacht diente. Da war jedes Mittel recht. Wie weit man in der Frage der Russifizierung ging, zeigt ein folgendes Beispiel. Als Ende der dreißiger Jahre die Volkszählung durchgeführt wurde, war man bedacht, soviel wie möglich Deutsche mit russischer „Muttersprache" einzutragen. Die älteren ließen sich dazu natürlich nicht bewegen, dagegen hatte man bei den jüngeren Jahrgängen den „Sowjetpatriotismus" so hochgepäppelt, daß sich der überwiegende Teil als Deutsche mit russischer Muttersprache eintragen ließ. Dabei wagte es keiner zu erklä- **[S. 37]** ren, daß es eine wahre Paradoxie ist. Mittels Gewalt und Verdummung war und ist in Rußland unter sowjetischer Herrschaft selbst das Unmöglichste zu einer Kleinigkeit geworden. Was besonders wichtig ist, das war die Tatsache, daß sich nur noch ganz wenige, in der Hauptsache die älteren Leute, offen zum Christentum bekannten, obwohl sie innerlich nach wie vor dazustanden. Wer seinen Glauben zu Gott nicht verbarg, galt als reaktionär und konnte von der N.K.W.D. jederzeit abgeholt werden. Der Mut zu diesem kühnen Bekenntnis fehlte aber leider bei den meisten.

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## Der Staat fordert.

Das Jahr 1937 hatte eine gute Ernte eingebracht, wogegen das folgende Jahr eine totale Mißernte war. Die Ernährungslage auf dem Dorfe hatte sich um vieles verschlechtert. Die Steuern an den Staat konnten von den Kollektivwirtschaften nicht aufgebracht werden. Ihnen wurde der noch zu zahlende Teil als Schuld geborgt, die von der neuen Ernte zu tilgen war. Hoffnung, wenigstens im nächsten Jahr auf die verdienten Arbeitseinheiten zu verdienen, war rapide gefallen [sic]. Das Schicksal wollte, daß die Mißernte sich noch einmal wiederholte. Unerbittlich forderte der Staat die Abgaben, die Schulden des vergangenen Jahres inklusiv. Keine Kolchose konnte ihr Lieferungssoll bewerkstelligen. Das Schuldkonto wuchs an, die Bauern, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen konnte, litten weiter, denn sie verdienten bereits zwei Jahre nichts. Es scheint unglaublich, daß ein Volk solch eine Ungerechtigkeit still- **[S. 38]** schweigend hinnimmt, daß Menschen so etwas ertragen können, ohne mit einem Wort die Unzufriedenheit zu äußern. Doch die Gewalt, mit der sie gezwungen wurden, war noch größer als das Unrecht. Dieser Gewalt beugte sich jeder, wollte er nicht von ihr zermalmt werden, denn jeder tröstete sich damit, daß eines Tages alles besser wird, sei es nun durch die Einsicht der Gewaltigen, oder daß vielleicht dieses Gewaltsystem doch zusammenbricht. Führende Persönlichkeiten dieser Jahre, wie der Marschall Tuchatschewsky, Rykow u. a. sahen wohl ein, daß das Volk dieses Staates zugrunde [gehen] muß, wenn nicht bald eine Änderung eintritt. Die Sicherheitsorgane griffen gleich [?] sehr schnell zu. Tuchatschewsky und seine Mitverschworenen wurden zum Tode verurteilt. Solch ein Fall kam wie gewünscht [?], jetzt hatte man Gelegenheit auf diese Verurteilten all das abzuwälzen, was man in den letzten Jahren am Volke verbrochen hatte. Solche und ähnliche Fälle konstruierte man im Großen und Kleinen, von Zeit zu Zeit immer wieder. So war es üblich geworden, Mißstände dadurch zu klären, daß man einfach sagte: „Schuld daran sind die Feinde der Sowjetmacht, die Schädlinge des sozialistischen Aufbaus." Die wahren Gründe dieses Elends waren jedoch in der Unmöglichkeit der Vereinbarung Theorie und Praxis des Kommunismus zu suchen [sic], was die bolschewistischen Herrscher nie und nimmer zugeben werden.

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## Das furchtbare Scheinbild.

**[S. 39]**

Die Familie Siebert war in diesen schweren Jahren vollkommen verarmt. Noch sah man der Mutter die früheren Jahre des Wohlstandes an, doch um so mehr litt sie unter der jetzigen Last. Vier Söhne wollte sie studieren lassen, um ihnen eine bessere Zukunft zu sichern. Abram, der noch einige Jahre bis zur Absolvierung der Mittelschule benötigte, konnte von der Mutter keine Unterstützung mehr bekommen. Sein gesundheitlicher Zustand ließ viel zu wünschen übrig. Wie oft bat die Mutter ihn, von der Schule zu gehen, denn sie befürchtete, daß er einen Gesundheitsschaden erleiden könnte. Doch der Junge gedachte der Worte des Vaters am Sterbebett. Er wollte unter allen Umständen Lehrer werden. In seiner Not wandte er sich an den damaligen Rektor der Schule. Rektor Kliewer war ein älterer Herr, der aus der vergangenen Zeit noch gut sich erinnerte und für alles das nötige Verständnis aufbrachte. Er fand auch einen Ausweg, indem er ihm den Vorschlag machte, nach dem Unterricht sich als Erzieher der jüngeren Schuljahrgänge zu betätigen. Das waren allerdings vier Stunden täglich zusätzliche Arbeit. Dafür hatte der Junge aber das nötige Geld, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die letzten zwei Jahre verliefen bei einem zwölfstündigen Arbeitstag langsam und schwer, aber die mittlere Reife-Prüfung war mit dem Prädikat „sehr gut" bestanden.

Diese Jahre hatten den Jungen, seelisch vollkommen gebrochen. Die ständige Angst, verschleppt zu werden, die Anstrengung bei der Arbeit zerrütteten seine

**[S. 40]** …Nerven. In seiner Angst sah er ständig, wo er ging und stand folgendes Scheinbild: zwei große Schäferhunde, mit langem Schweif und mit den Köpfen Lenins und Stalins. Sie standen neben ihm, liefen vor ihm her, blieben stehen, wenn er seinen Schritt anhielt. In dem Glauben, daß irgendjemand dieses ständige Bild vor seinen Augen bemerken würde, begann er in die Einsamkeit zu fliehen, um dadurch den Blicken der Mitschüler zu entgehen. Nichts konnte ihn von diesem Wahnbild befreien. Er begann sich mit Selbstmordgedanken herumzutragen. Zwei Jahre währte dieser Zustand. Erst als er weniger arbeitete und von jeder Verantwortung frei war, verlor er das dauernde Schreckensbild dieser beiden „Väter" des sowjetischen Volkes in der Gestalt zweier Hunde. Erst jetzt erzählte er seiner Mutter von dieser Erscheinung, die ihn noch einmal unter Tränen bat, nicht weiter zu studieren. Der Junge hatte aber die Zulassungsbescheinigung zum Aufnahme-Examen ins Lehrerinstitut bereits in der Tasche. Die Mutter ließ ihn gewähren.

## Die Mutter verzweifelt.

Die Aufnahmeprüfung mit sehr gut bestanden, wurde Abram mit einem monatlichen Stipendium von 130— Rbl. bevorzugt aufgenommen. Damit wollte er sich zwei Jahre halten. Er wählte die Fakultät für russische Sprache und Literatur und hatte somit die Aussicht, nach Beendigung des Instituts an jeder Mittelschule unterrichten zu können. Er würde sein Geld verdienen, der Mutter und den Geschwistern helfen. Welch **[S. 41]** eine erhabene Aufgabe! Seine Schwester, sein jüngster Bruder, würden auf seine Kosten studieren können! O, ja sie sollten es leichter haben als er. Seine liebe Mutter braucht dann nicht mehr zu arbeiten. Sie wird bei ihm sorgenlos leben. Endlich hat auch sie wieder bessere Tage. Ja, sie hatte es reichlich verdient. Hätte er die Zeit bewegen können, er hätte sie vorbeirauschen lassen um nur schneller ans Ziel zu kommen. Doch das Schicksal machte diesen freudigen Hoffnungen ein jähes Ende.

Im Winter 1939 begann eine kolossale Aufrüstung in Rußland, denn der Krieg mit Finnland war in Vorbereitung. Die Stipendien wurden den Studenten entzogen. Es sollte ab nun sogar für's Studium gezahlt werden, was bis dahin frei war. Daraufhin mußten siebzig von Hundert der Studenten das Studium aufgeben. Es blieben nur die Kinder von Eltern, die einen besseren Posten innehatten. Zur selben Zeit erreichte ihn ein Brief seiner Mutter, indem [sic] sie ihn auf die große Not zu Hause aufmerksam machte. Sie konnte ohne seine Unterstützung nicht mehr auskommen. Alles, was sie an Kleidungsstücken und Schmucksachen entbehren konnte, war verkauft worden. Die verdienten Arbeitseinheiten in der Kolchose hatten absolut garnichts eingebracht. Finanzbeamte hatten den gesamten Besitz restlos mit Beschlag belegt, denn die Steuer der letzten zwei Jahre waren [sic] nicht mehr bezahlt worden. Die Mutter war in Verzweiflung geraten. Noch am selben Tage verließ Abram Siebert das Institut und fuhr klopfenden Herzens der Heimat zu, um der Mutter unter die Arme zu greifen. Die Lage zu Hause war wirklich katastrophal, selbst das tägliche Brot war nicht mehr vorhanden. Nach etlichen Tagen war eine Anstellung als Lehrer in Russisch und Deutsch an einer russischen Mit- **[S. 42]** telschule gefunden. Abram stürzte sich an die Arbeit, die ihm Erfüllung gab. Er war nun wohl Lehrer geworden, aber es galt das Staatsexamen nun allein auf dem Wege des Fernunterrichts vorzubereiten. Tag und Nacht wurde gearbeitet. Man war mit seiner Arbeit zufrieden.

Das Dorf, in dem er arbeitete, war zum größten Teil von Mordwinen bewohnt. Noch nie war ein Deutscher in dieser Gegend. Sie brachten ihm die größte Achtung und Liebe entgegen. Überall war er gerne gesehen. Von der Schule selbst waren die Leute weniger begeistert, denn sie waren Bauern, liebten ihre Scholle, die man ihnen jetzt auch genommen hatte und wollten nicht, daß man ihre Kinder dem bäuerlichen Leben entfremdete; sie konnten sich mit den Ideen, die man in der Schule verbreitete, nicht einverstanden erklären. Sie arbeiteten wohl, aber nur soweit man sie zwang. Hatten sie einen Grund, die Arbeit ruhen zu lassen, so wurde es reichlich ausgenützt. Ein triftiger Grund zur Arbeitsruhe war z. B. schon die Tatsache, daß im einzigen Lebensmittelgeschäft des Ortes Schnaps eingetroffen war. Sämtliche Männer belagerten in diesen Tagen das Geschäft, bis man nicht [?] die Gewißheit hatte, daß die letzte Flasche Wodka verkauft war. Die Menschen waren in ihrer Seele gut, gastfreundschaftlich, doch die Verhältnisse, in denen sie zu leben gezwungen waren, veranlaßten sie oft zu Handlungen, die sie selbst nicht gut hießen. Sie mußten z. B. stehlen, wollten sie mit ihren Familien bestehen. In der Arbeit sahen sie nicht mehr die Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

**[S. 43]**

## „Wir führen aus…"

Um von den Kolchosen das letzte herauszuholen, hatte die Regierung ein neues Steuergesetz herausgegeben. Nach diesem Gesetz wurden alle Abgaben nach der Fläche des Landes, das die Kolchose ihr eigen nannte, berechnet: Milch, Eier, Fleisch, Getreide, Gemüse, mußte pro ha Land abgegeben werden. Viele Kolchosen hatten nun viel Weideland und konnten daher die Getreidelieferung nicht bewältigen. Sie kauften Getreide und gaben es dem Staat. Andere kauften Milch, Gemüse, Eier und lieferten sie dem Staate. Das Steuergesetz war wohl neben den wichtigsten Gesetze [sic] dieser Jahre. Es brachte die Kolchose zur völligen Verarmung und Verschuldung beim Staate. Die Regierung erklärte wohl, das Gesetz diene der Entwicklung der Kollektivwirtschaften, denn sie waren jetzt gezwungen sich Vieh und Hühner zu halten und Gemüse zu bauen. In Wirklichkeit wurden die Bauern geknebelt. Eine starke Erschütterung erfuhren die Bauern im finnisch-russischen Kriege 1939/40. Die Bauern hatten in ihrer Mehrzahl die meisten Soldaten zu stellen. Bereits der kurze Winterfeldzug forderte eine große Anzahl ihres Pferdebestandes, die Auto's wurden von der Roten Armee beschlagnahmt. Das gleiche geschah mit den Traktoren. Eine Entschädigung für diese Lieferungen bekamen sie nicht, bzw. nur eine ganz geringe. Mit Beginn des Krieges wurde sofort die gesamte Industrie umgestellt auf Kriegsproduktion, denn die Artikel des Massenbedarfs tauch- **[S. 44]** ten auf dem Markte nicht wieder auf. Dasselbe Bild war auch mit den industriell hergestellten Lebensmitteln wie Zucker u. s. w. Alles, was man noch herstellte, ging schon ab Herbst 1939, nach dem Polenfeldzug, in die von Rußland besetzten Ostgebiete Polens. Man wollte den Menschen dort glaubhaft machen, daß im Lande der Sowjets alles in Überfluß vorhanden sei. Eine Politik, die von Rußland von jeher betrieben wurde. „Wir führen aus, wenn unsere eigene Bevölkerung auch verhungert", so sagte bereits ein zaristischer Minister vor der Revolution. Nach diesen Gesichtspunkten handelten auch die Herrscher nach 1917.

Trotz der brutalen Unterdrückung und Verfolgung der Religion, war es den Bolschewisten nicht gelungen, selbige bei den Mordwinen zu vernichten. Nur ganz wenige Häuser hatten nicht die Heiligenbilder — die Ikonen — der griechisch-orthodoxen Kirche in einer Ecke des Zimmers. Man war wohl gezwungen das Bild Stalins neben der Ikone zu hängen, aber den Glauben konnte man auch hier der Bevölkerung nicht austreiben. Sämtliche religiöse Feiertage und Fasttage wurden strikt eingehalten. Es versagte die Vergewaltigungsmethode der Sowjets, trotzdem daß man die Kirchen hier restlos geschlossen und aus ihren Steinen Stallungen errichtet hatte. Man kann wohl eine Revolution mit Gewalt vollbringen, Menschen verschleppen, sie zur Arbeit zwingen, sie soweit erniedrigen, daß sie kein Wort des Protestes wagen, man kann aber die Überzeugung keines Menschen nicht [sic] mit Gewalt austreiben und durch eine neue ersetzen.

Mit zufriedenstellendem Erfolg schloß Siebert das Schuljahr ab und fuhr in den Sommerferien zu seiner Mutter. Auch sein Bruder Gerhard hatte die Nichtvolle **[S. 45]** Mittelschule mit einem sehr guten Prädikat abgeschlossen. Er wollte so schnell wie möglich Lehrer werden. Noch während der Ferien bestand er das Examen für die ersten zwei Semester des pädagogischen Technikums. Die nächsten 2 Jahre wollte er als Fernstudent absolvieren. Mit Hilfe des Lehrers Braun, der an der Schule in K. tätig war, wurde er als Lehrer in der Heimatschule angestellt. Seine Schwester Tina ging bei ihm zur Schule und beklagte sich schon nach den ersten Tagen bei der Mutter über die Strenge, mit der Gerhard sie in der Schule behandelte. Er nahm seine Arbeit wirklich ernst. Die harten Jahre hatten aus ihm einen Menschen geformt, der noch ein Jüngling war, das Lachen bereits verlernt hatte.

Frau Siebert freute sich über die guten Fortschritte ihrer Kinder. Sie hatte sie nach langer Zeit wieder beisammen und sie trugen nun alle Sorgen, mit denen sie sich früher abgequält hatte. Abram hatte eine Stelle an der Schule in K. angenommen und wohnte direkt zu Hause. Jeden Morgen ging er nun mit den jüngsten zwei Brüdern, die von ihm unterrichtet wurden, zur Schule. Die Familie Siebert hatte scheinbar die größten Schwierigkeiten überwunden. Die Mutter brauchte nicht mehr zu arbeiten, sondern war nur noch im Hause beschäftigt. Die Söhne hatten die Schulden soweit abgezahlt, jedoch mußte noch immer wieder mit neuen Zahlungen gerechnet werden, denn der Lebensunterhalt der Familie verschlang ihr ganzes Gehalt. Es hätte noch Jahre gedauert, bis die finanzielle Lage einigermaßen in Ordnung gekommen wäre, hätte das Schicksal der Familie nicht einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

**[S. 46]**

## Vorsitzender Esau.

Ende 1939 kam das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht heraus. Bisher waren Studenten, Lehrer und andere Berufe davon freigestellt. Jetzt gab es diese Ausnahmen im Zuge der Aufrüstung nicht mehr. Die Deutschen, die wegen der schlechten Beziehungen zu Deutschland, bis jetzt nicht eingezogen wurden, mußten nun nach dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Freundschafts- und Nichtangriffspaktes den Militärdienst leisten. Eine Berufung auf die früheren Rechte der Mennoniten zog Verweise und sogar Strafen nach sich. Somit verschwand auch der Rest der deutschen Jugend, soweit man sie nicht zu den Feinden des Volkes zählte. Wurde man mit seinem Jahrgang nicht eingezogen, so war das der ausschlaggebende Beweis dafür, daß man bei der N.K.W.D. als schwarzes Schaf angesehen wurde und zu jeder Zeit abgeholt werden konnte.

In der Kreisstadt fand die Musterung statt. Nach den üblichen ärztlichen Untersuchungen wurden die Rekruten dem N.K.W.D.-Offizier vorgeführt, um sich einer gründlichen Vernehmung unterziehen zu lassen. Abram Siebert betritt das Zimmer schon mit bangem Herzklopfen, denn in den letzten Jahren hatte man zwei weitere Onkel verhaftet, der Briefverkehr mit den Angehörigen im Ausland war wohl schon vor drei Jahren abgebrochen worden, aber die Verbindung mit dem Ausland hatte bestanden. Das genügte.

Nachdem die Personalien festgestellt waren, begann nun tatsächlich die Fragerei nach den Angehörigen und Verwandten. Alle Fragen konnte Siebert wahr- **[S. 47]** heitsgetreu beantworten, denn er fühlte sich für seine Onkel nicht verantwortlich, konnte auch nichts dafür daß seine Großeltern ausgewandert waren. Als ihm aber die Frage nach dem Verbleib seines Vaters gestellt wurde, verschlug es ihm doch die Sprache. Er sagte dem Offizier, daß der im März 1933 verstorben sei, worauf sein Gegenüber ihn anbrüllte:

„Wieso belügst du mich?! Wir wissen ganz genau, daß dein Vater 1933 nach Deutschland flüchtete. Wir haben genaue Angaben darüber."

„Verzeihen Sie, Genosse Oberleutnant, aber ich kann Ihnen den Totenschein mit dem Siegel des Dorfsowjets vorlegen."

„Ich pfeife darauf! Sie können gehen."

Nur nach Hause und sich von der Echtheit des Totenscheines zu überzeugen! Er mußte echt sein, sonst konnte er nicht beweisen, daß sein Vater vor fast 8 Jahren gestorben war.

Als die Mutter von diesem Vorfall erfuhr, schlug sie mit den Händen zusammen und glaubte ihren Sohn schon verloren. Sie meinte, man müsse sich sofort an den Vorsitzenden des Dorfsowjets, Herrn Esau wenden. Esau war früher Landarbeiter gewesen. Bei der Entkulakisierung und der Entlarvung von „Volksschädlingen" hatte er sich bei der N.K.W.D. besonders verdient gemacht und wurde nun wieder in „freien" Wahlen mit Stimmenmehrheit zum Vorsitzenden „gewählt".

Noch nie war Abram in seinem Amtszimmer gewesen, denn dieser Mann, der stets geschorenes Haar trug, das dunkel gestreift war, wie beim Zebra, nur daß die Streifen von vorne nach hinten liefen, machte keinen freundlichen und vertrauenswürdigen Eindruck. Mit nicht direkt freudigem Gefühl betrat er das Zim- **[S. 48]** mer. Abram glaubte in das Herrenzimmer seines Vaters zu kommen, denn der Dorfvorsitzende lehnte im Sessel seines Vaters und die anderen Möbelstücke standen an den Wänden. Welch eine Gemeinheit! Die Sachen waren der Mutter gepfändet worden und nun besaß sie ein Mann, der sich sein Brot noch nie mit ehrlicher Arbeit verdient hatte. Abram gelang es mit Mühe, seinen Groll zu bannen, denn er mußte unter allen Umständen das Wohlwollen des Mannes behalten, soweit es vorhanden war. Nach längeren Verhandlungen wollte er sich dann für die Richtigstellung dieser Tatsache verwenden. Nach der Richtigstellung dieser Frage war Siebert nun politisch „einwandfrei". Er konnte jetzt als Sohn des werktätigen Volkes der „Ehre" der „Heimatverteidigung" teilhaftig werden. So bitter die Einberufung auch war, wußte man jetzt doch, daß gegen ihn politisch nichts vorlag, daß [sic] gleichzeitig war auch gegen die ganze Familie nichts einzuwenden. Anderseits wurden aber sämtliche Pläne der Familie Siebert dadurch über den Haufen geschmissen. Die Unterstützung fiel nun aus [?]. Die Not, welche kaum etwas gelindert war, zog wieder ein, denn Gerhard allein konnte die Familie nicht unterhalten.

## Kinderarbeit wird Gesetz.

Die Rüstungsindustrie forderte Arbeitskräfte in großen Mengen und daher sah die Regierung sich gezwungen ein Ministerium für Arbeitsreserven zu bilden, daß [sic] sich nur mit der Rekrutierung von Arbeitskräften befaßte. Stalin sagte in jenen Tagen: „Wenn **[S. 49]** das Dorf (die Bauern) der Industrie jährlich 1 Million Arbeiter stellt, kann der Fünfjahresplan erfüllt werden." Es erschien das Gesetz über die Mobilmachung der ländlichen Jugend, die in Betriebs- und Eisenbahnschulen angelernt werden sollte. Zunächst war es wie eine freiwillige Sache. Sollte die benötigte Anzahl von Freiwilligen nicht genügen, so war man berechtigt, die zwangsweise Einberufung durchzuführen. Die Bedingungen waren, oberflächlich betrachtet, verlockend. Lehrzeit 2—3 Jahre kostenlos. Arbeitskleidung und Sonntagsuniform, so wie Verpflegung und Unterkunft wurden ebenfalls vom Staate bezahlt. Nach Beendigung der Lehrzeit kamen die Jünglinge zur Roten Armee. Nach dem Ablauf der Dienstzeit mußten sie dann einige Jahre mit Abzug der Lehrkosten [?] in den Betrieben arbeiten, wo sie vom Staat hingestellt wurden. Das bedeutete einen Dienst für den Staat für die Dauer von 8—10 Jahren. In den ersten Jahren war die Zahl der Freiwilligen ziemlich hoch, doch später sank sie ständig und man fragte nicht nach dem Wunsch der 14-jährigen Kinder, vielweniger nach dem Willen der Eltern: Jungen und Mädchen wurden zwangsweise in die schwarzen Uniformen der Arbeitsreserven gesteckt, in Kasernen zusammengepfercht und nun konnte gemeldet werden: „Das Dorf hat zur Industrialisierung des Landes 1 Million Arbeiter zur Verfügung gestellt." Die Kinder haben in diesen Betriebsschulen täglich militärische Ausbildung. Du kannst sie in jeder größeren und kleineren Stadt, wo eben ein größerer Betrieb vorhanden ist, beim Exerzieren beobachten, du siehst, wie die abgehärmten Kinder singend durch die Stadt marschieren. Kommen sie abends in die belebten Straßen einer Stadt, so werden sie von der Stadtbevölkerung als Menschen **[S. 50]** zweiten Grades angesehen, denn die Gleichheit zwischen Stadt und Land haben die Kommunisten nicht herstellen können. Bei dem großen Mangel an Arbeitskräften nach dem Kriege 1939/45 wurden diese 14- oder 15-jährige Kinder vielfach in die Betriebe gesteckt, wo sie dieselben Arbeiten zu leisten hatten, wie die Erwachsenen, nur mit dem Unterschied, daß sie nicht zu Nachtarbeiten herangezogen werden können. Der Arbeitstag für sie soll nur 6 Stunden dauern, jedoch werden die Kinder meistens von ihren Meistern und militärischen Leitern dazu aufgestachelt, die nächsten zwei Stunden in Form freiwilliger Überstunden zur Erfüllung des Planes zu arbeiten. Diese Kinder leben ein freudloses Leben, das eintönig und hart verläuft. Ihre Eltern entbehren sie ab dem 14. Lebensjahr, denn das nötige Geld für einen Besuch der Eltern bringen sie nicht auf, höchstens daß sie die Eltern selbst einmal besuchen können. Trotzdem singen sie auf den Straßen bei den Aufmärschen [?]: „Wir danken Stalin für unsere glückliche Kindheit." Sie kennen ja nichts anderes und glauben daher, daß ihre Kindheit alle Freuden enthält, die das Leben zu bieten vermag. In ihren späteren Jahren sind sie ein gefügiges Werkzeug in den Händen des Sowjetstaates.

# 2. Kapitel.

## „Behüt dich Gott!"

Hügel und Täler wurden noch einmal von der warmen Herbstsonne beschienen. Herrliches Wetter stand zum letzten Mal in diesem Jahre über dem wei- **[S. 51]** ten Lande am Ural und über Sibirien. Gerade im Oktober konnte man sehr oft diese wunderbaren Tage erleben, an denen sich die Schönheit der Natur in dieser Gegend nochmal vorübergehend, für ganz kurze Zeit, offenbarte.

Der Unterricht der Klassen, in denen Siebert unterrichtete und seine beiden Brüder lernten, begann erst am Nachmittag und daher gingen sie, sich an der Natur erfreuend, auf einem schmalen Pfade, der durch eine Wiese und durch Täler führte, zur Schule. Schon von der Ferne bemerkten alle drei den Vorsitzenden des Dorfsowjets. Ein unheilverkündendes Gefühl überfiel Abram stets bei seinem Erscheinen, doch heute war es besonders stark. Was sollte es wohl sein? Wieder Steuern zahlen? Sind die Schulden etwa immer noch nicht beglichen? Doch nein, heute hatte er sich ein anderes Vergnügen ausgesucht. Der Mann mit dem gestreiften Kopfhaar sprang vom Fahrrad und überreichte Abram mit einem lakonischen Lächeln den Stellungsbefehl. Er wollte ihn in Anwesenheit von Frau Siebert aushändigen, um sich an dem Leid dieser Frau zu ergötzen. Mit enttäuschter Miene zog er sich wieder zurück.

Die drei Brüder standen schweigend da und blickten sich gegenseitig fragend in die Augen. Erst zur Schule gehen, oder gleich wieder nach Hause? Diese Frage war zu entscheiden. Sie entschlossen sich, erst zur Schule zu gehen, um dort sofort alle Formalitäten der Abmeldung zu erledigen und für die Brüder einen dreitägigen Urlaub auszubitten. Mit Bedauern nahmen die Kollegen, die alle wesentlich älter waren als Abram, diese Nachricht zur Kenntnis. Lehrer Braun, bei dem Abram zur Schule ging und der hier als Rektor der **[S. 52]** Schule tätig war, zog den Scheidenden auf die Seite und verabschiedete sich mit den Worten:

„Denke an Deine Mutter und Deine Geschwister. Wisse, daß man dir in diesem Lande für ehrliche Aufopferung und restlose Hingabe selten dankt. — Dir als Deutschen wird man es kaum tun. Komm gesund und recht bald nach Hause." Rührend war der Abschied von den Kindern, die ihren Lehrer, der mit ihnen gerne alles machte, was ihnen das freudenarme Leben verschönen konnte, nicht missen wollten.

Ohne viel Worte zu wechseln, gingen die Brüder den bekannten Pfad zurück, zum letzten Mal. Die Mutter, als hätte sie auf ihre Kinder gewartet, empfing sie an der Straße. Böse, quälende Vorahnung hatte sie dorthin getrieben. Schweigend, wie sie in den letzten Jahren geworden war, empfing sie den Stellungsbefehl. Noch drei Tage! Drei kurze Tage! Wie schnell werden sie vergangen sein!

Vorzubereiten gab es nicht viel und so verbrachte man die letzten Tage des Zusammenseins gemütlich zu Hause. Im Dorfe waren noch 3 Mann mit dem Stellungsbefehl bedacht worden und man tat sich zusammen, um gemeinsam eine kleine Abschiedsfeier zu veranstalten, aus der jedoch nichts werden wollte, als hätte man bereits damals gewußt, daß die Jünglinge nie wiederkehren würden. Am allerwenigsten glaubte an eine Wiederkehr die Mutter. Ihr mütterliches Empfinden sagte ihnen [sic] deutlich, daß sie in diesem Augenblick ein großes Opfer zu bringen hatten. Als die ersten Sonnenstrahlen verstohlen über die Berggipfel lugten, fuhr ein Pferdegespann auf den Hof Sieberts. Der Abschied von den Geschwistern war verhältnismäßig leicht, wäh- **[S. 53]** rend die Mutter ihren Sohn weinend zum Wagen begleitete. Um die Abschiedsschmerzen zu verkürzen, sprang er in den Wagen und schon polterten die Räder über die Steine. Selbst fast in Tränen, vernahm er noch die letzten Worte der winkenden Mutter: „Dich habe ich für immer hergegeben. Behüt Dich Gott". Dicke Rauchwolken zogen hinter dem Wagen her und verhüllten alles wie ein Schleier, als der Wagen im Tal verschwand. Man fuhr nun in eine vollkommene neue Welt, fremden Städten entgegen, nur auf sich selbst gestellt. Das Leben mit all seiner Härte packte den jungen Menschen, legte ihm ab nun die schwersten Lasten auf. Wird er sie tragen können? Wird er sich in dem Labyrinth der Zeit, die alles andere als freundlich ist, zurechtfinden? Er wollte stark sein und bleiben, gelobte er sich, als sie die Kreisstadt P., einen russischen Ort, in dem sich das Militärkommissariat befand, erreichten. Hier waren bereits die übrigen Rekruten eingetroffen. Da ein großer Teil so notdürftig bekleidet war, daß man sie nicht auf eine längere Reise schicken konnte, gab man ihnen Gelegenheit zu billigeren Preisen Bekleidungsstücke zu kaufen, jedoch auch dieses wenige Geld konnten die Leute, die jahrein—jahraus in Kolchosen gearbeitet hatten, nicht aufbringen. Sie sollten die Verteidiger eines Staates werden, von dem Stalin und seine Spießgesellen behaupteten, er wäre der fortschrittlichste, in diesem Staate lebe ein jeder wohlhabend, in ihm sei der Sozialismus Wirklichkeit geworden. Man konnte diesen Menschen Redensarten dieser Art vorsetzen, denn sie wußten nicht, daß es in der Welt andere Verhältnisse gibt, die in der Tat dem Menschen Freiheit, Fortschritt, soziale Einrichtungen gewähren.

**[S. 54]** In einem großen Sammeltransport aus allen Kreisen zusammengefaßt, fuhren etwa 1000 Rekruten ihrem Bestimmungsorte, der ihnen nicht bekannt war, zu. Man wußte soviel, daß es in westlicher Richtung ging.

## Der Rotarmist.

Aus allen Richtungen fuhren Rekruten: aus der Ukraine, aus Weißrußland wurden die Menschen in den fernen Osten geschickt. Aus dem Osten kamen die Menschen zum Westen. Man befürchtete die Ukrainer würden in der Ukraine, in ihrer Heimat, nicht so gut ihren Mann stehen als die Russen und umgekehrt, die Russen würden Rußland nicht so verteidigen, wie es sich gehörte. In der Heimat hatte jeder Gelegenheit die Waffen zu strecken und sein Heim aufzusuchen. Das sollte vermieden werden. Die asiatischen Völker kamen ebenfalls zum Westen. Ihre Trachten, dickwattierte, in allen Farben gestreifte Mäntel, die auch im Hochsommer gegen Hitze schützen, überfluteten die Bahnhöfe. Sie konnten es am allerwenigsten begreifen, wozu sie in die Ukraine geschickt wurden, denn ihre Heimat waren die mittelasiatischen Republiken, wo sie gerne ihre Herden hüteten, jedoch ans Waffentragen nicht gewöhnt waren. Sie vertrugen sich wohl mit der kirgisischen Steppe, mit ihren Baumwollplantagen in Tadschikistan und Usbekistan, aber nie mit einer Ordnung, die ihnen restlos die Freiheit raubte. Sie blieben absichtlich vom Zug zurück. Der russischen Sprache nicht mächtig, fanden sie nur den Weg in die Heimat: ihre **[S. 55]** Einheit, der sie zugeteilt waren, sahen sie nie wieder, denn zu Hause angekommen, wurden sie eingefangen und als Fahnenflüchtige vom Tribunal verurteilt.

Nach mehrtägiger Fahrt fuhr der Zug endlich in den Bahnhof von Krementschug ein. Das Wetter war hier bereits kühl, der stürmische Dnjepr trug das seine dazu bei. Siebert mit noch sechs deutschen Rekruten wurde dem 211. Nachrichten Bataillon zugeteilt. Einen Tag später sahen sich die Freunde schon alle in der Uniform der Roten Armee wieder. Nach einem neuerschienenen Gesetz durfte keiner der Soldaten nach seiner Entlassung die Uniform behalten, daher wurde die Privatkleidung im Koffer verpackt und zur Aufbewahrung abgegeben. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, begann die Ausbildung. Man exerzierte von morgens bis abends, ja selbst die Nachtübungen jagten sich gegenseitig. Zwei Wochen später begann man mit der Ausbildung von Funkern und Fernsprechern. Siebert kam zum Funkzug, während seine Freunde alle zu den Fernsprechern geschickt wurden. Da in der Einheit alle Völker vertreten waren und keiner den anderen kannte, begann die N.K.W.D. sich mit jedem einzelnen zu beschäftigen. Die Unteroffiziere beobachteten alle ihre Untergebenen. Von ihnen waren die naivsten Soldaten, die sich der Tragweite ihres Handelns nicht bewußt waren, zu Spitzeldiensten herangezogen. Nun begannen die laufenden Vernehmungen. Das ganze Bataillon bekam den Eindruck, daß jeder des anderen Feind, ein Spitzel der N.K.W.D. ist. In dieser Zeit lernte Siebert einen Ukrainer, der im Uralgebiet ansässig war, kennen. Najko war der Sohn eines Kulaken (Großbauern) gewesen. Weil er noch ganz klein war, als sein Vater enteignet wurde, nahm man ihm dieses „Verschulden"
 **[S. 56]** nicht so sehr übel. Er hatte es nach dem Abitur bis zur Fliegerschule in O. gebracht und sah sich bereits als vollständiger Bordfunker die Luft fliegen [?], als er eines Tages zur N.K.W.D. mußte und die Erklärung zu seiner sofortigen Ausstoßung aus der Schule vernahm, weil sein Onkel in den zwanziger Jahren nach Canada auswanderte. Am nächsten Morgen wurde Najko zum 211. Nachrichten Bataillon versetzt. Er war der erste, der auch hier wieder die Bekanntschaft mit der N.K.W.D. machte. Nach seiner Vernehmung, die hinter einer eisernen Tür, die von innen mit Filz beschlagen war, geschah, kam er ganz aufgeregt in der Pause zu Siebert und erklärte ihm, daß er nach seinem Verhältnis zu ihm gefragt worden war. Wer Siebert? Wo sein Vater sei und ob die Angehörigen aus Canada öfters schreiben würden? Das bedeutete, daß Siebert aufgefallen und verdächtig war. Noch genoß er das Vertrauen der Offiziere und der Kommissare, denn im widrigen Falle hätte man ihm sein Mitgliedsbuch des Kommunistischen Jugendverbandes bereits entzogen. Ab jetzt galt es auf der Hut sein! Kein überflüssiges Wort im Kreise der Kameraden. Nur er und Najko besprachen von Zeit zu Zeit die Lage. Sie wollten sich gegenseitig helfen, soweit sie dazu in der Lage waren.

Die Erfahrungen des Winterkrieges gegen Finnland hatten gezeigt, daß die Soldaten der Roten Armee nicht der grimmigen Kälte des hohen Nordens gewachsen waren, trotz des allgemeinen kalten Winters in Rußland. Um diesen Fehler in der Ausbildung der Soldaten aufzuheben, sah der Lehrplan eine rücksichtslose Abhärtung gegen Kälte vor. Dieses hatte zur Folge, daß die Soldaten jeden Morgen sofort nach dem Wecken, den Morgensport draußen am Ufer des vereisten Dnjeprs **[S. 57]** machen mußten und viele an Lungenentzündung erkrankten und starben. Was galt schon ein Menschenleben, wo doch so viele geopfert worden waren? — Die Mittelasier, nur an die unerbittliche Hitze des Südens gewöhnt, erfroren Hände und Füße, aber sie sollten auch die Polarkälte im Falle eines Krieges ertragen können.

Eine weitere wichtige Erfahrung hatten die sowjetischen Militärs machen müssen: ihre Soldaten waren keine Freunde der Skibretter. Die Finnen hatten im Kampf durch die Skiläufer großen Vorteil gehabt und den Russen viel zu schaffen gemacht. Man war gerne bereit von einem besiegten Feinde zu lernen und führte daher die obligatorische Skiausbildung ein. Ohne richtige Anweisungen zu geben, schickte man die Männer ins Gelände, nicht während der Dienstzeit, nein, in der Freizeit — sonntags, abends und nachts. Bis zum Frühling mußte jeder seine Bretter beherrschen. Es war geradezu ein Jammer, das [sic] oft grenzenloses Gelächter auslöste, wenn man einen Usbeken, der nur die Wüste kannte, nie Schnee gesehen hatte, sich mit seinen Skiern abquälen sah. Todmüde kehrten die Männer spät abends heim, um am nächsten Tage dasselbe zu wiederholen. Als Abschlußprüfung wurde jedem zur Aufgabe gemacht, in 55 Minuten 10 km. auf ebener Strecke zu laufen. Jeder lief, als hinge vom Ergebnis sein Leben ab. Nach jeder Prüfung zogen die Soldaten schwerkrank an Lungenentzündung ins Lazarett ein. Nur einem geringen Teil gelang es, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Man ließ endlich davon ab, als die barmherzige Sonne der Erde die Schneedecke und damit die Voraussetzung fürs Skilaufen nahm.

In den Wintermonaten hatte die Ausbildung an den Funkgeräten gute Fortschritte gemacht. Man ging **[S. 58]** zu endlosen Geländeübungen über. Plötzlich setzte man weniger Außendienst, dafür aber ein vollkommen neues Thema an: die geographische, wirtschaftliche und politische Lage der Balkanstaaten wurde studiert. Besonders widmete man sich Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Fragend und staunend schauten sich die Soldaten an. Wozu jetzt plötzlich so eingehendes Befassen mit diesen Ländern. Rußland hatte doch nur eine Armee der Verteidigung. So wurde es den Soldaten gesagt. Die Stimmung der Truppe wurde unruhig.

Man schrieb den 5. Mai 1941, als das 211. Nachrichten Bataillon, das der 102. Schützendivision unterstellt war, in den Wald unweit Krementschug ausrückte und sich hier ein Zeltlager einrichtete. Die Ausbildung in den Sommermonaten wurde noch härter. Größere und kleinere [?] Manöver lösten einander ab. Es gab keinen Sonntag mehr für die Truppe. An Urlaub war garnicht zu denken, denn den gab es überhaupt immer nur in dringenden Fällen. Erst nachdem der Soldat seine zwei—drei Jahre beim Militär verbracht hatte, durfte er seine Angehörigen besuchen. Besuche wurden ebenfalls nur ganz selten gestattet.

Die politische Erziehung der Truppe wurde in den folgenden Tagen auch in dem Zeltlager verstärkt fortgesetzt. Man impfte den Männern den Haß gegen die anderen Staaten förmlich ein. Alle Länder seien Feinde der Sowjetunion, sie wären nur darauf bedacht, das Land der Sowjets zu überfallen und zu vernichten. Jedoch würde die Rote Armee alle zerschlagen, die Kapitalisten verjagen und damit würde in den betreffenden Ländern auch die Sowjetmacht errichtet werden. Jeder Soldat wußte, daß der Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit Deutschland und der S. U. nur deshalb **[S. 59]** abgeschlossen wurde, um Zeit zur Aufrüstung zu gewinnen. Ehrliche Absichten spielten dabei eine geringere, fast keine Rolle. Es stand für die Bolschewiken fest, daß sie neben dem Nationalismus nicht leben konnten, daß eine kriegerische Auseinandersetzung so oder anders kommen mußte.

Daß die Auseinandersetzung aber so schnell kommen würde, hätte niemand geglaubt, ungeachtet dessen, daß man darauf moralisch vorbereitet war.

## Der 22. Juni 1941.

Der 22. Juni war für die ganze Division ein dienstfreier Sonntag. Bereits am frühen Morgen schien die Sonne warm über den weiten Wald und überall sah man, wie sich die Soldaten ein stilles Plätzchen im Schatten der Kiefern suchten, um nach langer Zeit einige Stunden ungestört den Sonntag zu genießen. Siebert hatte sich den 3. Band Scholochows „Der Stille Don" besorgt und ebenfalls einen ruhigen Ort gefunden. Eine sonderbare, fast unheimliche Ruhe lag über dem Walde, der sonst von kriegerischem Lärm erfüllt war. Man vernahm heute keine Kommandostimmen, keine M. G.-Salven, selbst die vielen Marschlieder waren verstummt. Nur hie und da zwitscherte ein Vogel im Geäst der Bäume, Eichhörnchen sprangen von Ast zu Ast, mitunter einen Kieferzapfen zu Boden stürzend. Es schien, als wäre ein ewigdauernder Friede angebrochen, daß alles Waffengeklirr nicht mehr nötig war.

Da plötzlich ertönte ohrenzerreißend die Alarmtrompete vom Divisionsstab her. Mit einmal war **[S. 60]** die Stille, die tiefe Ruhe zerstört. Wie ein Ameisennest, das von bösen Buben mit einem Stock aufgewühlt wurde, begann es im Walde zu wimmeln. Alles raste zu seinen Zelten, ohne zu wissen, was geschehen war. Alarm! Noch nie vernahm der riesige Wald in seinem ganzen Dasein so eine Fluchkanonade wie gerade in dieser Minute. Acht Wochen lang kein Sonntag! Sollte nun wieder eine Übung gestartet werden, nachdem man versprochen hatte, heute allen die nötige Ruhe zu geben? Hatte der Divisionskommandeur schlechte Laune? War der Stabschef mit einem Regiment unzufrieden? Was mochte nur passiert sein? Es half keine Frage. Wenige Minuten später standen die Kompanien, Bataillone und Regimenter abmarschbereit. Die Offiziere ließen heute nicht auf sich warten, wie es sonst üblich war. Schon marschierten die Einheiten. Nach etwa einem 15 Minuten langen Marsch wurde gehalten und ausgeschwärmt. Es war eine Kleinigkeit, sich in den weichen Sand einzuwühlen. Tausende Männer verschwanden mit ihren Geräten im Sande. Nun wurde alles ruhig. Die Offiziere riefen die Befehle nicht kreischend in den Wald, sondern flüsternd wurden sie von Mann zu Mann übergeben. Was konnte nur dieses ungewohnte Verhalten der Vorgesetzten bedeuten? Übungen verliefen doch sonst nicht so. Gegen 11 Uhr wurden sämtliche Offiziere zu einer Besprechung beim Divisionskommandeur gerufen, von der sie erst in den späten Abendstunden wieder kamen. Die Verpflegung blieb aus. An ihrer Stelle verbreitete sich von einem Erdloch zum anderen die schreckliche Kunde: „Es ist Krieg!" Kalte Schauer liefen über die Rücken der Soldaten. Wer wollte denn gegen Rußland kriegen? Welcher Staat hatte es gewagt, den Riesenstaat anzugrei- **[S. 61]** fen? Die vielen Nichtangriffspakte garantierten doch den Frieden und trotzdem sollte ein Krieg ausgebrochen sein?! Keiner konnte nähere Auskunft geben. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde verboten Licht zu machen, das Rauchen sollte unterbleiben. Endlich kamen die Offiziere von ihrer langen und wichtigen Besprechung. Angetreten wurde nicht mehr. Die Kompanieführer und ihre Kommissare gingen von Zug zu Zug und erklärten die Lage:

„Molotow erklärte im Laufe des Vormittags, daß Deutschland heute in den frühen Morgenstunden den Nichtangriffspakt mit Rußland gebrochen habe. Deutsche Truppen eröffneten an der ganzen westlichen Grenze das Feuer und haben bereits die ersten Städte eingenommen. Kiew, Kowel und Lemberg liegen unter dem ununterbrochenen Bombenhagel der deutschen Luftwaffe. Die Rote Armee ist überall zum Gegenangriff angetreten und versetzt dem Feinde schwere Schläge. In wenigen Tagen ist der Feind geschlagen, das gesamte Sowjetvolk ist zur aktiven Anteilnahme an der Verteidigung aufgerufen. Die 102. Schützendivision erwartet jeden Augenblick den Befehl zur Abfahrt an die Front." Kurz darauf versammelten sich die Kompanien vor ihren Zelten, die von den Wirtschaftskompanien schon abgebrochen wurden. Am Morgen sah man nur noch die Löcher, wo die Zelte drübergespannt waren.

Die Division setzte sich in Marsch. Autos standen nicht zur Verfügung. Zu Fuß an die Front: Einige 100 Kilometer ist ein langer Weg. Schon war man einen Tag marschiert. Keine Rast wurde befohlen. Strömender Regen machte die Wege unpassierbar. Die PKWs der Offiziere staken im Dreck. Sie mußten geschoben werden. Das Nachrichten-Bataillon hatte noch **[S. 62]** die zusätzliche Last mit den ca 30 Hunden, die einen Lärm machten, als würden sie zur Schlachtbank geführt. Schon erstreckte sich die Marschkolonne der Division über viele Kilometer. Fußkranke und Müde blieben zurück, so daß die Offiziere die armen Kerle auch beschimpften. Drei Tage und drei Nächte ging man durch strömenden Regen, auf völlig verschlammten Straßen. Wie groß war das Erstaunen, als die Spitze der Kolonne am dritten Tage vor den Toren von Krementschug stand. Jetzt wurde man gewahr, daß der dreitägige Marsch im Kreise um Krementschug gemacht worden war. Über den Sinn und Zweck dieses Gewaltmarsches wurde nie etwas bekannt. Die Einheiten bezogen die Winterquartiere. Im großen Tempo wurden die Männer neu eingekleidet. Da die Einheiten nicht die kriegsmäßige Stärke hatten, waren schon Tausende Reservisten im Alter bis zu 45 Jahren eingetroffen. Die Generalmobilmachung hatte sie alle erwischt. Ein großer Teil hatte nie ein Gewehr in den Händen gehalten und mit Tränen der Angst in den Augen baten sie, man möchte ihnen wenigstens zeigen, wie man mit einem Gewehr umgeht, wozu jedoch keiner der Soldaten Zeit fand. Es blieb ihnen daher nichts anderes übrig, als das Ding über die Schultern zu hängen und mit zum Sommerlager zu marschieren, wo ihnen die nötige Munition und Handgranaten ausgehändigt wurden. Ihre Zivilkleidung wurde hier in einem großen Loch begraben, das extra zu diesem Zweck ausgehoben wurde. Lautsprecher dröhnten durch den Wald. Sie sprachen von Greueltaten der Deutschen, von der mangelhaften Bewaffnung der deutschen Wehrmacht, von den Panzern der Eindringlinge, die angeblich aus Pappe und Sperrholz sein sollten. Zur Bekämpfung dieser „lächerli- **[S. 63]** chen" Panzer, wie sie die Offiziere bezeichneten, wurden Flaschen mit einer Flüssigkeit ausgegeben. Es setzte eine fürchterliche Hetze gegen die Deutschen ein. An einem der Lautsprecher standen die sechs Deutschen und schweißtriefend mußten sie sich die Schimpfrede gegen ihr Volk anhören. Würde man sie in Ruhe lassen? Sie wurden von einer maßlosen Angst ergriffen, und das mit Recht, denn am selben Tage wurden drei von ihnen in unbekannter Richtung in Marsch gesetzt. Die restlichen drei, unter ihnen auch Siebert blieben beim Bataillon, weil sie unentbehrlich waren. Siebert wurde noch schnell zum Feldwebel gemacht und übernahm dann einen Funktrupp, der aus drei Funkgeräten, die auf Pferdegespanne montiert waren, bestand. Was sollte man mit diesen alten Geräten anfangen? Sie taugten kaum noch zu Übungszwecken. Die übrige Ausrüstung der Division war sehr lückenhaft und selbst die vorhandenen Waffen ließen viel zu wünschen übrig. Die Division besaß keine schweren Waffen, abgesehen von einer Flakbatterie und einigen leichten Feldgeschützen. Einige Granatwerfer, für die kein Personal da war, standen ebenfalls zur Verfügung. Wie sollte der Krieg gewonnen werden, wenn alle übrigen Divisionen genau so bewaffnet sind? Diese Frage stellten sich Najko und Siebert, als sie sich kurz noch einmal sprachen. Sie wurden sich einig, daß man den Krieg nur dann gewinnen kann, wenn man die Masse der sowjetischen Völker auf's Schlachtfeld bringt. Nur die Menschenmassen werden den Gegner erdrücken können, vielleicht die Zeit, die Weite des russischen Landes nie aber die vielgepriesene Sowjettechnik. Von der Wahrheit ihrer Behauptungen konnten sie sich sehr bald überzeugen.

**[S. 64]**

## An der Front.

Schnell wurde noch ein Brief an die Lieben zu Hause geschrieben, und schon ging es zum Bahnhof, wo die anderen Einheiten bereits verladen waren. Jetzt begann die rasende Fahrt durch die ukrainischen Felder, durch weißrussische Wälder dem Feinde entgegen. Überall traf man schon die Flüchtlinge aus den Westgebieten. Ausgerüstet mit den wenigen Habseligkeiten, die sie hatten, eilten sie von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und berichteten von den Schrecken des Krieges. Eine maßlose Panik ergriff die Zivilisten — der Strom der Flüchtlinge vergrößerte sich zusehends. Sie ließen alles stehen und liefen zu Fuß gen Osten. Die Zufahrtsstraßen waren überfüllt. Mit Gewalt machten die Soldaten sie frei. Frauen und Kinder baten um Hilfe, die ihnen niemand der Anwesenden gewähren konnten [sic], denn die Bonzen ihrer Heimatsowjets waren nicht da. Sie waren auf Autos und Pferdegespannen davongeeilt oder hatten sich in die Wälder geflüchtet, um später als Partisanen das Hinterland des Feindes unsicher zu machen. Keiner kümmerte sich um die Obdachlosen, niemand wollte ihnen eine Straße zeigen, auf der sie in Sicherheit kommen konnten. Staub, Schweißgeruch, das Weinen der Frauen und Kinder, Flüche der Männer, das Brüllen wildgewordenen Viehs, das Heulen der Motore, Kommandostimmen, das Ächzen der Zerquetschten und Überfahrenen erfüllte die Straßen. Von Zeit zu Zeit brachten deutsche Stuka (Sturzkampfflugzeuge) Abwechslung in dieses Gewimmel. Heulend stürzten sie zur Erde und warfen **[S. 65]** ihre vernichtende Ladung in diese Masse, Tod und Verderben säend. Ein Brei von frischer Erde und Menschenfleisch und -blut, gemischt mit Pferdekadavern blieb nach ihrem Abflug zurück. Es schien als wäre der Welt Ende gekommen.

In Gomel wird die Division ausgeladen und schon geht es im Marsch der nahenden Front entgegen. Dem Gegner ist es gelungen, die an der Grenze stationierten Truppenteile zu überrennen und er dringt nun leicht ins Innere des Landes ein. Nur selten stößt er auf Widerstand. Erst am Dnjepr ist es den Russen gelungen, sich zu fangen und eine verhältnismäßig stärkere Verteidigungslinie zu errichten. Am rechten Ufer des Dnjeprs geht die Division in Stellung und wartet auf die erste Feindberührung, die auch bald kam.

In den frühen Morgenstunden brausten den russischen Stellungen die ersten Kradkolonnen*), gefolgt von Panzern, die angeblich aus Sperrholz sein sollten, entgegen. Ein Kugelhagel aus Maschinengewehren und Karabinern sprühte den Deutschen entgegen. Die Kradfahrer machten rasch kehrt und nun leisteten die Panzer trotz des starken Beschusses ganze Arbeit. Nach einer Stunde war das 1. Regiment vollkommen geschlagen. Nur wenige kehrten zurück. Die anderen zwei Regimenter zogen sich schwerblutend auf das linke Dnjeprufer zurück. Wieder wurde die Stellung ausgebaut, so gut man konnte. Am nächsten Morgen kamen einige Soldaten vom rechten Ufer zurück und berichteten zum Erstaunen aller, daß sie in deutscher Gefangenschaft waren. Die Behandlung war gut gewesen, man hatte ihnen die Waffen abgenommen, zerbrochen und nach

*) Kraftrad- oder Motorradkolonnen

**[S. 66]** einem kräftigen Essen wieder zu ihrer Einheit zurückgeschickt. Sie sollten ihren Kameraden sagen, daß sie nicht ermordet werden, daß man ihnen nicht die Augen ausbrennen würde, wie die russische Propaganda berichtete. Sie hatten sich bereits wieder Waffen besorgt als sie vom Kommissar festgenommen wurden und für immer aus der Einheit verschwanden. Im Nu hatte man sie in unzuverlässige und zersetzende Elemente verwandelt. Ein schreckliches Durcheinander richtete die Luftwaffe in den nächsten Tagen in den russischen Reihen an. Die Straßen wurden nun mit Bomben belegt. Riesige Nachschubkolonnen wurden zerfetzt, Güter gingen verloren, die von der russischen Führung nicht sobald wieder ersetzt werden konnten. Von allen Frontabschnitten meldete man Niederlage auf Niederlage. Gerüchte über Sabotage sprachen den Offizieren das Mißtrauen aus. Ein darauffolgender Befehl stellte die Kommissare den Offizieren gleich. Sie waren berechtigt, einen beliebigen Befehl eines Offiziers für ungültig zu erklären. Ihre spürenden Augen reichten überall hin und in jedem Schritt eines [?] witterten sie ein Verbrechen oder einen Verrat. Wurde ein Zivilist in der Nähe der Stellung gesehen, so war er ein Spion und wurde trotz des amtlichen Ausweises erschossen. Die geringste Abweichung vom Befehl wurde mit dem Tode bestraft. Die Kriegstribunale tagten ununterbrochen. Ihre Urteile waren himmelschreiend vor lauter Ungerechtigkeit. Vielfach praktizierte man an der Front die Schauprozesse wegen Feigheit vor dem Feinde, wegen Fahnenflucht u. s. w. Als Fahnenflucht betrachtete man eine Abwesenheit von der Truppe in der Zeit von 2—3 Stunden, ganz gleich ob man sich im Walde verlief oder während des Gefechts von seiner Einheit **[S. 67]** abgesprengt worden war. Am meisten verurteilte man die asiatischen Völker, da sie die Anweisungen der Offiziere nicht verstanden und auch nicht wußten, daß ihnen harte Strafen für etwaige Vergehen auferlegt werden konnten.

Das ganze Bataillon mußte sich in einer Waldschneise versammeln um einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen. Angeklagte waren zwei Usbeken, die während eines Fliegerangriffs die Flucht ergriffen hatten. Kabel und das andere Gerät war liegen geblieben. In ihrer Angst hatten sie ihre Uniform ausgezogen, um schneller laufen zu können. Nur in der Unterwäsche kamen sie wieder zur Einheit zurück und baten um neue Uniformen. Jetzt wurden sie wegen Feigheit vor dem Feinde zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Jedoch ließ man „Milde und Gnade" walten: die Strafe konnte nach dem Kriege abgebüßt werden; im Falle guter Bewährung an der Front konnte das Strafmaß sogar herabgesetzt werden. Urteile solcher Art und wegen solcher Verbrechen wurden nun täglich ausgesprochen.

Siebert hatte den Auftrag, die Verbindung zwischen den Regimentern und der Division aufrecht zu halten, aber bereits am ersten Tage hatten die deutschen Peilstationen seine Geräte ausfindig gemacht und eines davon in Trümmer geschossen. Kaum daß einige Funksprüche abgegeben waren und schon lag man unter Beschuß. Schwere Pferde rasten mit den Wagen über Gräben, Äcker und Steine. Die Jagd nach einem sicheren Örtchen forderte riesige Opfer an Menschen und Pferden.

Nach jedem Angriff von Seiten der Deutschen, die zwei Wochen lang am Dnjepr abgewehrt wurden, fehlten immer mehr Männer. Die Reihen der Division **[S. 68]** waren ganz dünn geworden. Man schonte die Kräfte keineswegs. Immer neue Menschenmassen wurden in den Kampf geworfen. Ein Regiment der Wolgadeutschen zog gegen Mittag in den Kampf und nur 23 Mann kehrten nach vier Stunden zurück — alle waren sie im Kampfe gefallen. Deutsche schossen auf Deutsche, weil ihre Machthaber sie aufeinander hetzten. Nach ungefähr zweiwöchigem Kampfe am Dnjepr hatten die Deutschen den Fluß überschritten und jetzt begannen sie mit der Einkesselung der Kampfgruppe, die aus drei Schützendivisionen, einem Kavallerie- und einem Artilleriekorps bestand. Die Fahrzeuge der Russen hatten keinen Sprit mehr. Kolonnenweise standen sie tot im Walde. Siebert hatte sein letztes Gerät auf einen LKW verladen und hielt die Verbindung mit der 21. Armee, die von Marschall Timoschenko befehligt wurde, auf. [sic] Als höchster Offizier war beim Divisionsstab ein Major zurückgeblieben, die übrigen waren seit einigen Tagen verschwunden. Mit Müh und Not war es gelungen für 80 Fahrzeuge Brennstoff herbeizuschaffen und am Abend sollte ein Durchbruch durch die deutschen Linien versucht werden. Beim Einbruch der Dunkelheit setzte sich die Kolonne in Bewegung. Langsam kam man vorwärts und erreichte noch in der frühen Morgendämmerung einen größeren Ort. Es hatte den Anschein, daß das Dorf noch nicht von Deutschen besetzt sei. Die letzte Maschine fuhr auf die Dorfstraße, als eine wüste Schießerei aus allen Häusern, von den Dächern und hinter den Zäunen her einsetzte. Tote fielen von den Wagen. Verwundete riefen um Hilfe. Noch war die Nacht dunkel und trotzdem war der Ort von den brennenden Wagen und Strohdächern taghell erleuchtet. Die Munition auf den Munitionswagen explodierte **[S. 69]** und richtete noch mehr Unheil und Verwirrung an. Die Russen liefen in alle Richtungen doch überall stießen sie auf den Feind, der seine Stellung fest in der Hand hatte. Sieberts Wagen stand mehr am Schluß der Kolonne und war noch heil, der Motor intakt. Er hatte den Entschluß gefaßt zu wenden und so dem schrecklichen Schicksal zu entgehen. Der Chauffeur, ein Deutscher, ließ den Wagen an und im selben Augenblick durchschlug eine MPi-Garbe (Maschinenpistole) den Motor. Der Wagen war ausgefallen. Keller stieg aus, ließ einen Eimer voll Sprit laufen und übergoß den Wagen damit, denn er mußte melden, daß der Wagen mit dem Gerät nicht in die Hände der Deutschen gefallen sei, was man ihm als Deutschen nicht verziehen würde. Lichterloh brannte der Wagen. Keller und Siebert überlegten. Hierbleiben? Nein, kommt garnicht erst in Frage, denn sie glaubten noch zu stark an das, was ihnen die Propaganda vorgesetzt hatte. Ja und wenn man bei der Einheit erfährt, daß sie in die Gefangenschaft sind, so könnte man ihren Angehörigen Schwierigkeiten bereiten. Also raus aus diesem brennenden Dorf mit den vielen schreienden Verwundeten, in dem der Tod sein Zepter führte.

## Kurs: West.

Tief gebückt liefen sie dem schützenden Walde zu. Es war schon hell als Keller und Siebert auf weitere Soldaten stießen. Nur wenige von der Kolonne hatten den Wald erreicht, jedoch wimmelte es im Walde von Soldaten, die nicht mehr wußten, was sie tun sollten. In der Nacht sah man ganz deutlich die deutsche **[S. 70]** Front: überall flammten bald dort, bald hier die verschiedenen Leuchtkugeln auf. Der Kreis um die eingeschlossene Kampfgruppe wurde immer enger. Da tauchte plötzlich der Bataillonskommandeur des 211. Nachrichten Bataillons Kapitän Beresowsky mit seinem Bataillonskommissar Ogurzow auf. Er erteilte sofort den Befehl zum Sammeln und nun strömten die Männer aus allen Einheiten herbei in der Hoffnung, den größten Gefahren entgehen zu können. Kapitän Beresowsky suchte Freiwillige zur Aufklärung der deutschen Frontlinie. Siebert trat an seinen Freund Michel Gorbunow, genannt Mischa, heran. Sie hatten bereits eingesehen, daß ein gewaltsamer Durchbruch unmöglich war und waren entschlossen, aus dem Kessel in westlicher Richtung zu entkommen. Sie hatten den Krieg satt und sahen in dieser Losung die einzige Möglichkeit, heil aus dieser Situation herauszukommen. Siebert und Mischa meldeten sich beim Kapitän Beresowsky, der sie dann einer Gruppe von etwa zehn Mann zuteilte, die von zwei ganz jungen Leutnants geführt wurde. Am Waldrande angekommen, wartete man den Einbruch der Dunkelheit ab. Endlich war alles in ein tiefes Dunkel gehüllt. Siebert, Mischa und ihr Freund Iwanow boten sich an, vorneweg zu gehen und von Zeit zu Zeit auf die anderen zu warten. Sie waren sich darüber klar, daß sie auf niemand mehr warten würden. Die Offiziere erteilten nochmal den Befehl in südlicher Richtung zu gehen und schon verschwanden die drei in die Nacht. Als sie die Offiziere nicht mehr sahen, wurde der Kompaß auf West ausgerichtet und nun gings in Eiltempo, jedoch gänzlich geräuschlos und vorwärts, direkt auf die deutsche Kampflinie zu. Das Gelände war eben, nur Sträucher, vielfach größere **[S. 71]** Sumpfstellen, wie man sie in Weißrußland überall antreffen kann, verlangsamten den Schritt. Die drei gingen schon mehrere Stunden, als sie plötzlich auf eine Gruppe von neun Mann stießen die dieselbe Richtung eingeschlagen hatten. Siebert und seine Freunde stellten sich an die Spitze und nun gings im Gänsemarsch weiter, durch knietiefen Sumpf bis sie ganz plötzlich in russischer Sprache angerufen wurden: „Wer da?" Der Mond zeigte hinter einem Busch einen mittelgroßen Mann mit vorgehaltener Pistole. Die Angst stand in seinen Zügen geschrieben. Eine barsche Stimme rief ihm zu, er möge schweigen und die Störung war behoben. Schweigend ging die Gruppe weiter. Am östlichen Himmel meldete sich bereits ein neuer Tag, als in der Ferne zwei Dörfer sichtbar wurden, mit 800 Meter Zwischenraum. Posten waren zwischen den Ortschaften keine zu bemerken und so steuerte man auf die freie Strecke los.

„So, jetzt haben wir's geschafft. Für uns dürfte der Krieg aus sein," sagte Siebert zu Mischa. Doch dem sollte nicht so sein, denn jetzt hörte Siebert eine deutsche Stimme ganz in der Nähe, die schlafende Kameraden weckte. „Fritz, schläfst du? Ich glaube der Iwan ist da." Im selben Augenblick ratterte ein Mg (Maschinengewehr) los. Von links und rechts griffen andere Mg-posten mit ein und schon fegte ein todbringendes Feuer über die liegenden russischen Soldaten. In einer kurzen Feuerpause sprangen sie auf und versuchten dem Feuer zu entrinnen. Dieser Versuch wurde allen zum Verhängnis. Schreie und ein wehes Stöhnen verriet, daß Menschen schwer verwundet dalagen [?]. Ob auch schon Tote zu beklagen waren? Mischa kroch zu einem Verwundeten hin, doch im selben Augenblick setzte das Feuer so **[S. 72]** stark wieder ein, daß auch er mit einem lauten Schrei zusammenbrach. Abram stürzte allein zurück. Noch lange hörte er das Rufen der Verwundeten und das Schießen der Posten. Dann wurde alles still. Er lief, wie durch ein Wunder heil geblieben, wahllos in der Gegend. Seine Kameraden lagen alle bis auf Mischa, den er später wiedertraf, an der Straße tot da. Für sie war der Krieg für immer aus. All ihre Hoffnung auf das Leben hatten sie mit sich nehmen müssen. Ein verderbendes Spiel hatte sie und viele, viele andere als Opfer verlangt. Es war schon heller Morgen, als Siebert in den dichten Wald lief und hier zu sich kam. Wie lange mochte er gelaufen sein? Bis an den Gürtel [naß ?] war er gezwungen, seine Kleider zu trocknen und zudem warf ihn eine übermenschliche Müdigkeit zu Boden. Unter einem Haufen Kiefernzweigen legte er sich nieder und schlief bis zum Mittag den tiefsten Schlaf, den er je geschlafen [?]. Als er erwachte, sah er in seiner Nähe aus einem Loch zwei Offiziersmützen hervorschauen. Er kleidete sich wieder an und ging langsam auf sie zu. Sie waren ihres Lebens auch nicht mehr froh. Barsch fertigten sie Siebert ab, als er sie um Rat fragte. Er entschloß sich daher auf eigene Faust in den Wald zu gehen, um zu sehen, was von dort aus weiter geschehen sollte. Je tiefer er ins Dickicht eindrang, um so mehr Soldaten fand er. Selbst ein Brigadekommandeur lief hier auf Socken herum. Seine Stiefel hatte er ausgezogen, um geräuschlos gehen zu können. Nach langem Suchen hatte er sich ein Busch [sic] ausgesucht und lampierte [?] dort, immer noch auf Hilfe wartend. Obwohl hier genügend Soldaten zur Verfügung standen, wagte er es nicht, sie zu einem Durchbruchsversuch aufzufordern. Einzeln, in kleineren und größeren Gruppen versuchte **[S. 73]** man jetzt aus dem Walde auszubrechen, den die Deutschen mittlerweile umstellt hatten. Die meisten wurden von starkem Hunger gequält, während einige noch für einen oder zwei Tage Verpflegung besaßen.

## Schreckenstag.

Siebert lief bereits einen Tag im Walde ziellos umher, als er am Abend auf seinen Freund Mischa stieß. Er hatte bei dem nächtlichen Beschuß einen Lendenschuß bekommen. Die Wunde schmerzte, denn sie war immer noch nicht verbunden, was Siebert sofort machte.

Froh darüber, wieder zu zweien zu sein, wollten sie nun aus dem Walde ausbrechen, denn die Angst vor einer Durchkämmung des Waldes und der Hunger trieben sie zur Eile. Die beiden Freunde besaßen kein bißchen Verpflegung. Man war gezwungen, sich den Magen mit Eicheln und Haselnüssen zu füllen.

Vorsichtig hatten sich Siebert und Mischa bis zum Waldrande vorgepirscht. In der Ferne sah man ein Dorf, in dem die deutschen Fahrzeuge auf- und abfuhren. Doch wäre diese Tatsache nicht das Schlimmste gewesen. Weit schlimmer waren die vor dem Walde aufgefahrenen Panzer. Der Wald war dicht umstellt. Die Deutschen hatten erfahren, daß der Wald eine große Anzahl russischer Soldaten in voller Ausrüstung barg [?]. In alle vier Himmelsrichtungen ging man. Überall dasselbe Bild: kurz nachdem sich eine Gruppe in Bewegung gesetzt hatte, hörte man vom Waldrande her einige Mg-Salven. Nach einer kurzen Pause kehrten Verwun- **[S. 74]** dete zurück, in vielen Fällen blieben auch sie aus. Den ganzen Tag dauerte diese Schießerei. Erst nach fünf Tagen gaben die Eingeschlossenen diese Ausbruchsversuche auf. Siebert und Mischa hatten sich entschlossen, im Walde zu bleiben. Pilze und Nüsse sollten ihre Nahrung sein. Unter einem Baum wurde ein Loch ausgehoben und überdeckt. Hier hausten sie nun in der ständigen Angst doch noch in die Gefangenschaft zu geraten. Kälte und Regen setzten ein. Die Männer im Walde wurden krank und konnten sich vor Hunger kaum noch bewegen, obwohl sie ständig Nüsse und Pilze suchten. Immer weniger Soldaten fand man im Walde. Teils waren sie in die Gefangenschaft gegangen, teils verhungert und erkrankt. Am neunten Tage der Einkesselung stellte Siebert fest, daß die Deutschen abgezogen waren in dem Glauben, der Wald sei jetzt leer. Die Bauern aus den umliegenden Ortschaften strömten in den Wald, um hier ihre Beute an Wagen, Bekleidung und sonstigen Geräten zu machen. Siebert befragte sie genau nach den Verhältnissen in den Ortschaften. Die Bauern erklärten, daß die kämpfenden Einheiten alle abgezogen seien, nur die Nachschubkolonnen hätten Quartiere bezogen. Es ist jetzt wieder ruhiger geworden, jedoch bestehen Befehle, daß sich sämtliche Angehörige der Roten Armee unverzüglich bei den Ortskommandanturen zu melden haben. Nichtbefolgung dieses Befehles wird mit dem Tode bestraft.

Es dämmerte bereits als Siebert und Mischa vorsichtig aus dem Wald gingen. Die Zeit, bis sie das Dorf erreicht hatten, wurde zur Ewigkeit. Endlich standen sie in einem dunklen Flur einer niedrigen Bauernhütte. Der Bauer selbst war nicht zu Hause. Er war irgendwo Soldat, vielleicht schon garnicht mehr am Leben, oder **[S. 75]** in der Gefangenschaft. Er konnte aber auch genau so wie diese zwei bei einem Bauern um eine Nachtherberge und um ein Essen bitten. Die Bäuerin schaute die beiden mit tränenden Augen an. Bebenden Herzens ging sie auf den Hof, schaute die Straße entlang — kein deutscher Soldat war in der Nähe. Niemand durfte erfahren, daß im Hause zwei junge russische Soldaten sind, sonst wäre die ganze Familie in Gefahr. Schnell wurden Pellkartoffeln und Milch aufgetragen und die ausgehungerten Soldaten wähnten sich an einem bestgedeckten Tische zu Hause, so gut bekam ihnen die Mahlzeit. Nur eine kleine flackernde Ölfunsel erleuchtete ganz trübe das Zimmer. Man sah sich gegenseitig kaum. Siebert und Mischa baten um Zivilkleidung, für die sie ihre neue Uniform anboten. Lange suchte die Bäuerin auf ihrem großen Ofen nach den Sachen und brachte sie endlich hervor — für jeden eine Jacke, eine Hose, Schuhe und eine Mütze. In dem dunklen Zimmer konnte man nicht feststellen, was man anzog, war ja auch nicht wichtig. Hauptsache, man sieht einem Soldaten nicht mehr ähnlich. Übernachten durften Siebert und Mischa nicht im Hause. Ihnen wurde die Heuschuppen [sic] als Schlafstelle angewiesen. Tief im Heu eingewühlt schliefen sie nach langer Zeit endlich einmal warm und trocken, denn ihr Erdloch im Walde hatte Grundwasser gehabt, das man vor dem Schlafengehen, wenn man diese Aktion so bezeichnen kann, ausschöpfen mußte.

Es war schon taghell, als die beiden aus dem Heu krochen. Die Sonne schien durch die zahlreichen Löcher im Dach und durch die Ritzen der Wände. Man holte sich Heu hinter dem Kragen hervor, aus den Hosenbeinen und Schuhen.

Sieberts Augen vergrößerten sich und nahmen den **[S. 76]** Ausdruck des Entsetzens an, als er vor Mischa stand, welcher die Blicke des Freundes nicht spürte. Dann plötzlich lachte Siebert aus voller Kehle, denn das Bild, das sich ihm darbot, erinnerte ihn an die Vogelscheuchen in des Vaters Garten, vor denen er als kleiner Junge immer so große Angst hatte. Michels Kopf war mit einer Mütze bedeckt, der man den Schirm mit Gewalt abgerissen hatte. Der Oberkörper stak in einer ganz kurzen Jacke, die kaum bis zum Gürtel reichte. Die Ärmel der Jacke reichten bis zum Ellenbogen, dort waren nur noch die Beweise ihrer früheren Länge geblieben. Die Hose einst schwarz, war in ihrer ganzen Länge von oben bis unten aufgerissen. Die Füße liefen in Gummischuhen, deren Sohlen bei jedem Schritt klipp-klapp machten.

Bei dem Gelächter Sieberts schaute Mischa auf und sofort lachte auch er los, daß er sich den Bauch halten mußte, denn Sieberts Anblick war zu drollig, als daß man hätte ernst bleiben können. Ein blankes Schild, an dem das Futter einer ehemaligen Mütze hing, bedeckte sein Haupt. Eine lange Jacke aus braunem und schwarzem selbstgewebtem Tuch, die bis auf die Knie reichte, hing über seine Schultern. In den Vorderschößen waren an beiden Seiten große Löcher. Die Hose bedeckte zum Gegensatz zur Jacke die Beine nur kurz bis unters Knie. An den Füßen hatte er Leinenschuhe, die wohl schon alt waren, aber dafür hatten sie den Vorteil, daß das Wasser vorne allein in den Schuh lief und hinten ohne Schwierigkeiten wieder herauskonnte. Lange betrachteten sich die Freunde, immer wieder in ein Gelächter ausbrechend, bis sie endlich den Ernst ihrer bitteren Lage begriffen. Sie standen doch in einem Ort, der vom Feinde besetzt ist. Hunger und Kälte verdräng- **[S. 77]** ten alle übrigen Gefühle. Keiner wußte wohin und wie sie gehen sollten. Eine Situation, die alles andere als lächerlich war. Vom Lachen müde, setzten sie sich ins Heu und besprachen ihre Pläne, von denen kein einziger annehmbar war. Was tun? Zurück zu den sowjetischen Truppen? Aber man hatte ja den Krieg satt, noch mehr — man glaubte ihn verloren. In die Gefangenschaft gehen? Nein, nie, zumindest nicht freiwillig. Es bleibt nichts anderes, als ziellos wandern, immer der deutschen Front hinterher. Irgendwo wird es schon einen Ausweg geben. Dieses schien der einzige Plan zu sein, dem beide zustimmten. Doch wie sollte bewiesen werden, daß sie keine Soldaten sind? Sie können ja ständig angehalten werden und Ausweise haben sie keine, wie jeder andere russische Soldat in den ersten Kriegsjahren. Doch hier gab es schon viele Möglichkeiten.

## Als Zuchthäusler auf der Straße.

Im Jahre 1939 wurde in Rußland ein Gesetz gegen die sich mehrenden Verspätungen zur Arbeit erlassen. Jeder Arbeiter und Angestellter wurde zu drei Monaten Strafarbeit verurteilt, der innerhalb eines Monats dreimal bis zu zwanzig Minuten zur Arbeit verspätete. Verspätete er länger und öfters, so wurde das Strafmaß dementsprechend verlängert bis zu 6 Monaten und darüber. Da Verspätungen sehr häufig vorkamen und keine Entschuldigung anerkannt wurde, war die Zahl der wegen dieses Verbrechens Verurteilten sehr hoch. Es konnte jedem passieren, daß er einmal verschlief, oder daß sein Fahrrad auf der halben Strek- **[S. 78]** ke zur Arbeitsstelle versagte. Selbst Studenten wurden von diesem neuen Paragraphen des Strafgesetzbuches nicht ausgeschlossen.

Daher war es ganz glaubwürdig, wenn man sagte, man sei von der deutschen Wehrmacht aus einem Zwangslager befreit worden. Diese Lager befanden sich überall, in jeder Stadt, in jedem Landkreis. Also aus einem Straflager auf dem Wege in die Heimat zu den Lieben war die richtige Ausrede in den meisten Fällen, denn die Deutschen kannten ja die Verhältnisse in Rußland nur ganz oberflächlich und dann fühlten sie sich stark genug, als daß ihnen diese jungen Kerle hätten gefährlich scheinen können. Ganz [?] behutsam öffnete Siebert die Tür. Er konnte sofort die ganze Straße übersehen und zu seinem und Michels Schrecken stellte er fest, daß diese von Soldaten wimmelte. Nach langen Jahren hörte er wieder deutsche Laute, die ihm lieb und vertraut waren. Auch er durfte sie frei sprechen, ohne Angst zu haben, daß N.K.W.D.-Spitzel ihn verraten werden. Ein Gefühl der Scham überlief ihn, daß er — ein Deutscher — vor Deutschen flüchtete? Er — ein Deutscher — wie konnte es nur [?] von Deutschen befreit werden? Welche Schande!

Sein Ehrgefühl war stark dadurch verletzt. Und wie tief wurde es in der Gefangenschaft erst verletzt! Hier entschloß er sich fest, nie in die Gefangenschaft zu gehen. Lieber durch die Wälder ziehen, als Gefangener zu sein. Lieber hungern, als ein Stück Brot von einem hochmütigen Sieger anzunehmen. Siebert glaubte diese Erniedrigung nicht ertragen zu können. Zu vielen [?] Gefühlen kam noch der eingeimpfte Patriotismus zum Sowjetstaate, dem er vollkommen unterlegen war. Die Hoff- **[S. 79]** nung auf einen Sieg der Roten Armee stieg von Zeit zu Zeit immer wieder auf. Die vielen Unzulänglichkeiten wollte er nicht auf die wirklichen Ursachen zurückführen. Er glaubte immer noch, daß die örtlichen Behörden an allem Schuld seien, während der Kommunismus, seiner Meinung nach, die einzige richtige Weltanschauung war, die der Menschheit Gerechtigkeit garantiert. Er wollte nicht zugeben, daß der Weg, den er ging, falsch und irrig sei, daß das Sowjetsystem den Völkern Rußlands die Freiheit geraubt hatte. Die vielen Bücher von Lenin und Stalin, die er gelesen hatte, hatten tiefe Spuren zurückgelassen. Zu gründlich war die kommunistische Erziehung gewesen, als daß sie mit einem Schlage abzuwerfen wäre [?]. Dies alles abzuschütteln, schien Siebert eine zu große Untreue zu sein. Ehrlos und wortbrüchig sein? Nein, dazu konnte er sich hier an der Straße nicht entschließen. Rasch ging er zu Mischa und erklärte ihm seine Meinung, der sie ebenfalls teilte. Im Schuppen konnten sie nicht bleiben, denn würde man sie hier antreffen, so könnten sie auf der Stelle erschossen werden. Sie mußten auf die Straße und frech ihre Wege gehen, wie es nun einmal Gefangene tun, die von Freunden aus dem Gefängnis befreit wurden.

Kaum auf die Straße getreten, standen sie inmitten einer deutschen Nachschubkolonne. Die deutschen Soldaten saßen singend auf ihren Autos. Einige aßen, was Siebert und Mischa sofort auffiel, denn erstens waren sie hungrig genug, um es [?] etwas zu bemerken, und zweitens fiel es ihnen deshalb auf, weil die sowjetische Propaganda von einem Hunger in der deutschen Wehrmacht sprach. Andere tranken unter den Klängen ihrer Akkordeons. Keiner der Deutschen dachte daran, die zwei Bett-

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**[S. 80]** …[fah]rer anzuhalten oder sie sogar zu erschießen. Im Gegenteil: man warf ihnen sogar Brotschnitten vom Wagen zu. Mischa und Siebert gingen aber gesenkten Hauptes daran vorbei, so gerne sie diese auch aufgehoben hätten, aber noch hatte der Hunger ihren Stolz nicht vernichtet, noch erlaubte es ihnen ihre Ehre nicht, ein Stück Brot aus dem Straßengraben aufzuheben, das ihnen von Feinden großzügigerweise zugeworfen wurde. Vorbei ging es an der endlosen Wagenkolonne, beladen mit dem verschiedensten Kriegsgerät. Riesige Kanonen polterten die Straße entlang. Gewaltige Anhänger, von überschweren Zugmaschinen gezogen, trugen große Pontonbrücken zum Dnjepr. Kein deutscher Soldat lief zu Fuß, wie in der Roten Armee. Ganze Einheiten auf Krafträdern überholten sie. Die Soldaten waren sauber gekleidet und hatten die gepflegten Uniformen im Gegensatz zu den zerlumpten Uniformen der Rotarmisten mit ihren geschorenen Köpfen. Die zwei im Straßengraben gingen auch an jenem Abend immer noch neben der Kolonne, die nie abzureißen schien, in Richtung Gomel. Mit Einbruch der Dämmerung bogen sie von der Straße ab, um in einem Strohschober ihr Nachtlager aufzuschlagen. Als sie am Morgen mit schnurrenden Magen erwachten, schlossen sie sich den Fahrzeugen wieder an und sahen zu, wie immer neue Einheiten auf die Stadt Gomel zurollten. Siebert und Mischa waren nun gespannt, wie Gomel dem Feinde widerstehen werde, denn man behauptete, die Rote Armee werde diesem zu weit vorgedrungenen Feinde widerstehen! Angesichts dieser Streitkräfte, vom Fuße bis zum Kopfe erstklassig ausgerüstet, war es für sie vollkommen klar, daß auch bei Gomel mit einer Niederlage der Russen zu rechnen ist, obwohl man behauptete, eine starke Verteidigungslinie errichtet zu haben.

**[S. 81]** Wieder eine Nacht unter freiem Himmel verbracht, allerdings nach einem kräftigen Frühstück bei einer mitleidigen Bäuerin, lasen sie an den Kilometersteinen den hundertsten Kilometer ihres Marsches ab. Deutlich sahen sie die Türme von Gomel. Den Schritt dorthin lenken, würde bedeuten, der Vernichtung entgegen zu gehen. Die Stadt mußte umgangen werden. In den frühen Morgenstunden, es dämmerte kaum, schreckte Siebert ein fürchterliches Motorengeräusch auf. Viele Schlachtflugzeuge, begleitet von Jägern, flogen Gomel an. Nach wenigen Minuten erbebte die Erde unter den schweren Explosionen der Bomben. Rauchwolken steigen hoch. Ganz Gomel ist in Rauch und Staub gehüllt. Als der Rauchschleier endlich fällt, scheint es Tag zu sein, denn eine Stadt, von Flammen erfaßt, erleuchtet die Gegend in weitem Kreise. Was die Bomben und Flammen verschonten, wird durch ein kurzes Trommelfeuer, das den Angriff auf die Stadt einleitete, gänzlich zerstört. Mehrere Tage wehrte [?] sich die Stadt verzweifelt, doch dann wird auch sie von der erdrückenden Übermacht zu Boden gezwungen.

Der Marsch fiel den beiden doch schwerer, als sie gedacht hatten und am dritten Tage, als sie Gomel umgangen wollten [sic], merkten sie, daß ihre Kräfte schwanden. Wenn sie weiter gehen wollten, mußten sie unbedingt mehr Nahrung haben. In den Ortschaften konnten sie aber nur selten etwas bekommen. Nicht daß man ihnen nichts geben wollte, nein, aber die Angst, Soldaten zu beherbergen, war Schuld daran, daß man ihnen nur selten die Tür öffnete. Oft gingen sie die ganze Ortschaft ab, um ihren Hunger zu stillen, aber niemand war bereit ihnen zu helfen. Siebert machte Mischa den Vorschlag, an der Eisenbahnstrecke entlang

**[S. 82]** zu gehen. Sie könnten dort schneller vorankommen und auch besser Nahrung finden. Gesagt, getan. Schon am nächsten Morgen standen sie an der Strecke Gomel—Bachmatsch. Kein Zug fuhr auf den Gleisen, keine Eisenbahnwärter bewohnten die Häuschen, die in regelmäßigen Abständen standen. Jeden Abend war jetzt die Herberge sicher, man mußte nur immer der erste [?] auf der Suche nach einem warmen Quartier sein. Bei jedem Häuschen war auch ein kleiner Garten, in dem es Kartoffeln und Gemüse gab. Einmal am Tage wurde jetzt regelmäßig warm gegessen und wenn man Glück hatte, fand man auch noch bessere Lebensmittel in den Kellern oder sogar ein verlassenes Huhn auf dem öden Hof des geflüchteten Eisenbahners.

Längere Zeit ging alles ganz reibungslos, bis an einer Stelle vor dem Bahnhof „Dotsch" eine deutsche Streife alle sammelte, die auf den Gleisen entlang kamen. Wieviele marschierten in jenen Tagen wie Siebert und Gorbunow? Wenn sonst das Märchen vom Gefängnis immer geholfen hatte, so war man dieses Mal doch hereingefallen. Siebert und Mischa mußten sich der Kolonne anschließen und gegen Abend landeten sie in einem Kriegsgefangenen-Lager [sic]. Die Leute lagen hier unter freiem Himmel und ohne Verpflegung. Die Freunde suchten in der Nacht ein Loch im Drahtzaun und entwichen, um weiter ihren Weg auf den Gleisen zu gehen, immer kurz hinter der deutschen Kampflinie. Sie passierten Mena, Klingy [?], bis sie endlich nach Bachmatsch, einem großen Eisenbahnknotenpunkt kamen. Siebert und Mischa mieden die Menschen auch aus einem anderen Grunde. Die Mehrheit der Bauern und Arbeiter waren mit dem bestehenden Regime in Rußland nicht zufrieden und gaben ihrer Empörung, jetzt

**[S. 83]** nachdem die Bolschewiken vertrieben waren, freien Lauf. Man konnte jetzt über alles sprechen, was die Menschen Jahrzehnte lang bedrückt hatte. Sie hatten Hoffnung auf ein freies Leben. Sie glaubten an einen zukünftigen Wohlstand. Jetzt brauchen sie nicht mehr für einen alles verschlingenden Staat in der Kolchose zu schuften. In vielen Ortschaften, wo die Bolschewiken vertrieben waren, ging man den deutschen Truppen mit Brot und Salz, das Zeichen der Gastfreundschaft, entgegen. Die russische Bevölkerung glaubte, daß die Deutschen ihr die ersehnte Freiheit bringen würden. Anfangs hatte es den Anschein, als ob ihre Hoffnungen und Wünsche in Erfüllung gehen würden. Die Weißrussen und Ukrainer waren den Deutschen 1941 wirklich freundschaftlich gesinnt. Partisanen waren eine Seltenheit. Sie waren nur dort, wo versprengte Truppen der Roten Armee als solche tätig waren. Diese Einstellung der Bevölkerung war Siebert und Mischa fremd, ja sie waren sogar empört darüber, denn es war für sie unverständlich, daß man einen Feind gerne sehen kann.

Müde schritten sie durch ein Dorf, als sie plötzlich von einem greisen Mann angerufen werden. Siebert bleibt stehen und unterhält sich mit ihm. Der Alte wußte von früheren Zeiten zu erzählen. Seine Augen glühten, wenn er von Freiheit und Wohlstand sprach. Man hatte ihm während der Sowjetmacht alles genommen: seine Pferde und Kühe, Schweine und Schafe, seine Felder und Wiesen waren gesellschaftliches Eigentum geworden. Er besaß nichts mehr. Selbst die Kinder hatte man ihm geholt. Sie waren in Gefängnissen, in fernen Betrieben und ein Sohn mußte als Soldat in den Krieg gehen. Nun glaubte er, daß die Deutschen ihm und den vielen anderen gegenüber Gerechtigkeit üben.

**[S. 84]** Er schimpfte auf die Sowjetregierung, auf Stalin, die an dem Elend Schuld waren. Der Alte wollte in seinem hohen Alter noch einmal von vorne anfangen. Ein Pferd und Wagen besäße er [?]. Die Kolchose sei jetzt aufgelöst worden [?] und er würde dann seine eigene Scholle pflügen, würde Korn säen und im Herbst seine eigene Ernte einheimsen. Er wähnte sich jetzt schon glücklich für sich arbeiten zu können. Beim Anhören dieser Worte wurde Siebert und seinem Freunde doch schlecht. Als hätten sie vor dem Alten Angst, verabschiedeten sie sich und gingen eiligen Schrittes weiter. Gegen Mittag erreichten sie den Bahnhof Bachmatsch. Schon aus der Ferne vernahm man starke Detonationen. Ob der Ort umkämpft wird? Aber die Detonationen erfolgten in regelmäßigen Zeitabständen. Eine Schießerei war nicht im Gange. Die Neugierde trieb die beiden in den Ort. Direkt am Bahngleis stand ein riesiger Getreide-Elevator, den die Russen vor ihrem Abzug in Brand gesteckt hatten. Dieser war bis oben zu mit Getreide gefüllt. Im Getreide lagen aber in Schichten Minen, Geschosse und andere Munition. Die Glut brachte sie von Zeit zu Zeit zur Explosion, wobei das Getreide weit in die Gegend geschleudert wurde. Die Bevölkerung lief dann Hals über Kopf zur Seite. Die Menschen waren von weit und breit trotz der großen Gefahr herbeigeeilt, um sich das Getreide zu holen. Sie wollten nicht verhungern. Andererseits hatten sie endlich Gelegenheit sich an dem verhaßten Staat zu rächen und die ihnen geraubten Güter wiederzuholen. Mit Handwagen, Karren, Pferdegespannen und Säcken waren sie erschienen. Gierig rafften sie Eimer und Säcke voll. Man konnte auch geröstetes [?] bekommen. Plötzlich explodierte wieder eine Schicht Minen. Große Rauchwolken

**[S. 85]** verdeckten im Augenblick alles. Wilde Schreie durchdrangen die Lüfte. Verheerend war das Bild, als die Rauchschwaden verschwunden waren. Die oberen Wandteile waren eingestürzt. Unter den Steinmassen stöhnten die Menschen. Andere lagen mit abgerissenen Gliedmaßen im Getreide. Weinend saß ein fünfjähriges Kind neben der toten Mutter, die in der abgerissenen Hand noch den Bügel ihres Eimers hielt. Siebert sah, daß sich dieses Bild nun schon mehrere Male wiederholt hatte und glaubte, die Menschen würden jetzt endlich diese Schreckensstätte verlassen. Doch er hatte weit gefehlt. Kaum daß die Rauchsäulen verweht waren, stürzten sie sich wieder auf das goldgelbe Korn, als wäre nichts geschehen. Sie wußten nur eines: Hier gibt es Brot für die hungernde Familie und so eine Gelegenheit hat man nicht alle Tage. Siebert versuchte sich in die Lage dieser Menschen hineinzudenken. Doch im selben Augenblick wurde er von einem starken Luftdruck einer weiteren Detonation zu Boden geschleudert. Jetzt nur fort von hier! Im weiten Bogen umgingen sie den Bahnhof, denn auch hier war alles in Gefahr. Brennende Munitionszüge warfen wie mit gewaltiger Hand Tod und Verderben auf die Menschen. Einem dieser Züge war ein Waggon mit leeren Fässern angehängt worden. Im Trapp fährt ein Bauer hier vor und beladet seinen Wagen. Siebert zählte bereits das zwanzigste Faß und der Bauer lud immer noch weiter auf. Was kann er nur mit den Fässern wollen? Siebert ging zu ihm und fragte, wozu er die vielen Fässer denn benötige. Staunend schaute der Bauer den Fragenden an:

„Mann, begreifst du nicht, daß wir jetzt allein wirtschaften werden? Jeder für sich und nicht in der Kolchose. Da braucht man so allerhand."

**[S. 86]** Kopfschüttelnd gingen die zwei weiter. Es schien ihnen, als wäre ganz Bachmatsch verrückt geworden, denn selbst das Schulgebäude wurde abgebrochen. Mehrere Fahrzeuge standen auf dem Hofe und einige Männer waren eifrig dabei, die Dachziegeln abzumontieren. Kinder trugen sie auf die Wagen. Balken, Türen, Fenster und Fensterrahmen wurden ausgehoben und weggefahren. Das Schulhaus war das einzige größere Haus, das nicht von den abziehenden russischen Truppen in Brand gesteckt worden war. Da alles, was irgendwie an das Gemeinschaftsleben erinnerte, verschwinden mußte, überlegten die Männer nicht, daß sie die Klassenräume später selbst benötigen würden. Eine unüberwindbare Habsucht hatte sie befallen. Menschliche Gefühle wurden hier wieder rege, die die Bolschewiken vorgaben, längst mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu haben. Sie predigten immer, daß die Menschen im Kommunismus nicht danach trachten würden, mehr zu besitzen, als sie unbedingt zum Leben benötigen. Jeder soll im Kommunismus so viel arbeiten, wie er kann und nehmen, so viel er braucht. Die Bolschewisten [sic] behaupteten, die Sowjetmenschen seien reif für den Übergang zum Kommunismus. Doch hier zeigte sich in aller Eindeutigkeit das Gegenteil. Der Mensch bleibt Mensch trotz aller Unterdrückung. Sobald der Druckhebel verschwindet, kehren alle Eigenschaften wieder, die erst kaum zu bemerken waren. Die Strebsamkeit nach etwas Eigenem, nach freiem Handeln und Schaffen, nach eigener Initiative bricht sich Bahn und zwar sofort nach Beseitigung der Unterdrückung. Die Menschen freuten sich, endlich nicht mehr unter der Vormundschaft der Brigadiere arbeiten zu müssen, endlich einmal die Früchte ihrer Arbeit zu sehen und selbst über sie zu verfügen.

**[S. 87]** Diese Freude hatten die Bolschewisten [sic] ihnen lange genug genommen. In der Kolchose war man bereits am zweiten Tage nach dem Abzug der Roten Armee mit der Aufteilung der Geräte und des Viehs beschäftigt. Die Gemeinschaftsstallungen, soweit sie erhalten geblieben waren, wurden abgebrochen und verteilt. Noch herrschte eine wüste Unordnung, obwohl die neugewählten, teils von den Deutschen eingesetzten Bürgermeister krampfhaft bemüht waren, Ordnung zu schaffen.

Ein reges Leben entwickelte sich in den Kirchen. Nur selten waren die Gotteshäuser heil geblieben. Hie und da standen wohl noch die Ruinen, aber die Inneneinrichtungen waren seit langer Zeit verschwunden. Die Gläubigen, derer es plötzlich so viele waren, gingen daran, die Kirchen instand zu setzen. Auch in dieser Hinsicht zeigte sich deutlich, daß man mittels Gewalt eine Weltanschauung nur unterdrücken, aber nie vernichten kann. Die Geistlichen waren auch wieder da, mochte man auch noch so viele verschleppt und ermordet haben. Das kirchliche Leben blühte wieder, als wäre keine Unterbrechung von über einem Jahrzehnt gewesen. Die Stärke des christlichen Glaubens trat offen zutage.

Siebert und Gorbunow hatten den Stadtrand von Bachmatsch erreicht und mußten zu ihrem Entsetzen feststellen, daß die Deutschen Gefangene sammeln. Ehe sie sich versahen, waren sie gefaßt und in ein Lager gebracht. Tausende von Menschen lagen hier auf engstem Raum zusammengetrieben. Die Deutschen waren nicht in der Lage Verpflegung für diese Masse herbeizuschaffen. Hunger, Krankheiten und Wunden plagten die Kriegsgefangenen. In der Nähe ansässige Gefangene wurden entlassen, während der größte Teil aber aus Zentral-Rußland stammte und dableiben mußte. Die

**[S. 88]** beiden Freunde sahen das grenzenlose Elend, das auch sie ergreifen konnte. Sollten sie hier etwa zugrunde gehen? Nein, flüchten, nur fort von hier! Das war allerdings nicht so einfach getan wie gesagt. Siebert ging zu einem deutschen Soldaten und bat ihn um Erlaubnis, nach Wasser gehen zu dürfen. Die deutschen Laute flößten etwas Vertrauen ein und Siebert und Mischa gingen zum nahen Brunnen, um dann blitzschnell hinter einem Hause zu verschwinden. Von hier aus gingen sie noch vor Einbruch der Dunkelheit auf dem schnellsten Wege aus Bachmatsch in Richtung Romny.

## Das Wochenbett im Straßengraben.

Nun ging es nicht mehr in östlicher Richtung, sondern dem Süden zu. Der Herbst mit seinen kühlen, teils schon kalten Nächten hatte Einzug gehalten. Siebert und Mischa betrachteten immer häufiger ihre dürftige Kleidung, die nun vollends zu Fetzen geworden war. Wie sollte es im Herbst werden? Die schlechte Kleidung war wohl der Hauptgrund, weshalb sie sich nach dem Süden wandten. Wenn die Deutschen dort rechtzeitig den Dnjepr überschritten, können sie bis in den Molotschansker Kreis kommen, wo ein Onkel von Siebert wohnte. In dem Falle wäre beiden geholfen, denn der lange Weg und dazu ihre schwachen Kräfte werden ein Erreichen des Ortes vor dem Winter unmöglich machen [?]. Ein Trost für sie war, daß sie nicht allein die Schwellen der Eisenbahnstrecke zählten. Unzählige Flüchtlinge: Frauen und Kinder, Greise und

**[S. 89]** Soldaten, Häftlinge und Vertriebene belagerten die Straßen. Bilder des Entsetzens, der völligen Verzweiflung waren keine Seltenheiten.

Schwere Gewitterwolken hingen am Himmel, als Siebert mit seinem Freunde weitergehen wollte. Vor dem Regen gedachten sie noch eines der Bahnwärterhäuschen zu erreichen. Auch hier hatte der Krieg diese einzige Wohnstätte vernichtet. Alle waren sie verbrannt. Das Bett mußte auf der Wiese, im Straßengraben zurechtgemacht werden. Schon waren sie dabei einzuschlafen, als beide auf das Stöhnen einer müden Frau, die über die Schwellen stolperte, aufmerksam wurden. Langsam, den Oberkörper weit nach vorne gebeugt, kam sie näher. Als sie die beiden Männer erblickte, sah man in ihren Augen für kurze Zeit Freude aufblitzen. Sie war nicht mehr allein, sie konnte mit jemand sprechen! Sie hoffte, daß ihr diese Männer nötigen Falls auch helfen würden. Schweratmend setzte sie sich ins Gras und klagte den Fremden ihr Leid. Als der Krieg begann, wohnte sie in Lemberg. Ihr Mann war zur Roten Armee gezogen worden [?]. In ihrer Angst vor den deutschen Truppen ließ sie alles stehen und flüchtete nach dem Osten. In Charkow wohnten ihre Eltern. Nun sollte sie heute Nacht oder morgen früh ein Kind gebären. Wie sollte es nun werden? Wer sollte der armen Frau helfen? Weit und breit keine menschliche Behausung. Auch die Frau mußte unter freiem Himmel übernachten. Siebert und Mischa waren beide fest eingeschlafen — die Müdigkeit und der Hunger taten das ihrige. Als sie am Morgen erwachten, lag die Frau mit ihrem neugeborenen Kind im Graben. Selbst in dieser schrecklichen Zeit geschahen Wunder: Mutter und Kind waren schön gesund. Siebert versprach der Frau im nächsten

**[S. 90]** Ort einen Bauer zu bewegen, sie abzuholen, was er auch gegen Mittag bereits tat. Ein gutmütiger Ukrainer spannte seinen Gaul vor den Wagen und brachte die Wöchnerin ins Dorf.

Kurz vor Romodan, eine Stadt etwa 20—100 Kilometer [?] vor Krementschug, wurde Siebert plötzlich krank. Seine Körperkräfte waren zur Neige gegangen. Mitten im freien Felde machten sie Halt. Erst am nächsten Mittag war er soweit, daß sie mühsam bis zum nächsten Ort gehen konnten. Doch weiter ging es nicht. Diesmal hatten sie in ihrem Unglück wirklich Glück, denn sie durften bis Sieberts Genesung bei einer Bäuerin bleiben. Das warme Essen und die warme Stube taten dem Kranken gut.

## Krementschug—Weißrußland—Krementschug.

Nach drei Tagen war er wieder hergestellt und nun passierten sie Romodan und erreichten nach einigen Tagen ihre frühere Garnisonsstadt Krementschug. Die Straßenzüge waren, soweit sie die Kampfhandlungen nicht umgerissen hatten, vertraut. Sie kannten sich hier genau aus, denn oft genug waren sie die Straßen abgelaufen und trotzdem schlichen sie von Straßenecke zu Straßenecke wie Verbrecher, die angehalten werden [?] vermieden werden wollten [?]. Plötzlich standen sie am Ufer des Dnjeprs. Am anderen Ufer liegt die Kaserne. In ihrem Lager sind ihre Zivilsachen. Ob die dort erhalten geblieben sind? Dann sind sie gerettet, denn ihre Koffer enthalten alles, was man fürs erste braucht. Nur so schnell wie möglich rüberkommen. Aber

**[S. 91]** wie? Die frühere Brücke mit ihrer 800 Meter-Länge ist gesprengt worden und nur einzelne Pfeiler ragen, als würden sie um Hilfe rufen, aus den Wellen. Es gibt wohl eine Behelfsbrücke, doch die wird strengstens bewacht. Kein Zivilist darf sie betreten, es sei denn, er hat einen Passierschein. Den würde ihnen aber keine Ortskommandatur [sic] ausstellen. Also wieder bitten gehen. Siebert erzählte dem Wachposten das Märchen von ihrem angeblichen Aufenthalt im Zwangslager und von den Eltern, die jenseits des Dnjeprs wohnen sollten. Der Soldat läßt sich überreden und die beiden laufen über die Brücke. Am anderen Ufer angekommen, schauen sie lange auf die Kaserne, wohin sie unter allen Umständen kommen müssen. Ehe sie sich versehen, stehen sie vor dem Haupttor. Die Kaserne ist von einer deutschen Flakeinheit belegt. Es ist ziemlich riskant, in den innern Hof zu gehen und so entschließen sie sich erst einmal Umschau zu halten. Zivilisten berichten, daß die ganze Kaserne und die Lagerräume nach dem Abmarsch der Roten Armee geplündert wurden. Die Koffer haben sich keine Zivilisten angeeignet [?]. Die Hoffnung auf gute Kleidung ist hin. Sie müssen weiter in ihren Lumpen laufen, bis in Kälte und Regen, bis sie erkranken. Nein, nur nicht krank werden! Das ist der sichere Untergang. Es muß ein Ausweg gefunden werden.

In einer Unterhaltung mit Ansässigen erfährt Siebert, daß in der Gegend von Krivoj Rog deutsche Kolonien sind. Man nennt ihm den Ort Terny. Eine genaue Anschrift ist es nicht. Mischa ist der Ansicht, daß sie auf einer Sowchose bleiben müssen, wo sie arbeiten könnten und gleichzeitig für den Winter eine Bleibe hätten. Siebert ist aber fest entschlossen, eine deutsche Kolonie zu suchen, denn dort kann ihm geholfen

**[S. 92]** werden, dort wird er Freunde haben, die denken und fühlen, wie er fühlt. Er wird unter Deutschen sein, die dasselbe Schicksal, wie er, tragen. Nichts kann ihn von seinem Vorhaben abbringen. Am nächsten Tage, es ist Ende September, gehen sie in Richtung Krivoj Rog.

Die Lage der beiden Freunde wird immer aussichtsloser. Kalt pfeift der Wind um die Ohren. Das feuchte Wetter dringen [sic] bis auf die Knochen durch die Lumpen, in die sie gehüllt sind. In dieser Gegend sind die Verhältnisse soweit geordnet, daß keine Person ohne polizeiliche Anmeldung im Dorf übernachten darf. Selten wird ihnen eine Herberge geboten. Mischa besteht weiter energisch darauf, in einer Sowchose Arbeit zu suchen. Er glaubt nicht daran, daß sie je eine deutsche Ortschaft treffen und wenn schon, dann dürfte es längst Winter geworden sein.

Am 2. Oktober stehen sie auf dem völlig in Nebel gehüllten Marktplatz von Pjatichatka. Eisige feuchte Kälte nötigt zur Eile. Wohin? In der Nähe ist eine Sowchose. Sollen sie nun wirklich ihre Schritte dorthin lenken? Immer unter fremdsprachigen Menschen sein möchte Siebert durchaus nicht. Mischa, der nur seine russische Muttersprache beherrschte, wäre es schon lieber gewesen. Er hat bereits den Weg erkundigt und bittet Siebert zum hundertsten Male, endlich diese lange Wanderschaft und die Suche aufzugeben, als dieser einen alten, gutmütig aussehenden Mann im Garten erblickte und ihn um Auskunft bittet. Er muß es wissen, denn ein sechzigjähriges Leben spricht ganz bestimmt [?]. Und wirklich, er bestätigt, daß eine deutsche Kolonie etwa 10—12 Kilometer von hier entfernt liegt. Alexandrowka ist weit und breit bekannt, wie der gesprä-

**[S. 93]** chige Ukrainer sagte. In 3 Stunden wären sie dort, meint er. Siebert konnte sich vor Aufregung kaum seinem Freunde sagen [?], daß sie in wenigen Stunden am Ziele sein können. Was ihrer dort harrt, ist ja egal, denn schlimmer und verzweifelter konnte die Lage kaum werden. Mischa konnte seine Verärgerung nicht darüber verbergen, daß sein Freund nun wieder einen triftigen Grund hatte, weiter zu gehen. Er war des langen Gehens müde geworden. Wie lange sollte es dauern. Abgehärmt, verzagt und in Lumpen, die vollkommen verlaust waren, gekleidet, gingen sie ziellos schon zwei lange Monate Tag für Tag. 1200 Kilometer hatten sie in dieser Zeit zurückgelegt. Wie oft waren sie müde gewesen, die Füße wund gelaufen? Jetzt noch weiter gehen? Nein, möge Siebert allein gehen, so gerne er ihn auch leiden mochte, kann er nicht mehr mit. Er bleibt hier. Was sollte er in der Kolonie? Man würde ihn stets schief ansehen, keines freundlichen Wortes oder Blickes würdigen. Nein, er bleibt. Siebert bittet ihn doch vernünftig zu sein und mitzukommen. Die Menschen in der Kolonie werden gut sein, sie werden ihnen Arbeit geben und daß sie schließlich alles was sie brauchen [?]. Er dürfe die Deutschen nicht verurteilen, bevor er sie überhaupt kennengelernt hat. Weggehen können sie ja immer noch. Noch heute bis Abend weiter auf der Straße, dann nicht mehr. Noch einen Tag und Siebert will seinen Vorschlag annehmen. Er bat seinen Freund, nicht Angst zu haben, die deutschen Kolonisten hätten selbst zuviel Leid erfahren, als daß sie anderen Leid zufügen könnten. Und letzten Endes wollten sie ja nichts Unbescheidenes: nur Arbeit, eine Bleibe nach der Arbeit und das Nötigste zum Leben verdienen. Das wollte Siebert schon einrichten. Mischa könne sich

**[S. 94]** auch in Zukunft auf ihn verlassen. Als dieser immer noch zweifelte, schritt Siebert kurz entschlossen allein in den Nebel. Sein Freund zögerte immer noch, gedachte wohl der Verdienste, die Siebert während der ganzen Reise verdient hatte. Er war immer vorangegangen. In den schwierigsten Verhältnissen hatte er sich immer wieder eingesetzt und Mischa wurde nicht angehalten und ins Lager gebracht, nein, er ging weiter frei auf der Straße. Würde er sich jetzt allein zurechtfinden? Wäre es nicht besser mit Siebert zu gehen? Einen Tag noch. Eiligen Schrittes ging er auch in die neblige Straße, in der Siebert bereits verschwunden war. Als dieser seinen russischen Freund sah, schenkte er ihm nur ein mitleidiges Lächeln. Siebert wußte zu gut, welche Gefühle Mischa bewegten, denn er wollte mit seinem Volke sein. Er fürchtete die Einsamkeit, die die Not nur noch vergrößern würde. Nun gingen sie schnurstracks über Stoppelfelder, Hügel und Täler vorwärts. Weit und breit kein Dorf in Sicht, nur in der Ferne ein geometrischer Punkt auf den sie drauflossteuerten. In der Nähe des Turms mußten Ortschaften liegen. Siebert besteigt den sieben Meter hohen Turm und wirklich, hinter einem Hügel rechts liegt ein Ort. Es kann nur ein ukrainischer Ort sein. Links hinter dem Wäldchen ragen lange Dächer hervor, die es in einem ukrainischen Ort nicht gibt. Freudig ruft Siebert Mischa zu: „Eine deutsche Siedlung! Wir sind da!" Schnell war er unten und schon ging es in das Wäldchen, in das die herbstliche Sonne noch einmal Wärme brachte. Das Laub raschelte unter den Füßen, es wollte damit ganz deutlich sagen: Es ist Herbst geworden, das Leben im Walde erlicht [sic]. Die Vögel waren längst abgezogen — eine Totenstille herrschte im Kreise. Plötzlich überfiel die beiden eine er-

**[S. 95]** drückende Müdigkeit, eine Müdigkeit, die jeden überwältigt, der nach langen Strapazen endlich am Ziele ist. Die Kräfte sind aufgebraucht, ja schon lange. Jetzt ist es nicht mehr nötig, den Körper zu zwingen, Ziele zu erreichen [?], und man spürt, auch das Letzte hergegeben [?]. Er erschlafft und man spürt, wie nötig die Ruhe ist. Siebert und Gorbunow setzten sich ins Gras. Es wurde kein Wort gewechselt: jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Eine Kluft schien zwischen den beiden entstanden zu sein, die nicht wieder zu überbrücken war. Gorbunow schien es nicht zu vergessen, daß er seinen Willen dem Willen des Freundes unterordnen mußte. Er fürchtete den weiteren Lauf der Entwicklung. Mischa wollte keine, auch nicht die geringste Abweichung von der erworbenen, von der eingeprägten Weltanschauung, und doch wußte er, daß vieles an ihr falsch und faul war. Der Ehrgeiz dieses Menschen ließ es nicht zu, daß er zugab — jahrelang einer verlogenen Idee gedient zu haben. Er wollte es einfach nicht glauben, so lang auf Irrwegen gegangen zu sein. Und doch beugte er sich dem Willen Sieberts. Nach einer Stunde Rast erhoben sie sich und gingen dem Ortseingang zu, wo sie bereits den Ortsnamen „Neuland" (ehemaliges Alexandrowka) deutlich auf einer großen schwarzen Tafel in Deutsch und Russisch lesen konnten.

## Kapitel 3.

## Unter deutschen Menschen.

**[S. 96]** Neuland lag auf einer flachen Ebene, von der östlichen Seite von einem schmucken Wäldchen geschützt, einsam als einzige deutsche Kolonie im Kreise Pjatichatka. An der geraden Straße lagen beiderseits etwa 35—40 Häuser, die wohl alle einst schön ausgesehen haben mochten, durch die schweren Jahre leider ziemlich vernachlässigt wurden und somit ein schlagendes Zeugnis für die Armut des Ortes darstellten. Und trotzdem überkam Siebert ein beruhigendes Gefühl, als er das erste Haus erreicht hatte. Die Ruhe wurde aber sofort von anderen Gedanken verdrängt. Sind es wirklich deutsche Menschen, die hier wohnen? Wie werden sie ihn empfangen? Er konnte es aber auch nicht fassen, daß er hier als Bettler, als Vertriebener, der einem Landstreicher gleicht, erscheint. Und dennoch trieb ihn die Sehnsucht nach Ruhe weiter die Straße entlang.

Heiß brannte zum letzten Male die herbstliche Mittagssonne. Keine Menschenseele weit und breit. Die Mitwohner [sic] waren teils auf dem Felde, teils gingen sie der Arbeit in den Häusern nach. Während Siebert und Mischa immer noch überlegten auf welches Haus sie drauflossteuern sollten, standen sie auf der Dorfstraße. Das erste war zu groß, denn sie hatten die Erfahrung gemacht, daß Leute in besseren Verhältnissen weniger Verständnis für die Not ihrer Mitbürger haben. Also weiter gehen. Das zweite hatte sämtliche Fensterläden verschlossen und schien aus diesem Grunde weniger ver-

**[S. 97]** trauenswürdig. Ein kleines Häuschen etwas weiter von der Straße gelegen, hinter hohen Bäumen versteckt, erweckte den Anschein, daß dort gute Leute wohnen. Ihrer Aufregung und ihres Zweifels noch nicht ganz Herr, überlegten die beiden Freunde noch einmal, womit sie ihr Erscheinen begründen sollten. Eigentlich wollten sie Arbeit für den Winter suchen. Sie mußten erfahren, wo der Bürgermeister zu finden ist. Das konnten sie wohl in diesem Hause tun. Zögernd lenkten sie ihre Schritte auf das Haus zu. Allein schon die Fenstern [sic], so warm sie auch wirkten, und die Türen waren so vertraulich. Sie erinnerten an das ferne Zuhause. Gerne öffnete man ihnen auf ihr Klopfen die Tür. Im Hause selbst waren nur Frauen, die sich ängstlich hinter einen großen Tisch drängten, als Siebert und Mischa das Zimmer betraten. Siebert bemerkte ihre Angst. Sie glaubten totsicher Bettler vor sich zu haben und berieten gerade, womit sie die Männer abfertigen könnten. Sie sprachen ja deutsch, ja sogar die Mundart, die ihn seine Mutter lehrte. Schnell schaltete er sich mit einer Frage nach dem Bürgermeister ins Gespräch ein. Wie erstaunt waren die Frauen, als der Mann in den Lumpen sie in ihrem Platt anredete. Sofort war das Eis gebrochen. Nun plauderte man lustig drauflos. Was gab es nicht alles zu erzählen! Erst am späten Nachmittag gingen die beiden dem Hause des Bürgermeisters zu. Bürgermeister Driediger war ein Mann Mitte der dreißiger Jahre. Die Härte der Zeit hatte seine Gesichtszüge stark gekennzeichnet. Er wies den beiden die zwei nächsten Häuser an, ging mit ihnen selbst dorthin und besprach mit den Bauern die Angelegenheit. Hier durften Siebert und Mischa nun bleiben. Jetzt hatten sie eine Bleibe für den Winter. Arbeit finden und das war ja

**[S. 98]** schließlich die Hauptsache. Die Familie Derksen, bei der Siebert untergebracht war, lebte in einem kleinen Häuschen mit ihren Kindern. Der Krieg hatte die Not dieser Familie noch mehr gesteigert. Trotz aller Mühe waren die Eltern nicht in der Lage, das Notdürftigste für den Lebensunterhalt zu beschaffen. Siebert wurde sehr freundlich aufgenommen, und was Frau Derksen ihm bieten konnte, wurde ihm zuteil. Wie froh war er, nun unter Menschen zu sein, die sich seiner annahmen. O, er wußte jede Kleinigkeit zu schätzen, er wußte zu gut, was es bedeutet, jeden Abend ein Nachtlager zu haben, wenn es auch nur aus Stroh auf dem Lehmboden, einem Kissen und einer Decke bestand. Es war schon viel wert, zu jeder Mahlzeit ein Essen zu bekommen, möge es auch spärlich sein. Mehr konnten diese guten Leute nicht. Sie taten ihr Möglichstes. Hätte Siebert den himmlischen Vater, den Lenker aller Dinge nicht vergessen, er hätte ihm gedankt, er wäre ihm zu unendlichem Dank verpflichtet gewesen. Aber leider kannte er in dieser Zeit den Heiland nicht mehr. Und so nahm er seine Geschicke voller Dankbarkeit als Selbstverständlichkeit an [?]. Wie wohl fühlte er sich unter diesen Menschen, die bereits nach einigen Stunden seine guten Freunde geworden waren. Er freute sich mit ihnen, über ihre Erlebnisse und Schrecken in der Zeit des furchtbaren Krieges [?]. Sie erzählten ihm von ihren Erlebnissen und Schrecken [?]. Als man im Dorfe erfuhr, daß Siebert vom Beruf Lehrer ist, sprach man davon, ihn an der hiesigen Schule anzustellen. Allgemeine [sic] hätte der Unterricht sofort begonnen, doch galt es erst eine Menge Schwierigkeiten zu beseitigen. Das Schulhaus war für den Winter nicht hergerichtet. Keine Lehr- und Lernmittel standen zur Verfügung. Ja, Siebert selbst

**[S. 99]** war ja nicht in der Lage in die Klasse zu gehen. Er konnte sich in seinen Lumpen nicht einmal auf der Straße zeigen.

Verdienstmöglichkeiten gab es wohl, aber das Geld hätte nie gereicht, um Kleidung zu kaufen. Daher war er gezwungen, im Hause zu bleiben. Die Dorfjugend zog am Sonntag lachend durch die Straße. Auch Siebert zog es dorthin, denn er zählte ja erst zwanzig Jahre. Mit Tränen in den Augen saß er am Fenster und schaute dem fröhlichen Treiben zu. Noch nie im Leben kam er sich so verstoßen vor, noch nie so allein, wie in jenen Tagen. Sollte er noch lange am Rande des Lebens stehen und aus der Ferne zusehen? Siebert haderte mit dem Schicksal. Immer wieder fragte er sich, womit er es verdient hatte, so hart bestraft zu werden. Daß es für ihn zum Heil werden sollte, wußte er damals noch nicht, ja, er ahnte es nicht einmal. Einen inneren Halt fand Siebert bei sich nicht. Er war fest davon überzeugt, daß Menschen an seiner Not Schuld sind. Er wußte nicht, vielmehr, er glaubte nicht, daß Gott das Schicksal, den Lebensweg eines jeden Menschen bestimmt. Immer dringender stellte er sich die Frage, was er wohl verbrochen habe. So oft er auch auf sein Leben zurückblickte, er fand keine Tat, keine Handlung, für die er so eine harte Strafe verdient hätte. Die Einsamkeit und Verlassenheit schien ihn schier zu erdrücken. Seine Augen trafen wieder die zerrissene Kleidung, schweiften über die in Lappen gehüllte Füße [sic] und starrten vor lauter Trostlosigkeit ins Leere. Das Lachen und Singen der Jugend hörte er längst nicht mehr — seine Gedanken waren in der Ferne bei seiner lieben Mutter, bei seinen Geschwistern. Bei ihnen war er wohl in steter, großer Sorge gewesen, aber trotz allem zu Hause. Bei

**[S. 100]** ihnen war einst seine Heimat. Als er sich wieder aufraffte, war längst alles still geworden, der Gesang war verstummt. Die Sonne neigte sich ganz tief dem Westen zu. In Neuland schien tiefer Friede zu sein, obwohl der alles vernichtende Krieg garnicht so weit entfernt war. Die Menschen glaubten allen Gefahren entronnen zu sein. Sie lebten in der Hoffnung, endlich wieder frei zu sein, für immer der drohenden Gefahr der Verschleppung entgangen zu sein. Sie arbeiteten für sich und ihre Kinder. Ja viele machten sich bereits Pläne für die Zukunft. Sie sahen sich wieder in guten Häusern, gut gekleidet, ein vernünftiges Leben führend.

Siebert bemerkte wohl die Hoffnungen seiner Mitmenschen, jedoch konnte er sie nicht verstehen. Sollte es nun tatsächlich anders werden? Wie konnte es möglich sein, daß die Ukraine von Deutschen verwaltet und besetzt gehalten wird? Sollte das System der Sowjets jetzt gefallen sein? Wie konnten die Menschen einem neuen System zustimmen? Oder hatten sie der sowjetischen Weltanschauung nahe gestanden? Vielleicht waren sie immer Gegner des vernichtenden Regimes gewesen, aber durch die Verhältnisse und unter der diktatorischen Überwachung der N.K.W.D. geschwiegen oder sich als Freunde derselben aufgespielt hatten. Diese Diktatur war jetzt mit einem Schlage verschwunden. Eine vollkommen neue Welt tat sich den Menschen auf und sie warfen sich der neuen Zeit in die Arme, in der Hoffnung in ihr ein besseres Leben zu führen, in ihr die Freiheit zu finden, nicht nur in feierlichen Proklamationen, sondern eine wahre Freiheit, von der die junge Generation nur noch aus Büchern und Erzählungen der Alten wußte. Daß diese Welt der „Neuordnung" aber auch nur Täuschungen bringen würde, ahn-

**[S. 101]** te keiner und hätte es auch jemand geahnt, so hätte er sich schnellstens davon befreit, denn niemand wollte es wahr haben.

Mit Grübeleien und Feststellungen verbrachte Siebert den Sonntag. Nachts wälzte er sich auf seinem kümmerlichen Lager. Noch quälten ihn die Läuse, die er in einer armen Hütte irgendwo in Weißrußland aufgegabelt hatte. Die Wäsche, die er trug, hing an seinem Leibe seit Juli, schon lange Monate. Selbst gebadet hatte er nicht mehr seit jener Zeit. Sein Körper roch und juckte an allen Stellen. Sein einziger Trost war, daß er sich nicht allein in so einer Lage befand. Nein, sein Schicksal teilten mit ihm Tausende und aber Tausende: Männer und Frauen, ja selbst Kinder und Greise kaum noch auf den Beinen trieben sich seit Monaten auf den trost- und endlosen Straßen Rußlands umher. Ihnen war noch ein schwereres Los beschieden, denn sie würden vielleicht nie so gute Menschen finden wie er. Die Liebe und Güte zu anderen Menschen, die nichts weiter als ihre Hilfsbedürftigkeit anzubieten hatten, war ein rarer Artikel und man konnte von großem Glück reden, wenn man sie fand und sie einem wirklich zuteil wurde. Meist wurde man schweigend abgewiesen, denn überall herrschte Not und Elend. Wenn man satte Menschen traf, so fehlte ihnen oft das Verständnis für die Not des anderen. Das russische Sprichwort: „Der Satte ist dem Hungrigen kein Freund" zeigte sich in seiner ganzen Härte.

Am Montag gingen Siebert und Mischa daran sich ihr Brot zu verdienen. Sie erschienen wie alle anderen Dorfbewohner, die zur Kolchose gehörten, auf dem Brigadenhof. Still und unauffällig stellten sie sich

**[S. 102]** in eine Ecke und warteten auf ihre Anstellung zur Arbeit. Sie fielen hier auch nicht auf, denn es war keine Seltenheit, daß Obdachlose und Hungrige in der Kolchose erschienen, um sich ein Stück Brot zu verdienen. Die Bauern musterten sie mit kurzen Blicken, tuschelten sich etwas zu und gingen ihre Wege. Da beide sehr mitgenommen aussahen, teilte der Brigadier sie zu einer verhältnismäßig leichten Arbeit ein. Mit ihnen arbeiteten mehrere Frauen an einer Reinigungsmaschine, selbst die Frau des Bürgermeisters war mit dabei.

In den ersten Monaten nach dem Rückzug der Sowjets blieben die Kollektivwirtschaften und Staatsgüter in ihrer früheren Form bestehen, mit dem Unterschied, daß man seine Arbeit bezahlt bekam und die Hoffnung hatte, daß die Kolchose schon nicht allzulange bestehen würden. Jeder freute sich auf den Tag, an dem er Herr auf eigener Scholle sein wird. Letzteres stärkte die Bauern ganz besonders, denn ihr Verlangen nach Selbständigkeit und nach der Möglichkeit, ihre eigene Initiative anzuwenden, war zu groß. Jahre lang hatte man sie angeschrien, gedroht und gehetzt. Jetzt sagte man ihnen, sie seien frei und können nach eigenem Gutdünken handeln. Mit vervielfachter Energie gingen die Menschen an die Arbeit. Da Siebert die Empfindungen dieser Menschen nicht verstehen konnte, zweifelte er an ihnen [?] und fühlte sein Los doppelt schwer. Der Tag wollte kein Ende nehmen und als es dennoch Abend wurde, freute er sich, endlich wieder allein zu sein.

## Wieder Lehrer.

**[S. 103]** Nach einigen Tagen erschien plötzlich wieder der Bürgermeister und bat Siebert die Schule zu übernehmen. Die nötige Kleidung wollte der deutsche Gebietskommissar in Pjatichatka zur Verfügung stellen. Am kommenden Tage fuhr Bürgermeister Driediger mit Siebert zum Gebietskommissar — ein Nazi in Feldgrau — (die Goldfasane, wie die Vertreter der Zivilverwaltung im Volksmund genannt wurden, kamen erst später) empfing Driediger und Siebert mit einer gewissen Herablassung, aber immer noch freundlich. Hochmütig, wie der deutsche Soldat in dieser Zeit nun schon einmal war, übertrafen diese Herren die Soldaten bei weitem. Sie waren die alleinigen Gebieter in dem ihnen unterstellten Gebiet und hatten das Recht, über Leben und Tod zu verfügen. Es bedurfte nur ihrer Unterschrift, um jemanden zum Tode zu verurteilen oder jemand zu begnadigen. Von ihrer Laune hing alles ab. Sie betrachteten alles mit den Augen der Bezwinger Europas, sie glaubten, den Sieg schon in der Tasche zu haben, sahen die „Neuordnung Europas" schon triumphieren und sich selbst als Besitzer riesiger Ländereien irgendwo im sonnigen Kaukasus oder auf der Krim. Ein typischer Vertreter dieser Sorte Menschen war der Gebietskommissar. Schnell hatte er Siebert eine Garnitur Kleidung verpaßt und mit einer Wohnberechtigung im Dorfe Neuland wurden Bürgermeister Driediger und Siebert entlassen. Obwohl die Kleider einfach waren, war Siebert doch froh, endlich einmal seine verlausten und verdreckten Lumpen ablegen zu können.

**[S. 104]** Sogar baden konnte er jetzt. Wie wohl er sich fühlte, kann nur der beurteilen, der selbst mehrere Monate von Läusen geplagt wurde, der selbst einmal so weit war, daß ihm der eigene Geruch in die Nase stieg.

Bereits am nächsten Tage ging Siebert zum vergessenen Schulgebäude, das jetzt seine neue Wirkungsstätte werden sollte. Traurig sah es hier aus, denn beim Abzug der Russen war auch ein Teil der Lehrer geflüchtet und alle Stoff- und Lehrpläne sowie Lehr- und Lernmittel waren verschleppt worden. Wenn hier neue Arbeit begonnen werden sollte, mußte viel gearbeitet werden. Bücher und Hefte gab es nur noch selten und noch seltener wußte man, wo sie zu haben waren. Man wußte selbst die Zahl der schulpflichtigen Kinder im Dorfe nicht mehr. Noch vollkommen fremd im Orte machte Siebert sich an die Arbeit. Wie würden die Eltern zu ihm stehen? Doch hier wurde er gleich aller Sorge entbunden, denn als er, um die Kinder zu erfassen, von Haus zu Haus ging, fand er überall gute, freundliche Menschen. Sie wollten alle, daß ihre Kinder im Sinne ihrer Vorfahren erzogen werden. Sie sollten anständige, ehrfürchtige Menschen werden. Siebert wollte ihnen bei der Lösung dieser Aufgabe helfen. Bei seinem Rundgang durch's Dorf traf er die ehemalige Lehrerin, Frau Penner. Sie war Mitte der vierziger Jahre, doch hätte man sie auf den ersten Blick sofort auf Mitte fünfzig geschätzt. Ihr Gesicht war von der Schwere der Zeit gekennzeichnet. 1937 hatten die N.K.W.D.-Schergen ihren Mann bei Nacht und Nebel geholt. Wofür? Die richtige Antwort auf diese Frage erfuhr sie nie. Er befaßte sich nicht mit Politik, er sprach selten, dafür arbeitete er von früh bis spät im Pferdestall der Kolchose. Sabotage hatte er auch

**[S. 105]** nicht betrieben. Nein, er tat seine Pflicht gewissenhaft. Er sorgte für seine Familie, so gut er konnte. Seine einzige Schuld bestand darin, daß er in dem „Arbeiterparadiese" wohnte. Das Land stöhnte unter dem unerbittlichen Terror. Eine riesige Verhaftungswelle überflutete es. Man brauchte Menschen, die man in die schrecklichen Verbannungslager schicken und deren Arbeitskraft man kaufen und verkaufen konnte. Die verhafteten Männer wurden nicht verurteilt, sie wurden einfach verbannt. Ihre Verhaftung war gleichzeitig die Urteilsverkündigung. Die weiten Wälder Sibiriens und des hohen Nordens boten genügend Raum für diese Ärmsten der Armen. Hier bauten sie Städte — sozialistische Städte — nannte man sie in Rußland. Jede Landkarte zeigte sie mit einem langen roten Strich unter dem Namen. Man hätte sie mit Blut unterstreichen sollen, denn ihre Fundamente ruhten auf den Knochen vieler Menschen, die bei der Sklavenarbeit vor Hunger, Müdigkeit und Kälte zusammengebrochen waren. In der Sowjetöffentlichkeit sprach man von ihnen mit Stolz, waren es doch Städte, die in den Jahren der Stalinschen Fünfjahrpläne errichtet wurden. Ein Erbauer dieser Stalinschen Städte war mit vielen anderen Männern aus Neuland der Mann dieser ehemaligen Lehrerin. Frau Penner hatte Anfang der zwanziger Jahre ihr Amt niedergelegt. Nach der Inhaftierung ihres Mannes schlug sie sich schlecht und recht mit ihren fünf Töchtern durchs Leben. Von der vielen Arbeit war sie alt und mürbe geworden und dennoch nahm sie die Tätigkeit als Lehrerin gerne wieder auf, galt es doch den Kindern den richtigen Weg in die Zukunft zu weisen. Mühsam hatten Siebert und Frau Penner alles zur Eröffnung der Schule

**[S. 106]** vorbereitet. Sie konnten ihre Arbeit beginnen.

Man schrieb den 12. Oktober 1941 als sich die Klassenräume zum ersten Male wieder mit Kindern füllten. Es war eine wahre Freude, die Kinder zu sehen. Genau so groß war aber auch das Mitleid, wenn man sah, daß die Not der vergangenen Jahre sich fest in den Gesichtern der Kleinen eingenistet hatte. Wie lange sollte es dauern, bis Frohsinn ihre Blicke erleuchten würde? Es schien ihnen fast unglaublich in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Mißtrauisch und doch mit freudigem Gefühl saßen sie mit großen Augen da und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Es machte direkt Spaß, mit diesem wißbegierigen Völkchen arbeiten zu können. Die Erfolge waren zufriedenstellend.

Die Eltern hatten stillschweigend zugesehen und erst als sie sahen, daß ihre Kinder in guten Händen waren, zeigten sie reges Interesse für die Schule. Siebert pflegte die Verbindung zwischen den Eltern und der Schule. Dadurch konnte er die Erziehung der ihm anvertrauten Kinder positiv beeinflussen.

## Frohe Weihnacht.

Langsam rückte Weihnacht heran. Kriegsweihnachten 1941. Wenn man sich tiefer in den Sinn der Weihnacht hineindachte, konnte man da mit Recht sagen: „Friede auf Erden"? Millionen Menschen waren verschleppt. Genau so viele litten bittere Not und Entbehrung. Täglich starben Tausende und aber Tausende den sogenannten Heldentod auf den Schlachtfeldern

**[S. 107]** Europas, Asiens und Afrikas. Und doch schien Friede zu sein, wenigstens für die Menschen, deren Ohren nicht von Geschützdonner und Motorengeräusch betäubt wurden. Sie lebten in einem Scheinfrieden. Sie durften an Sonn- und Feiertagen die Arbeit ruhen lassen, ja sogar zur Kirche gehen, wenn auch nicht alle den Glauben an Gott bewahrt hatten. Die Menschen waren freundlicher geworden, sie standen sich gegenseitig wieder näher. Die Angst, von seinen besten Freunden verraten zu werden, war allmählig [sic] geschwunden. Die Dorfgemeinschaft schloß sich immer enger zusammen. An Sitten und Gebräuchen holte man manches hervor, was längst vergessen schien. Diese Umstände erlaubten es, mit einer gewissen Berechtigung zu sagen: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." Wie lange durfte man das nicht mehr sagen?

Siebert selbst sah in Weihnachten zu jener Zeit nur ein Fest der Freude, ein Fest an dem man sich gegenseitig beschenkt, an dem man froh ist. Er wußte aber, daß die Eltern in Weihnachten ein heiliges Fest sahen, ein Fest an dem an [sic] Christus zur Erlösung der Welt geboren wurde. Er kannte den tieferen Sinn der Weihnacht, konnte durch die lange kommunistische Erziehung nicht mehr daran glauben. Er bedauerte es tief, zweifelte aber an der Möglichkeit, den bereits in der Kindheit verlassenen Weg noch einmal betreten zu dürfen. Somit blieb er beim Fest der Freude. Wem sollte er Freude machen? Besonders nahe stand ihm nunmehr [?], nur die Schulkinder waren ihm in der kurzen Zeit eng ans Herz gewachsen. All seine Liebe galt ihnen. Er freute sich an ihrem Frohsinn, an ihrer Freude. Wenn sie glücklich und fröhlich waren, war auch er zufrieden. Er entschloß sich, mit seiner Kollegin Penner den Kin-

**[S. 108]** dern Freude zu machen und sich selbst an dieser aufrichtigen Kinderfreude zu erfreuen. Nicht nur die Kinder würden sich Weihnachten freuen, sondern die Eltern dieser Kinder würden sich ebenfalls freuen und ihre Herzen würden sich für das Schöne dieses Festes aufschließen. Den Menschen Freude bereiten, war sein Ziel. Mit diesem Vorsatz ging er an die Vorbereitung der Weihnachtsfeier. Frau Penner stand ihm mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung gerne zur Seite. Die Freude der Kinder steigerte sich von Tag zu Tag. Als Siebert die Eltern zusammenrief, um mit ihnen die Weihnachtsfeier zu besprechen, waren sie sofort einverstanden.

Immer näher rückte der Heilige Abend. Die Vorbereitungen mit den Kindern gingen ihrem Ende zu. Zur Bescherung konnte trotz der vielen Schwierigkeiten immer noch was aufgebracht werden.

Tiefer Schnee bedeckte die Fluren. Die Straßen lagen verschneit da — nur ein schmaler Weg für Schlitten und Fußgänger führte durchs Dorf. Langsam senkte sich die Abenddämmerung auf die Dächer nieder, als die ersten ungeduldigen Kinder im weichen Schnee der Schule zustampften [?]. Gegen acht Uhr abends war die Schule bis auf den letzten Platz gefüllt. Die ganze Dorfgemeinschaft hatte sich nach vielen Jahren versammelt um das heilige Weihnachtsfest zu feiern. Alle waren erschienen, selbst alte Frauen und Männer, die sonst nicht mehr das Haus verließen, wagten den Weg, auf ihre Stöcke gestützt: sie wollten sich gemeinsam mit Kindern und Enkeln am Heiligen Abend erbauen. Und Gott segnete die Menschen und ihr gutes Beginnen. Feierlich nahmen die Schulkinder ihre Plätze neben dem Weihnachtsbaum ein. Gemeinsam sangen die Gäste mit offenen Herzen das wunderbar wirkende Lied: Stille

**[S. 109]** Nacht, heilige Nacht... Lange, lange war im Dorfe keine so feierliche Stunde gewesen. Wie innig klangen die Worte! Man gedachte längst vergangener Zeiten. Voller Freude leuchteten die Augen der Kleinen, während den Eltern die Freudentränen in den Augen standen. Wieviel Glück vereinigte in dieser Stunde die Menschen! Hochbeglückt vernahmen sie die frohe Botschaft: „Euch ist heute der Heiland geboren." Diese Menschen wußten wirklich, wie groß und allmächtig Gottes Gnade ist. Sie wußten, was für ein Glück ihnen durch Christi Geburt zuteil geworden war. Sie nahmen ihn gerne auf: ihre Herzen boten genügend Raum für ihn. Sie waren des Dankes voll und priesen laut: „Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe." Siebert freute sich trotz seiner persönlichen Verlassenheit an der Freude seiner zahlreichen Gäste. Es war ihm gelungen, diese Menschen zu beglücken. Mehr glaubte er nicht zu benötigen. Für ihn selbst war das richtige Weihnachtsfest noch nicht gekommen. Der Weg zum Weihnachtsfest, an dem auch er sich erfreuen konnte, sollte noch lang, dornig und steil sein.

Mit dankbarem Herzen empfingen die Kinder die spärlichen Geschenke, wußten sie doch, daß selbst diese mühsam zusammengesuchten Geschenke eine wahre Gnade Gottes darstellten.

Der Christbaum ist der schönste Baum, den wir auf Erden haben. Er erleuchtete die Seelen aller am Heiligen Abend. Den Abschluß dieses schönen Abends bildete das Lied: O, du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Dann verabschiedete das kleinste Mädchen aus der ersten Schulklasse die Eltern und Gäste mit den Worten:

**[S. 110]**

> Ihr lieben Eltern, teure Gäste,
> Wir danken Euch für Euer Kommen
> Und wünschen Euch zum heil'gen Feste
> Das Allerbeste,
> Jedoch vor allen Dingen
> Des großen Gottes Segen.

Die Kinder verließen mit fröhlichem Geplauder den Raum. Die Eltern gingen, von der Feierlichkeit tief ergriffen, in sich gekehrt, ihren Häusern zu.

Siebert hatte kaum gemerkt, wie man ihm für den schönen Abend dankte, wie ihm die Leute frohe Weihnachten wünschten. Dann war er plötzlich allein, ganz allein vor dem geschmückten Baum. Nach dieser Freude fühlte er sich doppelt verlassen. Lange stand er noch da. Wohin sollte er seine Schritte lenken? Als die Kerzen flimmernd erloschen, ging er langsamen Schrittes auf verschneiter Straße seiner Wohnung zu. Zu Hause angekommen, setzte er sich an den Tisch mit dem Bäumchen, das er für sich hergerichtet hatte, und dachte an seine Lieben daheim. Sie lebten ja in einem Lande, wo Weihnachten verboten und verpönt war. Wie gerne hätte er diesen Abend mit seiner lieben Mutter und seinen Geschwistern am strahlenden Baume gefeiert. Dann wäre er nicht so allein gewesen. Gott hatte es aber anders bestimmt. Er führte ihn schwere aber gesegnete Wege.

So verstockt Sieberts Herz zu dieser Zeit auch war — langsam begann das Eis über seinem Gemüt zu schmelzen, er begann den Worten Gottes Gehör zu schenken.

Weitgehend beeinflußte in dieser Zeit die seelische Entwicklung Sieberts sein guter Freund Samatzky. Sie trafen sich oft und sprachen über verschiedene Fragen.

**[S. 111]** Als Siebert ihm eines Tages seine Erlebnisse während des Krieges erzählte, stellte Samatzky ihm überraschend die Frage: „Und glaubst du, daß du das alles allein fertiggebracht hast? Bist du nicht auch der Meinung, daß Gottes Hand dich führte? Hättest du ohne seinen Schutz das sichere Ufer erreicht?" Der selbstbewußte Siebert konnte und wollte auf diese Frage nicht die richtige Antwort geben. Die Worte seines Freundes klangen in seinen Ohren mit einem nicht verschallenden Echo nach. Sie zwangen ihn dazu, über dieses Problem nachzudenken. Wenn er ehrlich sein wollte, mußte er sich gestehen, daß er ein Schwächling war, der nur auf die Hilfe und Gnade Gottes angewiesen war. Er war leider zu ehrgeizig, um diese Tatsache einzugestehen. Nach längerer Zeit stritt er es immer noch ab. Es bedurfte noch mehrerer Jahre, ehe er ein offenes Bekenntnis seines Glaubens an die Allmacht Gottes ablegte. Nach diesem Bekenntnis gedachte er noch immer der Frage seines Freundes, denn dann und wann ereilte ihn ein bitteres Schicksal.

Siebert kämpfte beharrlich einen harten Kampf um die Vergebung seiner Sünden, einen jähen Kampf gegen die früher errungene Weltanschauung. Hierbei gedachte er oft der Worte seiner lieben Mutter: „Junge, merke dir das Sprichwort; sich selbst besiegen, ist der schwerste Kampf; sich selbst besiegen, ist der schönste Sieg." Diesen Sieg wollte er unter allen Umständen erringen. Eines Abends kniete er nach sieben Jahren wieder nieder zum Gebet. Er betete die Gebete, die ihn seine Mutter gelehrt hatte, ohne an eine Erhörung derselben zu glauben. Es war für ihn unverständlich, daß auch die Gebete eines Sünders erhört werden können. Gerne hätten ihm andere Menschen gesagt, daß Gott alle Sün-

**[S. 112]** der annimmt, daß bei ihm alle Menschen Trost und Ruhe finden. Er aber wagte es nicht, seine Freunde um Hilfe zu bitten. Er ging allein diesen beschwerlichen Weg.

## Opfer der eigenen Fehler.

Nach Weihnachten 1941 erschienen in Neuland zwei Männer aus Deutschland. Ott und Martinson waren beide in der braunen Uniform der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) und gehörten zum Sonderkommando Dr. Stump. Das Sonderkommando Stump hatte die Aufgabe, alle Deutschen Rußlands zu erfassen und zu betreuen. Es bestand zum Teil aus überzeugten Nationalsozialisten, aus Männern, die nach 1917 aus Rußland flüchteten [?]. Ott und Martinson betreuten die Dörfer Neu-Chortitza, Gnadental, Hochfeld, Steinfeld und Neuland-(Alexandrowka). Da Neuland ziemlich weit entfernt von den übrigen Kolonien lag, beschlossen sie, die Deutschen aus Neuland nach Grünfeld und Steinfeld umzusiedeln. Um für die Deutschen in den beiden Kolonien Raum zu schaffen, sollten die dort ansässigen Ukrainer nach Neuland gebracht werden.

Im Mai 1942, als man die Felder bestellt hatte, begann der großangelegte Umzug. Das Privateigentum wurde mitgenommen, während das Eigentum der Kolchose an Ort und Stelle blieb. Wenn die Wünsche der Deutschen noch etwas berücksichtigt wurden, so beachtete man die Wünsche der Ukrainer keineswegs. Sie bezogen überhaupt das kürzere Los, weil die Wohnungen

**[S. 113]** in Neuland weit schlechter als in Grünfeld und Steinfeld waren. Der gesamte Umzug vollzog sich in zwei Tagen. Nach kurzer Zeit hatte sich die Aufregung gelegt und das Leben nahm seinen gewöhnlichen ruhigen Lauf.

In Steinfeld und Grünfeld ging man jetzt mit aller Sorgfalt daran, die Kolchosen aufzuteilen. Das Land wurde den einzelnen Familien zugewiesen. Jede Familie bekam ein Pferd. Das tote Inventar reichte nicht aus, um jeden Hof zu bedenken und aus diesem Grunde teilte man es auf einzelne, nach Nachbarschaft [?] zusammengestellte Gruppen. Die Mitglieder dieser Gruppen halfen sich bei der Arbeit gegenseitig aus. Die Bewirtschaftung des Landes war die Aufgabe und Sorge jedes einzelnen geworden. Daher wurde ihr auch weit mehr Bedeutung zugemessen als früher. Was der Bauer erzeugte, war sein Eigentum und er konnte es nach Abgabe der Steuern verwalten, wie es ihm beliebte. Der Traum der Kollektivbauern war somit in Erfüllung gegangen.

Anders stand es mit den Kolchosen in den ukrainischen Dörfern. Sie blieben bestehen, obwohl man auch ihnen versprochen hatte, selbige sofort aufzulösen und die individuelle Bearbeitung des Landes einzuführen. Dieses Versprechen wurde jedoch nicht gehalten, so sehr die Ukrainer auch darum baten. Umgekehrt, man verschlechterte die Lage der Ukrainer auch dadurch, daß man die Kolchosen den eingesetzten deutschen Sonderführern unterstellte, die überdies den Kreislandwirten unterstellt waren. Diese verwalteten die Kolchosen nach eigenem Gutdünken. Der Bevölkerung blieb für ihren Lebensunterhalt nur ein geringer Teil ihrer Erzeugnisse. Außerdem wurde die ukrainische Bevölkerung seit dem

**[S. 114]** ersten Tage der Besetzung als zweitrangig behandelt. Mancherorts artete diese grobe Behandlung in Mißhandlung aus. Für die geringsten Vergehen setzte man Prügelstrafen an. Es genügte z. B. ein Schwein ohne Genehmigung des Sonderführers geschlachtet zu haben, um fünfzig Peitschenhiebe zu bekommen. Wo die deutsche Verwaltung noch Milde walten ließ oder etwas übersah, waren vielfach ukrainische Beamte und Dienststellen eifrig genug, um dieses „Versehen" durch Diensteifrigkeit nachzuholen.

Diese Zustände ließen die ukrainische Bevölkerung aufhorchen. Immer häufiger hörte man die Äußerung: „Ein Joch hat man uns genommen und ein anderes aufgedrückt, da bleiben wir lieber beim alten."

Als die Deutschen 1941 in Rußland einrückten, herrschte unter der Bevölkerung vielfach Freude. Sie glaubte endlich in den Besitz der Freiheit gelangt zu sein. Nachdem sich aber alles zu ungunsten der Ukrainer entwickelte, als in den Parks und Geschäften immer häufiger die Schilder auftauchten: „Nur für Deutsche", „Nur für Arier", „Für Ukrainer verboten", sahen sie, daß ihre Selbständigkeit, ihre nationale Existenz bedroht war. In diese Zeit fällt die Bildung zahlreicher Partisanenabteilungen und Sabotagegruppen, verständlich. Selbst schlimmere Gegenmaßnahmen von Seiten der Verantwortlichen hatten indes noch Schlimmeres zur Folge. Es entflammte ein unbeschreiblicher Haß gegen die Deutschen, der schließlich in einem unerbittlichen Kampf ausartete und unzählige Menschenopfer forderte.

Die Deutschen gingen weiter auch an die Lösung des von ihnen erfundenen Judenproblems. Meist sofort, teils kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, trieb man die Juden in Gettos und vernichtete sie

**[S. 115]** nach einem bestialischen Plan in den Konzentrationslagern der Ukraine, Polens und Deutschlands. Diese Tatsache rief unter der Bevölkerung große Bestürzung und Enttäuschung hervor. An der Vernichtung der Juden beteiligten sich nicht nur die deutschen Truppen, sondern in vielen Fällen auch die ukrainische Polizei. Den Höhepunkt der Vergewaltigung der ukrainischen Bevölkerung bildete die Verschleppung der Jugend zur Arbeit in den deutschen Rüstungsbetrieben. Hierbei ging man mit einer unmenschlichen Rücksichtslosigkeit vor. Jeder Person, die für die Arbeit in Deutschland vorgesehen war, schickte man vom Arbeitsamt einen Stellungsbefehl zu. Als Sammelplatz war meistens der Marktplatz angesagt. Wer sich hier nicht einfand, wurde wie Freiwild aufgestöbert und mit Gewalt dorthin gebracht. Hier konnte man die traurigsten Abschiedsszenen beobachten. Mütter schreien unter Tränen nach ihren Kindern, begleitet von dem Gebrüll der Soldaten und Polizisten. Dann werden die Leute in Güterwagen verladen, die Türen fest verriegelt und die Züge rollen mit dem kostbaren Gute einem unbekannten Schicksal und Zielen entgegen. Viele dieser jungen Menschen kehrten nie wieder heim, weil sie den Tod in den bombardierten Städten Deutschlands fanden. Viele wurden von den Sowjets als Landesverräter angesehen und führen heute noch das Leben Geächteter in Rußland. Ein anderer Teil dieser Verschleppten erkannte rechtzeitig, daß ihm nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands die Gelegenheit geboten wurde, ein Leben in Freiheit zu führen. Sie blieben in Frankreich, Österreich, Belgien, Holland und in den Westzonen Deutschlands. Von hier aus traten sie in eine bessere Zukunft an. Als D.P. wanderten sie in alle Welt. Diese letzte Gruppe wurde von der sowjetischen

**[S. 116]** Presse der Bevölkerung als tot oder als Sklaven der Westmächte gemeldet. Das Schicksal dieser Menschen ist ein Kapitel für sich.

Dieses waren wohl die Hauptgründe der Ablehnung der deutschen Besatzung durch die ukrainische Bevölkerung. Gleichzeitig waren diese Zustände ein günstiger Nährboden für die sowjetische Propaganda im Hinterland der Deutschen. Die Deutschen wurden hier förmlich Opfer ihrer eigenen Fehler, vielmehr Opfer ihrer negativen [?] Weltanschauung. Man handelte in den besetzten Gebieten nach dem Grundsatz Hitlers: „Sie brauchen uns nicht zu lieben, fürchten sollen sie uns." Man erreichte dieses auch, nur noch mit dem Zusatz, daß man ihnen zehnfache Vergeltung schwor.

Infolge der Umsiedlung der Bevölkerung Neulands verschlug das Schicksal Siebert zunächst nach Grünfeld. Der Ort war bis zur Kollektivierung reich und schön gewesen. Zwei große Dampfmühlen, eine landwirtschaftliche Maschinenfabrik und eine große Anzahl reicher Bauernhäuser waren einst an den Betrieben [?]. Heute sah man von diesen Betrieben nichts mehr. Die Mühlen, die Fabrik, die weit und breit bekannt waren, bestanden nicht mehr. Man hatte sie abgerissen. Nur noch die leeren Baustellen verrieten, daß hier Werke standen, die den Menschen dienten. In ihrem Vernichtungswahn hatten die Sowjets sie einfach aus dem Dorfbilde ausradiert. Man fand in Grünfeld kein einziges Wirtschaftsgebäude mehr. Wenn man als Fremder hierher kam, bekam man unwillkürlich den Eindruck, daß hier die Häuser erst gebaut werden. In Wirklichkeit wurde hier nur abgebaut, von Aufbau keine Spur. Man soll aber nicht glauben, daß Grünfeld eine Ausnahme darstellte, so sah es in allen Gegenden

**[S. 117]** Rußlands aus. An Stelle der einzelnen Bauernhöfe, die mit allem nötigen Inventar versehen waren, hatte man große Kollektivstallungen und Getreidespeicher errichtet, die dem Worte nach der Kollektivgemeinschaft gehörten, in der Tat aber Staatseigentum waren. Sie waren meist so schlecht gebaut, daß man sie nach der Auflösung der Kolchose nicht mehr verwenden konnte. All dieses Unrecht fiel Siebert erst jetzt ins Auge. Was Menschenhände in schwerer Arbeit geschaffen hatten, wurde hier sinnlos zerstört und das nur, um die Menschen einem gewaltsamen Regime zu unterordnen.

Die Bevölkerung Grünfelds ging daran ihr Dorf wieder herzustellen. Mit großem Fleiß wurde gebaut. Man arbeitete von früh bis spät. 1943 waren die Schule und Kirche wieder hergestellt. In der Schule wurden die Kinder von sechs Lehrern unterrichtet. Das kirchliche Leben nahm seinen alten Lauf und Gottes Segen blieb nicht aus.

Nach Ablauf des Schuljahres 1941/42 ging Siebert in die Ferien. Die Zeiten waren jedoch zu stürmisch, um auszuruhen. Er entschloß sich eine Dolmetscherstelle im Bahnbetriebsamt Pjatichatka anzunehmen. Pjatichatka war ein früheres [sic] Städtchen mit etwa 10.000 Einwohnern. Da es einen großen Bahnhof hatte und als Eisenbahnknotenpunkt galt, wurde ihm ziemlich viel Bedeutung zugemessen. Die deutschen Besatzungstruppen hatten hier ihre zahlreichen Dienststellen eingerichtet. Kein Wunder, daß man hier die Auswirkungen von Hitlers „Neuordnung Europas" am meisten zu spüren bekam.

Die täglichen Verhaftungen von angeblichen und wirklichen Partisanen, die Hinrichtungen von Geiseln

**[S. 118]** mußten jedem bald über den wahren Charakter des Nationalsozialismus Aufklärung geben.

Noch stand die deutsche Ostfront stabil, teils in der Verteidigung, teils im Angriff. Die Bevölkerung glaubte noch an einen Sieg der deutschen Truppen und richtete ihr Leben dementsprechend ein. Unter großen Schwierigkeiten entstanden einzelne Privatgeschäfte und -unternehmungen.

Im Betriebswerk konnte Siebert die schlechte Behandlung der russischen Arbeiter ganz besonders gut beobachten. Prügelstrafen waren ständig an der Tagesordnung. Langsam begann es auch hier zu brodeln. Immer häufiger wurde von Sabotageakten berichtet. Anstatt die Bewachung zu lockern, mußte sie verstärkt werden.

Siebert war froh, als er Ende Juli einen Versetzungsbefehl von Grünfeld nach Steinfeld in seinen Händen hielt. Sofort reiste er ab und machte sich an die Instandsetzung der Schule. Wie freute er sich, sich wieder der Erziehung der Kinder hingeben zu können [?]. Er widmete sich voll und ganz dieser großen Aufgabe.

Den Bewohnern Steinfelds war es gelungen, dank der Tüchtigkeit und der guten Verbindungen ihres Bürgermeisters Neufeld, viel Einrichtungen anzuschaffen, die den anderen Gemeinden noch versagt blieben. Der Aufbau der Privatwirtschaften ging hier wesentlich schneller vor sich als in Grünfeld und den umliegenden Orten.

## Gott fand ihre Seelen.

**[S. 119]** Das Jahr 1943 begann mit der erschreckenden Niederlage der Deutschen bei Stalingrad. Die Nachrichten vom russischen Vormarsch brachten eine gewisse Ernüchterung bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Wenn man sich auch nicht allzuwohl unter deutscher Herrschaft fühlte, so wollte man schon längst nicht ein Wiederkommen der Sowjets. Man wollte diese Tatsache nicht wahrhaben. Der Krieg mit all seinen Verheerungen würde nochmals durch die Gegend brausen und das noch heilgebliebene Gut vollends vernichten. Unzählige Menschenopfer würden gebracht werden müssen. Trotzdem wurde fieberhaft weiter gearbeitet. Siebert selbst glaubte nicht an ein Versagen der riesigen deutschen Kriegsmaschine.

Seit 1941 hatte er gearbeitet ohne ein persönliches Ziel zu haben. Er wollte nur wirklich brauchbare Menschen erziehen, ohne an sich selbst zu denken. Erst Ende 1942 begann er an seine eigene Zukunft zu denken. In den Wintermonaten hatte er in Neuland ein Mädchen kennengelernt, das ihm im Laufe der Zeit lieb und wert geworden war. Ella war die einzige Person, der er in seiner Einsamkeit Vertrauen schenkte. Sie verstand es in ihrer ruhigen und schlichten Art mit ihm seine Sorgen zu teilen. Sie tröstete ihn in bangen und schweren Stunden. Allmählich wurde Ella mehr und mehr zum Inhalt seines Lebens. Seine ganze Arbeit glaubte er für sie tun zu müssen. Seine Freude war auch ihre Freude, denn sie hatte genügend Verständnis für seine Tätigkeit in der Schule.

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**[S. 120]** suchte er den Gottesdienst, sang im Kirchenchor, ohne selbst richtig daran zu glauben. Ganz unbewußt beeinflußte Ella seine Entwicklung in äußerst positiver Richtung. Durch sie wurde er Gott langsam aber beständig näher geführt, bis er endlich bei ihm angelangt war. Ostern 1943 erschien die Bekanntmachung, daß alle, die den Weg zu Gott gefunden haben, Pfingsten in Grünfeld getauft werden. Er hatte das heiße Verlangen, ebenfalls die heilige Taufe zu empfangen. Voller Freude berichtete er seiner Freundin darüber. Gemeinsam besuchten sie den vorbereitenden Religionsunterricht zum größten Erstaunen seiner Kollegen, die nicht begreifen wollten, daß ein Mann wie Siebert, der die Kinder im nationalsozialistischen Sinne erziehen sollte, plötzlich getauft werden wollte. Sie konnten es nicht ahnen, denn darüber sprach man in Lehrerkreisen jener Zeit nicht oder nur ganz wenig. Die Sticheleien seiner Kollegen ließen Siebert kaltblütig. Er hatte zu stark erkannt, daß Christus wirklich der Welt Heiland ist. Er wollte dem Herrn dienen, der ihn bisher so wunderbar geführt hatte. Jetzt sagte er mit aufrichtigem Herzen zum ersten Mal: „Nimm, Vater, meine Hände und führe mich."

Ungeduldig warteten Siebert und Ella auf das Pfingstfest. Das Tauffest war für den Vormittag in der Kirche zu Grünfeld angesagt. Viele Menschen aus den umliegenden Kolonien strömten zu diesem hohen Feste herbei. Als Siebert mit seinen beiden Freunden Niehen [?] und Sawazky erschien, war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Liebevoll nahmen die Täuflinge auf der ersten Bankreihe Platz. Jetzt wurde es Siebert erst richtig bewußt, was für einen ernsten Schritt er in seinem Leben heute machte. Als dann schließlich das

**[S. 121]** Eröffnungslied, von den Täuflingen gesungen, ertönte, wußte er, daß nicht er den Weg zu Gott gesucht und gefunden hatte, sondern umgekehrt, Gott hatte ihn gesucht und gefunden. Die Worte des Liedes schienen extra für ihn gemacht zu sein:

> Auf deinen Ruf, o Herr, tret ich vor dir allda
> Und suche Heil in deinem Blut, das floß auf Golgatha.
> Ich komme jetzt zu dir,
> O, Herr, tritt du mir nah.

In tiefes Schwarz gekleidet, knieten die Täuflinge nieder, um den Segen des Herrn zu empfangen. Sie nahmen ihn dankbaren Herzens entgegen.

Nach dem Feste wünschten Siebert und Ella sich gegenseitig viel Glück zu diesem wichtigen Ereignis und beide schauten sich in die glücklichen und zuversichtlichen Augen, wußten sie doch, daß Gott sie ab jetzt nie mehr verlassen würde, wenn sie ihm gehorsam folgten. Sie waren froh, einen Hort zu haben, den kein Sturm umbricht und den sie stets aufsuchen können. Dort würde ihnen nie die nötige Hilfe versagt werden. Freudig trug er folgende Zeilen in sein Tagebuch ein: „Einst war ich gar weit von dem Heiland, so weit wie ein Mensch nur kann sein. Heute bin ich bei Dir. Gemeinsam mit Ella machte ich den Schritt, der wohl unser größtes gemeinsames Erlebnis darstellt. Möge diese Wiedergeburt unserer Seelen nie von uns genommen [?] werden. Bei Dir sind wir geborgen. Großer Gott, wir loben und preisen Dich." Seit dieser Zeit hatte Siebert wieder den Anschluß ans Leben gefunden. Es schien für ihn keine Schwierigkeiten mehr zu geben.

Im Oktober entschlossen sich Siebert und Ella zu heiraten. Ellas Eltern hatten wohl einige Bedenken wegen der schlimmen Zeit, denn die Nachrichten von

**[S. 122]** den sich ständig nähernden Kämpfen gaben wenig Hoffnung, ja fast keine, auf ein ruhiges Leben in Steinfeld. Wie schlimm es später werden sollte ahnten auch sie nicht. Siebert und Ella hatten aber die große Bitte an den Herrn gerichtet, sie zusammenzuführen, möge die Zeit des Zusammenseins auch noch so kurz sein. Und der Herr erhörte ihr Gebet — Ellas Eltern gaben ihnen den Segen. Wie dankbar waren die liebenden Herzen! Fast ganz Grünfeld wurde zur Hochzeitsfeier geladen. Selbst die Schulkinder — 120 an der Zahl — waren erschienen. Sie alle freuten sich mit ihrem Lehrer, den sie im Laufe der Zeit lieben gelernt hatten. Jetzt war Siebert nicht mehr allein. Er hatte einen Menschen, der mit ihm Freud und Leid teilen wollte. Ja, nicht nur Ella war ihm lieb und wert geworden sondern auch ihre Eltern. In Gesprächen mit Freunden pflegte er zu sagen: „Die Eltern gaben mir durch [?] Ella den Inhalt des Lebens." Auch in den späteren Jahren richtete Siebert der Gedanke an seine Familie immer mit niegeahnter Kraft auf.

Siebert richtete seine Wohnung vollends ein, in der Hoffnung einige Zeit in Glück und Frieden zu leben. Bereits am Hochzeitstage war der Kanonendonner der deutschen Geschütze ein Teil der Hochzeitsmusik gewesen. Die Gedanken von einer eventuellen Flucht griffen rasend schnell um sich. Die Menschen begannen um ihr Hab und Gut, ja sogar um das nackte Leben zu bangen. Sollte die Freiheit nur von so kurzer Dauer gewesen sein? Dann tauchte die Frage auf: Wird Gott in dieser bangen Stunde den Menschen seine Gnade entziehen? Der Weg, den er ihnen beschieden hatte, war unklar, dunkel und unbegreiflich. Sollte die Demüti-

**[S. 123]** gung dieser schon so schwer geprüften Menschen noch weiter gehen? Werden ihre Kräfte ausreichen, um die Strapazen einer monatelangen Flucht zu ertragen?

## Die Sowjets kommen!

Trübe Wolken bedeckten den herbstlichen Himmel. Kalter Regen weichte die Erde immer tiefer auf. In normalen Tagen hätte man die Wege für unpassierbar gehalten. Mensch und Tier ruhten in früheren Jahren bei so einem Wetter. Starke Winde schüttelten die letzten Blätter von den Bäumen. Die Wolken ließen den Tag kaum hell werden. Die Sonne wagte es nicht ihr sonst so freundliches Gesicht zu zeigen. Und dennoch war in Steinfeld größte Aufregung. Menschen standen trotz der Kälte und Nässe auf der Straße. Frauen liefen ängstlich von Haus zu Haus. Ja, selbst die Kinder zeigten sich mit angsterfüllten Gesichtern in den Türen und Fenstern. Der Grund dieser Aufregung war das in der Nähe der umliegenden Ortschaften von der östlichen Seite aufreizende [?] Maschinengewehrfeuer. Russische, hin und wieder auch deutsche Jäger brausten ganz niedrig über die Dächer. Zurückflutende deutsche Truppen, die keineswegs mehr mit den siegesbewußten Soldaten von 1941 zu vergleichen waren, zogen in losen Haufen durch das Dorf. Selbst die im Dorfe stationierten Einheiten brachen auf, ohne die Bevölkerung von der nahenden Gefahr in Kenntnis zu setzen, obwohl der Kompaniechef immer wieder versichert hatte, niemand im Stich zu lassen.

Kaum daß die Soldaten aufgebrochen waren, ver-

**[S. 124]** sammelten sich die Männer beim Bürgermeister Neufeld und man beschloß, mit allen Bewohnern Steinfelds die Flucht anzutreten. Alle Wagen und Pferde mußten sofort bereitgestellt werden, um noch am selben Tage abzufahren. Jetzt glich das Dorf einem aufgewühlten Ameisenhaufen — galt es doch das nackte Leben zu retten. Keiner wollte in die Hände der Sowjets fallen. Dort, wo Männer in der Familie waren, ging die Vorbereitung flott vor sich. Weit schlimmer sah es in den Familien aus, wo die Männer seit Jahren verschleppt waren. Diese besaßen oft nur ein Pferd, noch seltener einen Wagen, der für eine so schwierige Reise geeignet war. Mit Tränen der Angst und Verzweiflung suchten sie ihre Leidensgenossen auf, um gemeinsam zu flüchten. Die Sorgen dieser Frauen zu beschreiben, ist fast nicht möglich, sie waren zu groß, als daß man sie beschreiben könnte. Und doch war es gelungen alle Familien nach einigen Stunden auf 64 Pferdegespannen zu verladen. Schwerbeladen standen die Wagen auf der aufgewühlten und zerwühlten Dorfstraße. Noch herrschte verhältnismäßige Ruhe in der Wagenkolonne, die immer länger wurde. Auf etlichen Höfen konnte man trotz lautem Hü und Hott, trotz Peitsche und Stock die Pferde nicht dazu bewegen, die versunkenen Räder aus dem Dreck zu ziehen. Das ängstliche Weinen und Klagen der Alten und Frauen und Kinder steigerte die Angst [?]. Nach schwerer Arbeit war Steinfeld endlich zur Abfahrt bereit.

Siebert und Ella hatten ihre Habseligkeiten auf einen langen Erntewagen gepackt, vor den drei kleine aber kräftige Pferde gespannt waren. Den Wagen teilten sie mit einer Frau und ihren drei kleinen Kindern. Wohlverpackt harrten die Kleinen der Dinge, die da

**[S. 125]** kommen sollten. Siebert tröstete sie, so gut er konnte. Ella hatte er neben sich vorne untergebracht. Sie, die doch sonst so tapfer und mutig ins Leben schaute, war jetzt von einem bangen Angstgefühl ergriffen. Siebert versuchte sie mit angetanem Mut über die Gefahr hinwegzutäuschen, denn auch er war von dem Gelingen dieses gefährlichen Rennens um das Leben nicht überzeugt.

Die Sonne, die für kurze Zeit aus den Wolken auf die Erde sah, um wenigstens einen kleinen Teil dieses unsagbaren Elends zu sehen, senkte sich tief gen Westen, als sich der Wagen des Bürgermeisters, der an der Spitze der Kolonne stand, langsam in Bewegung setzte. Die Menschen sahen noch einmal auf ihre Häuser, auf ihr trautes Heim, das ihnen alles gewesen war, zurück. Schweren Herzens hoben sie die Peitsche und trieben die Pferde an. Kühe, die den Wagen folgen sollten, rührten sich nicht von der Stelle, als wollten sie die Menschen von der Aussichtslosigkeit ihres Handels überzeugen. Die Stricke, die sie festhielten, rissen und wie von furchtbarer Qual erlöst, liefen sie in ihre Ställe zurück. Sie konnten nicht mehr geholt werden, denn die Kolonne war in Bewegung und einer trieb den anderen zur Eile an. Die Straße von Steinfeld nach Grünfeld wurde zur ersten Strecke dieses qualvollen Weges.

In Grünfeld schien man noch ruhiger zu sein, doch als die Kolonnenspitze auf die Dorfstraße fuhr, war es auch hier mit der Ruhe vorbei. Ein Rennen und Hasten begann. Die Beschaffung der Fahrzeuge war in Grünfeld weit schwieriger. Mehrere Familien mußten auf einen Wagen verladen werden. Die Wagenreihe der Steinfelder wurde durch die der Grünfelder verdoppelt.

Da plötzlich erschallt eine Stimme, heiser und

**[S. 126]** krächzend: „Meine Herrschaften, sie sind wohl wahnsinnig geworden? Ihr glaubt wohl, daß Deutschland den Krieg verliert? Wir vertrauen auf unseren Führer, den größten Feldherrn aller Zeiten." Naher Geschützdonner unterbrach den Sprecher. Er wischt sich den Schweiß von der Stirne und besteigt das Trittbrett seiner Kutsche. Dann fährt er fort: „Die Russen sind zurückgeschlagen. Soeben erhielt ich die Meldung von der Front. Ich befehle hiermit, sofort wieder nach Hause zu fahren und an die Arbeit zu gehen. Wer den Befehl nicht befolgt, wird bestraft." Es war der Sonderführer des Kreises, der hier noch einmal seinen Mut beweisen wollte und sich die Sporen zu verdienen gedachte, ohne danach zu fragen, wie die Menschen später gerettet werden sollten, wenn die Hauptkampflinie noch näher rückt. Sollte man diesem Menschen glauben? Ist die Gefahr, die drohend über den Häuptern der Menschen hing, wirklich beseitigt? Es wäre ja bald zu schön, um wahr zu sein. Die brennenden Dörfer, deren Feuer einen weiten roten Streifen am Himmel zeigten, besagten das Gegenteil. Zögernd fuhren die Wagen den aufgewühlten Weg zurück. Beim Wenden brachen die ersten Räder, andere versanken im Schlamm. Tiefe Finsternis hüllte Steinfeld in einen undurchsichtigen Mantel, als die Menschen auf ihren Höfen ankamen. Steinfeld hatte sich in ein Feld der Verwüstung verwandelt. Türen und Fenster standen angelweit offen. Selten war ein Haus von der Plünderung durchziehender Kosakentruppen verschont geblieben. Schränke, Vorratskammern und Dachböden waren durchstöbert worden und stellten ein einziges schauriges Durcheinander dar. Überall lagen Teile geschlachteten Viehs herum. Die Betten waren mit Säbeln und Messern aufgeschlitzt worden und Federn be-

**[S. 127]** deckten alles, was im Zimmer stand und lag. Herrenloses Vieh lief auf den Straßen und in den Ställen schrie das noch lebende Getier nach Futter.

Sollte man die Wagen wieder abladen? Nach langem Hin und Her ließ man alles reisefertig. Die übermüdeten Frauen und Kinder kauerten sich in voller Kleidung in einer Ecke ihrer einst so trauten und jetzt entfremdeten, verwüsteten Wohnung zu einer kurzen Nachtruhe nieder. Die Männer versammelten sich beim Bürgermeister. Es schien, als hätte die Sorge allen die Sprache verschlagen. Von Zeit zu Zeit ging man auf die Straße und sah nach Osten, wo die hellen Feuer immer stärker aufloderten. Noch nie war eine Nacht so langsam vergangen. Endlich war der Morgen angebrochen, der den Schleier, der bisher die Verheerungen verdeckte, löste. Die Straßen waren mit Mehlsäcken, großen Schränken, Hausgerät und anderen Gütern belegt — alles, was die Last vermehrte, wurde schonungslos vom Wagen geworfen, um nur schneller vorwärts zu kommen. Den Vormittag benutzte man dazu, um die Fahrzeuge in Ordnung zu bringen. Man beschaffte Ersatzräder und flickte das Pferdegeschirr. Die Fahrt bis Grünfeld hatte gezeigt, daß die Pferde der Schlüssel dieses schwierigen Problems waren. Mit kräftigen Gäulen konnte man doch noch einigermaßen getrost sein [?]. Daher nahm man so viel wie möglich an Futter mit.

Am späten Nachmittag landete vor dem Ort ein Flugzeug. Ein Beamter des Gebietskommissariats Kriwoj-Rog brachte die Nachricht, daß sowjetische Truppen die deutsche Front durchbrochen haben und starke Panzerverbände im Anzuge auf Kriwoj-Rog seien. Die gesamte Bevölkerung, Deutsche und Ukrainer, habe zu flüchten. Jetzt war das Unvermeidliche in handgreifliche

**[S. 128]** Nähe gerückt. Wiederum zog die Kolonne auf schlammiger Straße nach Grünfeld. Kaum auf freier Fläche angekommen, brausten russische Jäger über die Wagen hinweg. Ihre Bomben säten das verderbliche Blei, jedoch ohne Erfolg — die Kolonne blieb heil. Als die Maschinengewehre losratterten, schlugen die Fahrer auf die Pferde ein und fuhren rücksichtslos ineinander. Angefahrene Kühe brüllten auf und fielen unter die Räder, gequetschte Menschen schrien um Hilfe. Nichts vermochte die rasende Masse aufzuhalten — die Kriegsfurie trieb ihre Opfer vor sich her. Hier gab es nur ein Vorwärts, wenn man nicht dem sicheren Tode verfallen wollte.

Mit dampfenden Pferden fuhr man in Grünfeld ein, ohne zu halten, denn auch hier hatte man zum Teil die Flucht angetreten. Jetzt kam völlige Unordnung in die Wagenreihe. Die Straße wurde etwas besser [?]. Im gestreckten Galopp ging es nun in Richtung Dolginzewo — ein Ort in der Nähe von Kriwoj-Rog.

Die Ausfallstraßen von Gnadental, Neu-Chortitza und mehreren ukrainischen Dörfern mündeten in die Straße nach dem genannten Ort. Lange Kolonnen zogen sich aus diesen Dörfern und da galt es, an die Spitze dieser endlosen Schlange zu kommen. Es entstand das erbarmungslose Wettrennen um den ersten Platz. Freund und Feind waren zu gleichen Begriffen geworden, wenn es galt den einen oder anderen zu überholen. Alles, was man nicht unbedingt brauchte, wurde vom Wagen geworfen. Fässer mit Fleisch, Mehlsäcke und Obst lagen unter den Rädern. Auf Gedeih und Verderb trieb man die Pferde an. Schreie, wütende Flüche begleiteten die Schnelleren, bis sich jeder seinen Platz geholt hatte, entsprechend der Schnellfüßigkeit seiner Pferde und der Last der Wagen. Dann kam allmählich

**[S. 129]** Ruhe über die Menschen. Auch die Tiere waren taub gegen die knallenden Peitschen- und Stockhiebe geworden. Im Trapp rollten die Wagen in Dolginzewo ein, immer neue Ströme von Flüchtlingen aufnehmend. Kaum hatten die Wagen gehalten, als die Sirenen der Fabriken einen Fliegerangriff auf Dolginzewo ankündigten. In rasender Fahrt ging es weiter. Mensch und Tier schien toll geworden zu sein. In der Dunkelheit brauchte man weit mehr Geduld, um aus diesem Knäuel herauszukommen. Mit Müh' und Not konnte man die Wagen dorfweise auffahren lassen. Überall wurden die Namen der Ortschaften ausgerufen. Endlich hatte sich Steinfeld gesammelt und fuhr geschlossen in die Finsternis hinein. Dolginzewo war schon längst außer Sicht. Zu beiden Seiten der Straße breiteten sich große Maisfelder aus, auf denen Steinfeld zur Nachtruhe hielt.

Ein klarer Sternenhimmel breitete sich wie ein Riesenzelt über das weite Land. Wenn man seine Blicke zum Himmel richtete, die vertrauten Sternbilder sah, glaubte man im tiefsten Frieden bei einer ruhenden Viehherde zu sein. Es genügte aber schon der Blick auf den Horizont zu richten und man stellte voller Schrecken fest, daß ein allesverderbender Krieg tobte, denn überall stiegen die Flammen, als wollten sie den Vernichtungswahn der Menschen anklagen, zum Himmel. Flakgeschütze schickten lange glühende Kugelketten zu den Sternen, wo unaufhörlich bald russische, bald deutsche Flugzeuge mit ohrenbetäubendem Getöse ihre Kreise zogen. Riesige Scheinwerfer bahnten dem menschlichen Auge den Weg durch die Dunkelheit. Sie warfen ihre hellen Lichtkegel am Himmel hin und her. Solche und ähnliche Bilder bildeten den Hintergrund dieser zur

**[S. 130]** Rast haltenden Menschen. Die Pferde wurden zur Fütterung an die Wagen gebunden. Als Nahrung erhielten sie das trockene Maisstroh aus der Erde. Die Menschen hatten zum Teil die ganze Nacht zu tun. Die Frauen und Kinder schliefen auf offenen Wagen, denn nur wer [?] hatte genügend Zeit gehabt, sie zu überdachen.

Diese erste Nacht unter freiem Himmel schien viel länger zu sein als sonst eine Nacht. Kaum zeigte sich die erste Morgendämmerung, als Frauen darangingen das Frühstück für ihre Familie vorzubereiten. Diese Arbeit war keineswegs mit der im eigenen Hause zu vergleichen. Die Kessel auf Steine gestellt, kauerten sie daneben und versuchten mit Hilfe ihrer Lungenluft ein Feuer darunter zu entfachen. Die größte Sorge war, Wasser aufzufinden. Berittene Männer machten sich auf die Suche nach diesem kostbaren Naß. Mit Müh und Not hatte man die Tiere getränkt, kaum das Frühstück am Wagen stehend eingenommen, als die ersten Fahrzeuge weiterrollten. Die Marschroute war ungefähr angegeben, im allgemeinen fuhr man den nächsten Weg gen Westen. Immer weiter ging die Fahrt ohne Aufenthalt. Keine Ereignisse ließen die Wagenkolonne halten. Räder brechen, Pferde stürzen und bleiben liegen. Ganze Wagen stürzen in den Graben, unter sich Frauen und Kinder verdeckend. Menschen erkranken und sterben. Kinder werden geboren. Die Kolonne fährt weiter. Die Tage und Nächte reihen sich zu Wochen und Monaten zusammen. Und trotzdem fahren die Menschen in Regen, Schnee und eisiger Kälte. Die Pferde können nicht beschlagen werden. Ihre Füße lassen dicke Blutspuren auf der Straße zurück. Dann werden sie ausgespannt und der Besitzer hat die Sorge ein neues zu beschaffen. Kaufen kann man sie nirgends. Man ist gezwungen in die

**[S. 131]** nächstliegende Kolchose zu gehen und hier werden die Ställe nach diesen Tieren abgesucht, bis man sie findet. Sind sie erst einmal entdeckt, so werden sie mitgenommen, wenn auch mit roher Gewalt. — Es geht um das nackte Leben! Recht und Unrecht wird hierbei schon längst nicht mehr unterschieden. Hier heißt es nur: rette sich, wer kann! Jeder ist auf sich selbst angewiesen. Trotz allem fand jeder Wege und Mittel die Flucht fortzusetzen.

Siebert und Ella hatten die ersten Tage der Flucht gut überstanden. Mit allen anderen Flüchtlingen fuhren sie durch die Städte Inguletz, Nowij-Bug, Perwomaisk. In Perwomaisk sammelten sich die Kolonnen aus allen Gegenden. Es entstand eine Kolonne, deren Länge man nicht übersehen konnte. Um ein richtiges Bild von dem Ausmaße dieser rastlosen Flucht zu bekommen sei folgendes erwähnt.

Eines Abends hielt Siebert mit Ellas Eltern vor einem Bauernhause, um hier die Eltern und die Frau von Ellas Bruder mit ihrem einjährigen Kinde für die Nacht unterzubringen. Ein alter Mann trat vor das Haus und hieß die Flüchtlinge willkommen. Aus dem Gespräch mit dem Alten, erfuhr Siebert, daß bereits seit zwei Wochen ein ununterbrochener Flüchtlingsstrom durch den Ort zog. Die Kolonne, in der Siebert fuhr, hatte ihren Schluß noch mehrere Tage hinter sich. Tausende und aber Tausende von Menschen flohen und wanderten. Alle Nationen Rußlands waren vertreten: Ukrainer, Russen, Deutsche, Kalmücken, Kaukasier, Krimtataren, Donkosaken und Weißrussen. Sie fürchteten nicht weniger die Schrecken des Krieges, der in noch nicht dagewesenem Ausmaße wütete, sondern sie fürchteten vor allem, wieder unter die Herrschaft der Sowjets zu

**[S. 132]** kommen. Sie wußten zu gut, daß die N.K.W.D. alle des Landesverrats bezichtigen würde, weil sie 1941 nicht vor den einrückenden deutschen Truppen geflohen waren. Sie hatten unter den Sowjets des Leides genug getragen, als daß sie gewillt waren, dasselbe nochmals zu tun. Sie zogen es vor, lieber auf der Flucht in fremden Landen als freie Menschen ein klägliches Dasein zu fristen, als in der Heimat als Knechte zu Grunde zu gehen. Diese vielen Menschen hatten es dadurch nicht verlernt ihre Heimat zu lieben. O nein, sie liebten sie alle. Jeder bedauerte, daß seine Heimat, in der er geboren und groß wurde, in der seine Eltern, Großeltern und Urahnen schafften, so stark geprüft wurde. Der Heimat in dieser Zeit zu helfen, war unmöglich, wie es auch in den früheren Jahren unmöglich war und später unmöglich blieb. Der gute Wille des Menschen wurde von der eigenen, unbarmherzigen Diktatur des Kommunismus mit tierischer Grausamkeit unterdrückt. Vor dieser Diktatur floh die unübersehbare Menge.

Als die Flucht im Oktober begann, stand noch ziemlich mildes Wetter. Jetzt schrieb man Anfang Dezember und immer noch ging die Fahrt in Wind und Wetter. Die Wege wurden am Tage bei der schwachen Wärme aufgewühlt. Die Nachtfröste ließen alles erstarren. Die Räder schnitten tief in den Dreck. Die Wagen froren fest, die Pferde standen mit Reif bedeckt vor ihrem Futter.

Um den 10. Dezember herum konnte endlich Halt gemacht werden. Die Front lag weiter zurück. Der Russe hatte zur Auffrischung seiner Truppen die Verfolgung der Deutschen zeitweilig gestoppt. Die Flüchtlinge hatten westlich von Winniza die Kreisstadt Krassilow erreicht.

**[S. 133]** Den einzelnen Ortschaften wurden zur Rast ganze Dörfer angewiesen. Alles freute sich auf die ersehnte Ruhe. Die Pferde konnten endlich im Stall untergebracht werden. Die Menschen erfreuten sich der häuslichen Wärme, mochten die Wohnungen der Ukrainer noch so klein und arm sein. Man hatte endlich wieder ein schützendes Dach über dem Haupte.

Wiederum rückte die Weihnachten näher. Wie traurig wird es sein? Wie arm sollte diese sonst so frohe Zeit verbracht werden! Siebert und Ella wohnten bei einem Bauern, der erst mit Einmarsch der deutschen Truppen aus dem Gefängnis gekommen war. Seine Frau und sein Sohn, der in seiner Abwesenheit groß geworden war, nahmen Siebert und Ella gerne auf, denn sie wußten zu gut, wie Menschen zumute ist, die kein Heim, keine Bleibe mehr haben. Der Bauer selbst hatte für die Flucht dieser Menschen volles Verständnis, denn er war als „staatsfeindliches Element" zu zehn Jahren Zwangslager verurteilt gewesen, nur weil sein Vater, der schon viele Jahre tot war, einst vor der Revolution in Rußland eine Wassermühle besaß. Zu der Zeit war Siedorow noch ein ganz kleiner Junge gewesen und doch war er verdächtig, als Sohn eines Vermögenden Staatsfeind zu sein. Wie leicht war es doch ein „Feind" seines eigenen Landes zu werden.

Etwas von den Strapazen der langen Reise ausgeruht, ging Siebert daran, mit seinen ehemaligen Schulkindern die Weihnachtsfeier vorzubereiten. Die Kinder waren alle mit Leib und Seele dabei. In dem abgelegenen Dorf erklangen [?] zum ersten Mal deutsche Weihnachtslieder. Selbst die Weihnachtsspiele wurden einstudiert, um den Eltern den grauen Alltag zu verschönern. Trotz der fast unüberwindbaren Schwierig-

**[S. 134]** keiten, trotz der Not, die die Menschen bald zu erdrücken schien, richteten sie sich allmählich wieder auf. Der beschwerliche Weg hatte sie aber auch Gott näher gebracht. Manche verstockte Seele hatte erkannt, daß sie nur mit Gottes Hilfe der drohenden Gefahr entgangen war. Die Räumlichkeiten für den Gottesdienst waren äußerst klein, um so größer war der Raum für Gott in den Herzen der Menschen geworden. Als Festraum für den Heiligen Abend richtete man die alte verfallene Dorfschule her. Die Fenster mußten mit Brettern vernagelt werden. Die Löcher im Dach deckte man mit altem Blech behelfsmäßig ab. Sitzgelegenheiten gab es keine, denn die Schultische hatte man als Brennholz verwandt. Man stand eben. Ein großer Blechofen war mit größter Anstrengung in der Lage den Raum zu durchwärmen.

In allen Häusern herrschte Weihnachtsstimmung. Es freuten sich die Flüchtlinge genau so wie die Ansässigen. Letztere feierten Weihnachten 14 Tage später und dennoch waren sie jetzt schon in gehobener Stimmung. Sie würden halt zweimal die frohe Zeit feiern [?]. Diese frohe Zeit wurde durch eine aufregende Nachricht getrübt. Wütende Banden — auch Partisanen genannt — hatten mehrere Ortschaften überfallen und die Flüchtlinge ausgeplündert. Wohl oder übel holten die Männer ihre Gewehre hervor und patrouillierten des Nachts auf den Straßen, um ihre Familien und sich vor einem Raubüberfall zu schützen.

Da alle an der Weihnachtsfeier teilnehmen wollten, mußte man notgedrungen die Feier vom Heiligen Abend auf den Morgen des lieben Weihnachtstages verlegen. Der Raum war völlig dunkel, so daß der Christbaum in voller Pracht strahlte, als die Leute erschienen. So trau-

**[S. 135]** rig die Lage auch war, aber auf allen Gesichtern lag eine erstaunliche Ruhe. An diesem Weihnachtsmorgen waren alle, auch die zahlreich erschienenen Russen, dem Allmächtigen ganz nahe. Der ärmliche Raum hatte hier über vierhundert Personen aufgenommen, die alle auf Gott und auf den Schutz Gottes vertrauten.

Siebert bekam den Eindruck, daß die Weihnachtsansprache, die Lieder und Gedichte der Kinder selten je eine so starke Wirkung auf die Weihnachtsgäste gemacht hatten, als gerade hier in dem entlegenen, fremden Dorfe Monjki.

In den ersten Tagen des Jahres 1944 begann an der gesamten deutschen Ostfront der Kampf von neuem zu entbrennen. Schon am Sylvesterabend konnte man das rote Leuchten der Stadt Winniza beobachten. Jetzt aber war der Kanonendonner deutlich zu vernehmen. Es war höchste Zeit, die Flucht fortzusetzen. Mit Grauen dachte jeder an die kommenden Tage. Obwohl noch ein eisiges Wetter stand, tiefer Schnee die Erde verdeckte, mußte man, je weiter man zum Westen kam, mit Tauwetter rechnen. Für diese Verhältnisse war man aber nicht gerüstet. Viele hatten ihre Wagen durch Schlitten ersetzt. Wo sollten so rasch die vielen Wagen hergenommen werden? Bangen Herzens rüstete man zur weiteren Fahrt durch Schnee und Eis, Schlamm und Regen. Endlich brach man auf, ohne Aussicht auf den erwünschten Erfolg [?]. Nach eintägiger Fahrt machte man Halt — auf Befehl deutscher Militärbehörden. Es folgte ein banges Warten. Erst am zehnten Tage kam der Befehl: sämtliche Flüchtlinge sind in Eisenbahnwagen zu verladen und nach Polen — in den damaligen Warthegau — zu bringen. Die Sachen wurden wieder auf die Fahrzeuge verladen. Wieder weinten und schrien

**[S. 136]** die Kinder vor Kälte. Auf allen Straßen zogen sich lange Kolonnen Wagen und Schlitten zum Bahnhof Krassilow, der in östlicher Richtung lag. Der Bahnhof und das Bahnhofsgelände glichen einem großen Trümmerhaufen. Ausgebrannte Waggons, zertrümmerte Lokomotiven, wüst durcheinander gewirbeltes deutsches Heeresgut, von Fliegerbomben aufgewühlte Strecken waren unabwendbare Zeugen der großen unbarmherzigen Zerstörungskraft dieses unseligen Krieges.

Tag und Nacht wurden Menschen, Gepäckstücke und die besten Pferde verladen. Die Pferde sollten die Eigentümer in Polen behalten oder verkaufen dürfen. Dem war nicht so [?], denn keiner der Bauern sah seine Pferde wieder. Bezahlt wurden sie ebenfalls nie.

Die Menschen kauerten zu 45 und mehr Personen in den kalten und finsteren Güterwagen. An Liegen war überhaupt nicht zu denken, denn das Gepäck füllte gut die Hälfte der Waggons aus. Wenn auf dem Pferdewagen jeder für sich allein war, so mußte auf der Eisenbahn auf die Mitmenschen Rücksicht genommen werden. Die Angst und die Nervosität wollten es schier unmöglich machen. Nur mit einem großen Aufgebot an Selbstbeherrschung konnten größere Streitigkeiten vermieden werden.

Dann rollten die Waggons dem Westen, einem ganz fremden Lande zu. Die Fahrt ging langsam vor sich. Immer wieder hielt der Zug. Bald mußten die Menschen Nahrung empfangen, die während der ganzen Reise aus kalten Konserven und Brot bestand, bald mußten die Pferde getränkt werden. Oft gab es längeren Aufenthalt, weil Partisanen den Bahnkörper gesprengt hatten. Die Züge passierten Lemberg (Lwow),

**[S. 137]** Litzmannstadt (Lodz). Allmählich war man am Ziele angelangt. Der Zug, in dem die ehemaligen Steinfelder fuhren, hielt am 27. Januar in Freihaus (Zdunska-Wola). Hier ging es zum ersten Mal auf der Reise organisiert vor sich. Kaum daß der Zug hielt und schon waren große Lastwagen vorgefahren, die die Frauen und Kinder abholten, während die Männer mit dem Gepäckverladen beschäftigt waren.

Die Flüchtlinge wurden in einem großen Gebäude, einem früheren Kloster untergebracht. Weit über 300 Personen wohnten hier in einem riesigen Raum. Man lag auf dem mit Stroh bedeckten Fußboden. Die Verpflegung der Leute war einfach und knapp und dennoch war man zufrieden. Wie oft hatten die Menschen die frierenden Hände zum Gebet gefaltet und den Allmächtigen um Hilfe gebeten. Und er hatte dieses Flehn erhört. Jetzt fegte den Menschen kein Schnee mehr ins Gesicht, die Kinder brauchten nicht mehr vor Kälte weinen. Die Blicke der Menschen wurden allmählich heller und mutiger. Bald werden sie wieder ihrer Arbeit nachgehen dürfen und sich, wie sie hofften, ein neues Leben aufbauen können. Noch ahnten die wenigsten, daß das Leid erst zur Hälfte ausgekostet war. Dieses scheinbare Ende sollte nur eine kurze Unterbrechung sein. Keiner glaubte, daß das Ende dieses langen Weges so hart [?] und so grausam sein würde. Denn [?] die Wege, die Gott führt, sind für jeden einzelnen Menschen, jedes Volk oft, meist unverständlich. Bald führen sie in lichte Höhen, bald geht der Pfad steil in die Tiefe, so tief, daß man an ein Herauskommen zweifelt. Erst am Ende des zurückgelegten Weges begreift man, wozu man ihn zurücklegen mußte, allerdings mit der Voraussetzung, daß man mit offenen Augen durchs Leben geht.

## 4. Kapitel: Auf der anderen Seite.

**[S. 138]** Langsam vergingen die Tage im Kloster zu Freihaus. Die ersten vierzehn Tage galten für die Flüchtlinge als Quarantäne: die Unterkünfte durften nicht verlassen werden. Die Zeit wurde mit der Erledigung verschiedener Formalitäten verbracht. Anfang März wurden die Flüchtlinge auf die einzelnen Ortschaften verteilt. Die Bauern holten sie auf Wagen ab und wiesen sie in ihre Wohnungen ein. Diese gehörten einst Polen, die man in andere Orte umgesiedelt hatte. Hitler verfolgte in Polen eine Politik, laut der der Warthegau von der polnischen Bevölkerung zu räumen war. Bei Nacht und Nebel wurden sie von der SA auf Wagen verladen und nach Frankreich [?] oder nach Deutschland geschickt. Dort arbeiteten sie in den verschiedenen Industriezweigen, zum Teil auch in der Landwirtschaft. Die Aussiedlung selbst war ein Bild roher Gewalt. Die Flüchtlinge verstanden die Polen sehr gut, wenn sie weinend oder mit zornigen Blicken ihre Häuser verließen, um sich dann mit ihren Familien irgendwo in der Fremde zu quälen. Und dennoch mußten sie ihre Bündel schnüren und gehen.

Siebert und Ella bezogen eine Wohnung in einem ehemaligen polnischen Schulgebäude. Das Zimmer enthielt das Notwendigste. Ein kleiner Garten war die Freude Ellas. Siebert arbeitete in der Kartenstelle. Hier wurde er zum ersten Mal mit der Organisation des Deutschen Reiches vertraut. Wie vieles

**[S. 139]** war hier übertrieben! Und doch leistete man eine ungeheure Arbeit. Täglich trafen neue Flüchtlinge ein. Zum Strom der Flüchtlinge aus dem Osten kamen noch die vielen Bombengeschädigten aus den westdeutschen Industriestädten, die alle obdachlos geworden waren. Sie riefen um Hilfe. Diesen Leuten fehlte buchstäblich alles. Oft hatten sie nur ihre Kinder und eine Handtasche vor der Vernichtung retten können. Diesen Menschen mußte vor allen Dingen geholfen werden und man half, so gut man eben konnte. Wenn der Krieg in den ersten Jahren fern von Deutschlands Grenzen tobte, so leistete er jetzt in Deutschland selbst ganze Arbeit: eine Stadt nach der anderen sank in sich zusammen, unter ihren Trümmern Menschen und Güter vergrabend. Die Not des deutschen Volkes wuchs von Tag zu Tag und nahm Riesenausmaße an. Immer näher rückte die Front. In Ostpreußen kämpfte man bereits auf deutschem Boden.

Um die Osterzeit begann Siebert in der Schule zu Janischewitze [?] zu hospitieren. Obwohl er die Kenntnisse für seinen Beruf besaß, mußte er wie alle seine heimatlichen Kollegen umgeschult werden. Siebert freute sich schon, wieder unter einer lachenden Kinderschar zu sein. Doch auch hier machte ihm der Krieg einen dicken Strich durch die Rechnung. Ende Juni [?], Siebert und sein Schwager Peter waren auf einer Lehrertagung, erhielten beide den Stellungsbefehl zur deutschen Wehrmacht. Gerechnet hatten sie wohl immer damit und doch waren sie überrascht. Kaum hatten sie wieder einen Platz im Leben gefunden und schon wurden sie jäh aus diesem friedlich scheinenden Dasein gerissen. Peter und Siebert hatten die Härte des Krieges schon beide verspürt. Sie wußten, daß das Schicksal sie in eine schwere Lage führen wür-

**[S. 140]** de. Dieser Umstand war auch der Grund für ihre geringe Hoffnung für die Zukunft, was sie soweit wie möglich ihren Angehörigen zu verbergen versuchten. Schnell rasten die letzten Tage ihres Zuhauseseins dahin.

## Deutscher Soldat.

Am 4. Juli versammelten sich Ellas Geschwister bei ihren Eltern, um Peter und Siebert zu verabschieden. Alle waren sich dessen bewußt, daß es vielleicht das letzte Treffen war. Schweigend, jeder ging seinen eigenen Gedanken nach, begab man sich zum Bahnhof. Siebert und Ella verabschiedeten sich in der frohen Hoffnung, daß die Gnade Gottes mit ihnen sein und sie wieder zusammenführen würde. Wie kurz war ihr Glück gewesen! Aber Gott hatte damals ihre Bitte, sie für kurze Zeit gemeinsam durch's Leben gehen zu lassen, erhört. Jetzt zeigte es ihnen, daß er ihren Weg anders bestimmt hatte. Beide trugen es mit Geduld, Hoffnung und Zuversicht. Dann rollte der Zug aus dem Bahnhof. Wann wird er sie wieder heimbringen?

Je weiter der Zug fuhr, um so mehr Bekannte stiegen hinzu. Sie alle hatte es erwischt: sie sollten Deutschland verteidigen. Man fragte sich nicht, ob sie es wollten oder nicht. In den Stellungsbefehlen stand ganz eindeutig: ab 4. Juli werden sie als Soldat der deutschen Wehrmacht betrachtet und unterstehen den Kriegsgesetzen. Die Verweigerung [?] wird als Hochverrat betrachtet und von den Richterkriegsräten [?] schwerstens bestraft. Ein Widerspruch gab es auch hier nicht [?]. Die Wehrlosigkeit der Mennoniten wurde hier nicht anerkannt. Die Wenigen, die es wagten, auf ihrer

**[S. 141]** Wehrlosigkeit zu bestehen, wurden sofort in Posen bzw. in Stralsund eingesperrt. Nach sechs Tagen standen auch sie mit dem Gewehr in der Hand auf dem staubigen Kasernenhof. Mit roher Gewalt hatte man ihren Willen gebrochen.

Nach eintägiger Fahrt stiegen die Rekruten in Posen aus und wurden auf die verschiedenen Ersatzbataillone aufgeteilt. Siebert, Peter und viele andere Bekannte von Rußland und Polen her wurden nach Stralsund geschickt. Hier begann die Ausbildung zum deutschen Soldaten. Es war ein hartes Leben, dem sie jetzt entgegen gingen. Es wurde ihnen von einer ganz anderen Seite gezeigt. Wenn bisher vieles in Deutschland verhüllt geblieben war, so lüftete sich der Vorhang jetzt weiter und sie sahen deutlicher das Gesicht des Nationalsozialismus. Immer häufiger wurden Vergleiche zwischen Rußland und Deutschland angestellt [?]. Während man in Rußland mit roher offener Gewalt vorging, war Hitler schlau genug, seine Diktatur etwas zu verdecken, doch wollte ihm dieses in den letzten Jahren nicht so richtig gelingen. Von seinem Zugführer erfährt Siebert zum ersten Mal etwas von den Konzentrationslagern in Deutschland. Dieser Mann sprach über die Judengetto [sic] in Warschau mit einer selbstzufriedenen Gleichgültigkeit. Er war dort [?] Wachoffizier. Im KZ war wieder ein stürmischer Tag: Juden werden aus Warschau nach Dachau und Sachsenhausen [?] geschickt. Das Getto befand sich in einem Stadtviertel, das im Kriege 1939 stark gelitten hatte [?]. Der Wachoffizier ging [?] durch eine Straße. Da wird er plötzlich von einer hohen Mauer her angerufen. Er sieht hoch. Welch ein Schreck! Vor ihm erhebt sich die Wand eines eingestürzten Hauses. Die Mauer steht noch bis

**[S. 142]** zur dritten Etage. Dort oben, nur mit einem kurzen Kleid bedeckt, steht eine junge Jüdin mit ihrem Säugling im Arm. Da ruft sie ihm mit schreiender Stimme zu:

„He, du da unten! Hier hast du mein Kind. Möge Gott eure Taten vergelten!" Im selben Augenblick wirft sie ihm ihr Liebstes von der Mauer herunter. Wie von einer magischen Kraft gezogen, strecken sich seine Hände aus und schon hält er in seinen Armen das atemlose Kind.

„Mich werdet ihr aber nie lebendig haben, ihr Hunde!" — schrie sie mit heiserer Stimme. Dann klatschte ihr Körper neben ihn auf den Bürgersteig, um tot liegen zu bleiben.

Bei dieser Schilderung standen dem Zugführer dicke Tränen in den Augen. Selbst das Herz eines abgehärteten Soldaten wurde da weich. Er erhob sich und verabschiedete Siebert mit der Frage: „Wann werden wir wieder gute Werke tun dürfen?" Gott gäbe, recht bald.

Peter und Siebert wurden eingekleidet und mit den nötigen Waffen ausgerüstet. Dann ging es in Richtung Hammerstein, wo ein riesiger Truppenübungsplatz lag. Tausende Soldaten wurden hier im Kriegshandwerk unterrichtet. Das Leben in der Kaserne verlief unter großer Anstrengung für die Rekruten. An der Verpflegung merkte man deutlich stark [?], daß Deutschland die fruchtbaren Ostgebiete verloren hatte. Allzugerne hätten die Rekruten mehr zu essen gehabt, was aber nicht zu erfüllen war. Siebert und Peter trugen ihr Los mit Geduld. Sie waren es schon mehr gewöhnt als die anderen; sie konnten es daher auch leichter ertragen.

Eines Morgens, als die Kompanie zur Übung aus-

**[S. 143]** gerückt war, trat der Kompanieführer, ein junger Oberleutnant, zu Peter und Siebert. „Penner und Siebert, sie haben doch beide das Abitur, nicht wahr?" Die beiden bejahten die Frage.

„So, gut. Dann melden sie sich heute in der Schreibstube und füllen den Fragebogen für die Offiziersbewerber aus." Siebert sah Penner mit erstaunten Augen an: „Herr Oberleutnant, den Fragebogen möchte ich nicht ausfüllen. Ich bin von Beruf Lehrer und wenn eines Tages der Krieg aus ist, will ich meinen Beruf ausüben und nicht irgendwo in der Welt Soldat spielen. Zweitens bin ich nicht geeignet für die Aufgaben eines Offiziers. Ich werde meine Pflicht Deutschland gegenüber erfüllen, aber als einfacher Soldat."

„Und sie, Penner?" fragte der Oberleutnant.

„Ich schließe mich den Ausführungen Sieberts an."

„Na schön, meine Herren, sie werden es bereuen, auf meinen Vorschlag nicht eingegangen zu sein." Siebert und Penner bekamen seit diesem Tage keine Ruhe mehr. Wo es einen schweren Dienst zu verrichten gab, waren sie dabei. Wenige Tage später begann ihr Unteroffizierslehrgang [?]. Hierzu brauchte man nicht ihre Einwilligung, sondern der Befehl des Kompanieführers genügte. Nach acht Wochen unendlicher Übungen waren beide Unteroffiziersanwärter. Sechs Monate später, wenn sie es erlebten, sollten sie zum Unteroffizier befördert werden.

Sieberts Frau war in Suchozasty [?] bei Freihaus zurückgeblieben. Sie führte ihr tapferes Leben allein unter der polnischen Bevölkerung. Ihre Eltern und Geschwister kamen sie oft besuchen und halfen ihr, wo es nur ging. Ella und Siebert waren auch getrennt im Glück gekommen [?]. Sie

**[S. 144]** fühlten sich stets verbunden durch innige Liebe, die sie einst zusammenführte. Zudem kam noch, daß ihnen im Oktober ihr erstes Kind geboren werden sollte. Wie sehr sie sich darauf freuten! Das Kind sollte ihre Lebensfreude werden. Ella äußerte in all ihren Briefen den einzigen Wunsch, Siebert möge für diese Zeit nach Hause kommen. Versprechen konnte er es ihr nicht, denn wer würde einem Rekruten nach viermonatiger Dienstzeit Urlaub geben? Er glaubte nicht an einen Urlaub. Es gab eine Möglichkeit, in Urlaub zu fahren: irgendwer mußte krank werden. Da kam er auf den witzigen Einfall, seiner Frau folgenden Text eines Telegramms zu schicken: „Entbunden. Schwer krank. Komm sofort." Es war wohl eine Lüge im Augenblick, aber wer konnte sagen, daß das Telegramm nicht später der Wahrheit entsprechen würde?

Den 20. Oktober war ein Tag wie alle anderen. Noch war die Sonne nicht aufgegangen, als Siebert mit seiner Gruppe bestehend aus acht Mann im nassen Heidekraut einen Hügel „stürmte". Eine Übung, die jeden Tag geübt wurde. Völlig durchnäßt marschierten die Männer müde und dennoch singend, ihren Baracken [?] zu. Der Feldwebel kam Siebert lachend entgegen und reichte ihm den Umschlag mit einem Telegramm von Ella. Mit zitternden Händen öffnete er den Umschlag und las den von ihm erdachten Text: „Entbunden. Schwer krank. Komm sofort. Ella." Was war geschehen? Das einzige, was er wußte, war die Tatsache, daß er Vater geworden war. Wie fühlten sich Ella und das Kind? Immer wieder drängte sich diese bange Frage auf. Eine Antwort konnte ihm keiner geben.

Ohne den Stahlhelm abzunehmen, das Telegramm

**[S. 145]** in den Händen haltend, lief er in Richtung der Schreibstube, wo sich um diese Zeit die Zug- und Kompanieführer aufhielten. Er schaute weder links noch rechts, nur so schnell wie möglich um Urlaub bitten. All seine Sinne drehten sich um das grüne Papier, das man Urlaubsschein nannte. Da plötzlich ein Knall, ein heftiger Stoß in den Rücken und er liegt auf der Straße. Neben ihm ein gestürztes Motorrad, dessen Motor auf volle Touren läuft. Unter dem Rad schimpfte die tollsten Flüche ein Major, der den neugebackenen Vater anfuhr und dabei stürzte. „Sie verfluchter Heini, können Sie nicht aufpassen?! Rechts haben Sie zu gehen! Wenn Sie nicht wissen sollten, wo links ist, dann fassen Sie sich an die Hände, wo der Daumen rechts ist, da ist die linke Seite, von der sie sich nach rechts an den Straßengraben zu drücken haben. Mit so einem Volk soll man in den Krieg ziehen! Mensch, stehen Sie auf von meinen Beinen. Na, warten Sie, ich zeige Ihnen noch wie man einem Major aus dem Wege geht!"

Während der Major tobte, hatte Siebert seine Glieder nach ihrer Tauglichkeit untersucht. Alles heil, Gott sei Dank. Bei den letzten Worten, die ihm der unter dem Rade hervor gurrte [?], war er aufgesprungen und hatte das Rad aufgerichtet. Der Major, der mit einem aufgeriebenen Knie und aufgestoßenen Ellbogen davongekommen war, schwang sich auf die Maschine und entfuhr so schnell wie möglich den Blicken der gaffenden Soldaten. Da hält er noch einmal wutschnaubend das Rad an: „He! Aus welcher Kompanie sind Sie Halbsoldat?" Ruckartig blieb Siebert stehen und antwortete kurz: „Aus der ersten, Herr Major." Dann lief er weiter zur Schreibstube.

**[S. 146]** Der Kompaniechef Oberleutnant Otto Hase und der Zugführer Karl Fink standen lachend vor der Schreibstube und hatten den Sturz des Majors beobachtet. Ganz außer Atem hielt Siebert vor den beiden seinen Schritt an und baute, so gut er konnte, sein „Männchen" auf. Vor lauter Aufregung brachte er kaum die wenigen Worte hervor: „Bitte Herrn Oberleutnant das Telegramm vorzeigen zu dürfen?" Zögernd hielt er ihm das Telegramm hin.

„Kenn ich, Siebert. Weiß Bescheid. Sie wollen Urlaub haben. Tut mir leid, Urlaub gibt's keinen. Haben im Augenblick totale Urlaubssperre. Vielleicht später einmal. Zudem verlassen wir in den nächsten Tagen Hammerstein. Der Befehl zum Abmarsch kann jeden Augenblick eintreffen. Haben Sie das verstanden?"

„Jawohl, Herr Oberleutnant, aber meine Frau ist schwer krank. Ist das doch ein triftiger Grund. Kann ich nicht wenigstens fünf Tage Urlaub haben? Ich bitte sehr."

Bei diesen Worten muß der junge Papa wahrscheinlich ein ziemlich trauriges Gesicht gemacht haben, denn der Offizier herrschte ihn ganz streng und hart an:

„Mensch, ich sagte ihnen doch, es gibt jetzt keinen [?]. Sobald wir auf der neuen Stelle sind, fahren sie zu ihrer Frau und ihrem Kinde. Schicken sie ihrer Frau ein Telegramm und vertrösten sie sie auf einige Tage. Sind sie zufrieden?"

Wohl oder übel mußte er zufrieden sein, denn hier war es aussichtslos Verständnis für seine Lage zu finden. Siebert legte die Hand an den Helm und entfernte sich gesenkten Hauptes. Er mußte halt in Ungewißheit verharren [?]. Er verwünschte den nichtsahnenden Text des Telegramms, zürnte um das Schicksal seiner Frau und seines Kindes. Ja er

**[S. 147]** wußte nicht einmal, ob ihm ein Sohn oder eine Tochter geboren wurde. Sein einziger Wunsch war, aus Hammerstein abzuziehen.

Sein Schwager sah sofort an Sieberts Gesicht, daß die Sache mit dem Urlaub nicht geklappt hatte. Was tun? Sollte Siebert noch einmal beim Kompanieführer vorsprechen? Der könnte aber zornig werden und sein Versprechen für später zurückziehen. Also warten. Das Telegramm „Komme später" war aufgegeben worden. Sollte er jetzt noch an Ella schreiben? Sie hatte sich zu sehr auf sein Kommen gefreut und jetzt würde sie zu tief enttäuscht. Nein, schreiben würde er nicht. So saßen sie beide auf ihrer Pritsche und berieten ihre Lage. Schließlich kamen sie zu dem Entschluß, daß Gott alles wohlmachen würde. Dann ertönte die Trillerpfeife des diensthabenden Unteroffiziers: „Alles antreten!" Wenige Minuten später stand die Kompanie. Siebert erhielt mit seiner Gruppe den Auftrag sofort die Transportwache zu übernehmen, bis die Kompanie verladen wird.

Als die Dunkelheit sich über die sandige Erde von Hammerstein senkte, gingen die Männer aus Sieberts Gruppe schweigend zum Bahnhof. Jeder hatte seine eigenen Gedanken, die wohl bei keinem erfreulich waren. Kaum waren die Posten ausgestellt und der Zug verladen [?], dröhnte der Bahnhof. Nach einer halben Stunde hielt der Zug. Es war schon dunkel geworden und keiner konnte feststellen, wo man sich befand. Gegen Morgen sollte Siebert wieder die Wachposten ablösen und da fiel ihm auf, daß die Lokomotive längst verschwunden war. Der Transport mit dem Kriegsgerät stand auf freier Strecke, etwa 15 km. von Hammerstein entfernt. Weit und breit kein Haus. Von Menschen keine Spur.

**[S. 148]** Die Männer, die zum größten Teil aus mennonitischen Familien stammten, hatten den Wagen, in dem sie wohnten, so gut wie möglich eingerichtet. Ein Ofen spendete die nötige Wärme — denn ein kalter Wind fegte über die Felder — gleichzeitig konnte man auf dem Ofen das Essen wärmen, beziehungsweise welches kochen.

Siebert lief schweigend und ungeduldig hin und her. Immer wieder schaute er nach der Kompanie aus, die doch endlich kommen mußte, wenn man in drei Tagen an der Front sein wollte. Bei diesem Warten verging der erste Tag, der zweite folgte und brachte keine Erlösung. Erst am dritten Tage, mit Einbruch der Dunkelheit erschien plötzlich der Spieß mit Männern einer anderen Gruppe. Siebert wurde mit seinen Kameraden abgelöst. Was war passiert? Was wurde mit seinen Kameraden gemacht [?]? Würde man ihn jetzt fahren lassen? Oder würde man sich weiter über seine Gefühle lustig machen?

Peter empfing Siebert mit strahlendem Blick: „Gratuliere, Ella hat dir ein Töchterlein geboren. Lilli heißt die Kleine. Menschenskind, freue dich doch." Siebert sagte keinen Ton, sondern nahm stillschweigend den Brief aus Peters Händen und las ihn. Ella selbst hatte nicht geschrieben. Ihre Mutter berichtete genau von den Zuständen zu Hause, was Siebert nur noch mehr aufregte.

„Ist Siebert hier?" rief der Wachhabende ins Zimmer, während Siebert immer noch auf den Bogen starrte. „Jawohl hier!" — „Du hast heute Dienst. Es ist 18 Uhr. Antreten zur Vergatterung." Das hatte Siebert noch gefehlt. Wann sollte er endlich zur Ruhe kommen? Der Spieß, der ebenfalls von dem Telegramm und den Sorgen

**[S. 149]** Sieberts erfahren hatte, konnte sich den Spaß nicht entgehen lassen, ihm die Sache so schwer wie möglich zu machen. Er wollte seine Soldaten „hart" machen und bei Siebert schien es besonders nötig zu sein, die Abhärtungskur anzuwenden. Siebert blieb nichts anderes über, als den Stahlhelm aufzusetzen, die Pistole umzuschnallen und auf den Appellplatz zu gehen.

Nach Ablauf der 24 Wachstunden ging Siebert zur Schreibstube wegen Urlaub, denn mit dem Abmarschbefehl schien es nicht mehr so eilig zu sein. Die Kompanien übten wie früher, die Sachen wurden allmählich wieder ausgepackt. Auf der Schreibstube fand er den Zugführer Fink vor.

„Herr Leutnant, gestatten Sie jetzt ein Urlaubsgesuch zu schreiben?"

„Siebert, sie sind doch ein erbärmlicher Schwächling. Man sagte ihnen ausdrücklich, daß Sie später fahren würden. Sie können jeden Tag aufbrechen und Sie wollen in Urlaub fahren. Sie sind Soldat und Ihr Vaterland braucht Sie. Verstehen Sie das?"

Siebert mußte wieder gehen. Was sollte er nur noch anstellen, um einen Urlaubsschein zu erhalten? Gab es denn keinen Menschen, der ihm helfen wollte? Wieder verging ein qualvoller Tag. Fünf Tage war seine Frau nun schon krank. Wer würde ihr behilflich sein?

Am nächsten Tag erfuhren Peter und Siebert, daß zwei ihrer Kameraden einen sechszehntägigen Urlaub erhalten hatten. Also konnte man doch von der Truppe entbehrt werden, wenn man beim Spieß und Kompaniechef [?] gut angeschrieben war.

Siebert bat wieder um Erlaubnis, ein Urlaubsgesuch schreiben zu dürfen.

„Na schön. Schreiben Sie." sagte höhnisch der Spieß.

**[S. 150]** Siebert schrieb. Als Grund seiner Bitte gab er an: Krankheit seiner Frau und ihre Vorbereitung zur Evakuierung. Letzteres schien ihm ganz besonders wichtig, denn die Russen standen vor Warschau und konnten täglich zum Angriff ausholen. Im Falle daß sie durchbrechen würden, wäre seine Frau mit dem Kinde den Russen ohne jegliche Hilfe ausgeliefert. Das wollte er unter allen Umständen vermeiden.

Noch am selben Tage brachte er sein Gesuch zur Schreibstube. Zufällig war auch Oberleutnant Hase hier. Er sah auf den Bogen und wurde sofort krebsrot. „Mann, jetzt zweifle ich wahrhaftig nicht mehr. Sie haben die Sinne verloren! Sie glauben also noch [sic], daß Deutschland den Krieg verlieren wird. Kein Russe wird deutschen Boden betreten. Evakuierung meiner [sic — wohl „einer"] deutschen Frau! Mensch, ich könnte mich totlachen. Nehmen Sie Ihr Gesuch zurück!" Siebert hob ihn auf und entfernte sich. Er hatte nur den Wunsch, ruhig bleiben zu können.

Nun wurde das Gesuch umgeschrieben. Als Grund gab er nur noch die Krankheit seiner Frau an. Erst am nächsten Morgen brachte er den Wisch hin. Der Spieß nahm ihn in Empfang. „Da sind Sie ja. Zeigen Sie mal her!" Er betrachtete das Papier von allen Seiten, ohne auf den Text zu sehen. „Na also! Sie wollen kein vernünftiges Papier verschreiben [?]? Das Gesuch kann ich so nicht weiterreichen. Bogen ist auf der einen Seite zu beschreiben [?]!" Siebert ging rot angelaufen zur Tür hinaus. Es war doch eine Gemeinheit, wegen einer Kappalie [sic — Lappalie] das Gesuch nicht anzunehmen [?]. Der Bogen war aus der Schreibmappe genommen und der Rücken war etwas abgebogen. Das verzögerte die Bearbei-

**[S. 151]** tung des Gesuchs um einen Tag. Auf seinem Zimmer angekommen, legte er ein Lineal auf den Rand des Papiers und schnitt den hochgeknickten Teil — einen halben Zentimeter — ab. Vor Dienstbeginn ging er mit klopfendem Herzen zum Spieß.

„Na und warum nicht gleich so, Siebert?" sagte der Spieß. „Übermorgen kommen Sie zum Rapport und holen sich das Ergebnis ab."

Am besagten Tage erschien Siebert. „Herr Hauptfeldwebel, ich wollte nach meinem Gesuch fragen."

„Ist nicht genehmigt," zischte dieser lakonisch. Siebert spürte das prüfende Auge des Spießes auf sich gerichtet und wollte schon gehen [?], als jener sich erhob, einen Stoß Papiere vom Tisch nahm und sagte: „Hier haben Sie Ihre Ausweise, den Urlaubsschein. Jetzt machen Sie, daß Sie wegkommen. Heute um 18.15 geht Ihr Zug. Kommen Sie mir ja rechtzeitig zurück. Alles Gute. Grüßen Sie mir Ihre Frau und Tochter."

Siebert dankte, schlug die Hacken zusammen und lief zur Tür. Also hatte man sein Gesuch doch genehmigt. Wie wird Ella sich freuen! Und er? Ja, seine Gefühle konnte er noch nicht definieren. Wut und Aufregung wegen der Demütigung, dann Angst um Ellas Gesundheit; die unbeschreibliche Freude über die Geburt Lillis und die Freude über das Wiedersehen mit Ella wollten in seiner Brust, die fast zu bersten schien [?]. Schnell waren die Koffer gepackt, von Peter Abschied genommen. Dann begab er sich eiligst zum Bahnhof, obwohl es noch lange nicht an der Zeit war. Er ging aber, um den Übungsplatz und die Kasernen im Rücken zu haben. So verbrachte er mehrere Stunden im Wartesaal, als endlich der Zug eintraf. Als der Zug

**[S. 152]** anfuhr, glaubte er erst richtig, daß er zu Hause sein würde. Vierzehn Tage, wenn ihn nicht ein Telegramm zurückruft, wird er bei seinen Lieben weilen. Die Fahrt verlief verhältnismäßig gut — so wie man in jenen Tagen des Jahres 1944 eben fahren konnte. Die Züge gingen wegen der vielen Bombenangriffe unregelmäßig und mit großen Verspätungen. Die Bahnhöfe waren überfüllt von Zivilisten, Flüchtlingen aus dem Osten und Westen Deutschlands. Soldaten fuhren von einer Front zur anderen. Ein Vergnügen war so eine Bahnfahrt schon längst nicht mehr. Ein- und Aussteigen wurde durch die Fenster bewerkstelligt, denn Menschenleiber verstopften die Türen.

In den frühen Morgenstunden stieg Siebert auf dem Freihauser Bahnhof aus. Langsam ging er den bekannten Weg nach Hause. Ausgerechnet langsam ohne es richtig zu wollen, als wünschte er recht lange in der Vorfreude des nahen Wiedersehens zu sein, auf das sich Ella und er schon so lange gefreut hatten. Er konnte es immer noch nicht fassen, daß er wirklich Vater geworden war. Und Ella soll Mutter sein? — Kaum zu glauben. Und doch freute er sich wie ein Kind. Seine Gedanken weiter spinnend, stand er plötzlich vor seiner Haustür. Zu klopfen brauchte er nicht, denn die Tür war nur angelehnt. Eine Totenstille herrschte im Flur, wo er Rucksack und Koffer abstellte. Dasselbe Bild [?] — als wäre keine Menschenseele im Hause. Ob wohl etwas Schlimmes passiert ist? In der Wohnstube legte er vollends ab [?]. Jetzt wurde er das Kind gewahr [?]. Im Schlafzimmer vernahm er Ellas Stimme. Leise schlich er an die Tür und sah seine kranke Frau mit dem Kinde im Bett. Ella konnte es nicht glauben, daß ihr Mann wirklich da war. Immer wieder sagte sie, jetzt würde sie auch wieder ge- [?]

**[S. 153]** nesen, froh sein und dem Herrn danken, der ihre Gebete so gnädiglich erhört hatte.

Jetzt war einstweilen alles gut. Sie waren glücklich. Ella fragte nicht nach der Dauer des Urlaubs. Erst am dritten Tage wagte sie diese Frage. Noch elf Tage! Wie schnell würden sie vergehen. Dann kam der bittere Abschied. Ella war erst einen Tag aus dem Bett. An der Tür sagte sie Abram [?] unter Tränen: „Bleib doch. Du kommst nie wieder, ich ahne es." Wie ein Schlag trafen Siebert diese Worte, denn 1940 sagte seine Mutter: er würde nie wiederkommen. Sein Vaterhaus durfte er nie mehr betreten. Alle Brücken zur Heimat waren hinter ihm abgebrochen worden. Das Schicksal hatte ihn zum Landesverräter gemacht. Er hatte ein Land verlassen, das er liebte, wie jeder anständige Mensch sein Vaterland liebt. Jedoch herrschte in diesem Lande eine Ordnung, die jeden Menschen von sich stößt, sobald er das Leben mit eigenen Augen nüchtern sieht. Ja nicht nur abstößt, sondern den heißen Wunsch aufkommen läßt, in seiner Heimat die Menschen frei und satt zu sehen, sie vor dem völligen Untergang zu retten. Weil man mit den bestehenden Verhältnissen nicht einverstanden sein konnte, wurden Tausende und wieder Tausende zu „Landesverrätern", weil sie sich gegen die Gesetze dieses modernen Diktaturenstaates vergingen, wurden sie für immer verbannt. Unerbittlich waren diese Gesetze, deren Auswirkungen Siebert zu gut bekannt waren. Sie lauten: Wenn eine Person Landesverrat verübt, so wird sie zum Tode verurteilt. (Nach 1947 zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Die Todesstrafe wurde in der Sowjetunion abgeschafft. Warum soll man die Menschen erschießen, wenn sie im KZ zu Tode arbeiten können?) Unter dieses Gesetz fal-

**[S. 154]** len auch seine Angehörigen, obwohl sie völlig unschuldig sind. Dieses Gesetz forderte, daß er nie mehr nach Hause kam. Noch mehr: niemand durfte von seiner Existenz erfahren.

„Du kommst nie wieder", dröhnte es in seinen Ohren. Sollte auch Ella die Wahrheit gesagt haben? Sollte das Schicksal noch einmal so ein böses Spiel mit ihm treiben? Nein, er wollte es nicht wahr haben.

„Ich komme bestimmt wieder, Ella, glaube mir. Gott wird uns beistehen. Er wird uns helfen [?]," versuchte Siebert seine Frau zu trösten. Verstehen konnte er sich [?] selbst nicht ganz. Er traute seinen Worten selbst nicht. Er wußte nicht, wohin sein Weg führte und was ihm beschieden war [?]. Dann nahm ihn die Finsternis auf. Er sah Ella schon nicht mehr, doch hörte er ihr Schluchzen [?] hinter der Tür her.

Ellas Eltern waren schon am Bahnhof, als Siebert dort eintraf. Sie begleiteten ihn zur Haltestelle [?]. Während der Fahrt bat er den Vater, im Falle die Deutschen weiter zurückgehen würden, so weit wie nur eben möglich nach dem Westen zu fliehen, um ja nicht den sowjetischen Truppen in die Hände zu fallen. Dann war er mit seinen Gedanken allein. Der Zug ratterte über Posen, Schneidemühl und Neustettin Hammerstein zu. Ob seine Einheit wohl noch da sein wird? Schwer mit Eßwaren beladen, stampfte er durch den tiefen Sand der Kaserne zu. Seine Kameraden warteten schon sehnsüchtig darauf, denn für manchen hatte er etwas von den Angehörigen gebracht — entweder ein Päckchen oder einen lieben Gruß.

Siebert meldete sich beim Spieß zurück: Gefreiter Siebert meldet sich vom Urlaub zurück. Keine besonderen Vorkommnisse.

**[S. 155]** „So, schon gut. Daß sie so schnell zurück sein würden, hätte ich nicht gedacht. So schlimm war das mit dem Rechtzeitig-Zurück-Kommen nicht gemeint. Ab morgen machen Sie wieder Dienst. Sie können gehen."

## Wieder an die Front.

Ende November kam ganz überraschend der Befehl zum Abmarsch. Noch am selben Tage wurde das gesamte Gerät verladen. Wohin jetzt. Nach dem Westen oder gen Osten? Im Westen tobten die Kämpfe ununterbrochen, während die Ostfront seit Monaten in einen Stellungskrieg verfallen war. Mit einem Angriff deutscherseits war nicht zu rechnen, denn Deutschlands Kräfte reichten kaum zur Verteidigung. Und doch rollten Truppentransporte von Westen zum Osten und umgekehrt. Größere Truppenverschiebungen waren täglich am Platze. Mehrere Bataillone von Hammerstein rollten zum Osten, auch das in dem Siebert diente. Es würde ein doppelter Kampf werden: einmal um Deutschland, ein anderes Mal um das eigene Leben. Nicht nur als Soldat galt es zu kämpfen, sondern es bestand die Möglichkeit in die Gefangenschaft zu geraten. Was würde man mit den Menschen in diesem Falle anstellen? Weg-kämpfen und die Dinge herankommen lassen [?]. Siebert hatte einen guten und zuverlässigen Trost. Er wußte und glaubte fest, daß der Allmächtige ihm einen starken Schutzengel bestellt [?] würde. Er würde ihn behüten und bewahren. Mit dieser festen Überzeugung saß er im Wagen und wartete mit äußerster Spannung auf

**[S. 156]** das Endziel. Immer weiter ging die rasende Fahrt. Am 30. November fuhr man über die Weichselbrücke bei Modlin. Die Stadt war schon ziemlich mitgenommen. Der Krieg hatte das polnische Städtchen nicht verschont und manche bange Stunde sollte es noch erleben. Hier hielt der Zug. An der Rampe wurde mit vielem Geschrei ausgeladen. Wagen rollten von den Waggons. Geschütze wurden polternd gezogen. Kaum daß das Gerät auf der Erde stand, schaffte man es an die Einsatzplätze. Man brauchte hier nicht so vorsichtig zu sein, denn die Russen und die Deutschen zogen ihre Kräfte zusammen. Während die Russen einen Angriff vorbereiteten, waren die Deutschen bestrebt, zusätzliche Kräfte für die Verteidigung heranzuziehen. Von diesen Vorhaben wußte jeder, aber keiner versuchte den anderen zu stören. Die Zeit der entscheidenden Auseinandersetzung war noch nicht gekommen. Die angekommenen Truppen wurden in den Weichselbrückenkopf am großen Weichselbogen geschleust. Die Einheit, in der Siebert diente, löste die nur noch ganz schwache 183. Infanteriedivision im Graben ab. Müde standen die Männer der 183. Infanteriedivision im Graben. Viele ihrer Kameraden waren auf dem Rückzug gefallen — ihre Reihen waren stark gelichtet. Die noch am Leben waren, hatten das lange Leben im Schützengraben satt. Trübe und übermüdet waren ihre Blicke, die sich aber bald erhellten, als man ihnen sagte, daß sie jetzt in die verdiente Ruhe kämen. Kurze Einweisungen erfolgten und dann schlichen sie aus dem Graben in die schützende Dunkelheit.

Siebert und Peter bezogen mit ihren Gruppen nebeneinander die Stellung. Maschinengewehre, MPi-Schützen waren eingewiesen. Die Wacht konnte beginnen, kalte Winde trieben Schnee und Sand gemischt über

**[S. 157]** die Felder, welche noch nicht abgeerntet waren. Am Tage ruhte man. Der Schlaf war unruhig und ungemütlich, denn jeden Augenblick mußte mit einem Angriff gerechnet werden. Die Gräben der feindlichen Stellungen lagen ganz dicht aneinander. Auf Stellen war ein Graben vom anderen nur fünfzig—sechzig Schritte entfernt. Ganz klar und deutlich konnte man die Stimmen der Russen vernehmen. Diese kurze Strecke war schnell zurückgelegt, wenn man dabei nicht, von feindlicher Kugel getroffen, zusammenbrach. Stundenlang, ganze Nächte hindurch starrten die jungen Soldaten, die meisten erst siebzehn Jahre alt, in die Dunkelheit. Sie suchten den Feind. Das leiseste Geräusch schien ein Russe zu sein, auf den man schoß, bis man von dem Irrtum überzeugt war. Kein Wunder, daß diese jungen Kerle oft die ganze Nacht feuerten, um sich die Angst zu vertreiben, indem sie sich von der Wirkung ihrer todvernichtenden Waffen überzeugten. In solchen Stunden gingen Siebert und Peter von Stand zu Stand und spähten mit den Männern in die Dunkelheit. Leuchtraketen wurden zur Beruhigung der ängstlichen Jünglinge abgeschossen. Hellerleuchtet lag die von ihnen überschaubare [?] Fläche vor ihnen. Nichts als Schnee- und Sanddünen war zu sehen. Hinter ihnen [?] sah man die russischen Gräben [?], in denen sich nichts regte. Dann waren sie beruhigt. Dasselbe schien auch in den sowjetischen Stellungen vor sich zu gehen. Ganze Nächte hindurch wurden die deutschen Gräben beschossen, ohne daß man von drüben ein Ziel hatte. Diese Angst vor dem Feinde, der nicht da war, zumindest nicht sichtbar war, wirkte sich oft grausam aus.

Den besten Freund hatte man gerne an seiner Seite stehen, denn er wacht auch dann, wenn einem vor Mü-

**[S. 158]** digkeit die Augen zufielen, auf ihn konnte man sich verlassen. Aber wie leicht konnte man den Freund mit dem Feinde verwechseln! Die Soldaten Janzen und Hübert waren gute Freunde und immer wieder baten sie, nebeneinander stehen zu dürfen. Siebert willigte ein. Als er in einer finsteren Dezembernacht wieder durch seinen Grabenabschnitt von Mann zu Mann ging, kam er vor das leere Loch, in dem eine halbe Stunde zurück Hübert gestanden hatte. Der Karabiner lehnte verlassen an der Grabenwand. Was konnte geschehen sein? Waren Russen an ihn herangekommen? Hatten sie ihn „gestohlen"? Es kam ja oft vor, daß schwache russische Trupps in die Stellungen kamen und stillschweigend, ohne einen Schuß abzufeuern, deutsche Soldaten überfielen, sie knebelten und mitschleppten. Sollte das auch hier der Fall sein?

Der nächste Posten war Janzen. Schnell war Siebert bei ihm: „Hast du nichts gesehen? War jemand hier?" fragte er ihn.

„Doch", antwortete Janzen — „die Russen sind uns im Rücken. Einen habe ich erschossen. Dort liegt er." Etwa 30 Schritte hinter dem Graben lag ein dunkler Haufen. Man konnte in der Dunkelheit eigentlich nicht feststellen, was es eigentlich war. Siebert zog die Leuchtpistole und schoß ab. Aber ach, es war kein Russe, denn die Leiche trug den feldgrauen Mantel, den auch Siebert und Janzen trugen. Es konnte nur Hübert sein. Janzen ahnte nicht, daß er seinen besten Freund aus dem Heimatdorfe erschossen hatte. Getroffen hatte er genau, denn Hübert war sofort tot gewesen. Siebert und Janzen zogen Hübert in den schützenden Graben. Hier sah Janzen erst, was er angerichtet hatte. Totenblaß kniete er neben der Leiche und weinte

**[S. 159]** bitterlich. Wie konnte er diese Tat rückgängig machen? Was würde die Mutter Hüberts sagen? Wer würde sie trösten? Das Unglück war geschehen, es mußte hingenommen werden. Beschuldigen konnte man auch niemand, wenn schon, so nur Hübert selbst, der die Unvorsichtigkeit begangen hatte, aus dem Graben zu steigen. Genau so gut hätte ihn auch eine feindliche Kugel treffen können. Aber das konnte doch nur ein Zufall sein [?], wenn von einem solchen in der stockfinsteren Nacht die Rede sein kann. „Warum sollte man es nicht wagen, für fünf Minuten aus dem Graben zu steigen, um einen Eimer Kartoffeln zu buddeln [?]?" Sie sollten Hübert teuer zu stehen kommen.

Wie sonderbar sind doch oft Gottes Fügungen und wie unverständlich für die Menschen! Doch die Pläne Gottes stehen für jeden Menschen fest. Er bringt sie zur Ausführung, so bald er die Zeit für richtig hält. Ohne Sang und Klang wurde Hübert am Morgen darauf begraben. Diese und ähnliche Fälle waren keine Seltenheit. Oft trieb die Angst vor dem Tode und vor den Russen die Menschen zur Selbstverstümmelung. Ohne lange zu überlegen, schoß man sich durch's Bein, durch den Arm oder die Hand und man glaubte damit einen sogenannten „Heimatschuß" zu haben. Diese Art „Heimatschüsse" wurden aber von den Militärgerichten schwer bestraft. Anfangs des Krieges wurden die Männer in Strafeinheiten versetzt, wo sie fürchterlich schweren Dienst zu verrichten hatten. In den letzten Kriegsjahren genügte das aber nicht, denn die Soldaten sahen, daß der Krieg verloren ging und zogen es vor, sich selbst eine Kugel durch die Gliedmaßen zu schießen. Man kam ins Lazarett und glaubte so glücklich das Ende des Krieges zu überleben. Die

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**[S. 160]** Selbstverstümmlungsfälle wurden immer häufiger und man bestrafte sie mit dem Tode durch Erschießen. Bei Hinrichtungen wegen solcher Vergehen mußten die Einheiten, so weit es die Lage erlaubte, zugegen sein. Sie sollten als Abschreckungsmittel für die anderen dienen.

## Die Feuertaufe.

Weihnachten schien den Sowjets als die geeignete Angriffszeit oder Hl. Abend, denn sie feierten nicht Weihnachten, kannten es kaum noch dem Namen nach, wußten aber zu gut, daß die Deutschen sehr ausgiebig Weihnachten feierten und da gab es in den deutschen Stellungen vieles zu holen: Weine aller Art, Schokolade, Keks, allerlei Gebäck, Zigarren, Zigaretten u.s.w. Diese Sachen hatten die Russen fast garnicht, so daß man gerne bereit war, allein wegen des Plünderns einen Angriff zu starten. Andererseits waren die Deutschen Weihnachten nicht so wachsam als sonst. Daher war es verhältnismäßig leicht in die deutschen Stellungen einzubrechen. Schon mehrere Tage vor Weihnachten fragten die deutschen Soldaten sich gegenseitig: „Was meinst du, kommt der Iwan am Hl. Abend?" Die meisten hatten noch keinen größeren Angriff mitgemacht und da fürchtete sich mancher einer. Bereits am 24. Dezember wurde die Stellung überprüft. Die Waffen wurden besser gereinigt als sonst [?]. Wenn man sich nach dem Grund erkundigte, hörte man folgende Antwort: „Hoh, weißt wohl nicht, daß morgen das Ding schießen muß wie wild, denn morgen der Iwan kommt sicher auf Besuch." [?] Welch Ironie lag in diesen Worten! „Friede auf Erden" — und

**[S. 161]** hier schärfte man die Waffen zum großen Morden. Es schien alles in Ordnung zu sein, denn am Hl. Abend zogen alle wie sonst auf Wache, nur etwas früher als üblich. Aus vielen Löchern hörte man die lieben Weihnachtsmelodien klingen. Aus einem Loch vernahm man die Töne einer Guitarre. Es war schon lange dunkel, aber noch kein einziger Schuß hatte die Ruhe gestört. Was war geschehen? Sollte heute wirklich Weihnachten sein, auch im russischen Graben? Kaum zu glauben. Über den feindlichen Stellungen lag völlige Ruhe. Die Stille Nacht war tatsächlich still geblieben. Um Mitternacht holten die Soldaten einzeln ihre Weihnachtsbescherung vom Zugsgefechtsstand ab und trugen sie in ihren Bunker, um sofort wieder im Schießstand zu erscheinen. Von Loch zu Loch rief man sich gegenseitig „Frohe Weihnacht" zu. Wie gerne wären diese Menschen diese Zeit bei ihren Lieben daheim gewesen! Wie gerne hätten sie diese frommen und bescheidenen Weihnachtswünsche — aber nicht erfüllt werden [?]. Vielleicht später einmal, wenn sie am Leben bleiben. — Jetzt aber galt es hier zu stehen und das Vaterland zu verteidigen. Wenn es nur nicht alles umsonst wäre. Keiner dieser Soldaten dachte, daß es vier Monate später alles zu spät sein würde [?]. Ach so lange dachte keiner im voraus, denn in vier Monaten kann es schon so manchen „erwischt" haben, wie man zu sagen pflegte, wenn eine feindliche Kugel den menschlichen Körper durchschlug oder eine Granate ihn zerriß [?]. Man lebte nur noch in der Gegenwart, nur im Heute.

Allmählich war es hell geworden. Ob die Ruhe jetzt noch kommen wird? Jetzt bei Tageslicht? Nein, das kann er sich nicht leisten. Die Soldaten gingen in ihre Bunker, die nichts anderes waren als überdachte Erdlöcher. Ein

**[S. 162]** Tannenästchen fehlte aber selbst in diesem kümmerlichen Erdloch nicht. In der Hoffnung, daß alles ruhig bleibt, ging man daran, Weihnachten zu feiern, wie es Soldaten tun. Die Wintersonne stand hoch über der verschneiten Erde. Kein Lüftchen regte sich. Selbst die Wolken wagten es nicht, den blauen Himmel zu trüben. Es war Weihnachten, das Fest aller Feste. Wieviele sehnsuchtsvolle Herzen dachten jetzt an ihre Lieben und noch viel mehr beteten für die Männer im vordersten Graben.

„Ala-a-a-a-rm! Alle an die Gewehre! Der Russe greift an", brüllte die Grabenstreife. Keiner dachte mehr an Weihnachten, an seine Lieben zu Hause. Alle bewegte nur der einzige Gedanke: der Russe greift an! Wie von einer Furie getrieben, zerstoben die Männer im Graben und drückten die Gewehre fest an die Schulter, um das verderbende Blei auf den Feind zu schießen. Noch sah man ihn nicht, nur seine Geschütze sähten [sic] mit ihren Granaten Tod und Verderben in den deutschen Graben. Sie prasselten bald vor bald hinter den Stellungen. Der Graben direkt blieb noch verschont. Ein Geschoß jagte das andere bis der Donner genau so plötzlich aufhörte, wie er angefangen hatte. Im selben Augenblick sprangen graue Menschenmassen über die russische Böschung und liefen schnurstracks dem Feinde entgegen. Wie eine riesige Meute bellten die deutschen MG's und schnitten große Lücken in die russischen Reihen. Die MPi schlugen wie Peitschenhiebe dazwischen und warfen die Männer in den grauen Mänteln und kurzen Steppjacken zu Boden. Aber immer neue Wellen stiegen über die Böschung, bis ein Teil den deutschen Graben erreicht hatte. Ein fürchterlicher Nahkampf entbrannte. Die Russen waren zahlenmäßig überlegen und drangen in die deutschen Stellungen ein, immer mehr an Boden gewin-

**[S. 163]** nend. Die Verluste waren auf beiden Seiten erheblich. Der deutsche Graben wurde aufgerollt. Ganz kurz war er geworden. Erst als Verstärkung kam, gelang es den Deutschen, wieder Herr im eigenen Graben zu werden. Wie schnell hatte sich das Weihnachtsbild geändert. Aus dem verhältnismäßig friedlichen Gelände war ein Schlachtfeld, mit Leichen bedeckt, geworden. Die Soldaten blieben weiter im Graben, viele standen neben ihren gefallenen Kameraden, die man wegen der Feindeinsicht nicht wegschaffen konnte. Siebert und Peter lagen mehr seitwärts vom Angriffspunkt, ihre Gruppen hatten daher nicht größere Verluste zu beklagen.

Am zweiten Weihnachtstag war wieder alles ruhig wie immer. Jetzt konnte man wenigstens einige Stunden gemütlich beisammen sein. Gegen Mittag erschien im Bunker bei Siebert der junge Soldat Peter Neufeld. Er war 1941 noch Sieberts Schüler gewesen und zählte erst 17 Lenze. Er freute sich bei Bekannten zu sein. Als Penner nun noch erschien, verließen sie den überfüllten Bunker und gingen in das Loch eines vorgeschobenen Postens direkt am Stacheldraht vor den Minenfeldern. Hier erzählte der „kleine Peter", wie man Neufeld nannte, von seinen gestrigen Erlebnissen. Der Junge war ziemlich aufgeregt. Die Angst der vergangenen Nacht lag noch in seinen Gesichtszügen. Er war zweiter MG-Schütze und konnte seine Waffe gut bedienen. Als der Russe im Abschnitt ihres Grabens stürmte, lagen er und sein Freund Klassen mit ihrem MG, in Feuerbereitschaft. Kaum daß sich der erste russische Helm zeigte, feuerten sie drauflos. Die Waffe funktionierte bestens. Neufeld hatte alle Mühe, Klassen die vollen Patronengurte zu reichen. Klassen hatte alles ringsumher vergessen: er sah nur noch den Feind, der trotz des vielen Bleis, das

**[S. 164]** sein Mg. ausspie, immer näher kam. In diesem Eifer fing das Maschinengewehr an zu stottern und dann schwieg es plötzlich. Um nach dem Fehler zu sehen, fehlte die Zeit. Er ergriff seinen Karabiner, stieg aus dem Graben und schoß auf die herankommenden Russen. Dieses dauerte nur einige Augenblicke, dann sank er, tödlich getroffen, in den Graben, von wo aus Neufeld mit seiner Handwaffe auf den Feind feuerte. Erst als der Graben gesäubert war, konnte er sich nach Klassen umsehen. Es war zu spät, denn eine Kugel hatte ihm den Schädel durchbohrt. Auch Klassens Leiche mußte bis zum Einbruch der Dunkelheit an Ort und Stelle bleiben. Sein junger Freund stand neben ihm Wache. Angesichts des Toten begann der Junge über den Ernst des Lebens nachzudenken. In der Frühe saßen sie noch beide vergnügt beisammen und freuten sich auf das Wiedersehen mit ihren Lieben daheim und jetzt —? Für Klassen gab es kein Wiedersehen mit seinen Lieben auf dieser Welt. Neufeld erkannte die Allmacht des großen Gottes. Ganz allein in der stockfinsteren Nacht, neben seinem toten Freunde, dessen Blut an seinem Mantel klebte, faltete er die Hände und betete zum ersten Mal an dieser Stelle zum himmlischen Vater, zum Lenker aller irdischen und himmlischen Dinge. Kein Mensch hatte Neufeld aufgefordert es zu tun, niemand war ihm mit gutem Beispiel vorangegangen. Nein, Gott hatte diesen jungen Menschen so geführt, daß er zu ihm kommen mußte. Nicht der Mensch hatte Gott gesucht, sondern Gott suchte ihn und gewann ihn für sich, auf daß er bei ihm bliebe. Neufeld gelobte am Schluß seiner Erzählung, ab jetzt nicht mehr von dem betretenen Weg des Gebets abzulassen. Trotz der überstandenen Angst war er glücklich und zufrieden, er schaute hoffnungsvoll in die Zukunft und vertraute

**[S. 165]** dem großen Gott. Es war schon fast dunkel, als die drei in gebückter Haltung das Loch verließen. Eine halbe Stunde später standen sie schon wieder in ihren Ständen und spähten feindwärts.

## Budapest.

Kurz nach Weihnachten hieß es plötzlich: „Wir werden abgelöst und kommen an die Südostfront." Zunächst waren alle froh, aus diesem gefährlichen Graben und aus den verlausten Bunkern zu kommen. Wenn der Russe den Brückenkopf angreifen sollte, so war an ein Entkommen nicht mehr zu denken, da nur eine Brücke über die Weichsel führte. Diese wäre in den ersten Stunden dann ein Opfer der Fliegerbomben und somit wäre der einzige Weg zum Rückmarsch geschlossen. Ein Grauen überfiel einen, wenn man nur daran dachte. Man fühlte sich um vieles wohler, als man aus dieser gefährlichen Sackgasse auf ordentlichen Wegen entkommen war. Man hastete und eilte auf dem Bahnhof Modlin. Das Verladen ging bedeutend schneller als in Hammerstein. Wenn der Bestimmungsort anfangs auch noch nicht feststand, so wußte man doch eines: Eiltransport nach Budapest, das seit einiger Zeit eingeschlossen war. Drei starke Ringe hatten die Sowjets um die Hauptstadt Ungarns geschlagen. In der Stadt selbst warteten viele Tausend Soldaten auf ihre Befreiung. Sie durften die Stadt nicht verlassen [?]. Sie hatten Hitler befohlen [sic], sie bis zum letzten Mann zu verteidigen. Die Russen und die Deutschen führten hier einen harten, schonungslosen Kampf. Den Deutschen waren alle Nachschubwege abgeschnitten worden, nur noch

**[S. 166]** aus der Luft wurden sie versorgt. Diese Möglichkeit wurde aber am 24. Dezember ebenfalls zunichte gemacht. An diesem Tage startete die letzte Ju-88 in Budapest mit Verwundeten.

Jetzt sollten die Zufahrtsstraßen wieder geöffnet werden, um Verpflegung und Munition in die Stadt zu schaffen. Diese schwierige Aufgabe hatte man den vielen Eiltransporten aus Deutschland, Polen, Dänemark und den Westfronten zugedacht. Sie trafen sich alle in der ungarischen Stadt Komarum [sic] und von hier aus ging es nun weiter in Richtung Budapest auf den verschneiten Wegen Ungarns. Man hatte hier unter dem Befehl des SS Generals Hilly mehrere SS Panzerdivisionen zusammengezogen. Alle anderen Einheiten waren ihnen zugeteilt und unterstellt. Sie holten hier zu einem gewaltigen Schlage aus. Die Vorhut dieser Kampfgruppe hatte bereits Fühlung mit dem Feinde aufgenommen. Der Kampf begann.

Das Bataillon, in dem Siebert diente, rollte auf der Straße nach Budapest in der endlosen Panzer- und Autokolonne. Wagen an Wagen bahnte sich hier ein Weg nach vorne, durch das enge Gewühl von Menschen und Eisen. Alles, was nicht vorwärts kam, wurde in den Straßengraben gestürzt. Dort lagen russische Panzer, Lastwagen, Pferdekadaver, gestürzte Pferdewagen, Rinder und Menschen. Auf der Straße selbst lagen Menschen, über die nun die deutsche Kriegsmaschine raste. Auch das Auto, auf dem Siebert fuhr, brummte unaufhörlich und schob sich weiter nach vorne.

Endlich hatte die Kolonne die Karpaten erreicht. Tata — eine kleine ungarische Stadt — nahm die deutschen Soldaten freudig auf. Hier waren die russischen Truppen keine sechs Wochen gewesen, aber auch alles,

**[S. 167]** alles hatten sie geplündert. Fast kein Speicher hatte noch irgendwelche Vorräte. Die Weinkeller enthielten nur noch leere Fässer, soweit man nicht auch die fortgeholt hatte. Die Häuser waren zum größten Teil verwüstet, die Menschen eingeschüchtert und verhungert. Mit Tränen der Freude in den Augen empfingen die Ungarn die Deutschen. Nach eintägigem Aufenthalt sollte es weiter gehen. In der Nacht vor der Weiterfahrt fuhren die Panzertruppen unaufhaltsam nach vorne, den sowjetischen Truppen hinterher. Das Bataillon „Danmark" bekam den Auftrag unweit von Tata bei dem Dorfe Dardos die Flankensicherung zu übernehmen. Dardos lag am Fuße der Karpaten in einem tiefen engen Tal, das ganz bewaldet war. Hier in den Wäldern hielten sich starke sowjetische Truppen, zum Teil versprengt, mit ihren noch verbliebenen Waffen auf und bedrohten von der Flanke her die Deutschen. Die Kompanien bezogen ihre Stellungen. Der Frontabschnitt war ziemlich klein, so daß man die Strecken ganz dicht besetzen konnte. Am gefährlichsten war das Tal, in dem sich eine gutausgebaute Chaussee durchs Gebirge schlängelte. Hier lag Penner mit seinen Leuten. Siebert besuchte ihn noch gegen Abend und gemeinsam besprachen sie, wie und wo die Maschinengewehre wohl am besten einzusetzen. Pak-Geschütze (Panzerabwehrkanonen) hatten hier zur Verstärkung Aufstellung genommen. Das Wetter in Ungarn war weit milder als in Polen, daher fühlte man sich hier in den langen Nächten wohler. Siebert lag mit seinen Männern am Dorfausgang zu den Karpaten hin, 100 Meter weiter stand der Wald wie eine schwarze Wand gegenüber. Der Abend zog ganz still ins Land — überall herrschte Ruhe, man könnte glauben, daß der Krieg mit seinem Gebrüll und Getöse schon lange vorbei ist.

**[S. 168]** Ganz plötzlich wurde die Ruhe aus dem Walde her gestört. Rechts und links der Straße fingen die Russen wüst zu schreien an. Wilde Flüche der Offiziere und Motorengeräusch drangen an die Ohren der Deutschen. Pferde wurden angetrieben, Hunde bellten. Wie eine Brandung näherten sich die sowjetischen Massen auf der Straße und im Walde zu beiden Seiten des ungarischen Dorfes, in welchem eine einzige Kompanie mit ca 180 Mann lag. Die angreifenden Offiziere trieben ihre Soldaten zur Eile an, bis dann das vielfache Hurra der Russen erscholl. Ein verheerendes Feuergefecht setzte ein. Schwere Maschinengewehre, Pak's und sonstige Waffen traten gegen das Gebrüll in Tätigkeit. Mächtige Explosionen schlugen auf der Straße ihre zischenden Flammen zum Himmel empor, alles rings umher taghell erleuchtend. Die ersten Häuser im Orte brannten schon, die Kirche hatte ihr halbes Dach verloren. Alle deutschen Soldaten zogen sich an der Straße zusammen. Dort kämpfte man mit zäher Verbissenheit, bis die Russen sich unter großen Verlusten gezwungen sahen, zurückzuziehen. Welch schreckliches Bild zeigte hier der anbrechende Morgen! Das Dorf war zum Teil verbrannt, auf den Straßen lagen tote Soldaten — deutsche und russische. Längs der Chaussee auf einer Strecke von vieranhalb [sic] Kilometern standen aneinandergereiht: Autos, Geschütze, Panzer, Pferde vor ihren Wagen, eine ganze Horde Nachrichtenhunde, ein Feldlazarett mit Verwundeten, geraubte Güter, angefangen vom kleinsten Kinderschuh und aufgehört mit den kostbaren Pelzen. Alles war hier zu finden, selbst die Heereskasse fehlte nicht. Am schlimmsten waren die Verwundeten dran, denn sie froren auf den schäbigen Wagen jämmerlich. Bis man die Straße für ihren Abtransport freigemacht hatte, waren viele erfro-

**[S. 169]** ren. Unerbittlich war der Krieg zu Mensch und Tier, die Forderungen, die er stellte, gingen über das Natürliche weit hinaus. Der größte Teil des russischen Trosses war irgendwo im Gebirge stehen geblieben, sie hatten nur das Allernotwendigste mitgenommen. Die Pferde hatte man an die Wagen gebunden. Verhungert und dürftig wieherten sie wehmütig, als bettelten sie, als wollten sie die Menschen anklagen, weil er ihnen soviel Leid zufügte.

Viele deutsche Soldaten hatten sich ein Pferd besorgt. Auch Siebert besaß seinen Schimmel, der ihn durch Ungarn tragen sollte. Doch von diesem Vorhaben mußte er absehen, denn bei einem Aufklärungsritt verstauchte er sich das Bein und kam für längere Zeit zum Troß. Gleich am ersten Abend, als er hier weilte, brachte das Radio die schon lange erwartete Nachricht von der Offensive der Sowjets an der Weichsel. Was wird nun hier aus der Bevölkerung werden? [?] 48 Stunden Trommelfeuer aus zehn tausend Rohren vernichteten in den ganzen Gebieten menschliche Wohnungen, ja sogar jegliches Leben. Tausende Panzer zermalmten alles, was unter ihre mächtigen Ketten kam. Die Sowjets holten zum letzten entscheidenden Schlag aus. Immer wieder stellte man sich die Frage: was werden die U.S.A. und England mit Rußland tun? Werden sie bis zum Schluß mit Rußland zusammen gehen? Werden diese Staaten einsehen, daß Rußland diese Allianz mit ihnen nur deshalb geschlossen hatte, weil sie zum Gewinnen des Krieges gegen Hitlerdeutschland zu schwach war, allein daß diese Allianz nur als Mittel zur Förderung seiner Expansionspolitik benötigte? [?] Trotz der angeblich guten Beziehungen zu den kapitalistischen Staaten propagierte die kommunistische Presse immer wieder den Kampf gegen den Kapitalismus als den größten Feind der Menschheit. In Rußland prägte man

**[S. 170]** immer lauter den Satz: es ist ganz gleich, mit wem sich die S.U. verbindet und wenn es der größte Feind ist.

Nach acht Tagen war das Bein Sieberts wieder in Ordnung und er konnte noch gerade zum Zeitpunkt der Verlegung bei der Kompanie eintreffen. Im weiten Bogen fuhr man um den Ort der Kampfhandlungen und gelangte an den Plattensee bis in den Raum von Stuhlweißenburg. Hier tobte ein schwerer Kampf schon mehrere Wochen. Man fuhr die Einheiten direkt in die vorderste Linie, um sie sofort in den Angriff zu werfen. Mit Panzern stürmte man in den Ort Kapolnasnek [?], in dem sich der Russe verbissen verteidigte. Er wurde in der Mitte des Ortes wohl zusammengedrängt, vertrieben konnte er aber nicht werden. Aus diesem Raum unternahm er täglich zwei Angriffe gegen die deutschen Stellungen, aber immer vergebens — unter großen Menschenverlusten mußte er in seine Ausgangsstellungen zurückweichen. Seine Toten lagen in dichten Reihen vor den deutschen Stellungen. Das Elend, die menschliche Not schrie hier zusammengedrängt zum Himmel. Als diese Angriffe die russischen Truppen nicht befriedigten, zogen sie Panzer heran und glaubten mit Hilfe dieser Stahlkolosse die Deutschen überwältigen zu können. Das Bataillon lag längs des Ortes in Stellung. Auf den Abschnitt der ersten Kompanie fiel ein Drittel der gesamten Strecke. Penner und Siebert hatten ihre Waffen weit auseinander gezogen. Auch aus ihren Gruppen fehlten schon manche Männer, deren Plätze jetzt leer waren.

Starker Nebel hüllte am Abend alles in ein mattes, undurchsichtiges Kleid. Diese Abende waren meist unerträglich, denn man konnte keine fünf Schritt weit sehen, der Feind hatte die Möglichkeit sich ganz nahe an seinen

**[S. 171]** Gegner heranzuschleichen und ihn unerwartet zu überfallen.

Als sich gegen Mitternacht der Nebel lichtete, sah man sich vor die vollendete Tatsache gestellt: gegenüber der 1. Kompanie waren fünf russische Panzer T34 aufgefahren. Ihre Motore liefen auf ganz niedrige Touren — die Zeit des Angriffs war noch nicht gekommen. Noch standen sie in beachtlicher Entfernung, nur ihre Umrisse waren zu sehen. Siebert und Penner berieten die Lage. Keiner von ihnen hatte je gegen Panzer gekämpft, ihren Kameraden ging es genau so. Würden sie standhalten? Und wenn sie alle stürmten? Dann ist alles verloren. In so einem Falle würden auch sie das Weite suchen. Sie schnallten das Kleingepäck ab und gingen zu ihren Männern, die die Gefahr ebenfalls schon erkannt hatten, aber völlig ruhig in ihren Verstecken verharrten. Die feindlichen Motore brummten lauter und die Panzer setzten sich langsam in Bewegung, um von Zeit zu Zeit wieder anzuhalten. Ganz langsam krochen diese Stahlriesen an die Deutschen heran, die noch ruhig dalagen, als passiere garnichts. War es die Angst, die sie alle erstarren ließ oder waren es die Waffen, die sie schon oft von ihrer Zuverlässigkeit überzeugt hatten und ihnen die bewundernswerte Ruhe verliehen. Jetzt waren die feindlichen Wagen deutlich zu sehen. Deutlich erkannte man die aufgesessene Infanterie mit ihren Handwaffen, was die Lage noch mehr verschlimmerte. Die Ruhe in den deutschen Reihen blieb bestehen. Dann barsten unter den Ketten die Gartenzäune, die Bäume knackten. Geschossen wurde nicht. Die Panzer hatten die Deutschen in ihren Löchern schon hinter sich, ohne jemand gesehen zu haben. Dieser Umstand machte die Russen stutzig. Da knatterten die Waffen der Deutschen. Ein fürchterlicher Feuerzauber entstand

**[S. 172]** um die Panzer. Panzerfäuste durchbohrten die Stahlwände, machten die Panzer bewegungsunfähig. Einige von ihnen brannten bereits. Fluchtartig, ihr Leben rettend, stiegen die Besatzungen aus, um wenige Schritte weiter getroffen in den Schnee zu sinken. Eine halbe Stunde später herrschte wieder Ruhe, Grabesstille. Müde vor Aufregung und Angst wagte keiner ein Wort zu sagen. In manchem Loch dankte man dem himmlischen Vater für das erhaltene Leben.

Siebert ging in eine Scheune, wo der Wind nicht zu stark hineinblies, kniete nieder und dankte dem Herrn. Hier legte er sein Schicksal gänzlich dem Herrn in die Hände und bat ihn, ihn zu führen, wie er es für ihn für gut befinde und der Allmächtige erhörte seine Bitte. Den Beweis hierfür erhielt er schon einige Minuten später. Er ging zu Peter und sagte ihm, daß er etwas trinken müsse und schritt dann dem Hause zu, in dem sie ihre Sachen abgestellt hatten. Die Wirtin war hier sehr zuvorkommend und reichte den Soldaten alles was sie nur eben vermochte. Bei ihr im Hause hatten die Russen [?] zweiundvierzig Tage gewütet. Nur wenige Sachen waren heilgeblieben. Ihre Töchter hatte sie dadurch retten können, indem sie sie in ein Zimmer sperrte, dessen Tür mit einem schweren Küchenschrank verdeckt war. Zweiundvierzig lange Tage und Nächte verbrachten die Mädchen in diesem Zimmer in der ständigen Angst, doch noch entdeckt zu werden, denn die meisten russischen Soldaten schreckten vor nichts und niemand zurück. Töchter vergewaltigte man in Anwesenheit der Mütter und umgekehrt. Töchter mußten zusehen, wie diese wildgewordenen Menschen vergewaltigten. Selbst Frauen mit Säuglingen konnten ihnen nicht entgehen. In Kapolnaschnek [?] hatte eine Panzerbesatzung die Unmenschlichkeit

**[S. 173]** besessen, eine Frau mit fünf Kindern in die Maschine zu zwingen und dann mit ihnen in den Kampf zu fahren. Das Weinen der Mutter und das Schreien der Kinder wurde von den brüllenden Motoren übertönt, man sah nur die angstverzerrten Gesichter. Sie kehrten nie wieder zurück. Alle Personen, die den Russen verdächtig schienen, wurden auf dem Marktplatz mit dem Gesicht zur Erde gelegt und dann machte ein Genickschuß ihrem Leben ein.Ende [sic]. Die Reihe dieser gefrorenen Leichen, die niemand beerdigen durfte [?], war in den sechs Wochen der sowjetischen Besatzung ziemlich lang geworden. Erstaunliche [sic] war, daß unter den Erschossenen kein einziger Soldat war — nur Zivilisten, Männer und Frauen. Kein Wunder, wenn die Bevölkerung froh war, von diesem Greuel befreit zu sein.

Die Wirtin, zu der Siebert jetzt ging, glaubte den Deutschen Dank zu schulden und tat daher ihr Bestes. Er klopfte an die Tür. Eilige Schritte näherten sich derselben von der anderen Seite. Durch einen schmalen Spalt erkannte Siebert das Gesicht der Wirtin. Sagen konnte er ihr nichts, denn die Tür flog krachend ins Schloß [?]. Meinte sie, die Russen kommen bald und man wird sie beschuldigen, [?] ... zu haben? Was kümmerte es ihn, was sie hat. Er würde halt warten bis zum Morgen und dann für die Kompanie genügend zu trinken holen [?]. Betteln konnte er nicht und streiten lag ihm ferne. Unbekümmert ging er zu Peter zurück. Als es wieder hell war, gingen sie beide in das Haus. Jetzt war die Wirtin freundlich und mütterliche Güte lag in ihren Zügen. Beide Hände auf die Brust legend, sagte sie aufgeregt: „Ach hab ich heute Nacht einen Schreck bekommen, als Sie an die Tür klopften. In unser Haus waren nämlich sieben Russen ein-

**[S. 174]** gedrungen und hielten sich hier vor euch versteckt. Ich sah Sie schon tot im Schnee liegen. Aber da war es mir, als sagte mir eine Stimme, ich solle schnell zur Tür laufen. Rasch schob ich die Russen mit ihren angelegten Gewehren zur Seite und verwehrte Ihnen den Eintritt. Wie froh war ich, als Sie schweigend gingen. Erst kurz vor Tagesanbruch zogen die Russen ab." Gott hatte Siebert wirklich einen wachsamen Schutzengel gesandt. Wie dankbar war er ihm! Die Gnade Gottes vermag auch die größten Gefahren zu überwinden. Auch am nächsten Tage hielt Gott seine schützende Hand über Sieberts Haupt, als die deutschen Stellungen dauernd mit Granaten belegt wurden.

Peter, Siebert und der Schütze Kohn lagen am Dorfrand und spähten in die Weite. Dieses Granatfeuer konnte die Vorbereitung zum Angriff sein. Da galt es auf der Hut sein.

Ganz plötzlich schlägt eine Granate unmittelbar vor ihnen ein. Einen Augenblick sieht man nichts als Schnee- und Erdklumpen, die zur Erde fallen. Dann aber schreit Kohn aus Leibeskräften: „Sanitäter, Sanitäter! Mein rechter Arm ist ab!"

Das Bild, das sich hier bot, war ein verheerendes. Das Mg, das neben dem Kohn gelegen hatte, war in Stücke. Kohns Ärmel waren in Fetzen gerissen und der abgeschlagene Arm blutete in Strömen. Peter hielt sich mit beiden Händen seine linke Hüfte. Siebert schlenkerte mit allen Gliedern und stellte fest, daß alles heil geblieben war. Dagegen hatte er starke Schmerzen auf der rechten Brustseite. Hier hingen ihm die Fetzen vom Leibe, danach zu urteilen mußte sein Leib zerrissen sein. Peter und Siebert hoben den stöhnenden Kohn auf die Beine und alle drei gingen dem Verbandplatz zu.

**[S. 175]** Kohn war in der Tat schlimm dran. Sein Arm wurde ihm amputiert. Peters Schmerzen rührten von einem Splitter her, der aber leicht entfernt werden konnte. Zum Schluß kam Siebert an die Reihe. Er legte den Pelz ab, der ein Loch im Ärmel und auf der Brust aufwies. Die Lederjacke hatte denselben Schaden, auch die Tuchjacke. Dann folgte der Pullover, der das Loch nur noch im Ärmel hatte. Auf der Brust war er heil. Das Hemd war völlig ganz. Was war hier geschehen? Nach längerem Suchen fand man einen größeren Splitter im Tagebuch, das Siebert stets in der Tasche zu tragen pflegte. Das Eisen hatte es bis auf den hinteren Deckel durchbohrt. Hier aber war die Kraft zu Ende. — Harmlos stak es in den Blättern.

Wie wunderbar erhält Gott doch die Menschen, deren Stunde noch nicht gekommen ist. Selbst im wüsten Schlachtgetümmel sieht er die Gefahren für jeden nahen und wendet sie ab, wenn es ihm gefällig ist. Nicht der Mensch kann seinem Schicksal entgehen oder es zurechtbiegen, wie es ihm selbst paßt, sondern Gott allein ist in der Lage ihn zu leiten, wie es für ihn am besten ist, und zwar geht da ein jeder auf der für ihn vorgeschriebenen Bahn. Nicht das Verdienst des Menschen erhält ihn, sondern nur die Gnade des allmächtigen Gottes, dank der er so lange erhalten bleibt, bis er seinen Weg zu Ende gepilgert hat.

## Nur noch drei Kilometer frei.

**[S. 176]** Lange kann die Kompanie die Straße in ihrem Abschnitt nicht mehr verteidigen. Die Verluste sind groß. Der Ansturm der Russen wird immer stärker. Die vorstoßenden deutschen Truppen sind bis auf sechs Kilometer herangerückt. Wenn die eingeschlossenen Divisionen von Budapest den Ausbruch wagen, sind die Mengen gerettet. Die vielen Verwundeten können in die Heimatlazarette gebracht werden. Was noch ganz besonders wichtig ist, wenn man Budapest aufgibt, ist die Tatsache, daß die wunderschöne Stadt mit ihren majestätischen Brücken vor sinnloser Zerstörung verschont bleibt. Aber ein Häuflein fanatischer SS Generäle [?] bestand auf der weiteren Verteidigung der Stadt. Sie verlangten, daß Budapest von außen freigekämpft werde, wie es Hitler befohlen hatte. Der Stab der eingekesselten Armee befand sich in den Kellerräumen der Burg. Trotz unsagbarer Not in der Stadt, trotz des großen Hungers der Truppen und der vielen Verwundeten, feierte man in der Burg ununterbrochen. Während die Soldaten kämpften, nicht mehr um Budapest, nein, es gab ja auch noch ein eigenes Leben, das verteidigt werden wollte, während diese Männer sich nur noch vom Fleisch der gefallenen Pferde nährten, während die Bevölkerung dieser Großstadt ohne Wasser und Brot wochenlang in den Kellern schmachtete, verpraßte man in der Burg kostbare Eßwaren in großen Mengen. Das Elend in Budapest wurde immer größer. General Hilly mit seinen Truppen kam von außen auch nicht mehr vorwärts, denn am 31. Januar 1945 brachte man die Nach-

**[S. 177]** richt, daß die Russen die Bresche, die in ihre Reihen geschlagen worden war, schließen werden. Nur noch 3 km sollen frei sein, noch 3 Kilometer, dann ist der Ring geschlossen und die Truppen, die andere retten sollten, müssen selbst um Rettung flehen, die ihnen niemand geben kann. Das heißt, daß sie elend zugrunde gehen werden, erbarmungslos. Hierüber war sich jeder klar.

Gleich nach Eingang dieser erschütternden Nachricht kam der Befehl zum Rückzug durch. Die Befreiung Budapest's war fehlgeschlagen. Die noch freien drei Kilometer ungarischer Steppe mußten so schnell wie möglich erreicht werden, wollte man nicht den feindlichen Kugeln erliegen oder in russische Gefangenschaft gehen. Bei finsterer Nacht verließen die Soldaten das Dorf, für das sie so lange gekämpft hatten, in dem viele ihrer Kameraden ein frühes Grab gefunden hatten. Alles war vergebens gewesen. Was sollte es noch alles kosten? —

Einige Panzer vom Typ „Tiger" blieben als letzte im Ort, um einen eventuellen Angriff der Russen abzuwehren.

Endlose Kolonnen müder Soldaten gingen durch die Maisfelder und Weingärten, tiefe Spuren im Schnee zurücklassend.

Am Tage wühlten sich die Massen in den Schnee, um den Kampf mit den Verfolgern aufzunehmen. In der Nacht schlich man wie gehetztes Wild weiter. Die drei Kilometer hatte man noch glücklich erreicht, aber die Flucht sollte erst jetzt richtig losgehen. Die sowjetische Führung hatte vom Rückzug der Deutschen rechtzeitig erfahren und ihre Verfolgung sofort aufgenommen. Ein bitteres Ende sollte ihnen bereitet werden.

Peter, Siebert und der gute Freund Gerhard Wiebe gingen gemeinsam. Zu dritt war es leichter. Einer

**[S. 178]** half dem andern, einer paßte auf den andern auf. Sie gelobten sich, sich gegenseitig zu unterstützen und zusammenzubleiben, ganz gleich was da kommen wolle.

Am 3. Februar ging das Bataillon als Nachhut am Schluß der zurückflutenden Masse. Der tiefe Schnee hemmte den Schritt der Soldaten dermaßen, daß man das befohlene Ziel nicht rechtzeitig erreichen konnte. Um 10 Uhr früh mußte man wieder die provisorischen Stellungen beziehen. Mit der Arbeit war man noch nicht fertig, als die feindlichen Schützen bereits so weit nachgedrungen waren, daß ihre Karabiner in die deutschen Reihen reichten. Wenige Minuten später hatte man hier die ersten Verwundeten, die sich mühsam durch den Schnee weiter zurück schleppten. Die Schießerei wurde heftiger, ohne daß die Deutschen antworteten.

Siebert erhob sich und blickte in die feindliche Richtung. Graue Massen zogen hier auf. Panzer überholten die Fußgänger. Auf der Rollbahn links von Siebert zogen die Russen mit Menschenkraft zahlreiche leichte und schwere Feldgeschütze. Hier half kein Kämpfen mehr. Der Ruf „Rette sich, wer kann!" löste alles, was noch irgendwie an Ordnung erinnerte in Chaos und Kopflosigkeit auf. Das Groß der Kompanie etwa 160 Mann schlug den Weg zur Rollbahn ein. Hier ereilte sie alle ein und dasselbe Schicksal: von den Granaten und Maschinengewehren der russischen Panzer wurden sie niedergemäht.

## „Hände hoch!"

**[S. 179]** Peter, Wiebe und Siebert waren rechts von den anderen und zögerten noch, denn Peter wollte erst seine Munitionskisten auf einen kleinen Handschlitten laden. So sehr Wiebe und Siebert ihn auch baten, davon abzulassen, er glaubte die Munition noch brauchen zu können. Dann endlich gingen auch sie: Wiebe und Siebert vorne, etwa 60—70 Schritte hinter ihnen schleppte Peter seinen Schlitten. Die Kugeln zischten an ihnen vorbei, Granaten wirbelten bald hier, bald dort große Schneewolken auf und schleuderten ihre Splitter durch die Gegend. Einen Augenblick zurück [sic] hatten Wiebe und Siebert sich noch nach Peter umgesehen: er ging eiligen Schrittes. Doch jetzt rief er ganz laut und deutlich:

„Heinz, komm hilf! Ich bin verwundet!"

Wiebe und Siebert schauten sich erschrocken an, als wäre auch ihnen eine Kugel durchs Bein geschossen. Doch sofort [?] dann liefen sie zurück zu Peter, dem ein Bein angebrochen war [?]. Anstatt der Kisten legten sie Peter auf den Schlitten und zogen ihn mit sich in das vor ihnen liegende Maisfeld.

Auf der Rollbahn waren die russischen Einheiten [?] ... An ein Entkommen bei Tage war nicht mehr zu denken, daher entschlossen sich die drei bis in die Mitte des Feldes zu gehen und dort den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten. Hier stießen sie noch auf den Unteroffizier Gert Berndt. Er stammte aus Breslau und war ein gutmütiger Mann.

„Kommt, ich helfe euch ziehen, dann kommen wir schneller voran," sagte er und faßte mutig den Strick.

**[S. 180]** „Gert, laß es bleiben und geh, Wiebe, du geh doch auch lieber, denn wir zwei müssen bleiben. Entweder kommen wir durch oder gehen gemeinsam in die Gefangenschaft. Es ist ja wirklich lieb von Euch, daß ihr uns nicht verlassen wollt, aber helfen könnt auch ihr nicht mehr. Geht, als gesunde kommt Ihr durch. Es sind ja nur acht Kilometer bis zu unseren Stellungen. Wir bitten Euch, geht," flehte Siebert seine Freunde an. Diese wehrten jedoch entschieden ab: „Wir waren die ganze Zeit zusammen und warum sollen wir es jetzt nicht tun? Wollen hoffen, daß wir gut durchkommen," schloß Wiebe. Peter hatte sich vom Schlitten gerollt und nun warf man ihm seinen Schneeanzug über [?]. Auf der Rollbahn rollten die russischen Maschinen, Soldaten zogen fluchend ihre schweren Geschütze. Das Maisfeld wurde nach deutschen Soldaten abgesucht. Schon glaubten sich die Freunde entdeckt, doch wie von unsichtbarer Hand geführt, machte man kurz vor ihnen kehrt.

Dann war es allmählich still geworden. Um die Mittagszeit kroch jemand an die vier heran. Anfangs glaubten diese, es sei ein Russe, doch bald erkannten sie einen ihrer Leute aus der Kompanie. Er blieb bei ihnen. Jetzt waren sie schon fünf Mann stark, davon nur ein Verwundeter, so daß man den Schlitten gegen Abend leicht vorwärts ziehen konnte.

Peter hatte in seinem rechten Bein, das im Unterschenkel zwei Durchschüsse hatte, nur ganz geringe Schmerzen. Verbunden konnte es nicht werden, denn man wußte nicht [?] wie lange man von diesem Bett im Schnee Gebrauch machen würde. Daher war es am besten, man rührte es nicht an. Ungeachtet der vier erlebten [?] Männer glaubte Peter nicht an ein Entkommen. Er gab vor,

**[S. 181]** zu ahnen, daß er den heutigen Abend nicht mehr erleben könne.

Diese Gedanken schienen ihn auch veranlaßt zu haben, Siebert und Wiebe aufzufordern, mit ihm zu beten. Gerne wurde ihm dieses gewährt. Siebert und Wiebe rückten etwas näher an ihn heran und alle legten die Hände zusammen auf Peters Hände. So inbrünstig und aufrichtig wie in dieser Stunde hatte noch keiner von den dreien gebetet. Nachdem jeder von ihnen dem Herrn gedankt hatte, waren plötzlich die Sorgen verschwunden, die noch geblieben waren, schienen klein und leicht überwindbar. Mit Zuversicht und Ruhe schauten alle in die nahe Zukunft, die doch vor kurzer Zeit noch so finster aussah. Ihre Gesichter waren hell geworden, ihre Kräfte nahmen zu. Wie groß ist doch die Kraft eines aufrichtigen Gebets! Wie schnell kann Gott die Bitten, die ein verzagender Mensch in seiner höchsten Not an ihn richtet, erhören und in Erfüllung gehen lassen. Unwillkürlich dachte Siebert an den Bibelspruch: „Wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten." Er zweifelte nicht mehr daran, daß Gott helfen würde, nur war der Weg, auf dem die Hilfe an sie herangetragen werden sollte, nicht bekannt. Darüber nachzudenken, wäre von vorneherein vergebens gewesen. Undurchsichtig lag die Zukunft wie eine dicke Nebelwand vor ihnen. Die Angst war von ihnen gewichen. Der Plan, der Gefangenschaft zu entgehen, stand fest: um vier Uhr nachmittags wollten sie im Schutze des Nebels aufbrechen und sich durch die russischen Posten durchschleichen. Ob Peter nach dem starken Blutverlust noch in der Lage sein würde, auch diese Strapazen zu überstehen? Diese Frage bewegte Siebert und Wiebe am stärksten.

Allmählich begann dichter Nebel die verschneite

**[S. 182]** Erde einzuhüllen. Er verschlang alles ringsumher. Behutsam legten die Freunde Peter auf den kleinen Schlitten, betteten sein durchschossenes Bein so gut sie konnten und dann begann die Fahrt ins Ungewisse. Die Last auf dem Schlitten merkte keiner, denn die Sorge um das nackte Leben verdrängte alle anderen Sorgen. Schwer stampfte man durch den tiefen Schnee vorbei an vielen Bekannten, die hier ihren Tod gefunden hatten. Das weite Feld war mit Leichen aus der Kompanie, in der Siebert diente, besät. Hier lagen die Kameraden. Am Morgen waren sie noch alle froh und voller Hoffnung. Sie glaubten ihre Lieben alle wiederzusehen. Wer würde ihnen [sic] jetzt wenigstens den Ort des Grabes sagen, wenn es solches überhaupt geben würde. Die weinende Mutter, die trauernde Frau würde vielleicht eines schönen Tages ein Schreiben erhalten, in dem ihnen kurz und amtlich vom Tode des Mannes oder des Sohnes Mitteilung gemacht wird. Es würde heißen: „Er fiel für Führer, Volk und Vaterland." Das war alles. Es hieß dann: „Der Dank des Vaterlandes ist euch gewiß." Mit diesen Trostworten schickte man die deutschen Soldaten an die Front, diese Worte sagte man ihnen im Kessel von Stalingrad, Kischinew und Budapest. Diese Worte sprach man feierlich am Grabe der Gefallenen. Man sprach sie so oft, bis sie später zum Hohn wurden, denn als das deutsche Vaterland ganz zerschlagen am Boden lag, als Millionen deutscher Soldaten in russischer Gefangenschaft schmachteten, rief man sich gegenseitig noch immer zu: „Haltet aus! Der Dank des Vaterlandes ist euch gewiß."

Der vielen Toten vom 3. Februar 1945 hat das Vaterland nicht gedacht. Nur die hinterbliebenen Angehörigen suchen heute noch nach einer Spur dieser Men-

**[S. 183]** schen. Wieviel Tränen mögen ihretwegen schon geflossen sein?!

Die vier Männer zogen trotzdem ihren Schlitten weiter. Peter begann zu stöhnen, denn die Schmerzen waren wesentlich größer geworden. Nur einen Augenblick hielten sie an und schauten in alle Richtungen nach dem Feinde aus. Welch Glück! Die russische Hauptkampflinie lag hinter ihnen. Sie befanden sich im Niemandsland.

„Peter, wir haben's geschafft! Wir kommen durch! Die Russen haben wir bereits hinter uns!"

Der Verwundete wurde von der Freude der übrigen mitgerissen. Seine letzten Kräfte bot er auf, um die Schmerzen noch kurze Zeit zu tragen. Mitten in diese freudige Stimmung pfiffen einige M.Pi-Garben über das so hoffnungsvolle Häuflein. Wie von einer mächtigen Hand umgeworfen, warfen sich die vier gesunden Männer in den Schnee neben den Schlitten. Peter hatte sich vom Schlitten geworfen, eine Kugel hatte ihm den rechten Fuß verwundet [?]: seine zerschmetterte Ferse hinderte ihn am Gehen. Wiebe war am rechten Fuß verwundet [?]. Keiner wußte, was los war. Sollten die Russen etwa ihre Waffen vorausgeschossen haben? [?] Vielleicht sind es auch Deutsche? Das wäre wunderbar! Dann könnte Peter und Wiebe geholfen werden. Und die Gesunden? O die wollten sich ausruhen von diesen schrecklichen Tagen.

Zum Luftschlösser Bauen fehlte die Zeit. Alle blieben liegen. Berndt und Siebert faßten mit je einer Hand die Leine und kriechend zogen sie jetzt den Schlitten. Kaum waren sie einige Meter in dem Nebel gekrochen, als eine weitere Garbe ganz tief über sie herfegte. Diesmal hatte sie keinen Schaden angerichtet. Siebert

**[S. 184]** munterte die übrigen zur Eile auf. Eile! Eile! Nur sie kann die fünf Männer im Nebel verschwinden lassen. Doch im selben Augenblick sehen sie sich von sechs Russen umstellt. Ihre Waffen hatten sie drohend auf die liegenden Männer gerichtet.

„Fritze! Steht auf! Hände hoch!"

Diese Tatsache verschlug den Deutschen die Sprache. Sollte dieser Abschnitt ihres Lebens so enden? Sollte jetzt alles umsonst gewesen sein? Wieviel Mühe, wieviel Arbeit. Zeit, ja ihre Jugend hatten sie geopfert für eine Sache, die es ihnen wert schien, denn letzten Endes verteidigten sie doch ihr Vaterland vor dem Feind. Sollte das jetzt der Lohn dafür sein? Sieberts Gehirn wurde in diesem Augenblick von Gedanken dieser Art durchstöbert. Darüber verzögerte er die Ausführung des Befehls [?]. Der Rippenstoß mit einem groben Stiefel und ein kräftiges „Dawai." begleitet von einer langen Reihe kräftiger Flüche, veranlaßte ihn zum schnellen Aufstehen. Gleich reckte er die Hände hoch.

„Hände hoch!" Zwei kurze Worte. Und wie einfach und harmlos sie scheinen! Unendlich tief ist jedoch ihr Sinn. Schwerwiegend ihre Folgen. In dem Augenblick, wo man dieser Aufforderung Folge leisten muß, verliert man alles, alles. Es wäre ja noch verhältnismäßig leicht, wenn man nur seine materiellen Güter verlieren würde, aber diese zwei Wörtlein nehmen einem Soldaten das kostbarste — die Freiheit. Freiheit! Für wieviele Menschen auf dem weiten Erdenrunde ist sie eine Selbstverständlichkeit! Ja, nicht nur die Freiheit verliert man in diesem Augenblick! Man wird vogelfrei. Man ist der Gnade und Ungnade des Feindes ausgeliefert. Sind sie gut, geben sie dir die Mühe [?] und führen dich ins Hinterland. Dann bist du Sklave des

**[S. 185]** Feindes. Sind sie schlecht, machen sie mit dir einen kurzen Prozeß: eine Kugel trifft dich totsicher und du bist eine Leiche geworden, ohne daß du dich wehren, verteidigen kannst. Wie bitter! Denn auf dem Schlachtfelde ist man ewig jung. Dort weiß man das Leben zu schätzen, weil man dem Tod immer ins Antlitz schaut. Man will leben! Es gilt doch noch so viele Sachen zu erledigen. Die russischen Soldaten sangen ein Lied, das wie folgt lautet: „Умирать нам еще рановато, есть у нас еще дома дела" (Der Tod ist für uns noch zu früh, wir haben daheim noch zu tun). „Zu Hause!" Auch dieser Begriff wird einem dehnbaren Gummiband gleich, wenn man die Hände vor dem Feinde hoch hebt. Wie ein weiter Stern am Himmel ist dieses „zu Hause". Du siehst dein zu Hause, es ist aber nicht erreichbar. Und dennoch hebt man die Hände, denn ein Nicht-Befolgen dieses Befehls würde den Feind zum sofortigen Handeln berechtigen, er würde sofort von seiner Waffe Gebrauch machen.

Siebert stand nun mit erhobenen Händen ohne ein Wort zu sagen neben dem Schlitten, auf dem sein Schwager lag. Ein Russe trat an ihn heran. In der rechten Hand hielt er eine entsicherte Pistole, jeden Moment zum Schießen bereit, mit der linken tastete er seine Taschen nach Waffen ab. Waffen fanden sie bei keinem, denn sie hatten sie, bevor sie ihren Marsch begannen, abgelegt. Peter lag auf dem Schlitten bewegungslos da, nur sein Stöhnen ließ immer wieder feststellen [?].

Da plötzlich schaute er auf: „Heinz, geht jetzt, denn helfen könnt und dürft ihr mir nicht länger." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Russen die vier stehenden Männer antrieben. Siebert ging langsam am Schlit-

**[S. 186]** ten vorbei. Zum letzten Mal schaute er auf den lieben Menschen, der mit ihm gegangen war. Sie hatten alles geteilt: Freude und Leid. Sie gehörten zusammen. Sie hatten sich gelobt, einer den anderen nicht zu verlassen. Und jetzt ging er und Peter blieb mit seiner Not allein. Wie hart ist das Schicksal! Unerbittlich!

„Aufwiedersehen, Peter," mehr vermochte Siebert nicht zu sagen. Zur gleichen Zeit bellte die Waffe eines zurückgebliebenen Russen einigemal auf. Als wäre Siebert selbst getroffen worden, schaute er sich um. Die Schüsse hatten Peter gegolten. Sein Kopf hing nun schlaff in den Schnee. Er war allen Sorgen, allen Schmerzen enthoben. Der Anblick seines toten Freundes lähmte alle Gefühle in Sieberts Seele. Wie konnten Menschen nur so ruchlos sein? Hatten diese Menschen, die sie da gefangen hatten, überhaupt menschliche Gefühle? Oder waren sie verirrt, zu Raubtieren geworden? Siebert beschleunigte seine Schritte und ging vor den anderen drei Kameraden her. Er dachte an nichts mehr. Was gab es denn noch zu denken? Hätte er sich auch noch bemüht zu denken, es wäre ihm nicht möglich gewesen. Er hörte nur das gehässige Lachen und Spotten der Russen und als man ihnen in einem hohen Maisfelde Halt gebot, kam er wieder zu sich. Hier wurden sie noch einmal gründlich untersucht. Jetzt suchte man aber nicht mehr nach Waffen, sondern nach allem, was ein Soldat bei sich hat: Kämme, Uhren, Pfeifen, Spiegel, Taschenmesser, Füllhalter, Bleistifte, Brieftaschen, Ringe, Nagelschere und -feile, Zigaretten und Tabak waren gesuchte Gegenstände. Gute Bekleidungsstücke — Lederjacken und Stiefel — mußten sofort abgelegt werden. An ihre Stelle gab man den Gefangenen abgerissene Sa-

**[S. 187]** chen. Als man diese Prozedur beendet hatte, hieß es weiter gehen. Jetzt aber begann Siebert im fließenden russisch zu sprechen, denn er wollte die Genehmigung erbitten, seinen verwundeten Freund Wiebe tragen zu dürfen. Die Wunde blutete noch stark und die Kräfte Wiebe's schwanden immer mehr. Obwohl Wiebe auch russisch sprach, so war man sich noch am Morgen einig geworden, daß Siebert russisch sprechen sollte, falls sie in die Gefangenschaft kämen. Peter und Wiebe würden nicht sprechen. Vielleicht ließen sich die Menschen erweichen, wenn er sie in ihrer Muttersprache ansprechen würde. Zuerst machten sie erstaunte Gesichter über die gute Sprache dieses Deutschen, dann aber berieten sie über die Bitte Sieberts. Ein kurzes Dawai besagte, daß Wiebe getragen werden durfte. Wiebe schlang seine Arme um Berndts und Sieberts Schultern und nun ging es lautlos durch die Maisfelder, durch knietiefen Schnee. Mehrere Stunden dauerte dieser beschwerliche Marsch.

Endlich in den Abendstunden kamen sie müde beim Bataillonsstab an. Einer der russischen Soldaten meldete die Ankunft der deutschen Gefangenen einem sowjetischen Offizier. Dieser ergoß sich in einem endlosen Fluchen und schickte die Soldaten wieder nach vorne, von wo sie gekommen waren. Wozu man dieses Spiel mit dem Hin und Her trieb, konnte keiner ergründen. Es blieb also nichts anderes übrig, als den schwach gewordenen Wiebe wieder auf die Schultern zu nehmen und den Weg anzutreten. Gerhard stöhnte immer stärker, denn auch Siebert und Berndt verließen allmählich die Kräfte und daher konnten sie ihn nicht mehr behutsam tragen. Ganz langsam kamen sie vorwärts. Die Nacht war bereits hereingebrochen, als sie todmüde bei der

**[S. 188]** Kompanie ankamen. Es war wieder dasselbe Maisfeld. Hier tobte jetzt ein heftiger Kampf. Dauernd schlugen deutsche Granaten ein. Russische Granatwerfer schossen ihre Geschosse wie von einem Fließbande auf die deutschen Stellungen ab.

Da plötzlich brausten deutsche Sturmgeschütze in die russische Linie. Ihre gekoppelten M.Gs. schossen ihr vernichtendes Blei in die Gegend, Tod und Verderben bringend. Mächtige Panik ergriff die sowjetischen Soldaten. Sie konnten nicht glauben, daß sich die Deutschen von den schweren Schlägen der letzten Tage schon wieder erholt hatten. In der Tat war es auch nur ein Täuschungsmanöver, denn die Sturmgeschütze drehten wieder um und verschwanden genau so plötzlich wie sie gekommen waren. Siebert und seine Freunde hatten sich schon auf ihre Befreiung gefreut, aber leider vergebens.

Durch den plötzlichen Scheinangriff hatte sich die Wut und Gehässigkeit der Sowjets nur noch gesteigert. Die russischen Soldaten, die sie nach vorne gebracht hatten, trieben sie auf. Was sollte jetzt geschehen? Will man sie erschießen, um sich ihrer zu erledigen? Doch nein! Man erklärte Siebert, daß Wiebe hierbleiben müsse. Ein Fuhrwerk würde ihn in einer halben Stunde mitnehmen. Siebert schien das Versprechen ziemlich unglaubhaft und er bat sie, Wiebe doch mitnehmen zu dürfen. Sie wehrten es jedoch entschieden ab, mit der Begründung, daß sie ihn selbst weiter tragen müßten. Wohl oder übel setzten sie Wiebe an einem Haufen Stroh ab und verabschiedeten sich von ihm. „Bleib schön stark Junge und komm bald nach," trösteten sie ihn. Dann ging es allein in die Steppe. Lange sowjetische Artilleriekolonnen brachen sich den

**[S. 189]** Weg im Schnee. Die Vorbeiziehenden lachten und schimpften über die Deutschen. Hätte Wiebe ihre Sprache nicht verstanden, so wäre es für ihn leichter gewesen, den Spott zu ertragen, aber so verstand er doch jedes einzelne Wort. Er mußte alles über sich ergehen lassen, auch das Schlimmste [?]. Wie lange er sich so quälte, konnte niemand erfahren, denn so sehr seine Freunde auch auf ihn warteten, er kam nicht mehr. Als er auch am nächsten Tage nicht kam, gaben sie ihn auf, in der sicheren Annahme, daß er entweder aus Mitleid, oder was noch eher anzunehmen war, aus Gehässigkeit und Mordlust niedergeschossen wurde. [?]

## „Du bist Russe."

Es dämmerte bereits als Siebert, Berndt und der Wiener beim Divisionsstab einer sowjetischen Panzerdivision eintrafen. In dem ungarischen Dörflein wimmelte es von Soldaten. Zivilisten schien es keine zu geben [?]. Endlich durften sie sich hinsetzen. Müde und hungrig ließen sie sich im Straßengraben nieder, ganz gleichgültig, was aus ihnen wird. Russische Soldaten zogen johlend an ihnen vorbei und riefen dem Posten zu: „Erschieß sie doch, die Hunde! Ich würde sie nicht weiter führen. Habt wohl keinen Mut? Komm her, ich habe noch Patronen für diese laufigen [sic] Deutschen. Siebenundachtzig habe ich mit dieser Pistole umgelegt, die drei machen dazu, dann sind's neunzig." Da der Sprecher immer aufdringlicher wurde, schrie ihn ein alter Soldat an: „Wenn du Lust zum Schießen hast, geh doch nach vorne, da hast du Gelegenheit dazu. Im Hinterlande

**[S. 190]** schießt man nicht und zudem sind die Männer unbewaffnet."

Ein vielstimmiges Gelächter lösten die Worte des bärtigen Russen aus, wirkten aber doch soweit, daß die Menge beschämt auseinanderzog. Die Gefangenen wären dem Alten gerne aus Dankbarkeit um den Hals gefallen, wenn ihnen dieses genehmigt worden wäre und es ihnen ihr Stolz nicht verboten hätte.

Nach diesem Vorfall kam ein Offizier und holte sich Berndt ins Haus.

Berndt war ein stämmiger Junge Anfang der zwanziger Jahre. Er stammte selbst aus Breslau. Für ihn war es höchste Pflicht, sein Vaterland zu verteidigen. Wie allen anderen Deutschen hatte Hitler erklärt, Deutschland wurde angegriffen und sie sollten es in Ehre vor dem Feinde verteidigen. Daß Deutschland die anderen Völker angegriffen hatte, war ihm unmöglich klar zu machen. Und er liebte seine Heimat, wie sie jeder andere Mensch auch liebte. Ihr zu Liebe opferte er all sein Können, sein Wissen, ja seine ganze Kraft. Seinen Waffenrock schmückten zahlreiche Auszeichnungen, die er auch jetzt noch trug. Kurzum, die Russen glaubten in ihm einen Offizier zu haben und daher wurde er als erster vernommen. Er kehrte auch nie wieder.

Nach einer geraumen Zeit holte man Siebert in ein Zimmer, das einige Sofas an den Wänden hatte. In der Mitte desselben stand ein großer Tisch, an dessen einem Ende ein Offizier im Range eines Hauptmannes saß. Als Siebert das Zimmer betrat fragte dieser ganz freundlich:

„Na, Fritz, ist für dich der Krieg aus?" „Ja, Gott sei Dank." antwortete der Angesprochene in Russisch,

**[S. 191]** denn die Tatsache, daß er russisch sprach, konnte er nicht mehr verheimlichen, weil er hier als russischsprechender übergeben war. Als solcher stand er hier vor diesem Menschen mit dem Rücken an die Wand gelehnt. [?]

„Na, wenn du froh bist, daß für dich der Krieg aus ist, und das ist er tatsächlich, dann können wir ja auch gleich zur Sache übergehen."

Siebert zitterte bei diesen Worten am ganzen Leibe, denn er ahnte nicht, was er wohl mit diesem Menschen zu verhandeln haben könnte [?]. Nichts verband ihn mit dem Mann da hinter dem Tische mit den breiten goldgelben Schulterstücken und der wilden Haartolle auf der Stirne. [?]

„Zunächst sage mir, wieviel Russen hast du erschossen?"

Siebert sagte auf diese Frage garnichts, denn sie war dazu gestellt, um nach sowjetischen Begriffen einen Verbrecher auf deutscher Seite zu suchen. Was bei den Sowjets als höchster Patriotismus bezeichnet wurde, wollten sie anderseits bei den Deutschen als Verbrechen bestrafen. Nie würde ein Mensch, der den Zweck der Frage kannte, selbige beantworten. Wenn man tatsächlich wehrlose russische Soldaten erschossen hatte, mußte man sich hüten die Wahrheit zu sagen. In der deutschen Wehrmacht rühmte man sich nicht zahlreiche Russen erschossen zu haben. Man zählte wohl die abgeschossenen Panzer, aber nie die erschossenen sowjetischen Soldaten.

Ferner war der Krieg ja ein Kampf bei dem man den Gegner nicht sah und wenn man ihn sah, so nur aus weiter Ferne und man wußte nie, ob der Gegner getroffen war oder nicht. Wenn er getroffen wurde, so konnte man nie mit Gewißheit sagen, wer ihn getroffen hatte.

**[S. 192]** „Nun du hast wohl ein schlechtes Gewissen? Warum antwortest Du nicht, du verstockter Faschist?" herrschte ihn der Hauptmann an. „Das weiß ich nicht, Herr Hauptmann," gab Siebert nun zögernd zur Antwort.

„Du scheinst ein schlechtes Gedächtnis zu haben. Ich frage noch einmal, wieviel Russen hast du erschossen?"

„Das weiß ich nicht, Herr Hauptmann."

„Das hast du mir schon gesagt, ich will aber wissen wieviel Russen du getötet hast. Raus mit der Sprache." Von der anfänglichen Freundlichkeit des Offiziers war nichts mehr geblieben. Aus seinen Augen sprühte glühender Haß und furchterregende Gefühlslosigkeit. Sein unbeherrschtes Benehmen brachte Siebert ins Gleichgewicht. Er erkannte rechtzeitig wes Geistes Kind der Hauptmann war und wie er sich zu benehmen hatte. Hier galt es einen harten Kampf auszufechten, wobei alles auf eine Karte zu setzen war.

Siebert antwortete nun kurz und entschieden: „Was ich auf diese Frage zu antworten hatte, habe ich ihnen gesagt."

Hierauf folgte eine kurze Pause. Der Russe schaute finster auf die vor ihm liegende Karte.

„Gut, wenn du mir die erste Frage nicht beantworten willst, so antworte auf folgende Frage. Wo sind eure Panzer geblieben? Wo sollten sie ihren nächsten Angriff haben und wieviel sind es? Hast du die Frage verstanden?" Ein starrer Blick richtete sich auf Siebert.

„Herr Hauptmann, ich habe die Frage wohl verstanden, aber leider kann ich diese nicht beantworten, denn wir waren Infanteristen und hatten keine Panzer. Wenn wir angriffen, forderte unser Kommandeur Panzer von einer Panzereinheit an. Diese unterstützten uns

**[S. 193]** beim Angriff und wenn dieser abgeblasen wurde, zogen sie sich wieder in unbekannter Weise zurück, was für uns vollkommen belanglos war."

„Mensch das ist doch das tollste Märchen, das ich je gehört habe," brüllte der Russe.

„Ich frage jetzt noch einmal, wohin eure Panzer abgerückt sind? Antworte!"

„Das weiß ich nicht, Herr Hauptmann, wohin die fremden Panzer fuhren! Wir selbst hatten ja keine," sagte Siebert, die Blicke auf den Offizier gerichtet.

„Wir werden mal sehen, ob wir dein Gedächtnis nicht auffrischen können," zischte der Hauptmann und näherte sich Siebert. Dann stand er so dicht vor ihm, daß er seinen nach Machorka riechenden Atem spürte.

„Ich frage dich noch, wo sind eure Panzer?" Er legte die Hände auf den Rücken und Siebert merkte, wie er vor Wut seine Hände rieb.

„Wir hatten keine Panzer, Herr Hauptmann," konnte Siebert noch kaum sagen, dann flog ihm die rechte Faust des Russen ins Gesicht, daß er mit dem Kopf gegen die Wand schlug.

Dieselbe Frage, dieselbe Antwort und wieder schnellte die Faust nach vorne, nur von der anderen Seite. Immer wieder dasselbe Fragen und Antworten. Nach jeder Antwort schlug der Hauptmann auf Siebert ein. Bald floß Siebert das Blut aus dem Munde.

„Wieviel Russen hast du erschossen, du Hund?"

Siebert öffnete mühsam den Mund, um seine Antwort zu sagen, als ein kräftiger gut gezielter Schlag mit beiden Handballen ihn unters Kinn traf.

Siebert spürte noch den Schlag, doch dann sackte er zusammen, um bewußtlos liegen zu bleiben. Als Siebert die Augen aufmacht war er ganz naß, seine Haare

**[S. 194]** hingen ihm in nassen Strähnen im Gesicht.

„Aufstehen!" brüllte der Hauptmann, neben dem ein Soldat mit einem Eimer Wasser stand.

Siebert riß seine Kräfte zusammen und stand auf. Sein ganzes Gesicht brannte ihn. Die Zunge war geschwollen und versagte beim Sprechen.

„Du siehst ja freundlich aus, Fritz, (so nannte man alle Deutschen, weil diese die Russen stets mit Iwan ansprachen) wie eine ausgemolkene Kuh. Weißt du jetzt wo eure Panzer sind und wieviel Russen du erschossen hast?"

Da Siebert nicht mehr sprechen konnte, schüttelte er nur mit dem Kopf. Gleich darauf traf ihn wieder ein Schlag, der ihn zu Boden warf.

„Aufstehen!" knirschte die vom Alkohol grobe Stimme. Siebert raffte sich mühsam auf. Noch lange wiederholte sich dieses wüste Treiben. In Schweiß gebadet war er vor dem vor Wut roten Offizier. [?] Als Siebert das Zimmer betrat, zeigte die große Uhr an der Wand acht Uhr morgens. Jetzt war es zwölf Uhr mittags geworden. Vier lange Stunden, die Siebert wie eine Ewigkeit vorkamen, hatte man ihm immer wieder die zwei Fragen gestellt. Willenlos lehnte er an der Wand. Das bemerkte der Russe worauf er ihn anbrüllte:

„He, mach uns die Wand nicht dreckig! Steh wie ein Soldat zu stehen hat!"

Siebert richtete sich auf und versuchte allein zu stehen.

„Mikulenok, komm mal herein", rief der Hauptmann durch die Tür. Auf diesen Ruf erschien ein Mann mit einer hohen weißen Kochhaube und baute im Türrahmen sein Männchen: „Zu Befehl, Genosse Hauptmann!"

**[S. 195]** „Nimm den Fritz mit und gib ihm etwas Anständiges zu essen."

„Zu Befehl, Genosse Hauptmann!" Wieder schlug er die Hacken zusammen. Dann wandte er sich an Siebert: „Komm, hast großen Hunger?"

Siebert nickte.

Die Küche im Divisionsstab befand sich in einer kleinen Bauernküche in demselben Hause. In dem kleinen Raum stand ein Herd, ein Tisch und zwei Stühle. Der Koch, ein freundlicher älterer Russe, gutmütig wie man sie überall in Rußland finden konnte, rückte den Stuhl an den Tisch und hieß Siebert Platz zu nehmen. Auf dem Tisch stand bereits ein halbes Liter Wein, (ungarischer Wein) [sic] ein Teller mit dampfendem Kartoffelbrei und ein gutes Stück Schweinefleisch. Seit langer Zeit hatte Siebert schon nicht mehr warm gegessen. Der Speichel lief ihm im Munde zusammen. Verführerisch funkelte der rote Wein im Glas. Allzugerne hätte Siebert ihn getrunken, dann bestand die Möglichkeit der Trunkenheit. Wer weiß, was man noch alles von ihm will. Er muß seinen Kopf so klar wie möglich halten, um die richtigen Antworten zu finden. Diese Antworten wurden genauestens abgewogen. Nein, trinken darf er den Wein unter keinen Umständen. Allzuoft hatte er in russischen Zeitschriften von ausländischen Spionen gelesen, die ihre Handlanger, ja selbst die stärksten mit Hilfe des Weins gefügig gemacht hatten. Ihm fiel das Sprichwort ein: Die Wahrheit reden Betrunkene und Kinder. Der Wein könnte ihm hier zum Verhängnis werden, denn viele russische Angehörige der deutschen Wehrmacht baumelten an den Telegraphenstangen und Bäumen, lagen in den Straßengräben erschossen wie irgend ein Freiwild. Aber vielleicht hat der

**[S. 196]** Offizier es verlangt, daß er den Wein trinkt. Damit das Glas leer ist, bat Siebert den Koch, er möchte den Wein trinken. Dieser setzte rasch das Glas an die Lippen und leerte es mit begierigen Zügen. Als diese Sorge beseitigt war, griff Siebert zur Gabel und aß die ihm vorgesetzte Speise. Er war schon satt und dennoch aß er weiter, denn erstens mundete das Essen gut und zweitens wußte niemand, wann er wieder etwas zu essen bekommen würde. Da hieß es eben, iß, wenn du was hast und wenn möglich für die nächsten Tage gleich mit. Wohl gesättigt erhob er sich vom Tisch und dankte dem Koch, der die ganze Zeit am Herd gestanden und mit mitleidigen Augen den Deutschen beim Essen beobachtet hatte.

Jetzt fühlte sich Siebert wieder gestärkt. Die Schmerzen im Gesicht und im Mund hatten nachgelassen. Der Hauptmann vom Vormittag kam wieder zum Vorschein und holte ihn wieder ins Zimmer. Jetzt war der Hauptmann allerdings nicht allein, sondern noch sechs Offiziere füllten den Raum. Siebert sah sie mit kritischen Augen an und fand sie auf den ersten Blick sehr freundlich, friedlich und intelligent. Ein Major führte jetzt das Wort. Der Vorfall vom Vormittag interessierte ihn überhaupt nicht mehr. Der Major saß am oberen Tischende und fragte Siebert in einem Tone, der nichts Böses verriet in einem gebrochenen Deutsch.

„Wie ist Ihr Name?"

„Heinz Siebert," antwortete der Gefragte.

„Schön! Sprechen sie russisch?"

Verneinen konnte Siebert diese Frage nicht, denn der Hauptmann wußte ja von seinen Sprachkenntnissen.

„Ja, ich spreche russisch."

„So, so. Da wollen Sie uns auch sagen, wo Sie die russische Sprache gelernt haben, nicht wahr?" Der

**[S. 197]** Major stützte sich abwartend mit der Faust das Kinn, wobei er den Kopf und Oberkörper weit über den Tisch reckte. Er nahm eine drohende Haltung ein, während die anderen Offiziere sich ruhig verhielten.

Wie sollte Siebert diese Frage beantworten? Die Wahrheit sagen, würde das Leben kosten, das ihn bis hierher gerettet hatte. [?] Lügen? — Konnte er das mit seinem Gewissen vereinbaren? War es nicht eine Sünde, zu lügen? Und was sollte er sagen, damit diese Menschen es glaubten? Über diese Frage hatte er noch nie nachgedacht. In seinem Inneren tobte und wühlte es. Was sollte er denen erzählen? Da kam ihm eine Idee in den Sinn, als wäre sie ihm von irgendeiner Stimme zugeflüstert worden. War es der Schutzengel Gottes, um den er immer gebeten hatte? „Notlügen schadet nicht." [sic] sagte ihm seine innere Stimme. Siebert richtete dem Major seinen Blick zu.

„Erstens bin ich in Ostpreußen geboren, wo man sehr oft die russische Sprache antrifft. Zweitens studierte ich an der Königsberger Universität. Ich wollte Lehrer für slawische Sprachen werden. Später ab 1940 lebte ich in Polen, wo ich Gelegenheit hatte, die russischen Sprachkenntnisse zu pflegen und zu vertiefen."

Der Major hatte offensichtlich eine andere Antwort erwartet: „Wo wollen Sie geboren sein?"

„In Ostpreußen, im Kreise Königsberg. Dort hatten meine Eltern einen Bauernhof."

Jetzt sprang der Offizier auf, während die anderen ein höhnisches Gelächter ausstießen. Ein tiefes Rot verfärbte sein Gesicht:

„Zum Teufel! Da lügst du elender Hund doch schon wieder! Vormittag erzähltest Du uns Märchen, wie sie Münchhausen nicht erdachte, aber den Höhepunkt erreichst

**[S. 198]** Du jetzt. Du elender Faschist, ich will Dir sagen, wer du bist und woher du kommst. Du bist ein Vaterlandsverräter, der seine sozialistische Heimat an die deutschen Faschisten verschacherte. Dann, damit du es weißt, kommst du nicht aus Ostpreußen, sondern aus Rußland. Gib das sofort zu oder du stirbst hier auf der Stelle!" Er griff an seine linke Seite und holte aus der Tasche eine Pistole heraus, die er krachend auf den Tisch warf.

Dieser Wutanfall wirkte bei Siebert beruhigend, denn jetzt galt es hart zu sein, wie am Vormittag. Vertrauen zu diesem Menschen und Weichheit waren hier fehl am Platze. Hier mußte man hart sein und bei dem Vorhergesagten bleiben [?]. Im Stillen betete Siebert zu Gott und flehte um seine Kraft, als er sich wieder zum Major wandte und diesem sicher in die Augen blickte, denn er wußte, daß man einen Menschen scharf ansehen muß, wenn man ihn von der Wahrhaftigkeit einer Sache überzeugen will.

„Wollen Sie die Wahrheit hören, Herr Major?"

„Selbstverständlich! Was fragst du noch!" schrie der Major, wobei er das höfliche „Sie" schon längst vergessen hatte.

„Was Sie mir da befahlen zuzugeben ist eine Lüge, und lügen möchte ich nicht," heuchelte Siebert mit Widerwillen: „Ich bin in Ostpreußen geboren. ."

„Halt deine verfluchte Schnauze, du elendes Vieh. Ich mache aus dir gleich einen Pfannkuchen. Ich prügle dich windelweich, wenn du nicht zugibst, daß du Russe bist." Jetzt klang die Frage ganz anders, denn ob Siebert wirklich aus Rußland sei, fragte man ihn ja nicht mehr. [?] Er brauchte also nicht zu lügen, denn er war Deutscher.

**[S. 199]** „Ich bin Deutscher und kein Russe, Herr Major."

Kaum hatte Siebert die Worte ausgesprochen, als der Major neben ihm stand und ihm mit beiden Fäusten das Gesicht bearbeitete, bis Siebert ein Tritt mit dem Stiefel in den Leib zu Boden warf. Nach einer kurzen Pause wollte der wütende Offizier wieder auf ihn losschlagen, wurde jedoch von einem anderen Offizier zurückgehalten:

„Genosse Major, einen Augenblick! Wir versuchen es einmal anders." Der Angesprochene begab sich mit geballten Fäusten auf seinen Platz und der andere ergriff das Wort:

„Der Bursche sagte zuvor, er sei Lehrer. Dann muß er uns auch etwas über das deutsche Schulwesen erzählen können. Sage einmal, wie habt ihr es in der deutschen Schule fertiggebracht so viele Verbrecher zu erziehen?"

Siebert hörte nur noch die Worte „Verbrecher zu erziehen" in seinen Ohren klingen. Nie hatte er Verbrecher erzogen. Nein, umgekehrt, er war stets bestrebt gewesen, anständige Menschen zu erziehen, die dem Guten dienen sollten, und jetzt beschuldigte man ihn Verbrecher erzogen zu haben. Gegen so eine Verleumdung bäumte sich sein Innerstes auf.

„Ich habe stets nur Menschen erzogen, wie es der Lehrplan vorschrieb."

„Schon gut, das wirst du sowieso nicht zugeben. Kannst du uns etwas über Schiller und sein Schaffen erzählen?"

Siebert gab eine ausführliche Antwort auf diese Frage. Dann folgten weitere Fragen von allen Anwesenden. Jeder fragte, worüber er eine Frage wußte: über Methodik, Pädagogik, Psychologie, Physik, Chemie.

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**[S. 200]**

Algebra, Trigonometrie, Steriometrie [sic] und soweiter [sic]. Die Fragen wurden in einem wüsten Durcheinander gestellt. Es folgten Fragen über die geographischen Verhältnisse Rußlands und der übrigen Staaten, über russische Schriftsteller wie Puschkin, Lermontow, Tolstoi, Turgenjew, Nekrassow u. a. Von Zeit zu Zeit fiel der Major mit der kurzen Frage dazwischen: „In welcher Stadt in Rußland hast du gelernt?" oder „Wo wohntest du in Rußland?" Auf diese Fragen antwortete Siebert immer wieder dasselbe: „Ich bin Deutscher, und wohnte nicht in Rußland." Die anderen Fragen beantwortete er umständlich und ausführlich, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Siebert wußte selbst nicht, woher das Wissen für die vielen Antworten kam. Er hatte nie geglaubt, daß er diese umfangreichen Kenntnisse besäße. Vielleicht hatte er sie auch garnicht? Vielleicht waren seine Antworten auch falsch, nur daß die Russen es nicht merkten, daß er auf's Geradewohl antwortete. Auf jeden Fall bestand er das Examen zur Zufriedenheit der Offiziere, die alle Fragen beantwortet bekamen, denn einer von ihnen sagte schließlich:

„Der Mann ist Lehrer. Ob deutscher oder russischer ist schwer zu sagen, da seine Sprache oft der russischen Schulsprache gleicht."

„Wir sprechen mit dem Kerl die ganze Zeit russisch und wissen überhaupt nicht, ob er deutsch spricht. He, Mikuljenok, schicke den deutschsprechenden Bulgaren herein!" rief der Major zum Koch in die Küche.

Die Tür ging auf und im Rahmen derselben erschien ein Mann mit schwarzen Haaren, gestutztem Schnäuzer in ungarischer Uniform.

„Dolmetscher Komaroff, wie befohlen zur Stelle, Genosse Major," meldete sich der Bulgare.

**[S. 201]**

„Komaroff, unterhalten Sie sich mit diesem Mann über die Verbrechen der Deutschen und achten Sie auf seine deutschen Sprachkenntnisse."

Jetzt zählte der Bulgare eine Reihe Greueltaten auf, die deutsche Soldaten verübt haben sollten. Er konnte Siebert nichts Neues sagen, denn diese Greueltaten waren ihm aus den deutschen Zeitungen zur Genüge bekannt, die behaupteten, sie waren von Russen begangen worden. Teils hatte Siebert auch mit eigenen Augen gesehen, wie Leichen deutscher Soldaten geschändet waren, indem man ihnen die Schädel eingetreten, die Ohren und Geschlechtsteile abgeschnitten hatte. Verwundete waren im Winter mit Wasser übergossen und ins Freie zum Gefrieren getragen worden.

Siebert hatte sowas auf deutscher Seite nicht erlebt noch gesehen, konnte aber trotzdem der Wahrheit [entsprechend nicht widersprechen] [?]. Aber dann hatten die Russen keine Berechtigung, ihm wegen diesen Sachen Vorhaltungen zu machen. Die Unterhaltung mit dem Bulgaren dauerte längere Zeit. Die Offiziere lauschten gespannt. Ob sie etwas davon verstanden haben?—

„Komaroff, was halten Sie von der deutschen Sprache des Gefangenen?" fragte der Major.

„Seine Sprache ist einwandfrei und fehlerfrei, Genosse Major," erklärte Komaroff, indem er sich erhob.

„Verdammt noch einmal, da quälen wir uns nun seit acht Uhr morgens mit dem deutschen Schwein. Jetzt ist's schon acht Uhr abends, das sind zwölf Stunden und nichts konnten wir feststellen. Führt ihn in die Unterkunft der Aufklärer. Ich hab's satt. Vielleicht werden die Kerle mit ihm fertig. Natürlich werden die mit ihm nicht zu human verkehren."

Einer der Offiziere ging ans Telefon und forder-

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te zwei bewaffnete Soldaten an, die auch wenige Minuten später erschienen und Siebert abholten.

Müde, in Schweiß gebadet, ging Siebert durch den Schnee über die Straße der Unterkunft der Aufklärer zu. Von hieraus konnte man den Lärm in dem Hause vernehmen. Die Tür wurde aufgestoßen und Siebert schlug ein Gemisch von Machorkaqualm und Wodkadunst entgegen. Für einen Augenblick herrschte Ruhe, als die Horde Siebert erblickte, doch dann begann der Lärm um so stärker:

„He, da kommt ja einer unsrer Freunde. Ist der für uns, Stepan? Soll der sprechen lernen? Dem geben wir's schon."

„Stepan, stell ihn dort an die Tür, ich schieß ihm ein Loch durchs Ohr!"

„Ach scher dich zum Teufel, Wanjka, ich habe einen finnischen Dolch, dem schmeiße ich ihn an die Schnauze vorbei." An Einfällen mangelte es diesen Leuten wirklich nicht, die in der überwiegenden Mehrzahl aus siebzehnjährigen Burschen bestanden. Sie standen wie ein wilder Haufen um Siebert herum und berieten, was nun wohl am besten zur Unterhaltung sein würde.

Siebert standen dicke Schweißtropfen auf der Stirne. Er war längst nicht mehr mit seinen Gedanken in diesem Zimmer. Er weilte bald zu Hause bei seiner lieben Frau und Tochter, die vielleicht auch dasselbe ertragen hatten wie er, bald wieder an [sic] seine liebe Mutter und seine Geschwister. Die Hände auf dem Rücken gefaltet betete er zu Gott, ihn in sein Reich aufzunehmen. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen, hatte doch die deutsche Presse dieses Schicksal jedem Soldaten bereits vorausgesagt. Oft hatte man es als Propaganda bezeichnet, aber was Siebert bisher sah, hatte die Propa-

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ganda in seinem Falle zur Wirklichkeit werden lassen. Er konnte nur nicht begreifen, warum er so schwer vom Schicksal geprüft wurde. Hatte er so stark gesündigt? Warum mußte er so stark gestraft werden? Wenn es doch erst ein Ende hätte! Siebert beneidete Peter, der einen kürzeren Weg aus dieser Welt hatte. Dann aber sagte er sich wieder, daß der Allmächtige für jeden einzelnen den Weg bestimmt. Diesen Weg, mögen die Klippen noch so hoch [sein], muß jeder gehen, den Gott für ihn gewählt hat. Jetzt werde es sicher nicht mehr lange dauern, denn seine Kräfte schwanden mit jedem Augenblick.

Jetzt fliegt die Tür krachend auf und ein Starschina stürzt ins Haus. Sein dunkles Haar hängt ihm in den Augen, die mit einem Blick erkannt hatten, was hier geschah. Dasselbe schien unter diesen Menschen [öfters vorgekommen zu sein] [?].

Da dreht er sich Siebert zu, blickt ihn mit seinen blauen Augen groß an. Dann stürzt er sich auf ihn, packt ihn mit starker Hand ins Genick, mit der anderen reißt er die Tür auf. Es erschallt ein langer Fluch und schon fliegt Siebert in den Schnee vor dem Hause. Hinter der Tür hört Siebert die Stimme des Starschinas: „Ihr Feiglinge! Geht an die Front, schießt dort die Fritze nieder, so viel euch vor die Flinte kommen. Ihr seid ja wie die Schakale, besauft euch und stürzt dann auf entwaffnete Menschen". Dann stand der Starschina neben ihm und befahl ihm zu gehen. Er brachte Siebert in den Keller vom Divisionsstab. Der Keller war ein finsteres Loch mit vielen, leeren Fässern. Endlich Ruhe! Wie wohl das tat. Dann dachte Siebert erst über die letzten Minuten nach. Wie gnädig Gott doch ist. In der größten Not, ist er dem Menschen am nächsten. Wie groß

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ist doch diese Erkenntnis! Laut sprachen Sieberts Lippen: Großer Gott, ich danke dir!

Jetzt fiel Siebert auch ein, daß er sein Soldbuch noch im Hosenbund seiner Unterhose trug. Im Soldbuch war nämlich Geburtsort und Heimatanschrift eingetragen. Würde man es bei ihm finden, so brauchte man nach weiteren Beweisen nicht mehr zu suchen. Rasch zog er es heraus, zerriß es und steckte die Papierfetzen unter eines der Fässer. Eben hatte er das Faß wieder an seine Stelle gerückt, als jemand die Kellertreppe herabpolterte. Es war der Koch vom Divisionsstab, der Siebert zum Stab bringen sollte. Bangen Herzens ging Siebert die Treppe hoch. Sollte das Verhör jetzt seinen Fortgang nehmen? Als er das Zimmer betrat, fand er es genau so wieder, nur daß jetzt noch mehr Offiziere da waren. Derselbe Major trat an ihn heran und fragte:

„Hast du den Mann draußen vor der Tür erkannt?"

Siebert schaute ihn erstaunt an, denn er hatte niemand gesehen.

„Nein, ich habe keinen mir bekannten Menschen gesehen, Herr Major," gab er zur Antwort.

„Hinter der Tür sitzt er. Sieh ihn dir an," befahl der Offizier.

Siebert öffnete die Tür und tatsächlich, es saß dort eine zusammengekauerte Gestalt, den Kopf in die Hände gestützt. Er trat an den Mann heran. Dieser hob jetzt den Kopf und sah Siebert an. Wie war es möglich? Gabusch hier? Der sollte doch bei den wenigen lebenden Kameraden sein, die das Glück hatten, zu entkommen. Wie kam er her? Wie sah er aus, der Junge? Hatten ihn die Russen so toll hergerichtet? Siebert und Gabusch kannten sich gut. Sie hatten sich in Hammerstein kennen gelernt und waren seit der Zeit immer zusam-

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men gewesen. Am Tage der Gefangennahme waren sie noch ein gutes Stück Weg gemeinsam gelaufen. Gabusch stammte aus der Tschechoslowakei, war aber gebürtiger Deutscher. Er kannte Sieberts Herkunft, denn sie sprachen oft darüber. Was mag er ausgesagt haben? Hat er Siebert verraten? Dann ist jetzt alles aus. Vielleicht haben sich die vielen Offiziere aus diesem Grunde alle eingefunden? Es würde für sie wahrhaftig ein Genuß sein zuzusehen, wie sie diesen Deutschen kleinkriegen.

„Gabusch, du hier?!" Rief [sic] Siebert erstaunt. „Ich denke, du bist noch weggekommen."

„Wie du siehst, hat man auch mich erwischt. Aber du solltest doch tot sein, wie Jangen aussagte, als er bei der Kompanie, d. h. bei den Russen als erster Mann ankam. Wie geht es dir. Von mir selbst brauch ich dir ja nichts berichten, denn mein Aussehen sagt doch alles." Gabuschs Stimme war leise und müde.

„He, redet da nicht lange dummes Zeug, komm herein Siebert." Der Major wurde ungeduldig. Geknickt, fast hoffnungslos betrat Siebert den Raum.

„Hör her, Fritz, in diesem Augenblick entscheidet sich dein Schicksal. Wenn du jetzt die Wahrheit sagst, bist du gerettet. Paß auf: bist du Russe — bleibst du am Leben, bist du Deutscher — wirst sofort erschossen".

Wirklich hier gehts diesmal um die nackte Wahrheit, diesmal wird die Wahrheit helfen, denn so naiv war Siebert nun nicht, als daß er diesen Worten Glauben geschenkt hätte. Kurz entschlossen antwortete er:

„Dann werden Sie jetzt schießen müssen, Herr Major, denn ich bin gebürtiger Deutscher." Siebert sprach ruhig und überzeugend.

Die abwartenden Mienen der Offiziere lockerten sich. Hie und da huschte ein Lächeln über ihre Lippen.

**[S. 206 — unpaginiert]**

Die Augen des Majors leuchteten freundlich auf, als er gelassen an Siebert herantrat, ihm mit der rechten Hand auf die Schulter klopfte und sagte:

„Du bist gut, mein Junge. Dein Leben hast du dir selbst gerettet. Wärst du Russe, so würdest du bereits an jenem Baume baumeln und die Zunge zeigen." Siebert wußte nicht, wie ihm geschah. War es Wirklichkeit oder ein Traum? Sollte eine so rasche Wendung eingetreten sein? Wird man ihn nicht erschießen? Wie unberechenbar doch der Russe ist; erst schlägt er die Fäuste ins Gesicht, wenige Minuten später ist er dein Freund — oder erst ist er dir wohlgesinnt, kann dir aber auch in demselben Augenblick die Zähne einschlagen. Wie sonderbar!

Siebert erwiderte auf die Erklärung des Majors garnichts. Daß er sich selbst das Leben gerettet haben sollte, glaubte er nicht, denn er hatte ja schon längst keinen Ausweg mehr gesehen. Für ihn schien schon längst alles verloren. Was hier jetzt geschah, nahm er als eine große Gnade des Herrn hin. Er hatte ihn bis an den Abgrund geführt, ja mit einem Fuß hatte er den festen Boden schon verlassen, sein Auge schaute in eine gähnende Tiefe und da erschien wieder der Schutzengel des Herrn, der ihm die nötige Antwort zuflüsterte. Gottes Hand war auch hier wieder zur rechten Zeit gekommen. Unerforschlich, unbegreiflich sind Gottes Wege. Wie großartig bewahrheiteten sich hier diese Worte der heiligen Schrift!

**Ende des ersten Teiles.**

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## Verlagsankündigung

**Werte Leser!**

Voraussichtlich erscheint der zweite Teil des vorliegenden Buches am Jahresende 1950, nach Deckung der Verlagsunkosten des ersten Teiles.

Der zweite Teil von „Gebt der Wahrheit die Ehre" führt Sie in das Sowjetrußland der Nachkriegszeit. Er soll Ihnen über die Nöte und Sorgen der Sowjetvölker, ganz besonders aber über die Angst und Sehnsucht der Kriegsgefangenen, über die Zustände in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern und über die zahlreichen Verbrechen der Sowjets und deren Helfershelfer berichten.

Darüber erfahren Sie in folgenden Kapiteln:

1. „Ihr seid schuldig."
2. Die Sklavenhalter.
3. Der verhängnisvolle Fragebogen.
4. Die große Lüge.
5. Die ersten Wochen in Skorochodowo.
6. Oberstleutnant Rodin.
7. Kostenlos unbeschränkte Herrschaft. [?]
8. MWD-Spitzel.
9. Die Bibel.
10. Der Mörder von Jassy.
11. Das große Suchen.
12. Der rote Himmler.
13. Das Straflager 7149/2.



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# ZWEITER TEIL

**Karl Fast**
Erlebnisse aus Rußlands jüngster Vergangenheit.
Zweiter Teil · 1951 · Selbstverlag des Verfassers · North Kildonan, Manitoba, Canada.

*Alle Rechte vorbehalten. Druck von J. Regehr, 326 McKay Ave., Winnipeg, Manitoba, Canada.*

> „Jede Ungerechtigkeit schreit zu Gott gegen den, der sie verübt und für den, der sie erdulden muß."
> — Rev. P. P. Tschetter.



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**[S. 5]**

„Sergant [sic] Nikitin, hier nehmen sie diesen Brief für Hauptmann Ostrowsky und bringen sie die beiden Gefangenen zum Divisionstroß. Hauptmann Ostrowsky soll auf dem Brief die Übernahme der beiden quittieren. Sie haften persönlich für das Leben der Deutschen. Mit ihnen geht noch der Soldat Schischkow," befahl der Major.

Siebert glaubte nicht richtig gehört zu haben. Sollte es tatsächlich wahr sein, daß man seinem Leben hier nicht schon ein Ende bereitete. Nikitin schob ihn zur Tür hinaus, wo sie Gabusch auch gleich mitnahmen.

Dann gingen sie durch die nächtlichen Straßen des Ortes. Weit und breit kein Mensch. Der Lärm der Front war hier kaum zu hören. Die Gefangenen gingen vorneweg, während Nikitin und Schischkow hinter ihnen hergingen. Anfangs sprach man kein Wort, bis plötzlich Nikitin die Stille unterbrach: „Fritze, habt ihr Tabak?"

Die Gefangenen reichten ihm das Gewünschte. Gabusch hatte sich schweigend die Erlebnisse Sieberts angehört. Jetzt begann er: „Weißt du, als wir uns am Morgen trennten, fielen alle Kameraden bis auf 18 Mann, bei denen auch ich war. Wir zogen uns bis zur nächsten Pusta (ein ungarischer Gutshof) zurück und gingen in Verteidigung. Mit Einbruch der Dunkelheit ging ich zum Herrenhaus, um mich im Schutze der Dunkelheit weiter zurückzuziehen. Zu meinem größten Bedauern war es leer. Die Kameraden waren vor der befohlenen Zeit aufgebrochen und hatten mich vergessen. Was tun? Ich überlegte noch, in welche Richtung sie gefahren sein könnten, als plötzlich die Russen in den Hof fuhren und mich gefangennahmen. Jetzt begann ein grausames Spiel. Man stellte mich an einen Baum und schoß auf mich mehrere Male, bis ich vor Angst umstürzte. Als ich

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wieder zu mir kam, mußte ich die Schuhe ausziehen, Mantel und Jacke ablegen. Ich glaubte, jetzt würde man den Genickschuß üben. Aber nichts dergleichen. Ich durfte mich wieder ankleiden, worauf mich zwei Soldaten abführten. Diese wiederholten das Spiel noch zweimal, nur mit dem Unterschied, daß ich nicht meine Schuhe wieder anzog, sondern ihre zerrissenen Stiefel. Als ich hier ankam, hatte ich nur noch meine eigene Unterwäsche, alles andere hatte man mir abgetauscht. Dann brachte man mich nach der Vernehmung, wo man auch nach deiner Person fragte, in die Räume der Aufklärer. Kaum daß ich die Schwelle übertreten hatte, flogen mir Porzellanteller und Krüge an den Kopf. Als man alles kaputtgeschlagen hatte, ließ man mich gehen. Ist das ein rohes Volk!"

„Gabusch, bitte nicht das russische Volk mit diesen Menschen verwechseln, denn diese Leute sind nur durch die Rohheit gehalten wird [sic], von einem Regime erzogen. Das Volk an und für sich ist gutmütig. Es wird von der kommunistischen Führung so befohlen und diese Kerle kennen nur Haß und Rücksichtslosigkeit, Menschlichkeitsgefühle sind ihnen fremd. Dem Volk bleibt keine andere Wahl, als diesem Treiben zuzusehen, beziehungsweise es mitzumachen. Diese Soldaten sind Vertreter der jungen Generation, von der die Bolschewiken behaupten, sie habe alle kapitalistischen Vorurteile überwunden. Diese Behauptung trifft wohl zu einem gewissen Grade zu. Ich kenne nämlich eine Menge junger Russen, die für die Mehrheit der russischen Jugend stehen [?], die an der bestehenden Ordnung ungerührt [?] sind und sich nach Freiheit und Menschlichkeit sehnen. Doch darüber unterhalten wir uns später noch. Die Gefangenschaft

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wird lange dauern und da haben wir noch genügend Zeit für solche Probleme. Wenn wir alles gut überstehen, wird man uns nach Kriegsende doch bald entlassen müssen, wenn man sich an internationale Gesetze hält. Mit zwei Jährchen werden wir uns abfinden müssen. Hauptsache, man schafft uns nicht zu weit nach Rußland hinein. Ach, da rede ich ja über Dinge, die heute noch garnicht diskutabel sind. Zunächst ist nur wichtig, daß wir leben. Was mich jetzt interessiert: Was hast du über mich ausgesagt?"

„Man fragte mich, ob ich dich kenne, was ich bejahte, denn ich nahm an, daß du tot bist, denn bei der Kompanie meldete man, du hättest dich selbst erschossen, um nicht in die Gefangenschaft zu gehen und dein Schwager Penner sei von russischen Panzern erschossen worden. So hat man auch deiner Frau berichtet. Ferner wurde ich gefragt, wo du geboren bist. Ich sagte ihnen, daß ich dieses nicht mit Bestimmtheit sagen könnte. Angeblich warst du aus dem Osten Deutschlands und hattest auch dort die Schule besucht. Von Beruf seiest du Sprachlehrer. Damit war die Vernehmung beendet [?]."

„Da stimmten unsere Aussagen doch prächtig überein, denn ich hatte mich als Ostpreuße ausgegeben. Sollten wir in Zukunft gefragt werden, so bleibe du doch bei deiner Aussage. Gut?" Gabusch versprach dieses.

Die Russen gingen plaudernd hinter ihnen her. Als der Morgen graute, erreichten sie einen größeren Ort, wo der Divisionstroß und der Hauptmann Ostrowsky sein sollten. Hoffentlich hat man hier auch einmal Ruhe, denn achtundvierzig Stunden hatten die Kräfte der Deutschen auf ein Minimales zusammengeschrumpft.

Hauptmann Ostrowsky nahm den Brief in Em-

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pfang. Nachdem er ihn gelesen hatte, betrachtete er die Gefangenen lange mit gekniffenen Augen. In gebrochenem Deutsch mit jüdischem Akzent sprach er sie an:

„So seht ihr Deutschen also aus. Ganz anders hatte ich mich euch vorgestellt. Ich dachte, ihr würdet alle dem Teufel ähneln, aber es ist ja garnicht so schlimm. Nur eure Kultur hat euch verlassen [?]. Eine schöne Kultur habt ihr. Weit seid ihr damit gekommen," höhnte er. Wozu hier das Wort Kultur eingeflochten wurde, konnten Gabusch und Siebert nicht verstehen. Im Laufe des weiteren Gesprächs gebrauchte er es immer wieder.

„Jetzt herhören! Ihr habt alles überstanden, was euch das Leben kosten konnte, natürlich, vorausgesetzt, daß ihr in Zukunft vernünftig seid. Ihr sollt bei mir bleiben und hier arbeiten. Wenn ihr Lust habt, werdet ihr es hier gut haben. Essen und schlafen werdet ihr mit meinen Soldaten. Versucht ja nicht zu fliehen. Ich habe einen Serganten, der schießt mit einer Pistole auf 200 Meter todsicher. Ich werde euch den gleich vorführen. Ihm seid ihr auch unterstellt."

Die Sache mit den zweihundert Metern schien etwas übertrieben, der Sergant Madscharow, ein Tadschike aus Mittelasien, existierte tatsächlich. An seinem Gürtel hingen zwei Pistolen und mehrere Handgranaten, die ihm ein ziemlich kampflustiges Aussehen verliehen. Orden trug er aber keine. Wahrscheinlich war er noch nie im Kampfe gewesen, wie auch sein Vorgesetzter [?], denn seine Brust selbst keine Medaille aufwies [sic]. Madscharow schielte die beiden Deutschen aus halbgeöffneten Schlitzaugen an und befahl ihnen zu gehen.

„Dawai, verfluchte Faschisten!"

An der anderen Hofseite war ein großes Benzinlager.

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„Petro, hier die zwei Deutschen wollen dir helfen. Gib ihnen Arbeit. Aber sieh zu, daß sie dir nicht ausreißen. Hast du deine Pistole hier?" Madscharow entfernte sich hierauf.

Petro war garnicht so schlecht. Die Arbeit, die sie hier zu verrichten hatten bestand darin, daß sie Benzinfässer auf- und abladen mußten. In kürzeren Abständen fuhren bald leere, bald volle Autos vor. Petro hatte aber nichts zu rauchen und da wurde er auch von seinen deutschen Helfern abhängig, denn er rauchte für sein Leben gern. Bei jeder Zigarette gab es eine Pause, die Gabusch und Siebert zum Verschnaufen ausnützten. Ihre Kräfte waren derart gering, daß sie mit Müh und Not ein 200-Liter-Faß auf den Wagen rollen konnten. Endlich war es Mittag geworden. Das Essen, das man ihnen brachte, war gut [?]. Die Soldaten kümmerten sich nicht um die Deutschen, denn Petro hatte sie als gute Kerle eingeführt.

Nachmittags wurde wieder gearbeitet, von Zeit zu Zeit machte man Pause. Um 8 Uhr abends legten sich Siebert und Gabusch nach einem guten Abendessen ins Bett und schliefen bis um acht Uhr früh. Petro führte sie wieder zur Arbeit. Heute hatte er für sie keine leichte Arbeit [?]. Aber da fiel ihm ein, daß der Hauptmann kein Holz für seinen Ofen hatte. Also Holz sägen. Diese Arbeit war schnell getan und so setzten sie sich in einen Schuppen und plauderten. Petro wollte gerne was über Deutschland wissen und hörte aufmerksam den Erzählungen der Deutschen zu.

„Zum Henker, was macht ihr da?" rief Hauptmann Ostrowsky. „Warum arbeiten die Deutschen nicht, Petro?" „Hab keine Arbeit für sie, Genosse Hauptmann," antwortete Petro. „Hab keine Arbeit." — Was soll das

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heißen? Es ist genug Arbeit vorhanden. Deutsche müssen arbeiten von morgens bis abends. Die dürfen keine Minute frei haben. Siehst du die vielen Aborte, die hier in der Gegend stehen? Die sind alle voll. Ist das Arbeit?" „Zu Befehl, Genosse Hauptmann, die Gefangenen arbeiten," stotterte Petro. Der Hauptmann watete wie eine Ente im Dreck dem Hause zu.

„Er ist Jude und kann nicht sehen, wenn andere Leute nicht arbeiten, besonders kann er die Deutschen nicht sehen. Er soll die Arbeit aber auch nicht erfunden haben. Kommt, geht macht die Aborte leer, sonst bestraft er mich noch." Siebert und Gabusch gingen gebückten Hauptes an die Arbeit. Wenn einem die Luft ausging vor lauter Gestank, sprang der andere wieder zu, damit einer nach frischer Luft schnappen konnte, denn im Abort selbst konnte man nicht atmen, man lief dabei Gefahr umzukippen. Bei dieser fürchterlichen Arbeit war es endlich Abend geworden. Als Petro die Gefangenen abführen wollte, erschien ein Oberleutnant und befahl ihm: „Warte noch einen Augenblick. Ich nehme den russisch sprechenden Deutschen mit." Siebert zuckte zusammen. Was wollte der denn noch? Wieder eine Vernehmung?

Der Oberleutnant führte ihn durch einen dunklen Gang in ein Zimmer, das wohl sein Arbeitszimmer darstellen sollte. Siebert mußte auf einem Schemel Platz nehmen, während der Offizier am Tisch stehen blieb. „Weißt du, wo du dich jetzt befindest?" fragte er.

„Nein, keine Ahnung, Herr Oberleutnant."

„Hast du schon mal etwas von der G.P.U. gehört?"

Siebert kannte diese Instanz in den Sowjets ganz genau. Wenn man diese Worte zu Hause oder sonst wo hörte, [...] [?] Näher in Berührung war er mit diesem Schreckgespenst aber nie gekommen. Er

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wußte aber auch, daß man diese Behörde, die die Völker Rußlands in Schach hält, heute mit den Buchstaben NKWD benannte. Angstvoll antwortete er: „Ja, ich habe davon gelesen, Herr Oberleutnant." Das Wort „Herr" schien dem Oberleutnant zu schmeicheln, denn es war doch mal was anderes als immer „Genosse", wenn man der anderen Person, die man ansprach, längst kein Genosse war. Besonderes schien der Oberleutnant mit Siebert aber nichts vorzuhaben, denn nach einer Stunde durfte Siebert wieder gehen. Petro und Gabusch saßen immer noch im Schuppen und warteten auf ihn.

„Hat er dir etwas angetan? Das sind gefährliche Leute, da geht man besser nicht hin," sagte Petro. Als Siebert die Frage verneinte, standen sie auf und gingen der Unterkunft zu.

Am nächsten Morgen wartete Ostrowsky auf die Gefangenen: „Kommt mal her, ihr Kulturmenschen. Wir ziehen heute weiter zum Westen. Bald sind wir in Budapest, dann kommt Wien dran und zum Schluß Berlin, und da hin wollt ihr ja nicht, denn ihr seid doch vom Drang nach dem Osten besessen. Zudem können wir euch da auch nicht gebrauchen. In Rußland gibt's für euch Arbeit genug. Erst werdet ihr das aufbauen, was der Krieg zerstört hat und dann haben wir riesige Flächen in Sibirien. Da habt ihr noch lange Zeit, um an's Nach-Hause-Fahren zu denken. Hier habt ihr für die nächsten Tage geröstetes Brot. Dieses Auto bringt euch nach Schoskut. Werdet noch eine gute Strecke zu Fuß gehen müssen. Petro, du bringst sie weg!"

Nun kamen noch zwei Deutsche und vier Ungarn. Zum Schluß kam der Bulgare, der Siebert im Divisionsstab examinierte. Er schaute jetzt nicht mehr so zuver-

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sichtlich in die Zukunft, denn er hatte doch gehofft, der Verschickung nach Rußland aus dem Wege zu gehen. Als lästige Bagage wurde er nach Rußland abgeschoben.

Die neun Gefangenen füllten ihre Brotbeutel mit dem schwarzen Röstbrot. Dann begann die Fahrt durch Ungarn. Überall öde Dörfer, denn die Bevölkerung war geflohen vor den gewaltsamen Taten der Russen. Nur langsam kamen die Einwohner aus ihren Verstecken heraus, denn ewig konnten sie sich ja nicht verborgen halten. Sie ergaben sich dem Schicksal auf Gedeih und Verderb. Den ersten Tag hatte man die Reise auf dem Auto gemacht. Den zweiten Tag marschierte man durch die verschlammten Straßen. Es war allmählich Frühling. Die Natur erwachte zu neuem Leben. Die ersten Knospen schmückten die Bäume. Hie und da sah man an den Hängen der Karpaten das erste Grün. Angesichts des erwachenden Lebens wurden die Gefangenen traurig und mutlos. Müde, ohne ein bekanntes Ziel vor Augen zu haben, gingen sie der Ungewißheit entgegen, bis sie am Abend die 37 Kilometer bis Schoskut zurückgelegt hatten.

Außerhalb des Ortes war eine Pusta gelegen, die man als Kriegsgefangenendurchgangslager eingerichtet hatte. Ein hoher Stacheldrahtzaun umspannte das ganze Lager. Innerhalb des Lagers stand knietiefer Dreck, ein Gemisch aus Mist und Lehm, denn bevor man die Gefangenen herbrachte, hatte der Gutsherr hier seine vielköpfige Viehherde untergebracht. Die einzigen Gebäude waren große Stallungen, die man zum Teil mit Stroh ausgelegt hatte, die aber nur ein Drittel der Gefangenen aufnahmen. Die restlichen zwei Drittel übernachteten im Freien. Sechstausend Mann waren hier zusammengetrieben worden, in der Mehrheit Ungarn.

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Die ungarischen Truppen gingen ihrem endgültigen Verfall entgegen, denn der Krieg tobte jetzt direkt in ihrer Heimat, die ihn noch nicht stark gemerkt hatte. Sie mußten mitansehen, wie ihre Dörfer und Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden, sie sahen, daß der Krieg für Ungarn längst verloren war und liefen scharenweise zu den Sowjets über, in der Hoffnung, daß diese sie gleich nach ihrer Gefangennahme entlassen würden. Doch wie bitter war die Enttäuschung für sie, als sie genau so behandelt wurden wie die Deutschen, gegen die sie jetzt einen glühenden Haß an den Tag legten. Wo sie nur eben Gelegenheit hatten, denn sie waren ja in der Mehrheit und die Deutschen vermochten sich nicht zu wehren, — oft nachts oder am Tage überfielen die Ungarn das Häuflein Deutsche, dem auch Siebert beigetreten war, plünderten und prügelten sie. Die russischen Soldaten oder deren Offiziere unterstützten sie dabei. Alle Wertgegenstände, die den Gefangenen noch geblieben waren, nahm man ihnen ab und verschacherte sie an sowjetische Mannschaften und Offiziere.

Als Verpflegung gab es hier dreimal täglich Erbsensuppe und ein Stück Brot. Man sagte sich, wenn die Gefangenen die ganze Zeit so verpflegt werden, können sie durchkommen.

Immer mehr Gefangene kamen ins Lager. Jetzt war es selbst für sowjetische Begriffe überfüllt und man stellte Marschkolonnen zu je 2000 Mann auf und schickte sie auf den Weg in Richtung Kiskunfelegyhaza, einer kleinen Stadt. Die Kolonnen gingen in Tagesabständen und jede Kolonne zog sich beim Marsch über 2 km weit. In den ersten zwei Tagen kam man ziemlich flott vorwärts, doch dann versagten allmählich die Kräfte. Die Verpflegung auf dem Marsch war eine zufällige, d.h.

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man aß, was die Ungarn an die Straße brachten, sobald man ein Dorf passierte. Hierbei kam es in der Kolonne häufig zu tollen Schlägereien, wenn ein Brot oder sonst was in die Menge geworfen wurde. Man zog das Brot gegenseitig aus den Händen, zerbrach es und schließlich lag es im Straßendreck unter den Füßen. Dann schaute man sich ganz enttäuscht an und wischte sich den Schweiß von der Stirne, um weiter hungrig die qualvolle Straße zu ziehen.

So ein Kampf ums Brot ging noch gut ab, aber sobald ein Russe bemerkte, daß die Gefangenen sich wegen eines Laib Brot prügelten, ging er in die Menge. Seine MPi schuf dann Ordnung. Nachdem ging die Kolonne weiter und die getroffenen Männer blieben auf der Kampfstelle zurück. Der letzte Posten sorgte dafür, daß kein Lebender zurückblieb. Um hier sicher zu gehen, schoß er jedem eine Kugel durch den Schädel. Damit hatte er seine Pflicht als Soldat einer Befreiungsarmee, wie sie die Bolschewisten nannten, die dem ungarischen Volke die „Freiheit" brachte, getan.

Siebert marschierte mit noch einigen Deutschen, von denen sich aber die Hälfte als Franzosen ausgaben, in der Kolonne. Gabusch war gesundheitshalber in Schoskut zurückgeblieben. Sein einziger Freund war ein Deutscher aus Westfalen. Ulrich war am selben Tage wie er in die Gefangenschaft geraten und ging nun ins Ungewisse.

Als sie in Schoskut aufbrachen, hieß es: „Deutsche nach vorne!" Wenn man hier auch immer Schläge bekam, so hatte es doch den Vorteil, daß einem an der Spitze eher ein Brocken zufiel als sonstwo. Die Ungarn beneideten sie daher und verlangten, daß die Deutschen am Schluß gehen sollten. Also gingen sie hinten.

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Oft war der Andrang der Spender sehr groß. Die MPi mußten auch unter den Frauen Ordnung und Ruhe schaffen. Erst wenn die Kolonne bald vorbei war, versuchten sie, ihre Gaben an den Mann zu bringen. Wieder hatten die Deutschen den Vorteil, was die Ungarn nicht sehen mochten. Sie legten Protest ein und ein sowjetischer Offizier befahl: „Deutsche in die Mitte!"

Jetzt waren die vierzehn Mann gut aufgehoben, denn kein Stückchen Brot erreichte sie mehr.

Bereits am zweiten Tage wurde der Durst zur quälenden Last: zu trinken gab es nichts. Wasser war nur im Straßengraben, dort hielten sich die Männer stürzten [sic] [?]. Begierig schluckten sie die dunkle Jauche. Andere holten sich vom Wegrande Schnee und aßen ihn. Keiner wunderte sich, als am kommenden Tage die ersten Männer zusammenbrachen: die Ruhr hatte sie erfaßt [?]. Der Russe am Schluß machte mit den Gestürzten den üblichen Prozeß.

In der ständigen Angst auch zu erkranken, wurde es dann schließlich Abend, jedoch ohne Nachtlager. Die Posten ließen die Kolonne irgendwo auf der Wiese halten. Schnee und Schlamm ließen niemand zur Ruhe kommen. Kaum daß der Morgen anbrach, ging es auch schon weiter. Aber nicht nur die Menschen wurden mißachtet und geschändet, sondern auch vor Kirchen und Gotteshäusern machte man nicht Halt.

Eines Abends hieß es, heute wird unter Dach übernachtet. Und tatsächlich, die Kolonne kam mit Einbruch der Dunkelheit in ein Dorf, das eine größere noch vom Kriege verschonte Kirche hatte. Auf der Straße vor der Kirche hielt die Kolonne. Einige Posten drangen in dieselbe ein und kamen nach etwa zwanzig Minuten mit zwei gefüllten Säcken heraus. Die Kirche war geplündert worden. Sie faßte normaler Weise 300—400 Personen. Jetzt

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beherbergte sie für eine Nacht fast 2000 Mann hinter verriegelten Türen. Der einzige Raum war brechend voll, selbst auf der Kanzel hatten sich 17 Mann für die Nacht eingerichtet. An Liegen war garnicht zu denken, kaum daß man zusammengekauert sitzen konnte. Die Notdurft mußte jeder an seinem Platz verrichten, was dazu führte, daß nach wenigen Stunden die Luft nicht mehr reichte, sondern den Raum mit einem schrecklichen Gestank füllte. Wie weh muß es der Bevölkerung am nächsten Tag getan haben, als sie ihre entweihte Kirche wiedersah?!

Immer häufiger wurden die Krankheitsfälle. In immer kürzeren Abständen schoß man am Schluß der Kolonne. Zehn Tage dauerte jetzt schon der Marsch durch Ungarn. Am elften Tage konnte Siebert sich nur noch mit Müh und Not erheben. Hinsetzen bedeutete Sitzenbleiben [?]. Um nicht zu fallen, nahm er einen Stock und hielt seine Beine, das obere Ende an die Brust pressend [?]. Mittels dieser Stütze hielt er sich aufrecht. Langsam ging es vorwärts. Unwillkürlich wurde man an einen riesigen Leichenzug erinnert. In der Tat war es auch ein richtiger Leichenzug: die Streitkräfte Deutschlands und Ungarns wurden hier zu Grabe getragen, nur mit dem Unterschied, daß sich die Männer gegenseitig das Geleit gaben.

An einem der letzten Marschtage trat der Offizier der Kolonne an die deutschen Gefangenen heran und holte sich den Oberfeldwebel Ostmann heraus. Er vermutete in ihm einen Offizier.

„Frieze [sic], bist du Offizier?" Ostmann verneinte.

„Gut, du bist frei und kannst gehen," erklärte der sowjetische Offizier.

Ostmann machte ein überraschtes Gesicht. Er sollte frei sein? Gehen? Unmöglich!

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„Du glaubst mir wohl nicht? Dann befehle ich dir in die Richtung zu gehen," sagte er und zeigte in Richtung einer abseits liegenden Ortschaft. Ostmann schien zu ahnen, daß es sich um eine Falle handeln sollte und rührte sich nicht vom Fleck.

„Nun geh endlich, du Kleingläubiger," schimpfte der Russe und richtete die Pistole auf den Deutschen. Ostmann erkannte seine gefährliche Lage: entweder läuft er und kommt durch, wenn der Russe rechtzeitig und gut schießt, trifft er ihn. Bleibt er aber stehen, so ist er so oder anders ein Kind des Todes.—

Ostmann läuft plötzlich, was er nur laufen kann. Er schien in der Todesangst übermenschliche Kräfte zu haben. Schon war er 50 Meter weg. Aller Augen schauten auf diese Tragödie. Jetzt hat er 75 Meter zurückgelegt, — da hebt der Offizier seine MPi an die Schulter, zielt und drückt los. Ostmann fällt aufs Gesicht und bleibt liegen. Darauf mußte ein Dolmetscher vortreten und der Offizier ließ folgende Worte übersetzen:

„So ergeht es jedem von euch, der versucht zu flüchten. Der Mann dort wollte flüchten." Welch ein Hohn, diese Erklärung eines Offiziers der Sowjetarmee!

„M-a-a-r-sch!"

Langsam trotteten die Gefangenen weiter. Doch was ist denn da schon wieder los? Siebert trat zur Seite, um besser sehen zu können. Die Spitze der Kolonne hatte ein Dorf erreicht. Viele Frauen standen an der Straße und suchten mit traurigen Augen die Reihen ab. Eine Mutter hatte ihren Sohn entdeckt und stürzte durch die Postenkette [?]. Die Frau weinte laut am Halse ihres Kindes. Die Posten fluchten und schimpften wüst auf sie ein. Langsam schob sich die Kolonne an den beiden vorbei, bis zwei Russen die Frau an die Arme faßten und

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in den Graben schleuderten. Der Ungare trat wieder in die Reihe und ging durch sein Heimatdorf, am Elternhause vorbei. Wie lange mag er gegangen sein? Ob er noch vor den sibirischen Öden Halt machte? Daß der Elendsweg der Gefangenschaft sie so weit bringen würde, glaubte selten einer der Gefangenen.

Nach 14 langen Tagen kam man endlich nach Kiskunfelegyhaza. Hier brachte man die Männer in einer großen Kaserne unter, die einst ein ungarisches Husarenregiment belegt hatte. Jetzt lagen in ihren Räumen die Gefangenen, sie lagen überall: im Keller und auf dem Dachboden, der mit einer Staubschicht bedeckt war. Untätig und hungrig lagen die Menschen hier herum, von Läusen zerbissen und von Wanzen geplagt, denn die geschwächten Menschen brachten nicht mehr die Kraft auf, sich ihrer zu wehren. Die Männer lagen auf dem Hof (um in das Haus zu gehen waren sie zu schwach) und schrien: „Helft mir, Kameraden, ich komme vor lauter Läusen um! Helft mir, um Gotteswillen! Seid doch so gut!" Keiner konnte helfen, denn der Mann hatte bald weiße Flecken am Körper, auf denen die Läuse nicht festen Fuß gefaßt hatten [?]. Augenbrauen und -lider, Schnurrbart und Bart wimmelten voll Läuse. Wer sollte auch helfen, denn jeder war bedacht sein eigenes Leben zu erhalten. Als Siebert dies Bild des Grauens sah, entschloß er sich, [...] jeden Tag im Freien zu entlausen [?], auf die Gefahr hin, daß er sich erkälten könnte.

Tagtäglich kamen neue Marschkolonnen an. Als am 12. Februar Budapest fiel, kamen die ersten Kolonnen mit deutschen Gefangenen ins Lager, das sowieso bis an den Rand gefüllt war. Eng aneinandergedrängt saß man in den Kellerräumen, in den Etagen und auf dem Dachboden. Ansteckende Krankheiten griffen um sich, da

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es so gut wie keine hygienischen Einrichtungen gab. Ja, es mangelte an den einfachsten Waschgelegenheiten und Aborten. Als Aborte benützte man 2 Meter breite, 4 Meter lange und drei Meter tiefe Löcher, über die man schmale Bretter gelegt hatte. Die vollkommen entkräfteten Ruhrkranken schleppten sich bis auf die Bretter und beim geringsten Schwanken fielen sie in die Grube, die meistens schon ¾ voll war. Zu helfen traute sich keiner. Sie starben den jämmerlichsten Tod. Diese Fälle meldete man fast täglich. Die sowjetische Lagerführung schaute allem gelassen zu.

Von Zeit zu Zeit erschienen die Sowjetsoldaten im Lager, um die Gefangenen zu plündern. Das schaurigste von allen Bildern, die Siebert beobachtete, war wohl folgendes:

Er saß auf einem der Querhölzer des Dachbodens. Die Finsternis hüllte längst alles in einen undurchsichtigen Schleier. Da erschollen Tritte auf der Treppe und übertönten das monotone Schnarchen der vielen müden Menschen. Krachend geht die Tür auf. „Wer mag da gekommen sein?"— geht es den Gefangenen durch den Sinn. Sicher wieder einige Russen, denen noch eine Uhr, Ringe, Spiegel, Kämme oder sonstwas fehlt. Ein Aufblitzen einer Taschenlampe bestätigte die Vermutung. Ein Dolmetscher übersetzte: „Wer eine Uhr oder einen goldenen Ring besitzt, hat selbiges sofort beim Serganten abzugeben. Falls bei einer Untersuchung eine Uhr oder ein Ring gefunden wird, wird der Besitzer erschossen!"

Kein einziger meldete sich, denn die meisten waren ihre Uhren schon los und wer sie noch hatte, glaubte ein sicheres Versteck zu haben. Hierauf ging man ans Suchen. Die Taschenlampen blitzten bald hier bald dort auf. „Iwan, da ist ein Ring," sagte ein schwarzhaariger

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Kaukasier in einem schlechten Russisch. Er hatte einen schlafenden Deutschen gefunden, der den Ring noch ahnungslos am Finger trug.

„Gib den Ring her!" übersetzte der Bessarabier. „Ich kann den Ring nicht vom Finger kriegen, eine Verwundung des Zeigefingers führte zu einer Gelenkverdickung," sagte der Deutsche mit bebender Stimme. „Was lügt das Schwein?" rief der Kaukasier. „Wir werden ihn gleich runter haben." Worauf der Kaukasier den Arm des Deutschen ergriff und Iwan mit aller Gewalt am Ring zog. Der Gefangene muß furchtbare Schmerzen verspürt haben, denn ein markerschütterndes Geschreie ließ alle gespannt aufhorchen. Siebert saß ganz in der Nähe des Gefangenen und sah sein angstvolles und schmerzverzerrtes Gesicht. Er schrie immer noch weiter. So jetzt hatte der Soldat den Ring in den Fingern, von denen das Blut tropfte. Das Metall hatte die Verwundung am Finger geöffnet [?]. Was Ärzte nicht vermochten, vollbrachte ein roher Kaukasier mit brutaler Gewalt ganz einfach. Lächelnd zogen die Soldaten weiter, den funkelnden Ring in den Händen haltend. Ein Faustschlag deutete von Zeit zu Zeit an, daß sie noch immer weiter nach blanken und glänzenden Gegenständen suchten. Je bunter und glänzender die Sachen waren, um so begehrenswerter schienen sie zu sein. Verchromte und vernickelte Sachen wurden mitgenommen, während man silberne Zigarettenetuis unbeachtet zur Seite warf. Sie glänzten ja nicht.

Jetzt lebte Siebert schon über acht Tage in diesem schrecklichen Lager in Ungarn, wo meistens nur [...] [?]. Die Zeit schlich langsam dahin — Tage schienen zur Ewigkeit zu werden. Mit Gedanken des Hungers erwachte er und wartete mit Ungeduld auf's

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Essen, das zweimal täglich verabreicht wurde. Jeder Essenempfang war eine richtige Marterei, denn das gesamte Lager, dessen Belegschaft jetzt bereits 5700 Mann zählte, mußte gleichzeitig antreten. Eine Meute sogenannter Dolmetscher leitete die Prozedur. Ihre deutschen Sprachkenntnisse versagten sehr oft, denn sie waren entweder Polen, Jugoslawen oder Russen, die als Hilfswillige (Hiwi genannt) in der deutschen Wehrmacht dienten. Wenn sie mit Worten eine Sache nicht erklären konnten, half ihnen ein schwerer Knüppel die Angelegenheit einrenken. Nach drei Stunden Marterei hatte man endlich seinen Mais- oder Graupenkaltsch [?] empfangen und wurde dann in die Unterkunft getrieben. Obzwar die Speise ohne jeden Geschmack war, abgesehen von dem muffigen Geruch, verschlang man sie im Heißhunger.

Um zehn Uhr abends vollzog sich mit wüsten Flüchen der Zählappell. Auch hier regierten wieder die Dolmetscher. Diese Menschen waren zum größten Teil aus den slavischen Ländern und hatten mit Müh und Not die erste Etappe der Gefangenschaft überstanden. Sie waren nun genug [?], zu glauben, daß sie ihre Vergehen gegen ihre Heimat wieder gutmachen könnten. Brutalität schien das geeignete Mittel zu sein, um bei den Russen Liebkind zu werden. Siebert haßte diese Menschen, weil sie ihre Kameraden, mit denen sie gemeinsam im Kampfe waren, verrieten und mißhandelten. Er sagte sich, daß er unter solchen Umständen nie Dolmetscher sein würde. Er sah zu gut, daß [beim] Übersetzen so vieles [verdreht wurde], ja oft war der Dolmetscher in der Lage, eine schon verlorene Sache wieder zu verdrehen und wenden, daß die Gefangenen immer den Kürzeren zogen [?]. Nein, er hatte seine Sprachkenntnisse nicht zum Verderb anderer erworben, sondern umgekehrt, was

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er gelernt hatte, sollte dem Guten dienen. Er versuchte seine Sprachkenntnisse zu verheimlichen. Wollte er etwas von einem Russen, so ließ er sein Anliegen übersetzen [?]. Im Allgemeinen war Siebert allein. Seine oberflächlichen Bekannten waren Ulrich und Ostmann. Letzterer war damals auf dem Marsch nicht tödlich getroffen worden, sondern eine unsichtbare Hand hatte ihn vor dem sicheren Tode gerettet. Als die Schüsse fielen, warf er sich wie tot in den Schnee und blieb liegen. Nur eine Kugel hatte ins Ohr getroffen. Trotzdem wagte er nicht aufzustehen. Gegen Abend hielt ein Wagen auf der Straße. Ihm entstieg eine Frau in russischer Uniform und ging auf ihn zu. Ein Tritt in die Lende veranlaßte Ostmann, den Kopf zu heben. „Wie kommen sie hierher?" fragte die Frau. Ostmann erzählte ihr den Vorgang.

„Stehen sie auf und kommen sie mit."

Ostmann stand auf und ging mit. Die Frau lieferte ihn der nächsten Marschkolonne ab, die dann einen Tag später in Kiskunfelegyhaza eintraf. Ulrich war ein junger Mann aus Westfalen, mit ehrlichem Gesicht und unverwüstlichem Ausdauer [sic]. Diese drei Männer hielten zusammen, um sich das Leben etwas zu erleichtern. Allein war es kaum möglich durchzukommen, wollte man nicht seine letzten kümmerlichen Habseligkeiten verlieren. Die Ungarn stahlen noch das, was die Russen nicht abgenommen hatten. Konnte ein Gegenstand nicht gestohlen werden, so ging man gewaltsam vor, alles bei den Deutschen zu holen, was sie benötigten, denn die sowjetische Lagerführung hatte sie [dazu] berechtigt [?]. Sie hatte den Ungarn den Befehl erteilt, sich für die kommunistischen Divisionen auszurüsten [?]. Um sie sicher zu täuschen [?], wurden die Ungarn gemustert. Nur ganz starke Männer kamen in Frage, die man sofort

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in eine nahegelegene Schule überführte. Wenige Tage später verlud man sie in Güterwagen. Als die Türen verschlossen waren, wurden diese mit Eisen beschlagen. Nachts rollten die Züge. Aber nicht, wie versprochen, nach Westen, sondern nach dem Osten ins ferne Rußland. Wie groß war hier die Enttäuschung der Ungarn! Die Russen hatten ihnen versprochen einen zweiwöchigen Urlaub zu geben und danach sollten sie zum Fronteinsatz gegen die Deutschen kommen. Diese Sachlage war ja nicht allzu sympatisch [sic], aber immer noch besser als Gefangener zu sein und eines Tages elend zugrunde zu gehen. Kein einziger dieser getäuschten Ungarn kam an die Front, sie landeten alle in Rußland. Der ungarische Kommunistenführer Rakosi Matias hatte nicht die geringste Anstrengung gemacht, die Männer in der Heimat zu halten. Bald waren alle Ungarn, auch die schwächsten als Gefangene [?], für den „Militärdienst" für gut befunden und abtransportiert.

Jetzt kam die Reihe an die Deutschen. Täglich marschierten 1000 Mann zum Bahnhof. Je nach der Wagengröße kauerten die Männer zu vierzig oder achtzig Mann im Wagen, die zweimal täglich geöffnet wurden. Von Zeit zu Zeit, ganz nach Belieben der Wachmannschaft, wurden einzelne Wagen aufgerissen und zwei bis drei Russen untersuchten Wagen und Menschen nach Waffen. Alles, was sie an Privatgegenständen fanden, wurde mitgenommen. Bei diesen „Filzungen", wie die Untersuchung genannt wurde, ging es nie ohne Prügel ab, galt es doch bei den Posten als eine besondere Heldentat einem Deutschen den Schädel eingeschlagen zu haben.

Nach neuntägiger Fahrt hielt der Zug wieder einmal. Längs des Zuges erhob sich ein Lärm. Nacheinander wurden die Türen aufgerissen und die Männer soll-

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ten aussteigen. Vielen fehlten die Kräfte zum Aussteigen. Ihre Kameraden griffen ihnen unter die Arme. Als sie aber erst an der frischen Luft standen, brachen sie trotzdem zusammen. Ihre ausgemärgelten Kräfte hielten nicht mehr stand. Sie mußten „auf der Flucht" erschossen werden, um vor der Bevölkerung zu verheimlichen, daß man die Gefangenen verhungern läßt.

Als man sich der Schwachen „erbarmt" hatte, setzte sich die Kolonne langsam in Bewegung, eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd.

Ein riesiges Schild in russischer und rumänischer Sprache verriet den Gefangenen den Namen des Ortes: Ramnicul-Sarat — Romania.

Auch in Rumänien herrschte warmes Frühlingswetter. Die Bäume grünten. Es war Ende März. Auch in Ramnicul-Sarat brachte man die Gefangenen in einer großen Kaserne unter. Viele Tausend kamen hier zusammen, um von hier den Weg nach Rußland anzutreten. Alle Völker trafen sich hier: Deutsche, Ungarn, Rumänen, Polen, Franzosen, Holländer, Belgier, Jugoslaven, Bulgaren, Russen, Ukrainer, Finnen und Spanier.

Eines Tages besichtigte der sowjetische Lagerkommandant, ein höherer Offizier, das Lager. Hierbei fiel ihm auf, daß die Gefangenen müde und gedrückt herumgingen und langsam grüßten. Ihr Gang war alles andere als soldatisch. Am Tage darauf setzte der Offizier Exerzieren an. Alle [...] [?]. Jeder bekam eine Gruppe Gefangener zugeteilt, mit der der Parademarsch geübt wurde [?]. Nach einer guten Stunde kam der Lagerführer mit seinem Stab und musterte die einzelnen Gruppen, die er nun im Parademarsch an sich vorbeimarschieren ließ. Es muß für ihn ein besonderer Genuß [gewesen] sein, wenn ihn mehrere tausend

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Soldaten mit Blickwendung im Vorbeimarsch grüßten. Für diese Beschäftigung hatte er jetzt jeden Tag Zeit. Als sich die Gefangenen massenweise vor dem Exerzieren drückten, wurde diese Stunde über Mittag gewählt. Das Essen mußte auf dem großen Platz eingenommen werden. Wer in der Barake [sic] geblieben war, bekam halt kein Essen. Auf so eine Art war eine hundertprozentige Beteiligung aller Lagerinsassen garantiert.

Die Mehrheit der Gefangenen war bei Budapest in die Gefangenschaft geraten. Ihnen fehlte die Erfahrung, um sich erhalten zu können. Die gesamte Lebenshaltung war über Nacht eine andere geworden. Wichtige Dinge waren zweck- und sinnlos geworden, dagegen Kleinigkeiten an Wert gewonnen [sic]. Was früher richtig und gut war, war jetzt falsch und schlecht.

Eine jähe Änderung brachten die Gefangenen aus Focşany ins Lager. Sie waren schon alte Plenis (von dem russischen Worte —Gefangener— abgeleitet.) Die aus Budapest schauten mit Hochachtung auf diese gestählten Männer, hatten sie das harte Los eines Plenis doch schon über sechs Monate lang getragen. Sie waren wirklich abgehärtet, denn ein Winter im Hafen von Konstanza hatte alle Schwachen ins Grab geschickt. Sie waren durch die Kessel von Kischinew und Bukarest gegangen. Nur in Unterhose gekleidet, (alles andere hatten ihnen die Russen abgenommen) mußten sie durch Städte und Dörfer gehen. In diesem Aufzuge ging es elf Tage lang den Propagandamarsch durch Rumänien, wodurch die Russen die Rumänen von der völligen Ohnmacht der Deutschen überzeugen wollten. Sie beluden die vielen russischen Schiffe mit allem möglichen rumänischen Gut, angefangen mit dem Schrott der Städte und aufgehört mit den Eisenbahnschienen der rumänischen Bahn. Sie

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montierten Straßenbahnen ab und verluden sie als Kriegsbeute auf russische Frachter, die dann Odessa anliefen. Kurz gesagt: sie mußten das gesamte Raubgut, das die Sowjets zusammenplünderten, aus Rumänien schaffen. Teuer kam dem rumänischen Volke seine sogenannte Befreiung zu stehen. Die Männer aus Focşany waren bereits mit allen Wassern der Gefangenschaft gewaschen. Sie kannten schon das MWD, so nannte man jetzt die frühere NKWD oder die ehemalige GPU, ihre Methoden, die Menschen zu verhören. Sie kannten das sowjetische Normsystem. Diese Menschen wußten auch von der Möglichkeit des Verrats aus den eigenen Reihen. Was besonders wichtig war, war die Tatsache, daß die Focşaner wußten, daß es in der Hauptsache auf die Erhaltung der Gesundheit ankam. Dazu mußte man ausreichende Verpflegung und Kleidung haben. Die Neulinge hatten die Erfahrungen wohl keine, aber ihre Kleidung war noch weit besser als die der Alten. Daher kauften die Letzteren die guten Kleidungsstücke für ein Stückchen Brot oder einige Zigaretten. So kostete zum Beispiel ein fast neuer Pullover nur drei Zigaretten. Die Unbeherrschtesten verkauften ihre gesamte Kleidung, um nur wenige Tage später auf der Fahrt nach Rußland zu erfrieren, bzw. sich tödlich zu erkälten.

Siebert hatte noch Filzstiefel an den Füßen und einen Pelz am Leibe. Über kurz oder lang würden ihm diese Sachen abgenommen [werden]. Da war es doch besser, sie für Sommerzeug zu vertauschen [?].

In Ramnicul-Sarat lernte er einen neuen Menschen kennen, der ihm im ersten Augenblick als sympatisch [sic] war. Franke, Heinz war von Beruf Musiker. Er lebte in seiner Musik, bis er die Welt von ihrer anderen Seite kennenlernte. Er konnte es am allerwenigsten be-

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greifen, daß ein Reich wie Deutschland zusammenbrechen würde, war doch alles so gut durchdacht und organisiert. Gelebt hatte er und sein Volk auch nicht schlecht. Und das alles sollte verloren gehen, ja sogar vom Feinde in den Boden getreten werden? Auf den wahren Grund dieser kolossalen Katastrophe kam der junge Heinz nicht. Er tappte bei seinen Überlegungen immer im Dunkeln. Franke nahm das Leben wirklich ernst. Er wollte es ergründen bis in seine Fundamente. Dieser Ernst ließ Franke oft nicht den Kern der Sache erkennen. Zudem fehlte ihm jeglicher innerer Halt. Er versuchte nach Nietzsche [...] [?] für die Gefangenschaft mitgegeben [?]. Und den größten Meister und Helfer, Jesus Christus, kannte er nur noch aus den kindlichen Erzählungen seiner Mutter.

Siebert unterhielt sich mit ihm kurze Zeit und sie freundeten sich an. Siebert war so vertraulich geworden, daß [er begann] Franke und Ulrich eines Abends von seiner Herkunft zu erzählen. Er glaubte voll und ganz, daß sie seine aufrichtigen Freunde waren, zumal sie sich stundenlang über Freundschaft und Kameradschaft unterhalten hatten. Sie hatten abgemacht ständig zusammenzuhalten. Franke und Ulrich waren ehrliche und gerechte Menschen und wußten das Geheimnis Sieberts zu wahren. Eine Unvorsichtigkeit wäre ihm bei seinen Erzählungen über Rußland zu Franke und Ulrich bald zum Verhängnis geworden. Auf den Nebenpritschen lagen ein Bessarabiendeutscher, Eduard Lang und ein Ungarndeutscher, Kreischer Janos. Sie hatten von der Unterhaltung zwar nicht alles gehört, jedoch genug, um zu wissen, daß Siebert aus Rußland stammte, legten aber keinen größeren Wert darauf. Die Herkunft Sieberts war aber kein Geheimnis mehr, denn ein Geheimnis ist ein solches nur so lange,

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wie es ein Mensch allein weiß. Erfährt davon eine zweite Person, so ist das Geheimnis verschwunden. Außer Siebert kannten es jetzt fünf Mann. Werden sie dichthalten oder verraten sie ihn eines Tages? Diese Frage lastete ab jenem Tage ständig auf ihm. Immer wieder fragte er sich: „Werden sie mich verraten?"

Wie oft bereute er, so unklug gehandelt zu haben, und doch war nichts mehr ungeschehen zu machen. Es blieb ihm nichts anderes über, als sich auf die Vernunft und Kameradschaft seiner Freunde zu verlassen. Wenn er jedoch allein war, suchte er nach einem Ausweg, unter fremde Menschen zu kommen. So eine Gelegenheit sollte sich recht bald bieten.

Ostern 1945. Der erste April. Die Obstbäume in Ramnicul-Sarat sind in voller Blüte. Die ausgemärgelten Gefangenen liegen in der Sonne und bräunen ihre Körper. Da stürzt jemand in den Hof und ruft mit ängstlicher Stimme:

„Kameraden, heute hat man mit der Verlegung unseres Lagers nach Rußland begonnen. In den kommenden Tagen ist unsere Barake dran. Da kommen wir nicht bald nach Hause. Da könnt ihr mir glauben. Wenn ich wenigstens noch einmal meine Braut sehen könnte." Der Sprecher fing laut zu schluchzen an.

„He, du Waschlappen. Glaubst wohl, du wirst allein nach Rußland fahren? Wir leisten dir Gesellschaft. Flennen hilft nichts. Durchhalten heißt's mehr denn je. Jetzt Schluß mit deinem Heulen und mach uns nicht verrückt. Wenn der Russe uns in seine Steppen verschleppt, können wir auch nichts machen. Haben wir uns die Suppe eingebrockt, dann wollen wir sie auch auslöffeln. Zusammenhalten müssen wir nur, dann ist's bestimmt leichter."

## Die Sklavenhalter.

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Als am Ostermontag wieder ein Transport abgeschickt wurde, ging Siebert in die Barake, die für den Transport vorgesehen war. Ganz unbekannt würde er dort sein. Zufällig hatte man an diesem Tage mehr Waggons bereitgestellt und Sieberts Freunde mußten auch mit. Sein Versuch als Unbekannter nach Rußland zu kommen, war gescheitert. Ulrich und Franke wurden mit ihm in einen Waggon verladen. Wiederum wurden die Türen fest verschlossen. Scheinwerfer strahlten von der Lokomotive her den ganzen Zug an.

Acht Tage und Nächte mit einigen Unterbrechungen rollte der Zug ostwärts. Gleich in den ersten Tagen wurde es erbärmlich kalt. Die Gefangenen froren und hungerten. Wohl hatte jeder Waggon einen Ofen, aber weder Holz noch Kohle war vorhanden. Zusammengekauert, eng aneinandergedrängt, hockten die Gefangenen in den vereisten Wagen. Erfrorene waren keine Seltenheit. Sie wurden am Morgen einfach durch die Öffnung hinabgeworfen, den Raben zum Fraß.

Wo würde der Zug sie hinbringen? Ein Spalt in der Waggonwand gab den Gefangenen die Möglichkeit die Namen der Bahnhöfe zu entziffern. —Krementschug.— Noch waren sie in Südrußland.

Man schrieb den 10. April, als der Zug vierzig Kilometer westlich von Poltawa hielt.

„Alle aussteigen!" rief der Dolmetscher Lang. Seine rohe und robuste Gestalt, sein brutales Benehmen den Gefangenen gegenüber war den Russen sympatisch [sic]. Daher hatten sie ihn zum Küchenchef im Lager bestimmt [?]. Seine Sprache ließ sofort erkennen, daß er ein Balkandeutscher war. Seine Gesichtszüge verrieten einen schlechten Charakter. Lang hatte bereits in Ungarn und Ru-

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mänien gezeigt, daß er zu allem fähig war. Jeder, der ihm unangenehm war, wurde mit Schlägen traktiert. Ständig war er in Streitigkeiten verwickelt. Gebürtig war Lang aus Bessarabien, in der Nähe der Stadt Akkerman. Als den dortigen Deutschen 1940 die Auswanderung nach Deutschland angeboten wurde, war Lang einer der ersten, der Rumänien den Rücken kehrte. Im Warthegau wurde ihm ein Hof und 18 Hektar Land zugewiesen. Die Polen waren für ihn nur Untermenschen, von denen er holen konnte, was er wollte. War einer von ihnen Lang nicht gefügig, verschaffte er sich das Begehrte im Schutze seiner glänzenden S.A.-Uniform. Auf diese Weise hatte Lang es in drei Jahren zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht, um das er jetzt zitterte.

Wie es bei Kreaturen solcher Art üblich war, versuchten sie ihre Verbrechen, denn anders konnte man ihre Handlungsweise nicht nennen, durch ihre zur Schau getragene positive Haltung zur Sowjetunion [wieder gutzumachen] [?]. Was ihn noch mehr bedrückte, war die Tatsache, daß er 1943 im Verbande der 22. Kavallerie-Division in Rußland kämpfte. Diese Division war eine SS-Division, die sowieso bei den Russen in Mißkredit stand und zudem mehrere Ortschaften vernichtet hatte. Auf diese Weise hatte Lang, wie auch jeder andere Soldat, den Befehl der Vorgesetzten befolgt. Aber was fragte die MWD danach? Ausschlaggebend war, daß er bei dieser Einheit gewesen war.

Feigheit, Niederträchtigkeit, Charakterlosigkeit und Egoismus waren die Beweggründe Langs. Ihnen war er sich vollends verschrieben [sic]. Feigheit war die weichste Stelle, die er besaß. Sobald er eingeschüchtert war, konnte er lange keinen Entschluß fassen und war in sei-

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nen Handlungen irgendwie bewegungsunfähig. Dann ging er wie ein auf frischer Tat erwischter Dieb mit geducktem Haupte durchs Lager. Traf man ihn allein, so saß er gewöhnlich in einer Ecke und aus seinen schwarzen Augen flossen Tränen in Strömen.

Der Typ dieses Mannes war leider unter den Gefangenen zu oft vertreten und gerade sie stifteten viel Unheil an.

Doch jetzt stand Lang mit einer Gruppe sowjetischer Offiziere auf der Rampe und übersetzte ihre Befehle.

Ausgerechnet aus Sieberts Wagen mußten 16 Mann zurückbleiben, um die Verpflegungswagen zu entladen. Mit der Verpflegung war man sehr „ökonomisch" umgegangen: während der ganzen Fahrt hatte man den Gefangenen einmal täglich eine Suppe verabreicht. Die Lebensmittel der übrigen Mahlzeiten waren verschoben worden. Unter den zurückbleibenden sechzehn Mann war auch Siebert. Eifrig fingen sie an, die kostbaren Verpflegungssäcke aus den Waggons zu schleppen. Es war schon spät am Abend, als sie damit fertig waren. Dann gings ins Lager.

Schon aus der Ferne sahen sie den hellbeleuchteten Stacheldrahtzaun. Das eigentliche Lager erblickte man erst am Morgen. Innerhalb des Zaunes stand eine riesige Halle, die bis zur Hälfte überdacht war; [der Rest] war von der Bevölkerung abgedeckt und für andere Zwecke verwendet worden. In der Halle selbst war nichts, nur jede zwanzig Meter eine Zwischenwand. Erst einen Tag später, als man eine behelfsmäßige Küche eingerichtet hatte, gab man den Gefangenen die erste Suppe, bestehend aus Sauerkraut, Gurken und einigen Bohnen.

Auch Pritschen befahl die sowjetische Lagerführung einzurichten. Zu diesem Zweck fuhr man alte Bret-

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ter an, aus denen man eine zweite Decke in die Halle einzog. Der Zwischenraum von einem Brett zum anderen betrug etwa 6—8 Zentimeter. Auf diesen Pritschen ruhten jetzt jede Nacht 1250 Gefangene ohne Matratze, Kissen oder Decke, ja sogar Stroh stellte man nicht zur Verfügung. Dieser Zustand änderte sich erst Mitte 1946. Und das in einem Lande, in dem der Mensch das kostbarste Lebewesen in der Welt ist. So lautet der Text der Stalinschen Verfassung. Leider mangelt es auch in diesem Falle, wie in so vielen anderen Artikeln dieser „demokratischsten" Verfassung an der Garantie zur Verwirklichung des Gesetzes, wenn es dem Wohl der Menschheit dienen soll.

Am zweiten Tage stellte sich die sowjetische Lagerführung den Gefangenen vor. Als erster kam der Lagerführer—Natschalnik— Hauptmann Kostenko, Anfang der 30-ger Jahre. Von Beruf war er Traktorenführer. Während des Krieges hatte er es durch seine Tapferkeit bis zum besagten Dienstgrad gebracht. Als Panzerkommandant war er im Gesicht verwundet [worden] und das Bein quälte ihn auch heute noch. Er humpelte leicht. Ihm mangelte es an jeglicher Elementarbildung. Als einziges Wissen konnte man seine Kenntnis in der Geschichte der kommunistischen Partei Rußlands bezeichnen. Kostenko war fanatischer Kommunist, ohne daß er dadurch irgendwelche persönliche Vorteile erhaschen konnte. Um dieser Vorteile willen waren ihm alle Mittel recht. Er scheute weder vor Verleumdung seiner Genossen noch vor Betrug zurück. Rücksichtslosigkeit und unbarmherzige Härte verrieten allein schon seine Augen, von den Taten schon garnicht zu reden. Als Kommunist [...] achtete er auf dessen Gesetze nicht [?]. Dieses konnte man bei Kostenko beobachten, denn er beschwindelte und be-

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trog ihn [den Staat], wo sich nur eben eine Gelegenheit dazu bot.

Den Kriegsgefangenen trat er mit unversöhnlichem Haß entgegen. Er haßte sie nicht nur, weil sie seine Feinde waren, nein, von ausschlaggebendem Einfluß auf sein Verhalten zu ihnen waren seine Minderwertigkeitskomplexe, die ihn nie verließen. Wo er nur eben konnte, schikanierte er die Gefangenen. Er bezeichnete sie ausdrücklich als sein Eigentum, was zum größten Teil auch der Wahrheit entsprach. Obwohl von der Sowjetregierung zum Schein einheitliche Anweisungen über die Behandlung der Gefangenen erlassen waren, konnte Kostenko mit seinen Gefangenen tun und lassen, was er wollte. Er hatte das offizielle Recht, einen Gefangenen mit zwanzig Tagen verschärftem Arrest zu bestrafen. Das hieß, zwanzig Tage in einem finsteren und nassen [?] Erdloch bei grimmiger Kälte oder bei glühender Hitze zu verbringen. Die Verpflegung der Bestraften bestand aus 400 Gramm klebrigem Brot und Wasser. Über einen Tag brachte man in den Karzer einen halben Liter Kohlsuppe. Mehrere Male am Tag wurden die Arretierten verhört, was grundsätzlich von den Offizieren des MWD gemacht wurde.

Kostenko bestrafte nur mit verschärftem Arrest. Strafbar war jede Tat. Es genügte bei eisiger Kälte auf der Baustelle vor Entkräftung zusammenzubrechen und Kostenko bestrafte die Schwächlinge mit 5 Tagen Karzer. Man brauchte nur mit freundlicher Miene an ihm vorbeizugehen, so wurde die betreffende Person eingesperrt, denn er glaubte sofort, daß man ihn ausgelacht habe. Den Begriff —Anlachen— kannte er nicht.

Um Kostenko näher kennen zu lernen, seien folgende Beispiele erwähnt.

An einem Freitag erschien er im Lager, die Mü-

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tze tief in die Stirne gerückt und erteilte Oberleutnant Kohler den Befehl, für Sonntag ein Konzert vorzubereiten. Kohler stand ratlos da. Keine Musikinstrumente. Die Männer müde und abgehärmt und dann ein Konzert.—

Mit vielen Bitten gelang es Kohler eine Gruppe Gefangener zusammenzubringen, um mit ihnen einige Lieder einzuüben. Schließlich war man damit fertig. Die Lieder klappten. Die ersten waren heiteren Charakters, denen das alte, stets schöne Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore" folgte. Kaum hatte man die ersten Takte gesungen, als Kostenko, der in der ersten Reihe saß, sich wutschnaubend erhob, auf Kohler zulief und ihn anschrie: „He, du Faschist, was singt ihr da?! Wollt hier alle Choräle vorpiepsen! Brauchen wir nicht. Ich werde dir zeigen, wie man ein Konzert vorbereitet. Fünf Tage verschärften Arrest, da hast du Zeit zum Überlegen."

Schon lange vor dem ersten Mai 1946 sprach man von der großangelegten Feier dieses Arbeitertages in der Sowjetunion. Der Kriegsgefangene Kleen arbeitete fieberhaft an der Einübung eines komischen Puppentanzes. Am ersten Mai kam er mit seiner Puppe auf die Bühne. Er hatte einen guten Erfolg. Auch sämtliche Offiziere freuten sich herzlich über Kleens Puppe.

Nach der Vorstellung stand Kleen auf dem Lagerhof und führte einige Takte seines Swings vor. Die Offiziere beobachteten die fröhliche Gruppe. Kostenkos Mütze fiel tief in die finsteren Augen [?]. Als wollten sie Feuer löschen, stürmten die Offiziere ins Lager. „Kleen, wo hast du den Wodka her?" schrie Kostenko. Der Angesprochene wußte nicht, wie ihm geschah. Wodka? Nein, wo sollte er das Zeug her haben? Er hatte ja keine einzige Kopeke. Er hatte keinen Tropfen Schnaps

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getrunken, er war nur gut aufgelegt. Lachen und fröhlich sein war ja schließlich nicht verboten.

„Ich habe keinen Wodka getrunken, Herr Hauptmann."

„Du lügst doch, du Hund! Sag, wo du den Wodka her hast," brüllte der Hauptmann außer sich.

Kleen verneinte die Frage.

„Marsch ins Lazarett!"

Kleen ging von Siebert begleitet ins Lazarett.

„Doktor Kuntze, untersuchen Sie Kleen und stellen Sie fest, nach was der Kerl riecht," befahl Kostenko.

„Herr Hauptmann, Kleen riecht nach Machorka. Er raucht stark," erklärte Dr. Kuntze.

„Das ist Lüge! Kleen, ich bestrafe dich wegen unerlaubten Alkoholgenuß [sic] mit fünf Tagen verschärftem Arrest." Kleen wanderte von vielen mitleidigen Augen gefolgt ins Loch.

Kostenko konnte ganz nach Belieben über die Verteilung der Verpflegung entscheiden. Er hatte das Recht, den Gefangenen die ohnehin schon kümmerliche Nahrung zu entziehen. War eine Arbeit nicht zu seiner Zufriedenheit ausgefallen, so bekamen die Betreffenden kein Essen. Kostenko ließ die Gefangenen nach eigenem Gutdünken vom Kriegstribunal verurteilen. Die geringste Beschuldigung genügte, um aus dem harmlosesten Menschen einen Verbrecher zu machen.

Er haßte aber nicht nur die Kriegsgefangenen, ganz gleich welcher Nationalität sie angehörten, sondern behandelte sie wie Sklaven, deren Arbeitskraft man teuer verkaufen konnte. Er bereicherte sich an der Arbeit dieser rechtlosen Menschen. Tagelang arbeiteten fünfzig und mehr Männer auf irgend einer Baustelle oder in einer Kolchose für Kostenko und der Erlös für die ge-

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leistete Arbeit floß ausschließlich in seine Tasche.

Ein Glück, daß der Typ Kostenko nicht zu oft im ukrainischen Volke vertreten ist, denn gäbe es viel von der Sorte, man könnte an der Güte des ukrainischen Volkes in Zweifel geraten.

Nachdem Kostenko sich als Natschalnik vorgestellt hatte, nannte er den Namen des Oberleutnants Demjanenko. Dieser Mann war einst Pädagoge. Der Krieg hatte ihn jäh aus seinem Beruf gerissen und in den Waffenrock gesteckt, den er mit großem Widerwillen trug. In Gesprächen mit Kriegsgefangenen sagte er eines Tages, als er unter dem Einfluß des Alkohols stand: „Ich weiß, daß eure Lage misrabel [sic] ist. Ihr seid Gefangene hinter Stacheldraht und beneidet mich um meine Freiheit willen [sic]. Würdet ihr meine Lage besser kennen, glaubt mir, ihr würdet mich nicht beneiden. Auch ich bin Gefangener, nur mit dem Unterschied, daß ihr ganz genau wißt, daß ihr unfrei seid. Ich aber lebe außerhalb des Stacheldrahtes unseres Staates. Das könnt ihr nicht verstehen, es ist aber wahr. Für euch hat die Gefangenschaft eines Tages ein Ende, aber ich bleibe Gefangener."

Er gehörte nicht der KPdSU an, er schien ihr ganz ferne zu sein, denn man konnte jedesmal ein höhnisches Lächeln in seinen Zügen bemerken, wenn er von der kommunistischen Partei sprach. Zu den Gefangenen benahm er sich tadellos, was ihm alle zu danken wußten. Ihm unterstand das Verpflegungs- und Bekleidungsmagazin. Als Offizier und stellvertretender Natschalnik gab er sich die größte Mühe, die Gefangenen zufrieden zu stellen. Dieses Bestreben brachte ihm jedoch viel Ärger ein, da er stets gegen die übrigen Offiziere der Lagerverwaltung ankämpfen mußte.

Major Kortschagin war der nächste, den Kostenko

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vorstellte. Er war der NKWD-Gewaltige des Lagers. Kortschagin war ein Mann, vor dessen Blicken jeder sowjetische Offizier zitterte. Selbst Kostenkos Gesicht verfärbte sich, wenn der Name Kortschagin genannt wurde, von den Gefangenen schon garnicht zu reden [?]. Um Kortschagin zu charakterisieren, sei hier nur kurz der Ausspruch eines Gefangenen erwähnt: „Er hat ein typisches Steckbriefgesicht." Eine breite Narbe über der flachen Stirne verstärkte diesen Eindruck noch mehr. Trotz seines hohen Alters besaß er noch ziemlich viel Energie an der Arbeit. Er suchte Tag und Nacht Kriegsverbrecher und Landesverräter. Diese Funktion übte er bereits 25 Jahre aus und hatte in dieser grausamen Tätigkeit recht viel Routine. Diesen Menschen hat nie einer den Gefangenen lachen gesehen [sic], sogar eine freundliche Miene war fremd in seinem Gesicht.

Dann folgten zwei Arbeitsinspekteure: Oberleutnant Twerdochleb und Leutnant Litwinenko. Sie hatten für den Arbeitseinsatz der Gefangenen zu sorgen.

Als nächster kam Leutnant Rossenko. Er war der Instrukteur für antifaschistische Arbeit. Seine Aufgabe bestand darin, die Kriegsgefangenen im kommunistischen Sinne zu schulen. In täglichen Versammlungen predigte er die kommunistische Doktrin. Das Besuchen dieser Versammlungen war Pflicht. Wer ihnen fern blieb, galt als Faschist.

Oberleutnant Schewtschenko bearbeitete wirtschaftliche Angelegenheiten.

Leutnant Rosin und seine Frau führten die Kriegsgefangenenkartei. Leutnant Maljuk und Leutnant Twerdowski waren als Wachoffiziere am Haupttor eingeteilt. Die Ärztin Lewit und die Schwestern Demidenko und Nikolajewa versahen das Lazarett. Weitere neun Soldaten hatten verschiedene Funktionen im Lager.

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Neben dem Lager war eine Garnison in Stärke von 60 Mann untergebracht, die die einzelnen Brigaden zur Arbeit führte und sie dort bewachte. Die Garnison versah auch den Wachdienst auf den Wachtürmen am Stacheldraht.

Als Kostenko all diese Personen vorgestellt hatte, begann er seine Ansprache:

„Ihr habt den Krieg verloren, obwohl Hitler mit seiner faschistischen Armee glaubte, die Sowjetunion zu überrennen. Er kämpft heute noch, wo doch die Lage für ihn vollkommen aussichtslos ist. Ihr habt ganz Europa zerstört, den größten Schaden hat unsere sozialistische Heimat erlitten. Die S. U. wollte keinen Krieg und arbeitet bereits heute wieder für ihren dauerhaften Frieden [?] und für die Befreiung aller Werktätigen. Über Bukarest, Warschau, Budapest und Wien weht unsere siegreiche Fahne, gehißt von unseren heldenhaften Soldaten. Über Berlin weht sie in Kürze. In Westeuropa und jenseits des Atlantischen Ozeans werden die Werktätigen sie zu ihrer Befreiung benötigen [?], so sind wir gerne bereit ihnen zu helfen, denn die Sowjetunion ist stark genug, der kapitalistischen Welt den vernichtenden Schlag zu versetzen.

Ihr seid im freiheit- und friedliebendsten Land der Welt. Ihr werdet gut behandelt werden, wenn ihr

erstens: die Kriegsverbrecher, die sich in euren Reihen befinden, herausgebet,

zweitens: wenn ihr uns unsere Landesverräter meldet,

drittens: wenn ihr gut arbeitet werdet [sic],

viertens: wenn ihr zeigen werdet, daß ihr die nazistischen Ideen vergeßt,

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„fünftens: wenn ihr zeigen werdet, daß ihr die Sowjetunion als euren Freund lieben gelernt habt,

sechstens: wenn ihr erkennt, daß der Kommunismus die einzige Weltanschauung ist, die das Wohl der Menschheit will.

Es folgte noch eine lange Reihe von Bedingungen für eine gute Behandlung.

„Ihr habt kein Recht, euch von der Wiedergutmachung zu entziehen [sic], denn ihr arbeitet nicht nur für Rußland, sondern für die gesamte fortschrittliche Welt. Ihr stärkt durch eure Arbeit in der Sowjetunion das demokratische Lager und schwächt das kapitalistische, an dessen Spitze die U. S. A. stehen. Und nicht zuletzt ist eure Arbeit hier eine Arbeit für Deutschland, dessen Ehre ihr euch durch eure Wiedergutmachungsleistung wieder erobern könnt. Zudem kommt die Stärkung der S. U. auch dem deutschen Volke und damit auch euch selbst zugute, da Deutschland in Bälde eine Unionsrepublik, d.h. ein Bestandteil der S. U. sein wird. Was ihr aber nie vergessen dürft, ist die Tatsache, daß die deutsche Wehrmacht die S. U. zerstört hat und ihr seid diejenigen, die das Zerstörte wiederaufbauen werden. Früher kommt ihr nicht nach Hause.

Damit ihr wißt, wie das Leben im Lager verlaufen wird, merkt euch folgendes:

Ihr seid hier zum arbeiten [sic]. Wie, wo und wie lange das bestimmen wir. Wer seine Norm nicht erfüllt, wird bestraft, entweder kommt er in den Karzer oder bekommt kein Essen. Ich werde jeden einzelnen Mann oder die ganze Brigade, wenn es nötig sein sollte, ja das ganze Lager solange arbeiten lassen, bis die Tagesnorm erfüllt ist. Versucht ja nicht unter 125 Prozent der Tagesnorm zu arbeiten. 100 Prozent ist nicht genug und wird

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mit Essenentzug bestraft. Wir wollen unseren Stalinschen Fünfjahresplan in vier Jahren erfüllen und da muß über die Norm gearbeitet werden.

Wer sich am sozialistischen Eigentum vergreift, wird verurteilt. Unsere Gerichte urteilen scharf und der Major Genosse Kortschagin findet jeden Dieb. Er hat Erfahrung darin.

Im Lager ist für gute Disziplin zu sorgen. Gegrüßt wird jeder sowjetische Offizier und Soldat, so oft er das Lager betritt. Ihr seid immer noch Soldaten und die Pflichten des Soldaten werden von niemand genommen. Wer versucht, sich dieser Pflicht zu entziehen, wird mit Karzerarrest bestraft.

Versucht nicht zu fliehen, denn das würde den Flüchtigen das Leben kosten und die übrigen müssen damit rechnen, daß gegen sie scharfe Maßnahmen ergriffen werden. Wenn ihr merkt, daß jemand fliehen will, so meldet es mir oder dem Major Kortschagin. Wir werden eine Flucht unterbinden. Merkt euch das gründlich, denn von euch entkommt niemand. Wenn es einem oder dem anderen auch gelingen sollte aus dem Lager oder von der Baustelle zu entkommen, so wird er trotzdem eingefangen werden, denn unser Volk ist wachsam und läßt keinen Faschisten ungestraft laufen.

Die Einteilung der Lagerbelegschaft bleibt weiterhin beibehalten, wie sie in der deutschen Wehrmacht war. Die Gruppen-, Zug-, Kompanie- und Batallionsführer [sic] werden noch bestimmt werden. Diese Männer verantworten für Ruhe und Ordnung im Lager [sic]. Sie sind von euch einzelnen zu grüßen, denn sie führen die Funktionen der Offiziere aus. Alle ihre Anordnungen geschehen in meinem Namen und sind für euch Gesetz.

Meine rechte Hand im Lager ist von eurer Seite

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der Lagerkommandant. Ihm ist widerspruchslos Gehorsam zu leisten.

Rodler! Unteroffizier Rodler, vortreten!"

Rodler, Ludwig genannt, trat vor die angetretene Mannschaft. Bei der Wehrmacht war er Unteroffizier der Luftwaffe. Beheimatet war er in Wien. Mit freundlichem Blick stand er da. Sein biederes Gesicht verriet den typischen Österreicher.

„Das wird euer Lagerkommandant sein. Alles weitere erfahrt ihr durch ihn. Sein Stellvertreter ist Dudek, Erwin, Oberfeldwebel Dudek. Der Dolmetscher, ein Pole, ist in der Frage [?] [...]. Habt ihr mich verstanden?" Ein leises, zaghaftes „Jawohl" ging durch die Reihen.

Nachdem die Offiziere das Lager verlassen hatten, gingen die Gefangenen an die Durchführung der befohlenen Einteilung. Rodler und Dudek bemühten sich, so schnell wie möglich eine bestimmte Ordnung einzuführen.

## Der verhängnisvolle Fragebogen.

Die nächsten Tage waren vorläufig noch arbeitsfrei, denn die sowjetische Lagerleitung hatte noch keine Arbeitsverträge mit der Direktion der zerstörten Zuckerfabrik abgeschlossen und zweitens mußte man wohl oder übel den müden Gefangenen, die sich von der Reise noch nicht erholt hatten, die nötige Ruhe geben. Jetzt begann eine lange und schwierige Registrierung der Gefangenen, obwohl sie schon viele Male listenmäßig erfaßt waren. Tausenddreihundert wurden befragt.

Zu diesem Zweck hatte man folgenden Fragebogen entworfen, der oben rechts den Vermerk „Streng geheim" trug.

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1. Familienname?
2. Vorname?
3. Vatersname?
4. Geburtsjahr?
5. Geburtsort?
6. Wohnort?
7. Religionsbekenntnis?
8. Muttersprache? Nationalität? Staatsangehörigkeit?
9. Fremdsprachenkenntnisse?
10. Beruf?
11. Schulbildung?
12. Welche Spezialschulen haben Sie besucht?
13. In welcher Wehrmacht dienten Sie?
14. Wann eingezogen?
15. Waffengattung?
16. Ihre letzte Einheit?
17. Erkennungsmarkennummer?
18. Dienstgrad?
19. Dienststellung?
20. Gingen Sie freiwillig zur Wehrmacht oder wurden Sie gezwungen?
21. Welche Tapferkeitsauszeichnungen haben Sie?
22. Wann und wo wurden Sie gefangen genommen?
23. Ledig oder verheiratet?
24. Name, Geburtsdatum, Beruf und Wohnort Ihrer Frau?
25. Dasselbe von den Kindern?
26. Dasselbe von den Eltern?
27. Wieviel Geschwister haben Sie?
28. Ihren Wohnort und ihre Beschäftigung?

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29. Welcher Partei gehörten Sie an?
30. Von wann bis wann?
31. Ihre soziale Herkunft?
32. Ihre soziale Lage?
33. Wie groß war das Vermögen ihrer Eltern?
34. Besitzen Sie ein Vermögen?
35. Sind Sie vorbestraft?
36. Wenn ja, wofür und wie war das Urteil?
37. Wo haben Sie Ihre Strafe abgebüßt?
38. Waren Sie früher in Rußland wohnhaft?
39. Haben Sie Verwandte in Rußland?
40. Haben Sie mit Ihren Verwandten Verbindung?
41. Wo waren Sie während des Krieges? In welchen Staaten? Ganz besonders betrifft diese Frage Rußland.
42. Ihren genauen zivilen und militärischen Werdegang.

Das war der Fragenkomplex, den jeder Kriegsgefangene zu beantworten hatte. Mehrere Wochen nahm die Ausfüllung derselben in Anspruch, da nur selten wer russisch verstand. Jede Frage mußte genauestens übersetzt werden. Von der Richtigkeit der Übersetzung hing in vielen Fällen das Schicksal der einzelnen Männer ab.

Am ersten Tage dieser großen Aktion ereignete sich im Gefangenenleben Sieberts etwas ganz besonderes, das in späteren Jahren von ausschlaggebender Bedeutung war.

In den frühen Morgenstunden des besagten Tages trat an Siebert der deutsche Lagerkommandant Rodler heran:

„Siebert, ich habe erfahren, daß Sie russisch sprechen. Sie werden staunen, aber ich weiß es ganz bestimmt. **[S. 44]** Der Pole Wladek hat es mir verraten. Wollen die Sache kurz machen: ich brauche sofort einen Dolmetscher. Sind Sie einverstanden?"

„Nein, ich möchte aus verschiedenen Gründen nicht Dolmetscher sein," antwortete Siebert.

„Können Sie mir diese nennen?"

„Warum nicht? Hören Sie her Ludwig. Ich hab' Dolmetscher zur Genüge gesehen, die nicht mit Worten übersetzten, sondern mit dem Spazierstock. Es ist eine bodenlose Gemeinheit, was sich diese Herren leisteten. Sie räumen sich auf Grund ihrer russischen Sprachkenntnisse Rechte ein, die ihnen kein Mensch gab. Gegen diese Schurken, meist sind es Polen, Jugoslawen oder Tschechen, kann sich kein Gefangener wehren.

Der Dolmetscher ist ja schließlich für die Kameraden da und nicht die Kameraden für den Dolmetscher. Er soll seinen Mitgefangenen helfen, und zwar muß er dort einspringen, wo er mit seinen Sprachkenntnissen etwas Gutes tun kann. Was machen die Kerle aber? Sie stehen stets auf russischer Seite. Der Gefangene hat keinen Verteidiger, er hat nur Pflichten und keine Rechte.

Das ist einer der Gründe, die es mir nicht erlauben, Ihre Bitte zu erfüllen."

Siebert hatte aber noch einen anderen Grund, der es ihm verbot, russisch zu reden, denn sobald man seine Sprache hören würde, könnte man unter Umständen feststellen, daß er das Russische perfekt beherrscht. Verhöre würden sich gegenseitig ablösen und einander jagen. Verräter, Spitzel des MWD würden hinter ihm her sein! Er fürchtete wirklich zu sehr [?] gerade diese Verhöre. Wie kam nur dieser Pole darauf, daß er russisch sprach?

Siebert zerbrach sich den Kopf, wo er sich verraten **[S. 45]** haben könnte. Hatten Ulrich und Franke nicht versprochen zu schweigen? Sollten sie ihn doch verkauft haben? Aber nein, sie waren anständige, gute Menschen.

Da erinnerte er sich an einen Fall. Es war auf der Bahnfahrt von Ungarn nach Rumänien. Russische Posten drangen in den Wagen ein, in dem sich auch Siebert und der Pole Wladek befanden, und suchten wie immer nach blanken Gegenständen unter anderem auch nach Taschenmesser. Der ganze Waggon wurde durchsucht und nirgends fand man das Gesuchte. Die Russen schnauften vor Wut. Plötzlich ein Fluchen und Schimpfen: sie hatten bei einem Deutschen aus Danzig in der Brieftasche ein Nagelmesser gefunden.

„Du elender verlauster Faschist hast ja noch ein Messer! Willst wohl jemand ermorden? Wirst es gleich bitter bereuen, du Hund. Erschießen müßte man dich auf der Stelle." Der Gefangene zitterte am ganzen Leibe. Hätte er geahnt, daß ein Nagelmesser auch unter die Rubrik—Waffen—fällt, er hätte es bestimmt abgegeben, aber jetzt war's zu spät. Blitzschnell rauschten gut gezielte Hiebe mit einem schlanken Bambusrohr auf seinen Kopf. Beim zweiten Schlag fiel er mit gespaltenem Schädel zu Boden.

„Schlagen Sie ihn nicht weiter! Er stirbt ja gleich. Habt Erbarmen", sprach Siebert die Russen in ihrer Muttersprache an. Die Ruchlosen stutzten: „Was willst denn du? Hast wohl auch Lust, den Stock zu spüren? Soll er doch verrecken, der Hund. Nitschewo! Von der Sorte haben wir noch genug." Mit lautem Schimpfen zogen sie trotz ihrer Wut ab. Draußen hörte man, wie sie sich um die gefundene „Waffe" stritten.

Der Mann war vor furchtbaren Qualen bewahrt **[S. 46]** geblieben, aber Siebert hatte sein Geheimnis zum zweiten Mal preisgegeben.

Wladek war im selben Waggon gewesen und hatte sich den Fall gemerkt. Welche Ausrede sollte Siebert erfinden, um den ungeduldigen Kommandanten los zu werden? Da kam Siebert auf die Idee, Forderungen zu stellen. Vielleicht läßt Rodler dann von seinem Vorhaben ab? Nimmt er sie aber an, so ist's gut.

„Ludwig, ich bin nur einverstanden, deine Bitte zu erfüllen, wenn du die Interessen der Gefangenen vertreten wirst. Ich werde grundsätzlich nur auf der Seite der vielen Kameraden sein. Sobald du gegen diesen Grundsatz verstößt, oder sogar davon abgehst, mußt du damit rechnen, daß ich das ganze Lager gegen dich aufbringe. Wir müssen den Leuten unter allen Umständen helfen. Wenn wir unser Handeln darauf abrichten können wir es tun. Die Männer werden uns unterstützen. Wenn du mit dieser Bedingung einverstanden bist, bin ich sofort dein Dolmetscher," schloß Siebert, den Blick auf Rodler gerichtet.

Dieser überlegte einen Augenblick, ehe er auf Sieberts Worte antwortete: „Ich nehme an, denn es ist auch mein Bestreben, den Leuten zu helfen, soweit wir das in der Lage sind [?]. Komm, gib mir deine Hand auf gute Zusammenarbeit. So, und jetzt gehen wir und sehen nach, wie weit die da mit dem Ausfüllen der Fragebogen sind. Du kannst dir die Mißwirtschaft, die da herrscht, kaum vorstellen. Gestern hatte man im Dorfe einige schreibkundige Frauen zusammengeholt, die mit Hilfe eines Dolmetschers die Fragebogen ausfüllten. Heute, das glaubst du nicht, hat man eine Schulklasse der hiesigen Volksschule hergebracht. Die Kinder können kaum schreiben, geschweige denn die kom- **[S. 47]** plizierten Antworten difinieren [sic]. Was das nur werden soll!"

Bei diesen Worten waren die zwei bei dem Häuschen des MWD angelangt. Tatsächlich, eine Masse kleiner Jungen und Mädchen standen hier um einen Tisch und hörten gespannt den Erklärungen des Leutnants Filipow zu. Filipow antwortete selbst auf die einzelnen Fragen.

„Bis Frage 7 ist wohl alles klar. Hier dürften keine Schwierigkeiten auftauchen. Religionsbekenntnis! Ist ja sowieso Quatsch, aber wir wollen es schon schreiben. Da schreibt ihr einfach entweder katholisch, evangelisch oder evangelisch-lutherisch oder einen anderen Schwindel. Paßt aber gut auf, denn die Fritze werden euch belügen und schreibt ihr das, was ihr für richtig findet.

Frage zwölf betrifft die Schulbildung. Wichtig ist, daß die technischen Berufe alle erfaßt werden, denn diese Kerle sollen unsere Industrie wieder aufbauen. Wenn ihr Frage dreizehn beantwortet, schreibt ihr die betreffende Wehrmacht ein, in der der Gefangene diente: deutsche, ungarische, rumänische, italienische oder sonstiges Zeug. Seht euch diese jämmerlichen Figuren an. Der drüben ist zum Beispiel Italiener. Sie wollten alle Rußland erleben. Die Gelegenheit werden sie ausreichend haben," spottete Filipow zur Freude der Kinder.

„Bis Frage zwanzig ist dann wieder alles einfach. Freiwillig oder gezogen zur Wehrmacht? Müssen wir unbedingt wissen, denn die Freiwilligen sind die größten Faschisten. Die haben auch alle hohe Auszeichnungen gehabt. Ihre Brust prangte von Eisernen Kreuzen erster und zweiter Klasse. Schade, sie hätten alle das Birkenkreuz erhalten müssen. (Ein schlichtes Kreuz aus Birken- **[S. 48]** holz war der einzige Schmuck eines deutschen Soldatengrabes.) Verdienen wird es auch hier noch mancher," lachte Filipow.

„Weit schwieriger ist Frage zweiunddreißig. Ihr wißt, daß in Deutschland kapitalistische Verhältnisse bestanden. Es gibt dort eine Menge Kapitalisten, die wir alle vernichten wollen und werden. Die Deutschen werden natürlich behaupten, daß sie Arbeiter oder Bauern sind. In diesen Fällen fragt ihr erst nach ihrem Vermögen. Besitzen sie etwas — ein Haus, eine Fabrik oder Land, dann sind sie keine Arbeiter, sondern Kapitalisten oder Gutsbesitzer. Somit gehören sie zu einer Klasse, die verschwinden muß.

Die Fragen ab 39 sind dazu da, um russische Staatsbürger zu suchen, die 1917 und später aus Rußland flohen, während des Krieges aber mit den deutschen Okkupanten gegen unsere geliebte Heimat kämpften. Sie sollen es büßen! So, das wäre wohl das Wesentlichste. Jetzt geht an die Arbeit," befahl Filipow den Kindern, die darauf an den Tischen Platz nahmen.

Die Gefangenen waren in langen Reihen angetreten, obwohl keiner von ihnen ahnte, was hier geschehen sollte.

„Kommandant! Komm her!" rief Filipow.

Ludwig und Siebert hatten schweigend den Erklärungen des Offiziers zugehört. Wie würden die Männer die vielen Fragen beantworten? Ach, könnte man ihnen alles erklären! Aber dazu gab es keine Zeit mehr, denn Filipow rief schon wieder nach dem Kommandanten.

„Herr Leutnant, Sie wünschen?" fragte Ludwig den wütenden Offizier. Siebert übersetzte.

„Zunächst wünsche ich, daß du sofort erscheinst, **[S. 49]** wenn ich dich rufe. Weiter brauche ich sofort zwanzig Dolmetscher. Verstanden?" Nachdem Siebert die Antwort verdolmetscht hatte, sagte Rodler: „Jawohl, Genosse Leutnant." Er glaubte mit dem Worte „Genosse" den Offizier etwas freundlicher zu stimmen, erwirkte jedoch das Gegenteil, denn jetzt fuhr der Angesprochene von seinem Stuhl auf und brüllte den Kommandanten an:

„Du Hund, sagst du mir Genosse? Da habe ich doch einen schönen Genossen gefunden. Merke dir das mal, du bist und bleibst mein ewiger Feind und nur unsere humanen Gesetze verbieten es mir, dich wie einen räudigen Hund auf der Stelle niederzuknallen. Wo bleiben die Dolmetscher? Schaff sie her und wenn du sie aus der Erde stampfst. Fa-schi-st!!"

Es folgte noch eine lange Reihe abscheulicher Fluchwörter, als Siebert und Rodler abzogen.

Dolmetscher, gab es im Lager genug. Wer eben einige Brocken Russisch konnte, war ein Dolmetscher. Der Mangel an Worten wurde einfach durch den Knüppel ersetzt. Als Dolmetscher dieser Art entpuppten sich vielfach die Volksdeutschen aus den polnischen Gebieten, die 1940 aus Bessarabien in den Warthegau zogen und die sich jetzt als Bessarabier oder Polen ausgaben. Es war noch nicht so lange her, als sie voller Kehle schrien: „Wir wollen heim ins Reich!" oder sich krampfhaft bemühten, in die berüchtigte „Volksliste 3" aufgenommen zu werden.

Zur „Volksliste 3" gehörten Polen, die sich germanisieren [?] ließen und nur für die Dauer des hitlerischen 1000-jährigen Reiches als Auch-Deutsche galten, solange es ihnen gut ging. Als Hitlers Reich in allen Fugen krachte, wechselten sie im Nu ihre Farbe von braun auf rot und wollten als Vertreter **[S. 50]** der friedliebenden Nationen, als Verfolgte vom Nazismus (wie sie sich ja schön bezeichneten) angesehen werden.

Daß sie unter deutscher Fahne gegen den Kommunismus gekämpft hatten, konnten sie nicht mehr ungeschehen machen. Daher glaubten sie, dieses Verbrechen gegen die „Volksdemokratien" durch Grausamkeit gegen die Deutschen wiedergutzumachen. In den ersten Monaten der Gefangenschaft waren sie die alleinigen Herren in den Gefangenenlagern. Doch dann hatte der Russe sie durchschaut und einer nach dem anderen wanderte in unbekannte Richtung aus dem Lager, um nie wieder auf der Bildfläche zu erscheinen, denn wie sie sich im Augenblick gegen die Deutschen benahmen, genau so hatten sie vor garnicht langer Zeit die russischen Gefangenen behandelt, weil sie würdige Vertreter der „Volksliste 3" sein wollten.

Ludwig hatte diese Dolmetscher zusammengetrommelt und Filipow vorgestellt. Sie nahmen neben den Schreibern Platz und die endlose Fragerei begann.

„Sie sind der Dolmetscher des Kommandanten?" fragte Filipow Siebert.

„Jawohl, Herr Leutnant."

„Schön, Sie bleiben hier. Schreiben Sie russisch?"

„Etwas, Herr Leutnant," antwortete Siebert verlegen.

„Setzen Sie sich hier her. Sie werden selbst Fragebogen ausfüllen."

## Die große Lüge.

Ich glaube, Sie haben die Erklärungen zuvor mitgehört. Hier haben Sie Formulare und dann fangen Sie an."

**[S. 51]** Jetzt saß Siebert da und sah sich unmittelbar vor die Aufgabe gestellt, sich selbst den Haftbefehl auszuschreiben oder eine Lüge größten Ausmaßes zu verfassen.

Die ersten vier Fragen waren beantwortet, mehr oder weniger richtig. Alles stimmte bis auf den Vornamen, denn der war bereits 1942 geändert worden, als die deutsche Zivilverwaltung die Verwaltung der besetzten Gebiete übernahm. Die Gebietskommissare ordneten an, daß alle Personen, die einen jüdischen Namen trugen, sich einen arischen, altgermanischen zulegten. Nichts, sogar kein Vorname sollte an die Juden erinnern. Bei dieser Gelegenheit wählte Siebert den germanischen Namen Heinz. Als solchen kannten ihn auch seine Kameraden. Abram Siebert existierte nur noch für seine Lieben daheim, und diesen Namen trug er in seinen Fragebogen ein.

Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne, als er seinen Wohnort angeben sollte. Konnte er eine Lüge schriftlich verankern? Ja, durfte er überhaupt lügen? War es nicht eine große Sünde, alles zu leugnen, um nur das nackte Leben zu retten? Er faltete in seiner Verzweiflung die Hände zum Gebet. Ob der Allmächtige ihm auch in dieser bangen Stunde beistehen würde? Wenn er einen einzigen Rat, ja nur einen Fingerzeig von ihm bekommen könnte. Es schien, als spräche seine innere Stimme, die er schon so oft gehört hatte, zu ihm ganz deutlich: „Bleib stark." War es tatsächlich keine Sünde, zu lügen? Hier bestand die einzige Möglichkeit sein Leben zu retten, seine Mutter und Geschwister vor weiterer Not und Verfolgung zu bewahren, einzig und **[S. 52]** allein in der großen Notlüge. Weiter dachte Siebert nicht denn er hatte sich für die Notlüge entschieden.

Zusammengesunken beugte er sich über das Papier und schrieb:

„Heinz Siebert, geboren 1921, in Ebenfelde, Kreis Königsberg, Ostpreußen, wohnhaft in Osmolin 22 Kreis Schieratz, Warthegau (Polen). Religionsbekenntnis—evangelisch. Muttersprache—Deutsch, Staatsangehörigkeit—deutsche. Fremdsprachenkenntnisse—Russisch, Polnisch, Tschechisch. Beruf: Lehrer für slawische Sprachen. Diente in der deutschen Wehrmacht, eingezogen am vierten Juli 1944 zur 11. Panzergrenadierdivision „Nordland", Regiment „Danmark", 1. Bataillon, 1. Kompanie. Dienstgrad— Gefreiter, Dienststellung—Gruppenführer. Ohne Auszeichnungen. Geriet am dritten Februar 1945 bei Kapolnaschnek [?] in Gefangenschaft."

Dann folgten die Angaben über Frau und Tochter. Der Vater war verstorben, Mutter—? Ja, was denn hier nur angeben? Sie lebte ja noch. Man könnte eventuell seine Mutter suchen. Zunächst, so lange er nicht erkannt war, würden sie diese in Ostpreußen suchen und nie finden. Wenn man sie eines Tages doch erkannte, würde man auch sie zur Rechenschaft ziehen. Nein, er entschied sich dafür, sie für tot zu erklären [?], denn Tote läßt man in Sowjetrußland, in dem die Unantastbarkeit der Person auf Grund der Stalinschen Verfassung garantiert wird, schon längsten in Ruhe. Sie sollte wegen ihm keine Not leiden, dasselbe betraf auch seine Geschwister, die noch das Glück hatten auf freiem Fuße zu sein. Zu Hause mußte man über seinen Verbleib annehmen, er sei gefallen als treuer Sohn der „sozialistischen" Heimat aller Werktätigen. Es würde ihnen teuer zu stehen kommen, wenn man plötzlich erfahren sollte, daß **[S. 53]** sie einen Landesverräter zum Bruder hätten. Nein, nie, nie wollte er ihnen das antun.

Mit zitternder Hand schrieb er weiter:

„Mutter 1937 an Tuberkulose gestorben. Geschwister keine, selbst parteilos. Beide stammen aus dem Bauerntum. Soziale Lage— Lehrer. Das Vermögen der Eltern—35 Hektar Land, vier Pferde, sechs Kühe, ein Wohnhaus und Stallungen. Aus einer armen Familie durfte er nicht stammen, denn wie hätte er in so einem Falle studieren können. Zu reich durfte sie aber auch nicht sein, sonst war er ja ein Sprößling eines Gutsbesitzers; also auf dem goldenen Mittelweg bleiben.

„Vorbestraft—nein, in Rußland nie wohnhaft gewesen und keine Verwandten dort. Während des Krieges nicht in Rußland gekämpft."

Darauf folgte ein den obigen Angaben angepaßter Lebenslauf, der mit dem Fragebogen zusammen unterzeichnet [wurde].

Theoretisch war die Lüge fertig. Wird sie den kommenden Stürmen standhalten?— Auch dann, wenn man Siebert in stundenlangen Verhören mit tausend Fragen überfallen wird?—

Eine unheimliche Angst ergriff ihn allein schon bei dem Gedanken, daß er sich selbst verraten könnte oder von Spitzeln des MWD erwischt und verkauft zu werden. Sich selbst zu erhalten, reichten ihm seine Kräfte nicht aus. Allein, ohne Gottes Hilfe werde er nicht bestehen.

Verstohlen hatte er sein Tagebuch aus der Tasche geholt und trug folgende Verse ein, die er unlängst gelesen hatte:

Gottes Hände tragen die weite Welt.
Gottes Hände halten das Sternenzelt.

**[S. 54]** Gottes Hände führen das kleinste Kind.
Gottes Hände über dem Schicksal sind.
Gottes Hände sind meine Zuversicht,
durch alles Dunkel führen sie doch zum Licht.
Im Frieden geborgen, im Kampfe umtost,
in deinen Händen, Herr, bin ich getrost.

Ihm allein vertraute Siebert in Zukunft, nichts ohne seinen Rat beginnen, denn er hatte erkannt, daß der Mensch ohnmächtig und schwach ist, wenn Gott nicht mit ihm ist.

Hier am Tische, wo man ihm alles andere als gut gesinnt war, gedachte er der längst vergessenen Worte seines Freundes:

„Und glaubst du, daß es dein Verdienst ist, daß dein Leben erhalten blieb?"

In jenen Tagen kannte Siebert noch nicht den Gnadenstrom Gottes, aus dem er immer so reichlich geschöpft hatte. Heute wußte er, daß alles, was ihm widerfahren, nur Gnade von Gott war. Gottes Gnadenarm reichte überall hin, auch in die entferntesten Gefangenenlager, umgeben von mehrfachen Stacheldrahtzäunen. Davon war Siebert felsenfest überzeugt.

Jetzt trat Leutnant Filipow an ihn heran: „Na, wirst du fertig?"

Siebert zuckte zusammen: „Jawohl, Herr Leutnant, ich bin mit meinem Fragebogen fertig. Ist der so gut?"

Filipow nahm den Fragebogen und betrachtete ihn lange: „Du schreibst gut russisch, fast ohne Fehler. Ist gut. Schreib weiter." Dann verschwand er in der Tür des MWD.-Häuschens, in dem Major Kartschagin sein grausames Regiment führte.

**[S. 55]** Wieso denn gleich dorthin? Hatte man auf seinen Fragebogen extra gewartet? Siebert versuchte ruhig zu bleiben, aber es war ihm fast nicht möglich, denn er würde man ihn jeden Augenblick zur Vernehmung rufen [sic]. Was sollte aus dem ganzen nur noch werden?

## Wir sind keine Deutschen.

Siebert rief einen der Gefangenen heran und begann seinen Fragebogen auszufüllen. Er stammte aus Bayern und hieß Emil Kellermann. Er behauptete österreichischer Staatsbürger zu sein, als Nationalität gab er jedoch Deutscher an. An der Richtigkeit dieser Antwort zweifelte Siebert, denn der Mann könnte sich versprochen haben, was später einmal für ihn zum Verhängnis werden könnte. Entweder war er Deutscher oder Österreicher. Daher wandte er sich an Kellermann:

„Willst du es so eingetragen haben, wie du es eben sagtest?"

„Aber klar, was denkst du denn? Ich bin österreichischer Staatsbürger, habe mit euch Deutschen nichts mehr zu tun. Austria ist meine Heimat."

Siebert ließ ihn gewähren. Dann kam die Frage der Parteizugehörigkeit.

„Ich gehörte von 1927 bis 1933 der Kommunistischen Partei Deutschlands an. Kennst du die KPD?" antwortete Kellermann.

„Bist du vorbestraft?"

„Jawohl, wegen Verbreitung kommunistischer Flugblätter zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Von diesen drei Jahren büßte ich ein Vierteljahr in Berlin-Moabit ab, danach wurde ich freigelassen."

**[S. 56]** Siebert war froh, ihn abgefertigt zu haben. Als er am Abend Schluß machte, hatte er nur einige Deutsche abgefertigt, ja es schien, als gäbe es überhaupt keine Deutschen mehr im Lager. Entweder waren sie Österreicher, Elsaß-Lothringer, Ungarn, Polen, Rumänen, Italiener oder Tschechen. Ganz Schlaue behaupteten, sie seien Sachsen, Schwaben, aber keine Deutschen.

Erst einige Jahre später machten sich die Folgen dieser Tatsachenentstellung bemerkbar, denn der Erfolg, den sich die meisten dabei erhofften, blieb aus. Dem Sowjet war es doch ganz egal, ob der Gefangene Österreicher, Ungare oder sonst wer war. Sie pfiffen auf die frühere Parteizugehörigkeit. Nicht nur, daß es ihnen egal war, sondern man machte diesen ehemaligen deutschen Kommunisten weitgehende Schwierigkeiten. Die Gefangenen hatten zu Beginn der Gefangenschaft geglaubt, dadurch früher zur Entlassung zu kommen. Als sie jedoch merkten, daß die Deutschen genau so gut und schlecht behandelt wurden wie die übrigen Nationalitäten und ebenso schnell oder langsam entlassen wurden wie die anderen, kamen sie auf die Idee, ihre damaligen Angaben zu berichtigen, um direkt in die Heimat gelassen zu werden. Jetzt glaubte der Russe ihnen aber schon nicht mehr und sie mußten sich langen Verhören unterziehen lassen, die jedoch ohne Ergebnisse dazulassen [?]. Immer wieder wurden sie bei den Entlassungen, auch wenn sie nur noch Skelette übrig waren [?], zurückgehalten. Es hieß dann immer: „Jetzt fahren nur Österreicher mit österreichischer Staatsangehörigkeit." Ein anderes Mal: „Es fahren Deutsche mit deutscher Staatsangehörigkeit. Sie müssen warten, bis ihr Fragebogen berichtigt ist." Man schrieb schon 1949 und diese armen Leute warteten immer noch auf die Berichtigung ihrer Personalien ver- **[S. 57]** gebens. Das MWD hatte somit eine billige Beute. Wie oft hat Siebert in den späteren Jahren die Bittgesuche dieser naiven Kameraden übersetzt.

Auch Kellermann kam eines Tages zu Siebert und bat ihn: „Sieh, Heinz, jetzt sind die meisten Österreicher unseres Lagers zu Hause und ich bin immer noch hier. Fünfmal war ich beim MWD. Fünfmal hat man mir versprochen meine österreichische Staatsangehörigkeit auf die deutsche umzuändern. Gestern war ich wieder da und man fragt mich, wieso ich denn 1945 anders angegeben hätte [?]. Die haben gut fragen. Ich hatte damals zu große Angst erschossen zu werden, wenn ich sage, daß ich Deutscher bin. Zu Hause komme ich auch nicht. Es ist doch zum Verzweifeln. Vier lange Jahre sitze ich nun schon hinter Stacheldraht. Dazu war ich noch Mitglied der KPD. Das hätte ich niemandem sagen sollen; werde es auch niemals wieder tun. Was denkst du, gestern sagte mir der MWD-Offizier folgendes:

„Kellermann, wenn du Mitglied der KPD und später der KPÖ warst, so muß es dir doch auch ganz egal sein, wo du arbeitest, zu Hause oder in der U.d.S.S.R. Meinst du nicht auch?"

Stell dir vor, das sagt man mir einem einundfünfzigjährigem Manne. Auch eine Auffassung. Nie wieder werde ich zu den Kommunisten halten.

Heinz, kannst du mir einen Rat geben, wie ich meine Personalien in Ordnung bringe?"

Siebert dachte an jene Tage, als Kellermann ihn anschrie: „Ich will mit euch Deutschen nichts mehr zu tun haben." Dennoch tat er ihm leid:

„Sieh, Emil, das einzige, was du unternehmen kannst, ist ein Bittgesuch an den Lagernatschalnik richten. **[S. 58]** Ob es einen Wert hat, weiß ich nicht, aber vielleicht klappt das."

Emil blieb trotzdem als Deutscher mit österreichischer Staatsangehörigkeit russischer Plenny.

Andere kamen tatsächlich zur Entlassung. Man schickte sie in die Tschechei, nach Rumänien und Ungarn. Dort angekommen, wurden sie sofort festgenommen und hinter Schloß und Riegel verwahrt. Ihre Familien waren gleich 1945-46 nach Deutschland ausgewiesen, da sie als „Volksbündler" bei den Behörden bekannt waren und als solche in den neuen Volksdemokratien nicht mehr geduldet wurden. Rücksichtslos wurden sie mit ihren Kindern über die Grenze getrieben. Die Männer aber lebten noch lange nach der Entlassung aus sowjetischer Gefangenschaft in den Gefängnissen ihrer früheren Heimat. Erst nach vielen Strapazen gelang es einigen zu ihren Familien nach Deutschland zu flüchten. Ein großer Teil aber blieb verschollen. Diese Männer fielen ihrer Heimat mit der volksdemokratischen Ordnung zum Opfer.

## Bei Kartschagin zum Verhör.

Um acht Uhr morgens kam der Laufbursche von Kartschagin zu Siebert: „Du sollst zum Major kommen." Sieberts Gesicht entfärbte sich. Wenn nur alles gutgehen möchte! Rasch knöpfte er seine Uniform zu und begab sich klopfenden Herzens zu dem kleinen Häuschen auf dem Hofe, vor dem ein jeder einen heillosen Respekt hatte. Jetzt stand er vor der niedrigen Tür in der Lehmbude, in der sich Jahre lang Menschenschicksale abspielten. Er klopfte.

**[S. 59]** „Herein!" gebot eine tiefe Baßstimme. Einen Augenblick zögerte Siebert, dann stand er in dem kleinen Zimmer, direkt dem Major gegenüber. In einer Ecke saß die Lagerdolmetscherin Fiera Bloch—eine zweiundzwanzigjährige Jüdin. Sie sprach ein verhältnismäßig fließendes Deutsch. Ihre tiefschwarzen Haare verliehen ihrem Gesicht eine auffallende Blässe. Die unruhigen Augen verrieten einen unüberwindlichen Haß gegenüber den Gefangenen. Den Mund schien sie die dickaufgelegte Schminke mit knallroter Naht verschlossen zu haben [?].

Kartschagin und Fräulein Bloch sahen den Eintretenden schweigend an. Wenn sie doch erst nur sprechen wollten, dachte Siebert. Dieses Schweigen war unerträglich.

Endlich brach die Dolmetscherin die Stille:

„Ihr Name?"

„Heinz Siebert."

Langsam schrieb sie den Namen auf. „Wie hieß ihr Vater?" „Abram," antwortete Siebert.

„Frage ihn, ob er russisch spricht, Fiera," mischte sich der Major dazwischen. Sie übersetzte die Frage des Majors, indem sie die Worte zwischen den Zähnen herauspreßte.

„Jawohl, ich spreche russisch."

„Sind Sie in Rußland geboren?" fragte der Major freundlich. Sein brutales Gesicht mit der breiten Narbe über der Stirne sagte aber, daß es eine künstliche Freundlichkeit war.

„Nein, Herr Major, ich bin in Ostpreußen gebürtig, bei Königsberg."

„Also doch unser, denn Königsberg gehört für alle Zeiten uns. Aber wenn du in Königsberg geboren bist, woher kannst du dann Russisch?" fragte er weiter.

„Darf ich Ihnen diese Geschichte erzählen, Herr **[S. 60]** Major?" Siebert wollte die vielen Fragen vermeiden, und da war es entschieden besser, wenn er es ihm selbst erzählen durfte. Er hatte gleich, als er das Zimmer betrat, eine unschuldige Miene aufgesetzt und erweckte dadurch den Schein, daß er vor den beiden ein hilfloses Bürschchen stehe [?]. Nur nicht Hochmut oder Selbstbewußtsein an den Tag legen. Die MWD-Gewaltigen wollten die Gefangenen gebrochen sehen. Einmal hatten sie sich die Aufgabe gestellt, den Stolz der Deutschen zu brechen und ein zweites Mal konnten sie wegen ihrer Minderwertigkeitskomplexe kein Selbstbewußtsein bei den Gefangenen ertragen. Das hatte Siebert rechtzeitig eingesehen und handelte dementsprechend.

„Klar, erzählen Sie. Setzen Sie sich aber erst hier auf den Schemel."

Siebert setzte sich und dann begann er zu erzählen: „Mein Vater war selbst Lehrer bevor er den elterlichen Hof übernahm. Im Laufe der Jahre hatte er ihn noch etwas vergrößern können, so daß er ein ansehnliches Vermögen hatte. Er wollte aber nie, daß ich auch Landwirt werde [?]. Als ich einige Jahre die Schule besucht hatte, brachte er mich zu einem bekannten Slawisten. Bei diesem Professor studierte ich die slawischen Sprachen [um Lehrer für slawische Sprachen zu werden]. 1923 starb mein Vater und die Mutter blieb auf dem Hofe allein. Er wurde vernachlässigt und verschuldet [?]. Als 1937 die Mutter starb, wurde der Hof von meinem Vormund verkauft. Mit dem Erlös deckte er die Schulden, den Rest legte er für mein weiteres Studium zurück. An der Hochschule besuchte ich dann wieder die Vorlesungen in russischer Sprache, um meine Kenntnisse zu vertiefen. 1940 war ich mit meinem Studium fertig und wurde vom Erzieh- **[S. 61]** ungsministerium in den damals angegliederten Warthegau als Lehrer verpflichtet. Dort hatte ich Gelegenheit meine Sprachkenntnisse zu erweitern—die Polen sprachen zu mir polnisch, ich sprach zu ihnen russisch [?]. Es ging ziemlich gut. So erlernte ich die russische Sprache," schloß Siebert, dem Major, der aufmerksam die ganze Zeit zugehört hatte, gerade in die Augen sehend. Kartschagin und Fräulein Bloch sahen sich fragend an. Niemand sagte ein Wort. Endlich fragte der Major: „Und wo und wie lange dientest du in der deutschen Spionageabteilung?"

„Nie, Herr Major, denn da ich keiner Partei angehörte, durfte ich keinen hohen Regierungsposten bekleiden," erklärte Siebert. Daß man ihn in so einer Sache verdächtigen würde, hatte er natürlich nicht erwartet.

„Aber du kennst doch die deutsche Abwehrabteilung," fragte Kartschagin und warf der Bloch einen raschen Blick zu.

„Klar, ich kenne diese Einrichtung vom Hören und Sagen. Das ist aber auch alles."

„In welchem KZ oder Kriegsgefangenenlager in Deutschland warst du Dolmetscher?" forschte der Major weiter.

„Ich sagte Ihnen bereits, daß ich Lehrer war bis zu meiner Einberufung zur Wehrmacht. Daher kann ich also kein Dolmetscher gewesen sein," antwortete Siebert ruhig, sich, wie immer auf den Anstand des Majors verlassend [?].

„Was du bisher erzählt, waren Märchen, von Anfang bis Ende erlogen. Wo hast du in Rußland gewohnt? Laß Ostpreußen und Königsberg beiseite und sage die Wahrheit." Der Ton des Majors war wesentlich schroffer geworden.

**[S. 62]** „Die Wahrheit habe ich Ihnen soeben gesagt, Herr Major." Die Dolmetscherin lachte höhnisch. Plötzlich verzog sich das Gesicht des Offiziers zu einer freundlichen Grimasse: „Komm mal näher, Junge. Hier, bitte, eine Papirosse und dann setz du dich zu mir auf den Schoß. Vielleicht willst du mir dein Geburtsort im Vertrauen verraten."

Pfui! Zu diesem widrigen Menschen aufs Knie setzen? Was mag der jetzt wohl vorhaben?

„Na, was überlegst du noch? Komm schon her!" grinste der Major. Siebert ging zögernd auf ihn zu. Er hatte nur den einen Wunsch, sich beherrschen zu können. Dann stand er neben dem Major, der ihm seine breite Hand mit den knolligen Fingern auf die Schulter legte und ihn auf sein Knie drückte. Nun saß er direkt bei diesem Scheusal auf den Knieen, dessen rechten Arm deutlich auf dem Rücken spürend. Siebert sagte immer noch keinen Laut. Der Major wurde unruhig:

„Jetzt rede. Ich habe wenig Zeit."

„Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, mehr kann ich Ihnen unter dem besten Willen nicht berichten." Siebert merkte, daß es jetzt wohl hart auf hart kommen würde. Jetzt durfte er beileibe nicht weich werden.

„Du verstockter Faschist, willst du mir endlich Rede und Antwort stehen? Wenn du nicht sofort sprichst, knalle ich dich auf der Stelle nieder. Sprich oder du erlebst den Abend nicht mehr!" schrie der vor Wut rote Mann. Seine Adern auf der Stirne, durch die Narbe noch mehr hervorgehoben, quollen immer mehr an. Die Augen rollten feurig in den tiefen Höhlen, an deren Rand buschige Brauen herabhingen. Hinter seinem Rücken spürte Siebert eine rasche Bewegung der Hand des Majors und im selben Augenblick schlug dieser mit der **[S. 63]** blinkenden Pistole auf die Tischplatte, daß das Tintenfaß umkippte. Siebert schwieg stur, blieb aber weiter auf den Knieen des tobenden Mannes sitzen. Möge passieren, was da wolle, sprechen würde er nicht mehr.

Kartschagin spielte mit der Pistole, die er auf Siebert gerichtet hatte.

Während der letzten Minuten saß Fiera Bloch schweigend da, den Kopf in ihren Händen vergraben. Doch jetzt traute sie ihrem Vorgesetzten nicht mehr und schon stand sie an seinem Tisch:

„Genosse Major, bleiben Sie ruhig; machen Sie Schluß für heute mit dem Kerl. Wir können ihn ja immer holen." Da schob er Siebert von sich in die Mitte des Zimmers:

„Gut, für heute genug. Merk dir aber folgendes, Bandit: ich kriege heraus, wer du bist und woher du kommst. Wisse: so lange die Sonne auf und unter geht, bleibst du in Rußland, bis deine Knochen verfault sind. Über das Geschehene wird kein Wort gesprochen. Raus!" Und schon stand Siebert auf dem Hof. Welch ein erleichterndes Gefühl, diesen Sadisten nicht mehr zu sehen. Wie lange wird es bis zum nächsten Verhör dauern? Was wird man überhaupt mit ihm anstellen? Die Beschuldigungen sind schwer genug, um selbst einen Kriegsgefangenen, der dem sowjetischen Gesetze nicht untersteht, zu verurteilen. Für einen Sowjetbürger reichte so eine Beschuldigung hinlänglich, zum Tode verurteilt zu werden. O, er kannte die Gesetze und die Methoden ihrer Anwendung zu gut, um sich irgendwelche Illusionen zu machen. So lange sie keine Beweise in den Händen hatten, war es ja noch gut, aber eines Tages würden sie ihn überführen können. Was dann?— Siebert sah das Ende mit Schrecken. Er ver- **[S. 64]** suchte seine Vergehen gegen diesen Gewaltstaat aufzuzählen: er war aus der Roten Armee desertiert, denn so [?] würde man zweifellos sein Ausscheiden aus den Reihen der Roten Armee bezeichnen; er hatte sich nicht den Partisanen angeschlossen und gegen die Deutschen gekämpft, sondern er hatte mit ihnen zusammen gearbeitet und war in ihrem Sinne ein Kollaborateur größten Ausmaßes, für den es keine Gnade gab; er war aus dem Lande geflüchtet, in dem er groß geworden war. Landesverräter werden mit dem Tode bestraft!

Er hatte aktiv am Kampfe gegen den Sowjetstaat teilgenommen. Wie sollte so ein Schritt gerechtfertigt werden?

Das jüngste Verbrechen war die am Vortage begangene Urkundenfälschung mit der Ausfüllung des Fragebogens.

Es war ja schon ein Kardinalverbrechen, wenn man nazistisch [?] angehaucht war und das war ja nach sowjetischen Begriffen jeder, der nicht mit dem Kommunismus einverstanden war. Diese Leute galten entweder als Faschisten, zumindest aber als Trotzkisten, die um eine Kopflänge kürzer zu machen waren.

Auf diese Art und Weise würde man die Reihe der Verbrechen endlos fortsetzen können. Wieviele Paragraphen würde im Falle einer Überführung die Anklageschrift aufzählen? Und das Urteil würde kurz lauten: Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wird der Angeklagte Abram (alias Heinz) Siebert wegen Verbrechen gegen die Sowjetheimat laut den Paragraphen ... zum Tode verurteilt. Seine Angehörigen, die Mutter Katharina Siebert und seine Geschwister Gerhard, Hans, Peter und Katharina Siebert werden zu fünf Jahren Aufenthalt in den Arbeits- **[S. 65]** und Erziehungslagern verurteilt. Ihr Vermögen ist ab sofort beschlagnahmt. Das Urteil des Kriegstribunals tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft. Applikationsgesuche werden nicht angenommen.

Vorsitzender des Tribunals:
1. und 2. Beisitzer:

Im Geiste sah Siebert seine Mutter und die Geschwister mit einigen Habseligkeiten das Haus verlassen und von MWD-Posten mit Hunden bewacht auf der großen Straße des Elends ziehen. Wie lange würde seine geschwächte Mutter die Strapazen ertragen? Schließlich liegen bleiben, bis man sie sang- und klanglos in die Erde verscharren würde. Nein, diese Schmach kann er ihr nicht antun. Nein, lieber selbst sterben, aber so ein Urteil wird die Welt nie vernehmen.

Sterben! Wie leicht ist es ausgesprochen. Er hatte schon oft gehört, daß Menschen dieses große Wort gelassen aussprachen, wenn sie es aber erst verwirklichen sollten, wichen sie feige zurück, denn freiwillig aus dem Leben scheiden kostet allerhand Überwindung, die nicht jeder aufbringt. Noch schwerer ist der Schritt, wenn man jung und lebenslustig ist. Noch schwerer würde es ihm fallen, denn irgendwo warteten auf ihn Frau und Kind, die ihn dringend brauchten. Feige wollte er nicht sein. Er wollte gegen alle Gewalten ankämpfen, solange noch ein kleiner Funke Hoffnung auf Erfolg vorhanden war. Gott würde ihm helfen. Unwillkürlich dachte er an Goethes Worte:

Allen Gewalten
Zum Trotz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme der Götter herbei.

**[S. 66]** Und wenn er trotzdem unterliegen sollte? Ja, auch dann wollte er tapfer sein und sein Schicksal hinnehmen ohne zu murren.

Schweigend ging er an sein Nachtlager und entnahm seiner Tasche eine ungebrauchte Rasierklinge, die er sorgfältig in seine Hose einnähte. Das Versteck war gut, man würde sie auch bei der gründlichsten Durchsuchung nicht finden. Mittels dieses scharfen Stahls wollte er sich im Falle einer Verhaftung die Schlagader öffnen und das Geheimnis seiner Herkunft mitnehmen. Ein anderer Ausweg blieb ihm nicht. Nachdem er den Plan seines weiteren Handelns zurechtgelegt hatte, gab er sich endlich zur Ruhe. Sein Tagebuch wies an diesem Tage die kurze Eintragung auf: „Großer Gott, sei mir gnädig."

## Die ersten sechs Wochen in Skorochodowo.

Nachdem man mit der Ausfüllung der Fragebogen fertig war, begann man mit der Aufstellung der Arbeitsbrigaden. Diese bestanden jeweils aus 30—40 Mann, die unter starker Bewachung zur Arbeitsstelle gebracht wurden. Zu Mittag und am Abend konvoierte man sie wieder ins Lager. Bis jetzt hatte die Lagerbelegschaft Ruhe gehabt, denn die abgehärmten Männer hatten sich noch nicht von den Hungertagen und Märschen erholt. Kapitän Kostenko konnte sich beim Anblick der ruhenden Gefangenen zwar fast nicht beherrschen, aber [ohne Erlaubnis zur Arbeit schicken durfte er sie nicht [?]], aber dafür sorgte er anderseits für genügend Arbeit innerhalb des Zaunes. Dreimal täglich ließ er die Lagerbelegschaft zur Zählung antreten. Diese Prozedur nahm jedesmal über eine Stunde in Anspruch. Ob Schnee oder Regen, Kälte **[S. 67]** oder Hitze—die Leute standen in langen Fünferreihen auf dem Hofe. Während der diensthabende Offizier immer wieder die Reihen zählte und zu keinem richtigen Ergebnis kam, ging Kostenko, die Mütze in die Augen gedrückt, die Hände bis an die Ellbogen in den Taschen vergraben, humpelnd die Front der Gefangenen ab.

Wie wichtig kam sich der kleine Kapitän vor, sich als Gebieter über 1300 Gefangene zu sehen, wo er doch früher nur ein nichtssagender Panzerkommandant war. Er hatte nicht die geringste Ahnung von Menschenbehandlung, er kannte nicht die elementaren Anstandsregeln. Was er wußte, war das eine: ich bin ein Vertreter des Siegervolkes. Trotz der vier Wochen, die die Gefangenen in dem Lager Skorochodowo verbracht hatten, war er nicht in der Lage gewesen, die nötigsten Einrichtungen anzuschaffen, die elementaren [?] Einrichtungen herstellen zu lassen. Keine Schuhmacherei oder Schneiderei besserte das reparaturbedürftige Schuhzeug oder die abgerissenen Bekleidungsstücke aus, obwohl im Lager genügend Handwerker zur Verfügung standen. Dagegen führte er bald jeden Tag einen sogenannten Bekleidungsappell durch. Dieser Appell diente dazu, um die kaputte Kleidung zu beanstanden. Vor allen Dingen aber war der Appell dazu angetan, um die Bekleidungsstücke zu zählen. Die Mäntel und Hosen, Mützen und Gürtel, ja selbst Fußlappen und Handtücher ähnliche Gebilde wurden einer genauen Zählung unterzogen. Fehlte etwas, so wurde immer wieder gezählt, denn in den ersten Monaten mußte der Bekleidungsstand stimmen [?], [auch wenn die Männer] in Lappen gerade stehen [?], obwohl der sowjetische Staat noch keine Kopeke dafür ausgegeben hatte. Besaß der Gefangene einen guten Mantel, eine gute Jacke oder **[S. 68]** Hose, so wurden diese Sachen ohne Widerrede dem Eigentümer entzogen und wenige Tage später sah man sie am Leibe irgend eines Offiziers oder Soldaten.

Eine wahre Schikane waren aber erst die häufigen Filzungen—Durchsuchungen des Gepäcks und der Kleidungsstücke der Kriegsgefangenen. Zu diesem Zweck ließ man die gesamte Belegschaft antreten—einschließlich der Kranken und Ärzte. Wenn erst alle in Reih und Glied auf dem Hofe standen, kamen die Offiziere und Soldaten ins Lager und stürzten auf die wehrlosen Menschen. Die Soldaten durchsuchten die Unterkünfte, während die Offiziere sich der Männer selbst annahmen. Jeder Gefangene öffnete seinen Rucksack oder Brotbeutel, knöpfte Jacke und Hose auf. Dann war er zur Visitation bereit. Jetzt kamen die Offiziere, an deren Spitze Major Kartschagin und Kapitän Kostenko, heran. Ihre Blicke funkelten und suchten in den Beuteln. Die Hände zitterten vor Gier. Unermüdlich, als suchten sie einen verborgenen Schatz, der sie zu reichen Männern machen würde, wühlten sie in den Säcken. Jeder Gegenstand wurde für sie wichtig und wurde abgenommen. Die Gefangenen standen staunend da, denn wie war es möglich, daß ein Major, ein Kapitän sich soweit erniedrigten? Ein Grinsen ging durch die Reihen der Gefangenen.

„Kostenko, komm doch mal schnell her und sieh, was ich bei diesem Faschisten gefunden habe!" rief Kartschagin über den Hof. In seinen Händen hielt er ein karriertes [sic] buntes Halstuch, das der Gefangene als Schal benutzte. Lange betrachtete er das Tuch, dann tat er's um den Hals und „filzte" weiter. Seine Taschen füllten sich: Nagelfeilen und -messer, Spiegel, Füllhalter und **[S. 69]** Drehbleistifte, Brieftaschen, Photographien u. a. m. Ja sogar Nadeln und Zwirn steckte er ein. Die übrigen Offiziere schauten von Zeit zu Zeit auf ihren MWD-Gewaltigen [und vergewisserten] sich, daß er die Gefangenen genau so ausplünderte wie sie, um sofort den nächsten Rucksack zu ergreifen.

Mit der Zeit hatte sich ein riesiger Berg von gefilzten Sachen aufgetürmt. Plötzlich rief Schewitschenko [?]: „Genosse Major, kommen Sie bitte her, hier ist ein Buch. Wahrscheinlich hat der Fritz Hitlers „Mein Kampf" mitgeschleppt. Könnte so aussehen." Kartschagin schaute wütend auf, denn er mußte jetzt die Plünderung unterbrechen und blieb somit hinter den anderen zurück. Trotzdem ging er auf den Sprecher zu, der ihm das Buch reichte. „Was das sein, Fritz? Faschistisches Buch?" stotterte der Major, denn seine Dolmetscherin befand sich am anderen Ende des Gliedes.

„Das ist eine Bibel, Herr Major, eine Bibel." versuchte der Gefangene ihm zu erklären.

„Bibel, Bibel", spottete der Major, „was sein Bibel? Propaganda? Hail Gietler?"

„Nein, es ist eine Bibel, Gottes Wort, Herr Major, verstehen Sie, es ist eine Bibel, die mir meine Mutter auf den Weg mitgab. Ich habe sie seit vielen Jahren in der Tasche mitgeführt. Geben Sie sie mir wieder, ich bitte sehr", sprach der Mann.

„Bloch, kommen Sie zu mir", befahl der Major barsch. Diese kam eiligst herbei, ihre dreckigen Hände weit von sich streckend, um sich nicht ihr Kleid zu beschmutzen. Auch sie hatte in den Sachen der Gefangenen gewühlt. „Pfui, Schande, so ein Weibstük [sic]!" spuckte jemand in der hintersten Reihe aus.

**[S. 70]** Fräulein Bloch nahm das Buch und betrachtete es lange von allen Seiten. Dann erklärte sie dem Major etwas in Russisch, bis dieser laut loslachte. Die anderen Offiziere lachten ebenfalls blöde mit. Dann aber erklärte er dem Besitzer der Bibel, indem er ihm auf die Schulter klopfte: „Du betest also? Mit der Bibel in der Hand hast du unsere Soldaten erschossen, du vermaledeiter Hund! Na, hier bist du endlich richtig angekommen. Keine Bibel, kein Gott, kein Gebet hilft dir bei uns. Diesen Unfug kannst du bleiben lassen. Wenn dir hier jemand helfen kann, dann sind es wir. Wir werden uns aber schwer hüten, dir Scheusal zu helfen. Das einzige, was du bei uns haben kannst, ist die Beförderung ins Jenseits. Ha, und du willst beten! Möchtest deine Bibel wieder haben?" fragte der MWD-Schurke. Der Gefangene streckte seine Hand nach dem werten Buche aus:

„Ich bitte sehr darum, Herr Major."

„Ach, du Schwein greifst noch danach!" und im selben Augenblick warf der [Major] den Gefangenen mit kräftigem Faustschlag gegen die Brust zu Boden. Die Bibel flog in einen Haufen alter Lumpen und Kochgeschirre. Der Wind spielte behutsam in ihren Blättern. Der Böse wollte wieder mal gut machen [?]. Während dieser Szene hatte keiner der Gefangenen ein Wort gesagt. Einer von Sieberts Nebenmännern sagte nur ganz leise: „Ach so weht hier der Wind", und machte sich an seinem Rucksack zu schaffen.

Gierig suchten die „Herren" weiter. In der ganzen Zeit hatte sich ein beachtlicher Stoß Photographien angesammelt. Die letzten Familienbilder, die einzige Erinnerung an die Lieben daheim, wurden beachtlos [sic] zur Seite geworfen und gelangten nie wieder **[S. 71]** in die Hände der Männer, denen die Tränen in den Augen standen. Die Offiziere lachten über diese Gefühle der Gefangenen.

„Was bist du denn traurig, Fritz? Weinst um deine Frau und Kinder? Hab keine Angst, die gibt's bei uns auch in rauhen Mengen. Wir werden dich schon wieder verheiraten. Hüte dich aber Faschisten großzuziehen. Dann stirbst du mit ihnen den Heldentod, aber ohne Birkenkreuz. Merk dir das." Der Leutnant Twerdochleb hatte hier scheinbar seine eigene Meinung zum Ausdruck gebracht, denn er und seine Kollegen hatten kein Verständnis für ein vernünftiges Familienleben und menschliche Gefühle. Sie waren von tierischen Gefühlen, vielmehr Instinkten beherrscht. Das Wort „Liebe" existierte nicht in ihrem Wortschatz. Es wurde durch Brutalität und Rücksichtslosigkeit ersetzt.

Endlich, als man den Gefangenen alles abgenommen hatte, bis auf den Löffel und das Kochgeschirr, durften die Männer in ihre Unterkunft, nach fünf langen Stunden.

Diese „Filzungen" wiederholten sich in regelmäßigen Abständen von Jahr zu Jahr immer wieder. Die Herren Sowjetoffiziere kamen dabei ständig auf ihre Kosten. Allerdings konnten sie keine deutschen Gegenstände mehr plündern, auf die sie so scharf waren, aber es machte ja auch nichts, denn man kostenlos russische Messer, Feuerzeuge und Rasierapparate bekam [sic]. Auf dem Bazar konnte man alles für Geld verkaufen.

Genau nach sechs Wochen hieß es dann plötzlich: ab morgen wird gearbeitet. Die Männer freuten sich über diese Nachricht, weil sie glaubten, daß jetzt die täglichen Appelle und Schikanen aufhören [würden].

## Oberstleutnant Rodin.

**[S. 72]** Am darauffolgenden Montag, als die Kolonnen vom Lager den ersten Marsch zur Arbeit antraten, fiel allen ein neues Gesicht unter den Offizieren auf, die hier diesen feierlichen Akt miterleben wollten. Wenn der Mann mit den zwei großen Sternen auf den breiten goldgelben Schulterstücken einen der Offiziere ansprach, so standen sie still und legten bei jeder neuen Antwort die Hand zum Gruß an die Mütze. „Scheint ein großer Mann zu sein. Ich meine mit dem Geist, denn sein Gesicht ist sehr primitiv," meinte Rodler.

Als alle Gefangenen das Lager verlassen hatten, ging Kostenko auf den Unbekannten zu und meldete, in strammer Haltung vor ihm stehend:

„Genosse Oberstleutnant, melde, daß die Lagerbelegschaft zur Arbeit ausgerückt ist." „Schon gut," erwiderte Oberstleutnant Rodin, „nur haben sie hier einen fürchterlichen Sauhaufen. Warum gehen die Gefangenen nicht im Gleichschritt und mit Gesang? Ich stehe hier schon eine gute halbe Stunde und keinem der Brigadiere fiel es ein, seine Brigade im Achtungsmarsch vorbeimarschieren zu lassen. Ab morgen wird das anders, sonst jage ich sie im Laufschritt durch die Wachtore [?]. Eine Schweinerei, sowas!" Rodin fuhr wutschnaubend durch das Lager [?]. Die Türen hinter sich zuknallend, die Mütze tief in die Stirne gedrückt, den Mantel weit geöffnet, stand er da, als ob er auf etwas wartete [?]. Rodler erblickte ihn:

„La-a-ger, Achtung!" brüllte er über den Hof und lief auf den Fremden zu [?]. „Das Lager, belegt mit 1294 Mann, in Ordnung. Besondere Vorkommnisse keine," meldete Rodler, wie er es bei der deutschen Wehrmacht gelernt hatte.

**[S. 73]** „Ob es in Ordnung ist oder nicht, das werde ich gleich feststellen. Wer sind Sie?" erkundigte sich Rodin und begann seinen Gang durch's Lager.

„Der Kommandant, Herr Oberstleutnant."

„Und der da?"

„Mein Dolmetscher, Herr Oberstleutnant."

Während der Lagerbesichtigung tadelte Rodin alles, was ihm in die Quere kam. Hier fand er einen Mantel nicht sauber genug zusammengelegt, dort waren die Pritschen nicht richtig gefegt, an einer anderen Stelle lag Stroh, nicht ein Ziegelstein [?]. Nichts gefiel ihm. Bissig wurde er aber erst, als einige besonders Schwache sich bei seinem Erscheinen nicht erhoben.

„Das nennt ihr Ordnung? Das soll Disziplin heißen? Ihr seid Soldaten! Solange ihr bei uns seid, werdet ihr auch Soldaten bleiben und als solche habt ihr euch zu benehmen. Eure Offiziere habt ihr gegrüßt und zwar noch ganz zackig. So geht das bei den Leuten [?], daß jeder sowjetische Offizier und Soldat im Lager zu grüßen ist. Der Torposten hat „Achtung" zu rufen, wenn einer das Lager betritt. Jede Nachlässigkeit werde ich mit Karzer bestrafen. Sollte das nicht helfen, so lasse ich dem gesamten Lager die Verpflegung kürzen. Verstanden? Ich werde euch zeigen, was bei uns Ordnung heißt." Dann verließ er mürrisch das Lager.

„Du, mit dem Kerl erleben wir böse Tage," sagte Siebert zu Rodler. In der Tat, Oberstleutnant Rodin war als gefürchteter Lagerkommandant bekannt. Seit 1944 hatte er in Saporosje, im Lager 7100, ein strenges Regiment geführt. Jetzt war er von der Kriegsgefangenenverwaltung hier nach Skorochodowo, in das Lager 7136 geschickt worden, um hier dieselbe Ordnung einzuführen. Mit ihm zusammen hatte man auch seine **[S. 74]** Frau, Kapitän Katja Romanowa in die Gegend von Poltawa geschickt. Sie war als Ärztin in vielen Kriegsgefangenenlagern gewesen und zeichnete sich durch ihr vernünftiges Handeln ganz besonders aus. Ihren Dienst nahm sie wirklich ernst. Mancher Gefangener verdankt dieser energischen Frau sein Leben. Von morgens bis abends sah sie im Lager nach dem Rechten. Sie gab sich sogar die Mühe, in andere Lager zu fahren und den Gesundheits- und Reinlichkeitszustand der Gefangenen zu prüfen. Durch ihre Milde und Güte war sie schnell bei allen Gefangenen sehr beliebt geworden und war auf ihren Beinamen „der Engel von Poltawa" äußerst stolz.

Leider machten die Offiziere, ganz besonders ihr Mann, dieser Frau die Arbeit zur Hölle. Daß sie sich für das Wohl der Gefangenen einsetzte, entging diesen Menschen keineswegs. Ihr Bestreben war es, die Deutschen zu erniedrigen, während diese Frau das Gegenteil [wollte] [?]. Oft prallte sie mit den Männern zusammen. [Mit allen Mitteln [?] ... — Textstelle teilweise verdeckt, sinngemäß:] Angst schien diese Frau nicht zu kennen. Mit sichtlichem [?] Respekt verschaffte sie sich den nötigen Respekt [?]:

„Genosse Leutnant, wenn ich anordne, daß der Mann Bettruhe bekommt, dann bekommt er sie. Wie stehen Sie eigentlich da? Erweisen Sie mir Achtung, denn ich bin eine Frau. Wenn ich Ihnen fremd bin, so sind Sie immer noch gezwungen meiner Uniform die Ehre zu geben." Ähnliche Auseinandersetzungen waren in der ersten Zeit fast tägliche Erscheinungen.

Rodin begann nun eine umfangreiche Bautätigkeit [?] im Lager zu entfalten. Abends, wenn die Männer nach achtstündiger schwerer Arbeitszeit ins Lager kamen, **[S. 75]** stand er bereits am Tor und setzte die Brigaden zur Arbeit ein. Klar, hatten diese Anordnungen auch ihre guten Seiten, aber die Art und Weise, wie man daran ging, das Lager zu verbessern, war dermaßen übertrieben und unmenschlich, daß man oft an einem Durchhalten der Männer zweifelte, mußten sie jetzt doch täglich 12—13 Stunden arbeiten. Die Männer siechten zusehends dahin.

Was die Männer besonders verwirrte, war die Tatsache, daß keine einheitlichen Befehle und Anweisungen gegeben wurden. Kaum war ein Offizier gegangen, schon kam ein anderer und gab seine neuen Anordnungen, die sofort auszuführen waren.

In der einen Halle war ein Lagerlazarett einzurichten. Romanowa hatte ihre Pläne Rodler übergeben und überwachte selbst die Ausführung derselben. Die Wände standen bereits alle. Da erschien eines Tages spät abends ihr Mann und ordnete an, das ganze Mauerwerk niederzureißen und es in derselben Nacht nach seinen Plänen aufzuziehen [?]. Den Sinn dieses Befehles konnte keiner begreifen, aber er mußte ausgeführt werden. 70 Mann schufteten pausenlos die ganze Nacht. Am Morgen standen die Mauern wieder. Ob die Männer müde [waren] oder haben sie Hunger [?]. Solange der Mann auf den Beinen war, mußte er arbeiten. Rodin fragte nicht danach [?]. Rodin kannte nur das eine Wort „Norm" bei der Arbeit. Daß der Mensch auch eine Norm im Essen und in der Ruhe haben mußte, schien für ihn fremd zu sein.

Als seine Frau ins Lager kam, um die Arbeit am Lazarett zu besichtigen, fand sie ein vollkommen verändertes Bild vor, an dessen Vollendung [?] jetzt noch fieberhaft gearbeitet wurde. Ihr sonst so schönes Gesicht **[S. 76]** verzog sich und färbte sich dunkelrot:

„Wer hat diese Veränderung befohlen?" herrschte sie Siebert an.

„Der Herr Oberstleutnant," antwortete dieser leise, denn im selben Augenblick erschien Rodin in der Tür.

„Iwan Petrowitsch, wie oft habe ich dir schon gesagt, daß du dich nicht in meine Angelegenheiten zu mischen hast? Was du mit deinen Offizieren machst, ist mir Piep und Schnuppe, ich aber tue, was ich für richtig halte. Ich werde mich morgen bei Oberstleutnant Sudakow [?] beschweren. Das kannst du mir glauben. Ich werde dir zeigen, wie man die Anordnungen der Hauptverwaltung ausführt!" Bei diesen Worten hatte sie ihren Oberkörper aufgerichtet und ihren Kopf trotzig zurückgeworfen.

„Mäßige dich, Katja. Du kannst dich beschweren, so viel du willst. Hier bin ich Natschalnik und sonst kein anderer. Es ist sinnlos, wenn du dich bei ihm über mich beklagst. Ich handle in seinem Sinne, worauf du dich verlassen kannst," erklärte Rodin.

„Das stimmt nicht. Er betonte bei der letzten Besprechung ausdrücklich, daß wir uns um das Wohl der Gefangenen zu kümmern haben," erwiderte Kapitän Katja.

„Du hast recht, er betonte es, als ihr noch alle anwesend ward. Nachher erteilte er uns aber Sonderanweisungen, die nur für die Lagernatschalniks bestimmt waren. Die Faschisten sollen von einer geordneten Lagerhaltung [?] genug haben [?]. Wenn du mir noch Schwierigkeiten machst, werde ich mit Major Kartschagin darüber sprechen." Seine Frau zuckte zusammen, als sie den Namen **[S. 77]** des Narbigen hörte. Die beiden hatte es durchaus nicht gestört, daß Siebert in ihrer Nähe stand und jedes Wort mithörte. Katja ließ ihren Mann stehen und ging gestrafften [?] Schrittes zur Wache. Rodin aber grinste vor sich hin.

„Siehst du, Siebert, so sind unsere Frauen. Das nennen wir Gleichberechtigung der Frau. Sie reden überall mit. Aber das sollen sie ruhig tun; wir Männer wissen ja doch, was [wir] zu tun haben. Sage Rodler, er soll das Lazarett bis heute Abend fertigmachen lassen."

Es schien auch weiter nichts passiert zu sein, nur gegen zehn Uhr abends mußten Siebert und Rodler zur Wache kommen, wo sie den Befehl erhielten, aus dem Schuppen ein Eisenbett zu holen und selbiges in die Wohnung Rodins zu schaffen. Das Zimmer, in dem die zwei wohnten, enthielt ein großes Ehebett, in dem er bereits lag, als die beiden Gefangenen eintraten. Katja stand am Fenster und starrte in die Finsternis. Das Bett wurde an die Wand gestellt und Katja machte es sich eiligst fertig, denn nach dem vorangegangenen Streit war sie scheinbar nicht gewillt, mit ihrem Gatten das Bett zu teilen.

„Ludwig, passiert bei den beiden diese Katzbalgerei oft?" fragte Siebert.

„Fast jeden Tag liegen sie sich wegen Lagerangelegenheiten in den Haaren. Gestern stritten sie sich mit der Küche wegen der schlechten Verpflegung [?]. Sie beschuldigte ihn, er würde mit seinen Kollegen zu viel von der Verpflegung verzehren [?]. Er wiederum meinte, sie solle das Küchenpersonal sorgfältiger aussuchen und die Zubereitung der Speisen besser überwachen. Es ging hoch her. Ein tolles Leben führen die zwei, nur zu begreifen [ist es] [?], daß man mit ihrer Ehrlichkeit in so einer Gesellschaft nicht durch- **[S. 78]** kommt; man kann Aufrichtigkeit einfach nicht gebrauchen und damit basta. Ich fürchte, wir werden den „Engel" nicht lange hier haben. Im Gegensatz zu seiner Frau hat der „Alte" ein Brett vor dem Schädel."

Tatsächlich, Katja hatte das Vergnügen nur einige Tage nach dem Streit mit ihrem Manne im Lager zu sein, denn plötzlich war sie nach Poltawa versetzt worden, wo sie mit den Gefangenen nicht in Verbindung kam. Nur von Zeit zu Zeit tauchte sie auf, wenn sie ihre stillen Inspektionsreisen durch die fünfzehn Lagerabteilungen des Lagers 7136 machte.

Rodin blieb noch mehrere Wochen, bis es ihm durch rücksichtslosen Einsatz der Gefangenen gelungen war, das äußere Bild des Lagers grundlegend zu verändern. Tag und Nacht raste er durchs Lager, als könnte er sich beim Ausbau dieses Kriegsgefangenenlagers die Sporen verdienen. Wie ein richtiger Feldherr kam er sich vor. Die Belegschaft hatte er in Bataillone, Züge und Gruppen eingeteilt, Vorgesetzte ernannt, ganz wie in der deutschen Wehrmacht. Diese Männer trugen alle weiße Armbinden, auf die der Anfangsbuchstabe ihres „Dienstgrades" aufgenäht war. Es machte ihm wahre Freude, wenn er die Meldungen von den allabendlichen Zählappellen von den Kompanieführern entgegennehmen konnte. Zu dieser Stunde strahlte er übers ganze Gesicht. Die Gefangenen nannten Rodin „Unser Napoleon". Als er seine Mission in Skorochodowo erfüllt hatte, wurde er ebenfalls nach Poltawa versetzt und Kostenko übernahm wieder das Amt des Natschalniks. Allmählich kam die Ruhe ins Lager, denn Kostenko war kein so guter Bauherr wie sein Vorgänger. Ihm lagen die Begriffe „Norma" und „Rabota" in den Gliedern. Seine Gespräche drehten sich um diese Dinge.

## Kostenkos unbeschränkte Herrschaft.

**[S. 79]** Die Kriegsgefangenen in Skorochodowo, wie auch in den übrigen Lagerabteilungen hatten die schwierige Aufgabe, die durch den Krieg zerstörten Betriebe in der Sowjetunion wieder aufzubauen. Abgesehen von Deutschland, hatte Rußland die größten Kriegsschäden aufzuweisen. Ganze Gebiete waren dem Erdboden gleichgemacht worden. Ein großer Teil kam auf das Konto der Roten Armee, der andere Teil war von den deutschen Truppen auf ihrem Rückzug 1943—44 zerstört worden. Beide hatten bei der Zerstörung nichts geschont, soweit es der Krieg forderte.

Die Zucker- und Schnapsfabrik in Skorochodowo, die einst dem Gutsbesitzer Skorochodow gehörte, war von den sowjetischen Truppen [1941] zerstört worden. Die Offiziere behaupteten natürlich, daß sie von den faschistischen Okkupanten gesprengt worden sei und beauftragten die 1300 Gefangenen mit der Aufgabe, diese wieder aufzubauen.

Die Lagerverwaltung hatte mit der Fabrikleitung einen Vertrag abgeschlossen, der besagte, daß die Lagerverwaltung die nötigen Arbeitskräfte zu stellen habe.

Die Fabrikleitung übernahm die Unterbringung der Gefangenen, die Bezahlung der geleisteten Arbeit gemäß den Normen und entsprechend den amtlichen Lohntarifen. Bei dieser Abmachung verdiente die Lagerleitung riesige Gelder, die weit mehr ausmachten, als der Unterhalt der Gefangenen kostete. Man erklärte den Gefangenen, daß der Überschuß des Geldes auf das per- **[S. 80]** sönliche Girokonto des Verdieners käme und bei einer eventuellen Entlassung in die Heimat sollte es ihm ausgehändigt werden. Dieses Versprechen, wie auch viele andere, wurde aber nicht eingehalten. Nach Jahren griff man zu einer anderen Erklärung: der Verdienst [?] des von den Kriegsgefangenen verdienten Geldes wird Deutschland als Reparationen angerechnet. Ob dieses je geschieht?—Würden die Sowjets dieses Versprechen einhalten, so hätte Deutschland viele Millionen Rubel weniger zu zahlen und die Arbeit Hunderttausender Kriegsgefangener wäre nicht ganz umsonst gewesen.

Die sowjetische Lagerführung sah in der Arbeit der Gefangenen eine sichere Einnahmequelle für den Staat und nicht zuletzt für ihre eigene Tasche.

Und selbst dann [?] war jedes Mittel recht. Zum Beispiel begann man eines Tages Leute im Lager zurückzubehalten. Nach einigen Tagen waren bereits ungefähr hundert Mann im Lager. Diese Lücke fiel im Werk natürlich auf und man erkundigte sich bei der Lagerleitung nach dem Verbleib dieser Arbeitskräfte. Kostenko und der Arbeitsinspekteur Twerdochleb hatten ausweichende Antworten, bis man von der Fabrikdirektion [?] merkte, was die „Herren" eigentlich begehrten. Der Direktor drückte ihnen ein anständiges Sümmchen Bestechungsgelder in die Hände und die Männer marschierten zur selben Stunde ins Werkgelände. So machte es Kostenko von Zeit zu Zeit wieder—so oft er Geld brauchte. Ferner kam er auf die Idee, die Leute zu verleihen [?]. Das angrenzende Gut hatte früher die Zuckerfabrik mit dem nötigen Rohstoff versorgt. Da die Fabrik völlig zerstört war, mußte man die Rüben von einer Fläche von 18000 ha (1 Hektar = 2.471 Acker) verladen und in andere Gegenden fahren. Dazu fehlten **[S. 81]** aber die nötigen Arbeitskräfte. Aus diesem Grunde wandte sich die Gutsverwaltung an Kostenko mit der Bitte, für diese Arbeit die Gefangenen bereitzustellen. Dieser überlegte nicht lange und sagte zu. Den Vertrag mit der Fabrik konnte er aber nicht lösen und daher mußten die vielen Tonnen Rüben nach der regulären Arbeitszeit verladen werden. Den Lohn dafür steckte Kostenko mit seinen Helfershelfern ein. Den ganzen Winter, Nacht für Nacht, arbeiteten am Bahnhof etwa 150 Gefangene bei strömendem Regen im Herbst, bei eisiger Kälte und grimmigem Schneegestöber im Winter und bei knietiefem Schlamm im Frühling bis zur völligen Ermattung. Und trotzdem lagen noch einige Tausend Tonnen Rüben auf dem Bahnhofsgelände unter freiem Himmel, als die Sonne im Frühling die mehrere Meter hohen Mieten ihrer einzigen schützenden Hülle, der Schneedecke, beraubte. Zusammen mit dem Schneewasser floß nun eine braune, stinkende Jauche durchs Lager. Man glaubte sich in der Nähe einer Schnapsbrennerei zu befinden: die Rüben waren aufgetaut und lösten sich in ihre Bestandteile auf. Als es allmählich trocken wurde, war auch der Rübenberg trocken, vor dem immer noch einige Frauen mit einem langen Karabiner Wache standen, damit ja kein Zivilist sich ein paar Rüben holte, um seinen und seiner Familie Hunger zu stillen!

Von dieser zufälligen Arbeit der Gefangenen erfuhr keiner etwas. Kostenko meldete an seine Vorgesetzten in Poltawa, daß in seinem Lager der achtstündige Arbeitstag genauestens eingehalten wurde und vier Ruhetage im Monat den Gefangenen garantiert seien, obwohl diese von Mai 1945 bis Juli 1946 keinen einzigen Sonntag oder Ruhetag gehabt hatten. Selbst Weih-

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…nachten 1945, als die gesamte Lagerbelegschaft um den Christbaum versammelt war, kam der diensthabende Offizier und rief hundert Mann zum Rübenverladen. Die Gefangenen hatten gehofft, wenigstens an diesem heiligen Feste Ruhe zu haben, wenn auch schon nicht am Tage, doch zumindest in der Nacht. Aber nichts von all dem.

Als die Männer nicht sofort gingen, kam eine Schar sowjetischer Soldaten mit Knüppeln ausgerüstet in die Unterkunft und schlug wahllos in die Masse, bis hundert Mann vor dem Lagertor angetreten waren.

„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen," klang es leise wie ein heißersehnter Wunsch aus den Brüsten unter den Mänteln hervor.

Die Geldgier Kostenkos machte vor nichts halt und schreckte vor keinem, auch noch so grausamen, Mittel zurück, sich die Taschen zu füllen.

Die Einrichtung einer Schuhmacherei und Schneiderei war angesichts der schlechten Kleidung und des abgerissenen Schuhzeugs zur dringenden Notwendigkeit geworden. Daher ordnete man von der Hauptverwaltung an, selbige einzurichten, damit die Sachen der Gefangenen ausgebessert werden konnten. Kostenko setzte fünf Schneider und eben so viele Schuhmacher an die Arbeit. Glaubten die Männer anfangs, daß sie jetzt wieder bessere Kleidung haben würden, so hatten sie sich jämmerlich getäuscht, denn diese Werkstätten mußten fast ausschließlich für sowjetische Offiziere und Zivilisten [arbeiten], von denen Kostenko Aufträge angenommen hatte. Der Erlös für diese Arbeiten floß ebenfalls, mit ganz wenigen Ausnahmen, ihm in die Tasche.

Was für ihn ganz besonders ergiebig war, war eine Faßbinderei. Zwei ausgezeichnete Böttcher leisteten hier förmlich Zauberarbeit. Jeden Tag rollten zwei feste

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Eichenfässer zur Wache, die vom Natschalnik für 150 Rbl pro Faß verkauft wurden. Er verdiente also an jedem Faß 150 Rubel, denn das Holz ließ er jede Nacht im nahen Walde stehlen und für die Arbeit zahlte er sowieso keinen Heller.

Sämtliche Handwerker: Uhrmacher und Feinmechaniker u. a. wurden aus dem Arbeitsprozeß der Fabrik herausgezogen und arbeiteten im Lager für Kostenko. Wenn er auch für sonst nichts Interesse und Zeit hatte, zur Antreibung dieser Leute fand er genügend Zeit. „Norma, Norma! Dawai, erfüllt eure Norm oder es gibt nichts zu essen," war sein Morgen- und Abendgruß, wenn er, hier [?], mit rollenden Augen durch das Lager schritt. Und die Männer schufteten unermüdlich, denn sie hatten Hunger und Hunger tut weh.

Eines Tages rief er Siebert zu sich und erteilte ihm den Auftrag, aus dem Bekleidungsmagazin eine deutsche Überhose zu holen, sie waschen zu lassen und zur Schneiderei zu bringen, damit man ihm dort eine Stiefelhose für den Winter daraus anfertigte.

Siebert lief zum Schneidermeister Gregor und bestellte ihn zum Maßnehmen zum Kapitän.

„Morgen Mittag ist die Hose fertig," befahl Kostenko kurz und ging aus dem Amt [?].

Als Gregor und Siebert in der Werkstatt ankamen, stellte der Schneider fest, daß sie keinen Zwirn hatten. Zudem fehlte Papier für ein Modell. Diese Sachen konnte man unmöglich im Lager auftreiben und Siebert ging sofort den Kapitän suchen, damit er die raren Gegenstände besorgte. Leider war dieser verreist und Siebert wandte sich an Kostenkos Frau mit der Bitte, ihm behilflich zu sein.

Als er die Wohnung des Kapitäns betrat, sah

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ihn dessen Gattin ganz verblüfft an, als wollte sie fragen, was er als Gefangener in ihrer Wohnung zu suchen habe.

„Wenn mein Mann bei ihnen etwas bestellt hat, so soll er sich auch um die Beschaffung der Sachen kümmern. Ich gebe ihnen nichts. Gehen Sie!" barschte ihn Frau Kostenko an.

Unverrichteter Dinge mußte Siebert wieder ins Lager gehen. Die Hose konnte halt nicht gemacht werden. Punkt zwölf Uhr, so pünktlich war Kostenko nie, kam er am nächsten Tag ins Lager und ging geraden Weges zur Schneiderei. Siebert war zufällig dort und mußte ihm sofort Rede und Antwort stehen.

„Na, wo ist meine Hose?"

„Konnte nicht gemacht werden, Herr Kapitän, weil…" begann Siebert zu erklären.

„Was, nicht gemacht? Ich sagte ausdrücklich morgen Mittag."

„Herr Kapitän, wir hatten kein…" hub Siebert wieder zu sprechen an.

„Schweig, ihr wolltet die Hose nicht machen. Kommt mit zur Wache. Ich zeige euch, wie man für einen Natschalnik eine Hose macht!" Dann krachte die Tür ins Schloß. Siebert und Gregor folgten ihm zur Wache.

„Twerdowski, der Schneider Gregor wird mit fünf Tagen verschärften Arrest und Siebert mit drei Tagen verschärften Arrest bestraft. Sperren Sie die zwei sofort ein," befahl er dem wachhabenden Offizier.

Dieser griff nach dem Schlüsselbund und führte die beiden ab.

„Also doch eingesperrt, Ernst, für so eine lächerliche Angelegenheit. Im Grunde genommen, macht es

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mir Spaß. Wenn die Flöhe in dem Loch nicht zu aktiv sind, können wir uns vielleicht ausruhen. Haben die Ruhe auch schon längst verdient," sagte Siebert zu Gregor, der etwas Unverständliches in seinen pechschwarzen Bart brummte.

Der Offizier machte sich an der kleinen Eisentür zu schaffen. Als er diese geöffnet hatte, krochen die Bestraften hinein und setzten sich in die Ecke. Weder Gregor noch Siebert war je bestraft gewesen. Prüfenden Auges betrachteten sie die Wände.

Der Karzer lag mitten auf dem Lagerhof. Wenn man nicht genau hinsah, konnte man ihn überhaupt nicht erkennen, denn er war in die Erde eingelassen. Das Loch war 70 Zentimeter (ein cm — nicht ganz zwei Fünftel Zoll) breit, ebenso hoch und 200 cm lang. Kostenko brachte es fertig, in diesem Loch bis zu 15 Mann einzusperren. Wer nicht hinein konnte, wurde förmlich hineingetreten. Bei so einer Überbelegung hörte man nach einer Stunde die Bitten der Eingesperrten, man möchte sie hinauslassen. Auf solche Bitten hörte man in Sowjet-Rußland aber nicht. Schließlich schrien die Männer nach Luft. In solchen Fällen erstattete der deutsche Lagerkommandant sofort dem diensthabenden Sowjetoffizier Meldung.

„Nitschewo, denen wird die Puste schon nicht ausgehen," war in den meisten Fällen die lakonische Antwort. Allmählich wurde es ganz ruhig in dem finsteren, stinkigen Loch, nur ein leises und müdes Röcheln vernahm man im Vorbeigehen [?].

Die Lagerbelegschaft von Skorochodowo war mit wenigen Ausnahmen eine verschworene Gemeinschaft: saß jemand unverschuldeterweise im Loch, so konnte er mit der Hilfe der Kameraden rechnen. Er brauchte weder

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hungern noch zu frieren. Man versorgte ihn von außen auf illegalem Wege. Um diese Hilfe leichter an den Mann zu bringen, hatten die Plenny-Baumeister in der Decke eine Öffnung gelassen, durch die bei Einbruch der Dunkelheit die verschiedensten Sachen wanderten, angefangen von der nötigen Verpflegung und den wärmenden Decken und Mänteln und aufgehört mit Büchern und Schachbrettern. War aber einer drinnen, der es sich mit der Lagerbelegschaft verdorben hatte, so verlebte er dort böse Tage.

Es waren keine 45 Minuten seit der Einsperrung Gregors und Sieberts vergangen, als jemand von draußen an die Tür polterte. Man vernahm ganz deutlich das Rasseln des großen Karzerschlüssels. Ein heftiger Stiefelabsatz schlug die Tür auf und in ihrem Rahmen sah man die kürzlich aus Lippmanns Lederjacke hergestellten Stiefeln Kostenkos [?].

„He, Banditen, kommt raus!" rief er ins Loch. „Na, wie geht es euch da unten? Wollt ihr jetzt schon die Hose für mich machen?" fragte er grinsend, als Siebert und Gregor vor ihm standen.

„Es ist da unten so halbwegs erträglich, Herr ‚Kapitän'," antwortete Siebert, um diesem Sadisten nicht zu zeigen, wer ihm weh getan hatte, denn daran hätte er seine helle Freude gehabt. „Und die Hose machen wir heute genau so gerne wie gestern, wenn Sie uns nur Papier und Zwirn geben."

„Schon gut, kommt mit. Ich gebe euch das Zeug."

Auf der Wache gab er ihnen das Gewünschte und am nächsten Tage ging er stolz in seiner neuen Hose durchs Lager, die ihm später noch sehr viel Sorgen bereiten sollte.

Kostenko, der sich rühmte ein Kommunist erster

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Sorte zu sein, beutete die Gefangenen nicht nur erbarmungslos aus, trotz seiner vielen Erklärungen, daß in Sowjetrußland die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für alle Zeiten beseitigt sei, sondern er bestahl sie auch noch, wo es nur eben ging. Seine gesamte Verpflegung bezog er aus der Lagerküche [?]. Wenn es erst dunkel war, ging er zu Lang, der unter ihm den Küchenchef machte und suchte sich aus den Produkten der Kriegsgefangenen das beste aus. Dann packte Lang alles in einen Korb, tarnte die Lebensmittel mit einigen darübergelegten Holzscheiten und somit wanderten die gestohlenen Sachen in seine Wohnung. Aus der Lagerbäckerei bezog Kostenko monatlich im Durchschnitt für seine dreiköpfige Familie 165 Kilogramm Brot, (1 kg = 2,204 Pfund). Das fehlende Brot mußte der Bäcker dadurch ersetzen, daß er den Wassergehalt des Brotes erhöhte. Die Auswirkungen dieser umfangreichen Schieberei fielen ausschließlich auf die Gefangenen zurück, bis diesem Treiben ein jähes Ende bereitet wurde.

Ende Mai 1946 fuhr beim Lager plötzlich der MWD-Wagen der Hauptverwaltung von Poltawa vor. Zwei Offiziere gingen direkt in Kostenkos Wohnung und verhafteten ihn, den scheinbar unantastbaren Herrscher von Skorochodowo, auf der Stelle. Den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht wühlte man in dem Stab, in den Verpflegungslagern und zählte und wog die nicht gestohlenen [?] Sachen. Nachdem diese genaue Revision beendet und äußerst negativ für den „Towarischtsch Natschalnik" ausgefallen war, nahm man Kostenko die Offiziersschulterstücke von der Uniform, entfernte Orden und Offizierskoppel, um ihn nach Poltawa zu bringen. Hier landete er im Stadtgefängnis, das ohne ihn schon überbevölkert war. Zum größten Bedauern

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waren die meisten Insassen nach vernünftigen Begriffen keine Verbrecher wie Kostenko. Er mag wohl einer der wenigen unter den Gefängnisinsassen gewesen sein, der wirklich ein Verbrechen begangen hatte und vor die Schranken des Gerichts gehörte.

Die Gefangenen atmeten auf, als sie sahen, wie ihr Natschalnik abgeführt wurde. Endlich war dieser ihr Quälgeist beseitigt!

Kostenkos Frau schrie aus voller Kehle über den ganzen Hof. Keiner der Offiziere, die noch gestern ihrem Mann unterstellt waren, fand ein Wort des Trostes für die Frau. Umgekehrt, kaum war der Wagen verschwunden, als Oberleutnant Schewtschenko und Major Kartschagin mit einigen anderen Offizieren bei der weinenden Frau in die Wohnung eindrangen und ihr erklärten:

„Hier haben wir eine genaue Liste der Gegenstände, die dein Mann im Lager geklaut hat oder herstellen ließ. Er hat die Sachen selbst aufgenommen und darunter gezeichnet. Entsprechend dieser Liste beschlagnahmen wir alles. Du aber hast heute noch die Wohnung zu verlassen und zwar sofort!"

Die Frau brach zusammen, ohne ein Wort zu sagen. Die Offiziere [trugen] alle Gegenstände, die sie auf der Liste aufgeschrieben fanden und das war buchstäblich alles, was im Zimmer war, in die Mitte [?]. Auch die Stiefelhose des Kapitäns kam hier wieder zum Vorschein [?]. Als man alles gefunden hatte, war die Wohnung leer und Frau Kostenko flog mit einem Bündel und ihrem Kinde auf die Straße. Offiziere, die sie beobachtet hatten, erzählten, daß sie zu Fuß bis in die späte Nacht hinein nach Dnjepro-petrowsk [?] gegangen war.

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Viele der Offiziere hatten ein ziemlich schlechtes Gewissen und versuchten jetzt alles auf Kostenko abzuwälzen: alles, was im Lager verschwunden war, kam auf sein Konto. Der Anlaß zu seiner Verhaftung war folgender: Im Frühling kamen die übrigen Lagerabteilungen auf Befehl der Hauptverwaltung von Skorochodowo Kartoffeln abholen, denn angeblich sollten hier 90 Tonnen gelagert sein. Verwundert schaute der Kellerwart auf die vielen Empfangsberechtigungen und zeigte seinen Freunden die leeren Keller.

Wie sich jetzt herausstellte, hatte Kostenko den Auftrag und Geld erhalten, eine Menge Kartoffeln anzukaufen. Er meldete Vollzug der Anordnung, denn für einige Rubel hatte er sich die nötigen Belege über den Verbleib des Geldes besorgt. Das viele Geld wanderte wie schon so oft in seine bodenlose Tasche. Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wurde er zu acht Jahren Arbeits- und Erziehungslager verurteilt.

Die Affäre Kostenko war aber kein Sonderfall, denn mit Kostenko gingen noch acht Lagernatschalniks, an deren Spitze der Natschalnik der Hauptverwaltung marschierte. Dieser große Mann, dem 18000 Kriegsgefangene auf Gedeih und Verderb unterstellt waren, hatte nur eine Summe von 100,000 Rubeln unterschlagen.

Diese „Herren" waren sehr bald von ihren Kollegen vergessen, im Gedächtnis der Gefangenen hafteten sie jedoch noch sehr lange, denn immer wieder sprach man von jenen Tagen, als es statt der Kartoffelsuppe nur noch Brennesselsuppe gab. Wieviele Gefangene erhielten damals wegen Unterernährung Gebrechen, die sie in ihrem Leben nie wieder loswerden können.

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## MWD-Spitzel.

Als Siebert noch freier Sowjetbürger war, hatte er nie so gut beobachten können, wie man die vielen Millionen Menschen in dem weiten Rußland eigentlich in Schach hält. Allerdings hatte er einen kleinen Vorschmack in der Roten Armee bekommen, aber was er hier sah und erlebte, übertraf das Vorherige bei weitem. Mit nie dagewesener Willkür wütete Kartschagin. Selten brachen die Vernehmungen ab. Von morgens bis in die späte Nacht holte man die Männer aus dem Schlaf und trieb sie in die Verzweiflung, indem man ihnen die un[zähligen] „Verbrechen" zur Last legte [?].

Kartschagin hatte sich ein ganzes Heer von Spitzeln angeworben, die regelmäßig bei ihm vorsprachen und Bericht erstatteten [?]. Vor diesem Auswurf von Menschen war niemand im Lager sicher. Die Spitzel wurden sorgfältig ausgesucht und geprüft.

In jedem Volke gibt es eine Kategorie von Menschen, die sich besonders durch Brutalität, Gewissenlosigkeit und andere minderwertige Charakterzüge auszeichnet [?]. Man erkennt sie leicht auf den ersten Blick. Ihre Augen sind stets düster, das Lachen gekünstelt. Diese Menschen sind vom Gewissen so stark belastet, daß sie es kaum wagen, einem ehrlichen Menschen in die Augen zu sehen. Dünne, farblose Lippen verschließen hermetisch den Mund und die flache Stirne verrät nicht allzuviel an Weisheit, [sondern] eine Niederträchtigkeit, Gemeinheit und Dummheit, die ihnen selbst, zuerst aber vielen anderen, zum Verhängnis wird.

Diese Verbrecher [im Original: „Verbrechering" (sic?)] ließ man auf die Gefange-

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nen los. Wollte die Sache mit ihnen nicht so richtig klappen, dann verabreichte man ihnen ein Kochgeschirr voll Brennesselsuppe oder ein klebriges Stück Schwarzbrot und die Verleumdungen liefen wieder wie am laufenden Bande bei Kartschagin ein.

Siebert hatte nie geglaubt, daß es deutsche Menschen geben würde, die sich für einen Judasdienst hergeben könnten. Doch leider gab es auch das! Leider!

Zu seinem großen Glück lernte er das MWD-Leiterrat [? — evtl. „den MWD-Spitzelapparat"] sehr bald persönlich kennen. Hierzu verhalf ihm die Dolmetscherin Sacharowa, die an Stelle der früheren Dolmetscherin Bloch eingesetzt wurde. Sacharowa sprach wohl etwas deutsch, aber lange nicht genug, um schriftliche Arbeiten zu übersetzen. Um ihren gutbezahlten Posten zu behalten, mußte sie ihr Unwissen verbergen. Das konnte sie aber nur mit Sieberts Hilfe, denn er allein war im Lager in der Lage, die Schriftstücke zu übersetzen.

Es war schon ziemlich spät, als sie ihn eines Abends zu sich rief und ihm einige Blätter vorlegte:

„Können Sie mir das hier übersetzen? Die Schrift ist schrecklich unleserlich. Ich möchte niemand etwas [davon] sagen. Können Sie schweigen?"

„Na, wollen einmal sehen, was Sie da haben, vielleicht geht's. Damit Sie ruhig sind: ich schweige wie ein Grab," gab Siebert kurz entschlossen zur Antwort. Mit diesem Einverständnis galt es, zwei Fliegen mit einem Hiebe zu treffen. Erstens hatte er gegen diese gefährliche Frau einen starken Trumpf in der Hand, mit dem er sie im Notfalle immer mundtot machen konnte. Sie konnte gegen ihn nichts unternehmen, denn in so einem Falle mußte sie ja damit rechnen, daß er das Geheimnis über seinen Zutritt [?] zu den Geheimdokumenten

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des MWD preisgeben könnte. Das würde man ihr als ein schweres Verbrechen anschreiben, denn Siebert war ja ein Feind der Sowjetunion und noch schlimmer war sein Verhältnis zum MWD.

Zweitens hatte er dadurch die beste Gelegenheit, alles, was in diesem Häuschen geschah, zu erfahren. Das war nicht nur für ihn persönlich äußerst wichtig, sondern auch für die vielen Kameraden, denen er so gerne helfen wollte.

Schweigend begann er die vor ihm liegenden Schriftstücke zu lesen. Es waren Meldungen der einzelnen Spitzel und ihre Verpflichtungen für das MWD zu arbeiten. In den Meldungen schrieben diese Seelenverkäufer, wie sie in der Gefangenschaft genannt wurden, in zynischen [?] Zeilen über einzelne Personen die fürchterlichsten Märchen. Unter den Meldungen standen nicht die Unterschriften der Spitzel, sondern nur ihre Decknamen. Feige waren sie, ja zu feige um ihre eigenen Meldungen zu unterzeichnen. Diese enthielten fast nie die Wahrheit, denn diese Schurken erhielten den Auftrag, eine betreffende Person zu bespitzeln, was sie [ohne] weiteres [taten], als [auch] zu den übelsten Verleumdungen zu greifen, um nicht beim MWD-Offizier in Ungnade zu fallen. [Lesung dieses Satzes unsicher]

Einer der schlimmsten Spitzel war der Ostpreuße Fritz Roll. Roll hatte zu Hause eine große Familie, die er sich [sic] mühsam durchs Leben geschlagen hatte. 1934 kam er zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und brachte es bis zum Zellenleiter. Als er in die sowjetische Gefangenschaft kam [?], bekam er es mit der Angst zu tun, denn er hatte sich oft an Judenverfolgungen und an Aufmärschen [beteiligt] [?]. Viel zu schaffen hatte er [auch] mit der polnischen Bevölkerung gemacht [Lesung unsicher].

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Die Polen waren ja keine Arier und Roll war es zu der Zeit vom Scheitel bis zur Sohle. Das war es, was er [damals] glaubte.— Jetzt war er plötzlich Mitglied der MWD geworden [im Original: „gewesen" (?)] und als solcher gab er vor, den Nazismus von jeher gehaßt zu haben. Er war einer der ersten Spitzel im Lager. Kaum ein anderer der zahlreichen Verleumder hat so viel Menschenleben auf seinem Gewissen wie Roll.

Siebert vertiefte sich in ein Schriftstück mit folgendem Inhalt:

> Meldung
> an den MWD-Major
> Herrn Kartschagin.
>
> Über den Kriegsgefangenen Heinrich Waldmüller konnte ich erfahren, daß er in der Zeit von 1941 (August) bis 1942 im Donezbecken in der Nähe von Krasnodon zur Partisanenbekämpfung eingesetzt war und daß er in dieser Zeit 18 Partisanen — wehrlose Männer und Frauen — eigenhändig erschossen hat. Eine Frau hat er persönlich erhängt [?]. Waldmüller ist Faschist.
>
> Unterschrift: „Masuren."

Ohne Datum, ohne Beweise, ohne jegliche Zeugen klagten diese kargen Worte einen Menschen an. Wer hatte es gesehen, daß Waldmüller diese Verbrechen begangen hatte? Es genügte aber, daß diese Meldung vorlag, um Waldmüller von der Liste der Lebenden zu streichen. Noch lebte er, ja er ahnte nicht, daß man ihn zum Verbrecher gemacht hatte. Man würde ihm das nie als solches melden. Nein, eines Tages, wenn man ihn Wochen lang im Karzer gequält und gefoltert hat, [wird er] aus dem Lager verschwinden und als zum Tode Verurteilter [?] nach Sibirien in die entfernten Schweigelager verschickt werden. Nie wird ein Mensch etwas berichten können, was aus

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diesem Menschen wurde.

Beim Lesen dieses Zettels blieb Siebert fast die Luft weg. Wer war der Verfasser der Meldung? „Masuren"?— Aha, es ist ein Gebiet in Ostpreußen. Wohnte in dieser Gegend nicht Roll? Doch, er stammte aus Westmasuren [?]. Es konnte nur das Werk dieses Schurken sein. Die übrigen Schriftstücke waren belangloser Art: Der Kriegsgefangene Herbert Räther gehörte der N.S.D.A.P. [an], Fritz Andlinger, Oberwachtmeister der Flak, war Mitglied der SA u. s. w. Siebert wurde beim Übersetzen der Meldungen bald heiß bald kalt. Endlich war er fertig.

„Darf ich jetzt gehen, Frau Dolmetscherin?" fragte er, sich den Schweiß von der Stirne wischend.

„Gehen Sie, aber halten Sie ja den Mund. Vor allen Dingen werden Sie für mich die Übersetzung machen. Sie [wissen] für mich die Übersetzung zu machen. Ich werde diese sofort umschreiben, damit es mit meiner Hand geschrieben ist" [Lesung dieses Satzes unsicher]. Und schon war Siebert gegangen.

Schweigen? Nein, unter keinen Umständen, denn diesen Männern drohte Gefahr, höchste Gefahr. Wenn er ihnen auch nicht helfen konnte, so wollte er sie doch wenigstens vor dem Unglück warnen.

Noch am selben Abend begab er sich zu Waldmüller, der als Bäcker in der Lagerbäckerei tätig war. Sie trafen sich in einem finsteren Winkel und Siebert erzählte ihm, was er erfahren hatte. Gelassen hörte Waldmüller zu. Als Siebert geendigt hatte, sagte der Betroffene:

„Hör, Heinz, ich will dir erzählen, was geschehen ist. 1939 wurde ich zum Militär gezogen und diente während der ganzen Zeit in einer Bäckereikompanie. Bis Ende 1941 lagen wir an der Westküste Frankreichs. Anfang 1942 kamen wir nach Rußland zum Nordabschnitt. Wäh-

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rend des Ostfeldzuges habe ich keinen einzigen Schuß abgegeben, geschweige denn an einer Partisanenbekämpfung teilgenommen. Nur Brot gebacken habe ich im Kriege. Was nun die Zugehörigkeit zur NSDAP betrifft, so kann ich nur sagen, daß ich aus Bayern komme und einer streng katholischen Familie entstamme. NSDAP und Katholizismus vertragen sich schlecht.

Soweit ich mich an die Wehrmachtsberichte erinnern kann, waren unsere Truppen im Juli noch garnicht bei Krasnodon, sondern kämpften sie [erst] am Dnjepr. Wie soll ich denn dort gewesen sein? Zweitens lag ich ja zur angegebenen Zeit in Frankreich. Heinz, es ist eine üble Verleumdung. Ich werde dir auch gleich sagen, woher sie kommt und wieso sie erdacht wurde.

Seitdem ich im Lager bin, arbeite ich als Bäcker. Mit mir zusammen arbeitete Fritz Roll. Kennst ihn doch? Einer von uns beiden sollte die Bäckerei verlassen. Da er von Beruf Maurer ist und ich gelernter Bäcker, ließ man ihn gehen. Ich blieb. Gestern kam er zu mir und verlangte [von mir], ich sollte ihm meinen Platz abgeben, denn er habe zu Hause Frau und acht Kinder. Er müsse, so oder anders, gesund nach Hause kommen [?]. Draußen bei der Arbeit ginge er kaputt und das könne er sich nicht leisten. Ich schlug es natürlich ab, denn warum glaubt er eher ein Recht am Leben bleiben zu [haben] [?], denn warum [unleserlich — Lesung des Satzendes unsicher]. Als er ging, sagte er mir vor allen anderen glattweg ins Gesicht:

„Na, warte, du wirst mich kennen lernen, brauner Nazi. Ich werde dir zeigen, wer in der Bäckerei bleibt. Wundere dich nicht wenn du plötzlich im Karzer bist."

Das war alles, was mir Roll sagte. Ich sah es als eine feige Drohung an, doch ich war mir zu dessen [sic]

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bewußt, daß ich nichts verbrochen hatte. Siehst du, jetzt hat er Wort gehalten. Ich bin verkauft. Meinst du, daß man der Verleumdung Glauben schenkt? — Die sind doch nicht bekloppt, das kann nur gut gehen!"—

„Heinrich, was du tun kannst, ist herzlich wenig. Du kannst nicht einmal das Gegenteil von dem Schwindel beweisen. Man wird dir Roll nicht gegenüberstellen. Er hat es mit „Masuren" unterschrieben und nun suche [dir] diesen Mann, der nie existiert hat [?]. Wann reicht der Arm der Gerechtigkeit nur in dieses weite Land, wo ein Unrecht das andere jagt? Wenn man dich vernimmt, Heinrich, so bleibe stark. Gib nie zu, daß du so etwas getan hast. Sobald du das tust, hast du diese Welt verloren. Möge Gott dir helfen. Du glaubst doch an Gott?"

„O ja! Er wird mir helfen. Ich danke dir für die Benachrichtigung. Hoffentlich kann ich heute noch schlafen."

Nach diesen Worten verabschiedeten sich die zwei.

Am nächsten Morgen saß Waldmüller im Karzer und Roll war Bäcker geworden. Die Untersuchungshaft, wenn man diese Haft als solche bezeichnen kann, dauerte bei ihm etliche Wochen. Von Waldmüller waren nur noch Haut und Knochen übriggeblieben. Sein Gesicht wies viele blaue Flecken auf: man hatte ihn arg zerschlagen. Als Siebert gelegentlich am Karzer vorbei mußte, fragte er ihn:

„Heinrich, hast du etwas gestanden?"

„Nein, nie! Ich habe nichts verbrochen, daher auch nichts zu gestehen," antwortete eine schwache Stimme aus dem finsteren Loch. Siebert ging weiter, denn es durfte nicht auffallen, daß er mit einem „Kriegsverbrecher" sprach.

Nach einigen Tagen war Waldmüller aus dem

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Lager verschwunden. Trotz alledem hatte man ihn zu 25 Jahren Zwangslagerarbeit verurteilt. Wo war in dieser Zeit die vielgepriesene sowjetische Justizia?

Einige Tage nach der Verurteilung Waldmüllers klopfte es wieder einmal an Sieberts Tür, als das ganze Lager schon längst zur Ruhe gegangen war.

„Heinz, sofort zur Dolmetscherin," rief der Laufbursche vom MWD. Müde rieb er sich die Augen wach. Jetzt noch zu ihr? Es ist doch schon nach Mitternacht. Wann hat denn diese Frau die Güte, ihn in Ruhe zu lassen. Trotzdem stand er auf und ging zu ihr.

„Da sind Sie ja," sagte Sacharowa erleichtert.

„Ich habe hier einige Sachen, die ich beim besten Willen nicht lesen kann. Helfen Sie mir, bitte."

Ohne ein Wort zu sagen, [setzte er sich an den] Tisch und begann zu übersetzen. Doch hatte er richtig gesehen? Das war doch sein Name?

—Der Gefangene Heinz Siebert hat bei der Ausfüllung des Fragebogens einen falschen Dienstgrad angegeben. Er war bei der Wehrmacht nicht Gefreiter, sondern Hauptmann.— Unterschrift: von Lütje.

Welch eine Frechheit! Hier hatte der Seelenverkäufer „Lütje" einfach ins Blaue gegriffen und etwas zusammengelogen. „Lütje"? Kann nur ein Hamburger sein, der hier seines schmutzigen Amtes waltet. Lankow, der Vorsitzende des Komitees „Freies Deutschland" mußte hinter dieser Meldung stehen. Mit Lankow verkehrte Siebert täglich. Er schrieb für ihn die Beratungsartikel [? — evtl. „Vortragsartikel"], beriet ihn in seinen Referaten u. s. w., denn Lankow selbst war nicht in der Lage dazu. Es fehlten ihm einfach die nötigen Kenntnisse.

Als Siebert mit der Übersetzung fertig war, wandte er sich an Sacharowa:

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„Was halten Sie davon, Frau Dolmetscherin?"

„T-ja, wir werden die Sache überprüfen. Der Melder wird es ja wissen. Oder meinen Sie, daß Sie die Wahrheit angegeben haben?" sagte die Frau, als sie das Blatt durchgelesen hatte.

„Jetzt machen Sie mir bloß keine unnötigen Schwierigkeiten. Sie werden doch so gut sein und den Major veranlassen, mich in dieser Angelegenheit zu vernehmen. Ich habe Zeugen, die mich noch als Gefreiten kennen. Falls Sie mir nicht helfen, wende ich mich selbst an den Major, dann muß ich ihm aber sagen, woher ich von der Meldung weiß. Das wollen Sie doch nicht?"

Siebert wußte, daß diese Forderung eine Erpressung war, aber wie sollte er sonst auf diese plumpe Verleumdung antworten? Sacharowa versprach, ihr Möglichstes zu tun. Es war deutlich sichtbar, daß sie bereute, einem Kriegsgefangenen auf den Leim gegangen zu sein. Doch ein Zurück gab es hier für sie nicht mehr. Wenige Tage später war die Sache mit dem angeblichen Hauptmann erledigt.

Lankow aber trieb sein 'Unwesen' weiter. Die schlimmste Tat, die dieser Gauner beging, bestand in einer großen Liste, auf der über dreihundert Gefangene erfaßt waren. Auf der Vorderseite der Liste konnte man lesen: Liste der Kriegsgefangenen des Lagers 7136/2, Skorochodowo, die wegen ihrer faschistischen Gesinnung nicht in die Heimat zu entlassen sind.

Unterschrift: Komitee „Freies Deutschland"
Hans Lankow, Hamburg
Jonny Kleen, Bleichenrode/Harz [?]
Paul Wegener, Wuppertal.

Über dreihundert Mann sollten nach Ansicht dieser Personen nicht in die Heimat kommen, weil sie den

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Kommunismus nicht schon im ersten Jahre der Gefangenschaft akzeptierten. Eine Frechheit und Gemeinheit größten Ausmaßes war hier an's Tageslicht gekommen, denn die Schreiber dieser Liste waren selbst alles andere als kommunistisch eingestellt. Lankow und Kleen waren aktive SA-Männer, Wegener gehörte der NSDAP an. Wenn man mit diesen Männern sprach, hörte man deutlich ihr unsauberes Gewissen reden. Zum Glück aller betroffenen Kameraden, die diese Liste aufzählte, schenkte man diesem Seelen-Großhandel nicht bedenkenlos Vertrauen, denn so etwas war selbst für die MWD übertrieben. Viele dieser Leute hatten aber schwer unter der Anklage zu leiden. Ein Teil von ihnen kam in die berühmten Straflager, bei einem anderen wurde die Heimfahrt um 2–3 Jahre verzögert. Das MWD entfernte [?] die Spitzel, sobald die Gefangenen von ihrer Tätigkeit erfahren hatten. Als Ersatz trafen dann die Kollegen dieser Sippe aus einem anderen Lager ein. Auch den grimmigen Fritz Roll ereilte eines Tages dasselbe Schicksal. Sogar die Sowjets liebten und pflegten den altbekannten Satz: Ich liebe den Verrat, aber ich hasse den Verräter.

Aber weit [?] nicht genug, daß man die Männer verleumdete, man provozierte sie vielfach zu irgendwelchen Aussagen und Bemerkungen, die sofort dem MWD-Offizier zugetragen wurden. Diese Provokationen übten meistens gezeichnete [?] Männer, die man keines Verbrechens beschuldigen konnte. Die kleinste Bemerkung bezüglich der Sowjetverhältnisse genügte, um in seinem Personalbogen den Vermerk „Sowjetfeindlich" zu er-

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halten, was wiederum ein Grund für eine längere Gefangenschaft war.

In den Frühlingstagen 1946 stand Siebert auf dem Hofe und schaute den Flugzeugen zu, die über Skorochodowo ihre Übungsflüge machten. Plötzlich stand der im Lager bekannte Spitzel Hermann Lehe aus Dessau neben ihm: „Heinz, ich glaube, diese Flugzeuge wurden in Deutschland hergestellt. Die Motoren summen genau so, wie unsere Messerschmitt. Die Russen haben uns alles geklaut. Jetzt fliegen sie stolz mit unseren Maschinen. Das rächt sich eines Tages bitter. Was meinst du dazu?"

Wieder einmal ein guter Freund, dachte Siebert. Lehe sprach sonst wenig mit ihm [?], jetzt so vertraulich zu ihm zu sein? Wer wagte es, so etwas laut auf dem Hofe auszusprechen? Hier war etwas nicht echt.

„Hermann, ich habe keine Ahnung von Flugzeugen. Interessieren mich auch nicht. Die Russen haben ihre eigene Flugzeugindustrie und brauchen die fremden Modelle nicht. Und jetzt laß mich bitte in Ruhe", sagte Siebert absichtlich laut, damit die Umstehenden seine Worte hörten und Lehe nicht die eigenen Worte als Sieberts angeben konnte. Mißgestimmt zog Lehe ab. Aber er gab sich mit einem Versuch noch lange nicht zufrieden. Als er wieder einmal zu Siebert kam, um diesen zu provozieren, wandte letzterer sich an Lehe mit entschlossener Miene:

„Hermann, was willst du eigentlich von mir? Was interessiert dich an mir? Ich [?] möchte dir gerne behilflich sein. Sage mir offen, was du über mich erfahren sollst. Es weiß bereits jeder, wes' Geistes Kind du bist. Kannst es ganz ruhig bekennen."

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Lehe senkte seinen Blick und spielte nervös mit den Fingern:

„Heinz, ich will dir alles sagen, aber du darfst mir nicht böse sein. Ich bin tatsächlich mit Haut und Haaren dem MWD verschrieben. Als ich 1945 ins Lager kam, habe ich eine Verpflichtung unterschrieben, für die Sowjets als Spitzel zu arbeiten. Ich unterschrieb, denn man versprach [?] mir, mich noch im selben Jahr zu entlassen. Ich wollte gerne, sehr gerne nach Hause, denn auf mich wartet daheim eine Frau und zwei Kinder. Ich selbst bin 48 Jahre alt. Lange werde ich nicht mehr leben—ich bin alt." Lehe standen bei diesen Worten die Männertränen [?] in den Augen. Wenn es um andere Menschenleben ging, zuckten diese Lumpen mit keiner einzigen Wimper. Sollte aber ihnen selbst ein Härchen gekrümmt werden, so vergossen sie die bittersten Tränen. O, Feigheit, wie bist du so jämmerlich und doch so gefährlich!

„Das ist ja schön ausgedacht. Denkst du etwa, wir wollen nicht nach Hause? Unsere Frauen und Kinder warten auf uns genau so wie deine," gab Siebert dem Weinenden zurück.

„Das weiß ich wohl, aber mir ist jedes Mittel recht, um mit dem Rücken an der Wand zu bleiben. Jetzt habe ich aber schon über ein Jahr als Spitzel gearbeitet und ich bin immer noch hier. Es ist zum Verzweifeln! Jetzt bin ich am Ende. Wenn ich dann zu ihm kommen muß und nichts zu sagen habe, tobt er direkt wie ein Löwe. Jetzt wird er mich in ein anderes Lager schicken. Mit dem nächsten Heimattransport darf ich auch nicht mit. Bei meinem letzten Besuch erteilte er mir den Auftrag, dich zu bespitzeln. Ich soll melden, ob du in der Partei warst und wo du dich während des

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Krieges aufgehalten hast. Wie soll ich das erfahren?"

„Ganz einfach, Hermann, ich sage dir gerne alles, was du zu wissen begehrst. Das kannst du auch mit deinen anderen Aufträgen genau so tun. Merke dir aber eines: du hast mir hier ein Geheimnis und deine Mißstimmung verraten. Sobald du aber die Unwahrheit sagst, ganz gleich über wen, bist du hoffnungslos aufgeschmissen, denn ich hänge in diesem Falle ein Plakat mit deinem Geheimnis aus: „Hütet Euch vor Lehe!" Das genügt. Einer deiner Sorte wird schon das Neueste vom Tage dem Major überbringen. Überlege deine zukünftigen Berichte ganz genau, sonst passiert ein Unglück. Du kannst nicht ungestraft unzählige Kameraden verkaufen, nur weil du schneller zu deiner Familie willst." Nach dieser Erklärung schrieb Siebert ihm die über ihn gewünschten Angaben auf und Lehe ging mit diesen zum Major.

Welch eine jämmerliche Kreatur, dieser alte Mann! Nachher tat es Siebert leid, ihm so eine Angst eingejagt zu haben. Einen andern Weg gab es aber nicht, um diese Menschen zur Vernunft zu zwingen. Man mußte sofort zum wirksamsten Mittel greifen, ihnen die Schlinge um den Hals legen und von Zeit zu Zeit daran ziehen, damit sie bei der Wahrheit blieben. Zum Schweigen brachte man sie aber nicht, man konnte sie nur zur angemessenen Wahrheit zwingen.

Seit diesem Tage kam Lehe zweimal monatlich wegen Informationen zu Siebert, der ihm die Angaben aus dem Fragebogen aushändigte. Lehe war leider nicht der einzige, den der Major auf Siebert losgelassen hatte. Ganz intensiv beschäftigten sich mit ihm die Spitzel Lang Eduard und Klein Alfred. Sie erschienen ebenfalls in regelmäßigen Abständen und fragten ihn aus, um dann

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dem Major die bereits bekannten Angaben zu bringen. Der Schlimmste von den letzten zwei war Lang. Wieder einmal hatte er sich Informationen von Siebert geholt und trotzdem blieb er sitzen, als wollte er noch etwas fragen. Siebert merkte es und war ihm behilflich:

„Wolltest du noch etwas wissen, Eduard?"

Langsam und stotternd brachte sein Gegenüber hervor:

„Ich wollte dich schon lange fragen, wieso du [?] immer freundlich zu allen bist [?]. Jeden behandelst du gleich freundlich trotz deiner schweren [?] Arbeit und großen Sorgen. Wo nimmst du die Kraft her? Entschuldige, denn die Frage ist reichlich intim."

„Sie ist nicht so [?] intim, wie weitgreifend. Ob du meine Antwort verstehen wirst, weiß ich nicht, dennoch will's ich [sic] dir sagen. Ich vertraue unserem himmlischen Vater. Er ist meine nieversiegende Kraftquelle. Ist dir das ein Begriff?" Siebert sah ihn scharf an.

„Doch, ich glaubte auch einmal an Gott, heute allerdings nicht mehr. Ich kann den Weg zu ihm nicht mehr finden." Seine Augen schlossen sich und zwischen den Lidern quollen schwere Tränen hervor. „So einer bist du also. — Hätte ich nicht geglaubt." Dann wollte er gehen. Als er Siebert die Hand reichte, sagte er zum Abschied:

„Meine Einstellung kannst du dem Major ohne Weiteres verraten. Ich will's gerne verantworten."

Die ganzen Jahre der gemeinsamen Gefangenschaft kam Lang immer häufiger zu Siebert und klagte ihm sein Leid. Er verstand es meisterhaft eine freundliche Seite vorzuheucheln und gleichzeitig die übelsten Streiche im Schilde zu führen.

Es war sein Werk, als plötzlich im Lager ver-

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lautbar wurde, daß Siebert angeblich aus Rußland stamme, zumindest aber seine Frau eine Deutsche aus Kriwoj-Rog sei. Sieberts Freunde, die seine wahre Herkunft nicht kannten, kamen entrüstet über die Gemeinheit Langs zu ihm und berichteten über dem [sic], was Lang im Lager erzählte. Siebert besprach die Angelegenheit mit seinem besten Kameraden Hermann Meyer. Siebert selbst durfte wegen seinen [sic] Fall nicht [?] zu Lang gehen und ihn bitten, die Verbreitung des Gerüchts einzustellen. Dieses würde ihm nur die Gewißheit geben, daß er damals auf der Pritsche in Rumänien richtig gehört hatte [?]. Diese schwierige Aufgabe übernahm Meyer. Er wollte ihn zur Vernunft ermahnen und ihm die Auswirkungen einer Verleumdung vor Augen führen. Meyer gelang es auch, Lang zu bewegen, in Zukunft nicht weiter darüber zu reden. Siebert hatte seit dieser Zeit keine ruhige Minute mehr, denn man konnte diesen charakterlosen Menschen nicht daran hindern, zum MWD zu gehen und dort die schwerwiegenden Aussagen zu machen. Das wäre dann das Ende Sieberts gewesen. In jenen Tagen holte er immer wieder seine versteckte Rasierklinge hervor. Jedesmal, wenn er länger außerhalb des Lagers gewesen war, glaubte er, daß sein Haftbefehl bereits vorläge und daß er, sobald er die Wache passieren wird, festgenommen werde. Das schreckliche Angstgefühl verließ ihn auch dann nicht, als Lang schon lange in dem Lager 7280 bei Mariopol [sic] war. Er konnte ja von [?] dort stets seine Erklärung abgeben. Er machte ja vor nichts und niemand Halt. Auf seinem dreckigen Gewissen lastet auch die Verurteilung des Gefangenen Johannes Wildkrupp. Letzterer war Sanitäter während des Krieges gewesen und hatte als solcher nie an Kämpfen teilgenommen. Er war aber naiv genug, von den

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Kämpfen seiner Einheit zu berichten, die vielfach gegen Partisanen eingesetzt war.

Hierüber erfuhr auch Lang, welcher, ohne zu überlegen, aus Wildkrupp einen Kriegsverbrecher machte. Wildkrupp befand sich bereits in Untersuchung und Lang verkaufte ihn immer weiter, erbarmungslos!

Als man Wildkrupp den offiziellen Haftbefehl vorgelegt hatte, kam er zu Siebert und beklagte sich:

„Bis jetzt war ich in dem festen Glauben gewesen, daß Lang mein bester Freund war. Er gab mir Brot und Suppe, teilte mit mir angeblich das Letzte. Jetzt verlangte ich eine Gegenüberstellung mit meinem Belastungszeugen und wen sah ich als Hauptzeuge [sic]? Eduard Lang, mein „bester Freund". Ich Esel glaubte ihm!"

Lange kämpfte Wildkrupp gegen diese Verleumdung grausamster Art. Monate lang wurde er täglich 3 bis 4 Mal verhört, wobei er nie ohne Prügel davon kam, bis er schließlich die Quälerei nicht mehr aushielt und alles unterschrieb, was man ihm vorlegte, nur um endlich seine Ruhe zu haben. Hundert Morde legte man ihm zur Last, 67 Personen sollte er eigenhändig erhängt haben. Große Mengen Sowjetgüter habe er geplündert und eine große Anzahl Häuser in Brand gesteckt. Fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeitslager—lautete das Urteil des Poltawer Kriegstribunals. Als völlig gebrochener Mann, der nicht mehr allein gehen konnte, wurde er von sowjetischen Soldaten vor die Schranken des sowjetischen „Volks"-Gerichts geführt.

Lange wird er an seiner „Schuld" nicht gebüßt haben. Seine Familie wartet aber immer noch auf seine Heimkehr. Und das nennen die Sowjets—lies Kommunismus—Humanität und Menschenwürde!

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Ein besonderer Fall war für alle Lager die Affäre Lorant. Lorant war ungarischer Jude. 1942 wurde er von der Gestapo in ein Arbeitsbataillon geschickt. Dort machte er bis 1945 Schanzarbeiten in Budapest, wo er zum Schluß in die Gefangenschaft geriet. Vor dem Kriege war er Schriftleiter einer ungarischen Zeitung. Als einer der begabtesten Männer wurde er Leiter des antifaschistischen Aktivs. Auf diesem Posten verblieb [?] er, bis er plötzlich in die Stehzelle des MWD-Bunkers eingesperrt wurde. Lorant wehrte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Keine Prügel, kein Hunger konnte ihn zwingen, das ihm vorgelegte Protokoll zu unterschreiben, in dem er beschuldigt wurde, als Jude faschistische Propaganda betrieben zu haben! Auch sollte er Geheimagent der Gestapo gewesen sein. Mit bewundernswerter Ausdauer und Energie protestierte er und verlangte Beweise. Zum Zeichen seines Protestes trat er in den Hungerstreik. Sieben Tage hielt er aus. Besinnungslos brachte man ihn in das Kriegsgefangenenlazarett Wossoki [?]. Von hier wandte er sich auf illegalen Wegen mit einem Schreiben an den Bevollmächtigten für Sachen der Kriegsgefangenen und Internierten General Filipow. Daraufhin [?] untersuchte eine Kommission die Zustände und stellte fest, daß Lorant unschuldig war.

Lorants Mut flößte den Offizieren Respekt ein und man ließ ihn in Ruhe. Nach Hause kam er aber erst 1949 als letzter Jude des Lagers.

Man kann unmöglich die Greuel des MWD in den Gefangenenlagern aufzählen. Es war aber ein [sic?] Hohn, auf dem Nürnberger Prozeß über Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu urteilen, da doch der Richter Pawlenko [?] ein Vertreter der Sowjetunion war, auf dessen

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Territorium Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, die genügen würden, um drei Nürnberger Prozesse zu veranstalten.

Verbrecher saßen zu Gericht über deutsches Unrecht! Unrecht darf nicht durch Unrecht gesühnt werden!

Die Sowjetregierung hatte nämlich dem Sowjetvolke immer wieder eingeprägt, das deutsche Volk wird für alles, was im Kriege geschah, büßen. Da man in Deutschland aber eine freundschaftliche und humane Maske aufgesetzt hatte, mußten die Kriegsgefangenen ihren Rücken hinhalten. Die ganze Last der sogenannten „Buße" von 80 Millionen lag auf den Schultern von einer knappen Million am Leben gebliebenen Gefangener. Wie oft versagten die Kräfte dieser Männer! Jedes Mal, wenn es soweit wurde [?], riefen die Politleiter den Männern zu:

„Ihr seid an allem schuld. Erkauft eure und eures Volkes Ehre durch ehrliche Arbeit am Wiederaufbau der sozialistischen Heimat der Werktätigen aller Welt."

Und ein Heer von Arbeitssklaven setzte sich in Bewegung, von lauten Dawai-Rufen und Kolbenschlägen angetrieben. Tag für Tag, Jahr um Jahr, ohne Sonntag, bei 8–14-stündigem Arbeitstag „büßten" die Männer, bis sie vor [?] Entkräftung im Lager oder auf der Baustelle zusammenbrachen. Dann schleppte man sie ins Lazarett. Gut, wenn sie ins Krankenrevier kamen, meistens aber beschuldigte man sie der [?] Sabotage des „demokratischen" Weltlagers.

„Wer seine Kräfte nicht zum vollen Einsatz in der S.U. bringt, stärkt die Front der Weltmächte [?] und ist ein Feind des Fortschritts!" Diese und ähnliche Worte schrie man in die müden Massen. Waren diese Männer am

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Kriege schuld? Wurden sie mit Recht bestraft? Auf diese Frage soll folgendes Beispiel antworten.

Oberleutnant Funke führte während des Krieges eine Nebelwerferkompanie, der u.a. auch der Spieß Karl Götze, der Küchenfahrer Opitz, der erste Koch Fritz Krohne aus Celle bei Hannover angehörten. Die Kompanie drang im Verbande ihrer Division weit in Rußland ein. Während der großen Kesselschlacht bei Tscherkassy ging die Verpflegung aus und Oberleutnant Funke sah sich gezwungen einen Ausweg zu finden, denn mit leerem Magen konnten seine Männer den Strapazen nicht standhalten. Er befahl daher einigen Soldaten Kühe und Schweine in den Kolchosen zu suchen und sie beim Koch Krohne abzuliefern. Da dieser von Beruf Metzger war, hatte er den Befehl, das eingetroffene Vieh zu schlachten. Er führte den Befehl aus. Die Truppe wurde verpflegt. Welcher Offizier hätte nicht genau so wie Funke gehandelt? Welcher Soldat hätte diesen Befehl verweigert? Etwa ein englischer oder amerikanischer Oberleutnant? Etwa ein englischer oder amerikanischer Soldat? Von einem sowjetischen Offizier oder Soldat soll hier schon garnicht die Rede sein, denn diese wüteten unter der eigenen Bevölkerung schon schlimm genug, von ihrem Scharmetzeln [sic] unter der Bevölkerung in Feindesland schon ganz zu schweigen. Wo existiert die Wehrmacht, die lieber verhungert, als daß sie im Feindeslande sich Nahrung verschafft?

Der Spieß Götze, Opitz und Krohne kamen bei der Kapitulation der deutschen Truppen vor Berlin in Gefangenschaft und landeteten [sic] im Sommer 1945 im Lager 7136. Da noch einige Kameraden aus derselben Kompanie im Lager waren, hatte man bald von diesen Geschehnissen erfahren und das MWD griff zu.

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Neun Angehörige der Nebelwerferkompanie wurden verhaftet. Man beschuldigte sie der Plünderung. Die Gerichtsverhandlung fand im Schnellverfahren am 9. Januar 1948 im Gerichtssaal des Poltawer Kriegstribunals statt. Das Gericht verurteilte alle neun Angeklagte zu je fünfzehn Jahren Zuchthaus, weil sie sechs Kühe und vier Schweine auf Befehl des Oberleutnants Funke geschlachtet und an die Soldaten verteilt hatten.

Oberleutnant Funke war aber seit Kriegsende zu Hause und lebte sorgenlos in der britischen Besatzungszone Deutschlands. Von Zeit zu Zeit erkundigte er sich nach Krohnes Ergehen und wünschte ihm eine baldige Heimkehr. Er ahnte nicht, daß dieser für die Ausführung seines Befehles zu fünzehn [sic] schrecklichen Jahren Zuchthaus verureilt [sic] war.

Krohne war der einzige Sohn seiner Eltern, die in Celle eine große Metzgerei besaßen. Wie gerne hätte der Vater alles hergegeben, um den vielfachen Kostenpreis des geschlachteten Viehs zu bezahlen. Aber er wußte nicht einmal von der Bedrängnis seines lieben Sohnes, denn zwei Tage vor der Verhaftung schrieb Fritz seinen Eltern noch, daß es ihm sehr gut ginge, denn ohne diesem [sic] „sehr gut" ließ das MWD die Karte nicht durch die Zensur. Als man ihm die Anklageschrift vorgelegt hatte, kam er zu Siebert und bat ihn, einen Brief für seine Eltern und seine Verlobte anzunehmen und sie bei einer eventuellen Entlassung dort abzugeben. Es war der letzte Versuch seinen Eltern einen Gruß und seiner Verlobten die Auflösung der Verlobung zu schicken. Drei Jahre hatte das Mädchen auf ihn gewartet und jetzt noch einmal fünfzehn? Das konnte er ihr nicht zumuten.

Ein letztes Lebenszeichen erreichte Siebert noch aus dem Gefängnis in Poltawa:

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„Lieber Heinz!

Wir leiden unschuldig. Grüße die Heimat. Wir werden sie nie wiedersehn und trotzdem nie vergessen.

Dein Fritz."

Das waren die wenigen Worte, die auf dem Stück Packpapier zu lesen waren.

Die ganzen Jahre hatte er mit einer Gerichtsverhandlung gerechnet, denn die vielen Vernehmungen zeigten sie deutlich an. Nie hatte er aber mit einer Verurteilung gerechnet, weil er doch kein Verbrechen begangen hätte. Und wenn man seine Tat schon als ein Verbrechen ansah, so war sie ja auf Befehl seines Kompanieführers geschehen. Im schlimmsten Falle hätte man den zur Verantwortung ziehen müssen. Der aber war nicht zu haben, also nahm man den Soldaten Krohne.

Man stelle sich folgendes Verhältnis vor:

Die Großen des Dritten Reiches wurden wegen ihren zahlreichen Verbrechen (denn so wurden ihre Taten während ihrer Regierungszeit vom Nürnberger Prozeß bezeichnet) zum Tode oder zu lebenslänglicher Gefängnishaft verurteilt. Oft war das Urteil noch milder. Auf ihren Befehl tötete man Millionen Menschen auf grausamste Art und Weise. Städte und Dörfer, ja ganze Länder wurden auf ihr Geheiß in Schutt und Asche gelegt, Millionen Menschen schoß man zu Krüppeln. Sie wurden vielfach zu 15 und 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Als Gegensatz kommt der Soldat Krohne. Er schlachtete auf Befehl sechs Kühe und vier Schweine! Dieser „Verbrecher" wird im Namen der sowjetischen Gerechtigkeit zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Wo fängt nach sowjetischen Begriffen ein Verbrechen an und wo hört ein Verbrechen auf?

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Jeder Mensch kann von den sowjetischen Gerichten zum größten Verbrecher gemacht werden, wenn er als Arbeitssklave in den zahlreichen Zwangslagern der Sowjetunion Verwendung findet. Dafür sorgt das gefürchtete Ministerium des Innern—Ministerstwo Wnutrenich Djel—MWD.

## Die Bibel.

Das Leben der Kriegsgefangenen in den Jahren 1945, 46 bis 47 einschließlich ist mit einem Schiff auf hoher See zu vergleichen, das sich mit allen Kräften gegen die wütende Brandung wehrt. Es ächst [sic] und kracht in allen Fugen. Der Lotse versucht es vor dem Untergange zu retten, doch immer wieder entreißen ihm die Wellen das Ruder und drohen es an felsige Klippen zu schleudern. Der Menschen Kraft und Verstand ist am Versagen. Das Ruder bricht und das Schiff treibt herrenlos auf den Wellen, bedingungslos dem Schicksal überlassen.

In diesen Jahren konnte man drei Gruppen von Menschen in den Kriegsgefangenenlagern finden.

Zur ersten Gruppe gehörten die rücksichtslosesten Männer mit der Devise: Ich werde leben. Mir ist jedes Mittel recht, um aus diesem Elend herauszukommen. Wenn alle umkommen—ich werde leben.

In dem Glauben, das Schicksal noch zu bekämpfen, fühlten sie sich stark. Da sie nach dem Grundsatz handelten: „Das eigene Hemd ist mir am nächsten" fügten sie der Gemeinschaft nicht selten großen Schaden zu und noch mehr litten die einzelnen Gefangenen darunter. Sie waren die Minderheit in den Lagern, was sie keineswegs hinderte, in vielen Lagern die Macht an sich zu

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reißen. Denn ihnen waren ja alle Mittel recht, was bei der Mehrheit nicht der Fall war. Dieser Umstand machte es der Mehrheit unmöglich gegen diese Egoisten-Gruppe vorzugehen. Diese Gruppe von Menschen kannte tatsächlich nur das eigene Ich. Das Los der großen Masse war für sie belanglose Nebensache.

Zur zweiten Gruppe gehörte die Mehrheit der Gefangenen. Diese hatten erkannt, daß sie selbst das Ruder ihres Lebensschiffleins nicht mehr halten konnten und legten es in Gottes Hände.

„Wir haben einen Gott, der uns hilft, so lange wir zum Guten halten und das tun wir zweifellos. Mit Gottes Hilfe kommen wir durch diesen großen Sturm."

Diese Männer trugen das Los der Gefangenschaft am leichtesten. In ihren Gesichtszügen spiegelte sich eine riesige Geduld wieder. Ihr seelisches Gleichgewicht konnte durch nichts erschüttert werden. Sie waren meist freundlich zu einander und halfen sich gegenseitig, wenn es auch oft nur ein kurzes Trostwort war, das sie ihren Kameraden geben konnten. Sie schickten sich willig in jede Lage, wußten sie doch, daß Gott sie auf sicheren Wegen führte. Was sie besonders stärkte, war die Macht des Gebets. Sie durften nicht zusammen beten, nein, irgendwo ganz allein, von jeglichem Menschenauge ungesehen, knieten sie nieder und beteten. Oft geschah ein stilles Zwiegespräch mit Gott unter dem dreckigen Mantel auf der Pritsche. Und der himmlische Vater tröstete und stärkte sie nach dem Reichtum seiner Gnade.

Wenn Siebert im Laufe des Tages durch Arbeit und Schwierigkeiten gegangen war und lange nach Mitternacht auf sein Lager fiel, faltete er die Hände und richtete seine letzten Worte vor dem Einschlafen an seinen Heiland, so wurde ihm ganz leicht zumute, als würde

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ihm eine unsichtbare Gestalt zuflüstern: „Sei getrost, ich bin bei dir. Vertrau mir ganz." Danach verschwand der Schatten der Sorge. Zuversichtlich ging er am Morgen wieder an die Arbeit. Wenn er zum MWD gerufen wurde, wartete er mit dem Eintreten so lange, bis diese gute Stimme ihm wieder sagte: „Ich bin da." Ist Gott für mich, wer will mir schaden?

Es war eine Seltenheit, daß zwei Männer über diese Frage sprachen, denn jeder galt als Reaktionär, den man als Gläubigen erkannt hatte. Das Vertrauen zu Gott wurde wie ein großes Geheimnis bewahrt. Man brauchte nicht allzuviel Menschenkenntnis besitzen, nur längere Zeit im Lager mußte man gewesen sein, um klar zu erkennen, wer zu dieser zweiten Gruppe gehörte.

Zur dritten Gruppe gehörte ein großer Teil der Gefangenen. Sie glaubten alles verloren. Sie hatten wohl eingesehen, daß sie machtlos waren, ihr Schicksal zu lenken, aber einen Ausweg konnten sie nicht finden. Wie hatten sie auf ihre eigene Kraft und auf ihren Willen gebaut! Und jetzt lag ihre Hoffnung wie eine Glasschale am Boden in Scherben. Kein Fünkchen Hoffnung, keinen inneren Halt! Ihnen fehlte jeglicher Glaube an Gott. Ja, viele von ihnen hatten ihn einst gekannt, aber die Not und das Elend hatten sie zur Verzweiflung gebracht. Charkteristisch [sic] war für sie folgendes: „Ich glaube an nichts mehr, an keinen Gott, an keine Gerechtigkeit. Nach Hause kommen wir auch nie. Von mir aus mag geschehen, was da will. Es bleibt uns ja doch nur noch der Tod."

Diese Gruppe von Männern ließ sich gehen. In kurzer Zeit waren sie vollkommen verwahrlost und wurden die ersten Opfer, die der Tod forderte, denn wer die Hoffnung aufgibt, gibt sich selbst auf.

Die zweite Gruppe bedauerte die letzte sehr,

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denn hier tat Hilfe not, während die erste auf ihre Kosten ihr schändliches Geschäft machte. Oft waren die Menschen der ersten Gruppe die Urheber der grenzenlosen Verzweiflung der letzten, denn sie machten ihnen das Leben im Lager zur Hölle. Aus der Mitte der Verzagten kamen auch die vielen Selbstmorde. Sie stürzten sich aus den oberen Etagen, erhängten sich in den Baraken [sic] oder was noch einfacher war: sie liefen gegen den Stacheldrahtzaun und wurden erbarmungslos von den sowjetischen Soldaten „auf der Flucht" erschossen. Die seelische Verfassung dieser Männer wiederzugeben liegt kaum im Bereich des Möglichen.

Das Lager war wieder einmal gefilzt worden. Ein großer Berg von „Klamotten" (so nannten die Soldaten ihre persönlichen Sachen) lag auf dem Hofe. Zufällig ging Siebert daran vorbei und erblickte unter altem Gerümpel ein Büchlein. Mit dem Fuße stieß er es beachtlos zur Seite und ging weiter. Als er schon einige Schritte gegangen war, drehte er sich kurz um und hob es auf. Eine Taschenbibel hielt er in den Händen. Ängstlich schaute er sich nach allen Seiten um. Kein Mensch in der Nähe. Und schon verschwand das kostbare Büchlein in seiner Tasche. Es wurde zu seinem ständigen Begleiter. Nachts lag es unter dem Kopfpolster, am Tage trug er es in der Tasche. In den langen Jahren fand er in der Bibel immer wieder Trost. So oft er mutlos wurde, holte er sie in einem verborgenen Winkel hervor und las Gottes Wort. Wenn er, was nicht oft vorkam, vergessen hatte sie einzustecken, so schien es ihm, als fehle ihm etwas und er bekam erst wieder Ruhe, wenn er das schwere Lederfutteral in der Tachse [sic] spürte. Nach einiger Zeit erstand er bei einem Kameraden für gute Bezahlung noch ein evangelisches Gesangbuch. Somit war

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er einer der wenigen, die diesen teuren Schatz besaßen.

So sehr er sich auch bemühte, das Vorhandensein der beiden Bücher zu verheimlichen, so war es doch mißlungen. Immer häufiger kamen Kameraden und baten, in den Büchern lesen zu dürfen. Ihnen diese Bitte abschlagen konnte er nicht, denn Gottes Wort ist für alle da, die es lesen oder hören wollen.

Auch das antifaschistische Aktiv hatte von Sieberts Einstellung erfahren und zu seinem großen Erstaunen kam der Aktivleiter Lankow eines Tages zu ihm mit dem sonderbaren Anliegen:

„Heinz, soweit ich feststellen konnte, wird das Verlangen nach Sonntagsgottesdiensten immer größer. Das Aktiv hat beschlossen, bei der sowjetischen Lagerführung diesbezüglich vorzusprechen. Du bist aber der einzige, der diese Aufgabe übernehmen könnte. Bist du bereit Gottes Wort zu predigen?" Dabei grinste Lankow über das ganze Gesicht. Siebert glaubte nicht richtig gehört zu haben. Das Aktiv, das sonst so energisch gegen Religion auftritt, setzt sich jetzt für die Einführung sonntäglicher Gottesdienste ein? Hier führt man etwas Schmutziges im Schilde. Braucht man etwa Stoff für Propagandareden? Will man etwa die Gesinnung der Männer kennen lernen, um sie dann als Reaktionäre zu brandmarken? Siebert hatte bald vergessen, daß Lankow noch immer auf eine Antwort wartete:

„Höre, Hans, um Gottesdienste abzuhalten, muß man Pfarrer sein. Soweit reichts bei mir aber nicht. Entschuldige, aber ich kann dir deine Bitte nicht erfüllen."

„Mach keine Witze, das kannst du schon. Du brauchst es ja auch nicht immer zu tun. Nur ein- oder zweimal. Ich will den Leuten nur zeigen, daß das anti-

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faschistische Aktiv sich auch in dieser Hinsicht bemüht, den Ansprüchen aller Schichten gerecht zu werden. Wenn uns dieses Manöver gelingt, werden uns auch diejenigen unterstützen, die dies bisher wegen ihrer religiösen Einstellung nicht taten," erklärte der Aktivleiter und verzog sein Gesicht zu einer häßlichen Grimasse.

„Nein, Hans, ich bin nicht in der Lage dazu. Ich bitte dich, laß mich jetzt in Ruhe." Lankow ging nach dieser Erklärung verärgert auf sein Zimmer. Er versuchte es noch dreimal, Siebert zu diesem Mißbrauch des christlichen Glaubens zu bewegen. Immer wieder schlug er Lankow ab, denn wie konnte er Gottes Wort für so eine schmutzige Sache predigen? Nein, dann lieber schweigen. Lankow ließ ihn später auch in Ruhe bis kurz vor Weihnachten 1946.

Das Aktiv hatte wiederum eine Versammlung anberaumt und den Gefangenen von ihrer großen Schuld gegenüber der Sowjetunion vorgegaukelt. Am Schluße der Versammlung stellte Lankow den Männern die Frage, wie sie Weihnachten feiern wollten. Ein Mutiger fragte laut:

„Ist es nicht möglich einen Gottesdienst abzuhalten?"

„Möglich wäre es schon. Es handelt sich nur darum, wer ihn abhält. Siebert wäre wohl in der Lage dazu, aber er will nicht," erklärte Lankow dem Fragesteller.

Siebert saß neben dem damaligen MWD-Leutnant Jegorow und übersetzte diesem die Frage des Mannes. Jegorow gab sein Einverständnis und wandte sich an Siebert: „Wenn du willst, kannst du den Gottesdienst durchführen. Ich erlaube es dir. Ich muß aber genau wissen, was du sagen willst."

Lankow beeilte sich, die Worte Jegorows den

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Leuten zu sagen. Viele bittende Augen ruhten auf Siebert und er hatte nicht den Mut, jetzt abzulehnen. Wenn es so viele gibt, die wünschen, Gottes Wort zu hören, dann lohnte es sich, die schwierige Aufgabe zu übernehmen. Er sagte zu.

Noch nie im Leben hatte er vor einer Versammlung über dieses Thema gesprochen. Ja, was noch schwieriger war, die Männer gehörten verschiedenen Religionsbekenntnissen an. Würde er diesen gerecht werden können? Trotzdem ging er an die Ausarbeitung seiner Weihnachtsansprache.

Der Weihnachtstag kam schnell herbei. Der damalige Lagerkommandant (so nannte man den deutschen Lagerführer) Herbert Räther hatte nach langem Suchen einen Tannenbaum aufgetrieben. Der ehemalige Matrose Ulrich Sager fertigte aus Patronenhülsen Kerzen an. Kurz gesagt, am Heiligen Abend stand der Baum geschmückt da. Viele Hände hatten daran gearbeitet, denn jeder glaubte, den Baum für seine Lieben daheim herzurichten. O, Weihnacht, du wunderschönes Fest der Familie! In dieser Weihnachtszeit weilten aber noch Millionen Familienväter hinter vierfachem Stacheldraht in Rußlands weiten Gefilden, in England, in Polen, in Jugoslawien, in Frankreich und in der Tschechoslowakei.

Siebert ging am Nachmittag zu Leutnant Jegorow und bat ihn, auf der ausgearbeiteten Ansprache die schriftliche Genehmigung zum Verlesen derselben zu geben. Schweigend las der Offinzier [sic] diese durch.

„Choroscho! Weiter willst du nichts sagen?"

„Nein, sonst nichts," antwortete Siebert.

Jegorow setzte seinen Namen unter den Vermerk „Genehmigt", Siebert konnte gehen.

Das antifaschistische Aktiv hatte aber außer dem

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Gottesdienst noch eine Gegenversammlung angesetzt, auf der man gegen Weihnachten propagierte. Die Männer mußten förmlich dort hin getrieben werden. Wollte man sie heute nicht einmal mit den vielen widrigen Propagandareden verschonen? Jeder war froh, seinen eigenen Gedanken nachgehen zu können. Im Geiste ganz zu Hause sein, war der einzige Wunsch der Gefangenen. Verärgert kamen die Männer in den Saal. Lankow wollte sprechen. Er erging sich in ein übles Geschwätz, das in Spott gegen Weihnachten ausartete. Mißgestimmter als sie kamen, gingen die Männer zum Abendessen.

Siebert hatte sich ausgebeten, den Gottesdienst nach dem Essen durchführen zu dürfen und zwar ohne Zwang. Es sollten nur die kommen, die es aufrichtig wollten. Lankow war damit einverstanden, hoffte er doch daß nur ganz wenige erscheinen würden.

Neun Uhr Abends. Still und andächtig betreten die Männer den Saal, in dem ihnen vor zwei Stunden von der Falschheit der christlichen Lehre erzählt wurde. Die Petroleumkerzen aus Patronenhülsen, aus denen einst das tödliche Blei sprühte, brannten ganz dunkel. Und dennoch verkündeten sie: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Doch leider hatte sich die Welt nicht zum Frieden bewegen lassen. Wie konnte vom Frieden die Rede sein, wenn Millionen Menschen unter den Folgen des grausamsten aller Kriege stöhnten?

Als letzter erschien Lankow. Er zuckte merklich zusammen beim Anblick des gefüllten Saales. Eigentlich wollte er sehen, wer zum Gottesdienst erschienen war, doch schien es ratsamer nach den Nichterschienenen Ausschau zu halten. Mit grimmigem Gesicht nahm er in der vordersten Reihe Platz.

Jetzt hatte Siebert das Wort. Etwas befangen

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stand er vor dem Baum. Würden seine Worte auf guten Boden fallen? Das war die einzige Frage, die ihn bewegte.

„Wir singen zuerst: O, du fröhliche, o, du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Bitte stehend," forderte Siebert die Versammlung auf.

Eintausenddreihundert Männer stehen andächtig wie in der Kirche, bereit ihre heimlichsten Wünsche, ihr banges Sehnen in dem Liede zum Ausdruck zu bringen. Lankow, der bisher seine Mütze auf dem Kopfe hatte, legte sie auf die Bank und erhob sich. Meyer, der sich bei einem Offizier der sowjetischen Lagerführung ein Akkordeon geborgt hatte, schlug den Ton an und mehr als Tausend Kehlen sangen wie eine mächtige Stimme das Lied, das sie als Kinder gesungen hatten und das ihre Frauen und Kinder, Mütter, Väter und Geschwister heute auch wieder zu Hause singen würden. Ja sogar die Schwächsten sangen kräftig mit. Lankow schien sich über den guten und innigen Gesang zu wundern, denn so sangen diese Männer die Internationale nie.

„Weihnacht, das Fest aller heiligen Feste ist auch an uns, liebe Kameraden, herangetreten. Euch ist heute der Heiland geboren. Diese wunderbare Kunde will es uns bringen," begann Siebert. Ob man es ihm verübeln würde, wenn er ihnen jetzt aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vorlesen würde? Ganz gleich, heute wollte er den Herrn preisen und loben. Wen es stört, der möge gehen. Manch erstaunter Blick ruhte auf Siebert, als er seiner Brusttasche eine Bibel entnahm. Sie war ein seltenes Ding in der Gefangenschaft. Seine Worte drangen den Männern in die Ohren. Keiner verließ den Raum. Jeder lauschte aufmerksam, als hörte er die bekannte Geschichte zum ersten Mal im Leben.

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„Seht, liebe Freunde, die Hirten wandten ihre Schritte eilig Bethlehem zu, um Christus zu sehen und ihn zu preisen. Tun wir heute dasselbe? Richten wir unsere Blicke heute auch alle auf den Stern über Bethlehem? Gott gebe uns die Kraft, Christus zu folgen und ihm zu vertraun, denn er erschien der Welt als ihr Erlöser. Warum sollte er nicht auch für einen jeden von uns erschienen sein? Wenn uns äußere Umstände weit von unseren Lieben trennen, ja mancher weiß überhaupt nicht, ob sie noch leben, so können wir aber immer noch Trost bei Jesus Christus finden. Ihm allein wollen wir vertrauen, denn er führt alles wohl," schloß Siebert.

„Wir erheben uns zum Gebet," kam es zögernd und schüchtern über seine Lippen. Seine Angst schwand aber sofort, als sich alle ruhig erhoben und die Hände falteten. Auch Lankow mit seinen Kumpanen erhob sich langsam, nachdem er sie der Reihe nach angesehen hatte. Welche Gefühle mögen den Mann bewegt haben? Vor zwei Stunden stand er vor demselben Baum und schrie:

„Die christliche Lehre ist ein Werkzeug zur Verdummung der Völker" und jetzt folgte er schon der Aufforderung, sich zum Gebet zu erheben? Man konnte den inneren Kampf dieses Mannes sichtlich bemerken. Diese Lage konnte er nicht mehr meistern, denn sein überaus starkes Heuchelvermögen hatte versagt. Seine sonstige Unverschämtheit reichte nicht aus. Aber Lankow stand. Wäre er nicht aufgestanden, hätte ihn die betende Masse erbarmungslos hinausgeworfen. In dieser Versammlung betete ein Mann, der es sonst nie tat.

Siebert hatte noch niemals vor so einer großen Versammlung gebetet. Es war das erste Mal, daß er vor so vielen Menschen ein Glaubensbekenntnis ablegte. Dennoch fühlte er keine Befangenheit mehr. Er hatte nur

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das eine große Bedürfnis mit und für die vielen Kameraden den himmlischen Vater zu preisen:

„Du großer allmächtiger Gott, wir kommen in dieser Stunde zu Dir, um Dir Lob, Preis und Dank für Deine große Gnade zu bringen, daß Du uns die Möglichkeit gegeben hast, uns hier in Deinem Namen zu versammeln. Herr, wir danken Dir dafür, daß Du uns Deinen eingeborenen Sohn sandtest, um die Welt von ihren Sünden zu erlösen. Deiner Güte verdanken wir es, daß wir durch Jesu Christi einst das ewige Leben erlangen können. Liebreicher Heiland, wir schulden Dir auch unendlichen Dank dafür, daß Du uns bisher so sicher geführt und am Leben erhalten hast.

Wir kommen aber auch mit großen Bitten zu Dir. Herr im Himmel und auf Erden, vergib uns unsere Sünden und führe uns nicht in Versuchung. Leite uns auf Deinen Wegen so, wie es Dir gefällt. Gib, daß wir niemand etwas Böses zufügen, und daß uns nichts Böses geschehe. Herr, laß uns unsere Angehörigen finden und führe uns, wenn es Dein heiliger Wille ist, recht bald heim. Gib unseren Lieben in der Heimat ihr täglich Brot.

Den führenden Männern der Welt wollest Du aber Weisheit genug schenken, damit sie für einen langen Frieden auf dieser Welt sorgen und die Menschheit vor einem neuen Kriege bewahren. Himmlischer Vater, wir bitten Dich, erhöre unser Flehn und sei uns gnädig.

Amen."

„Amen" schallte es, wie aus einem Munde gesprochen, aus dem Saale.

Ruhig und gelassen klang das Lied: Stille Nacht, heilige Nacht. Als die Weise verklungen war, las Siebert aus dem Gesangbuch den Text: Wer nur den lieben

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…Gott läßt walten und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten..........

Bei diesen Worten erschien in der Tür Kapitän Kostenko, gefolgt von einigen Offizieren. Er lachte zufrieden in sich hinein und stellte sich neben Siebert, der nach dem Verlesen des Liedes die Versammlung aufhob.

„Nu kak, wie habt ihr gefeiert?" fragte er Lankow, der die Frage positiv beantwortete.

„Meyer, dann spiel einen Walzer, Polka oder eine Mazurka, dawai!" rief er dem Musiker zu.

Das hatte natürlich niemand erwartet, daher verließen die meisten Männer eilig den Saal, um durch irgendeinen Blödsinn dieses Menschen nicht die gehobene Weihnachtsstimmung zu verlieren.

Dieses Verschwinden der Gefangenen fiel dem Kapitän auf und er wandte sich an Lankow:

„Warum laufen die Leute fort? Wollen sie nicht tanzen? Ich glaube, ihr habt einen Feiertag."

Jetzt schaltete sich Oberleutnant Schewtschenko ein:

„Genosse Kapitän, die feiern Weihnachten, ein religiöses Fest, dann tanzen die Frieße nicht."

„Aha. Na gut, dann morgen," brummte der Kapitän. Meyer war aber schon mit dem Akkordeon verschwunden und hatte die Offiziere sitzengelassen [?].

Die Gefangenen zehrten noch von den weihnachtlichen Eindrücken, als Lankow zum Schlage gegen Siebert ausholte. Auf einer Aktivsitzung brachte Lankow den Vorschlag ein, Siebert mit der Begründung, daß er ein fanatischer Faschist sei, aus dem Aktiv auszuschließen, in dem er als Dolmetscher fungierte. Keiner der übrigen Aktivmitglieder hätte je daran gedacht, Siebert auszuschließen, aber wenn Lankow es so wollte, mußten sie bei **[S. 123]** der „demokratischen" Abstimmung dafür stimmen.

„Ja, und übrigens habt ihr ja Weihnachten selbst gesehen, wes Geistes Kind Siebert ist. Er trug seine Einstellung offen zur Schau. So einer kann kein [?] Antifaschist sein. Siebert, du kannst den Raum verlassen."

War das der Lohn für die viele Arbeit, die mit Pflicht nichts mehr zu tun hatte? Wenn es nur bei dem Ausschluß aus dem Aktiv bleiben würde, wäre er ja schon glücklich, aber wenn das Aktiv seinen Beschluß dem MWD weitergibt. — Was dann? Wie sollte er Jegorow diesen Fall erklären? Lankow hatte aber wohlweislich geschwiegen, denn den Ausschluß aus dem Aktiv hatte er nur deshalb inszeniert, um Siebert aus dem öffentlichen Lagerleben auszuschalten, weil letzterer die allgemeine Sympathie der Gefangenen errungen hatte und Lankow befürchtete, an Einfluß zu verlieren. Als Siebert von dem wahren Grund der Verabschiedung erfuhr, war er zufrieden, denn es hatte ihm schon lange nicht mehr behagt, im Aktiv zu sein. Gerade durch diese Tätigkeit verlor man an Einfluß. Siebert konnte sich auch außerhalb des Aktivs zur Genüge für die Kameraden einsetzen.

## Der Mörder von Jassy.

Siebert ging seiner üblichen Arbeit nach, versuchte, wo er konnte, den Mitgefangenen ihr hartes Los zu erleichtern. Dieses schien mitunter fast nicht mehr zu gelingen, denn die Verhältnisse hatten sich zusehends verschlechtert. Täglich kamen die Männer mit erfrorenen Händen und Füßen ins Lager. Laut Bestimmung durfte bei einer Temperatur von 25 Grad Cel. unter Null nicht **[S. 124]** mehr im Freien gearbeitet werden. Nur selten hielt man sich daran. Dann standen die schwachen, leidlich bekleideten Männer vor ihrem Haufen Ziegelsteine und säuberten diese vom Mörtel. Acht Stunden bei grimmiger Kälte auf einem Flecken stehen! Acht Stunden verzweifeltes Zähneklappern! Es war eine harte Probe. Schon beim Ausmarsch zur Arbeitsstelle brachen die ersten zusammen. Ihnen war das Blut in den Adern vor Kälte und Hunger erstarrt. Erst mehrere Stunden später erholten sie sich bei der Wärme im Lazarett, worauf sie sofort wieder zur Arbeit geschickt wurden. Je kälter es wurde, um so häufiger traten die Kollapsfälle ein. Die sowjetische Lagerführung fragte nicht nach den eigentlichen Ursachen dieser Schwäche, die vor allen Dingen in der schlechten Verpflegung und in der miserablen Bekleidung zu suchen waren. Sie erfand folgende Erklärung: alle, die morgens oder auf der Arbeitsstelle einen Kollaps erleiden, sind Saboteure und wollen sich der „Wiedergutmachungspflicht" in der Sowjetunion entziehen. Man drohte mit Bestrafungen. Zum Entsetzen der Gefangenen setzte man die Drohungen in die Tat um, sobald der Bewußtlose wieder zu sich gekommen war. Jetzt fragte man sich, ob es wirklich keine menschlichen Regungen bei diesen „Hütern der Humanität" mehr gäbe. Aber was galten in Rußland schon Menschenleben? Sie schonten ja nicht einmal ihre eigenen Menschen und warum sollte man bei den Gefangenen Milde walten lassen?—

Das Massensterben hatte in den ersten Tagen der Gefangenschaft begonnen und schien nicht enden zu wollen. Überall in Rußland entstanden die Kriegsgefangenenfriedhöfe — kleinere und größere an einsamen Hügeln und in verlassenen Schluchten.

Die Sterbefälle wurden auch im Lager Skoro**[S. 125]**chodowo (Lager 7136/2) zur Tagesordnung. Die stärksten Männer siechten dahin. Vor zwei Wochen sah man sie noch stark und gesund. Jetzt waren nur noch Skelette übriggeblieben. Der Hunger und die moralische Belastung taten das ihrige.

Es war im Winter 1946/47. Unerbittlich war er mit seiner grimmigen Kälte. Noch schlimmer war mit ihren Forderungen die sowjetische Lagerführung. „Norm, Norma! Planerfüllung!" Das waren die häufigsten Worte, die man überall hören konnte. Man preßte die Kriegsgefangenen bis auf's Äußerste aus.

Siebert hatte nie gewußt, wie eine richtige Hungerödeme aussah. Die Männer wurden erst ganz mager. Haut und Knochen schienen die einzigen Bestandteile ihrer Körper zu sein. Dann wurden die Beine dick, gläsern und gelb. Diese Schwulst stieg allmählich höher, bis sie den ganzen Körper durchsetzt hatte. Wäßrig und durchsichtig wurde die Gesichtshaut der Armen. Dieser Zustand veränderte die Leute bis zur Unkenntlichkeit. Die Augenhöhlen wurden tief und blau. Mühsam schleppten sich die Männer, bis sie nicht mehr gehen konnten. Dann hatte das Wasser auch die inneren Körperteile angegriffen. Eine allgemeine Herzschwäche fesselte sie ans Bett. Im Lazarett gab man den Entkräfteten nur ganz wenig Flüssigkeit und langsam verschwand das Wasser, was keineswegs eine Genesung war. Der Körper verbrauchte die letzten eigenen Reserven und somit auch den Rest des kostbaren Lebens. Dieser Prozeß dauerte so lange an, bis man ins Lazarett meldete:

„Einer ist heute Nacht gestorben. Ein weiterer liegt in den letzten Zügen." Unbekannt waren die Toten, unbeachtet gingen sie von dieser ruchlosen Welt.

In den kalten Novembertagen 1946 kam der **[S. 126]** deutsche Lagerkommandant, Fritz Engenfoort, zu Siebert:

„Heinz, heute Nacht ist der Gefangene Engerer gestorben. Er war ein ganz junger Kerl. Verhungert ist er. Vormittag erschien die russische Ärztin im Lazarett und befahl Dr. Thierse den Toten zu sezieren. Da schneidet man dem Verhungerten den Leib auf und stellt dann formell fest, daß er an Magenkrebs, Tbc oder an sonst einer unheilbaren Krankheit gestorben ist. Verhungert darf es nicht sein, denn in Rußland läßt man doch keinen Menschen verhungern. — Deshalb bin ich eigentlich garnicht gekommen, ich wollte dich bitten, den Toten zu begraben. Du weißt selbst, daß die Toten nur abends beerdigt werden dürfen. Es darf niemand sehen, daß überhaupt Menschen im Lager sterben. Ich wäre auch nicht zu Dir gekommen, wenn ich irgendwen finden würde, der ihn beerdigen wollte. Willst du es tun?"

Siebert hatte schon so manches in der Gefangenschaft getan, aber einen Toten beerdigt hatte er noch nie. Wieso sollte er es ausgerechnet machen? Wollte niemand für Engerer den letzten Gang tun? Er hatte doch ein Recht darauf und hatte es auch verdient, begraben zu werden. Aber selbst mit der letzten Ruhe des Menschen nahm man es in Rußland nicht sehr ernst, denn wenn man durch Skorochodowo ging, mußte man aufpassen, daß man nicht über die Knochen gefallener Soldaten stolperte.

Längs der Straße grünte im Frühling eine dichte Allee Ahornbäume. Sie nahmen die Hälfte der Straßenbreite ein und war nur ganz wenig Raum für Fahrzeuge [?]. Als 1945 im Frühjahr die Sonne den Schnee schmolz, zeigten sich an der einen Wegseite in regelmäßigen Abständen kleine Mulden. Die Gefangenen nahmen **[S. 127]** an, daß es ehemalige Schützengräben waren. Als später Autos und andere Fahrzeuge über die Straße rollten, wurde es klar, daß man hier auf Leichen fuhr: etwa 20—30 Mann hatten hier ihren Tod gefunden. Es konnte nicht festgestellt werden, ob es Russen oder Deutsche waren, die man hier wie Hunde einen halben Meter tief in die Erde gebettet hatte. Stiefel und Beinknochen, Schädel und Hände kamen zum Vorschein, ohne daß eine Behörde irgendwelche Maßnahmen ergriff. Eines Tages ging Siebert mit Leutnant Twerdochleb an dieser Stelle vorbei. Als der Offizier die Knochen bemerkte, sagte er so ganz nebenbei:

„Siehst du, Siebert, auch hier war Krieg."

Nein, so sollte Engerer nicht begraben werden. Der Friedhof für Kriegsgefangene lag weit draußen im Felde, am Hange einer tiefen Schlucht. Kein Weg führte dorthin. Kein Wunder, wenn die müden Kameraden sich nicht freiwillig meldeten. Siebert entschloß sich, diesen letzten Gang für Engerer zu tun.

„Gut, Fritz, ich werde gehen," sagte Siebert.

Die Dunkelheit hatte das Lager in ihre Arme genommen, als vor dem Lazarett der Lagerschlitten hielt. Der Kutscher, Kriegsgefangener van Höckelum, hatte etwas Stroh auf den Schlitten geworfen, worin man den Toten betten konnte. Siebert begab sich zur diensthabenden russischen Krankenschwester Nikolajewa und bat sie, ihm den Toten herauszugeben. Ganz behutsam [?] mußte man ihn auf den Schlitten tragen, denn der Schusterzwirn [?], womit man ihm Brust und Bauch nach der Sezierung zusammengenäht hatte, hielt nur knapp. Am Tor erwartete die Gefangenen der Soldat Dudeck und Leutnant Krosin.

„Na, wollt ihr den Faschisten verscharren?" frag**[S. 128]**te der Leutnant. Siebert unterschrieb den Zettel mit dem Todesprotokoll und langsam setzte sich der Schlitten in Bewegung. Ein eisiger Wind fegte riesige Schneemassen über die tote Steppe. Van Höckelum hatte alle Mühe, die Pferde in Gang zu halten. Mühsam zogen sie den Schlitten vorwärts.

„P-r-r-r." Die Pferde hielten an. „Weiter können wir nicht fahren. Die Straße ist zu Ende. Bis hier fahre ich sonst auch nur," erklärte van Höckelum.

„Was ist los, Siebert?" fragte Dudeck, der die vier Gefangenen zu bewachen hatte.

„Wir können nicht weiter fahren. Jetzt müssen wir zu Fuß gehen."

„Warum der verfluchte Faschist auch sterben mußte. Jetzt muß ich seinetwegen hier im Schnee wühlen und frieren," schimpfte der Russe und hängte seinen Karabiner um die Schulter. Unruhig stampften die Pferde im Schnee. Sie froren genau so sehr wie die Gefangenen und ihr Bewacher Dudeck.

Sieberts Kameraden, die er gebeten hatte mitzukommen, hoben den erstarrten Körper vom Schlitten und gingen in die Nacht. Der Wind zog und riß an dem Bündel, als wollte er die Träger ins Tal werfen. Knietiefer Schnee hinderte ihn daran. In Schweiß gebadet, quälte Siebert sich vorwärts. Doch plötzlich faßte ihn der Wind und warf ihn in den Schnee. Er heulte und pfiff wie aus tausend Röhren. Er riß an jedem Halm, die Siebert krampfhaft versuchte festzuhalten, denn das Stroh war Engerers Totenkleid, Totendecke und Sarg. Er durfte es nicht dem Wind geben! Wo waren die Kameraden mit der Leiche geblieben? Auch sie hatte der Sturm umgeworfen und zu Tal gerollt. Die Leiche lag am halben **[S. 129]** Hang. Siebert sah sich nach dem Russen um, der sich mit beiden Händen das Gesicht verdeckt hatte und oben auf dem Hügelrücken stand. Er hatte seine Pflicht vergessen. Gegen so einen Wind konnte sein Pflichtbewußtsein nicht ankommen, seine Mitleidsgefühle waren schon längst eingefroren, sonst hätte er den müden Gefangenen geholfen. Endlich, nach einer guten Stunde, war man auf dem sogenannten Friedhof angelangt. Das Grab sollte schon ausgehoben sein. Wo war denn das nur? Nach längerem Suchen fand man ein 70 Zentimeter tiefes Loch. In so eine Grube konnte man keinen Menschen begraben. Pickhacken schlugen in die gefrorene Erde. Die Männer waren schon ganz außer Kraft, als man das Grab tief genug gegraben hatte. Vorsichtig legte man den Toten hinein.

„He, Frieße, habt ihr den Verstand verloren? Das Bettuch will die Nikolaewa [sic — laut Fehlerberichtigung: Nikolajewa] wieder haben. Legt ihn nackt hinein!" brüllte Dudeck, mit den Füßen vor Kälte trampelnd. Das Tuch wurde abgerollt und die Leiche lag mit aufgeschlitztem Leib und weit geöffneten Augen im Schnee. Keiner der Gefangenen wagte beim Anblick dieses grausamen Bildes ein Wort zu sagen. Wo hört die Unmenschlichkeit nur auf? Oder gibt es überhaupt kein Ende dieses unfaßbaren Elends? Als der Russe sah, daß die Gefangenen zögerten, den Toten ins Loch zu legen, nahm er seinen Karabiner von der Schulter und stellte sich drohend zwischen die Beine [?].

Das Stroh reichte nicht, um ein Bett zu machen, man konnte die Leiche nur noch abdecken. Als man dieses getan hatte, nahm Siebert seine Russenmütze vom Kopf, faltete die Hände und stand schweigend da. Auch die Kameraden entblößten ihre Häupter. Aber Siebert stand immer noch wartend. Dudeck schaute die Gefangenen an und **[S. 130]** langsam hob er seine Hand an die Mütze, nahm sie ab und schaute mit grimmigem Gesicht auf den Stern seiner Mütze, als hätte er ihn nie zuvor gesehen.

„Kameraden," sagte Siebert, „laßt uns den Verstorbenen in Ehren begraben. Wir wollen uns nie einen Vorwurf machen müssen, ihm nicht ein gebührendes Geleit [?] gegeben zu haben. Wir beten." Ob die Männer überhaupt beteten? Ja, und da steht noch der Russe. Wird der nicht etwa fluchen? Doch nichts dergleichen. Nur der Wind heulte ununterbrochen sein monotones Lied, das wahrhaftig einem Begräbnislied sehr ähnlich war.

„Großer himmlischer Vater, wir stehen hier am Grabe dieses heimgegangenen Kameraden und bitten Dich, nimm Dich seiner gnädig an. Er hat hier schwer gelitten, was fürwahr nicht ohne Deinen Willen geschah. Du wollest ihm gnädig sein.

Wir bitten aber auch für seine Lieben in der weiten Ferne. Tröste sie und halte Du Deine schützende Hand über ihrem Haupte. Gib ihnen Kraft, diesen schweren Verlust zu ertragen.

Uns aber, Herr, leite weiterhin, wie es Dir gefällig ist. Wenn es aber Dein heiliger Wille ist, so bewahre uns vor so einem Schicksal und führe uns heim, zu unseren Lieben. Herr, sei mit uns, sei mit uns allen! Amen."

Jedes einzelne Wort hatte der Wind mitgerissen und in die Ferne getragen, begleitet von lautem Getöse und Geheul. Mit dem Worte „Amen" brauste er mit zehnfacher Kraft von dannen und trug es durch's Tal über die weite Steppe fort, trieb es immer vor sich her.

Jetzt legte man die ersten gefrorenen Erdstücke ins Grab und langsam wuchs aus dem gähnenden Loch ein Hügel empor. Schließlich nahm der Russe den Spaten **[S. 131]** und schlug eine Tafel in die frische Erde, die folgende Beschriftung hatte: Quadrat Nr. 1, (1. Quadrat: die ersten fünfzig Quadratmeter des Friedhofs) Grabnummer 28, 1946.

Keinen Namen, kein Datum wird die Eisentafel je verraten. Es war einer der vielen unbekannten Menschen, die in Rußland starben und immer noch auf gleiche Art und Weise sterben.

Jetzt konnte man ins Lager gehen.

„Richard, wenn es uns doch nur nicht so ergehen möchte wie diesem Manne. Zu Hause bei mir im Rheinland begraben wir nicht einmal einen Hund so. Roh und grausam ist hier die Natur, genau so roh und unerbittlich sind hier die Verhältnisse, richtiger gesagt, die führenden Männer dieses Staates. Das kann doch aber nur hier zustande kommen," sagte einer der Gefangenen, als sie beim Schlitten angekommen waren.

„Ach, du meinst das Begräbnis? Da kann ich dir noch ganz andere Sachen erzählen. Dann wirst du staunen. Ich war sieben Monate im Lager Jassy in Rumänien. Was sich [?] dort zutrug, hat die Welt noch nicht gehört."

„Willy, das mußt du mir auch erzählen, denn ich hörte schon viel von einem gewissen Mörder von Jassy. Hängt deine Erzählung etwa mit dem zusammen?" fragte Siebert.

Der Schlitten hielt vor dem Lagertor. Aus der Wachstube kam Leutnant Twerdowsky und fragte:

„Habt ihr den Banditen aufgeräumt? Da haben wir einen Darmojeden (Umsonstesser) weniger. Er wird nicht der letzte gewesen sein, der in dieser Erde ruht [?]. Hol ihn der Teufel. Und ihr macht, daß ihr ins Lager kommt, marsch!"

**[S. 132]**

Das waren die Begleitworte, die sowjetischerseits den Gefangenen mit ins Grab geschickt wurden.

Am nächsten Tage suchte Siebert Willy auf und dieser erzählte ihm seine Erlebnisse aus Jassy.

Als im August 1944 die deutsche Front in Rumänien zusammenbrach, gingen die Überlebenden der deutschen Wehrmacht in die sowjetische Gefangenschaft. Das Los dieser Männer war schwer, tragisch und erschütternd. Sie mußten sich gleichzeitig gegen die Raublust der Rumänen und gegen die Unbarmherzigkeit der sowjetischen Truppen wehren. Wehren wäre noch gut gewesen, aber ihre einzige Wehrkraft bestand darin, daß sie alles, auch das Schlimmste in Ruhe über sich ergehen lassen mußten. Man trieb sie in Focşany, Bukarest, Konstanza und in Jassy in Massenlagern zusammen. Jassy war eines der größten Kriegsgefangenenlager auf rumänischem Boden. Ein ganzes Stadtviertel war mit dem hohen Stacheldraht umgeben. Dieses Lager unterschied sich in der Hauptsache von den anderen dadurch, daß hier nur kranke Gefangene hatte [sic — wohl: daß es hier nur kranke Gefangene hatte]. Kamen Gesunde ins Lager, so wurden sie halt krank. Am Leben blieben nur die, deren Körper und Geist die Ruhr, Typhus und die vielen anderen Krankheiten ertragen und überwinden konnten. Das Lager beherbergte in der Zeit von August bis Dezember 1944 etwa 6000 Gefangene — Männer und Frauen. Von Anfang an beherrschten das Lager ansteckende Krankheiten [?]. Am Lager selbst hatten die Gefangenen die Verwaltung in den Händen. Die Russen kamen nie ins Lager. Es interessierte sie nicht im geringsten, was dort vorging. Nach kurzer Zeit wurde das ganze Stadtviertel ein großes Lazarett, in dem sich die deutschen Ärzte unter Leitung von Professor Schou vergeblich um ihre zahlreichen Patienten mühten, denn es **[S. 133]** gab keine Medikamente, keine Verpflegung für die Kranken. Verpflegung gab es wohl, aber sie gelangte nicht an den Mann, man verschob sie nach links und nach rechts, ohne zu bedenken, daß von der Verpflegung das Leben der meisten Gefangenen abhing.

Oberzahlmeister Helmut Eckardt führte den Verpflegungsraum. Er hatte die Aufgabe, für die 6000 Personen von den Russen die Lebensmittel zu empfangen und sie dann weiter zu verteilen. Eckardt war ein Mann von 45 Jahren. Von Beruf war er Lehrer in Thüringen. Am stärksten waren bei ihm die Eigenschaften Unehrlichkeit, Selbst- und Habsucht ausgeprägt. Mit einer geradezu sadistischen Gleichgültigkeit konnte er Männer sterben sehen. Und dieser Mann sollte die Verpflegung der Gefangenen gerecht verteilen. Er verteilte sie auch!

Allwöchentlich feierte er auf Kosten der Lagerbelegschaft mit seinen Kumpanen große und kostspielige Orgien. Hierzu lud er etwa 40—50 Freunde und dazu viele [?] Krankenschwestern und Nachrichtenhelferinnen. Die wertvollsten Nahrungsartikel wie Fett, Obst, Zucker u. s. w. wurden hier verschlungen oder für Weine und Rauchwaren vertauscht. Tausende Männer warteten auf eine Nahrung, bei der sie gesund werden konnten, denn die Hauptursache ihrer Krankheit war der Hunger. Nichts geschah. Und dann begann das Massensterben. Täglich starben 60—70 Mann. Die höchste Sterbeziffer war 118 Mann. 118 von 6000 an einem Tage! Jeder konnte sich an den Fingern abzählen, wann er ungefähr dran kommt, wenn er es bis zum Schluß aushält. Es mußte ein Wunder geschehen! Jeder bangte um sein Leben und Eckardt trieb sein Unwesen gelassen weiter.

Jeden Morgen gingen die Sanitäter durch die Baracken und holten die Toten ab. Am Abend hatte der **[S. 134]** Mann noch gesprochen und morgens stand er nie wieder auf, d. h. er öffnete die Augen nicht mehr, denn aufstehen konnten sowieso nur die wenigsten. Die Leichen wurden sofort entkleidet, soweit man sie ihrer Kleidung noch nicht beraubt hatte. Das Elend hatte hier bestimmt seinen Höhepunkt erreicht. Menschliche Vernunft war hier in Jassy schon lange zu Grabe getragen worden.

Die Kranken lebten noch, wenn man ihnen ihre Schuhe auszog, die Brieftasche mit den werten Photographien der Lieben stahl, ihnen die Ringe, wenn diese noch vorhanden waren, von den knochigen Fingern streifte und in demselben Augenblick gegen ein Stück Brot verschacherte. Oft lagen die Sterbenden neben ihrem Topf dünner Suppe. Sie waren zu schwach, um allein zu essen und schauten sehnsüchtig nach einer helfenden Hand aus. Aber alles umsonst, nichts regte sich. Nein, im Gegenteil. Dutzende Augenpaare blickten mit entmenschtem Ausdruck auf den Topf und auf die Atemzüge des Eigentümers. „O, wäre er doch nur schon tot," sagten diese Augen. Jetzt hat er scheinbar den letzten Zug gemacht und schon stürzten sich mehrere Männer auf den Topf und wälzen [sic] sich neben dem Toten. Sterbende rauben den Toten die letzte Speise! Und morgen? Ja, morgen sind sie dran. Ja, morgen wird man sie auf einen Wagen werfen, als wollte man Schutt zur Abfallgrube bringen.

Auch in Jassy mußten die Beerdigungen abends vorgenommen werden. Jeden Abend verließen mehrere Wagen voll Leichen das Lager. Unschuldige Opfer eines doppelten Verbrechens des „zivilisierten und humanen" 20. Jahrhunderts! O, himmelschreiende Ungerechtigkeit, wohin hast [?] du die Gerechtigkeit verbannt!

Einst schickte Hitler sie in den Heldentod. Sie blieben am Leben und gerieten aber den Sowjets in die **[S. 135]** Hände. Hier gab es kein Entgehen, hier forderte man Opfer—Todesopfer. Man starb hier nicht den Heldentod, sondern eines Todes, der bisher keinen Namen hatte, den Tod in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Zur Beerdigung war ein 25 Mann starkes Kommando eingeteilt, dessen Mitglieder meist die charakterlosesten Männer waren. Wenn die Wagen vor den Massengräbern hielten, setzte nun jetzt [?] die grausamste aller Prozeduren ein. Man hat schon oft von Leichenschändung gehört, aber kaum hat ein Fall diese Leichenfledderei übertroffen. Das Bestattungskommando, auch Kandidaten des Todes, untersuchten jede Leiche nach goldenen Zähnen, die mittels Brechstangen ausgebrochen wurden. Bevor das Kommando ins Lager kam, waren sie in Lebensmittel umgesetzt und verzehrt [?]. Schließlich warf man die Leichen in die Gruben; eine über die andere, als wären es Steine—die Leichen, die Totengräber und die Herren von Jassy [?].

Dann deckte man die heutige Schicht mit Erde ab und morgen folgte die andere, bis das Loch voll war. Es faßte 300—350 Leichen. In der Zeit von Ende August bis Mitte Dezember 1944 starben in Jassy, nur in Jassy, 3600 Mann den Tod in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Und wer trug die Schuld daran?

Der Mörder von Jassy!!!

War Helmut Eckardt der tausendfache Mörder? Dieser scheinbar harmlose Oberzahlmeister? Er wurde als solcher bezeichnet, war aber nur ein willen- und charakterloses Werkzeug in den Händen der Zeit, ein zum Tier gewordener Mensch als Helfershelfer eines vernichtenden Systems.

Die eigentlichen Mörder von Jassy waren viele **[S. 136]** andere Subjekte. Sie trugen die Schuld an den Morden von Jassy.

Der Krieg begann das Morden ohne Maß. Was er nicht vollendete, besorgten die Sowjets, die scheinbar nichts damit zu tun haben wollten, aber ruhig und gelassen zusahen, wie eine Grube nach der anderen gefüllt wurde. Ja, und was machte es ihnen schon aus, wenn unter ihrer Aufsicht 3600 Mann mehr oder weniger starben? Die Steine ihrer berühmten Rechenmaschine reagierten erst bei zehntausend und dann nur mit [?] […].

Der Mörder von Jassy führte sein Zepter in Rumänien, Jugoslawien, Polen, Tschechoslowakei und Ostpreußen. Er wütete in den sowjetischen Städten Sumy, Kobeljaki, in den Gebieten vom Donbaß, des Urals, bei Tscheljabinsk, in Mittelasien und Sibirien, bei Archangelsk und in Karelien — überall der Mörder von Jassy. Ach wie lange trieb er schon sein grausames Handwerk! Sehr, sehr lange schon. Seit 1917 mordete er. Blut floß in Strömen. 1939 erreichte er, der Mörder, die Rekordhöhe. Er begann mit dem Mord der Polen aus der Westukraine, die er zu diesem Zweck nach Archangelsk verbannte. 400 000 waren es und nur wenige Tausend kehrten 1945 zurück.

1941 begann das Morden der deutschen Kolonisten in Rußland. Wer nennt die Zahl der noch lebenden Wolgadeutschen? Sie zählten 1941 800,000. Dann kam der Krieg. Der Mörder von Jassy hielt reiche Ernte. 1945 begann der Mord der vielen Flüchtlinge und der Verschleppten in den Weiten Sibiriens, der Mord an weit über einer Million Kriegsgefangenen. Seine Mordlust hat kein Ende.

Er mordete selbst noch dann, als er in Nürnberg **[S. 137]** über den Mörder von Dachau, Sachsenhausen, Monthausen [sic — Mauthausen] und Auschwitz zu Gericht saß. Er urteilte scharf, um seine eigenen Verbrechen zu verdecken. Und mit ihm saß am Richtertisch die ganze Welt und wagte es nicht, die beiden Mörder, den Nationalsozialismus und den Bolschewismus, zu gleicher Zeit zu verurteilen! War die Menschheit mit Blindheit geschlagen? Oder war das Maß des Verbrechens noch nicht voll genug? Oder profitiert man am Tod dieser Millionen Menschen? Der Erlös muß doch blutrot sein!"

Während Willy Siebert diese schreckliche Geschichte erzählte, hatte er sein Gesicht mit den Händen verdeckt und starrte auf den Boden.

„Ach, warum habe ich dir das eigentlich erzählt, helfen kannst du ja doch nicht. Aber ich wollte, daß es alle Welt erfährt, daß jeder weiß, wer der Mörder von Jassy ist. Wenn du die Gelegenheit hast, Heinz, schreie es in die Winde, damit ihn alle kennen lernen und sich vor ihm hüten"

Einige Monate später verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Kunde im Lager:

„Er ist da, der Mörder von Jassy und bittet um Einlaß. Kommt, seht ihn euch an."

Alles strömte zum Tor, wo eine kleine Gruppe Kriegsgefangener stand. Man schrie und zeigte auf einen alten ergrauten Mann. Eckardt war um viele Jahre älter geworden. Jetzt war auch er dran, den Weg seiner Kameraden zu gehen. Man beugte [?] ihm war [?], … zu verlieren [?] [Zeile stark unsicher, siehe Anmerkungen]. Früher hatte er nie daran gedacht, als andere wie die Fliegen starben, das berührte ihn nicht, jetzt zitterte er, denn Schnitter Tod hatte für ihn die Sense gewetzt. Müde stand er da. Sein Spitzbart bewegte sich ganz leicht.

**[S. 138]**

Die Masse tobte und schrie.

Als sich das Tor öffnete, wich sie schnell zur Seite, als hätte sich ein Löwenkäfig geöffnet. Im selben Augenblick drängte sich ein ganz junger Bursche nach vorne und schrie aus Leibeskräften:

„Eckardt, alle Schuld rächt sich auf Erden!"

Und sie rächte sich, denn wenn Eckardt sich an einen Tisch setzte, um zu essen, erhoben sich alle und verließen den Saal. Wollte er draußen in der Sonne seinen müden Körper wärmen, gingen alle schweigend von ihm. Ging er zur Arbeit, so mußte er vorne oder am Schluß allein gehen. Niemand blieb in seiner Nähe. Härter konnte man ihn kaum bestrafen. Dieser Zustand dauerte Monate lang.

Eines Tages wurde Siebert ins Lazarett gerufen. Eckardt hatte darum gebeten. Sie hatten noch nie ein Wort gewechselt. Was er nur wollte, denn seit einer Woche lag er mit einer schweren Lungenentzündung im Lazarett.

„Kamerad Siebert, entschuldigen Sie, wenn ich Sie hab rufen lassen, aber die Sache ist wichtig und sehr eilig," sprach Eckardt mit leiser Stimme.

„Ich werde nur noch einige Wochen leben, vielleicht auch weniger und da wollte ich Sie bitten, meinen letzten Willen aufzuschreiben und ihn meiner Frau zu schicken. Da muß ich aber noch vorausschicken, daß ich seit 1943 geschieden bin von [?] meiner ersten Frau. Gleich nach der Scheidung heiratete ich ein neunzehnjähriges Mädchen. Beide leben in meinem Hause, das ich der zweiten Frau hinterlassen will. Alles gehört ihr. Die erste mag wohnen, wo sie will. Schreiben Sie das bitte auf."

Siebert schrieb alles wortgetreu auf und Eckardt unterzeichnete. Am nächsten Tage brachte man ihn nach

**[unpaginierte Schlußseite]**

Kobeljaki, wo er kurz darauf in einem der vielen Massengräber des Mörders von Jassy seine letzte Ruhe fand.

„Jede Schuld rächt sich auf Erden!"

**Ende des zweiten Teiles.**

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## Fehlerberichtigung des 2. Teiles von „Gebt der Wahrheit die Ehre"

| Seite | Gedruckt | Soll heißen | Reihe |
|---|---|---|---|
| 55 | r | er | v. u. n. o. 16. |
| 60 | Arbeitbrigaden | Arbeitsbrigaden | v. u. n. o. [?] |
| 66 | Wanne [?] | Manne | v. u. n. o. 6. |
| 78 | Schulle | Schule | v. u. n. o. 12. |
| 129 | Nikolaewa | Nikolajewa | v. u. n. o. 17. |

*(Anm.: Die Korrektur zu S. 129 betrifft eine Stelle dieser Transkription; im Text als [sic] vermerkt. „v. u. n. o." = von unten nach oben.)*

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## Verlagsankündigung (Innenseite des hinteren Umschlags)

**Werte Leser.**

Durch Ihre tatkräftige Unterstützung bei der Verbreitung des 1. Teiles „Gebt der Wahrheit die Ehre" wurden die Verlagsunkosten beglichen und somit war auch die Voraussetzung zur Herausgabe des 2. Teiles geschaffen. Dafür möchte ich bei dieser Gelegenheit allen meinen herzlichen Dank aussprechen.

Sobald die Verlagsunkosten des zweiten Teiles gedeckt sind, erscheint der dritte Teil des Buches. Er behandelt in ganz besonderer Weise folgende Kapitel:

Das große Suchen.
Der rote Himmler.
Das Straflager 7149/2.
(Diese drei Kapitel konnten aus technischen Gründen nicht im 2. Teil gebracht werden.)
Die sowjetische Propaganda.
Die Entlassungen in die Heimat.
Das Schicksal der zurückbleibenden Gefangenen.
Frauen als MWD-Spitzel.
Das Arbeitsbataillon 1551.
Rußlanddeutsche und Ostpreußen ziehen nach Sibirien.
Die Ehe der Kriegsgefangenen.
Die Fabrik „Serp i Molot" in Charkow.
Die Flucht aus Polen.
Die Bitte der Russen.
Nach Hause.

Juli, 1950,
North Kildonan.

Der Verfasser.


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# DRITTER TEIL

**Karl Fast**
Erlebnisse aus Rußlands jüngster Vergangenheit.
1952 · Selbstverlag des Verfassers · North Kildonan, Manitoba, Canada.

*Alle Rechte vorbehalten. Druck von J. Regehr, 326 McKay Ave., North Kildonan, Manitoba, Canada.*

> „Wenn du glaubst, an einem ganz besonders schweren Kreuz zu tragen, so denke an das Los derer, die in sowjetischer Verbannung schmachten."
> — Der Verfasser.



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## Das große Suchen

**[S. 5]**

Als Siebert im November 1944 das letzte Mal zu Hause war, stand die deutsche Ostfront ganz wacklig vor Warschau, 130 Kilometer von seinem Wohnort. Man hatte alle Vorbereitungen für eine eventuelle Flucht getroffen, diese aber, wie schon so oft, zu spät angetreten. Den letzten Brief von Ella erhielt er vom Januar 1945, zwei Tage nach Beginn der großangelegten Offensive der Russen im großen Weichselbogen. Damals war Ella mit Lilli noch im Warthegau gewesen. Dann aber fehlte jede Nachricht. Das Schicksal der Angehörigen blieb für alle Soldaten ein Geheimnis, das sie nun Jahre lang quälen sollte.

Siebert hatte Ella bei seinem Weggang dringend eingeredet, so weit wie möglich nach dem Westen zu flüchten, ja nicht den Russen in die Hände zu fallen.

Aber was half da alles Einreden und Wollen, wenn es keine Transportmöglichkeiten gab. Hatte man glücklich einen Zug oder ein anderes Fahrzeug erwischt, so konnte doch mit einem Schlage alles von der jetzt mächtigen sowjetischen Kriegsmaschine in den Boden gestampft werden.

Siebert bangte um Ella und Lilli. Sollte das Glück nur so kurz gewesen sein? Wo würden sie in diesem heillosen Elend landen? Immer wieder sah er, wie russische Soldaten in ihre Wohnung eindrangen, sie vergewaltigten und dann schließlich nach Rußland verschleppten, damit sie elend in den Wäldern Sibiriens oder im Wüstensand Mittelasiens zugrunde gingen. Aber nicht nur ihn bewegte die Frage: „Wo sind unsere Angehö- **[S. 6]** rigen?" Alle trugen das schwere Los der Ungewißheit. Man hätte sich ja zu Hause erkundigen können, aber das war nicht so einfach bei den schlechten Postverbindungen in der Sowjetunion. Dazu kam noch, daß man den Kriegsgefangenen in Rußland nicht erlaubte, Briefe zu schreiben.

Siebert hatte Gelegenheit an den Bahnhof Storochodowo zu kommen und hier die vielen Transporte mit den zurückgeschleppten Deutschen aus der Ukraine und den „heimkehrenden" Zwangsarbeitern aus Deutschland, mit den vielen Verschleppten aus den Ostgebieten Deutschlands zu beobachten. Bei jedem Transport schaute er sehnsüchtig nach Ella aus. Er suchte vergeblich hinter den vergitterten Türen und Fenstern ein bekanntes Gesicht zu erkennen. Sich mit den Leuten zu unterhalten, war unmöglich, denn sowjetische Soldaten, von Spähhunden begleitet, hatten den Auftrag, diese Menschen ins Innere Rußlands zu schaffen. Sie alle waren Landesverräter und Kollaborateure, die laut Gesetz zu verbannen waren. Immer weiter rollten diese Elendstransporte, tagtäglich passierten sie den Bahnhof Storochodowo. Die Leute standen hinter den Türriegeln und schauten wehmütig in die Zukunft. Man hatte sie in Deutschland eingefangen und brachte sie nach Rußland. Ihre wenigen Habseligkeiten waren in Holzkoffern und Säcken verpackt. Von Zeit zu Zeit gab man ihnen etwas zu essen. Die kleinen Kinder weinten und schrieen in den überfüllten Waggons. Aber auch hier, wie überall in Rußland, gab es kein Erbarmen. Die Güterwagen mit dem lebendigen Gut rollten weiter ihrem noch unbekannten Ziele zu.

In jenen Wochen hatten einige Brigaden Kriegsgefangener auf dem Bahnhof zu tun. Sobald ein Tran- **[S. 7]** sport mit den Verschleppten einfuhr, wurden die Gefangenen angerufen, denn die Menschen im Wagen sahen in ihnen eine Welt, in der sie frei waren.

Jeder Gefangene aus Ostdeutschland suchte dann, gleich Siebert, die Fenster und Türen nach seinen Angehörigen ab, bis der Zug weiter fuhr.

„Grüßt uns die teure Heimat, wenn ihr jemals nach Hause kommt. Wir kommen nie wieder," hörte man die letzten Worte dieser Armen.

Enttäuscht und gedrückt gingen die Gefangenen wieder an die Arbeit. Wo würden sie ihre Lieben wiederfinden? Sie, die Männer, hielt man hier gefangen und die Frauen und Kinder brachte man an einen anderen Ort.

Ein großer Teil der Männer hatte bereits seit Mitte 1944 keine Nachricht von zu Hause. Was mochte in dem letzten Jahr geschehen sein? Vielleicht war ihre Stadt von amerikanischen Bomben in Schutt und Asche gelegt worden? Oder hatten sowjetische Truppen ihre Heimat verwüstet? Keiner kannte das Los des Vaterlandes.

Das quälende Gefühl der Ungewißheit verschonte niemand. Seit den ersten Tagen in Rußland wurde ständig das Verlangen nach einer Postverbindung mit der Heimat an die Russen herangetragen. Diese schwiegen sich jedoch beharrlich darüber aus oder erklärten die Genfer Konvention für ungültig, denn die Sowjetunion hatte sich dieser internationalen Organisation nicht angeschlossen. Hitler hatte, wie man den Gefangenen sagte, den sowjetischen Gefangenen auch nicht erlaubt zu schreiben und warum sollte man ausgerechnet sowjetischerseits so großzügig sein? Die sowjetischen Gefangenen hatten wirklich nie aus deutscher Gefangenschaft geschrieben.

**[S. 8]**

Wer aber war schuld daran?

Gleich mit Kriegsbeginn verbreiteten die Sowjets das Propagandagerücht, daß alle russischen Gefangenen von den Deutschen ermordet werden — es bleibt niemand am Leben. Von deutscher Seite war es den Russen erlaubt, mit ihren Angehörigen in Postverbindung zu treten, Moskau lehnte aber den Empfang der Post ab, weil man sich nicht Lügen strafen lassen wollte, denn die Gefangenen waren doch von der sowjetischen Propaganda für tot erklärt. Somit war für diese Leute jegliche Verbindung mit der Heimat unterbunden. Dieses Recht nahm man auch den Gefangenen in Rußland lange Zeit, bis man endlich Ende 1945 von Moskau darauf drängte, den Gefangenen die Möglichkeit zu geben, Rote-Kreuz-Karten zu schreiben.

Um diese Zeit erschienen eines Abends die Offiziere im Lager und ordneten an, die ganze Lagerbelegschaft antreten zu lassen. Kapitän Kostenko hatte unter den Arm ein Paket geklemmt und schaute grinsend auf die wartenden Gefangenen. Die übrigen sowjetischen Offiziere tuschelten untereinander, als gäbe es eine äußerst wichtige Sache zu verkündigen. Dann schob Kostenko seine rotumrandete Mütze ins Genick und erklärte:

„Kriegsgefangene! Ich habe euch mitzuteilen, daß unsere Sowjetregierung den großherzigen Beschluß gefaßt hat, den Kriegsgefangenen zu erlauben, mit ihren Angehörigen in der Heimat in Postverbindung zu treten. Ihr dürft alles, was ihr wollt, schreiben, nur über eure Arbeit hier, über euren Aufenthaltsort und über eure Mitgefangenen dürft ihr nichts schreiben. Die Post muß rein persönlichen Charakters sein. Natürlich, wenn ihr berichten wollt, daß es euch in der Sowjetunion gefällt oder wie wohlhabend unser Volk lebt, so ist das ge- **[S. 9]** nehmigt, damit schlagt ihr der kapitalistischen Propaganda ins Gesicht.

Geschrieben werden nur die von uns ausgegebenen Rote-Kreuz-Karten und zwar einmal im Monat. Jede Karte darf nur fünfundzwanzig Worte enthalten. Diese müssen mit Tinte und leserlich geschrieben sein. Seht ihr, wie großzügig euch die Sowjetregierung behandelt? Das hätte Hitler nie getan." Fragend schaute er in die strahlenden Gesichter der Gefangenen, denn diese hörten nicht mehr die prahlerischen Worte des Russen, sondern in ihren Ohren tönte nur: „Ihr dürft nach Hause schreiben."

Diese Botschaft löste eine große Freude aus, andererseits aber auch eine Angst vor der ersten Antwort, denn was würde diese enthalten?

Wie eine kalte Dusche wirkten die weiteren Worte Kostenkos: „Im Augenblick dürfen aber nicht alle schreiben, denn wir haben nur für ein Drittel der Lagerbelegschaft Karten. Es schreiben nur die besten Arbeiter, d. h. nur die, die ihre Arbeitsnorm über 125 Prozent erfüllt haben. Geschrieben wird nur nach Deutschland, Ungarn, Rumänien und Österreich. Aus den übrigen Ländern haben wir keine Gefangenen mehr."

Welch eine gemeine Lüge! Voller Entsetzen schauten die Franzosen, Holländer, Spanier, Polen, Tschechen, Jugoslaven, Bulgaren und die Deutschen aus den von Deutschland abgetrennten Gebieten ihn an. Sollten diese vielen Männer totgeschwiegen werden?

Als diese sich mit ihren Fragen meldeten, erklärte er ihnen höhnisch:

„Ihr seid alle Faschisten und für solche haben wir kein Papier. Ihr dürft nicht schreiben! Verstanden?"

Am folgenden Tage wurden die wenigen Postkar- **[S. 10]** ten verteilt und geschrieben. Sie enthielten fast alle folgende Sätze:

„Ihr Lieben! Bin gesund seit 1944 in russischer Gefangenschaft. Haben genug zu essen. Wie geht es Euch? Behandlung gut. Es grüßt Hans."

So wenig die Karte auch enthielt, aber sie war immerhin ein Lebenszeichen, auf das man zu Hause schon so lange wartete. Nachdem die Karten geschrieben waren, wurden sie eingesammelt. Jetzt begann die Dolmetscherin mit der Zensur. Sie hatte fürwahr keine leichte Arbeit, denn erstens konnte sie die Schrift nicht lesen und zweitens witterte sie hinter jedem Wort eine Spionagemeldung. Viele Nächte verbrachte sie mit der Zensur. Da sie aber unmöglich fertig werden konnte, warf sie die gesamte Post in den Ofen. Selbstverständlich erhielt nie ein Gefangener eine Antwort darauf. Erst im August 1946 kamen die ersten Antwortkarten ins Lager. Groß war die Freude bei den einen und noch größer die Hoffnungslosigkeit bei den anderen.

Nach dem ersten Postempfang kam der Gefangene Walter Malzer mit feuchten Augen ganz verwirrt zu Siebert und reichte ihm seine Karte, auf der u. a. zu lesen war: „Deine Familie und alle Verwandten kamen beim letzten Luftangriff auf Köln ums Leben. Verzage nicht. Komm erst mal heim."

Malzer war ein Mann von achtundvierzig Jahren. Die langen Kriegsjahre mit ihren unmenschlichen Strapazen hatten ihn alt gemacht.

„Sieh, Heinz, das ist nun meine erste Post. Keiner lebt mehr. Die Karte hat mein Freund geschrieben, der auf dem Postamt beschäftigt ist. Vierundfünfzig Personen waren wir in unserer Familie und ich allein habe **[S. 11]** mich bisher gemeldet. Was soll nur noch werden? Meine Frau mit unseren fünf Kindern liegt unter den Trümmern unseres Hauses begraben. Was habe ich noch vom Leben zu erwarten? Hat es noch weiter einen Sinn, das Los der Gefangenschaft zu tragen? Wenn uns der Russe nur bald entlassen würde, denn lange halte ich es ja sowieso nicht mehr aus. Was soll ich nur anfangen, Heinz?"

Hier war wirklich guter Rat teuer, ja wie wollte man den Menschen trösten? War ein Mensch überhaupt dazu in der Lage? Und schließlich war er ja nicht der einzige, dem es so erging. Unzählige Männer und Frauen in Deutschland und in der Gefangenschaft trugen das gleiche Los. Siebert wußte ebenfalls nichts über den Verbleib seiner Familie. Er tröstete sich aber immer mit seinem festen Vertrauen zu Gott, der Schutzengel genug hatte, um seine Lieben zu bewahren. Würde dieser Trost auch für den verzagten Kameraden Malzer zutreffen? Er ging an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

„Walter, ich bedaure dein unsagbares Unglück herzlich. Bleibe schön stark, denn du hast noch viele Aufgaben in deinem Leben zu erfüllen. Verzagen kann ein jeder, die Kunst des Lebens besteht aber darin, auch in den schwersten Stunden nicht zu verzagen. Laß uns nur nach Hause kommen, dann wird wieder manches gut. Ich habe auch noch keine Nachricht von zu Hause. Ich habe längst eingesehen, daß es mir nichts nützt, mich selbst abzugrämen. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen, denn ich weiß, daß sie für mich zum Besten sind. Das ist schwer, aber immer noch leichter, als mit dem Schicksal zu hadern."

Malzer ging in den nächsten Monaten wie krank **[S. 12]** umher. Seine Augen krochen [?] tief in die Augenhöhlen hinein, sein Gesicht wurde gelb und mager, bis er eines Tages krank im Lazarett landete. Nach seiner Genesung kam er langsam wieder zu sich. Nur wenn man mit ihm sprach, merkte man, daß ein großes Leid die Seele dieses Mannes belastete. Vergessen und Zerstreuung fand er in der Arbeit. Wo gearbeitet wurde, war Malzer dabei. Aber auch die Russen meinten es nicht gut mit ihm. Da er immer ruhig und still war, vermuteten die MWD-Spitzel in ihm einen Menschen mit einem unsauberen Gewissen. Sie bespitzelten ihn von allen Seiten und plötzlich war aus Malzer ein SS-Mann geworden. Diese Verleumdung wurde ihm zum Verhängnis: er mußte als politisch Verdächtiger bis September 1949 in Rußland bleiben. Gott führt die Menschen oft sonderbar! — Malzer aber trug seine Bürde ruhig und gelassen, von der anfänglichen Verzweiflung war schon längst keine Spur mehr.

Als die ersten Karten verteilt wurden, bedachte man Siebert nicht mit einer Karte, denn er wohnte auf polnischem Gebiet und von dort waren keine Gefangenen nach sowjetischer Erklärung. Erst im Mai 1946 durfte er die erste Karte schreiben. Er wollte überall suchen [?], wenn auch aussichtslos, aber er wollte sich später nicht den Vorwurf machen müssen, nicht alles versucht zu haben. Aus Polen traf keine Antwort ein. Sollte Ella dort geblieben sein, so hatte man sie längst nach Rußland gebracht oder sie war von den wütenden Polen umgebracht worden, denn sie haßten alles, was deutsch war, weil ihnen von den Deutschen zu viel Unrecht angetan worden war. Als hier kein Erfolg im Suchen war, schrieb Siebert aufs Geradewohl nach **[S. 13]** Deutschland an Bekannte. Aber auch dort fand man seine Familie nicht. Mittlerweile hatte bald das ganze Lager die Verbindung mit den Angehörigen herstellen können, d. h. man wußte, ob sie lebten, tot oder verschleppt waren.

Da erinnerte sich Siebert an die Anschrift des Prof. Dr. B. H. Unruh. Ihm wollte er noch schreiben, vielleicht könnte der helfen. Eine bange Wartezeit verstrich, bis endlich eine Karte von dort eintraf. Welch eine Freude! Sie leben! Prof. Dr. Unruh teilte ihm mit, daß Ella und Lilli in Westdeutschland lebten. Also hatte Gott wirklich einen starken Schutzengel für sie gesandt. Er hatte seine vielen Gebete erhört.

Ella und Lilli waren in Sicherheit, denn in Westdeutschland konnten die Sowjets nicht so ungehindert hausen wie in den von ihnen besetzten Gebieten. Wie lange würde es noch dauern, bis er nun direkte Verbindung hätte? Wieder hieß es warten und geduldig sein, bis eine in Rußland abgeschickte Karte den Weg nach Moskau, von dort nach Deutschland und wieder zurück nach Moskau, nach Poltawa und schließlich nach dem kleinen Ort Storochodowo gefunden hätte! Dann endlich hatte Ella geschrieben — nach fast drei Jahren Unterbrechung. Unzählige Fragen tauchten jetzt auf, die aber im Moment alle unbeantwortet bleiben mußten, bis später die Sowjetregierung ihn entlassen würde. Mit der frohen Nachricht von Ella hatte sich aber auch die Gefahr eingestellt, durch die Post verraten zu werden.

Wie schnell konnte hier seiner Frau eine Unvorsichtigkeit beim Schreiben unterlaufen und damit wäre all sein Mühen vergebens gewesen. Die Zensur brauchte nur den geringsten Verdacht zu schöpfen und schon würde seine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Frau und **[S. 14]** Tochter für immer verschwinden. Zu schrecklich, durch die Post von seiner Frau an die Russen verraten zu werden. Ein einziges unbedachtes Wort und sein Urteil war gefällt. Könnte er Ella nur einmal zur Vorsicht mahnen, aber auch das war ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Mahnung zur Vorsicht würde auch das MWD vorsichtig werden lassen [?]. Das mußte er ganz unauffällig tun.

Die Offiziere vom MWD nützten die Post weitgehend für ihre Zwecke aus. So brauchte in einer Karte nur die Rede von der Entnazifizierung in Deutschland zu sein und schon war der Empfänger politisch verdächtig: er könnte ja Nazi gewesen sein oder vielleicht mit ihnen sympathisiert haben. Um auch jede Karte zu studieren, war ein kompliziertes Zensursystem eingerichtet. Sämtliche Karten liefen auf die Adresse — Moskau. Von hier wurden sie auf die Lager verteilt. In den Verwaltungen wurde die Post von einem Postbearbeiter gelesen und alles Unerwünschte entfernt. Schrieb man z. B. etwas Positives aus den Westzonen Deutschlands, so wanderte die Karte in den Papierkorb. Äußerte sich der Schreiber aber negativ über die dortigen Verhältnisse, so kam die Karte als Propagandamittel ans „Schwarze Brett", damit sich ein jeder von den „Mißständen" beim kapitalistischen Regime überzeugen konnte. Bei den Karten aus der sowjetischen Besatzungszone war es umgekehrt.

Das umständliche Zensurverfahren hatte zur Folge, daß die Briefe mit großer Verspätung den Kriegsgefangenen ausgehändigt wurden. Berge von Post aus der Heimat und in die Heimat stapelten sich in den Zensurstellen. Um sich dieser großen Arbeit zu entledigen, griffen die Dolmetscherinnen zu dem einfachen Mittel: sie verbrannten die Post und viele Hunderttausend Mütter und Frauen warteten vergebens auf die wenigen **[S. 15]** Zeilen. Es ist kaum vorzustellen, wie schwer es ist, auf Post von einem lieben Menschen zu warten, der sich in ständiger Gefahr befindet. Obwohl der Krieg mit seinem millionenfachen Tod schon längst aus war, bestand die gleiche Gefahr in den Lagern immer noch. Wenn eine Karte zu Hause ankam, so war sie schon 3—4 Wochen alt und was konnte in dieser Zeit nicht alles passiert sein? Und dann fehlt die Post plötzlich drei bis vier Monate. Ein furchtbares Warten! Und die Dolmetscherinnen? Sie fanden es durchaus nicht niederträchtig. Ach, sie warfen die ungelesenen Karten mit lächelnder Miene ins Feuer, als wären sie herz- und gefühllos. Ein typisches Frauenzimmer dieser Art war Sara Katjko — eine jüdische Jungfrau, die nie die Sehnsucht nach lieben Menschen in ihrem Herzen gefühlt hatte, die nicht wußte, was es heißt, sich um einen Menschen zu sorgen. Daß sie sich nicht um Menschen sorgte, ist vielleicht etwas zu viel gesagt, denn ihre einzige Sorge um Menschen bestand darin, sie verdächtig zu machen und dann über diese Verleumdungen zu sammeln und zu erdichten, um ihnen dann irgendein Kriegsverbrechen „anzuflicken", wie sie sich selbst ausdrückte.

Katjko war eine Frau Mitte der dreißiger Jahre. Die ganzen Jahre hindurch wurde sie nur in einer grünen Frauenuniform der Sowjetarmee, bestehend aus Bluse und Rock, gesehen. Ihre Füße stacken in viel zu großen Männerstiefeln aus groben Leinen und dicken Gummisohlen. Wie ihre Uniform und Stiefel waren, so schien auch die innere Katjko zu sein. Sie hatte immer von Dreck dunkelgraue Hände, die in kurzen, unregelmäßigen Zeitabständen in den Haaren nach ungebetenen Mitbewohnern suchten. Ihr pechschwarzes Haar fiel in langen klebrigen Strähnen auf die Schultern. Aus **[S. 16]** den Augen sprühte förmlich Haß und eisiger Sadismus. Kalte Schauer rollten längs einem den Rücken, wenn sie eine von lieber Frauenhand geschriebene Karte in den Händen hielt. Immer wieder holte sie aus ihrer linken [?] Brusttasche ihren dicken Farbstift und strich die Zeilen durch.

Als Siebert wieder einmal Post abholen wollte, sagte sie ärgerlich zu ihm:

„Was Sie wollen? Etwa abholen dies billige Post? Deutsche Frau sein sehr verwöhnt und nichts wert. Immer nur sprechen von Sehnsucht und Liebe. Das sein ganz unnötig. Na, hier sehen Sie österreichisches Päckchen. Warum so hübsch verpacken? Das schmecken auch so gut. Nein, deutsche Frau sein dumm. Sie mir glauben das, Siebert?"

Was sollte er dieser Frau sagen? Es blieb ihm weiter nichts übrig, als ihr ein mitleidiges Lächeln zu schenken, denn gegen Dummheit war auch in Rußland noch kein Gras gewachsen.

Sara Katjko waltete ihres Amtes bis Anfang 1949. Zu dieser Zeit kam überraschend ein Vertreter des Innenministeriums aus Kiew ins Lager und erkundigte sich direkt bei den Gefangenen nach ihren Postverbindungen mit den Angehörigen in der Heimat. Seit jener Zeit war Katjko nicht mehr Postbearbeiterin im Lager — zur übergroßen Freude aller Gefangenen.

Für die Post war jetzt Frau Anna Chudokormowa zuständig, welche die Sache wesentlich ernster nahm, denn man legte jetzt besonderen Wert darauf, die Gefangenen in dieser Hinsicht zufrieden zu stellen, weil immer mehr Gefangene entlassen wurden und deren Schilderungen über die Verhältnisse in sowjetischer Gefangenschaft durchaus nicht zu Gunsten der Sowjetunion ausfielen.

**[S. 17]**

Man war gezwungen, in den Lagern, die nicht 1946 in Schweigelager verwandelt waren, was stets heftig von den Sowjets abgestritten wurde und heute noch stärker abgestritten wird, allen Gefangenen die Gelegenheit zu geben, zu schreiben. Keiner konnte ihnen jetzt vorwerfen, daß sie für die Kriegsgefangenen nicht geregelte Postverhältnisse geschaffen hatten. Von den Schweigelagern berichtete sowieso nie ein Mensch etwas gern [?] — bestanden aber. Klar, nicht in der Ukraine oder in Zentralrußland, sondern in Mittelasien. Von dort drang kein flehender Ruf in die menschliche Welt. Dort schwieg man; wollte man nicht, so wurde jedem das Schweigen mit brutaler Gewalt beigebracht. Die sowjetischen Lehrer des Schweigens hatten in ihrer Arbeit hinreichende Erfahrung.

Ende 1946 war Siebert, als er im Stab des Lagers die Kartei ordnete, zufällig Zeuge folgenden Gesprächs, das zwischen dem MWD-Leutnant Jegorow und Kapitän Kostenko stattfand.

„Genosse Kapitän, ich habe soeben den Befehl erhalten, alle politisch verdächtigen Gefangenen in ein Straflager abzustellen. Hier ist die Verfügung, unterzeichnet von Major Jagodkin," sagte Jegorow zu dem finster dreinschauenden Kostenko.

„Na und, dann stelle sie doch ab, was wartest du noch? Immer weg mit den Banditen. Sollen sie doch unsere Städte aufbauen."

Jegorow kratzte sich seinen kahlgeschorenen Kopf, aus dem zwei hinterlistige Schlitzaugen unruhig funkelten und stets verstohlen in die Welt schauten.

„Aber Genosse Kapitän, ich habe doch bis jetzt keinen politisch verdächtigen Gefangenen gefunden, ich bin doch erst kurze Zeit im Lager und Kartschagin hat sie **[S. 18]** alle fortgeschickt. Was soll ich tun? Wenn Jagodkin erfährt, daß ich keine Verbrecher ausfindig gemacht habe, jagt er mich fort wie einen alten Hund," erklärte Jegorow.

Kostenko schaute ihn ganz verwundert an:

„Und da weißt du nun wirklich nicht, was du anfangen sollst? Daß ich nicht schrecklich lache! Es ist zwar nicht meine Sache, mich mit der Aufdeckung von Kriegsverbrechern zu beschäftigen, aber helfen will ich dir gerne, denn es ist schließlich meine Pflicht als langjähriges Mitglied der bolschewistischen Partei."

Jegorows Augen strahlten freudig und rasch holten seine zittrigen Hände Notizbuch und Bleistift hervor, um das Nötige zu notieren.

„Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Genosse Kapitän. Ich wußte, daß Sie mir als Patriot unserer sozialistischen Heimat gerne behilflich sein würden."

Kostenko war ebenfalls ganz freundlich geworden über den gelungenen Erfolg, sich bei seinem MWD-Gewaltigen eine gute Nummer zu verschaffen, auf die er sich später einmal berufen wollte, denn es war eine besondere Ehre, an der „Entlarvung" von Kriegsverbrechern teilgenommen zu haben.

„Es ist nichts einfacher, als für solch eine Abstellung Leute auszusuchen. Politisch verdächtig sind bei mir alle Fritze. Da nimm mal den Schneidermeister Ernst Gregor. Er trug bis jetzt einen langen Vollbart. Gestern hat er ihn abgeschnitten. Der Mann ist verdächtig, denn wer weiß, was er morgen im Schilde führt. Und warum soll er nicht Nazi gewesen sein? Er hat so eine grobe Stimme wie ein Löwe. Den kannst du ruhig in ein Straflager schicken. Eigentlich ein bißchen schade, denn er ist ein perfekter Schneider. Weiter nimm den Wacht- **[S. 19]** meister Fritz Andlinger, vielleicht ist er dir schon aufgefallen, er hat ziemlich rotes Haar. Ist sonst ein stiller Kerl und arbeitet gut, aber wenn er vor seiner Kompanie steht, glaube ich immer einen deutschen Offizier vor mir zu haben. Klar, Nazi war er nicht, denn er war aktiver Soldat seit 1935 und die durften keiner Partei angehören, aber deshalb kannst du den Rothaarigen doch mitschicken.

Ach ja, da hätte ich bald den jungen Schuhmacher Maderich, Helmut vergessen. Er stammt aus der Tschechoslowakei. Stell dir vor, dieser Bursche sollte mir unlängst zu fünf Uhr die Stiefel besohlen. Und weißt du, wann er sie mir brachte? Erst um halb sechs. Eine Schweinerei diese Unpünktlichkeit. Sonst sind die Fritze sehr pünktlich, aber dieser hat es meiner Ansicht nach mit Absicht getan. Schicke ihn mit, damit er Pünktlichkeit lernt."

Jegorow hatte sich die Namen der Gefangenen aufgeschrieben. Elf Mann brauchte er, die ihm Kostenko diktierte. Bei mehreren wußte er nur den Namen, was aber an der Sache nichts änderte. Abends standen die elf Mann vor dem Tor und warteten auf ihren Abtransport. Man hatte ihnen alles abgenommen und eine strenge Bewachung angeordnet, denn sie mußten ja als Schwerverbrecher nach Poltawa befördert werden.

In Wirklichkeit war sich keiner von ihnen einer Schuld bewußt. Ernst Gregor war während des ganzen Krieges Kompanieschneider gewesen. Nie hatte er das Gewehr gebraucht, geschweige denn Russen erschossen. Mit Nadel und Zwirn ging er in Budapest in russische Gefangenschaft.

Fritz Andlinger, der aus einem kleinen bayrischen Städtchen stammte, war Wachtmeister in einer Flakein- **[S. 20]** heit in Rumänien. Dort kam er auch 1944 in Gefangenschaft. Er hatte wohl auf feindliche Flugzeuge geschossen, aber das konnte nicht als ein Kriegsverbrechen angesehen werden.

Helmut Maderich war knappe 19 Jahre alt. Mit siebzehn Jahren wurde er Soldat. Er war nie in Rußland bis zur Gefangenschaft. Ruhig und still, immer fleißig tat er seine Arbeit. Jetzt stand er mit seinen Kameraden als Kriegsverbrecher vor dem Tor, um den Weg in eines der vielen Schweigelager anzutreten und dort für immer zu verschwinden.

Anfangs glaubte man im Lager, die Männer würden nur in ein anderes Lager versetzt werden, um eine dringende Arbeit zu tun. Als aber ihre Angehörigen sich nach einigen Monaten nach ihrem Verbleib erkundigten, wurde es jedem klar, daß die elf Männer verschwunden waren. Nach einem halben Jahr suchten die Töchter Gregors aus Dessau immer noch ihren Vater, auch Frau Andlinger schrieb an die Lagerführung verzweifelte Briefe. Von den Männern war keine Spur. Nach einem vollen Jahr fragten die Angehörigen immer noch nach ihnen. Als Siebert die bittenden Briefe vorfand, ging er zum MWD und fragte, was damit geschehen solle.

„Was, die Frauen schreiben noch? Die haben ja eine große Ausdauer. So was Lächerliches. Die sollen sich andere Männer besorgen, wenn sie jemand sehen will [?], denn ihre Männer sehen sie nicht wieder. Die haben wir gut verwahrt, wie man Kriegsverbrecher in der Sowjetunion verwahrt. Bei uns erhält jeder von demokratischen Gerichten seine verdiente Strafe zugesprochen. Sie können gehen, Siebert."

Welch ein Hohn! Jedem vernünftigen Menschen wäre bei so einer bodenlosen Unmenschlichkeit die Zunge **[S. 21]** steif geworden und dieser Schurke sagte es lächelnd vor sich hin, als hätte er jemand „Gute Nacht" gesagt.

Männer dieser Art wurden aus allen Lagerabteilungen zusammengebracht und von Poltawa aus in einem aus 115 Mann bestehenden Transport in Marsch gesetzt. Wie groß die Zahl der Männer in diesen Schweigelagern (russisch lies — Straflager) [?] war, kann man nur ermessen, wenn man 115 mit ungefähr 400 multipliziert, denn so viel Lager gab es etwa um jene Zeit in der Sowjetunion. Wenn russischerseits die Existenz dieser Lager heute abgestritten wird, so dürften die Sowjets im Recht sein, denn in diesen Lagern ging es hoch her und es war äußerst schwierig, in diesen unmenschlichen Verhältnissen am Leben zu bleiben. Man muß heute leider annehmen, daß sich die Schweigelager von selbst aufgelöst haben, denn aufgefüllt konnten sie nicht mehr werden, weil ein Jahr später fast alle Kriegsgefangenen in Deutschland in den vielen Kriegsgefangenenkarteien erfaßt waren.

Oft und energisch protestierte man in Deutschland gegen die Schweigelager. Die Sowjetregierung schwieg sie beharrlich tot, ja man besaß sogar die Frechheit zu erklären, daß diese vielen Männer nie in sowjetischer Gefangenschaft waren.

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## Der Rote Himmler

„Brückner, Kurt Brückner, der Rote Himmler von Poltawa ist da," flüsterte man eines Tages im Lager. Von Mann zu Mann lief diese Neuigkeit. Nach etwa 15 Minuten sah man überall neugierige Gesichter um die Ecken schauen, offen traute sich niemand richtig **[S. 22]** auf den Hof. Was war eigentlich geschehen? Kurt Brückner war für die Wenigsten in Storochodowo ein Begriff. Man kannte den Mann nicht. Und plötzlich, wie aus den Wolken gefallen, war er da.

Auch Siebert hatte die Nachricht von Brückners Erscheinen gehört, was ihn zunächst vollkommen gleichgültig ließ. Immer mehr Kameraden kamen zu ihm und berichteten die tollsten Dinge.

„Du, Heinz, eben kam er durchs Lagertor in blitzblanken Lederstiefeln und Reithose mit Lederbesatz, sogar mit einer Krawatte ist er ausgerüstet. Und eine Miene hat er aufgesetzt, als würde die ganze Welt zu seinen Füßen liegen. Heinz, vor dem Kerl nimm dich in Acht, der ist toll. Oberleutnant Tschernousow begleitet ihn. Den Brückner sollen die Russen mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet haben. Schon manch einen Kameraden hat er verkauft. Hoffentlich bricht ihm jemand das Genick. Ich kenne ihn von Poltawa her. Vor ihm zittern dort 1900 Mann. Paß auf, Heinz, ich will dich warnen, denn du bist immer so offenherzig und das ist bei diesem Seelenverkäufer nicht am Platze."

Als Kühne [?] gegangen war, ging Siebert auf den Hof, wo sonst immer Männer saßen. Wo waren sie denn heute? Sie saßen auf ihren Pritschen: Brückner war im Lager, da ließ man sich besser nicht sehen.

Siebert stand gerade dem Zimmer des Antifaschistischen Aktivs gegenüber, als Lankow die Tür desselben öffnete und Brückner im Türrahmen erschien. Er war groß von Wuchs, die Haare wie angeklebt nach hinten gekämmt. An den Schläfen waren sie leicht ergraut. Er war erst 36 Jahre alt. Sein Gesicht verriet nichts weiter als eisige Kälte. Die schmalen, blassen Lippen waren fest zusammengekniffen. Seine nichtssagenden Augen saßen **[S. 23]** hinter einer großen Hornbrille und blickten stur umher. Jetzt stand Siebert direkt vor den beiden und Lankow stellte Brückner vor:

„Kamerad Kurt Brückner, der Leiter der Antifa vom Kreise Poltawa, hat schon sehr viel für die Gefangenen und für die Wiedergutmachung der Kriegsschäden in der Sowjetunion getan."

„Heinz Siebert, Lagerdolmetscher und Mitglied der Antifa."

„Ach so, du bist Siebert?" fragte Brückner. „Habe schon viel von dir gehört, wir sprechen uns noch. Ich werde euer Lager besichtigen und feststellen, was nicht in Ordnung ist und das scheint mir auf den ersten Blick recht viel zu sein. Hier muß ein neuer Wind rein. Bei euch herrschen scheinbar noch immer die braunen Nazis. Das waren die Herren von gestern, heute sind wir, die Antifaschisten, dran. Komm, Lankow, wo ist eure Küche?"

So eine Sprache wurde in Storochodowo nie gesprochen. Was Brückner da sagte, war ziemlich dick aufgeschnitten. Was wird der nur noch anstellen?

Langsam rückten die Arbeitsbrigaden ins Lager ein. Gleich am Tor stand Lankow und schickte sie in den Versammlungsraum, wo Brückner zu den Männern sprechen wollte. Jetzt standen über 900 Mann aneinandergedrängt und harrten der Dinge, die da kommen sollten, schon eine halbe Stunde lang, bis schließlich Oberleutnant Tschernousow und noch einige Offiziere erschienen. Hinterher kamen Brückner und Lankow.

„Lager, Achtung!" brüllte Fritz Mengensort [?], der als Lagerkommandant die Meldung machte:

„Herr Oberleutnant, das Lager hat sich zu einem antifaschistischen Meeting versammelt."

„Schon gut, Kommandant, die Leute dürfen sich **[S. 24]** rühren," befahl Tschernousow.

„Lager, rührt euch!"

Die Offiziere nahmen hinter dem rotgedeckten Tisch, auf dem eine qualmende Ölfunzel stand, Platz. Auf derselben Bank setzten sich Lankow und Brückner. Lankow erhob sich schwerfällig und schickte sich an, die Versammlung einzuleiten:

„Kameraden Antifaschisten! Ich eröffne hiermit unsere heutige antifaschistische Versammlung. Zuerst begrüße ich aber aufs wärmste unsere lieben Gäste von Poltawa, Oberleutnant Tschernousow und unseren Kurt Brückner. Auf der Tagesordnung steht nur eine Frage: ein Referat von Kurt Brückner über den Sinn und Zweck der Kriegsgefangenschaft und unsere Aufgabe in der Sowjetunion. Am Schluß des Referats könnt ihr Fragen stellen. Ich erteile nun weiter Kurt Brückner das Wort."

Brückner erhob sich langsam, blinzelte dem Oberleutnant lächelnd zu und ging an das Rednerpult, das ebenfalls mit rotem Tuch bespannt war. Lange stand er da und musterte gleichgültig die müden und hungrigen Männer. Dann begann er in einem stark sächsisch angehauchten Dialekt:

„Ich bin gekommen, um euch zu sagen, warum wir in der Gefangenschaft sind." Er sprach langsam, jedes Wort gedehnt und laut. „Wir haben die Sowjetunion überfallen, ihr Land verwüstet und wollten dem Sowjetvolke die Freiheit rauben. Es ist an uns Gefangene, die Ehre des deutschen Volkes wieder herzustellen. Das können wir aber nur, wenn wir das Zerstörte wieder aufbauen. Erst wenn diese Aufgabe gelöst ist, werden wir entlassen. Es glaube aber keiner, daß alle entlassen werden. Nein, lange nicht alle. Hier bleiben alle Faschisten. **[S. 25]** Dazu gehören alle SS-Angehörige, Mitglieder der NSDAP und ihrer Formationen, alle bürgerlich eingestellten Männer, es sei denn, sie ändern ihre Anschauung, alle, die gegen die Sowjetunion eingestellt sind, die gegen die ostdeutsche Demokratie wirken, alle kleinen und großen Kriegsverbrecher und alle diejenigen, die schlecht arbeiten und sich undiszipliniert verhalten. Entlassen werden nur Freunde der Sowjetunion."

Wie Peitschenhiebe trafen die Gefangenen diese Worte. Sie waren wohl von einem Deutschen gesprochen worden, der sich als billiges Werkzeug der Russen hingab, aber in der Tat waren sie die Meinung der sowjetischen Lagerleitung. Brückner sprach noch lange, aber keiner hörte ihm zu. Jeder dachte nur daran, zu welcher Rubrik der in Rußland Bleibenden er wohl gehören würde. Endlich war Brückner fertig. Lankow erhob sich:

„Kameraden, ich danke in eurem Namen unserem lieben Kurt Brückner für seine ergreifenden Worte und gleichzeitig fordere ich die Versammlung auf, stehend die Internationale zu singen." Das war der Höhepunkt der gemeinen politischen Vergewaltigung. Kriegsgefangene werden gezwungen, die zur Parteihymne der KPdSU erhobene Internationale zu singen! Mit Widerwillen standen die Männer auf. Nicht singen gab es nicht, denn das konnte einem den Vermerk „politisch unzuverlässig" einbringen. Lankow und Brückner stimmten an. [Es folgen zwei Zeilen der „Internationale".]

Endlich war das Lied zu Ende. Die Männer durften zum Abendessen gehen. An den nächsten Tagen sprach man nur über die Rede Brückners, denn sie hatte die Gemüter tief aufgewühlt. Gesenkten Hauptes gingen sie zur Arbeit und müde, wie gerädert, kehrten sie abends zu- **[S. 26]** rück.

Am Vormittag kam der Laufbursche von Lankow zu Siebert und bat ihn ins Antifazimmer. Dort saß Lankow hinter großen Listen der Kriegsgefangenen.

„Heinz, du sollst zu Brückner ins MWD-Zimmer kommen. Der Oberleutnant ist auch da," sagte Lankow. Siebert ging zum MWD-Zimmer über den Lagerhof. Im gefürchteten Vernehmungszimmer saß Brückner mit übergeschlagenen Beinen auf dem Platze, wo sonst der MWD-Offizier saß. In der Ecke des Zimmers hatte der Oberleutnant Platz genommen und schaute teilnahmslos zum Fenster hinaus.

„Nimm Platz, Siebert," sagte Brückner und wies auf einen Schemel, der vor dem Tisch stand. Siebert setzte sich und schaute auf den Oberleutnant, der ihn jetzt von unten bis oben musterte.

„Ich will nichts von dir, sondern Brückner möchte einige Fragen stellen," erklärte Tschernoussow.

Was wollte Brückner eigentlich? War er nicht genau so ein Gefangener wie alle anderen? Wer hatte dem das Recht gegeben, seine Mitgefangenen zu vernehmen?

„Ja, da staunst du, was? Ich will, daß in diesem Lager demokratische Verhältnisse eingeführt werden und da werden noch viele Späne fallen müssen. Doch das nebenbei. Zunächst möchte ich wissen, wer du bist. Dein Name ist Heinz Siebert?"

„Jawohl, Heinz Siebert," antwortete der Gefragte. Weiter erkundigte Brückner sich nach Sieberts allgemeinen Personalien, worauf Siebert ihm die gewünschten Antworten erteilte.

„Sage einmal, von wann bis wann warst du bei der NSDAP?" war die weitere Frage Brückners.

„Erstens, staune ich über diese Fragerei, denn ich **[S. 27]** wußte nicht, wie du dazu kommst, mich zu verhören. Zweitens, will ich dir antworten: ich war weder bei der Hitlerjugend noch bei der NSDAP," sagte Siebert kurz.

Brückner wurde krebsrot, seine Augen flitzten hinter den Gläsern unruhig hin und her, die spitze Nase hob sich leicht in die Höhe.

„Ich habe ein Recht, dich zu verhören, weil ich von der Hauptverwaltung dazu eingesetzt bin, die Lagerführungen auf ihre politische Einstellung und noch mehr auf ihre politische Vergangenheit zu prüfen. Unerwünschte Elemente werden rücksichtslos entfernt werden [sic]. Du auch. Ich kann dir mit Bestimmtheit sagen, daß du fanatischer Faschist und Reaktionär bist. Dich werde ich noch klein kriegen. Es wird recht bald geschehen, denn in Kürze wird die antifaschistische Bewegung die Lager ergreifen und Leute deiner Sorte werden über den Haufen geworfen. Mit dir bin ich fertig. Wir sprechen uns später noch. Raus!"

Siebert erhob sich ohne ein Wort zu sagen, grüßte den Oberleutnant und verließ das Zimmer. Auf so eine Art und Weise vernahm Brückner die gesamte Lagerleitung. Das Resultat war erschütternd, denn als Brückner am nächsten Tage das Lager verließ, wurden seine Anordnungen von der russischen Lagerleitung ins Leben umgesetzt. Viele Männer wurden ihres Postens enthoben und an ihre Stelle kamen „Antifaschisten" — sie mußten Lankows Freunde sein. Er selbst triumphierte, denn ihm war im Lager unbeschränkte Gewalt zugesagt worden.

Weil Siebert dem antifaschistischen Aktiv als Dolmetscher angehörte, hatte Brückner angeordnet, ihn sofort als Faschisten auszuschließen. Als Lagerdolmetscher mußte man ihn behalten, da sonst niemand mehr im Lager war, der russisch sprach und schrieb.

**[S. 28]**

Ostern 1947 traf plötzlich die Kapelle des Lagers aus Poltawa in Storochodowo ein. Zweieinhalb Jahre hatte man keine Musik gehört und daher war es verständlich, daß sich jeder zu diesem Besuch freute.

In den letzten Monaten hatte man das Lager Storochodowo in ein Erholungslager für abgeschundene und halbverhungerte Kriegsgefangene umgebaut. Man nahm den Männern alles ab und ließ sie nur in Unterwäsche im Lager laufen, wenn sie noch laufen konnten. Die meisten mußten wegen der körperlichen Schwäche auf den Pritschen bleiben.

Nach der Ankunft der Musiker, denen sich auch einige Propagandaredner und die Schwester Thea Kugler angeschlossen hatten, war das Lager in heller Aufregung. Endlich einmal etwas Abwechslung in dem jahrelangen Einerlei.

Die ganze Belegschaft versammelte sich in dem großen Raum, wo man eine behelfsmäßige Bühne errichtet hatte. Das rot geschmückte Rednerpult stand auch wieder da, von dem am Ostersonntag von Brückner und und [sic] seinen Kumpanen prokommunistische Reden geschwungen wurden. Als letzte sprach Thea Kugler, eine Krankenschwester, als deutsche Frau zu den Gefangenen. Dann endlich kam die ersehnte Musik mit den alten deutschen Weisen, die wie Klänge der Heimat in die sehnsuchtsvollen und müden Herzen der Gefangenen drangen. Die Gesichter der Männer wurden heller, die gelbe, teils aschgraue Farbe verschwand von ihren Zügen. Die Kapelle schien Wunder zu wirken, denn die sonst so apathischen Männer applaudierten ununterbrochen, als befänden sie sich in einer Oper in irgendeiner deutschen Stadt. Drei Stunden Erholung brachte die Kapelle den Gefangenen. Sie hatten an diesem Ostertag erfahren, daß **[S. 29]** es sich noch verlohnte zu leben, denn die Musik hatte in ihnen die Sehnsucht nach der Heimat erst auf den Höhepunkt gebracht. Als Dank hatten die Männer für die Musiker viele Blumenkränze zurechtgemacht, die ihnen jetzt, nachdem die letzten Töne des Liedes „Muß ich denn zum Städtlein hinaus" verklungen waren, überreicht werden sollten. Doch anstatt den Musikern zu danken, ging Lankow auf Brückner zu, gab ihm die Hand, die er bis zum Schluß seiner Schmeichelrede nicht wieder losließ und begann seinen Dank persönlich Brückner auszusprechen, der doch wirklich nichts mit der Musik zu tun hatte, sondern nur mitgekommen war, um seine hetzerischen Reden zu halten. Für die eigentlichen Darsteller hatte er kein einziges Wort des Dankes übrig. Er schloß mit den Worten:

„Als Dank für den heutigen Nachmittag versprechen wir, all unsere Kräfte für den Wiederaufbau der sozialistischen Heimat der Werktätigen einzusetzen, auf den Baustellen wollen wir nicht unter 125 Prozent unseres Leistungssolls schaffen. Ganz besonderen Dank schulden wir dir, lieber Kamerad Brückner." Er setzte sich rasch, denn er spürte zu gut die zornigen Blicke der Männer. Er hatte alles andere als in ihrem Sinne gesprochen. Brückner saß lächelnd da und ließ die Huldigung ruhig über sich ergehen, ohne sie als unverdient zurückzuweisen.

Von allen Seiten schob man Siebert die Blumen für die Musiker zu:

„Geh, Heinz, bringe ihnen unseren herzlichen Dank für die frohen Stunden."

Es blieb Siebert nichts anderes über, als dieser Aufforderung zu folgen. Ohne jemand zu fragen, bestieg er die Bühne und bedankte sich warm bei den Musikern. **[S. 30]** Er brachte die Meinung der Männer zum Ausdruck, ganz abgesehen von der Meinung Brückners und Lankows. Diese saßen wutschnaubend vor der Bühne und schauten sich fragend an.

Gleich nach dem Konzert wurde eine außerordentliche Sitzung des Aktivs anberaumt, deren Beschlüsse für Siebert von großer Bedeutung waren. Wütend hatte Brückner Lankow die Frage gestellt:

„Wer führt hier das Lager, das Aktiv oder Siebert? Wann stellt ihr diesen Faschisten endlich einmal kalt? Du scheinst von der Diktatur des Proletariats keine Ahnung zu haben! Wendet sie auf Schritt und Tritt an, lernt es hier in der Sowjetunion, denn zu Hause in Deutschland wird es noch oft und lange nötig sein. Wenn die Masse der Gefangenen für ihn ist, arbeitet so, daß sie gegen ihn eingestellt wird. Waschlappen seid ihr alle. Morgen schon werdet ihr sehen, wie man mit solchen Männern verfährt."

Brückner hatte Wort gehalten, denn bereits am Ostermontag kam ganz aufgeregt die russische Krankenschwester Woronkowa zu Siebert und berichtete, daß ein Versetzungsbefehl für ihn eingetroffen sei.

„Was haben Sie nur verbrochen, Siebert? Sie sollen noch heute nach Poltawa in den Strafzug. Man beschuldigt Sie der Spionage unter der Zivilbevölkerung. Stimmt das? Wenn ich Ihnen nur helfen könnte. Sagen Sie aber niemand von dieser Sache. Machen Sie sich sofort fertig."

Siebert wußte nicht, wie ihm geschah. Wo sollte er Spionage betrieben haben? Zu wessen Gunsten? Wofür in den berüchtigten Strafzug von Poltawa? Nein, das konnte nicht wahr sein. Sollte das etwa der Dank für seine aufopfernde Arbeit zum Wohle der Gefangenen **[S. 31]** sein? Gleich wußte er, daß hinter dieser schmutzigen Sache Brückner stand.

„Ich danke Ihnen, Schwester, für die Nachricht. Ich werde schweigen. Verbrochen habe ich garnichts. Sie kennen doch den Mann mit der Brille, der gestern hier war? Er hat mich in Poltawa verleumdet. Seien Sie ruhig: ehrlich währt am längsten."

Siebert ging mutlos auf sein Zimmer und packte seinen Rucksack. Was würde jetzt aus ihm werden? Dauernde Vernehmungen, Strafzug, verschärfter Arrest — alles Dinge, die dazu angetan waren, einen Menschen mürbe und gefügig zu machen. Am schlimmsten war der Strafzug, den es in jedem Hauptlager gab. Dort brachte man alle diejenigen unter, denen man kein konkretes Vergehen vorhalten konnte. Die Behandlung im Strafzug war brutal und rücksichtslos, denn als Strafzugkommandant war meistens ein Kriminalverbrecher aus den Konzentrationslagern Deutschlands eingesetzt. Diese kannten die Methoden der Menschenschändung bestens und waren gerne bereit, ihre Erfahrungen an den Mann zu bringen. Der Strafzugkommandant unterstand unmittelbar dem MWD-Offizier und hatte von ihm unbeschränkte Gewalt über die Insassen des Strafzuges. Ihm stand es zu, jeden Gefangenen grausam zu prügeln. Beschwerden trafen von dort keine ein — es war verboten. Auf der Arbeitsstelle wurden im Laufschritt die schwersten Arbeiten verrichtet. Die sogenannten „Sträflinge" mußten 10 Stunden schuften. Jeglicher Lagerdienst — Hofkehren, Sand tragen u. s. w. — wurde nach der Arbeit von ihnen getan. Diese Männer bekamen keine Post von zu Hause und durften in der Zeit ihres Arrestes auch nicht schreiben. Noch schlimmer, ihnen war es strengstens untersagt, mit ihren Kameraden zu sprechen. Waren sie end- **[S. 32]** lich mit ihrer Arbeit fertig, so wurden die Türen zum Strafzug verschlossen. Man mußte äußerst stark gebaut sein, um dieser Quälerei gewachsen zu sein. Selten hielt es dort jemand länger als sechs Wochen aus. Nach dieser Zeit waren die Bestraften zu OK-Männern geworden (d. h. erholungsbedürftig nach sowjetischen Begriffen). Auch der Stärkste wurde im Strafzug mürbe gemacht. Für besondere Fälle hatte man Einzelzellen eingerichtet. In ihren Eisentüren befand sich das gefängnisartige „Kuckucksloch", die einzige Öffnung, durch die das Tageslicht eindringen konnte. Kein Bett, kein Stuhl war hier vorhanden. Nackter Lehmboden, auf dem es von Flöhen wimmelte, diente als Bett und Sitzgelegenheit. Um den Gefangenen nie zur Ruhe kommen zu lassen, war an der Decke eine starke Glühbirne angebracht, die Tag und Nacht brannte. Unbarmherzig quälte das Licht den Eingekerkerten. Die Verpflegung im Strafzug war bedeutend schlechter als die der „freien" Gefangenen, die ohnehin schon schlecht genug war. Dazu kamen noch die ständigen Verhöre des MWD-Offiziers.

Wer war in der Lage lange in solchen Verhältnissen auszuhalten? Die Zustände im Lager von Poltawa waren Siebert genauestens bekannt. Trotz des Bewußtseins, daß er unschuldig war, fürchtete er sich in so eine Umgebung zu kommen.

Abends hatte er sich über seine Lage etwas beruhigt, denn sein festes Gottvertrauen verlieh ihm Kraft und Trost. Gott, der ihn bisher durch alle Klippen der letzten Jahre geführt hatte, würde ihn auch diesmal leiten. Davon war er am Morgen fest überzeugt.

Gleich nach dem Frühstück wurde er zur Wache gerufen und der diensthabende Wachoffizier erklärte ihm, daß er den Befehl habe, ihm sofort den Passierschein für den **[S. 33]** freien Ausgang aus dem Lager zu entziehen. Ab heute dürfe er nur noch in Begleitung eines Soldaten draußen seinen Dienst ausüben. Den Grund dürfte er ihm nicht verraten, der Lagernatschalnik habe es so befohlen. Siebert reichte ihm schweigend den Schein hin.

Gestern war er noch eine Person, der man nichts Schlimmes zutraute und heute war er nicht mehr zuverlässig genug, um das Lager für eine halbe Stunde zu verlassen. Übernacht war alles verschwunden, was er sich in der Zeit von über zwei Jahren erarbeitet hatte. Für ihn selbst war der Entzug seines Passierscheines nicht so tragisch, aber er hatte dadurch so viel für seine Mitgefangenen tun können. Die Möglichkeit, für sie zu sorgen, war ihm hiermit genommen. Wenn es hiermit schon zu Ende wäre! Jetzt mußte ja auch schon bald der Befehl zur Abfahrt erteilt werden. Doch nichts geschah weiter. Man rief ihn nicht wieder. Voller Unruhe schaute er auf's Lagertor, wenn jemand das Lager betrat. Jede Minute konnte man ihn rufen.

Am späten Nachmittag rief ihn die Schwester Woronkowa wieder ins Lazarett.

„Siebert, Sie bleiben hier. Leutnant Sorokin hat den Befehl zu Ihrer Versetzung rückgängig gemacht, weil er Sie so nötig im Lager braucht. Man wird Sie aber stärker beobachten. Seien Sie vorsichtig. Lankow hatte starke Beschuldigungen gegen Sie eingebracht. Sind Sie jetzt beruhigt?" fragte die Schwester mit strahlenden Augen.

Einmal war die drohende Gefahr abgewandt, was aber noch lange kein Grund zur Beruhigung war, denn sobald Brückner erfährt, daß seine Anordnung nicht ausgeführt wurde, wird er zu neuen Verleumdungen greifen, die vielleicht viel schlimmer sein können als die ersten. Diesem Menschen waren alle Mittel recht, um **[S. 34]** ans Ziel zu kommen und mögen sie noch so dreckig und gemein sein.

Der Vorfall von Ostern kam garnicht mehr zur Erörterung. Man hatte angeblich Gras darüber wachsen lassen. Brückner zeigte sich seit jener Zeit auch nicht mehr in Storochodowo. Seine Aufmerksamkeit verlegte er mehr auf die übrigen Lager, wo er ebenfalls nur Unheil und Unordnung anstiftete.

Man schrieb den 2. Juni 1947, als wiederum die Schwester Woronkowa Siebert traf und ihm mitteilte:

„Morgen müssen Sie das Lager verlassen. Sie kommen jetzt endgültig nach Poltawa. Daran ist nichts mehr zu ändern. Diesmal hat man aber etwas anderes mit Ihnen vor. Jetzt gehen Sie, sonst geht's mir schlecht."

Siebert erhielt noch am selben Tage den Auftrag, seinen Dienst einem anderen Gefangenen zu übertragen und sich zur Abfahrt nach Poltawa zu rüsten. Um drei Uhr nachts würde der MWD-Offizier mit ihm fahren. Also unter starker Bewachung sollte er fortgeschafft werden und dazu noch bei finsterer Nacht. Die Umstände waren erschreckend, denn unter ähnlichen Verhältnissen war schon manch ein Gefangener verschwunden. Doch zu ändern gab es da wirklich garnichts. Siebert machte sich über sein weiteres Schicksal wenig Gedanken, denn er handelte nach dem vielfach erprobten Grundsatz: erst lasse das Unvermeidliche in greifbare Nähe rücken und dann befasse dich mit ihm und sieh zu, was du machen kannst. Vermagst du nach Aufgebot aller deiner Kräfte nichts, so lege die Angelegenheit in festem Glauben in Gottes Hände; er schickt es so, wie es für dich am besten ist.

In der Nacht kamen seine Kameraden zusammen, um sich von ihm zu verabschieden. Dann ging er ans Tor, wo der Offizier bereits auf ihn wartete. Während der **[S. 35]** ganzen Fahrt nach Poltawa unterhielt sich der Offizier freundlich mit Siebert, als wären sie gute Freunde, was nichts Alltägliches war. Demnach konnte sein Fall nicht so schwer sein.

Nach drei Stunden waren sie auf dem Bahnhof Poltawa angekommen, der durch den Krieg vollkommen zerstört war, heute aber bereits wieder aufgebaut worden war. Viele Kriegsgefangene und noch mehr Strafgefangene hatten ein Bahnhofsgebäude errichtet, das an Schönheit das frühere bei weitem übertraf. Durch die Stadt, die ebenfalls stark zerstört war, ging es zu Fuß, denn Poltawa mit seinen mehr als 100 000 Einwohnern hatte weder Omnibus- noch Straßenbahnverkehr.

Die Hauptverwaltung lag direkt im Stadtzentrum. Als man dort ankam, hieß der Oberleutnant Siebert draußen zu warten. Es war erst acht Uhr morgens, daher legte er sich ins Gras, um den versäumten Schlaf aufzuholen. Gegen elf Uhr wurde er gerufen und ein Soldat führte ihn bis vor die Tür des Dienstzimmers von Oberleutnant Tschernoussow.

„Na, Siebert, auch in Poltawa gelandet? Ist gut so. Komm, setz dich dort in den Sessel. Weißt du, warum wir dich hierhergeholt haben?" fragte Tschernoussow.

„Leider, Herr Oberleutnant, keine Ahnung. Etwa, um mich in den Strafzug zu stecken?"

„Die Angelegenheit mit dem Strafzug haben wir geklärt. Es waren Märchen von Lankow. Er konnte dich nicht ausstehen und daher hatte er manches erfunden. Das ist erledigt. Doch jetzt zur Sache. Wir wollen hier für die Offiziere einen Kursus für deutsche Sprache einrichten und den sollst du leiten. Hast du Lust dazu? Oberstleutnant Kusmin, der neue Natschalnik, wünscht es so."

**[S. 36]**

„Ganz wie Sie befehlen, Herr Oberleutnant," antwortete Siebert.

„Na, schön. Bis wir damit anfangen, dauert es noch zwei Wochen. Bis dahin kannst du dich ausruhen, du siehst nämlich ziemlich abgearbeitet aus. Wo willst du wohnen, im Lager oder hier bei der Stabskompanie?"

So eine Zuvorkommenheit war für Siebert vollkommen neu. Erst durfte er nicht mehr das Lager verlassen und dann wollte man ihn außerhalb des Drahtzaunes unterbringen. — War es vielleicht auch nur eine Falle, mittels derer man ihn fangen wollte. Wie leicht könnte er da wieder spionageverdächtig werden.

„Herr Oberleutnant, ich möchte im Lager wohnen. Da ist es nicht so einsam bei den Kameraden."

„Soll mir recht sein. Hier hast du einen Zettel an Oberstleutnant Rodin, du kennst ihn doch? Er soll dich unterbringen. Du gehörst aber nicht zum Lager, sonst mußt du gleich arbeiten." Damit war Siebert entlassen und wurde ins Lager auf der „Sowetskaja" 88 gebracht. Als erster empfing ihn hier sein guter Freund Müller, der hier Lagerkommandant war und ihn auf sein Zimmer nahm. Das Lager war verhältnismäßig gut eingerichtet, doch über allem schwebte der böse Geist Brückners, der das gesamte Lagerleben von unten bis oben beherrschte.

Ohne sein Wissen wurde hier nichts gemacht. Um alles genau zu überwachen, hatte er sich ein ganzes Heer von Spitzeln angeworben, die sich in jeder Brigade, auf allen Baustellen befanden. Sie waren in der Schneiderei, in der Küche und selbst im Strafzug fehlten sie nicht. Mit Hilfe dieser unbekannten Spitzel hatte er eine Atmosphäre geschaffen, in der man sich immer beobachtet fühlte. Viel größer als in einem anderen Lager war hier die Ge- **[S. 37]** fahr, an das MWD verkauft zu werden. Die Spitzel kamen unter verschiedenen Umständen täglich zu Brückner und meldeten ihm restlos alles, was am Tage gesprochen wurde, wie sich die einzelnen Männer bei der Arbeit betrugen u. s. w. u. s. f. Brückner saß hinter einem großen Schreibtisch und notierte alle Meldungen, die dann, von ihm unterzeichnet, eine halbe Stunde später beim MWD landeten. Er hatte es durch diese Meldungen, richtiger gesagt Verleumdungen, bis zu einem guten Vertrauen beim MWD-Offizier, Kapitän Kopkin, gebracht und konnte sich erlauben, seine Vorschläge zu den einzelnen Meldungen zu machen. Dadurch war er in der Lage, einen beliebigen Mann im Lager kaltzustellen, der ihm nicht in sein Spiel paßte. In dieser Zeit war niemand imstande, eine Stimme gegen Brückner zu erheben. Er gab sich als radikaler Kommunist aus und als solcher wurde er vom MWD auch angesehen. Um dieses unter Beweis zu stellen, verleumdete er unzählige Kameraden. Er vernahm sie selbst, schrie und drohte mit Gefängnis, was auch sehr häufig nicht nur bei der Drohung blieb. Im ganzen Kreise Poltawa gab es unter den Kriegsgefangenen nicht seinesgleichen.

Als einem Gefangenen das Treiben Brückners doch zu wild wurde, erzählte er im Lager, daß er Brückner von Hause aus kenne als einen aktiven Nazi. Selbstverständlich erfuhr auch Brückner davon und nun setzte er seinen ganzen Spitzelapparat in Bewegung, den Mann ausfindig zu machen, der es gewagt hatte, seine Stimme gegen Brückner zu erheben. Nach kurzer Zeit hatte man ihn entdeckt: es war tatsächlich ein Landsmann Brückners, Franz Piele [?] aus der Stadt Greiz. Seine Tage im Lager waren gezählt; er verschwand in ein Straflager, wo er nie wieder Gelegenheit hatte, eine Aussage zu tun. Brück- **[S. 38]** ner hatte ihn zum Erzfaschisten gemacht.

Der rote Himmler faßte hart zu. Wenn die Frau des Gefangenen Kiefe [?] heute noch auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, so kommt diese Schandtat auf das blutige Konto Brückners, der im thüringischen Städtchen Greiz zu suchen ist, falls ihn nicht dasselbe Los in der letzten Zeit der Gefangenschaft ereilt hat.

Seine Mitarbeiter in Poltawa glichen ihm fast alle. Seine rechte Hand nach außen hin war der Schneidermeister Kurt Schulz. Man hätte annehmen müssen, daß sie gute Freunde waren. Bei weitem gefehlt. Sie waren Todfeinde, sobald sie einander nicht sahen. Standen sie aber auf der Bühne vor den Männern, so schworen sie sich „ewige Freundschaft und Treue im Kampfe für die Sache des Kommunismus."

Eines Tages zogen sie auf einer Versammlung wieder, wie so oft, über die Offiziere der deutschen Wehrmacht her. Schulz erging sich in seiner Gemeinheit so weit, daß er der Lagerbelegschaft den Vorschlag machte, im Lagerhof einen Galgen für die deutschen Offiziere zu errichten. Brückner stand daneben und lächelte, denn auch er benützte die Offiziere als Prellböcke. Sie waren nach der Meinung dieser Herren an allem schuld, ganz gleich, was passierte. Nach der erwähnten Hetzrede sagte Schulz zu dem Gefangenen Wilhelm Mieke:

„Mensch, wenn ich könnte, den Brückner erschlüge ich auf der Stelle." Dieser Ausdruck war die Krone der Freundschaft zwischen diesen beiden Männern des zukünftigen „demokratischen" Deutschlands. Das bildeten sie sich wirklich ein, zu sein.

Brückner hatte sich als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und der Kommunistischen Jugend vor 1933 ausgegeben und gab vor, die Ziele dieser Körper- **[S. 39]** schaften gut zu kennen, noch mehr, er wollte ein überzeugter Verfechter ihrer Ideen sein. Das Schlimme war aber bei ihm, daß er nur leider wenig von allem wußte und da war Leutnant Mieke der geeignete Mann, in die Bresche zu springen. Mieke war wirklich Sozialdemokrat gewesen und besaß ein bedeutendes Wissen. Brückner hatte dieses auch recht bald erkannt. Weil Mieke Offizier der Wehrmacht war, gegen den man immer wieder zu Felde zog, konnte er auch nicht als Gegner des Faschismus angesprochen werden, obzwar er es wirklich war, mehr als Brückner und seine Kollegen. Brückner lud ihn zu sich ein und unter Drohungen brachte er ihn soweit, daß Mieke für ihn sämtliche Referate ausarbeitete, die er dann in stundenlanger Arbeit einstudierte und vor den Männern von der Bühne mit kreischender Stimme, oft bis zur Heiserkeit, herunterbrüllte.

Mieke mußte sich alles gefallen lassen, denn er war Offizier, dem die Russen nicht trauten und glaubten, Mieke war ein Mann, der es stets mit der Ehrlichkeit hielt. Er hatte sich lange genug gegen die Beteiligung an dieser fürchterlichen Arbeit gewehrt, doch schließlich gab er nach; die Drohungen Brückners und die Notwendigkeit, diesem unmenschlichen Treiben ein Ende zu bieten, waren der Anlaß dazu. Er hatte die Entwicklung in Poltawa vom ersten Tage miterlebt und gut beobachtet.

Wie er erzählte, war Brückner eines Tages Anfang 1946 aus Brünn mit einem Transport als Kranker mitgekommen. Anfänglich arbeitete er in einer Brigade, jedoch nur ganz kurze Zeit, dann waren seine Kräfte verbraucht. Er blieb im Lager und hatte Gelegenheit über seine Lage zu grübeln. Nach einiger Zeit sah man ihn ständig zum MWD-Zimmer laufen, wo er sich jedes Mal lange aufhielt. Seine ersten Seelenverkäufe müssen groß **[S. 40]** gewesen sein, denn gleich darauf bekam der Kommandant Alex Gripper den Befehl, für Brückner gegenüber dem MWD-Zimmer eine Stube einzurichten. Der spätere Lagergewaltige von der Russen Gnaden zog sang- und klanglos in sein Quartier ein. Aber nicht allein. Ihm zur Seite standen sein Leibbursche Erich Maron, ein stämmiges 19-jähriges Bürschchen und der Magaziner Adolf Lorenz. Letzterer galt als der stärkste Mann des Lagers, weil er die beste Verpflegung hatte. Er war von Beruf gelegentlicher Boxer und sonst Rausschmeißer im Freudenhaus von Frankfurt a. M. Er war eine bekannte Persönlichkeit in der Frankfurter Unterwelt. Diese drei bewohnten ein Zimmer, in dem vorher achtzehn Mann Platz fanden. Hier wurden seit jener Zeit Kampfpläne zur „Eroberung der Macht" geschmiedet und Verleumdungsmärchen erdacht. Brückner kam in jenen Tagen nicht auf den Hof, denn die Lagerbelegschaft hatte ihm versprochen, ihn zu erschlagen, falls er sich zeigen würde. Erich holte ihm sein Essen und Lorenz stand vor der Tür als seine Leibwache. Ganz wie in Hitlers Kampftagen um die Macht in Deutschland, pflegte Brückner zu sagen. Innerhalb einiger Wochen waren die für ihn gefährlichsten Männer verleumdet und beseitigt. Als sie alle im Karzer oder im Strafzug waren, kam Brückner auf die Bildfläche und begann seine „Herrschaft". Als einer seiner letzten Gegner war Alex, der Lagerkommandant. Alle Mittel hatte er gegen ihn aufgewandt, aber immer waren sie daneben gegangen. Zwischen den beiden entspannte sich ein erbitterter Kampf. Alex versuchte es auf dem Wege der Vernunft und Ehrlichkeit, während Brückner seine gemeinen Methoden zur Anwendung brachte. Schließlich, nach einem Jahr, war Alex erledigt, und zwar für immer.

**[S. 41]** Im Lager befanden sich zwei Schwestern, Thea Kugler und Liese Schneider. Inmitten von über tausend Männern war es eine Selbstverständlichkeit, daß man ihre Interessen weitgehend vertrat und dabei blieb es auch nicht aus, daß nähere Verhältnisse entstanden. Alex und Thea hatten sich verlobt und wollten nach der Entlassung heiraten. Zu den eifrigsten Verehrern gehörte u. a. auch Brückner und kein Wunder, wenn er auf Alex eifersüchtig wurde. Aus dem politischen Gegner entwickelte sich ein persönlicher Feind, gegen den Brückner jetzt rücksichtslos vorging. Er scheute sich nicht, in das Zimmer Theas einzubrechen und ihr die Briefe von Alex zu stehlen. Nach einem gründlichen Studium derselben fand er in ihnen Stellen, die er politisch auslegen konnte, nachdem er sie vollkommen verdrehte. Siegesgewiß ging er zu Thea und machte ihr folgende Erklärung:

„Hier habe ich Alex seine Briefe bei dir gefunden und beim Lesen derselben stellte ich fest, daß ihr beide immer noch zu den schlimmsten Faschisten unseres Lagers gehört. Wenn ich gesetzlich handeln wollte, müßtet ihr zwei, du und dein Alex, vor der ganzen Lagergemeinschaft als Reaktionäre gebrandmarkt und dem MWD übergeben werden. Alex ist abgesetzt und wandert in den Karzer. Dort wird er seine verdiente Strafe erhalten. Dir will ich helfen mit der Bedingung, daß du zu mir hältst, und nur mir gehören willst, bis wir entlassen werden. Bedenkzeit gebe ich dir bis morgen früh um acht Uhr. Falls du dich dann gegen mich entschlossen haben solltest, ergeht es dir wie Alex. Die Heimat siehst du in dem Falle nie wieder. Bis morgen."

Thea überlegte hin und her. Zunächst entschloß sie sich, sofort zum MWD zu gehen und den Fall zu melden. Lächelnd wurde sie dort abgefertigt. Sie mußte den **[S. 42]** Kampf gegen Brückner allein aufnehmen. Schon am Abend mußte Thea feststellen, daß Brückner seine Drohungen verwirklichte. Alex wurde mit drei Monaten Aufenthalt im Strafzug bestraft. Selten einer der Gefangenen hatte das ausgehalten.

Folgenden Tages zur besagten Zeit kam Brückner zu Thea:

„Hast du dich entschlossen, Liebling? Ich warte auf deine Antwort noch fünf Minuten."

Die Frau stand weinend vor ihm und flehte ihn an:

„Brückner, laß mich in Ruhe. Ich liebe Alex, wir sind ja verlobt. Du selbst hast zu Hause Frau und Kinder. Überlege es dir doch. Sei vernünftig, ich bitte dich darum. O, laß mich in Ruhe."

„Interessiert mich nicht, was du da sagst. Ich will, daß du mich liebst, denn ich liebe dich doch auch. Schenk mir deine Liebe, Thea."

Die Schwester versuchte es in einem andern Ton:

„So eine bodenlose Gemeinheit! Wäre ich stark genug, ich wüßte mir zu helfen. Rausprügeln wie ein Scheusal wollte ich dich, du schamloser Lump. Nie, nie werde ich dich lieben, zwingen, bei dir zu sein, kannst du mich, aber du kannst mich nicht zwingen, dich zu lieben. Und Antifaschist willst du sein, der Deutschland frei machen will! Daß ich nicht jämmerlich lache! Tönt dir der Hohn deiner eigenen Worte nicht wie ein Hexengeheul in den Ohren, du herzloser Mensch?! Geh, geh! Ich rufe gleich um Hilfe!" Weinend fiel sie auf ihr Bett.

„Nun, liebes Mädchen, um Hilfe rufen kannst du ruhig. Dich hört keine Menschenseele. Ich habe damit gerechnet und den Flur räumen lassen. Lorenz steht auf der Treppe Wache. Kennst du ihn, den stärksten Mann des Lagers? Und was die Liebe betrifft, so ist die Sache **[S. 43]** nur halb so schlimm, die werde ich haben, ganz gleich wie, im äußersten Falle erringe ich sie mit Gewalt. Du liebst Alex. Gut. Du kannst ihm helfen. Eine verbrecherische Schuld liegt bis jetzt noch nicht gegen ihn vor. Ich werde davon absehen, wenn du zu mir hältst. Thea, du kannst Alex helfen," sagte er, während seine Augen höhnisch funkelten. Kein einziges Wort war davon wahr, was er sagte. Thea aber glaubte ihm.

Um ungestört sein dreckiges Spiel treiben zu können, wurde ein Zimmer eingerichtet, angeblich für den Sekretär Brückners, in dem sich Thea jeden Abend mit Brückner treffen mußte. Wie in den dunkelsten Tagen des schrecklichen Mittelalters hauste Brückner im Lager 136/6 und später 2. — Und Alex? Der blieb im Strafzug. Lange hielt er stand. Thea durfte ihm sogar Verpflegung zustecken. Doch schließlich brach er unter der schweren Last zusammen. Seine Beine, später auch sein ganzer Körper, schwollen an. Man kannte ihn nicht wieder. So quälte er sich, bis ein Transport von Verdächtigen in die Kohlengruben des Donezbeckens abgeschoben wurde, mit dem auch er den Weg ins Leiden antrat. Weder Thea noch sonst jemand hat je etwas von ihm gehört. Auch er kommt auf das Schuldkonto Brückners, das er nie zu tilgen vermag. Von Brückners Schandtaten, die jeder im Lager kannte, sprach man schon längst nicht mehr, es waren ihrer zu viele. Wenn man ihn sah, sagten sich die Kameraden nur immer wieder:

„Jede Schuld rächt sich auf Erden."

Liese Schneider ereilte dasselbe Schicksal wie ihre Leidensgefährtin Kugler. Sie wurde durch Erpressungen von Kurt Schulz in dem berüchtigten Sekretärzimmer empfangen.

Daß so etwas möglich war und dazu noch in der **[S. 44]** Gefangenschaft, die ohnehin schon genug Elend brachte, hätte Siebert nie geglaubt. Immer wieder mußte man sich fragen, ob es denn keine Männer gäbe, die diese schrecklichen Mißstände beseitigen könnten. Es schien aber im Augenblick wirklich unmöglich zu sein, denn Brückner und seine Komplicen saßen zu fest im Sattel. Um diese Zustände abzuschaffen, mußte man Brückner beseitigen. Er mußte fort.

Siebert hatte in den ersten Wochen Ruhe gehabt. Ende Juli erschien der Befehl, laut welchem in allen Lagern antifaschistische Funktionäre eingesetzt werden sollten, die die Gefangenen im kommunistischen Sinne zu schulen und zu betreuen hatten.

Brückner wurde zum Chef aller Funktionäre ernannt und Siebert wurde ihnen als Dolmetscher zugeteilt. Nebenbei hatte Siebert noch den Kursus für die Offiziere zu leiten, der jedoch schon nach zwei Monaten ausfiel, denn die Kursanten zeigten nur wenig Neigung die Sprache ihrer ehemaligen Feinde zu erlernen.

Nachdem die antifaschistischen Funktionäre ernannt waren, begann Brückner mit ihrer Hilfe eine riesige Umerziehungsaktion. Alle Gefangenen sollten im antifaschistischen — lies kommunistischen — Sinne umgeschult werden. Zu diesem Zweck setzte man politische Schulungen nach großangelegtem Plane an.

Brückner war durch seinen ständigen Druck auf die Gefangenen der alleinige Herrscher im Lager. In jenen Tagen pflegte er stets zu sagen:

„Ich lerne Deutschland verwalten. Wenn ich es fertigbringe, hier im Kleinen einen Staat zu führen, werden wir auch in der Heimat mit einigen geringen Schwierigkeiten die Zügel des Staates in die Hände nehmen können. Zuerst aber muß die Reaktion, wie er seine Geg- **[S. 45]** ner bezeichnete, beseitigt sein. Um diese Aufgabe lösen zu können, brauchen wir eine starke Diktatur, genau so eine, wie sie der große Führer des Weltproletariats, Lenin, nach der Oktoberrevolution in Rußland verlangte."

Brückner brachte es fertig, die Diktatur im Lager zu errichten. Sein starkausgeprägtes Organisationstalent leistete ihm größte Dienste bei der Verwirklichung seines Planes. In kurzer Zeit hatte er das Lager mit seinen ihm ergebenen Leuten dermassen stark durchsetzt, daß ihm auch nicht das Geringste entging. Über alle Vorkommnisse im und außerhalb des Lagers wurde er genauestens unterrichtet. Niemand war sich vor dem Heer seiner Spitzel sicher. Jeglicher Widerstand seitens der Gefangenen wurde rücksichtslos unterdrückt, indem man den Widerspenstigen sofort zum Erzfaschisten machte und ihn dem MWD auslieferte. Brückners Vertrauen beim MWD war soweit gestiegen, daß er ohne Zögern die sowjetischen Offiziere überwachte und über dieselben Meldungen jeglicher Art bei seinen gewaltigen Auftraggebern erstattete. Bei all diesem Treiben unterstützte ihn weitgehend der sogenannte Kapitän Kopkin. Letzterer war übrigens gar kein Kapitän, sondern ein gewöhnlicher Feldwebel der Truppen des Innenministeriums. Vor dem Kriege war Kopkin als Mathematiklehrer an einer höheren Schule tätig gewesen. Als Jude beherrschte er leidlich die deutsche Sprache, was ihm den Posten eines MWD-Dolmetschers verschaffte. Wie all seine Stammesgenossen war auch er zur Herrschsucht veranlagt und auf Grund dieser Eigenschaft strebte er danach, der alleinige Wortführer im Lager zu sein.

So absurd es auch scheinen mag, aber der überwiegende Teil der MWD-Gewaltigen in den Lagern für Kriegsgefangene, vielleicht mag das auch der Fall in den **[S. 46]** übrigen Dienststellen des MWD gewesen sein, waren Männer mit ziemlich engbegrenztem Horizont in jeder Hinsicht. Sie waren nur von dem einen Ziel durchdrungen, soviel wie möglich „Verbrecher" ausfindig zu machen und diese dann vor die Schranken des Kriegstribunals zu bringen. Darin waren sie wahrhaftige Meister. Den MWD-Beamten war es vollkommen gleichgültig, ob die von ihnen vorgebrachten Beschuldigungen bewiesen oder haltlos waren. Ihnen genügte es, wenn sie sagen konnten: „Ich habe einen „Volks"-feind entlarvt." Wer von ihnen diesen Satz aussprechen konnte, hatte einen Pluspunkt mehr bei seinem Vorgesetzten und bei günstiger Gelegenheit konnte er mit einer Belohnung für seine „patriotische" Tätigkeit rechnen.

Die Engstirnigkeit dieser primitiven Menschen machten sich die Kopkins auf schlauer Weise zunutze. War ihnen ein Gefangener oder ein russischer Soldat oder auch ein Offizier im Wege, so wurde er auf „stillem" Wege beseitigt.

Brückner und Kopkin ergänzten sich gegenseitig großartig — jeder nützte den anderen für seine eigenen Ziele aus.

Ende 1947 kam Brückner zu den übrigen Funktionären und erklärte diesen:

„Kameraden, soeben komme ich von Kapitän Kopkin. Er erklärte mir, daß wir jetzt nach mehr als zweijähriger Gefangenschaft die Erlaubnis haben auszugehen. Wir dürfen Kino, Theater und Parks besuchen, damit wir den sowjetischen Menschen und seine Lebensverhältnisse kennenlernen und dann später nach unserer Entlassung, die ja bald erfolgen soll, in der Heimat darüber berichten. Eine wunderbare Aufgabe ist uns Gefangenen dadurch zugefallen. Was aber für uns ganz besonders **[S. 47]** wichtig ist: wir können uns etwas freier bewegen. Bei allem bleibt es uns aber nach wie vor verboten, uns mit Zivilisten zu unterhalten. Merkt euch das. Ich will keinerlei Beschwerden diesbezüglich über euch hören. Ihr könnt jetzt gehen." Alle erhoben sich wie auf ein Kommando, denn nie blieb jemand unaufgefordert in Brückners Zimmer.

„Siebert, du bleibst noch hier!" befahl Brückner. Als die anderen gegangen waren, forderte er Siebert auf, ihm gegenüber am Tische Platz zu nehmen und sah ihn mit gierigen und doch fast ausdruckslosen Augen an.

„Heinz, ich will mit dir etwas besprechen, jedoch mußt du mir geloben, kein Wort darüber zu verlieren. Abgemacht?"

„Klar, Kurt, ich schweige wie ein Grab," antwortete Siebert, obzwar er nicht wußte, um was es sich handelte.

„Endlich, Heinz, habe ich, was ich brauche: wir können ausgehen. Weißt du, was das heißt? Unendlich viel, wenigstens für mich. Ich kann in Poltawa gehen, wohin ich will. Ha, Junge, ich werde in Damengesellschaft sein! Ich werde das Leben genießen mit vollen Zügen. Nur eines fehlt mir und das ist deine russische Sprache. Daher bitte ich dich, das erste Mal mit mir zu gehen, bis ich ein Mädchen oder eine Frau gefunden habe. Die Arbeit im Lager mag liegen bleiben oder die anderen sollen sie verrichten, ich habe sie satt, diese ewige Arbeit. Ich will mich ausruhen. Und du, Heinz, wirst mir dabei helfen. Morgen gehen wir zum ersten Mal abends aus. Wir dürfen aber nur in Zivilkleidung gehen. Du weißt doch, daß wir nicht das Recht haben, mit der Zivilbevölkerung in Verbindung zu treten. Daher besorge dir die nötigen Sachen und morgen um acht Uhr gehen wir los." Ver- **[S. 48]** schmitzt zwickerte er mit seinen leblosen Augen durch die dicken Gläser seiner dunkeln Hornbrille.

„Kurt, wenn das nur gut geht. — Du sagtest selbst, daß es verboten ist, mit Zivilisten zu verkehren und da willst du als erster dieses Verbot übertreten? Wenn man uns erwischt, werden wir bestraft und man nimmt nicht nur uns, sondern auch allen andern diese beschränkte Freiheit. Wir müssen vor allen Dingen an die vielen Kameraden denken, denen wir helfen können. Ich mache dich auf diese Umstände aufmerksam und bitte dich dringend Vernunft zu bewahren. Ich werde hier nicht mitmachen."

Entrüstet über Sieberts Bedenken erhob sich Brückner und lief im Zimmer auf und ab.

„Du wirst mitmachen, Heinz. Gleich heute noch gehen wir aus. Ich befehle es dir. Um sieben Uhr gehen wir zur Hauptverwaltung, bis wir dort mit der Post fertig sind, ist es finster geworden und wir können in die Stadt gehen. Besorge dir den bezeichneten Anzug. Gehe!"

Siebert ging auf sein Zimmer, wo er seinen Freund, den Lagerkommandanten Sepp Müller, traf, dem er sofort von Brückners Vorhaben Mitteilung machte. Sepp schüttelte bedächtig mit dem Kopf und ermahnte ihn zu größter Vorsicht. Als Siebert ihm erklärte, daß er Brückners Befehl nicht befolgen wolle, sagte Sepp verlegen:

„Heinz, Brückner scheut vor keinem Mittel bei der Durchsetzung seines Willens zurück und wird es auch bei dir mit allem versuchen. Gehe heute lieber mit ihm, denn es könnte dir teuer zu stehen kommen, wenn du ihn noch mehr erzürnst. Dir ist ja noch mehr als mir bekannt, daß er auf dich alles andere als gut zu sprechen ist. Gehe schon mit dem Burschen. Es ist schon besser, wir kennen seine Schleichwege. Vielleicht kommt es später einmal der All- **[S. 49]** gemeinheit zugute. Sollte was schief gehen, so bin ich immer bereit, dir zu helfen. Jetzt geh und sei auf der Hut." Müller reichte Siebert die Hand und ging auf den Lagerhof, während Siebert sich fertig machte für diesen widrigen Gang mit seinem Vorgesetzten.

Zur festgesetzten Zeit schritten Brückner und Siebert durchs Lagertor. Der erste hatte sich einen schwarzen Anzug angezogen, während Siebert in seiner feldgrauen Uniform mit blanken Knöpfen hinter ihm herging. Kaum daß sie die Wache passiert hatten, begann Brückner seine Strafrede für Siebert:

„Mensch, bist du wahnsinnig geworden? Wie kann man nur in so einem Aufzuge ausgehen, ohne als Deutscher erkannt zu werden. Du verdirbst mir heute alles. Sieh, wie ich angezogen bin. Die Brille nehme ich ab, ziehe die Mütze tief über die Ohren, stecke die Arme bis zu den Ellenbogen in die Hosentasche, spucke nach links und rechts und dann soll einer der Offiziere kommen. Die erkennen mich nicht, ich wette. Und dich erkennen sie auf den ersten Blick mit deiner Uniform und deinem Paradeschritt. Zudem machen deine benagelten Schuhe einen Höllenlärm. Wie kannst du nur so stur sein! Ich verstehe dich nicht." Während Brückner diese wüste Standpredigt hielt, hatte Siebert kein Wort gesprochen, sondern war stumm neben ihm hergegangen. Als Brückner merkte, daß sein Begleiter nichts erwiderte, hielt auch er es für angebracht zu schweigen.

Beim Stab angekommen, erledigten sie schnell die Postsachen, welche sie vom Lager brachten und empfingen die eingegangene Post. Danach entschuldigte Brückner sich beim anwesenden Offizier und die Gefangenen schoben sich so schnell wie möglich durch die Tür auf die Straße. Tiefe Dunkelheit hüllte die Straße „Komsomol- **[S. 50]** skaja" in einen undurchsichtigen Schleier; nur wo die winzigen Straßenlaternen leuchteten, konnte man einige Schritte weit sehen. Um diese Zeit waren auf den Bürgersteigen nur ganz wenige Passanten, an denen man sich vorbei schleichen mußte.

Brückner schlug eine ihm allein bekannte Richtung ein und verschärfte seinen Schritt, wobei Sieberts Nägel unter den Schuhsohlen gemächlich den Takt zu jedem Schritt schlugen. Ihr Weg führte sie durch viele Straßen und Gassen, durch Parks und Gärten. Bei dieser Wanderung durch das abendliche Poltawa verging die Zeit im Fluge und ehe Siebert sich richtig versah, waren sie beim Bahnhof angelangt, der etwa sieben Kilometer vom Lager entfernt war. Sieben Kilometer marschieren und das ohne jedes bestimmte Ziel. —

Aber Brückner wollte es so, der so gerne ein Vergnügen haben wollte. Wie weit war er moralisch gesunken! Siebert dachte nicht länger über diese Frage nach, denn daran ließ sich nichts mehr ändern. Und zudem befand er sich ja schon sowieso auf der Suche nach einem Mädchen für Brückner. Er war jetzt in eine vollkommen dunkle Straße eingebogen. Plötzlich blieb er stehen und flüsterte Siebert ins Ohr:

„Dort über der Straße das Haus mit den grünen Fensterladen ist mein Ziel. Dort wohnt Vera, mein Sonnenschein in der Gefangenschaft." Nach diesen Worten ging er auf eines der Frontfenster zu und klopfte an.

„Heinz, wenn jetzt jemand kommt, so fragst du ob Vera zu Hause ist. Ihre Eltern lassen uns dann ein; die halten ziemlich viel von uns Deutschen. Vera war während der deutschen Besatzungszeit bei der Wehrmacht angestellt." Erst nach mehrmaligem Klopfen knarrte eine Tür im Hinterhof und gleich darauf erschien oberhalb **[S. 51]** des hohen Holzzaunes ein grauer Kopf und ein langer Bart des Hausherrn. Diesen fragte Siebert nach seiner Tochter. Der Alte war sehr erstaunt ob des späten Besuches. Die Auskunft, die er gab, war für Brückner sehr trostlos, denn Vera war verreist und wurde vor dem Morgen nicht zurück erwartet.

Geschlagen gingen die Gefangenen den langen Weg zum Lager zurück. Brückner begann sofort Pläne für ein weiteres Zusammentreffen mit Vera zu schmieden, jedoch mußte er an ihre Verwirklichung allein gehen, denn Siebert verweigerte ihm seine Unterstützung entschieden.

Mit vieler Mühe hatte Brückner es auch ohne ihn fertig gebracht, aber für Vera sollten die frohen Stunden mit ihrem sogenannten Freunde recht bald schwere Folgen nach sich ziehen.

Kapitän Kopkin, der Dolmetscher des MWD, hatte von den Zusammenkünften Brückners mit Vera durch Brückner selbst erfahren. Anfangs billigte er es ohne den geringsten Widerspruch. Dann aber zog er seinen Nutzen daraus, indem er Brückner den Auftrag erteilte, dem MWD Näheres über Veras Vergangenheit zu melden. Brückner war dermaßen in den Fangarmen Kopkins verwickelt und völlig abhängig, daß er es nicht vermochte abzulehnen.

Die Vergangenheit Veras war vom Standpunkte des MWD ziemlich dunkel, denn während der Besetzung Poltawas durch die Deutschen war Vera bei ihnen tätig; später nach dem Abzug der deutschen Truppen kamen amerikanische Flieger nach Poltawa und Vera mußte wieder mit den Kapitalisten verkehren, weil ein älterer Major in ihrem Hause wohnte. Dieser harmlose Verkehr mit Ausländern war äußerst verdächtig, denn in solchem Falle konnte man schon kein wahrer Patriot der „sozia- **[S. 52]** listischen" Heimat sein.

In der Tat, Veras Patriotismus und Ergebenheit zur Sowjetunion hatten schweren Abbruch gelitten. Sie verabscheute den Kommunismus mit allen ihren Gefühlen, denn auch sie gehörte zu der großen Armee derer, die mit eigenen Augen gesehen hatten, daß es auf der Welt noch etwas Besseres als Kolchosen und Sowjetbetriebe gab, sie hatte erfahren, daß die Menschen in den anderen Ländern freier und fröhlicher leben als in der Sowjetunion. Von all diesen Erfahrungen hatte sie Brückner gegenüber kein Hehl gemacht, sondern glaubte in ihm als Gefangenen einen Gleichgesinnten zu finden.

Brückner, der in dieser Zeit einen fanatischen Kämpfer für die kommunistische Idee verkörperte, sah plötzlich in Vera eine „Volksfeindin", die er „entlarven" wollte, er erging sich in seinen Äußerungen zu Siebert sogar soweit, daß er ihm erklärte, er werde dem sowjetischen Volke helfen, seine Feinde zu bekämpfen. Zu diesen großen Feinden gehörte nun auch ohne Zweifel Vera.

Nachdem Brückner Siebert von seinem Vorhaben Mitteilung gemacht hatte, ging Letzterer zu seinem Freunde Müller, um mit ihm die nötigen Maßnahmen zur Warnung Veras zu treffen. Sie wurden sich einig, Vera aufzusuchen und sie vor Brückner, der ihr Verderben bringen wollte, zu warnen.

Jetzt schlichen Siebert und Müller durch die spärlich beleuchteten Straßen Poltawas wie Siebert es seiner Zeit von Brückner gelernt hatte. Glücklicherweise trafen sie Vera zu Hause an. Schüchtern kam sie an die Pforte im Gartenzaun und hörte mit angehaltenem Atem den Erklärungen der Gefangenen zu.

„Nie hätte ich geglaubt, daß es unter euch auch so schlechte Menschen gibt. Wie bitter ist doch diese Ent- **[S. 53]** täuschung, denn alles, was irgendwie mit Deutschland zusammenhing, hielt ich für hoch und hehr, zuallerletzt habe ich Unehrlichkeit und Falschheit bei euch vermutet. Nun ja, es ist halt nichts mehr daran zu ändern, durch Schaden wird man klug. Ich wünsche nur, Brückner hätte noch nicht Bericht über mich beim MWD erstattet, denn dann bin ich übel dran. Wie oft haben die Kerle mich schon zur Vernehmung geholt! Immer wieder dieselben Fragen, dasselbe Schimpfen und Toben. Jetzt haben sie einen willigen Zeugen. Schrecklich daran zu denken, daß Kurt, dem ich mein ganzes Vertrauen schenkte, zum Verräter wurde. Aber er wird sich täuschen, denn ich lasse mich nicht so leicht fangen. Ich werde mich wehren. Hört zu, ich danke euch beiden herzlich für euer Wohlwollen, habt vielen Dank für eure Warnung in letzter Minute. Noch heute verlasse ich Poltawa. Bis man von meinem Verschwinden erfährt, bin ich in den blauen Bergen des Kaukasus. Dort habe in einen Onkel, der mich gerne aufnimmt. Zudem ist dort nach dem Kriege die straffe Ordnung noch nicht wiederhergestellt und man kann dort ohne besondere Gefahr in der Masse untertauchen. Behaltet es für euch und denkt stets an mich, die man aus dem Elternhause, aus der Heimat verjagte. Aber nicht nur mir ergeht es so. Viele, viele aus unserem Volke ziehen ziellos durch das weite Rußland, in dem man überall vogelfrei ist, nie vor Schmähung und Verfolgung sicher. O, großer Gott, wann wird dieses Elend ein Ende haben? Gute Nacht, Freunde. Kommt bald und gesund nach Hause zu euren Lieben. Wie ich euch beneide! —" Dann fiel die Pforte ins Schloß und schnellen Schrittes lief Vera zum Hause.

Nach einigen Tagen kam Brückner böse und aufgeregt zu Siebert und berichtete, daß Vera spurlos ver- **[S. 54]** schwunden sei.

„Kannst du dir vorstellen, was für ein Gesicht mir Kapitän Kopkin zeigt, wenn ich ihm das melde? Aus der Haut fahren könnte ich, noch ein paar Tage und Vera wäre als Volksfeindin und Verräterin vor's Kriegstribunal gekommen und ich hätte als Belohnung die sofortige Heimkehr gehabt. Aber warte, Kopkin wird Vera noch aufstöbern, die ist bestimmt nicht aus Poltawa raus. Dann ist sie wirklich nicht zu beneiden."

Aber Vera war und blieb verschwunden und ihr ehemaliger Freund Brückner war um sein Verdienst an der Bekämpfung freiheitlich denkender Menschen gekommen. Dafür zog er den Männern im Lager die Zügel immer fester an. Er hatte es soweit gebracht, daß er von jedem Gefangenen gegrüßt werden mußte, wenn er auf der Lagerstraße erschien, wurden alle still, jeder trat einen Schritt zurück und ängstlich wartete man, bis Brückner vorbei war.

Langsam schritt die Zeit dem Herbst 1947 entgegen. Voller Grauen dachte jeder an den kommenden Winter, an die Krankheiten und an den Hunger, den man zur kalten Jahreszeit weit stärker verspürt als sonst.

In dieser Zeit erschien im Lager von Poltawa plötzlich der Natschalnik des Kriegsgefangenenlazaretts Kobeljaki, Kapitän Pawlow. Siebert hatte diesem Mann mehrfach Dolmetscherdienste geleistet und daher kannte ihn Pawlow gut. Als er mit der Krankenauslese fertig war, kam er zu Siebert und sprach zu ihm, während er ihm freundlich auf die Schulter klopfte:

„Siebert, wenn du Lust hast, nehme ich dich als Dolmetscher nach Kobeljaki. Dort wirst du nicht so schweren Dienst haben. Außerdem kommst du aus meinem Lazarett schneller nach Hause. Ich trage dir in deine Krankenge- **[S. 55]** schichte die Krankheit — Tuberkulose — ein und dann läßt man dich fahren. Um den Verlust deiner hiesigen Kameraden brauchst du dir keine Sorgen zu machen, denn in einem Monat wird das Lager hier aufgelöst und sie werden in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Willst du?" Hierauf schaute Pawlow sich nach alle Seiten um, denn er fürchtete, daß ihn jemand gehört haben könnte.

Siebert strahlte allein schon bei dem Gedanken endlich aus dem Hexenkessel Poltawa hinauszukommen, die Freude über eine eventuelle Heimfahrt war schon lange nicht zu fassen. Freudig antwortete er dem Offizier:

„Selbstverständlich gehe ich gerne mit Ihnen, Herr Kapitän."

„Hab' ich mir gleich so gedacht, daß du gerne mitgehen würdest. Ich werde gleich bei Oberstleutnant Rodin diesbezüglich vorsprechen und Major Jagodkin wird sicher mit mir einverstanden sein, wenn ich ihm erkläre, daß ich dich dringend brauche." Mit diesen Worten ging Pawlow ins Stabsgebäude, wo sich die übrigen Offiziere aufhielten.

Kurz darauf erschien in Brückners Zimmer, wohin man auch Siebert gerufen hatte, Kapitän Kopkin, der Brückner gleich von Sieberts bevorstehender Versetzung in Kenntnis setzte. Mit gläsernen Augen schaute dieser auf Siebert, ohne auch nur eine Muskel in seinem Gesicht zu bewegen. Endlich bat er in barschem Tone Siebert, das Zimmer zu verlassen, denn er habe eine wichtige Besprechung mit Kapitän Kopkin. Siebert verließ, Böses ahnend, das Zimmer. Als er die Tür hinter sich zu zog, hörte er Brückners Stimme im Zimmer ziemlich aufgeregt auf Kopkin einreden:

„Herr Kapitän, ich protestiere gegen Sieberts Versetzung nach Kobeljaki. Der fährt von dort nach Hause. **[S. 56]** Ich weiß es genau. Haben Sie etwa vergessen, daß er bei der verbrecherischen SS war?"

Nach diesen Worten war Siebert klar, daß es mit seiner Versetzung und der baldigen Heimfahrt endgültig vorbei war, denn Brückner hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet.

Am kommenden Tage übergab Brückner sämtliche Dienstobliegenheiten dem Gefangenen Richard Hebding, mit der Begründung, daß er selbst nach Kobeljaki für einige Zeit müsse, um dort die Lazarettordnung aufzurichten, beziehungsweise zu überwachen.

Wenn Siebert jetzt auch im Lager verblieb, so hatte das ganze Lager doch den Vorteil, daß Brückner nun endlich dem Lager den Rücken kehrte. Wie von einer schweren Bürde befreit atmeten alle auf, als Brückner am folgenden Morgen mit seinem Rucksack beladen, mit den kranken Männern durchs Tor marschierte. An jenem Tage sah Brückner die Heimat aus weiter Ferne winken. Er glaubte ihr schon um die Hälfte näher gerückt zu sein. Keiner beneidete ihn, denn man war nur froh, diesen Quälgeist endlich los zu sein.

In Kobeljaki angekommen, begann Brückner sofort im Lazarett seine neue Ordnung einzuführen. Er führte unter Sterbenden und Kranken ein genau so strenges Regiment wie unter den verhältnismäßig gesunden Gefangenen in Poltawa. Jeder Sanitäter mußte in seinem Zimmer „Achtung" rufen, sobald der Rote Himmler selbiges betrat. Auf diesen Ruf hin hatte jeder Kranke Brückner mit Blickwendung zu grüßen. In keiner Armee bestand so eine Verfügung, aber Brückner brachte es fertig, die Ehrung seiner Person durchzusetzen. Und die Russen? — Die schauten gelassen zu, denn so etwas war Wasser auf ihre alleszermalmenden Mühlen, weil durch **[S. 57]** diese unmenschlichen Schikanen von Seiten Brückners aufs neue bewiesen werden sollte, wie rücksichtslos der preußische Militarismus war, obwohl man bei der deutschen Wehrmacht jeden Offizier, jeden Arzt ohne Weiteres eingesperrt hätte, wenn er derartiges von seinen Untergebenen verlangt hätte.

Um sich besonders hervor zu tun, führten die von Brückner eingesetzten Agitatoren in den Krankenzimmern politische Schulungen durch, alsob die politische Verwaltung der Kriegsgefangenenlager angeordnet hätte, daß kein einziger Gefangener ohne das sogenannte „Politminimum" sterben dürfe. Jedoch war diese Schulung selbst für die sowjetischen Begriffe zu hoch gegriffen, denn Brückner war gezwungen, die Schulungsstunden einzustellen.

Ob all dieser Einrichtungen in Kobeljaki erbosten sich nach kurzer Zeit die russischen Angestellten des Lazaretts und führten Beschwerde bei Kapitän Pawlow über Brückner, so daß Letzterer in Kürze in großen Mißkredit bei den Russen geriet. Dadurch entfernte sich aber auch seine baldige Heimkehr mit Riesenschritten. Als er das Mißwollen der sowjetischen Vorgesetzten bemerkte, wollte er recht schnell aus dieser Sackgasse kommen, jedoch ohne Erfolg. Seine so schön ausgeklügelte Karriere war dermaßen verfahren, daß selbst die vielen Verleumdungen seiner Mitgefangenen nicht helfen konnten.

In jenen Tagen arbeitete Brückners Verleumdungsstab auf Hochtouren, denn ein Heer von Spitzeln hatte er sich auch hier sofort wieder zusammengetrommelt.

Die Heimattransporte liefen im Spätherbst 1947 ziemlich schnell aufeinander der lieben Heimat zu, aber immer ohne Brückner, denn seine freundlichen Fürspre- **[S. 58]** cher hatten ihn fallen lassen und legten keinen Wert mehr darauf, diesen Schurken zu entlassen.

Selten ein Mann hat so stark unter dieser großen Enttäuschung zu leiden gehabt, wie Brückner, der doch felsenfest glaubte, seinen Entlassungsschein bereits in den Händen zu halten. Hier begann die gerechte Strafe für einen Mann, der sich anmaßte, die Aufgabe zu haben, Dutzende und Aberdutzende unschuldige Männer den sowjetischen Gerichten auszuliefern.

Trotz der großen Enttäuschung, die Brückner ganz offenbar zeigte, daß er nur ein billiges Werkzeug in den Händen des MWD war, ließ er von den zahllosen Verleumdungen nicht ab. Umgekehrt, noch rücksichtsloser und intensiver betrieb er sein verbrecherisches Werk, das er jetzt größten Teils auf die russische Bevölkerung verlegte. Sogar sowjetische Offiziere waren vor ihm nicht mehr sicher. Als diese merkten, in wessen Auftrage er wirkte, hatten sie ihm bald eine Schlinge gelegt und versuchten ihn aus dem Wege zu räumen, was ihnen schließlich auch trotz der vielen Schwierigkeiten mit dem MWD gelang, denn Mitte Januar wurde er mit einem kleinen Transport aus Kobeljaki bei Sturm und Schnee nach Poltawa, wo er so lange sein Schreckensregiment geführt hatte, geschickt.

Das Lager in Poltawa hatte in Brückners Abwesenheit große Veränderungen durchgemacht. Von 1800 Mann war es bis auf 450 zusammengeschrumpft — man hatte die Gefangenen in den Donbaß und in andere Gegenden verschickt. Zuerst hatte man Brückners Kumpane und Helfershelfer abgeschüttelt, so daß man im Lager nur noch zuverläßige Männer zählte. Das Leben verlief seit jener Zeit friedlicher und ruhiger. Man war zufrieden, denn mit Brückner und seinen Leuten war auch die **[S. 59]** Unruhe und ein großer Teil der ständigen Angst aus dem Lager gegangen. Daher wunderte sich niemand, als alle höchst erregt und protestierend die Ankunft Brückners diskutierten, denn jemand wollte ihn vor dem Lagertor gesehen haben.

Einer der Torposten kam auch gleich zu Siebert ins Zimmer gestürmt und erklärte ihm in großer Aufregung:

„Heinz, der Himmler, Brückner ist wieder da! Er bittet, du möchtest sofort ans Tor kommen und ihn einlassen, denn, wie er behauptet, friert er jämmerlich."

Siebert zog seinen Mantel über und ging auf den Hof, der von einem starken Schneegestöber in einen milchartigen Schleier gehüllt war. Der Wind heulte in der Ruinenstraße jedesmal heftig auf, sobald er ein offenes Loch in den verfallenen Wänden fand.

Vor dem Lagertor standen tatsächlich etwa fünfzig Männer in dürftigen Kleidern und warteten auf den Starschina, der ihre Lumpen aufschreiben sollte. Unter diesen frierenden Männern befand sich auch Brückner. Freudig eilte er an das Eisengitter im Tor und bat um sofortigen Einlaß für seine Person. An seine Kameraden, die viel schlimmer dran waren, dachte er wie immer, auch jetzt nicht mehr. Siebert begrüßte ihn kühl und beeilte sich, den Starschina zu suchen, den er auch bald fand. Nachdem dieser die Kleidungsstücke gezählt hatte, durften die Gefangenen ins Lager.

Wie ein Schrecken verbreitete sich die Kunde von Brückners Wiederkommen im Lager. Bedrückt und ängstlich gingen die Leute im Lager umher.

Warum hatte man diesen Mann wieder ins Lager gebracht?

Aber der Zufall war den Männern wohlgesinnt, denn gleichzeitig mit dem Transport war auch eine Anfor- **[S. 60]** derung von 150 Männer für das Lager in Charkow eingetroffen. Der Lagernatschalnik, Major Omelschenko, befahl, daß Brückner am nächsten Morgen mit dem Transport mitzugehen habe. Anfangs protestierte der Betroffene heftig, als er aber sah, daß der Major fest entschlossen war, ihn sobald wie möglich zu versetzen, schwieg er. Als er den Wagen bestieg, der ihn und die anderen Gefangenen zum Bahnhof bringen sollte, rief er noch in den Sturm über den Hof, wo die zurückbleibenden Gefangenen standen:

„Solltet ihr in Zukunft nichts über mich hören, so bin ich in übler Lage, hört ihr aber von mir reden, so wisset, daß mit mir in Charkow ein neuer Wind eingezogen ist. Ich werde denen dort zeigen, wie man den Kampf für die Demokratie führt. Auch dort werde ich mit den Faschisten aufräumen." Mit diesen Worten bog der Wagen auf die Straße und verlor sich im Schnee.

Kaum daß Brückner wieder fort war und schon kehrte die Ruhe ins Lager zurück. Man hatte Brückner schon bald vergessen, als eines Tages ein Gefangener die Nachricht brachte, daß Brückner in Charkow wieder Hauptfunktionär der Lagerverwaltung 7149 sei. Mit Grauen dachte jeder an eine Versetzung nach Charkow, denn niemand wünschte in der Nähe Brückners zu sein.

Selten traf man in der Gefangenenschaft einen Menschen, vor dem man so große Angst hatte wie gerade vor Brückner.

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## Das Straflager 7149/2

**[S. 61]** Die sowjetische Lagerverwaltung für sämtliche Gefangenen- und Interniertenlager in der Sowjetunion erfand viele Bezeichnungen für verschiedene Arten von Lager. Es gab Erziehungs- und Schulungslager, in denen die Antifaschisten geschult wurden, um sie dann später als kommunistische Funktionäre in Deutschland einzusetzen. Dann gab es Schweigelager, in denen man Leute erfaßte, die die Heimat nicht wiedersehen sollten. Sie hatten für die Außenwelt keinen Namen. Die Russen sprachen aber von ihnen, indem sie bestimmte Namen von weit entlegenen Städten Rußlands nannten.

Ferner gab es Straflager, die im allgemeinen eine Nummer hatten wie alle übrigen Lager. Man erkannte sie sofort an ihrer Zusammensetzung der Insassen. Meistens waren in diesen Lagern SS-Leute, Angehörige der NSDAP und anderer Formationen des nationalsozialistischen Deutschlands. Die Russen bezeichneten diese Lager auch als Musterlager, weil man hier ein sehr strenges Lagerregime eingeführt hatte. So ein Lager war mit allen Zwangsmitteln wie Bunker, Karzer und Stehzelle versehen. Selbstverständlich fehlte auch der Strafzug im Straflager nicht.

Im Lager 7136 galt als allgemein anerkanntes „Musterlager" die Lagerabteilung Nummer drei, die in der Nähe des Flugplatzes gelegen war. Das Regiment führte hier ein ehemaliger Rußlanddeutscher aus der Gegend von Odessa. Malzahn war 1918 mit den deutschen Truppen nach Deutschland geflüchtet und hatte sich in Mainz ansäßig gemacht. Damals war er entschiedener **[S. 62]** Konterrevolutionär, verschrieb sich im Laufe der Zeit der KPD und wirkte in dieser Organisation aktiv mit, bis Hitler der Kommunistischen Partei ihr Handwerk legte. Charakterlos wie Malzahn war, machte es ihm durchaus nichts aus, um sofort zu den Nazis hinüberzuschwenken und verschiedene Dienste anzunehmen. Die längste Zeit diente er im Sicherheitsdienst als Dolmetscher in den verschiedenen Konzentrationslagern und später in den Gefangenenlagern, in denen sich sowjetische Kriegsgefangene befanden. Von all dem wußte niemand und daher war es ihm möglich, sich als fanatischer Anhänger der Kommunisten auszugeben.

Gleich am Anfange der Gefangenschaft imponierte Malzahn den Russen durch seine Brutalität gegenüber seinen Mitgefangenen. Diese Eigenschaft war die erste Voraussetzung, um von den Russen mit außergewöhnlichen Vollmachten ausgerüstet und als Lagerkommandant eingesetzt zu werden.

Malzahn kam mit einem größeren Transport nach Poltawa und wurde in dem späteren „Musterlager" Kommandant. Das Lager wurde, wie die meisten Lager in der Sowjetunion, in einer Ruine untergebracht. Seit den ersten Tagen begann im Lager 3 das pausenlose Schuften auf den Baustellen und nach der Arbeitszeit im Lager bis in die späte Nacht hinein. Malzahn war ständig mit einigen Brigadieren seines Formats auf dem Hofe und trieb die übermüdeten Gefangenen zu schnellerer Arbeit an. Nach kurzer Zeit hatte er das Gefangenenlager verhältnismäßig modern eingerichtet.

Allabendlich führte Malzahn vor dem Lager einen Appell durch. Appelle wurden in jedem Lager durchgeführt, aber im „Musterlager" waren sie ganz besonderer Art. Hier war der Appell für Malzahn, seine Komplicen **[S. 63]** und für die sowjetischen Offiziere geradezu eine feierliche Angelegenheit.

Auf allen Appellen standen die sowjetischen Offiziere etwas abseits vor der Front der angetretenen Gefangenen lächelnd ihre Zigarette rauchend. Erst wenn das ganze Lager angetreten war, kam Malzahn mit einigen seiner Leute aus dem Hause und ging abgemessenen Schrittes die Front ab, indem er die Reihen seiner Untergebenen musterte. Mit ruhiger, aber unerbittlicher Stimme machte er hier und dort Bemerkungen, dann ging er auf seinen üblichen Platz vor der Front und nahm die Vollzähligkeitsmeldungen der Kompanieführer entgegen. Diese Meldungen schienen ganz harmlos zu sein, jedoch für Malzahn, den kleinen König vom Lager 3, waren sie vielenthaltend.

Als letzter kam der Kompanieführer der achten Kompanie zu Wort:

„Herr Lagerführer, melde, daß die achte Kompanie in Stärke von 69 Mann vollzählig angetreten ist. Als besonderes Vorkommnis habe ich einen Diebstahl zu melden. Der Gefangene Georg Grüneklee entwendete auf dem Bahnhof beim Rübenverladen eine rote Rübe und verzehrte diese noch während der Arbeit. Gestatten Sie wieder ins Glied zu treten."

„Eintreten!" befahl Malzahn. Auf seiner Stirne zeigten sich düstere Wutfalten.

„Dieser Grüneklee. Kaum noch auf den Beinen und wagt es noch zu stehlen, der Lump. Na, den will ich kurieren. Der wird vom ersten Mal genug haben," murmelte Malzahn vor sich hin.

„Grüneklee, vortreten, marsch-marsch!" sprach er ruhig und drohend. Bei diesen Worten kamen die sowjetischen Offiziere etwas näher und unterhielten sich lebhaf- **[S. 64]** ter. Major Omelschenko versenkte beide Hände in seine tiefe Manteltaschen so weit, daß er einen großen Buckel machen mußte und starrte auf Grüneklee, der in strammer Haltung, so gut er dazu in der Lage war, zitternd vor dem Lagergewaltigen stand und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Eigentlich hatte er nichts verbrochen. Aber doch: er hatte vor Hunger eine gefrorene Rübe verschlungen. O, was für einen Hunger er hatte —. Er könnte essen und essen, immerzu essen. Hätte er nur noch einige Rüben bei sich! Er wollte sie sofort essen.

„He, du alter Sack," brüllte jetzt Malzahn, „wie stehst du denn da? Stillgestanden, brauner Nazi! Du hast also gestohlen? Warum?"

„Ich aß eine Rübe, weil ich Hunger hatte. Die hatte ich nicht gestohlen, sondern der russische Aufseher erlaubte es mir." Weiter kam Grüneklee nicht, denn Malzahns fette Faust traf ihn ins Gesicht. Das Blut lief ihm aus dem Munde. Müde spuckte er einen Zahn vor Malzahns Füße. Dieser trat einen Schritt zurück und wandte sich an die Männer:

„Kameraden, wir sind in der Sowjetunion, um unsere Schuld dem Sowjetvolke gegenüber wiedergutzumachen. Das wißt ihr alle. Dieser Mann hier begeht jetzt noch immer weiter Verbrechen, indem er sich am sozialistischen Eigentum der Sowjetunion vergreift. Das können wir nicht dulden und wir selbst wollen Verbrecher und Diebe in unseren Reihen bestrafen. In den Karzer sperren wollen wir sie nicht, denn auf diese Weise würden sie sich ja von der Arbeit drücken. Wir führen eine neue Strafe, weit wirksamer als die Karzerstrafe ein. Hubert, bringe den langen Tisch aus der Schreibstube und du, Hartmann, hole ein nasses Handtuch aus **[S. 65]** der Wäscherei." Rasch waren die befohlenen Sachen zur Stelle.

„Grüneklee, laß deine Hose runter. Du bekommst jetzt deine verdiente Strafe. Für jede gestohlene Rübe erhält der Dieb in Zukunft fünfundzwanzig Koppelschläge aufs Gesäß. Habt ihr das alle verstanden?" Darauf drehte er sich wieder Grüneklee zu, der noch immer staunend bald auf die sowjetischen Offiziere, bald auf Malzahn, dann wieder auf seine Kameraden schaute.

„Zieh deine dreckige Hose runter, sage ich dir schon das zweite Mal." brüllte Mahlzahn [sic], jedoch Grüneklee rührte sich nicht vom Fleck.

Wutschnaubend ging Mahlzahn [sic] auf Grüneklee zu und riß dem frierenden Manne, der bereits über fünfzig Lenze zählte, die Hose vom Leibe.

„So, jetzt lege dich mit dem Bauch auf den Tisch."

Grüneklee blickte verwundert auf den Redenden, blieb aber trotzdem auf der Stelle stehen, als hätte er ihn nicht gehört.

„Nun wird mir die Sache aber doch zu bunt. Vier Kompanieführer, die ersten vier, vortreten. Ran, legt den Gauner auf den Tisch und haltet ihm Hände und Füße fest nieder. Hartmann, lege das Handtuch auf seinen Rücken. Die nächsten vier Kompanieführer zu mir." Zögernd kamen die gerufenen Männer heran.

„Nehmt eure Gürtel ab und haut auf ihn los, bis ich das Zeichen zum Aufhören geben werde. Ran, ihr Kerle!" Keiner der Kompanieführer griff zum Gürtel, denn daß sie den alten Mann, der halb verhungert war, verprügeln sollten, konnten sie nicht begreifen.

„Ich sehe, ihr habt keine rechte Lust. Gut, ich will es einmal vormachen. Haltet den Kerl fest." Bei diesen Worten nahm er seinen Gürtel ab, legte die Mütze zur Seite **[S. 66]** und begann fürchterlich auf Grüneklee einzuschlagen. Anfangs lag dieser ruhig da, doch nach einigen Schlägen fing er an zu schreien, denn Malzahns Kraft, die in der Gefangenschaft nichts eingebüßt hatte, tat ganze Arbeit. Trotzdem er schon über fünfundzwanzig Hiebe geschlagen hatte, fuhr er immer noch fort, obwohl ihm der Schweiß bereits auf der Stirne in vielen Perlen funkelte. Endlich legte er sein Koppel zur Seite. Der Gepeinigte lag bewegungslos auf dem Tisch. Nur ein ganz leises Stöhnen vernahm man in den Fünferreihen.

„So ergeht es jedem, der es wagt, etwas zu nehmen, was der Sowjetunion gehört. Hubert, hole Wasser und bringe den Schurken hier wieder zum Bewußtsein. Dann schafft ihn auf seine Pritsche. Lager, weggetreten!"

Die Leute, die die ganze Zeit starr auf die Schandtat geschaut hatten, verließen schleunigst den Appellplatz, denn einmal wollte jeder so schnell wie möglich alles vergessen und zweitens froren die Männer am ganzen Leibe. Die sowjetischen Offiziere aber lachten über diese tierische Bestrafung wegen einer einzigen Rübe, riefen Malzahn zu sich und Major Omelschenko sprach ihm sein Lob aus für die Mühe, die sich Malzahn gab, um Ruhe und Ordnung im Lager zu halten. Fast täglich führte er nun diese Strafprozedur durch, nur mit dem Unterschied, daß er zum Schlagen jetzt Leute befahl und nur dann zum Koppel griff, sobald einer der zum Schlagen befohlenen Männer seinen Befehl nicht befolgte.

Ganz besonders wurde von den Russen folgende Tat Malzahns gelobt, ja noch mehr, man empfahl sie sogar den Lagerkommandanten der anderen Lagerabteilungen.

Der Gefangene Dreher hatte sich seit langer Zeit mit Fluchtgedanken beschäftigt und als er die Flucht bis **[S. 67]** in die kleinsten Einzelheiten durchdacht und vorbereitet hatte, floh er in einer unbeobachteten Zeit von der Arbeitsstelle. Leider wurde er von russischen Aktivisten eingefangen und wieder zurück ins Lager gebracht. Gräßlich zerschlagen hatten ihn die Russen, als Malzahn ihn am Tor in Empfang nahm:

„Ha, du siehst ja freundlich aus. Manch einen verdienten Hieb hast du schon weg. Das sieht man deiner Schnauze an. Sollst aber noch von mir einen Hieb haben," worauf er mit voller Kraft Dreher einen Schlag ins Gesicht versetzte, der ihn wie einen leeren Sack zu Boden warf.

Als Dreher wieder bei Kräften war, brachte Malzahns Adjutant eine schwere Brechstange, die er Dreher in die Hände drückte und befahl ihm, diese mit ausgestreckten Armen über dem Kopfe zu halten. In dieser Stellung stand Dreher als die Arbeitsbrigaden von ihren Arbeitsstellen heimkehrten. Wenn Dreher Anzeichen von Müdigkeit überfielen, erhielt er vom Torposten einen Schlag ins Kreuz und mußte seine Stange wieder hochdrücken. Kein Mann durfte ins Lager gehen, bis nicht alle Brigaden vor dem Tore standen. Schließlich stand das Lager in seiner Gesamtheit von über achthundert Mann angetreten und Malzahn begann mit seiner Standrede:

„Kameraden! Hier seht ihr einen Kerl, der unsere Ehre als Antifaschisten mit seinen dreckigen Füßen in den Kot trat: er versuchte aus der Gefangenschaft zu flüchten und sich dadurch der Wiedergutmachungspflicht zu entziehen. Er ist in meinen Augen ein Verbrecher, der nicht hart genug bestraft werden kann. Nun ich habe mir eine Strafe ausgedacht, bei der er von der Hälfte genug haben wird. Er soll es büßen. Jeder von uns soll zu die- **[S. 68]** ser gerechten Strafe etwas beitragen. Und zwar wird Dreher hier am Tor antreten und jeder, der ins Lager geht, gibt ihm eine tüchtige Ohrfeige oder Maulschelle, aber mit Nachdruck. Wer seine Sache von euch nicht gut macht, bekommt eine von mir verpaßt. Habt ihr das verstanden?"

Malzahns Adjutant zog Dreher dicht ans Tor, während die Kompanieführer ihre Männer in eine Reihe aufstellten. Nachdem dieses geschehen war, traten die Kompanieführer und Brigadiere an und begannen den Marsch an Dreher vorbei. Malzahn und sein Adjutant stellten sich an die Spitze dieses traurigen Zuges und schon klatschten ihre Fäuste in Drehers Gesicht, der seine Stange immer noch über dem Kopfe hielt.

Als die Männer an Dreher herankamen, war er schon blutunterlaufen und allen schauderte es allein schon bei dem Gedanken, in das zerschundene Gesicht zu schauen, vielmehr noch in dasselbe zu schlagen und daher kein Wunder, wenn die Männer ihre Hand nicht gegen Dreher erhoben, sondern gesenkten Hauptes vor diesem Manne stehen blieben, der den Mut besessen hatte, die Flucht aus der schrecklichen Gefangenschaft zu wagen. Ja, war denn eine Flucht aus der Gefangenschaft überhaupt ein Verbrechen? Nein, es war und ist ureigenes Recht eines Gefangenen die Flucht zu unternehmen, denn sonst wäre er ja kein Gefangener, sondern ein zur Strafe verurteilter Verbrecher. Keinem Tier nimmt man es übel, wenn es sich die Freiheit wieder verschafft, die ihm der Mensch geraubt hat und sie, die dasselbe getan hätten was Dreher, wenn sie den Mut oder die Gelegenheit gehabt hätten, sollten ihn schlagen? Lieber wollten sie einen Schlag von Malzahn empfangen. Nach einigem Warten brüllte Malzahn, der ungeduldig geworden war, los:

**[S. 69]** „He, ihr da, was wartet ihr? Wißt ihr nicht, wohin ihr schlagen dürft? Spielt keine Rolle, wohin ihr wollt. Haut ihn!"

Keiner rührte sich. Ohne ein Wort zu sagen, trat Malzahn an den Vordermann heran und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, daß der Getroffene zur Seite strauchelte. So beförderte Malzahn etwa zehn Mann ins Lager, dann schlugen wieder etliche auf Dreher ein, wiederum andere zogen es vor, einen Schlag von Malzahn für Dreher zu empfangen. In dieser Art und Weise ging es fort, bis alle Männer im Lager waren. Dreher, der nicht mehr stehen konnte, wurde gehalten und so empfing er die Schläge, bis er bewußtlos ins Krankenrevier getragen wurde. Am kommenden Morgen sperrte man ihn in den Karzer.

Man glaube ja nicht, daß solche und ähnliche Verbrechen ohne Wissen der Russen getan wurden.

Während des „Strafvollzuges" an Dreher standen die sowjetischen Offiziere lächelnd abseits und konnten ihr Wunder über den rohen Malzahn, der hier ein Beispiel mittelalterlicher Unmenschlichkeit lieferte, nicht verbergen. Von Zeit zu Zeit hörte man ein gezogenes „Wott", wenn jemand aus der Reihe tüchtig geschlagen oder einen schweren Schlag von Malzahn erhalten hatte.

Dieser Vorfall hatte aber nicht nur Dreher die Knochen gebrochen, sondern auch Malzahns Position stark untergraben, denn logischer Weise fragten sich die Russen:

„Wenn Malzahn unter seinen eigenen Landsleuten so etwas treibt, um wieviel schlimmer muß er dann unter den fremden Gefangenen gewütet haben? Er muß ein Verbrecher sein." Eine ganze Anzahl gut bezahlter Spitzel zog seit jenem Tage hinter Malzahn her, aber **[S. 70]** stets vergebens. Bis endlich eines Tages ein Zufall allem ein Ende bereitete.

Der unweit vom Lager gelegene Flugplatz besaß große Hallen mit Munition und Bomben, die noch aus der Zeit des Krieges stammten, als englische und amerikanische Flugzeuge von Poltawa aus Deutschland bombardierten. Die Russen versuchten in den Hallen und Kellern Ordnung zu schaffen und brachten dabei durch Unvorsichtigkeit eines der Geschosse zur Explosion und das gesamte Munitionslager explodierte mit furchtbarem Krachen und Donnern. Viele Meter hohe Flammen stiegen hoch, der Luftdruck zerbrach im Kreise von drei Kilometern alle Fensterscheiben und mehrere nahe gelegene Häuser gerieten in Brand, unter anderem auch das „Musterlager".

Mit angstverzerrtem Gesicht lief Major Omelschenko, der sowjetische Lagernatschalnik, über den Schutthaufen, der noch vor wenigen Stunden sein Gefangenenlager darstellte, während die Gefangenen auf dem Hofe kampierten. Es blieb nichts anderes übrig, als die Lagerinsassen ins Lager 2, in dem auch Siebert untergebracht war, zu überführen.

Laut Anordnung mußte jeder Gefangener, wenn er in ein anderes Lager kam, durch die Bade- und Entlausungsanstalt. Auch Malzahn kam ins Bad, das ihm zum Verhängnis wurde, denn beim Entkleiden verlor er aus seiner Brieftasche eine Photographie, die ihn eindeutig als einen Oberfeldwebel des SD identifizierte. Sie wurde von einem seiner Untergebenen gefunden und beim MWD-Offizier abgegeben. Die darauffolgenden Untersuchungen brachten ein jähes Ende all der Quälereien, die Malzahn an seinen Landsleuten verübt hatte, denn noch zur selben Stunde wurde er eingesperrt. Erst nach **[S. 71]** langer Zeit kam er wieder zum Vorschein, wurde aber in einer großen Hausruine streng isoliert gehalten, bis er von dort den Weg in eine noch schwerere Gefangenschaft ging, als er sie seinen Kameraden bereitet hatte. Kein Beileidswort, kein Mitleid schenkte man Malzahn, nur der übliche Satz dröhnte hinter ihm her:

„Jede Schuld rächt sich auf Erden!"

Die Affäre Malzahn war bald vergessen, als alle Kriegsgefangenen aus Poltawa herausgezogen werden sollten bis auf vierzig Mann, die zur völligen Auflösung des Lagers zurückblieben. Unter den Zurückbleibenden befanden sich auch Leutnant Müller, Karl Rückert und Siebert.

Ruhig flossen die Tage dahin. Selten wer von den Russen kümmerte sich um die Gefangenen, weil die Offiziere alle zu sehr mit der Verschleppung der Lagereinrichtungen beschäftigt waren. Die Tage der Ruhe fanden plötzlich ihr Ende, als von Charkow ein Kapitän Semjenow eintraf, um die Verpflegung nach Gewicht und die noch nicht gestohlenen Kleidungsstücke zahlenmäßig zu übernehmen. Gleichzeitig ordnete er die sofortige Verlegung aller Gefangenen nach Charkow an.

Mitte Februar trafen die vierzig Mann aus Poltawa in Charkow ein. Eisiger Wind fegte über das Bahnhofsgelände, auf dem die frierenden Männer wie Schwerverbrecher von vielen Posten bewacht und von neugierigen Zivilisten angegafft, standen.

Da plötzlich erscheint in der Tür des notdürftig hergestellten Bahnhofsgebäudes Kurt Brückner.

Keiner traute seinen Augen. Wie hatte er es fertiggebracht, hier wieder den großen Mann zu spielen? Freundlich trat er an die Männer heran:

„Seid ihr gut angekommen? Hoffentlich kommt ihr **[S. 72]** zu uns ins Lager 1, denn wenn ihr nach Lager 2 kommt, seid ihr verloren. Dort hausen die „Herren von gestern", ich meine die Faschisten. Bei uns dagegen sind die Antifaschisten am Ruder. Da klappt alles wie am Schnürchen. Doch da kommt euer Offizier, der weiß bestimmt, wohin ihr geschickt werdet. Siebert, frage ihn doch."

Siebert erkundigte sich nach dem Bestimmungsort und erfuhr, daß alle vierzig Mann nach Lager 2 kommen sollten, das auf dem Gelände der Fabrik „Serp i Molot" gelegen war. Lager 2 war also das Ziel der Männer, vor dem selbst Brückner Respekt hatte.

Nach langem Hin und Her auf dem Bahnhof gings endlich in Richtung des Lagers. Unterleutnant Jurschenko hielt mit großem Getue eine Straßenbahn an, zwang die Fahrgäste zum Aussteigen und setzte die Gefangenen in den leeren Wagen. Mit großem Gepolter fuhr man durch die Straßen Charkows.

Charkow war vom Krieg stark mitgenommen, denn dreimal wechselte die Stadt den Besitzer allein im Jahre 1943, von den schweren Kämpfen 1941 garnicht zu reden. Fast alle Regierungsbauten und Fabriken waren zerstört, unter ihnen auch die großen Werke, wie das bekannte Traktorenwerk Ch. T. S., die landwirtschaftliche Maschinenfabrik „Serp i Molot" und die „Charkower Elektromechanische Fabrik". Die Zerstörungen wurden vom jeweiligen Besitzer vollzogen, sobald er sich gezwungen sah, die Stadt zu verlassen. Obwohl die Zerstörungen groß waren, hatte man verhältnismäßig wenige Menschenleben zu beklagen. Ganz anders lag der Fall bei der Zerstörung des städtischen Gefängnisses.

1941, als die deutschen Truppen auf Charkow anrückten, war es mit „sowjetfeindlichen" Menschen überbelegt. Der Abzug der Sowjets ging in so großer Eile vor **[S. 73]** sich, daß diese keine Zeit mehr hatten, die Eingekerkerten fortzuschaffen. Daher entschlossen sich die Sowjets, mit den Häftlingen den von den Bolschewiken so oft geübten Prozeß zu machen. Sie verriegelten die Türen und Tore fest und setzten das Gefängnis, das ein ganzes Stadtviertel umfaßte, in Brand. Sämtliche Insassen hatten den Tod in den Flammen gefunden, ehe die Deutschen die Stadt erreichten.

Die deutschen Besatzungsmächte gingen sofort wieder daran, das ausgebrannte Gefängnis aufzubauen und sperrten jetzt diejenigen ein, die gegen sie eingestellt waren. Wiederum füllten sich die Mauern dieses Zwingers mit Menschen, mit unschuldigen und schuldigen.

1943 mußten die Deutschen überraschend schnell die Stadt verlassen, als die gesamte deutsche Südfront aus den Angeln gehoben wurde. Wohin mit den Gefangenen? Man entschloß sich für eine Sprengung des Baues mit samt seinen Insassen. Nur wenige überlebten den Augenblick, als der gewaltige Menschenzwinger von den tiefen Kellern bis zum Dache hinauf erzitterte und in sich zusammenbrach, alles unter Steinen und Asche begrabend. Endlich war die Kriegswalze über Charkow hinweggerollt und eine verhältnismäßige Ruhe trat ein, aber leider nicht im Gefängnisviertel, denn hier trieben die Sowjets sofort nach ihrer Rückkehr wiederum „sowjetfeindliche" Elemente und „Kriegsverbrecher" zusammen und zwangen diese, das Gefängnis aufzubauen. Es war der erste große Bau, der in dieser Millionenstadt wieder hergestellt wurde.

Holpernd fuhr die ungeheizte Bahn am Ukrainischen Museum, am Haus der Roten Armee und am Stadtsowjet vorbei — alles ausgebrannte und zerfallene Ruinen. Die Wohnungsviertel waren mehr oder weniger ver- **[S. 74]** schont geblieben. Grausam hatte in der Stadt der Krieg gehaust.

Endlich hielt die Bahn vor einem Tor, das ins Werkgelände der Fabrik „Serp i Molot" — Hammer und Sichel — führte.

„Alle aussteigen! In Fünferreihen antreten!" befahl Jurschenko und begann von vorne die Männer zu zählen.

„Sorok! Marsch!" Schwerfällig wurden die Torflügel von einem alten Werksmilizionär auseinandergeschoben. Hinter dem letzten der Männer fiel das Tor wieder krachend zu, als würden sich seine Flügel nicht sobald zum Öffnen überreden lassen. Gaffend standen an den Fabrikstraßen schmierige Gestalten und suchten den kleinen Trupp nach bekannten Gesichtern ab. Überall sprach man deutsch. Hie und da erkannten sich die Männer von früheren Lagern her und begrüßten sich kurz.

„Hans, wie geht es hier und was macht ihr?"

„Eberhard, du hier? Na, da bist du ja in die richtige Knochenmühle gekommen. Wir bauen hier Dreschmaschinen am laufenden Band. Bis morgen."

„Dawai, Frieze!" schrieen die Posten dazwischen.

Eine ziemlich lange Strecke waren die Männer schon gelaufen, als sie wieder ein großes Tor erblickten, hinter dem mehrere Tausend in Wattekleidern gekleidete Männer standen. Vor dem Tore an der Außenseite sah man einen Mann lebhaft gestikulieren. Die Worte verstand man nicht, denn seine Stimme krächste sehr heiser vor Überanstrengung.

Als der kleine Transport näher kam, hörte man, wie einer seiner Gehilfen ihn auf den Zug aufmerksam machte.

„Emil, es kommen neue Leute."

**[S. 75]** „Weiß ich, Brückner erzählte mir davon," sagte der als Emil Angesprochene.

„Wer ist hier Müller, Rückert und Siebert? Tretet vor! Schönen guten Abend. Mein Name ist Emil Dowideit, bin hier der Lagerkommandant. Zwecks Unterbringung wendet euch an Jan van Doren. Die anderen melden sich beim Kompanieführer Norbert Rencher. Die beiden wissen bescheid."

Müller, Siebert und Rückert schauten sich verwundert um, denn allein der hier herrschende Ton verriet nichts von Milde und vernünftiger Ordnung. Noch viel weniger Gutes versprach das eigentliche Lager selbst, das noch einmal mit vierfachem Stacheldraht umgeben war, obzwar das ganze Fabriksgelände schon einen Drahtverhau hatte. Hohe Wachtürme erhoben sich über dem Zaune, auf denen deutsche Kriegsgefangene Wache standen. Man nannte diese Kerle, die ihre eigenen Landsleute bewachen mußten, WK (Wspomogatjelnaja Komanda — Hilfskommando). Im Falle eines Fluchtversuches hatten sie auf dem schnellsten Wege die russischen Wachposten zu alarmieren.

Müller, Rückert und Siebert gingen zu Jan van Doren und dieser führte sie in einen Raum, in dem die Kompanieführer untergebracht waren.

„So, hier werdet ihr wohnen, bis für euch anderweitig Platz gefunden ist", sagte van Doren.

Müde von den Strapazen der langen Reise, legten sich die drei in die ihnen angewiesenen Pritschen und besprachen ihre Lage. Man wurde sich in dem Punkte einig, von ihrer früheren Stellung im Lager 7136 nichts zu sagen, um leichter in der großen Masse der Gefangenen untertauchen zu können, denn in der Gefangenschaft an führender Stelle zu stehen, hieß auch stets im Blickfeld **[S. 76]** des MWD zu stehen und ständig von seinen Spitzeln beschnüffelt zu werden. Ihre Kameraden wollten sie ebenfalls bitten, nichts über ihre ehemalige Stellung zu verraten, was diese auch bereitwillig am nächsten Morgen versprachen.

Das Lager bei der Fabrik „Serp i Molot" war eines der gefürchtetsten Lager der Ukraine, denn man bezeichnete es mit Recht als das Straflager für diejenigen, die etwas auf dem Kerbholz hatten. Man hatte hier über 3600 Männer versammelt, die bei der SS gedient hatten, bei der NSDAP oder bei sonstigen nazionalsozialistischen Formationen waren. Viele der Lagerinsassen waren hier wegen gemeiner Verleumdungen ihrer „Kameraden". Ein großer Teil des Lagers bestand aus sowjetischen Staatsbürgern, die sich den deutschen Truppen angeschlossen hatten oder von diesen zwangsweise mitgenommen worden waren.

Im Lager 7149 trafen sich die Völker Europas. Die Lagerkartei wies zweiunddreißig verschiedene Nationalitäten auf. Man sprach innerhalb des Stacheldrahtes weit mehr als zweiunddreißig Sprachen. Als allgemeine Verkehrssprachen galten die deutsche und die russische Sprachen, weil sie die meistgebrauchtesten Sprachen in den Lagern waren. Kein Wunder, daß es bei dieser zusammengewürfelten Masse oft an Einmütigkeit mangelte und an Neid und Verrat ein reicher Überfluß bestand.

Sämtliche Dienstgrade aus den verschiedensten Heeren konnte man hier antreffen: angefangen vom Soldaten bis zum General. Alle Volksstände waren im Lager vertreten: Universitätsprofessoren, Ingenieure, Diplomaten, Doktoren aller Gebiete der Wissenschaft, sämtliche Berufe standen in großer Auswahl zur Verfügung. Es **[S. 77]** wäre für die Männer, die hinter Stacheldraht ihr kümmerliches Dasein fristeten, ein Kleines gewesen, eine größere Stadt mit allen nötigen Beamten und Handwerkern zu versehen. Jedoch kamen die Kräfte, das Wissen und Können dieser Männer nirgends zur Geltung, dafür sorgte die fortwährend hämmernde sowjetische Propaganda und der von den Russen eingesetzte und mit diktatorischen Vollmachten ausgerüstete Lagerkommandant Emil Dowideit.

Dowideit führte das Lager mit den 3600 Gefangenen in jeder Hinsicht. Sobald er an den Rand seines engbegrenzten Horizonts gekommen war, setzte seine physische „Führung" ein, die in den meisten Fällen in einer zügellosen Schlägerei ihre höchste Vollendung fand. Emil, wie er von den Gefangenen genannt wurde, besaß das größte Vertrauen der sowjetischen Offiziere. Wo das Vertrauen aufhörte, setzte Erpressung von Seiten Dowideits ein, denn es gab unter dem ganzen sowjetischen Lagerpersonal keinen einzigen Offizier, der nicht von ihm bestochen war.

Immer wieder fragte man sich, wie es dieser Mann fertig gebracht hatte, die Offiziere in seine Falle zu bringen. Er hatte es geschafft und zwar durch gemeine Bestechungen mit Lebensmitteln und anderen Sachen des persönlichen Bedarfs.

Da seine Helfershelfer alle von ihm abhängig waren, war es für Dowideit eine Kleinigkeit, aus der Lagerküche alle wertvollen Lebensmittel wie Butter, Fleisch und Zucker, abgesehen vom Brot, zu entfernen und selbige den Offizieren zu geben. Dieses war laut Verordnung der Regierung verboten und die Gerichte ahndeten Vergehen dieser Art mit strengen Strafen. Als alle Russen, die im Lager ein Wort mitzureden hatten, von Dowideits

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**[S. 78]** …freigiebiger Hand reichlich Gebrauch gemacht hatten, war Emil der unbeschränkte Gebieter im Lager. Er kommandierte seit jener Zeit nicht nur die Gefangenen aus aller Herren Länder, sondern auch die siegesstolzen Russen. So bald ein Russe gegen ihn Stellung nahm, erinnerte Emil ihn an die Mengen von Lebensmittel, an die Kleidungs- und Möbelstücke, die er von ihm erhalten hatte und der Russe zog bedrückt wieder ab und wagte es nicht wieder gegen Dowideit aufzutreten. Viele Russen bedauerten ihre Abhängigkeit von Dowideit, aber an der Tatsache war nichts mehr zu ändern. Sie waren schon zufrieden, solange dieser schwieg und seine Drohungen, die Entwendung der vielen Sachen zu veröffentlichen, nicht in die Tat umsetzte. Keiner von den Offizieren wußte von den Diebstählen der anderen und daher fürchteten sie sich voreinander, in dem Glauben, daß er nur allein dieses Vergehen begangen hätte. Dieser Umstand erleichterte Dowideits Sache ganz enorm.

Emil war mit allen Methoden und Weisheiten krimineller Verbrechen vertraut, denn seit seiner frühesten Jugend hatte er sich dem Verbrechen verschrieben und diese „Kunst" erlernt. In Berlin geboren und auch aufgewachsen, hatte er diese Stadt als sein Tätigkeitsfeld erwählt. Viele Bankeinbrüche erwähnte schon lange Zeit vor 1933 sein polizeilicher Steckbrief. Mehrfach gelang es der Polizei ihn dingfest zu machen, doch immer wieder kam er auf freien Fuß und trieb sein grausiges Handwerk weiter. Erst der Kriminalpolizei Hitlers gelang es, ihn unschädlich zu machen, indem sie Dowideit von 1933 bis 1944 in den verschiedenen Konzentrationslagern in Gewahrsam hielt. Aber einen Verbrecher vom Formate eines Dowideits konnten auch die Verhältnisse in den Konzentrationslagern nicht umwerfen. Er blieb stark **[S. 79]** und gesund, bis der Nationalsozialismus nach der völligen Erschöpfung seiner Menschenreserve den Ruf zu den Waffen an alle deutschen KZ-Insassen ergehen ließ. Viele meldeten sich freiwillig (der Rest wurde gezwungen) zum Dienst in der Wehrmacht. Alle KZ-ler wurden in besonderen Bataillionen zusammengezogen und an die Front geschickt. Auf diese Weise gelang es Emil auf freien Fuß zu kommen, jedoch nicht für längere Zeit, denn Anfang 1945 geriet er in sowjetische Gefangenschaft, wo er sich sofort als ein geschändetes Opfer des Faschismus und als eifriger Kommunist und Freund von Ernst Thälmann ausgab.

Nachdem er Lagerkommandant wurde, begann er seine Erfahrungen aus dem KZ-Leben hervorzuholen und sie nochmals an den Kriegsgefangenen auszuprobieren. Was andere Kommandanten mit vielem und langem Reden und Überreden bei den Gefangenen ausrichteten, vollbrachte er lässig mit seiner schweren, knolligen Faust. Wollte einer der Gefangenen sich bei ihm über das Untergewicht seiner täglichen Brotration beklagen, so schlug er ihn einfach mit der Faust zu Boden, ging jemand an ihm mit der Zigarette im Munde vorüber, so ermahnte er ihn zur Achtung seiner Person mittels einer Ohrfeige. Kurz gesagt, Emil hatte immer eine Ursache, jemand zu schlagen.

Eine ganz origenelle [sic] Erfindung Dowideits war der Karzer des Lagers in „Serp i Molot".

In einer Ecke des Holz- und Kohlenschuppens war eine Falltür, durch die man zunächst in ein finsteres Loch gelangte. Die Wände dieses Loches waren mit Brettern ausgeschlagen. Erst wenn man von der Treppe stieg, konnte man Licht anmachen und man befand sich direkt vor einer dicken Eisentür. Mit großem Lärm konnte man **[S. 80]** diese mittels eines grobgeschmiedeten Schlüssels öffnen. Hinter der Tür befand sich ein Raum von 2 mal 2 Meter, dessen Wände, Decke und Fußboden aus Beton waren. Dieser Raum hatte nur eine Öffnung und das war die Tür zur Stehzelle, welche nur so groß war, daß man dort nur stehen konnte. Es war selbst nicht möglich in der Zelle die Hockestellung einzunehmen. Hier waren die Wände mit blutroter Farbe bestrichen, um Blutspuren vorzutäuschen, die den Eingekerkerten moralisch zermürben sollten, was auch in den meisten Fällen gelang. In diese Zelle, die an die Folterkammer des Mittelalters erinnerte, kamen Dowideits Opfer für die geringsten Übertretungen. Nach kurzer Zeit wurde dieser vernichtende Karzerraum auch vom MWD als gut befunden und die MWD-Offiziere machten mit Dowideit gemeinsame Sache, um die zu vernehmenden Gefangenen gesprächig zu machen. Jeder, der eingesperrt werden sollte, mußte erst seine Kleidung bis auf die Unterwäsche ablegen und wurde dann in den kalten Raum gesteckt, wo er bereits nach ganz kurzer Zeit in jeder Hinsicht gefügig gemacht wurde. Diesen Karzer benützte man im Lager ständig von 1945 bis 1947, als eine Kommission von Moskau die Affäre Lorant, von der vorher bereits die Rede war, untersuchte und die weitere Benützung des Betonkarzers verbot.

Da Dowideit die Verpflegung des gesamten Lagers in seinen Händen hielt, konnte er mit derselben tun und lassen, wie es gerade für seine großangelegten Schiebungen paßte. Aus diesem Grunde wurde die ohnehin schon schlechte Verpflegung immer schlechter und die schwerarbeitenden Gefangenen siechten zusehends dahin, ohne daß Emil auch nur mit den Wimpern zuckte. Was machte es ihm auch aus? Er hatte ein erstklassiges Essen, seine warme und modern eingerichtete Stube. Seine Ar- **[S. 81]** beit war eine leichte, denn sie bestand größtenteils aus mehreren Lagerdurchgängen, wobei er die Gefangenen schikanierte.

Der Tagesverlauf dieses Mannes aus der dunkelsten Unterwelt verlief folgendermassen:

Um acht Uhr morgens, wenn die Arbeitsbrigaden bereits zur Arbeit ausmarschiert waren, wurde Dowideit von seinem Putzer (Diener) geweckt, was aber keines Falls bedeutete, daß er jetzt aufstand, denn sofort betrat ein Friseur das Zimmer und rasierte und frisierte ihn im Bett und massierte seinen Körper gründlich durch. Nach dieser Prozedur kam der Oberkoch mit dem Frühstück, das der Kommandant ebenfalls liegend einnahm. Dann erst erhob er sich und bequemte sich in seine Kleider und betrat mit großem Lärm den Lagerhof. Am Tage sah man ihn überall toben und schimpfen, bis es endlich Abend wurde und der Tag mit einem Saufgelage abgeschlossen wurde, während weit mehr als 3500 Mann müde und hungrig auf ihren dreckigen und verwanzten Pritschen lagen.

So sehr Dowideit sich auch bemühte, seine Stellung zu stärken, um so mehr wurde sie aber allmählich geschwächt, denn selbst die ruhigsten Männer wurden immer erboster über ihn und nahmen gegen ihn Stellung. Dadurch wurde er wohl etwas mäßiger, aber noch lange nicht zurückgedrängt.

Zu dieser Zeit kamen Siebert und seine Kameraden ins Lager. Trotz der Besserung waren die Verhältnisse verheerend und hoffnungslos, obwohl sich das antifaschistische Aktiv unter der Leitung des Gefangenen Bruno Palm krampfhaft bemühte, die Führung des Lagers den Händen dieses Verbrechers zu entreißen und selbst zu übernehmen.

**[S. 82]** Müller, Rückert und Siebert wurden auf eigenen Wunsch einer Montagebrigade zugeteilt. Die Arbeit dieser Gruppe bestand in der Beförderung und Montage der aus Deutschland als Reparationsgüter importierten Maschinen und galt als eine der schwersten Arbeiten im Lager. Alle drei hatten noch nie längere Zeit körperliche Arbeit verrichtet und nach sechs Wochen waren sie zur Arbeitsstufe drei herabgesunken. Arbeitsgruppe drei wurde der Gefangene in einer körperlichen Verfassung [zugeteilt], wenn sich die ersten Anzeichen der Hungerödeme zeigten. Die Gefangenen der dritten Arbeitsstufe waren, wenn es das MWD für nötig erachtete, Kandidaten zur Entlassung in die Heimat. In jenen Tagen lauschten Müller, Rückert und Siebert gespannt auf alle Gerüchte über etwaige Heimattransporte und freuten sich auf die baldige Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt, denn Rückert, der ebenfalls stark von der Arbeit mitgenommen war, sprach unerwartet von einer Mitarbeit im öffentlichen Lagerleben. Müller und Siebert baten ihn dringend von einer Durchsprache dieser Angelegenheit mit dem Aktivleiter Palm abzusehen, jedoch befolgte er nicht den Rat und stellte sich dem Aktiv zur Verfügung, um dadurch von der schweren Arbeit entbunden zu werden. Im Laufe seines Gesprächs mit Palm teilte er Letzterem von der Tätigkeit Sieberts und Müllers im Lager 7136 mit. Seit diesen Tagen wurden die drei immer häufiger zu Versammlungen gerufen und als im Mai 1948 Neuwahlen des Aktivs durchgeführt wurden, wählten die Kameraden Rückert und Siebert in diese Lagerbehörde. Mit der Wahl ins Aktiv schwand auch jegliche Hoffnung auf eine baldige Heimkehr, da bei geistiger Arbeit keine Arbeitsstufe erforderlich war.

Siebert schickte sich ins Unvermeidliche und nahm **[S. 83]** die Arbeit im Aktiv an, entschlossen, sofort mit dem entschiedenen Kampfe gegen den Lagertyrannen Dowideit zu beginnen. Zunächst aber mußte man das Vertrauen der Kameraden gewinnen, was nur durch einen rücksichtslosen Einsatz für die Verbesserung ihrer materiellen Lage möglich war.

In allen Lagerwerkstätten, vor allen Dingen in der Küche, wurden Kontrollen von den Gefangenen eingesetzt, um Dowideit und seinen Komplicen bei eventuellen Diebstählen gehörig auf die Finger zu schlagen.

Als Dowideit diese Kontrollen merkte, spie er die übelsten Verleumdungen gegen das Aktiv, das seinerseits energisch bei der sowjetischen Lagerleitung bezüglich einer sofortigen Ablösung Dowideits als Lagerkommandant vorsprach, aber stets ohne Erfolg, denn Emil saß zu fest in seinem Sattel und vorläufig gab es keine Kräfte, die ihn aus demselben heben konnten.

Nach langem vergeblichem Bemühen kam dem Lager ein Zufall zu Hilfe, als Dowideit mit seinen Freunden bei einem ihrer üblichen Gelage war.

Aus einem der vielen Lager im südlichen Rußland hatte man die rumänische Gefangene Tatjana, wie sie allgemein gerufen wurde, nach Charkow versetzt und sie war somit die einzige Frau unter 3600 Männern. Sie hatte bereits zu Hause alles andere als ein sittliches Leben geführt und verfiel in der Gefangenschaft erst recht der Unmoral.

Ein junger rumänischer Ingenieur fand an der Frau Gefallen und bald wußte das gesamte Lager von ihrem gegenseitigen Verhältnis. Auch Dowideit erfuhr davon zu seinem großen Kummer, denn er war trotz seiner vierzig Jahre scheinbar stark in Tatjana verliebt. Ungeachtetdessen rief er beide, den Ingenieur Petrescu **[S. 84]** und Tatjana zu dem bereits erwähnten Gelage, aber mit ganz besonderer Absicht. Er hatte sich fest vorgenommen, Petrescu ein für alle Mal tüchtig heimzuleuchten.

Um Mitternacht hatte die ganze Gesellschaft dem Wein und Wodka ziemlich zugesprochen, außer Dowideit, der nur einige Gläschen zur Täuschung mitgetrunken hatte.

Kurz vor dem Aufbruch der Zecher zogen sich Petrescu und Tatjana auf den finstern Hof zurück, um hier ein Liebesstündchen zu erleben. Aber diesen Plan hatten sie ohne Dowideit gemacht, der ihr Vorhaben genau kannte und seit einer Stunde auf dem Hofe auf sie wartete.

Als sich die beiden ahnungslosen Gestalten vom Türrahmen lösten, vertrat ihnen Emil mit geballten Fäusten den Weg:

„Ah, Petrescu, das sieht dir ähnlich. Tatjana ist meine, verstehst du das!" Klascht-klatsch — und schon strauchelte Petrescu von den gutgezielten Schlägen zur Seite. Tatjana hatte aber Mut genug, um sich auf Dowideit zu stürzen und ihn zu kratzen und zu beißen. Dieses versetzte Dowideit in heillose Wut und dadurch verlor er die Selbstkontrolle über seine Handlungen. Mit furchtbarer Kraft schleuderte er Tatjana auf das Hofpflaster und trampelte ihr mit seinen benagelten Schuhen auf dem Leibe. Die Frau rief laut um Hilfe, was ihren Peiniger aber durchaus nicht hinderte, auf sie zu treten, als wollte er sie in den Boden stampfen.

Auf das Schreien der Frau hin kamen Dowideits Kumpane und zogen den Rasenden auf sein Zimmer, während Tatjana ins Lazarett getragen wurde. Erst nach mehreren Tagen gelang es den deutschen Lagerärzten die Blutungen der Frau zu stillen.

**[S. 85]** Voller Empörung vernahm das Lager von der tierischen Mißhandlung der Frau und verlangte, daß Dowideit abgesetzt und aus dem Lager versetzt werde. Angesichts dieser Tatsache blieb den Russen nichts anderes übrig, als Dowideit seines Postens zu entheben und ihn in ein anderes Lager zu versetzen.

Mit Dowideit verschwanden auch die schrecklichen Verhältnisse, da seine Freunde alle nacheinander den Weg ihres Anführers gingen und Männer mit Vernunft an ihre Stellen traten. Diese versuchten nun mit allen Mitteln ertragbare Verhältnisse zu schaffen.

Allmählich drang ein menschlicher Ton in der Behandlung der Kriegsgefangenen an die Oberfläche, so daß man sich etwas wohler fühlte.

Der Nachfolger Dowideits, der Gefangene Oberfeldwebel Heinz Schlupp, setzte sich in seinem Bestreben, den Gefangenen zu helfen, mit einer erstaunlichen Ruhe und Verbissenheit den Russen gegenüber durch. Ihm verdankten die Lagerinsassen vor allen Dingen viele Erleichterungen in ihrer schweren Arbeit in der Fabrik. Er wagte es mit kühler Überlegung absurde Befehle der sowjetischen Lagerführung völlig zu ignorieren oder zumindest nach seinem Geschmack durchzuführen. Bald fiel Oberstleutnant Litwin Schlupps Haltung auf und er drohte mit einer Bestrafung, falls Schlupp seine Befehle und Anordnungen nicht genau ausführen würde. Schlupp suchte nach einem Weg, um seinen schwierigen Posten abzuschütteln, denn er verspürte nicht die geringste Lust, als Werkzeug der Russen bei der Schikanierung seiner Landsleute zu dienen.

Als eines Tages Oberstleutnant Litwin wieder einmal eine unmenschliche Forderung an ihn stellte, täuschte er einen Nervenzusammenbruch vor, fiel in Ohnmacht **[S. 86]** und wurde als krank ins Krankenhaus gebracht, wo er längere Zeit mit Hilfe der deutschen Ärzte verblieb. Diesen Vorfall konnten und wollten die Russen ihm jedoch nie so ganz verzeihen und zur Strafe wurde er nach seiner Genesung in das Lager 7149/1 versetzt, mit dem Hinweis, ihn dort für schwerste Arbeiten zu verwenden. Dieser Umstand kam Schlupp sehr gelegen. Von Hause aus war er an körperliche Arbeit nicht gewöhnt, so daß er bereits nach acht Wochen arbeitsunfähig war und mit dem kurz darauffolgenden Krankentransport in die Heimat entlassen werden mußte. Siebert begleitete den einst gesunden Mann auf dem Marsch zum Bahnhof. Schlupp war jedoch mit seinem Schicksal vollkommen zufrieden, denn er zog es vor, wie die meisten Gefangenen, lieber als gebrochener Mann in die Heimat zu seinen Lieben zu gehen, als noch länger in den Klauen des MWD zu bleiben.

„Siehst du, Heinz, ich habe es geschafft, wenn ich auch nur die Knochen und den guten Willen zum Wiedergesundwerden mit nach Hause bringe. Hauptsache — ich fahre nach Hause. Kommt auch ihr recht bald nach. Bleibt stark im Glauben an Gott und an die Heimat. Wir werden euch nie vergessen!" Dann setzte sich der Gütertransport, in den man die Gefangenen gesteckt hatte, in Bewegung und rollte dem Westen, der Ruhe nach langen Jahren steter Unrast und der Freiheit entgegen.

## Die Fabrik „Serp i Molot".

„Serp i Molot" (Siechel [sic] und Hammer) oder wie die sowjetischen Arbeiter „ihre" Fabrik nannten „Smertj i Golod" (Tod und Hunger) war so eng mit **[S. 87]** dem Leben der Gefangenen des Lagers 7149/2 verbunden, daß man nicht umhin kann, ohne diesem Riesenbetrieb etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Gleich zu Beginn der Gefangenschaft war das erste Wort der Russen „Rabota" — Arbeit — und in „Serp i Molot" gab es genug Gelegenheit das Hauptwort der Russen — Arbeit — in die Praxis umzusetzen. Hier gab es Arbeit in Hülle und Fülle, galt die Fabrik doch als eine der größten landwirtschaftlichen Maschinenbaufabriken der U.d.S.S.R.

Hier gab es soviel Arbeit, daß die Zivilbevölkerung diese unmöglich bewältigen konnte. Aus diesem Grunde war man gezwungen, Kriegsgefangene und sowjetische Strafgefangene dazu heranzuziehen. Die sowjetischen Wirtschaftsorgane waren auch keineswegs bedacht, die leeren Arbeitsplätze mit Zivilisten zu besetzen, denn mit denen hatte man mehr Ärger, weil man sie in dieser Fabrik knechten mußte, wenn man den „Plan" erfüllen wollte. Nur mit äußerster Kraftanstrengung und rücksichtslosem Zwang konnte man dem gesteckten Ziele näher kommen, erreichen aber nie, weil der „Plan" tückisch und sehr dehnbar war: er ließ sich nicht beikommen. Wie schon gesagt, um anspruchslose Arbeitskräfte zu haben, wählte man Kriegs- und Strafgefangene, welche man zu jeder Arbeit und zu jeder Zeit einsetzen konnte.

In den ersten Jahren mußte die Fabrik wieder instand gesetzt werden, da durch den Krieg alles vernachlässigt war. Man zwang die Gefangenen zu schwerster Arbeit bei zwölfstündigem Arbeitstag bei misrabelster [sic] Verpflegung. Die Männer siechten auch hier, wie überall in der S. U., schnell hin und gaben dem Namen „Smertj i Golod" seine Daseinsberechtigung.

Endlich konnte mit der Produktion der in Rußland **[S. 88]** weit und breit bekannten Dreschmaschinen „CM" begonnen werden.

Die Herstellungsweise der Maschine war undenkbar primitiv. Am schlimmsten waren die Männer in der Gießerei eingespannt. Hier wurde geschuftet wie in einer Eisengießerei des vorigen Jahrhunderts. Das glühende Metall schleppten die schwachen Männer im Kohlenstaub und Gasdampf vom Morgen bis zum Abend und vom Abend wieder bis zum Morgen ununterbrochen. In jenen Tagen war es eine besondere Leistung, wenn einer der Männer drei Wochen in der Gießerei mit seinen kläglichen Kräften aushielt.

Und dennoch stellten Gefangene die Fabrik wieder auf die Füße, so daß bereits 1948 vierzig Dreschmaschinen täglich hergestellt werden konnten. An diesen vierzig Dreschmaschinen arbeiteten in drei Schichten 6000 Arbeiter, davon 3600 Kriegsgefangene, 800 Strafgefangene und der Rest wurde von der Zivilbevölkerung gestellt.

Den gesamten Arbeitseinsatz im Lager leitete Major Raphael Naumowitsch Ekkermann, der in dieser Arbeit eine ausgesprochen gute Erfahrung hatte. Ganz besonders gut verstand er die Kriegsgefangenen anzuspornen und deren Kräfte teuer an die Fabrikleitung zu verkaufen.

Bis 1948 war neben harten Strafen das beste Anspornungsmittel ein Stück Brot von 200 Gramm. Hatte der Gefangene seine „Norm" an Arbeit erfüllt, so bekam er abends eine Schnitte Brot mehr, war die „Norm nicht erfüllt, so mußte er halt zusehen, wie sein Tischnachbar, wenn der Glück gehabt hatte, seine Suppe mit Brot aß. Für so eine Schnitte Brot arbeitet ein Hungriger sehr gerne! Major Ekkermann wußte das am besten und schlug aus dem Hunger der Gefangenen große Profite.

**[S. 89]** Anfang 1948 erließ die Sowjetregierung den Befehl, den Kriegsgefangenen für ihre geleistete Arbeit Geld auszuhändigen. Wenn es auch nicht viel war, so reichte es aber doch, um die Gesundheit der Gefangenen aufrecht zu erhalten, falls sie noch vorhanden war. Mit dieser großen Neuigkeit kam Ekkermann freudestrahlend ins Lager gestürmt:

„Siebert, sagen Sie den Gefangenen, daß sie ab sofort für ihre Arbeit Geld erhalten, für das sie alles kaufen dürfen, was es in der Lagerkantine geben wird. Die Auszahlung erfolgt folgendermaßen: die ersten 456 Rubel, die der Gefangene verdient, gehen zur Deckung der Lebenskosten, einschließlich Kleidung und Unterkunft. Von dem Gelde über 456 Rbl werden für leichte Arbeit 70 Prozent ausgezahlt, jedoch nicht mehr als 150 Rbl., für schwere Arbeit 85 Prozent, aber nicht mehr als 200 Rbl monatlich. Geld kann also jeder bekommen, wenn er gut arbeitet, d. h. die ihm gesetzte Norm erfüllt und diszipliniert ist. Der Natschalnik und ich sind befugt, jedem das Geld vorzuenthalten, sobald er nicht den gestellten Anforderungen entspricht."

Alle Gefangenen bemühten sich seit dieser Zeit soviel wie möglich zu verdienen, um in den Genuß des Geldes zu kommen, von dem einzig und allein ihre Gesundheit abhing, denn für bare Rubel konnte man Fett und Fleisch, ja sogar Brot konnte man kaufen, das in den meisten Fällen von den sowjetischen Offizieren gestohlen wurde. Was für die Lagerverwaltung aber bei der ganzen Sache am wichtigsten war, war die Tatsache, daß sie durch das Geld ein Mittel in den Händen hatte, die Gefangenen zu noch nicht dagewesenen Höchstleistungen anzuspornen.

In „Serp i Molot" wurde nur Akkordarbeit getan **[S. 90]** und nach den einzelnen Leistungen wurde bezahlt. Anfangs blieben die Preise für die Maschinenteile die alten, als die Gefangenen ihre früheren Leistungen überboten und mehr Geld verdienten, setzte man die Preise herab, weniger für die Gefangenen zum Nachteil als für die russischen Zivilarbeiter. Die Gefangenen mußten, um ihre 200 beziehungsweise 150 Rubel zu erhalten 700 Rubel oder 680 Rubel verdienen. Bei ihren enormen Leistungen war es für sie verhältnismäßig leicht, während die Russen seit der Preissenkung erheblich mehr arbeiten mußten, um auf ihren früheren Lohn zu kommen, der im Durchschnitt zwischen 500 und 650 Rubel schwankte. Der Durchschnittsverdienst der Gefangenen schwebte zwischen 750 und 900 Rubel. Mit so einem Verhältnis waren die russischen Arbeiter logischerweise nicht zufrieden und schimpften über die Gefangenen, weil diese an der Preissenkung die Schuld trugen.

„Seht ihr," sagte ein Russe zu den Gefangenen, „jetzt treibt ihr die Normen hoch, um euch ein besseres Leben zu schaffen. Ihr fahrt aber über kurz oder lang doch nach Hause und wir können uns dann mit den Normen plagen. Wir wollen nicht soviel arbeiten, denn bezahlt wird es doch nicht."

Ekkermann kümmerte sich aber nicht um die Sorgen der Russen. Für ihn war allein ausschlaggebend, daß die Gefangenen ihr Letztes hergaben, wenn auch seine Landsleute schwer in ihrem Joch stöhnten. Die Partei verlangte von ihm die Leistungssteigerung um jeden Preis, denn der phantastische Stalinsche Fünfjahresplan sollte in vier Jahren erfüllt werden. Was für ihn aber am wichtigsten war, waren die hohen Prämien, die ihm für seine „gute" Arbeit unter den Kriegsgefangenen zugesprochen wurden. Ekkermann war für gutes Geld ein guter Kom- **[S. 91]** munist:

Beim Anspornen der Gefangenen mußte ihm das Antifaschistische Aktiv und der Antifaschistische Ausschuß weitgehend Hilfe leisten, indem diese beiden Instanzen der Gefangenen im Lager antifaschistische Arbeitswettbewerbe organisieren mußten nach dem Muster der „sozialistischen" Wettbewerbe in der S. U.

Täglich wurden die Spitzenleistungen der Männer in großen Plakaten veröffentlicht, um die Masse zur Nacheiferung anzufeuern. In schreienden Losungen versprach man den Gefangenen Jahr für Jahr für gute Arbeit ihre vorfristige Entlassung in die Heimat. Jedes Stück Wand zeigte in großen Buchstaben etwa folgende Losungen:

„Jeder Gefangener ein Held der Wiedergutmachung der Kriegsschäden in der Sowjetunion!"

„Durch gesteigerte Leistungen stärken wir das antiimperialistische Lager im Kampfe gegen den Weltimperialismus!"

„Deine Arbeit in der Fabrik zeigt, ob du mit dem Faschismus gebrochen hast!"

„Jeder Antifaschist ein Bestarbeiter!"

Klug ausgedachte Antreiberworte. Keiner wollte hier nachstehen. Jeder wollte als guter Antifaschist angesehen werden, denn nur Männer mit antifaschistischer Einstellung sollten Deutschland wiedersehen.

„Wenn ihr nicht gut arbeitet und endlich dem Faschismus den Rücken kehrt, fahrt ihr nicht nach Hause."

Bei diesen Worten spannten sich die Kräfte der Gefangenen fester und die müden Hände griffen stärker zu, das Äußerste hergebend. Wer wollte nicht nach Hause? — O, wie gerne wäre jeder schon lange, lange daheim. — Aber noch waren die Männer in der Lage, etwas zu lei- **[S. 92]** sten und daher hieß es, immer noch nicht gut genug gearbeitet, immer noch besser arbeiten.

Um die Leute noch mehr anzuspornen schickte man von Zeit zu Zeit einige gesunde „antifaschistische" Bestarbeiter nach Hause. Neidisch, und dennoch froh, daß wenigstens zehn oder fünfzehn Mann der sowjetischen Hölle entronnen waren, blickten die zurückbleibenden Männer dem kleinen Häuflein nach. Die große Masse arbeitete weiter, sie arbeitete um ihr Leben, um nach Hause zu kommen.

Und Ekkermann? Der stand mit einem breiten Grinsen vor den fast verzweifelten Gefangenen und wiederholte sein großes Wort: „Rabota. Wir brauchen Dreschmaschinen! Der Stalinsche Fünfjahresplan wird vom Sowjetvolke in vier Jahren statt in fünf erfüllt und ihr sollt dabei nach Kräften helfen. Zeigt, daß ihr gute Freunde der Sowjetunion seid und ihr werdet nach Deutschland zurückkehren".

Die Gefangenen begriffen nicht, wo man die Frechheit hernahm, ihnen jahrelang immer ein und dasselbe vorzuhalten. Damit gedachten die Sowjets aus jedem Gefangenen einen Freund der Sowjetunion zu machen, nahmen den Männern aber jede Lust und Ursache zur Freundschaft, denn selbst ein Hund wird seinem Herrn untreu, wenn dieser ihn fortwährend prügelt, wieviel mehr wird da ein Mensch seinem Peiniger und Betrüger ein Feind!

Trotzdem schafften die Gefangenen riesige Werte. Allein an Arbeitslohn brachten die Kriegsgefangenen monatlich über eine Million Rubel dem Lager in die Kasse, was die Zivilisten nie fertig brachten. Diese arbeiteten in der Mehrzahl im Tempo eines Fronarbeiters. Bereits 1947 setzte man in allen Zechen deutsche Vorar- **[S. 93]** beiter ein. In einigen Zechen lag sogar die Zechenleitung in Händen deutscher Ingenieure. Über diese Zustände murrten die Zivilisten natürlich sehr, aber ohne Erfolg, denn diese Demütigung mußte im Interesse des Fünfjahresplanes als Opfer gebracht werden. Die Übernahme der Zechenleitung durch die Gefangenen hatte zur Folge, daß schon 1949 die Fabrik auf vollen Touren lief und täglich über fünfzig Dreschmaschinen produzierte.

Den Gefangenen wurde für ihre Anstrengungen nie ein Lob ausgesprochen. Die Sowjets sahen die aufopferungsvolle Arbeit der Gefangenen als eine selbstverständliche Pflicht an, denn die Männer aus aller Herren Länder büßten hier für das „Verbrechen", daß sie als Soldaten ihres Vaterlandes in den Krieg gezogen waren.

Man glaube aber nicht, daß nur die Kriegsgefangenen in der Fabrik hinter Stacheldraht schuften mußten. Nein, das Heer der Geknechteten vergrößerten noch achthundert Strafgefangene. Dieses waren Männer aller Altersstufen aus der Mitte des Sowjetvolkes. (Wenn hier die Rede vom Sowjetvolke ist, so sind damit alle Völker Sowjetrußlands gemeint.) Das Los der Strafgefangenen war um vieles schlechter als das der Kriegsgefangenen. Laut Verfügung des Innenministeriums konnten alle Sträflinge mit einem Strafmaß bis zu zehn Jahren Zwangslager im Innern des Landes zur Arbeit eingesetzt werden. Um die Arbeit in Sibirien, im hohen Norden und in den vielen anderen Verbannungsgebieten zu bewältigen, hatte man genügend Sträflinge, die zu fünfzehn und mehr Jahren Verbannung verurteilt waren.

Im Volksmunde nannte man diese Armen der Ärmsten kurz „Sakljütschenyje" (Eingekerkerte). Sie mußten bereits um 5 Uhr morgens aufstehen und dann einige **[S. 94]** Runden im Gefängnishof laufen. Anschließend gab es für sie in einem Blechteller eine Wassersuppe zu löffeln und ein kleines Stück klebriges Brot zu essen. Nach diesem sogenannten Frühstück, das einen arbeitenden Menschen nie sättigte, traten sie auf dem Hofe an, hängten sich gegenseitig in die Arme und umgeben von einer Meute schwer bewaffneter Soldaten und kläffender Hunde, ging es fortwährend der Arbeitsstätte zu. Die Kolonne wurde fortwährend von einigen MWD-Offizieren auf Krafträdern umkreist. So schleppten sich die „Sakljütschenyje" müde durch die Stadt zur Fabrik, wo sie ohne Pause acht Stunden schwere Bauarbeiten verrichten mußten, um dann totmüde am Abend wieder in die Zellen des dunkeln Gefängnisses zu gehen. Die Gesichtszüge der Kriegsgefangenen waren fürwahr traurig, aber lange nicht so traurig wie die der „Sakljütschenyje". Ihr Leben war hin, gänzlich bar jeder Hoffnung auf Besserung. Sie waren ausgesprochene Sklaven jenes Staates, der von sich behauptet, daß er in seinen Grenzen nur freie Menschen habe. Frei waren sie, aber nur so weit, daß man sie von allen Gesetzen menschlicher Behandlung befreit hatte, sie hatten nichts mehr, als nur ihre klirrenden Ketten.

## Die sowjetische Propaganda.

Täglich verkehrten die Gefangenen mit den Zivilisten in der Fabrik und ließen sich, so gut es die sprachlichen Verhältnisse erlaubten, vom Leben der Völker Rußlands erzählen. Ja, übrigens brauchte man über die Zustände garnicht erst lange aufgeklärt werden, denn die Tatsachen lagen für sich selbst redend einwandfrei auf der Hand. Wenn ein Russe bei einem Gefangenen um ein **[S. 95]** Stück Brot fragte oder einen alten Mantel kaufen wollte und im Falle einer Absage denselben stahl, so wußte man zur Genüge, daß der Russe in großer Not war, denn zum Vergnügen tut man so etwas nicht.

So einen Fall hätte irgend ein Gefangener dem politischen Offizier vorhalten sollen! Sofort hätte dieser eine haushohe Propagandawelle vom Stappel [sic] gelassen, um jeden Zweifelnden zur „Einsicht" zu bringen.

Mit der kommunistischen Propaganda war man am Anfange der Gefangenschaft etwas vorsichtig. Man nannte diese geistige Vergewaltigung auch später garnicht bei ihrem richtigen Namen, sondern man sprach allenthalben von einer Ausmerzung des faschistischen Gedankengutes. Diese Aufgabe gedachten die Sowjets mit der Vorhaltung aller erdenklichsten Greueltaten, die die Deutschen in aller Welt und ganz besonders in der Sowjetunion verübt haben sollten, gerecht zu werden. Die erwähnte Methode erwirkte aber gerade das Gegenteil und verstockte die Herzen der Gefangenen immer mehr. Als die Offiziere merkten, daß ihre „Umerziehung" wenig oder keinen Erfolg zeigte, griffen sie zu einem anderen, wirksameren Mittel. Zunächst setzten sie deutsche, ungarische u. a. antifaschistische Funktionäre ein, die die Propaganda zu leiten hatten. Die Funktionäre in den Lagern mußten auf Geheiß der politischen Verwaltung politische Schulungskurse abhalten, in denen man den Gefangenen die Geschichte der kommunistischen Partei der Bolschewiki auslegte. Ferner wurden Vorträge aller Art, zum größten Teil politischen Inhalts gelesen.

Um hier aber das Interesse der Gefangenen zu wecken, übertrug man alle Geschehnisse und Entwicklungsstufen aus der Geschichte der KPdSU auf deutsche Verhältnisse und versuchte somit die Gefangenen für die **[S. 96]** Übernahme der politischen und wirtschaftlichen Macht in Deutschland vorzubereiten. Die Russen sagten den Gefangenen stets wieder:

„Was ihr bei uns lernt, wird euch eines Tages nach eurer Entlassung in Deutschland zugute kommen, denn um die kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten, gibt es nur einen Weg und zwar nur den des bewaffneten Aufstandes unter Leitung des Proletariats mit seiner unbeschränkten Diktatur. Diese Aufgabe hat die KPdSU glänzend gelöst und ihr könnt ruhig alles von ihr übernehmen."

Lange Zeit hörten sich die Gefangenen diesen unversiechbaren [sic] Redeschwall an, dann aber ließ die Aufmerksamkeit nach und schließlich kam niemand mehr zu den politischen Vorträgen

Die Passivität fiel den Offizieren sehr bald auf und man machte die Funktionäre für die rege Beteiligung aller Lagerinsassen verantwortlich. Man löste sie als Reaktionäre, Söldlinge des Kapitalismus ab und an ihre Stelle kamen andere Männer und begannen das verfahrene Fahrzeug der Propaganda wieder auf's richtige Gleis zu bringen. Unvorstellbare Schwierigkeiten traten hier in den Weg, weil die meisten Gefangenen das dauernde Gerede von den riesigen Erfolgen der Oktoberrevolution von 1917 in Rußland, von der NÖP (Neue Ökonomomische [sic] Politik), von den „erfolgreichen und epochemachenden" Stalinschen Fünfjahresplänen, von der Bodenreform in Deutschland u. s. w. satt hatten. Oft wurden Versammlungen veranstaltet, auf denen nur ein Zehntel der Lagerbelegschaft anwesend war. Schimpfend liefen die Offiziere im Lager hin und her und suchten die „verstockten" Faschisten. Bei diesem Suchen pickte man sich irgendjemand auf und er wurde als politisch **[S. 97]** unzuverlässig erklärt. Verräterische Elemente aus der Mitte der Gefangenen taten bei diesen Aktionen gerne Judasdienste und verleumdeten die Kameraden.

Trotzdem wurde die politische Aktivität nicht gehoben, umgekehrt, sie wurde immer geringer. Die Offiziere der politischen Leitung behaupteten aber immer steifer, daß die Gefangenen noch in der Mehrzahl Faschisten, unbelehrbare Nazis und noch lange nicht reif für eine Entlassung in die Heimat seien.

So etwa sahen die politischen Verhältnisse in fast allen Lagern aus. Weit schlimmer aber waren die Verhältnisse im Lager 7149/2, da hier nur „politisch belastete" Männer waren, denen noch keine Hoffnung auf eine baldige Heimkehr gegeben war.

Unter diesen Umständen übernahm Siebert im Mai 1948 die Propagandaabteilung des Antifaschistischen Ausschusses, welcher damals von dem Gefangenen Bruno Palm geleitet wurde. Palm gab sich die größte Mühe, die Ordnung unter den vielen Männern aufrecht zu halten und den harten Forderungen der Russen gerecht zu werden. Jedoch war es nicht mehr möglich, die Gefangenen zu einer politischen Aktivität zu bewegen, was die Russen ihrerseits bedingungslos verlangten. Jetzt half nur noch ein geschicktes Manövrieren und die Russen zu täuschen.

Palm, Siebert und Dr. Heinrich, der im Ausschuß den Posten des Kulturleiters bekleidete, wurden sich einig, alle politischen Veranstaltungen mit Musik zu umrahmen. Somit machte man Konzerte am laufenden Band und vor den Konzerten wurden die Vorträge gelesen. Da die Gefangenen gerne die Unterhaltungskonzerte besuchten, ließen sie sich den vorhergehenden Vortrag gefallen, obwohl niemand zuhörte, was schließlich **[S. 98]** auch nicht so wichtig war. Hauptsache war, daß Siebert jeden Morgen Oberleutnant Laschenko melden konnte, daß der letzte Vortrag von achthundert Mann und mehr besucht war. Dieser freute sich riesig über die rege Beteiligung der Gefangenen an den von ihm angeordneten Veranstaltungen, dachte aber nicht im entferntesten daran, daß er hier über einen sehr wunden Punkt hinweggetäuscht wurde. Es interessierte ihn auch weniger, denn er war viel zu froh darüber, daß die „Faschisten" sich die Lobgesänge über die Sowjetunion und ihre Einrichtungen anhörten.

Die Russen versuchten die Kriegsgefangenen soweit wie möglich kommunistisch zu beeinflussen. Zu diesem Zweck richtete man viele Politschulen in den Lagern ein und lehrte dort die kommunistischen Ideen. Nicht genug, daß man diese Schulen in den Lagern einführte, nein, man schuf spezielle Schulungslager, in denen man zukünftige kommunistische Funktionäre für Deutschland ausbildete. Schulen solcher Art gab es in Kiew, Riga und bei Moskau. Die Ausbildungszeit in den Schulen war drei und sechs Monate. Während dieser Zeit versuchte man die Gefangenen von der Richtigkeit des Kommunismus zu überzeugen. Da die Russen vielfach erkannt hatten, daß den Gefangenen der sowjetrussische Kommunismus nicht gefiel, erklärte man den Männern, ein kommunistisches Regime in Deutschland, auf deutsche Verhältnisse abgestimmt, würde ganz anders aussehen. Deutsche Funktionäre vergingen sich in ihren Erklärungen sogar soweit, daß sie behaupteten, es könne einen deutschen, ungarischen und russischen Kommunismus geben. Ob diese Behauptung in die Wirklichkeit umgewandelt werden kann oder nicht, soll hier nicht geklärt werden, eines steht jedoch fest, daß die Sowjets nie **[S. 99]** und nimmer auch nur die kleinste Abweichung von ihrer Leninschen-Stalinschen Linie zustimmen werden. Ein klares Beispiel dafür ist Tito und sein Versuch einen jugoslawischen Kommunismus zu verwirklichen. Stalins Lehre besagt wohl, daß die sowjetischen Methoden auf andere Völker nicht anwendbar sind, behauptet aber, daß es nur einen Weg zum Kommunismus gibt und zwar nur den der „Sozialistischen" Oktoberrevolution in Rußland.

Alle sowjethörigen Politiker — ich erinnere an Wilhelm Pieck, Grotewohl, Rakosi, Grocza, Gottwald, Reimann — behaupten dasselbe. Niemand glaube, daß der Kommunismus in einem anderen Staate anders aussehen würde als in Rußland. Jeder vernünftige, klardenkende Mensch mit einem bißchen Ehr- und Freiheitsgefühl wehrt sich gegen die Verwirklichung dieser menschenwidrigen Idee.

So muß zum Beispiel die Diktatur des Proletariats, die in Rußland gleich nach dem Sieg der Oktoberrevolution ursprünglich zur Niederhaltung der gestürzten Klassen geschaffen wurde, in jedem anderen Staate geschaffen und beibehalten werden, auch noch dann, wenn die dem Kommunismus feindlichen Gesellschaftsklassen schon längst verschwunden sind. Man benötigt sie, die Diktatur, vor allen Dingen gegen die berechtigten Forderungen des Proletariats, das es nach den Erklärungen Stalins auf dem Achten Außerordentlichen Allunionskongreß der Räte in der Sowjetunion nicht mehr geben soll. Trotz dieser großtuerischen Erklärung gibt es in Rußland ein Proletariat im wahrsten Sinne des Wortes.

Was besitzt denn die arbeitende Masse Rußlands mehr als seine müden schwieligen Arbeitshände?

**[S. 100]** Diese Verhältnisse sind die unabwendbaren Folgen überall dort, wo man an die Bildung eines kommunistischen Staates geht.

Ferner versuchte man den Gefangenen den zukünftigen klassenlosen Staat, ohne Machtorgane klar zu machen. Man propagierte eine Gesellschaftsordnung, in der es kein Gericht, keine Polizei, ja sogar kein Parlament geben würde.

Bei all den Propagandareden legte man sehr großes Gewicht auf die beiden Grundprinzipien der kommunistischen Gesellschaftsordnung: jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Leistungen — das Grundprinzip des Sozialismus — und jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen — das Grundprinzip der kommunistischen Gesellschaftsordnung.

Welch verlockende Grundsätze für den, der dauernd Mangel leidet und die Auswirkungen der Verwirklichung dieser Grundsätze nicht kennt! —

Am meisten schürten die Sowjets aber das Haßgefühl gegen alles, was nicht sowjetisch war.

Laufende Vorträge und Schulungen über diese und andere Themen sollten die Gefangenen im kommunistischen Sinne erziehen und sie für eine Zeit, da ihr Land kommunistisch ausgerichtet sein würde, heranbilden.

Vier Jahre dauerte jetzt schon das monotone propagandistische Trommelfeuer an, bis die Gefangenen es gänzlich satt hatten. Anfang 1949 gingen nur noch ganz wenige zu den Konzerten mit den politischen Vorträgen. Wegen dieser zunehmenden Passivität begann der politische Instrukteur Oberleutnant Laschenko Untersuchungen zu machen. Er behauptete, die Gründe für diese Zustände bestünden in der aufwieglerischen Tätigkeit irgendeiner faschistischen Organisation im Lager.

**[S. 101]** Eine große Angst überfiel Siebert und seine Kameraden, als sie von der Tätigkeit Laschenkos erfuhren, denn viele Gefangenen würden wieder den Vermerk „Politisch unzuverlässig" in ihre Akten bekommen. Unter allen Umständen mußte man hier Abhilfe schaffen. So eine Maßnahme konnte aber nur im engsten Kameradenkreise besprochen werden, denn anderen Falls kämen die Russen dahinter, daß das Aktiv und die von ihnen eingesetzten Funktionäre die sowjetischen Offiziere über einen für sie unhaltbaren Zustand zu täuschen gedachten. Man entschloß sich, die politischen Veranstaltungen mit Filmvorführungen zu verbinden. Doch wo sollte man die Filme und die nötige Apparatur beschaffen? Diese Frage konnte nicht berücksichtigt werden. Es mußte geschehen im Interesse der Allgemeinheit, denn die Masse der Gefangenen war der Selbstaufgabe zu nahe, als daß man noch zögern konnte. Negative politische Äußerungen über die Sowjetunion wurden immer häufiger. Die Männer sahen sich in ihren Äußerungen keineswegs weiter vor, weil sie so oder anders nicht mehr an eine Entlassung in die Heimat glaubten.

Unter dem Druck dieser erschütternden Verhältnisse entschlossen sich Palm, Dr. Heinrich und Siebert in die Stadt zu fahren und unter allen Umständen Filme zu besorgen und damit die Gefangenen zu unterhalten und die steigende Unzufriedenheit zu verschleiern.

Nach langem Suchen gelang es mittels großer Bestechungen der Filmvorführer einer Filmverleihgenossenschaft die rettenden Filme zu erhalten. Seit dieser Zeit wurden im Lager bis zu drei Filmen wöchentlich gezeigt. Da die Sowjets sehr viele Filme aus Deutschland einführten, war es verhältnismäßig leicht, geschmackvolle Filme zu wählen.

**[S. 102]** Die Gefangenen besuchten die Filme sehr gerne und hatten daher an den Vorträgen vor Beginn der Vorstellung nichts auszusetzen. Und Oberleutnant Laschenko? Ja, der war mit dem plötzlichen Umschwung des politischen Lebens im Lager zufrieden und stellte seine Untersuchungen sofort ein, ohne großes Unheil angerichtet zu haben.

Um dem Lager ein positives politisches Gesicht zu geben, ließ Siebert einige Schriftenmaler von der Arbeit im Werk befreien, damit diese Zeit hätten, Losungen und Plakate zu zeichnen. Alle Wände und Zäune wurden mit Stalinbildern und ähnlichem Kram behangen.

Wenn die sowjetischen Offiziere das Lager betraten, konnten sie ob so großer politischer Aufmachung ihr charakteristisches „Wott" nicht unterdrücken und gingen stolzen Hauptes an der langen Reihe der Politbüroköpfe vorbei.

Nur MWD-Kapitän Fjedorow war nicht mit dieser antifaschistischen Einstellung zufrieden, denn wenn alle Gefangenen Antifaschisten waren, brauchte er ja keine Faschisten mehr zu suchen.

Wenn in dieser Zeit ein Abflauen der Vernehmung und Bearbeitung von neuen „Verbrechen" zu bemerken war, so glaube man ja nicht, daß dieses auf die künstliche politische Einstellung der Gefangenen zurückzuführen war. Die Ursache dieses Abflauens war ein Befehl von der Hauptverwaltung des Innenministeriums, die vorliegenden Fälle der „Kriegsverbrecher" schleunigst zum Abschluß zu bringen.

Während man in den Zimmern unschuldige Männer zu unwahren Bekenntnissen zwang, lief die Propagandamaschine des Antifaschistischen Aktivs im Lager auf vollen Touren und pries die Sowjetunion, die „Be- **[S. 103]** freierin aller Völker. In diesem Zwielicht — auf der einen Seite kollektive Verurteilungen der Gefangenen, auf der anderen Seite pausenlose geschwollene plumpe Propagandareden vom rotumspannten Rednerpult — verliefen die Monate bis im Spätherbst 1949.

## Frauen als Spitzel.

In allen Gefangenenlagern der Sowjetunion stellte man sowjetische Frauen in der Lagerverwaltung an. Teils arbeiteten sie als Krankenschwestern, teils in den Büros und als Dolmetscherinnen in den MWD-Zimmern. Die meisten dieser Frauen waren den Gefangenen wohlgesinnter als die Männer. Die Erklärung dieses Wohlwollens ist hauptsächlich in dem Verhältnis des Weiblichen zum Männlichen zu finden.

Die MWD-Offiziere versuchten mit allen Mitteln nähere Beziehungen der russischen Frauen zu den Gefangenen zu verhindern, bis sie eines Tages auf eine ihnen passende Idee kamen, sich die Zuneigung der Frauen zu den Gefangenen zunutze zu machen. Man ließ ihnen in aller Ruhe die Verbindung zu den Männern herstellen, bis der gemachte Schritt nicht mehr rückgängig zu machen war. Erst dann wurde die Frau von den Offizieren zur Vernehmung gerufen und des Verrats beschuldigt. Von dieser Anklage wurde die „Verräterin" nur dann frei, wenn sie versprach, den Gefangenen auszufragen und ihn dann beim MWD zu verleumden.

Fälle dieser Art gab es in fast allen Lagern in den verschiedensten Variationen. Konnte dem Manne, der sich mit einer russischen Frau eingelassen hatte, kein „Kriegsverbrechen" nachgewiesen werden, so war er aber immer **[S. 104]** noch spionageverdächtig und wurde als solcher verhaftet und ins Zuchthaus gesteckt. Eine äußerst leichte Beute für den MWD-Patrioten!

Ein beispielhafter Fall war die Affäre Dr. Kuntze. Dr. Kuntze hatte seit 1945 die Leitung des Lagerlazaretts in seiner Hand und war als stets hilfsbereiter Mann bei allen Gefangenen sehr beliebt. Selbst die Russen verhielten sich zu Dr. Kuntze sehr zuvorkommend.

Einen besondern Gefallen hatte an Dr. Kuntze aber die struppige, selten frisierte Sacharowa. In ihren Gesprächen mit Siebert kam sie immer häufiger auf ihn zu sprechen. Siebert bemerkte bald ihre Zuneigung zu Kuntze, glaubte aber nie an eine Erwiderung ihrer Gefühle von Dr. Kuntze.

Nach einiger Zeit sprach Sacharowa Siebert wieder einmal in dieser Angelegenheit an und fragte ihn scheinbar ganz nebenbei:

„Was meinen Sie, Heinz, wer ist wohl daran schuld, wenn sich eine freie Frau und ein Gefangener in einander verlieben? Ich hätte allzugerne Ihre Meinung gewüßt [sic]."

Siebert wußte nicht genau, wohin die Frau mit ihrer Frage hinaus wollte, denn bei ihr mußte man stets mit einer gewissen Gerissenheit rechnen, um ihr nicht auf den Leim zu gehen. Nach einigem Überlegen antwortete er ihr:

„Sehen Sie, Frau Sacharowa, ich vertrete hier den Standpunkt, daß in diesem Falle die Frau die Schuld trägt, denn sie als freie Person verleitet den Mann, der von sich aus ihr nicht entgegenkommen kann. Sie werden jetzt behaupten, daß der Mann sich zurückhalten könnte. Sie haben recht, aber gesetzt den Fall, daß der Mann die Frau liebt. Dann kann von einer Zurückhal- **[S. 105]** tung in vielen Fällen nicht mehr die Rede sein, denn Liebe ist zu menschlich, als daß sie einen Menschen übermenschlich handeln ließe." Bei diesen Worten war Sacharowa sichtlich rot geworden und mühsam brachte sie hervor:

„O, dann bin ich ja schwer schuldbeladen, denn nach Ihrer Auffassung habe ich einen Mann zum Verbrechen verleitet. Ich sage Verbrechen, weil es bei uns streng verboten ist, ja sogar sehr streng verboten, einen Gefangenen zu lieben. Ich will Ihnen ganz offen gestehen — ich liebe Dr. Kuntze."

„Wie? Und Dr. Kuntze erwidert Ihre Liebe? Unmöglich! Was soll denn daraus werden? Wie haben Sie sich das gedacht? Sie sind doch nicht etwa der Meinung, daß Sie dieses Verhältnis lange hinter dem Berge halten werden können? Das wäre sehr naiv von Ihnen."

„Ja, aber hören Sie, Heinz, auch wenn Kuntze mich nicht lieben sollte, werde ich alles daransetzen, seine Liebe zu gewinnen. Daß mir das zum Teil gelungen ist, beweisen Ihnen hier diese Briefe — richtige Liebesbriefe! Wie ich mich freue! Jetzt fragen Sie auch noch, was ich von der ganzen Geschichte halte. Nichts halte ich davon, garnichts. Ich will an die Gefahren nicht einmal erinnert werden. Auch in diesem Falle geht der Krug so lange zum Brunnen, bis er zerbricht. Was dann weiter kommt, ist mir ganz egal. Vorläufig wissen von unserem Verhältnis nur Sie und Dr. Kuntze. Sie werden schweigen. Sollte einer von euch nicht dichthalten, so werden Sie es später bitter bereuen, glauben Sie mir das, Siebert."

„Nun wollen doch mal abwarten, was aus der Geschichte wird, jedenfalls, das will ich Ihnen sofort sagen, nichts Gutes. Aufwiedersehen."

Als Siebert das Zimmer der Dolmetscherin ver- **[S. 106]** lassen hatte, ging er direkt zu den Ärzten in deren Unterkunft, wo er Dr. Köster und Dr. Kuntze allein antraf.

„Ha, gut, daß Sie kommen, Siebert, denn wir sind eben in hellster Aufregung wegen der häufigen Besuche der Dolmetscherin auf unserem Zimmer. Ein schreckliches Frauenzimmer, diese Frau Sacharowa. Stellen Sie sich vor, da kommt sie gestern nach zwölf Uhr nachts zu uns, wir schliefen bereits und gießt uns Wasser ins Bett. Das ist doch der Gipfel der Unverschämtheit. Jetzt überlegen wir gerade, wie wir diese nächtlichen Damenbesuche verhindern können, denn wenn es so weiter geht, haben wir in den nächsten Tagen den MWD-Leutnant auf dem Halse, was bei weitem noch unbequemer sein wird, als das kalte Wasser im Bett. Wir müssen einen Weg finden, um die Sacharowa aus dem Lager zu schaffen. Das ist meiner Meinung nach das beste Mittel, um endlich Ruhe zu bekommen. Es fragt sich nur, wie und was wir unternehmen können."

Dr. Kuntze saß schweigend auf seinem Bette und schaute vor sich hin. Scheinbar bedrückte auch ihn dieselbe Frage schwer.

„Hören Sie bitte her, meine Herren. Ich komme soeben von Frau Sacharowa. Eine ganz tolle Geschichte hat mir die Dame erzählt. Es betrifft in der Hauptsache Sie, Herr Kuntze. Wenn Sie gestatten, will ich Ihnen gerne meinen Standpunkt klarmachen."

„Tun Sie das ruhig, Siebert. Ich weiß, was Sie vorher andeuteten. Die Sacharowa bildet sich ein, ich würde sie lieben. Quatsch, so was! Oder trauen Sie mir so einen Blödsinn zu?"

„Nein, aber was sollen denn die flammenden Liebesbriefe, die Sie an Sacharowa geschrieben haben, bedeuten? Das sind unabwendbare Zeugen gegen Sie, Herr **[S. 107]** Doktor."

„Auch das wissen Sie? Umso besser. Dann kann ich Ihnen ja gleich alles erklären," sagte Kuntze halblaut, denn er befürchtete, daß er im Nebenzimmer gehört werden könnte.

„Sehen Sie, es ist bereits einige Monate her, als mich der Laufbursche vom MWD zum Verhör rief. Die Uhr zeigte schon lange nach Mitternacht. Langsam ging ich über den Hof zum MWD-Häuschen, denn ich befürchtete eine schlimme Sache. Vorsichtshalber versuchte ich durchs Fenster ins Innere des Hauses zu blicken, aber leider, denn eine große „Prawda" davor verhinderte jegliche Einsicht. Klopfenden Herzens schritt ich auf die Tür zu, die leise von innen geöffnet wurde. Sacharowa empfing mich persönlich und bat mich freundlich Platz zu nehmen. Es begann die übliche Vernehmungsfragerei. Nachdem sie meine Personalien aufgenommen hatte, stellte sie mir plötzlich die Frage, ob ich während des Krieges auch russische Gefangene und Zivilisten behandelt hätte. Als ich dieses bejahte, fragte sie mich, ob mir Fälle bekannt seien, in denen man medizinische Experimente an sowjetischen Soldaten machte. Bei dieser Frage muß ich wahrscheinlich auch die letzte Gesichtsfarbe verloren haben, denn erst jetzt begriff ich, daß ich in eine große „Verbrecheraffäre" verwickelt werden sollte. Ich sagte zunächst kein Wort. Meine Aufregung war Sacharowa nicht entgangen und lässig schob sie Papier und Bleistift zur Seite, beugte sich weit über den Tisch, stützte das Kinn mit der flachen Hand ab und begann auf mich einzureden:

„Ja, ja, Doktor, mancherlei Greueltaten haben die Deutschen begangen. Ob Sie nun auch daran beteiligt waren, wissen wir nicht. Doch genug davon. Sprechen **[S. 108]** wir lieber von etwas anderem."

„Jetzt wurde mir leichter ums Herz, denn Sacharowa begann ganz belangloses Zeug zu reden. Sie erzählte mir von ihrer unglücklichen Ehe mit ihrem Manne, der irgendwo als Major seinen Dienst tut, sprach von Einsamkeit und Sehnsucht nach lieben Menschen. Das glaubt ihr kaum, sie, die sonst hart wie Stein zu sein scheint, weinte sogar. Erst um drei Uhr morgens durfte ich wieder das Zimmer verlassen. Seit jenem Abend mußte ich jede Nacht zu ihr zum „Verhör". Wenn ich mich weniger gesprächig zeigte, wurde sie dienstlich und begann wieder von jenen angeblichen medizinischen Experimenten zu reden. Schrecklich anzuhören. Am Schluße eines dieser Besuche überreichte sie mir einen Brief und schob mich zur Tür hinaus. Es war der erste Liebesbrief, wenn man den Wisch so nennen darf, in dem sie mir von ihrer großen Liebe schrieb. Ich überlegte lange, was zu tun wäre und entschloß mich, ebenfalls solche Briefe an sie zu schreiben, um meine Ruhe zu haben. Ich ahnte nicht, welche Folgen diese „Liebe" haben würde. Ich habe alle Briefe aufbewahrt und kann immer beweisen, daß Sacharowa das böse Spiel anstiftete. Doch wie machen wir damit ein Ende? Was würden Sie mir raten, meine Herren?"

Dr. Köster und Siebert schwiegen. Wie konnte dem Manne geholfen werden, denn gegen die MWD-Dolmetscherin des Lagers vorgehen, war keine Kleinigkeit und das Unternehmen könnte mit einem tüchtigen Gegenschlag ihrerseits auf den Doktor enden. Wenn man schon etwas unternahm, so mußte ein voller Erfolg garantiert sein.

„Meines Erachtens, werden Sie selbst, Herr Doktor, die Sache ins Rollen bringen müssen. Dazu ist er- **[S. 109]** forderlich, daß Sie die ganze Geschichte mit Sacharowa schriftlich dem Major Omelschenko melden. Auf keinen Fall darf das Schriftstück in die Hände des MWD-Leutnants zuerst gelangen, denn er würde die Dolmetscherin verteidigen und wir wären alle aufgeschmissen. Ich bin gerne bereit, Ihre Meldung zu übersetzen. Die Briefe der Sacharowa fügen Sie Ihrem Schreiben bei, wenn alles fehlschlagen sollte, so genügen die Briefe immer noch, um Sacharowa aus dem Sattel zu heben."

„Gut ausgedacht, Siebert. Ich werde dem Schreiben von Dr. Kuntze noch eine ellenlange Protestnote beilegen. Dem Major sollen die Augen über seine Dolmetscherin geöffnet werden. Ich freue mich schon darauf, dieser Frau eine auszuwischen. Hoffentlich sucht sie dann nicht mehr Kriegsverbrecher."

Dr. Köster war stets ein lustiger Geselle und diese Angelegenheit reizte ihn geradezu, zumal er sich dabei ein kleines Abenteuer versprach. Sofort nahm er einen Bogen Papier und verfaßte eine Anklageschrift gegen die Dolmetscherin. Auch Dr. Kuntze ging ans Werk, wenn auch nicht mit der Freudigkeit seines Kollegen.

Als Major Omelschenko am kommenden Morgen ins Lazarett kam, überreichte Siebert ihm die Dienstmeldungen in Deutsch und Russisch. Gerne nahm er die Erklärungen von Siebert hin und lief rasch aus dem Lager. Kurze Zeit darauf wurde Sacharowa vernommen. Lächelnd hielt der Major ihr ihre eigenen Briefe vors Gesicht.

„Pfui, und Sie wollen Dolmetscherin des MWD sein? So einen Vertrauensposten, wie Ihren, vergibt unsere Partei nicht an Faschistenfreunde. Sie schütteln den Kopf, Vera Petrowna, aber trotzdem ist es traurig, daß Sie unser Vertrauen mißbrauchten. Ich als Nat- **[S. 110]** schalnik dulde so etwas nicht. Ich werde mich sofort über Sie bei Major Jagodkin beschwerden [sic] und Ihre sofortige Entlassung aus den Diensten des MWD verlangen," erklärte entrüstet Omelschenko.

„Lassen Sie jetzt auch mir etwas zu meiner Verteidigung sagen, Genossen. Es stimmt schon, daß ich die Briefe an Kuntze schrieb, es stimmt auch, daß ich oft Besuche im Lazarett zu später Stunde machte. Ihr müßt aber auch fragen, warum ich es tat. Ich habe meine Pflicht als Angstellte [sic] des verdienten MWD's nie vergessen. Ich wollte unter allen Umständen etwas von den Ärzten über ihre Vergangenheit erfahren. Kein Mensch glaubt, daß Kuntze nicht an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war. Na und über Dr. Köster brauchen wir schon garnicht reden. Die Herren Faschisten gehören vor's Kriegstribunal und Ihr wollt mich hier verdächtigen und beschuldigen, nicht als treues Mitglied unserer glorreichen Partei gehandelt zu haben. Auch ich werde mich bei Jagodkin beschwerden [sic]." Weiter konnte Sacharowa nicht reden, denn heftiges Schluchzen hemmte ihren Redeschwall.

Ihr offenes Schuldbekenntis [sic] und die Erklärung über den Zweck ihrer angeblichen Liebe zu Kuntze hatten garnichts bei den Offizieren gefruchtet, denn diese waren froh, endlich einen „Verräter" in ihren eigenen Reihen entdeckt zu haben, um dadurch in den Augen ihrer Vorgesetzten in Poltawa ihr Ansehen zu festigen. Gesenkten Hauptes verließ die Dolmetscherin, gefolgt von den Offizieren des Lagers, die Umzäunung. Seit jener Stunde wurde sie nicht wieder im Lager gesehen. Festgesetzt hatte man sie aber nicht, was ihr Gelegenheit gab, sich mit Major Jagodkin in Verbindung zu setzen, worin ihr allerdings Omelschenko zuvorgekommen war.

**[S. 111]** Am nächsten Tage traf Siebert Sacharowa vor dem Stabsgebäude, wo sie müßig in der Sonne saß und sich wärmte. Als sie Siebert gewahr wurde, sprang sie auf und ging ihm entgegen:

„Gut, daß Sie endlich kommen. Wie geht es Kuntze? Ist er im Karzer, der Arme? Wissen Sie, ich habe ihn doch lieb, wenn er auch ein Verbrecher ist. Nun ist ja alles zwecklos, denn morgen kommt er in ein Straflager im Innern Rußlands. Hätte er doch nur zu mir gehalten!" Man konnte es der Frau von ihren verkrampften Zügen ablesen, daß sie mit sich einen harten Kampf führte, denn einerseits liebte sie Kuntze, andererseits war diese Liebe im Begriff, sich in einen lodernden Haß zu verwandeln, der alles in Bewegung setzte, um sich für die abgewiesene Liebe zu rächen.

„Und Sie haben alles übersetzt, was Kuntze und Köster niederschrieben. Warum brachten Sie die Berichte nicht zu mir? Ich hätte alles ganz anders getan und alles wäre beim Alten geblieben. Morgen fahren ich und Kuntze nach Poltawa zur Vernehmung. Es wird ein harter Kampf werden, aus dem entweder ich oder der Doktor als Sieger hervorgeht. Gegen Kuntze sprechen schwere Beschuldigungen. Sagen Sie ihm, er soll sich auf alles Schlimme gefaßt machen. Und nun Aufwiedersehen."

Es war noch dunkel und still im Lager, als Siebert am Morgen geweckt wurde, um Kuntze für eine Versetzung aus dem Lager abzufertigen. Eine halbe Stunde später standen Kuntze, Köster und Siebert am Lagertor:

„Schade, Herr Doktor, daß die Geschichte so enden mußte, hoffentlich kommen Sie nicht zu weit weg. Wehren Sie sich, so gut Sie können, so viel Russisch beherrschen Sie ja. Alles Gute. Kommen Sie recht bald nach Hause." Siebert drückte dem Schwerbetroffenen herzlich **[S. 112]** die Hand.

„He, wo ist der Verehrer der Sacharowa?" rief der Wachposten durch die Tür.

„Geh schon, Gert und halte den Kopf steif. Laß dich nicht von dem Weib unterkriegen. Komm gesund heim. Vergiß uns nicht!" sagte Köster und schob den Freund in die Tür.

Abends desselben Tages kam die Schwester Woronkowa zu Siebert und berichtete von dem Ausgang der Vernehmung in Poltawa:

„Hat der Doktor sich aber gut verteidigt. Und ein Russisch sprach er zum Staunen! Als er gesprochen hatte, ließ man Sacharowa nicht mehr zu Worte kommen. Sie wurde in Ungnade aus den Diensten des MWD entlassen und aus Skorochodowo verwiesen. Kuntze aber wird als leitender Arzt in ein anderes Lager geschickt. Seien Sie ruhig, er ist gut aufgehoben."

Solche und ähnliche Fälle waren in den Lagern keine Seltenheit. Wenn dieser Fall für den Gefangenen noch einigermaßen günstig verlief, so waren die Fälle, in denen die Frauen mit einem „Liebesverhältnis" beauftragt wurden, weit gefährlicher, denn da gab es für den Gefangenen kein Entweichen mehr; er mußte seine „Schuld" als Spionageverdächtigter anerkennen, auch ohne jegliche Beweise. Man veranlaßte die Frau einfach Aussagen zu machen, die den betroffenen Mann zum Spion zugunsten der Westmächte stempelten. Wenn man diese Provokation, richtiger gesagt, Verleumdung, für abgeschlossen hielt, wurde der „Spion" im Lager festgenommen und sofort vor die Schranken des Kriegstribunals gebracht, das ihn erbarmungslos verurteilte.

Jeder Gefangene aus Charkow entsinnt sich noch des Bauingenieurs Mieslers, der als der älteste Gefan- **[S. 113]** gene im Lager galt, denn er befand sich seit 1942 hinter sowjetischem Stacheldraht. Alle traurigen Zeiten, die Tage des schrecklichen Todesmarsches durch die Trümmer von Stalingrad über die Wolga gen Osten, die langen Wege in Schnee und Eis der kirgisischen Steppe, durch den Sand Mittelasiens bis Karaganda und denselben Weg wieder zurück bis nach Charkow hatte er, wie durch ein Wunder, heil und gesund überstanden. In „Serp i Molot" setzte er sein Können zum Wohle des Werkes rücksichtslos ein: er arbeitete bald Tag und Nacht, bis er eines Tages die bittere Nachricht von der Vermählung seiner Frau erhielt.

Seit jenem Tage ging es mit Miesler rapide bergab in moralischer Hinsicht. Diese Veränderung bemerkten auch die MWD-Offiziere und mehrere Spitzel umschlichen den der Verzweiflung nahen Mann, aber immer ohne jeden Erfolg. Jetzt angagierten [sic] die Russen ein junges Mädchen, das ständige Annäherungsversuche unternahm, bis sich Miesler mit der Frau abgab. Auffallender Weise wurde dieses Verhältnis keineswegs verheimlicht. Die Sowjetoffiziere sahen schmunzelnd diesem Treiben zu.

Im Frühling 1949 war Miesler in die Stadt beurlaubt worden, wo er sich mit dem erwähnten Mädchen an einem vorherverabredeten Platze traf. Jedoch hatte seine Vertraute die Offiziere von diesem Stelldichein in Kenntnis gesetzt und er wurde im Stadtpark mit dem Mädchen zusammen festgenommen und ins Lager gebracht.

Die Russen erhoben schwere Beschuldigungen gegen Miesler: er habe zugunsten der kapitalistischen Länder Spionage unter dem Sowjetvolke betrieben. Als einzige Zeugin trat gegen Miesler das Mädchen auf. (Ob es sich **[S. 114]** seiner Tat bewußt war, soll dahingestellt bleiben.) Trotzdem erhob man gegen Miesler Anklage und schleunigst verurteilte man den Mann, der gezeigt hatte, daß er in der Industrie der Sowjetunion nützlich sein konnte, zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit in einem „Erziehungslager".

„Verbrechen" dieser Art wurden von den MWD-Offizieren in den letzten Jahren sehr oft provoziert, denn die auserwählten Opfer gingen den jungen Frauen zu leicht auf den Leim — eine bedingte Schwäche eines langjährigen Gefangenen. Auf diesem Wege sicherte man sich viele Fachleute, die in der Sowjetunion dringend benötigt wurden. Dieses verbrecherische „Werbeverfahren" wurde nur in der Sowjetunion angewandt. Wann diese „Spione" einst die Heimat wiedersehen, wird man lange nicht, vielleicht nie, in Erfahrung bringen können.

## Schwarzmeerdeutsche und Ostpreußen ziehen nach Sibirien.

Als am 12. Januar 1945 die große Offensive der Russen einsetzte, waren noch alle Rußlanddeutsche (von den deutschen Behörden als Schwarzmeerdeutsche SMD bezeichnet) im Warthegau oder in den Ostgebieten Deutschlands. Obwohl bereits im Herbst 1944 von den Amtskommissaren Pläne zur Evakuierung der deutschen Bevölkerung entworfen wurden, kamen diese leider nicht zur Ausführung, denn die Panzer der Sowjets waren schneller über die Weichsel gerollt, als man deutscherseits angenommen hatte. Jeder, der noch Zeit dazu hatte, trat die hoffnungslose Flucht an. Wenn die Flucht 1943 aus Rußland nach Polen schon übermenschliche Strapa- **[S. 115]** zen und Entbehrungen, unsagbare Schrecken, Gefahren und Not mit sich brachte, so übertraf die Flucht aus Polen durch das verwüstete Ostdeutschland in das ausgebombte Westdeutschland die erstere bei Weitem.

Der unübersehbare Flüchtlingsstrom geriet in die Kolonnen der abziehenden deutschen Truppen, was das Elend nur noch vergrößerte. Zu guterletzt zogen die müden Flüchtlinge wieder allein; die Truppen hatten sie überholt und die Masse der Frauen und Kinder standen sehr bald vor den Mündungen der sowjetischen Artillerie.

Erbarmungslos fuhren die großen Panzer in die Menschenmasse und zermalmten alles, was unter ihre schweren Raupen kam.

Ein Teil der Rußlanddeutschen zog weiter inmitten der fürchterlichen Kriegsfurie dem Westen zu. Der größte Teil wurde von den vorstürmenden Russen überholt und angehalten. Für diese Menschen hatte der lange Weg der Flucht aus Rußlands weiten Gefilden bis nach Deutschland plötzlich ein Ende genommen. Doch dieses Ende der Flucht war noch lange nicht das Ende ihrer Elendsstraße, denn diese sollte jetzt erst recht beginnen.

Diejenigen, die Deutschland erreicht hatten, wurden in Lagern zusammengetrieben und hatten hier der weiteren Dinge zu harren, während die, die man auf polnischem Gebiet überholt hatte, zurück in ihre früheren Wohnorte im Warthegau gebracht wurden. Jedoch ließ man diese nicht in ihre Wohnungen zurück, sondern verteilte sie als Knechte und Mägde auf polnischen Höfen. Wenn man sich den Haß der polnischen Bevölkerung vorstellen kann, ist man annähernd in der Lage, sich ein Bild über die unmenschliche Behandlung der Rußlanddeutschen von Seiten der Polen zu machen.

Über diese Geschehnisse ist in den Nachkriegsjahren **[S. 116]** schon viel geschrieben worden und die Ansichten darüber sind sehr verschieden. Es soll an dieser Stelle auch nicht über das Warum und Wofür entschieden werden, sondern nur einzelne Beispiele sollen hier diese Zeit der größten Grausamkeiten näher beleuchten. Ob die Polen oder Russen, Tschechen oder Jugoslawen ein Recht zur Vergeltung hatten oder nicht, soll jedem einzelnen selbst zur Beurteilung überlassen bleiben. Eines muß aber trotzdem festgestellt werden: die Unmenschlichkeiten, die hier von den Vertretern der „Freiheit" vollführt wurden, stellten alles Bisherige weit in den Schatten.

Die Familie Peters, die vorübergehend in Warthbrücken wohnte, wurde von den Sowjets überholt und zurück nach Warthbrücken gebracht. Nachdem sie dort angekommen waren, die Mutter mit ihrer Tochter und ihrem Sohne Herbert, nahm man den kaum sechszehnjährigen Knaben mit noch einigen Kindern, zog ihnen die SA-Uniform an, stellte sie in eine Reihe vor den zusammengelaufenen Polen und befahl ihnen das Deutschland-Lied zu singen, wobei sie die rechte Hand zum deutschen Gruß erheben mußten. Obzwar die Jungen Unheil ahnten, führten sie den Befehl aus. Kaum daß sie die Hände erhoben, sausten Knüppel- und Reitpeitschenschläge auf diese nieder. Immer wieder und wieder mußten die Kinder singen und immer wieder schlug man auf sie ein, wobei die Peiniger furchtbar schrien und fluchten. Erst als die Polen mit ihren Kräften am Ende waren, führte man die Gefolterten in unbekannte Richtung ab und keiner von ihnen ist je wieder gesehen worden.

Frau Peters und ihre Tochter schickte man auf einen Bauernhof, um sie dort zur Arbeit einzusetzen. Selbstverständlich wollten die Polen mit ihnen nichts gemein haben. Man ließ sie nicht einmal ins Haus, sondern wies **[S. 117]** ihnen als Wohnung den Platz hinter den Kühen im Stall an. Dort wohnten die beiden Frauen mehrere Monate, bis sie als getarnte Reichsdeutsche nach Deutschland geschickt wurden.

Weit schlimmer war die Frau eines deutschen Soldaten dran. Sie hatte den beschwerlichen Weg mit ihren vier Kindern und ihrer alten Mutter angetreten und gelangte bis nach Ostdeutschland, wo sie mit noch mehreren Frauen und Kindern in einem Schulzimmer wohnte. Frau Dückmann sah noch verhältnismäßig gut aus und war daher am Tage einigen russischen Soldaten besonders aufgefallen. (Es gehörte übrigens nicht viel dazu, um als Frau einem Russen aufzufallen.)

Um Mitternacht polterte man plötzlich sehr energisch an der Tür. Keine der Frauen wollte öffnen, denn das bestialische Verhalten der Russen den Frauen gegenüber war weit und breit bekannt. Als die Eindringlinge merkten, daß man ihnen nicht öffnen würde, erhoben sie ein lautes Schimpfen: [Anm.: Im Druck sind diese beiden Zeilen vertauscht; hier in korrigierter Reihenfolge wiedergegeben.]

„He, ihr Hübschen, öffnet sofort die Tür, oder wir brechen sie ein. Hört ihr?"

Keine der Frauen öffnete. Da begann man von außen mit dem Kolben gegen die Tür zu stoßen, bis sie krachend ins Zimmer fiel.

Mit gierigen Blicken suchten die Russen die Gesichter der Frauen mit der Taschenlaterne ab. Diese lagen unter ihren wenigen Habseligkeiten und zitterten vor Angst.

Schließlich hatten die Russen Frau Dückman [sic] gefunden und rissen ihr die Decke vom Körper, zerrten ihr die Kleider vor den Augen der eigenen Kinder vom Leibe.

Eine Vergewaltigung, von der man in der zivili-

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**[S. 118]** …[zivili]fierten [?] Welt wohl mit Abscheu spricht, sie aber in ihrem ganzen Verbrechen und ihrer Niedrigkeit nie versteht, weil man einfach an so eine Niedertracht in heutiger Zeit nicht glaubt, wurde hier begangen, wie man sie selbst bei Tieren nie beobachten kann.

Als die Russen gingen, lag die geschändete Frau bewußtlos neben ihren Kindern und nur ein leises Stöhnen verriet, daß sie noch lebte.

Immer wieder kamen die Russen und trieben diese entsetzlichen Schändungen.

An einem Tage entschlossen sich die Frauen zur Abwehr, indem sie die Tür verbarrikadierten. Lange polterten die Russen, aber diesmal ohne Erfolg. Fluchend zogen sie ab, um am Fenster noch einmal stehen zu bleiben. Voll Entsetzen vernahmen die Frauen die Worte:

„Wassili, ich will dieser Faschistenbrut mal zeigen, was es heißt, einen sowjetischen Soldaten um sein Vergnügen zu bringen."

Rasch löste er eine Handgranate vom Gürtel, entsicherte sie und schleuderte sie in das Zimmer. Da die Frauen alle am Boden lagen, war die Wirkung der Granate verhältnismäßig gering, jedoch verlor der Sohn der Frau Dückmann ein Auge und ihrer Tochter wurde ein Arm gebrochen.

Die Reihe solcher Grausamkeiten könnte ganz nach Belieben fortgesetzt werden, denn die sowjetischen Truppen hausten in dieser Beziehung in den ersten Wochen nach ihrem Einmarsch in Deutschland schlimmer als die tollsten Barbaren des grauen Mittelalters.

Wer die Zeit der ersten Wochen überstand, wurde dann als Vaterlandsverräter mit den vielen Ostpreußen in die sibirischen Wälder und in die kirgisische Wüste gebracht, wo sie immer wieder denselben Gefahren ausstan- **[S. 119]** den, plus der schweren körperlichen Arbeit in den Bergwerken und Wäldern. Nur wenige brachten vom Schicksal dieser Ärmsten der Armen eine Kunde. Kein Mensch kann ihnen Hilfe leisten, nur der allmächtige Gott, der Schöpfer Himmels und der Erden, sieht und weiß von dem schweren Los dieser Menschen. Wüßte man nicht, daß Er der Freund aller Geknechteten ist, so müßte man ob soviel Elend und Not wahrlich verzagen!

Grausamkeiten, wie sie oben erwähnt wurden, vollführten aber nicht nur die Polen und Russen. Nein, sie waren noch lange nicht die schlimmsten Übeltäter. Sie wurden von den Tschechen und den Völkerschaften Jugoslawiens weit übertroffen.

Ein besonderes Vergnügen der Bevölkerung der Tschechoslowakei war, gefangene deutsche Soldaten, Zivilisten, Frauen und Kinder barfuß durch die asphaltierten Straßen zu führen, die man mit Glasscherben bestreut hatte. Die Qualen dieser Menschen sind nicht zu beschreiben, denn jegliche Beschreibung wäre nur ein kläglicher Teil dessen, was diese Menschen erdulden mußten.

In Prag führte die tschechische Miliz eine Kolonne auf den Glasscherben zum Prager Sportplatz. Ein großer Teil der Opfer blieb auf der Straße liegen und wurde erbarmungslos erschlagen, wozu man Knüppel, Steine und a. m. benützte. Die Stärksten erreichten das Stadion und unter ihnen auch eine sechzigjährige Frau. Die Miliz hatte sie schon die ganze Zeit beobachtet, denn sie freuten sich besonders auf den Augenblick, da diese Frau, die stolzerhobenen Hauptes an der Spitze der Kolonne ging, zusammenbrechen würde. Keine Haut mehr unter den Füßen, schritt sie immer noch mutig aus, ihre letzten Kräfte zusammennehmend. Im Tor des Stadions brach sie in die Knie und fiel zu Boden. Keiner durfte **[S. 120]** ihr den Arm anbieten, sie mußte liegen bleiben, bis die Tschechen die Kolonne entlang der Rennbahn aufgestellt hatten. Dann wandten sich die „Hüter der Humanität" der Bewußtlosen zu, rissen ihr die Kleider bis zum Allernotwendigsten vom Leibe und banden einen Strick um ihre Füße. Jetzt ging man die Reihen der Deutschen ab und holte zwei 14—15-jährige Knaben heraus. Diesen band man das Ende des Strickes um die Schultern und befahl ihnen die Frau auf die Rennbahn zu schleifen. Die Kinder zögerten, aber sofort schlugen einige Milizionäre auf diese ein, bis die Kinder den Strick anzogen, die Frau hinter sich herschleppend. Diesem grausigen Spiel machte man ein Ende, als die Frau völlig entstellt zur ewigen Ruhe eingegangen war.

Schicksale dieser Art waren in den Oststaaten keine Seltenheit und wir, die durch Gottes Gnade vor diesen Schrecken bewahrt blieben, fragen uns: Wie konnte so etwas geschehen? War Gottes Auge in jener Zeit nicht auf die Erde gerichtet? Wollte Gott den Menschen in ihrem Vernichtungswahn freien Lauf lassen?

Wir suchen und finden die verschiedensten Antworten auf die vielen Fragen. Wir reden uns ein, daß es Rachegefühle jener Völker den Deutschen gegenüber waren, weil sie von den Deutschen für längere Zeit unterworfen waren. Oft behaupten wir auch, daß die Wurzel aller jener Schrecken in den niedrigsten Instinkten der Völker zu suchen ist. Ob es nun tatsächlich an dem ist, soll dahingestellt bleiben. Die wahren Antworten auf die angeführten Fragen sind hier auch nicht gegeben worden, sondern das Wiedergegebene ist nur dazu angetan, den Lesern von den Verhältnissen jener Tage zu berichten.

Viele Leser werden mir vielleicht die Verbrechen, von den Deutschen vollführt, vorhalten wollen. Darauf **[S. 121]** jedoch habe ich nur eine Erwiderung: Unrecht wird nicht durch noch größeres Unrecht gesühnt.

Die Behandlung der Rußlanddeutschen war auf deutschem Boden im Allgemeinen nicht so hart. Man war sich ihrer schon sicher, zudem mußte man zum Schein die vielbesungene Freiheit im Sowjetlande wahren. Um diese Menschen zu züchtigen sollte man später noch genügend Zeit finden. Massenweise verfrachtete man sie in Güterwagen und brachte sie nach Rußland zurück, wo sie heute, so weit sie noch leben, zum Teil in Lagern, zum Teil über ganz Rußland zerstreut, das kümmerlichste Dasein fristen.

Wann eines Tages das Maß der Prüfung jener vielen Verschleppten voll sein wird, liegt in Gottes Händen, wie es auch in seiner Macht steht, die Unschuldigen zu ihrer Zeit zu belohnen und die Schuldigen zu bestrafen.

## Die Ehe der Kriegsgefangenen.

Goethe sagt an einer Stelle: „Liebe, menschlich zu beglücken, nähert sie ein edles Zwei." In der Tat, wir Menschen glauben durch die Ehe die Erfüllung unseres ganzen irdischen Glückes erlangen zu können. Jedenfalls machen die meisten Menschen den Schritt in die Ehe mit einer großen Hoffnung im Herzen. Auch hier gehen unsere Wünsche nur so weit in die Wirklichkeit über, inwiefern wir in der Ehe mit Gott gehen, ja, wie weit wir uns von seiner weisen Hand führen lassen.

Mir scheint, daß der Mensch gerade in der Ehe die größten Prüfungen seiner Qualität zu bestehen hat.

**[S. 122]** Ganz besonders klar zeigt sich die Festigkeit des Ehebundes in Zeiten der Not, wie sie der Krieg in außergewöhnlich ausgeprägter Weise mit sich bringt.

Daher auch kein Wunder, wenn das Problem der Ehe in der ganzen Zeit der Gefangenschaft immer im Vordergrunde stand.

Die Sorge der Männer um ihr Eheglück war keineswegs unberechtigt. Die lange Trennung der Ehegatten machte in vielen Fällen die Bande der Ehe ziemlich locker oder löste sie sogar ganz auf.

Anfangs waren die Männer bezüglich der unbedingten Treue ihrer Frauen sehr zuversichtlich, jeder pflegte zu sagen:

„Ich lege für meine Frau die Hand ins Feuer — sie hält mir die Treue."

So vergingen die ersten Jahre der Gefangenschaft, bis die ersehnte Post von zu Hause eintraf. Gleich mit der ersten Postsendung kamen auch die enttäuschenden Nachrichten über den Treuebruch einiger Frauen mit. Diese Nachrichten verbreiteten sich rasch unter allen Gefangenen und erweckten bei vielen die bange Frage:

„Und was wird meine Frau tun?"

Kurz vor dem Kriege und noch mehr während des Krieges gingen sehr viele Soldaten in die sogenannte Kriegsehe ein. Die Ehepartner lernten sich zufällig im Lokal, auf der Straße oder sonst wo gelegentlich flüchtig kennen, fanden Gefallen aneinander und verlobten sich in aller Schnelle, denn weiter reichte die Zeit des Urlaubers nicht. Wenn dann der Soldat wieder bei seiner Einheit eingetroffen war, wurde von ihm und seiner Braut eine Ferntrauung eingeleitet und ohne daß die Heiratslustigen es merkten, waren sie Eheleute gewor- **[S. 123]** den. Der junge Mann kam vielleicht nie mehr nach Hause oder besten Falls ging er in die Gefangenschaft, wo er mehrere Jahre bleiben mußte. Ihm wie auch seiner Frau blieb nur das ständige Bangen um das Glück, das ihnen kaum ihr Bunde gereicht hatte. Weit stabiler waren die Ehen, in denen sich beide, Mann und Frau, gegenseitig kannten, was man von einer Ehe, durch Ferntrauung gegründet und nie gelebt, keinesfalls behaupten konnte. Kein Wunder, wenn die meisten Kriegsehen zuerst in die Brüche gingen. Die Enttäuschung auf beiden Seiten war in solchem Falle verhältnismäßig gering.

Viel schwerer waren die Fälle bei denen, die richtig verheiratet waren, wo sich feste Familienbande gebildet hatten und niemand glaubte, daß diese Bande je zerrissen oder verschwinden würden.

Leider mußte sich mancher von einer Lockerung seiner Familienverhältnisse überzeugen.

In der Hauptsache trugen der Krieg mit seiner Not und seinen Entbehrungen und die lange Trennung der Ehegatten zu einer Entfremdung bei. Die Frau, die sich vor dem Kriege ganz auf ihren Mann in allen Dingen verlassen hatte, war gezwungen, das Leben in seiner härtesten Form zu meistern. Sie mußte ohne jegliche Hilfe mit der Versorgung und Erziehung der Kinder fertig werden. Sie hatte mit den Kleinen allein die langen Bombennächte in Angst und Schrecken zu überstehen. Und sie überstand und meisterte alles, auch ohne den Mann. Selbstverständlich blieb in den meisten Fällen die Sehnsucht nach einem geordneten Familienleben bestehen, aber in vielen Fällen kam die Frau zu der Einsicht, daß sie von ihrem Manne nicht mehr abhängig war, daß sie ihren weiteren Lebensweg auch allein gehen könne.

**[S. 124]** Frauen mit ähnlicher Erkenntnis schrieben ihren Männern ganz unverblümt, daß sie von jeglichen früheren Ehebindungen frei sein möchten, ja dieses nicht nur wünschten, sondern sogar verlangten. Wo die Einwilligung des Mannes ausblieb, handelten die Frauen selbständig.

Briefe mit diesen Forderungen trafen in den Lagern im Laufe der Jahre, als sich die Heimkehr immer weiter hinauszog, sehr häufig ein und wirkten auf die Männer äußerst demoralisierend.

Der Gefangene Werner Schulenburg erhielt noch kurz vor seiner Entlassung folgenden Brief:

Lieber Werner!

Seit einiger Zeit schreibst Du immer häufiger von einer baldigen Heimkehr. Ich wünsche sie Dir von Herzen, denn Du bist doch nun schon so lange weg. Komm gesund in die Heimat.

Da Du bald kommen willst, will ich Dir folgendes Geheimnis nicht weiter vorenthalten, obwohl ich vor hatte, Dir es erst nach Deiner Rückkehr mitzuteilen, denn ich wollte Dir Dein Los nicht schwerer machen.

Also hör, bitte, her: ich will nicht, daß Du zu mir zurückkehrst, ich will, daß wir uns nie wiedersehen. Du wirst fragen, und das ist Dein Recht, warum ich solches wünsche. Auch das will ich Dir sagen.

Als Du Soldat wurdest, waren wir eben erst ein Jahr verheiratet. Unser kleiner Junge war damals ein Wickelkind. Rolf ist heute neun Jahre alt.

Und ich? Ich bin viel, viel älter geworden. Damals war ich jung und für's Leben unreif. Heute bin ich erfahren und vollkommen selbständig. Ich schaffe alles allein. Ich tue, was mir gefällt. Niemand macht mir Vorwürfe über irgendwelche Neigungen u. s. w. Kurz ge- **[S. 125]** sagt, Werner, ich bin frei und will frei bleiben. Ich bin Dir nicht böse. Nein, gleichgültig und fremd bist Du mir geworden. Oft scheint mir, als wäre unser Zusammensein nur ein Traum, nie Wirklichkeit gewesen.

Rolf werde ich behalten, bis Du kommst. Dann wird das Gericht über den weiteren Verbleib des Kindes entscheiden, wenn Du es so wünschst. Den Scheidungsantrag hat mein Anwalt bereits eingereicht und ich würde Dir raten, nichts dagegen zu unternehmen, sondern bleibe bei meinem gefaßten Entschluß.

Sei mir, bitte, nicht böse und genieße [genese ?] recht bald. Komm gut heim!

Elfriede.

Schulenburg las den Brief seiner Frau immer wieder und konnte nicht glauben, daß seine Frau, die einst, vor langen Jahren, so gut und lieb zu ihm war, sich nun scheiden lassen wollte. Und dennoch mußte er schließlich daran glauben, denn er kannte Elfriede zu gut, als daß er auf eine Änderung ihres Entschlusses hoffen konnte.

Aber auch andere Gründe führten zur Zerrüttung vieler Ehen. Vor allen Dingen war es die große Not in den ersten Nachkriegsjahren. Charakteristisch war der Brief an Franz Dankowski von seiner Frau Erna.

Die Familie Dankowski lebte bis zum Vormarsch der Russen in Ostpreußen. Über Nacht war ihr Heim, ihr Hof, der sie die ganze Zeit ernährt hatte, verschwunden. Erna flüchtete mit ihren sieben Kindern nach Bayern und Franz zog nach dem Osten in die lange sowjetische Gefangenschaft.

Bis Dankowski seine Frau und Kinder in Bayern gefunden hatte, vergingen mehrere Jahre. Mit seinem ersten Brief kam er sofort zu Siebert mit folgenden Worten:

**[S. 126]** „Heinz, über drei Jahre suchte ich meine Familie. Eine lange Zeit! Und jetzt? Sieh, hier ist ein Brief von meiner Frau. Was soll ich nur tun?" Weiter sprach der Mann nicht, denn Leid und Kummer schnürten ihm die Worte ab. Er überreichte Siebert den Brief, das erste, langersehnte Lebenszeichen von seiner Familie. Gespannt begann Siebert zu lesen.

Lieber Franzl! Lieber Vati!

Du lebst! Wie wir uns freuen. Lange haben wir gewartet und Du meldetest Dich immer nicht. Es war sehr schwer. Die Kinder froren und hungerten. Ich wußte nicht mehr ein noch aus. In dieser Zeit lernte ich einen Mann kennen. Er bot mir gutmütig seine Unterstützung an. Er gab uns Geld und Nahrungsmittel. Die Kinder erholten sich wieder und blieben uns erhalten.

Jetzt aber kommt das Traurigste, ich kann es Dir fast nicht sagen. Verzeih mir, Franz. Ich tat es für unsere lieben Kinder, denn sie sollten für uns, für Dich erhalten bleiben. Ich habe ein Kind von jenem Manne. Es ist schon über ein Jahr alt. Sein Vater ist fort, ohne eine Spur zurückzulassen. Kannst Du mir verzeihen?

Ich weiß, es ist schwer für Dich, aber dennoch bitte ich Dich, komm zu uns, auch zu dem für Dich fremden Kinde. Komm, Franz, wir warten auf Dich und lieben Dich.

Deine um Verzeihung bittende Erna und Kinder.

Die Enttäuschung war für Dankowski groß, er konnte für seine Frau kein Verständnis entgegenbringen. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit schimpfte er über die Treulosigkeit seiner Frau, über den eigennützigen Mann und über den fremden Balg, wie er sich über das Kind zu äußern pflegte. Er schrieb seiner Frau einen langen Brief, der nur Straf- und Moralpredigten **[S. 127]** und die Versicherung, daß er nicht zu ihr kommen würde, enthielt. Trotzdem schrieb seine Frau immer wieder. Als er auf ihre Briefe nicht mehr antwortete, begannen die Kinder für die Mutter zu bitten. Allmählich begann er an eine Verzeihung zu denken. Als Dankowski 1949 den Weg in die Heimat antrat, versicherte er Siebert, der stets auf ihn einredete, seine Frau auch trotz des fremden Kindes zu lieben, zu seiner Familie zu fahren. Aus Deutschland berichtete er später, er habe das Kind adoptiert und lebe in Glück und Frieden mit seiner Familie.

Ähnlich ging es vielen Männern und nur selten wollten die „Herren der Schöpfung" die schwierige Lage ihrer Frauen begreifen, die weit schwerer war als ihre eigene. Die meisten Männer verlangten von den Frauen bedingungslose Treue, während sie in dieser Hinsicht allerlei Rechte für sich beanspruchten, die es ihnen während des Krieges, als sie noch freie, siegreiche Soldaten waren, erlaubten, ihren Frauen die Treue nicht immer zu halten. Sie verspürten deshalb selten stärkere Gewissensbisse. Jetzt hinter Stacheldraht klopften sie sich prahlerisch auf die Brust und trugen eine beispielhafte Treue zur Schau, vergaßen aber völlig, daß sie keine Gelegenheit zur Untreue hatten, denn dafür sorgten die Sowjets vorzüglich. Wäre dieses nicht der Fall gewesen, so wäre die Zahl der „treuen Ehemänner" in den Lagern höchstwahrscheinlich bedeutend kleiner gewesen.

Die Zahl der Ehescheidungen begann aber erst richtig zu steigen, als die Kriegsgefangenen in Massen heimkehrten. Als die Männer in den Krieg zogen, waren sie stark und gesund, sie konnten eine Familie mit Leichtigkeit unterhalten. Mancher war reich und angesehen, dazu die vielen Orden und Offiziersgehälter u. a. m. — dies alles erhöhte den Wert des Mannes.

**[S. 128]** Und nun? Abgehärmt, am ganzen Körper vor Hunger geschwollen, vielleicht ein Krüppel, für lange Zeit erwerbsunfähig und hilfsbedürftig, mittellos und ohne jegliches Ansehen, abgerissen, die früheren blonden oder dunklen Locken hatten den grauen oder sogar einer Glatze Platz gemacht. So steht er da, der Mann, der einst geliebt wurde und erwartet, daß er wieder geliebt wird, wie einst.

Groß mußte die Liebe der Frau sein, hier wieder anzuknüpfen, wo der Krieg den großen Schnitt getan hatte, ja die Frau mußte lieben, wenn sie auch selbst nicht wiedergeliebt wurde, denn vielfach war der Mann abgestumpft in seinen Gefühlen und unmanierlich in seinem Benehmen. Die Frau mußte in vielen Fällen eine wahrlich weibliche Geduld mit ihrem Manne haben, wollte sie das große Glück der Familie wiederherstellen, denn nur sie vermochte durch ihre opferfreudige Liebe jedes Hindernis, das dem Glücke im Wege lag, hinwegzuräumen.

## Das Arbeitsbataillon 1551

Die Not unter den männlichen Kriegsgefangenen hatte Siebert schon mehrere Jahre verspürt und an seinen vielen Mitgefangenen deren Folgen ausreichend beobachten können. Der ständige körperliche und noch mehr der seelische Verfall der Männer nahm katastrophale Ausmaße an. Erst in den Jahren 1948—49 fingen sich die Männer wieder auf und ihr früherer Zustand wurde allmählich hergestellt, soweit der Zersetzungsprozeß nicht schon zu weit vorgeschritten war.

Siebert versuchte den wahren Grund der allgemei- **[S. 129]** nen Verfallserscheinungen in der schlechten Ernährung der Männer, in der großen Sehnsucht nach den Lieben und nicht zuletzt in den dauernden Verhören des MWD zu finden. Zur Beschleunigung des Verfalls aller Kräfte trug vor allen Dingen die Dauer der Gefangenschaft bei. Die Gleichgültigkeit der Männer allen Dingen und Erscheinungen gegenüber stieg von Tag zu Tag. Müde und abgespannt trotteten sie morgens zur Arbeit und noch müder kehrten sie abends wieder in die Baracken zurück.

Wie sich die Männer in der Gefangenschaft in primitivsten Verhältnissen durch's Leben schlugen, wußten die Männer. Wie es aber Frauen aushielten, war für jedermann ein Rätsel. Wie sollte es möglich sein, daß das „schwache Geschlecht" in solchen jämmerlichen Zuständen am Leben bleiben könnte?

Dieses zu beobachten, sollte Siebert recht bald Gelegenheit haben.

Palm und Siebert hatten an einem Samstag einen Transport Heimkehrer an die Bahn begleitet und standen, nachdem der Zug mit den glücklichen Kameraden in Richtung Heimat abgedampft war, allein auf dem Bahnhof. Zurück in's Lager gehen? Wieder das dauernde Einerlei ertragen? Nein, sie wollten irgendwohin gehen. Nur endlich einmal eine kurze Abwechslung wollten sie haben. Da Siebert noch nicht lange in Charkow frei ausgehen durfte und die Stadt wenig kannte, machte ihm Palm den Vorschlag einmal in das Arbeitsbataillon 1551 zu gehen und die dortigen Insassen zu besuchen. Mittels ihres antifaschistischen Ausweises wollten sie den Einlaß erlangen. Nach einer guten halben Stunde Fußweg kamen sie vor eine dunkle Ruine. Kein Weg, kein Licht verriet das Vorhandensein einer menschlichen Be- **[S. 130]** hausung in der etwa 250 Personen, Frauen und Männer, leben sollten.

Die ganze Ruine war von einem hohen Stacheldrahtzaun umspannt. Am einzigen Tor stand eine kleine Frau in schmieriger Wattenhose und ebensolcher Jacke mit einem langen Karabiner bewaffnet. Die beiden Besucher traten an das Flintenweib heran und trugen ihre Bitte wegen des Einlasses vor. Anfangs äußerte sie einige Bedenken, dann aber rief sie den Lagerkommandanten und befahl ihm, die beiden Männer ins Lager zu führen.

Janos Wunsch, wie man den Lagerkommandanten rief, führte sie jetzt in einen kalten Kellerraum und von dort in die Wohnräume des Lagers, die alle im Kellergeschoß des früheren Universitätsgebäudes untergebracht waren. Als Janos, der übrigens schon nahe an sechzig Jahre alt war, wieder eine niedrige Tür öffnete, erschraken Palm und Siebert, denn eine ziemlich flotte Tanzmusik drang an ihre Ohren. Sie glaubten nicht recht zu hören, denn wer hätte in dieser Ruine Musik vermutet und zudem noch eine übermäßig lustige Tanzmusik! Bei diesen Gedanken wurde die Tür zu einem hellerleuchteten Saal geöffnet. Was Palm und Siebert hier erblickten, schien ihnen ein Wunder zu sein. Vor allen Dingen waren es fröhliche Menschen, die tanzten und lachten. Die Tanzfläche war überfüllt mit Tanzlustigen. Sonderbarerweise waren die Tanzenden nur Frauen. Es waren im Raume einige Männer, die aber müde in den Ecken saßen und düster auf die lachenden Frauen schauten.

Palm und Siebert nahmen neben dem Kommandanten auf einer Bank Platz und mußten noch einmal feststellen, daß alles, was sie sahen und hörten, auch wirklich Tatsache war.

**[S. 131]** „Bei euch geht es hier zu, wie auf einer Hochzeit. Ist das immer so?" fragte Siebert Wunsch, als er sich von seinem Staunen erholt hatte.

„Nicht immer, aber jeden Sonnabend wird von sieben Uhr abends bis um drei Uhr nachts getanzt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß diese Frauen wirklich so ausgelassen sind. Sie sind auch nicht so übermütig lustig, wie es Ihnen auf den ersten Blick scheint, sondern sie tanzen und tanzen um ihr bißchen Leben. Sie toben, um ihre Not und Sehnsucht, ihr großes Leid zu vergessen. Doch was rede ich zu euch davon. Ihr habt ja von eurem eigenen Elend zur Genüge." Müde schaute der Alte in die tanzende Menge.

„Nein, erzählen Sie weiter, Herr Wunsch, denn wir möchten so gerne wissen, wie sie hier leben, woher sie kommen und wann sie einst aus diesem Keller hinaus dürfen," bat Palm.

Darauf begann Wunsch zu erzählen:

„Sehen Sie, meine Herren, wir alle kommen aus dem Banat, aus dem jugoslawischen Teil. Zufällig sind wir bald ohne Ausnahme aus einer Ortschaft, so daß wir uns alle von zu Hause aus kennen. Als die Russen 1944 in unser Land eindrangen, wurden wir alle aufgefordert, Frauen von 17—30 und Männer von 15—45 Jahre, uns mit Kleidern und Verpflegung für drei Tage auszurüsten, um Schützengräben für die Sowjetarmee zu graben. Ohne besondere Angst gingen wir los, denn wir sollten ja nach drei Tagen wieder zu Hause sein. Nur drei Tage, meine Herren, und jetzt schreiben wir 1948, über vier Jahre sind es heute. Eine lange Zeit. Ich und unser Lehrer, Wilhelm Würch, mußten als alte Männer mit, weil wir für unser Alter noch rüstig genug waren. Damals gingen wir zum Bahnhof, wo wir in Güterwa- **[S. 132]** gen einstiegen. Die Türen wurden von außen verriegelt und der Zug kam ins Rollen. Er rollte weiter Tage und Nächte. Die Angst, welche uns in jenen Tagen überfiel, kann ich euch nicht schildern. Wir schrien und polterten, aber kein Menschenohr vernahm unser Flehen. Schrecklich war die Zeit. Männer und Frauen, eng aneinander gedrängt in einem Wagen bei verschlossenen Türen. Könnt ihr euch das vorstellen? Und Personen wurden dort gemein[sam ?]..........

Nach einigen Tagen brachte man zum ersten Mal auf der Fahrt Wasser in die Wagen, um gleich wieder die Riegel vorzuschieben und weiter zu fahren. Erst nach vierzehn Tagen kamen wir in Charkow an und wurden in diese Ruine gebracht, die wir uns jetzt so leidlich hergerichtet haben.

1946 durften die Kranken nach Hause. In der Mehrzahl waren es Männer und einige Frauen, die in der Gefangenschaft von Russen Kinder geboren hatten. Diese Mütter waren die einzigen Gesunden, die bisher in die Heimat fuhren. Auf diese Art und Weise fuhren noch viele Mädchen heim. Für uns Alte war diese traurige Tatsache schwer zu ertragen. Aber was sollten wir anfangen?

Groß war damals die Not. Sehr viele Väter waren mit ihren Söhnen und Töchtern hier. Zu Beginn schätzten wir diese sehr glücklich, denn sie glaubten gemeinsam die Not leichter zu ertragen. Als aber der Tod um sich griff und die Lieben der Reihe nach wegholte, war der Kummer jener Leute unermeßlich. Doch mit der Zeit wurden wir den Tod gewöhnt, denn er weilte ständig unter uns und bereitete uns nicht mehr soviel Sorgen.

Am meisten litten die Männer, denn sie waren weit hilfloser als unsere Frauen. Die Ausdauer dieser tan- **[S. 133]** zenden Frauen in allen Dingen ist erstaunlich. Besonders schwer waren die ersten zwei Jahre. Die Kinder waren noch zu jung, um schwer zu arbeiten, zudem waren sie keine Arbeit gewöhnt, sie hatten zu Hause in ihren geordneten Verhältnissen nie schwer gearbeitet. Wie quälten sich die Menschen!

Immer wieder wurde uns eine baldige Entlassung versprochen, so auch als Tito seine Abschwenkung von Rußland begann. Seit jener Zeit sagt man uns, wir würden nach Hause kommen, wenn Tito vernünftig geworden ist. Wann wird das sein?

Jetzt begann der eigentliche Kampf ums Leben. Verdienen können wir uns unseren Lebensunterhalt nicht, richtiger, wir erhalten unseren Lohn nicht, denn wir müssen von dem leben, was wir uns kaufen. Die Löhnung ist ja auch so sonderbar eingerichtet. Wenn wir hundert Rubel verdienen, werden uns fünfzig davon ausgezahlt. Mit dem wenigen Gelde müssen wir uns verpflegen und kleiden. Dazu müssen wir noch die Wohnung, Beheizung und Beleuchtung bezahlen.

Die Frauen und Mädchen erhalten bis zu neunzig Rubel im Monat. Ein Kilo Brot kostet drei Rubel, von Fett und Fleisch garnicht zu reden. Die Männer waren genau so übel dran, jedoch konnten auch hier die Frauen den Männern etwas vormachen: sie gingen betteln, verkauften Brennholz, das sie unter dem Mantel von der Baustelle nach Hause trugen, nähten mühsam aus Lumpen Kleider; kurz, sie halfen sich, während die Männer das Nachsehen hatten. Ganz Schlaue machten sich an die Frauen heran und schlossen mit ihnen einen Haushaltsbund, d. h. sie hatten gemeinsame Kasse und Verpflegungskammer. Daraus entwickelte sich nachher die Interniertenehe. Wenn heute solche Gemeinschaft **[S. 134]** geschlossen wird, so heißt es, die zwei sind verheiratet und keiner macht ihnen die Rechte der Ehegatten streitig. Da staunen Sie, aber so was gibt es. Der Zusammenschluß wird üblicherweise mit Musik eingeleitet und gilt dann als allgemein anerkannt. Das sogenannte „Ehepaar" lebt dann zusammen, so lange es den beiden gefällt. Gehen sie auseinander, so erscheint wieder die Kapelle, die dann irgendein scheußliches Musikstück spielt und die „Ehegatten" gelten als geschieden.

Post gibt es von zu Hause nur selten. Wann erfahre ich von meinen Lieben etwas?" Bei diesen Worten rollten zwei große Tränen über die eingefallenen Wangen des Alten.

„Und arbeiten müssen wir alle Tag für Tag. Die Frauen können Sie überall in der Stadt treffen. Die häufigsten Arbeiten sind Stukkaturarbeiten an den Regierungsbauten. Wenn wir dann müde ins Lager kommen, werden politische Versammlungen abgehalten, auf denen man uns von Sowjetrußland und vom Verräter Tito erzählt. Wir haben es alle satt, mehr als satt. Und um das alles zu vergessen, tanzen die Frauen, das einzige Mittel, wie sie glauben, um zu vergessen, denn den Glauben an Gott haben die meisten verloren.

Nun wissen Sie, wie wir leben. Doch bitte ich Sie, die Geschichte für sich zu behalten, denn wir haben viele unter uns, die mit jeder Kleinigkeit zum MWD-Offizier laufen und ihre Leidensgenossen dort anschwärzen."

Immer noch tanzten die Frauen, obwohl es kurz vor Mitternacht war. Die Musiker lösten sich gegenseitig ab, während die Frauen ununterbrochen tanzten. Ein fürchterlicher Tanz!

**[S. 135]** Palm und Siebert verabschiedeten sich von Wunsch und gingen zu ihrem Lager zurück, jeder mit der Erzählung des alten Wunsch beschäftigt.

Nach einem Jahr kam Siebert wieder einmal in das Arbeitsbataillon 1551 und fand dieselben Verhältnisse vor. Tito war immer noch in Stalins Ungnade und die Mädchen, die nun schon ältere Frauen geworden waren, tanzten immer noch aus Verzweiflung, denn für sie gab es keine Hoffnung auf eine Entlassung. Sie trugen ihr Los weiter, wie viele andere namenlose Frauen der vielen Arbeitsbataillone im weiten Rußland, von denen sich die meisten im Ural und im Kohlenbecken des Donez befanden. Von dort sandten sie Grüße in die Heimat, indem sie die Innenwände der Kohlenwagen, die von ihnen beladen wurden, mit Namen und Adressen beschrifteten:

„Maria Kuhlmann, Liesbeth Hofmeyer und Sophie Engelbert grüßen ihre Lieben in Kowin, Banat, Jugoslawien" oder „Wir grüßen dich, liebe Heimat, aus dem fernen Rußland."

## Die Entlassungen.

„Zwei Jahre werden wir in Rußland bleiben müssen, bevor man uns entläßt. Wenn der Krieg aus ist, wird es noch einige Zeit dauern, ehe man Verhandlungen über die Gefangenen führt. Dann muß man die Vorbereitungen für den Heimtransport der vielen Menschen treffen. Von den ersten werden wir auch nicht sein, so daß wir zwei Jährchen abbüßen müssen. Eine lange Zeit. Ob wir das aushalten?"

So kalkulierten die meisten Gefangenen 1945 bei **[S. 136]** ihrer Gefangennahme. Doch ihre Kalkulationen waren ohne die Russen gemacht worden.

Der erste Heimtransport vom Lager 136 ging Ende 1946. Nur ganz Kranke, Männer, die die sowjetische Heilkunst nicht mehr heilen konnte, wurden entlassen. Die meisten Heimkehrer dieses Transportes wurden zum Bahnhof gefahren, denn ihre ganzen Kräfte hatten sie bei der „Wiedergutmachung" in der Sowjetunion geopfert. Kleinere, ganz vereinzelte Transporte mit abgewirtschafteten Männern gingen später in die Heimat. Im allgemeinen herrschte aber völlige Ruhe in der Entlassungsaktion.

Endlich im April 1947 kamen die Außenminister der Großen Vier zusammen und beschlossen, eine Kommission zu ernennen, die einen genauen Plan zur Entlassung der Gefangenen aus allen Ländern ausarbeiten sollte, laut dem die Repatriierung der Kriegsgefangenen am einunddreißigsten Dezember 1948 abgeschlossen sein sollte. Dieser Plan ist nie ausgearbeitet worden, denn die Sowjets stellten sich auf einen ganz sturen Standpunkt und hintertrieben die Entstehung des Entlassungsplanes.

Den Gefangenen erklärten sie, daß die Westmächte an dem Übel schuld seien und die S.U. werde die Entlassung nach eigenem Plane vornehmen. Wie weit dieser Plan bestand und wie er aussah, ist der Öffentlichkeit nie bekannt geworden.

So verging das Jahr 1947, ohne daß die große Masse der Gefangenen Rußland verlassen hatte. Die Hoffnung aller verlegte sich auf 1948. Klar, glaubte niemand an eine Heimfahrt im Winter, denn der gesundheitliche Zustand und die Bekleidung ließen eine Heimreise im Winter nicht zu, aber im Frühling, im Sommer, da würde man die Fahrt überstehen.

**[S. 137]** Der Frühling kam und sowjetische Offiziere erklärten den Männern, daß die Sowjetunion alle Kräfte, auch die der Gefangenen, bei der Frühjahrsbestellung des Landes benötige. Dafür sollte die Entlassung im Sommer beginnen. Da aber war die Wirtschaft des Riesenreiches mit der Vorbereitung zur Ernte beschäftigt und die Eisenbahn konnte keine Waggons für den Heimtransport der Gefangenen entbehren. Im Herbst, ja, wenn man die Ernte im Trockenen haben würde, sollte jeder nach Hause fahren. Auch der Herbst verging. Nur wenige sahen die Heimat zum versprochenen Termin. Um Sylvester 1948 ließ man plötzlich zum Schrecken aller Männer das große Plakat mit den Worten — Das Jahr 1948 ist das Jahr unserer Heimkehr! — von der Wand nehmen. Damit das Jahr war vorbei [sic]. Wenn die Offiziere die Gefangenen bis dahin noch immer auf den letzten Dezember vertröstet hatten, so hatten sie ab dieser Zeit nur noch das bekannte russische Wort „Budjet" zur Antwort.

In jenen Tagen konnte im Straflager 7149/2 die bei vielen Gefangenen offene Meuterei auf Gedeih und Verderb nur mit Mühe zurückgehalten werden.

Die Verzögerung der Entlassung der Gefangenen hatte ganz bestimmte Gründe für die Sowjets, denn erstens brauchten sie die Arbeitshände der Gefangenen und zweitens mußten die Gerichte mit der Aburteilung der vielen „Kriegsverbrecher" fertig werden, von denen es täglich immer mehr gab. Allein in den Monaten Januar, Februar und März 1949 wurden aus dem Lager 7149/2 97 Mann verurteilt, davon keiner zu weniger als zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeitslager. Die Untersuchungsrichter arbeiteten Tag und Nacht mit Ablösung.

Im Frühjahr 1949 begann die allgemeine Entlassung, d. h. jetzt durften alle gesunde Männer nach Hause
**[S. 138]** fahren. Die Entlassung hatte aber auch jetzt noch einen großen Haken, der manchen Gefangenen zurückhielt: man mußte vor allen Dingen politisch ohne Makel sein, was äußerst schwer war. Jetzt erst erfuhren die meisten, daß sie im Laufe von vier Jahren von guten „Freunden" an das MWD ausgeliefert wurden. Dauernd suchte man nach SS-Leuten, die ihre Blutgruppe unter dem Arm eintätowiert hatten. Diese Tätowierung suchte man bei allen Männern, denn man brauchte möglichst viele SS-Leute, da diese noch nicht entlassen werden sollten.

Anfang Mai 1949 war die Untersuchung im Lager 7149 fast abgeschlossen und die sogenannte „Schwarze Liste" mit allen politisch Unzuverlässigen fertiggestellt.

Die Belegschaft von 1749/2 [sic] zählte im Mai 1949 3600 Mann. Davon schickte man einen Transport von 1800 politisch Unzuverlässigen in den großen Donbogen, wo sie einen Kanal zur Verbindung der großen Ströme Don und Wolga ausheben sollten.

Die Auslese ging aber immer weiter, bis das Lager auf etwa 150 Mann zusammengeschmolzen war. Diese sollten jetzt in die Heimat gelangen, wenn es das erbarmungslose MWD für richtig befand.

Kurze Zeit vor jedem Transport wurde eine Liste der glücklichen Heimkehrer veröffentlicht, an der das MWD aber immer noch Änderungen vollzog. Beim Ausmarsch aus dem Lagertor, ja sogar am Bahnhof hielt man noch Leute zurück, die in der Zwischenzeit von Neidischen verleumdet worden waren. Einige Männer ließ man bis nach Deutschland nach Frankfurt a. d. Oder fahren und brachte sie dann wieder ins Lager zurück. Sie hatten die Heimat wiedergesehen, waren aber [?] — denn sie standen nie wieder auf einer Heimkehrerliste.

Brückner, der Rote Himmler, hatte es in Charkow **[S. 139]** sofort nach seinem Eintreffen wieder soweit gebracht, daß er Hauptfunktionär im Antifaschistischen Aktiv wurde. Rücksichtslos wütete er in allen Lagern, die ihm unterstanden. Bis 1949 genoß er das unbeschränkte Vertrauen der Russen. Er bestimmte in allen Dingen, reiste nach Kiew, wo er Instruktionen für seine Tätigkeit einholte. Immer frechere Verleumdungen gegen Gefangene, ja selbst gegen sowjetische Offiziere hielten ihn im Sattel. Keiner glaubte an eine Entthronung Brückners, bis er ganz überraschend seines Postens enthoben war und vor dem Tor zum Straflager als Strafversetzter stand. Das MWD hatte nämlich aus Dnjepropetrowsk von einem Landsmann Brückners seine Vergangenheit in Erfahrung gebracht, wonach er ein aktiver Nazi gewesen sein sollte.

Als die Lagerbelegschaft Brückner vor den Toren erblickte, tobte und schrie sie, denn zu oft hatte er die Leute im Straflager mit den schmählichsten Worten beschimpft. Jetzt war auch er am Ende seiner glänzenden Laufbahn auf antifaschistischer Ebene. In seiner Angst kam er zu Siebert auf's Zimmer und bat ihn gegen einen Anschlag der Männer zu schützen. Erst am dritten Tage ging er auf Grund eines strengen Befehls des Natschalniks zur Arbeit. Tag für Tag vernahmen ihn die Offiziere: er war doch in die Räder der MWD-Mühle geraten und im Juli zog er mit den Männern, die er einst als Faschisten und Verbrecher verleumdete, auf der endlosen Straße des Elends gen Osten. Über vier Jahre war er der Schrecken aller Gefangenen und ganz zum Schluß der Gefangenschaft mußte auch an ihm der Satz: „Jede Schuld rächt sich auf Erden" wahr werden.

Emil Dowideit, der seiner Zeit ein starker Gegenspieler Brückners gewesen war, fuhr mit einem Trans- **[S. 140]** port in die Heimat. Als er jedoch die letzten hundert Kilometer von Gronenfelde nach Berlin fahren wollte, wurde er von seinen ehemaligen Opfern ergriffen und dermaßen zerschlagen, daß man ihn für mehrere Monate ins Lazarett schaffen mußte. Nach seiner Genesung versuchte er ernstlich einen besseren Weg einzuschlagen und stellte sich an die Seite der Westberliner, als die Sowjets einen bekannten Erdölexperten aus Westberlin entführen wollten. Dowideit, ein Major der Sowjetarmee und mehrere Ostpolizisten waren mit diesem verbrecherischen Auftrag beehrt worden. Jedoch verriet Dowideit den Anschlag an die Westberliner Polizei. Diese war leider nicht zur bestimmten Zeit zur Stelle und Dowideit mußte [nahm ?] allein die Entführer gefangen und lieferte sie den Westberliner Behörden aus. Da er nicht genügend von den Behörden geschützt war, wurde er selbst von den Russen entführt und ist seit jenen Tagen verschollen. Die Strafe für seine zahllosen Mißhandlungen der Gefangenen in der Sowjetunion hatte auch ihn ereilt.

Geholfen war damit allerdings niemand, denn die meisten ihrer Opfer ließen Brückner und Dowideit in Rußland zurück oder gingen mit ihnen zusammen den Weg des Verderbens.

Tausende und aber Tausende warten heute noch auf ihre Entlassung, wenn auch die Sowjetunion offiziell erklärt hat, daß sie alle Kriegsgefangenen entlassen hat. Selbst Lenin, der Begründer der Sowjetunion sagte, daß jede Kriegsgefangenschaft, die länger als drei Jahre dauert, eine moderne Sklaverei sei. Stalin, sein Nachfolger, ist leider anderer Ansicht, denn er findet es vollkommen normal, wenn er unzählige Menschen lebenslang hinter Stacheldraht hält.

**[S. 141]**

## Die Bitte der Russen.

Schon in den ersten Tagen nach der Ankunft in Skorochodowo erhielt Siebert die Erlaubnis ohne Bewachung seinen Dienstobliegenheiten außerhalb des Lagers nachzugehen. Kein Wunder, wenn er auf seinen vielen Gängen mit den Sowjetmenschen aller Schichten zusammentraf. Wenn mehrere Zivilisten auf ihn oder einen anderen Gefangenen stießen, so konnte man sich auf ein heftiges, von Haß durchtränktes Gespräch gefaßt machen, denn jeder wollte durch seine Reden seine Genossen von seiner ergebenen Einstellung zum Sowjetstaate überzeugen. Traf man aber wenige Minuten später dieselben Menschen allein, so spürte man nichts von Haß oder Abneigung gegen die Gefangenen. In diesen unbeobachteten Augenblicken öffneten sie ihr Inneres, ihr Denken und Empfinden den Feinden, da sie diesen nie zutrauten, daß sie jemand von dem geführten Gespräch Mitteilung machen würden. Ganz andere Menschen waren diese Russen doch in solchen Momenten! Gutmütig, wie das russische Volk im allgemeinen ist und hilfsbereit schienen sie zu sein und sie waren es auch in der Tat. Dann entströmten ihrem Munde die Klagen über die große tägliche Not, über ihre Angst vor dem morgigen Tag.

Die Sehnsucht nach Ruhe und Freiheit, nach persönlicher Freiheit, endlich auch einmal in Wohlstand zu leben, ließ das Volk auf die unmöglichsten Gedanken kommen.

Eine eigentümliche Legende umgab zum Beispiel den sowjetischen Marschall Shukow, der mit seiner Armee Berlin zur Kapitulation zwang und längere Zeit **[S. 142]** Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen in der Ostzone Deutschlands war. Etwa 1946 [im Druck: „1496"] verschwand der vielfache „Held der Sowjetunion" ganz plötzlich vom militärischen Horizont, ohne daß man in der Öffentlichkeit etwas darüber erfuhr. Selbstverständlich löste diese Tatsache unter dem Volke eine Reihe von Vermutungen aus. Die charakteristischste von allen war die, daß man annahm, Shukow sei mit seinem Flugzeug in die Vereinigten Staaten geflogen und setze sich dort für eine Befreiung der ganzen Ukraine vom Joch der Sowjets ein. Die Bevölkerung wußte sogar schon vom Abzugstermin der sowjetischen Truppen und vom Einzug der Amerikaner zu erzählen. Keiner nahm öffentlich Stellung gegen dieses Gerede. Jeder wollte die Sowjets so schnell wie möglich los werden.

Die für die Befreiung festgesetzte Zeit kam näher, ging vorüber und alles blieb wie es war, nur die Stimmung der Bevölkerung sank auf den Nullpunkt, denn allmählich erfuhr man, daß Shukow nicht nach Amerika geflogen war, sondern von den Sowjets trotz seiner großen Verdienste seines Postens enthoben worden war und nun in Odessa als Garnisonskommandeur eingesetzt war.

Diese und ähnliche Legenden zeigten die wahre Gesinnung der ukrainischen und russischen Bevölkerung und waren nicht anders, als daß der Wunsch der Vater dieses hohen Gedankens war.

Als Siebert eines Tages mit seinen Freunden Mölker [?] und Rückert aus der Stadt ins Lager ging, hörten sie hinter sich eilige Schritte, worauf sie ein schnelleres Tempo anschlugen, doch umsonst, zwei Gestalten kamen heftig näher und hatten sie bald eingeholt:

„Dürfen wir ein Stück mit Euch gehen? Wir lau- **[S. 143]** fen schon lange hinter Ihnen her. Es war noch hell, als wir die Verfolgung aufnahmen, jedoch mußten wir warten, bis die Dunkelheit hereingebrochen war, denn wir dürfen nicht mit Ihnen sprechen. Da wir aber doch einmal mit Deutschen reden wollten, mußten wir halt warten, bis es dunkel wurde. Wir sind Studenten des Instituts für Hoch- und Tiefbau, angehende Ingenieure. Sie brauchen keine Angst vor uns zu haben, denn Sie sollen uns nur etwas über Deutschland und seine Nachbaren erzählen," erklärten die beiden Russen in einem gebrochenem Deutsch. Die Gefangenen leisteten ihrer Bitte gerne Folge und zufrieden bogen die Russen in die dunkle Seitengasse, als das Lager in Sicht kam.

Ein anderes Beispiel der Deutschfreundlichkeit der russischen Bevölkerung war folgende Begebenheit.

An einem Sonntagmorgen wurde im Lager bekannt, daß im Städtischen Lichtspielhaus der deutsche Film „Die Fledermaus" gezeigt werden sollte. Endlich war der erste deutsche Film bis nach Charkow gelangt! Daher entschlossen Palm und Siebert sich, in die Stadt zu fahren, um den Film zu sehen und die nötigen Schritte zu unternehmen, um ihn später ins Lager zu bringen. In der Stadt angekommen, stellten sie aber fest, daß alle Eintrittskarten ausverkauft waren. Eine riesige Menge stand vor dem Theater und begehrte Einlaß. Mit Mühe gelang es den beiden Gefangenen sich an die Tür vorzudringen, wo ein Milizionär die Ordnung mit größter Kraftanstrengung aufrecht hielt. Siebert bat um Einlaß, worauf der Direktor gerufen wurde, welcher ihnen einen Platz im Saal besorgte. Zu gleicher Zeit bat aber auch ein Oberleutnant um Platz für sich und seine Gattin. Mit großem Geschrei wurde sein Begehren zurückgewiesen.

**[S. 144]** Diese Handlung war für die Russen typisch, denn der gute Kern ihrer Gastfreundschaft war trotzallem erhalten geblieben und dem Offizier als Vertreter der Staatshoheit ein Schnippchen zu spielen entsprach nur zu sehr ihrem inneren Denken und Fühlen.

Durch Zufall lernten Dr. Heinrich, Palm und Siebert in Charkow den russischen Kapellmeister Nasarow kennen, welcher zum größten Teil in seinem Denken charakteristisch für die alte Generation war. Nasarow zählte bereits dreiundsechzig Jahre und hatte in seinem Leben alle Länder Europas kennengelernt. Jetzt im hohen Alter war er als Musiker schon nicht mehr tätig, beschäftigte sich aber als Instrumentenbauer und versuchte dadurch den Lebensunterhalt für sich und seine Frau zu verdienen. Er war bemüht seine Kenntnisse der Jugend zur Verfügung zu stellen, jedoch machten ihm die Behörden immer größere Schwierigkeiten, indem sie sein Werkzeug und die gesamten Musikinstrumente beschlagnahmten, weil es laut Gesetz keine privaten Werkstätten geben sollte. Seine einzige Stube, die er mit seiner Frau bewohnte, war wirklich nicht als Werkstatt anzusprechen, aber dennoch mußte er eine hohe Summe als Strafe für die Übertretung des Gesetzes bezahlen.

Die drei erwähnten Gefangenen waren oft bei Nasarows zu Gaste und wer sich die große Gastfreundschaft eines Russen vorstellen kann, der weiß, wie herzlich es bei diesen Besuchen zuging. Nasarow und seine Frau erzählten dann von der „guten alten Zeit", als die Bolschewiken noch nicht an der Macht waren und von ihren Plänen, wenn diese erst weg sein würden, denn die Alten gaben die Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse immer noch nicht auf. Am allermeisten freuten sich Nasarows auf das Wiedersehen mit ihren **[S. 145]** Söhnen, die die Sowjets in den hohen Norden verschleppt hatten.

So gerne Nasarows die Gefangenen auch bei sich sahen, so sehr wünschten sie ihnen eine baldige Heimkehr in die Heimat. Als schließlich Palm entlassen wurde und immer mehr Gefangene Rußland verließen, baten Nasarows die Gefangenen, sie möchten den Menschen in aller Welt von dem großen Leiden der Sowjetvölker, von ihrem heißen Wunsch, auch wieder frei zu sein, berichten. Mit flüsternder Stimme brachte Nasarow seine große Bitte im Auftrage des russischen Volkes, wie er sich ausdrückte, hervor:

„Solltet Ihr nach Hause kommen, so sagt allen Menschen, daß wir sie grüßen. Nicht ich und meine Frau allein, nein, ein großer Teil des russischen Volkes hat dieselbe Bitte an Euch. Sagt, daß wir uns nach Freiheit sehnen, daß wir gerne leben möchten, wie sie in Ruhe und Sicherheit. Dann haben wir aber noch eine große Bitte an Euch: macht den Leuten klar, daß sie uns nicht mit dem Kommunismus über einen Kamm scheren. Das russische Volk ist nicht der Kommunismus, denn nur ein geringer Teil unseres Volkes steht in Wirklichkeit hinter dieser Geißel der Menschheit. Wir wollen frei sein, leben, wie es Menschen gebührt und andere leben lassen. Zum Schluß bitten wir Euch, uns nicht zu vergessen. Denkt an ein Volk, das auf bessere Zeiten wartet, welche allerdings nur vom Westen kommen können, denn wir sind zu sehr geknechtet, um uns selbst gegen die bolschewistische Tyranei erheben zu können. Und jetzt geht mit Gott. Palm, du fährst morgen nach Hause! Viel Glück zur Reise." Herzlich küßte die Alte die Gefangenen und schob sie behutsam zur Tür hinaus, damit die anderen Hausbewohner es nicht merkten, daß sie die Gefangenen **[S. 146]** in ihrem Zimmer hatten.

Siebert besuchte die Alten später noch oft und bei einem dieser Besuche machte Nasarow den Vorschlag, doch einmal gemeinsam die Kirche, den Blagoweschenskij Sobor, zu besuchen, die die Sowjets 1943 wieder für den Gottesdienst freigegeben hatten. Majestätisch erhob sich das große Bauwerk über den großen Platz, auf dem der Marktplatz mit seinen vielen Trödlerbuden eingerichtet war. Äußerlich und innerlich war der Sobor vernachlässigt worden, denn viele Jahre war nichts an Reparaturen gemacht worden, aber der Gottesdienst in seinen Räumen war echt, denn die Menschen beteten dort zu Gott, wie es Christen in aller Welt tun, ergeben und innig. Die Sowjets hatten bei der Freigabe der Kirche geglaubt, daß es so gut wie keine Gläubigen mehr geben würde. Das Gegenteil wurde ihnen gezeigt, als sie die Türen der Gotteshäuser wieder öffneten. Junge und alte Leute kamen an den verlassenen Ort, knieten nieder und dankten Gott für seine Gnade und Güte und baten um seinen ferneren Segen.

„Siehst du, Siebert," sagte Nasarow, als er sich bekreuzigt hatte, „trotz langer Unterdrückung hat unser Volk nicht vergessen, daß Gott für die Menschheit da ist und Gott vergißt auch die Seinen nicht. Nein, Gott ist und bleibt der große Fels, zu dem wir immer freudig aufblicken können."

## Nach Hause!

Nach Hause! Welch großer Begriff für jedermann, der in der Fremde weilen muß! Für die Mehrheit der Gefangenen bedeutete der Begriff „Nach Hau- **[S. 147]** se" gänzliche Erfüllung aller Hoffnungen und Wünsche. Immer wieder hörte man sagen: „Ja, wenn ich erst zu Hause bin, beginnt ein neues Leben, ein Leben, das wieder lebenswert ist."

Und schließlich war der langersehnte Tag da. Jetzt geht es nach Hause! Aufgeregt, sich seiner selbst nicht bewußt, lief dann der Glückliche von einer Lagerdienststelle zur anderen und versuchte alles so schnell wie möglich zu erledigen, obwohl kein Grund zur Hast vorlag, denn die Russen hatten Zeit, viel Zeit.

Bevor man auf die Liste der Entlassenen kam, ging man zum MWD (auch Zahnarzt spöttischer Weise genannt, da die Gefangenen behaupteten, daß dort noch einmal jeder Zahn auf seine antifaschistische Gesundheit, richtiger kommunistische Einstellung, untersucht wurde). War diese Untersuchung günstig für den Gefangenen verlaufen, so ging es an die Bekleidungskammer, wo jeder Heimkehrer ein Paar Holzschuhe und einen Schlosseranzug ausgehändigt bekam. Auf dem Ärmel des Anzugs konnte man auf einem weißen Lappen die beiden russischen Buchstaben W-P (Kriegsgefangener) lesen.

Sobald diese Umkleidung geschehen war, versammelten sich alle auf dem Lagerhof und eine gründliche Durchsuchung aller Sachen begann, an der sich sämtliche sowjetische Offiziere beteiligten. Hierbei verging man sich so weit, daß man den Gefangenen befahl, sich zu entkleiden und sie dann einige gymnastische Übungen machen ließ, weil man glaubte, die Gefangenen würden irgendwelche schriftliche Aufzeichnungen über die S. U. mit nach Hause nehmen. Nach dieser Durchsuchung, die allerdings noch nicht die letzte sein sollte, mußte man an einem Spalier sowjetischer Soldaten vorbei zum Lagerausgang. Wieder wurden hier die Männer ge- **[S. 148]** zählt und gemustert bis das schwerfällige Tor von der Fabrikspolizei fluchend geöffnet wurde.

„Marsch! Singen!" befahl ein Offizier grinsend. Und die Männer sangen, als ob vom Gesang die Heimfahrt abhängen würde, jedoch keiner war mit den Gedanken beim Liede, nein jeder fürchtete noch einmal zurück gerufen zu werden. Und wie sie singen! Nur schnell fort von dieser Stätte, als wären sie Diebe, die ihre Beute in Sicherheit zu bringen hatten.

Überall, wo die Gefangenen singend durch die Stadt marschierten, liefen die Zivilisten zusammen und gaben den Heimkehrern ungewollt das Geleit.

Wenn der letzte Mann das Tor verlassen hatte, wurde Siebert jedesmal der Befehl erteilt, mit an den Bahnhof zu gehen, da es noch allerlei zu verdolmetschen gab, denn die sowjetischen Offiziere hatten den Entlassenen noch manche Anweisung zu geben. So schwer es für Siebert auch stets war, diesen Gang zu tun, denn immer wieder mußte er allein ins Lager auf weiter unbestimmte Zeit zurück, so ging er doch immer gerne. Er freute sich stets mit den Glücklichen, denen er seine Grüße für die Heimat mitgab. Ob auch er einst nach Hause darf? Wird man ihn eines Tages auch für würdig finden, in die Heimat zu fahren, wenn es für ihn überhaupt eine Heimat gibt — Sieberts Heimat? Die konnte er nicht wiedersehen, nie würde er sie wiedersehen. Aber damit hatte er sich längst abgefunden. Seine Heimat sollte in Zukunft dort sein, wo er frei mit seiner Frau und Tochter leben darf. Dorthin wollte er entlassen werden.

Oft hatte man es Siebert versprochen und nie Wort gehalten. Als 1947 das Lager 7136 aufgelöst werden sollte, versprach Major Jagodkin, ihn beim nächsten **[S. 149]** Transport zu berücksichtigen und in die Heimat zu schicken. Jedoch erhoben die anderen Offiziere Einspruch dagegen, weil Siebert bei der Waffen-SS gewesen war und als solcher nicht berechtigt war, entlassen zu werden. Als letzter ging er mit Leutnant Müller aus dem Lager in Poltawa nach Charkow, um hier weiter auf seine Entlassung zu warten.

Wieder war ein ganzes Jahr ins Land gezogen ohne die heißersehnte Heimkehr zu bringen. Endlich begannen die Transporte wieder in die Heimat zu gehen, aber Siebert mußte bleiben, mit der Begründung, daß man seine Dolmetscherdienste noch weiterhin im Lager bedürfe. Die wahren Gründe waren aber anderer Art.

Brückner, der vor seiner Ablösung noch arbeitete, hatte es vor seiner Absetzung noch verstanden, in Kiew über Sieberts Zugehörigkeit zur Waffen-SS Meldung zu erstatten. Er hatte dadurch gehofft, Siebert in die Lage zu bringen, in der er sich jetzt selber befand. So viel Siebert auch bespitzelt hatte [wie viel man Siebert auch bespitzelt hatte ?], mehr als seine SS-Zugehörigkeit konnte man nicht in Erfahrung bringen. Da er vom ersten Tage an russisch gesprochen hatte, war man schon daran gewöhnt und nahm weiter keinen Anstoß daran. Nachdem eine Anfrage aus Kiew im Lager bezüglich Sieberts militärischer und politischer Vergangenheit eingetroffen war, rückte das Interesse für seine Person plötzlich wieder in den Vordergrund, aber scheinbar ohne besonderen Nachteil für Siebert, denn nach mehreren Vernehmungen ließ man ihn ruhig seine Arbeit verrichten.

Im Mai 1949, als die erste Säuberung das Lager um 1800 Mann verringert hatte, teilte ihm Oberleutnant Laschenko überraschend mit, daß er nach Hause fahren dürfe und zwar schon in einer Woche. Freudestrah-
**[S. 150]** lend lief Siebert zu seinen Kameraden und teilte ihnen sein großes Glück mit. Aber schon am nächsten Tag zog das Glück seine Hand zurück, als plötzlich ein Offizier, Major Fretz, aus Kiew auftauchte und Schüler für die antifaschistische Schule in Riga warb. Männer, die für so einen Kursus in Betracht kamen, gab es nur ganz wenige. Major Fretz ließ diese alle in einem Saal versammeln und fragte jeden um seine Einwilligung, die Schule für eine Zeit von sechs Monaten zu besuchen. Die große Mehrzahl sagte ab, denn jeder hoffte bei dem nächsten Heimattransport mit dabei zu sein. Nur einige, die von ihrer Entlassung nicht ganz überzeugt waren, gaben ihre Zustimmung, an dem Kursus teilzunehmen. Über die geringe Aktivität der Gefangenen entrüstet, wandte Major Fretz sich an Siebert:

„Und Sie? Waren Sie schon auf einer antifaschistischen Schule?"

„Nein, Herr Major, ich war noch auf keiner Schule, obwohl ich mehrere Male darum gebeten habe, aber mein Gesuch wurde immer abgelehnt." In der Tat hatte Siebert mehrmals um die Erlaubnis angehalten, auf eine Schule zu dürfen, als seine Lage im Lager zu schwierig wurde, denn durch eine Versetzung auf eine Schule hatte er erhofft, endlich unter völlig fremde Menschen zu kommen und einem Verrat zu entgehen. Jedesmal mußte er bleiben, denn Oberstleutnant Krjukow ließ ihn nicht von seinem Arbeitsposten frei.

„Jetzt dürfen Sie aber fahren. In zwei Wochen beginnt der Unterricht in Riga. Dann müssen Sie dort sein. Ich setze natürlich voraus, daß Sie heute noch eine Schule besuchen wollen, Siebert," erklärte ihm Major Fretz entschieden.

„Gerne hätte ich es früher getan, denn ich wollte **[S. 151]** meine antifaschistischen Kenntnisse erweitern, um sie in der Gefangenschaft und später in der Heimat im Kampfe für ein einiges Deutschland einzusetzen. Heute muß ich Ihnen aber erklären, daß ich nicht mehr fahren will, denn die Zeit ist vorbei, da man Schulen besuchte, man hat mir nämlich versprochen, nächste Woche nach Hause fahren zu dürfen. Sie werden mich verstehen, Herr Major, denn ich bin viereinhalb Jahre nicht mehr zu Hause gewesen. Meine Frau und Tochter brauchen mich dringend."

„So seht Ihr alle aus! Und Ihr wollt wahre Antifaschisten sein? Wir Kommunisten denken anders: erst die Belange der Partei und dann die eigenen. Ihr wollt natürlich lieber nach Hause fahren, als Kenntnisse erwerben für die Sache der Arbeiterklasse. Schön! Sie brauchen wir auf unserer Schule nicht, aber merken Sie sich: nach Hause fahren Sie auch nicht. Genosse Krjukow, wenn Siebert auf der Heimkehrerliste steht, so ist er auf meinen Befehl zu streichen. Er bleibt hier bis auf weiteres."

Eine schöne Bescherung, diese Zurückstellung „bis auf weiteres"!

Wiederum ging der Transport. Siebert begleitete ihn bis zur Bahn und allein begab er sich ins Lager.

In dieser Zeit schmolz die Belegschaft immer mehr zusammen. Von 3600 waren noch 450 Mann übriggeblieben.

Ganz plötzlich kam eine große Liste auf die Schreibstube, laut der sich alle Männer bis auf 31 für den Abtransport bereit zu halten hatten. Jeder fieberte aus Angst, auf der Liste zu sein, denn nachdem man erfahren hatte, daß auch SS-Männer dabei waren, stand für jedermann fest, daß es kein Heimkehrertransport war, **[S. 152]** sondern eine weitere Folge der Säuberung der Lager von „politisch-unzuverlässigen" Leuten.

Siebert stand nicht auf dieser großen Liste, sondern blieb mit noch dreißig Männern im Lager zurück. Gleich nach dem Abzug der Unglücklichen, die den langen Weg in den Osten antreten mußten, befahl Oberstleutnant Litwin, Siebert solle die Zurückgebliebenen auf die Wache rufen. Hier hielt er den Männern eine seiner vielen gehässigen Ansprachen:

„Ihr seht selbst, daß unser Lager, das nun genau fünf Jahre bestanden hat, nicht mehr existieren wird. Während die eben versetzten Gefangenen noch etwas bei uns in der Sowjetunion arbeiten werden, dürft ihr nach Hause fahren. In fünf Tagen geht euer Transport. Bis dahin ist aber noch viel zu tun. Das ganze Lager muß verschwinden, denn die Fabrik „Serp i Molot" übernimmt wieder die Gebäude und das Gelände. Sie, Siebert, Sie übernehmen die Leitung dieser Arbeiten und haben insgesamt drei Tage Zeit. Haltet euch dran, sonst bleibt ihr hier."

Als erste Arbeit war der Abbruch des verhaßten Stacheldrahtzaunes, denn die Männer wollten wenigstens zwei Tage ohne Stacheldraht in der Gefangenschaft verbringen. Bis in die späten Abendstunden wurde gearbeitet und am zweiten Tag konnte Siebert melden, daß die Aufgabe erfüllt war. Sichtlich zufrieden, nahm Oberstleutnant Litwin die Meldung entgegen.

Obwohl Litwin erklärt hatte, daß die Zurückgebliebenen nach Hause durften, war keiner davon überzeugt, daß es wirklich wahr sein sollte, denn MWD-Kapitän Fjodorow hatte bei allen Entlassungen das letzte Wort zu reden. Gegen seinen Einwand kam keiner auf.

Am dritten Tage nach der freudigen Erklärung **[S. 153]** Litwins begannen die Vernehmungen der Heimkehrer. Jeder mußte noch einmal einen Fragebogen in der Form eines Vernehmungsprotokolls unterschreiben und bezeugen, daß er keiner politischen faschistischen Organisation angehört hatte und in Zukunft auf der Seite der „friedliebenden" Sowjetunion stehen werde.

Siebert wußte immer noch nicht, ob er bei den wenigen Glücklichen sein würde oder ob er bei den anderen nach dem Osten nachgeschickt werden sollte. Ganz zum Schluß rief man ihn zum MWD-Offizier Major Serebrjanikow, der in Sieberts Personalakten blätterte, als er dessen Zimmer betrat. Major Serebrjanikow, ein Jude aus Moskau, war als einer der herzlosesten Offiziere im Lager bekannt und freute sich, als er Sieberts trostlosen Blick sah.

„Nehmen Sie erst einmal Platz, Siebert." Gemütlich steckte er sich eine Zigarette an und beobachtete Siebert mit scharfem Blick. Dieser Methode bedienten sich übrigens alle MWD-Offiziere bei ihren Vernehmungen. Sie versuchten die Gefangenen durch äußerliche Ruhe zu verwirren und dadurch leichter ans Ziel zu kommen, denn es ist für einen Unschuldigen in ungeschützter Lage leichter einen offenen Kampf auszutragen, als auf viele versteckte und hinterhältige Fragen Rede und Antwort zu stehen.

„Ich habe den Auftrag", begann Serebrjanikow, „zu untersuchen, ob wir Sie in die Heimat entlassen können. Wir haben sonst gegen Ihre Person nichts einzuwenden, nur daß Sie bei der SS waren, hindert uns, Sie zu entlassen."

Siebert hatte schon oft erklärt, daß er nur kurze Zeit bei der Waffen-SS war und begann Serebrjanikow dasselbe wieder auseinanderzusetzen. Zum ersten Mal **[S. 154]** wies Siebert ihn darauf hin, daß er nicht die Blutgruppe unter dem linken Arm trug.

„So-o-o, Sie haben keine Blutgruppe unter dem Arm? Lassen Sie sehen," fragte der Major erstaunt.

Siebert entkleidete sich, hob den Arm hoch und der Major kam ganz nahe heran, obwohl man die Tätowierung, wenn eine vorhanden war, deutlich aus der Ferne erkennen konnte.

„Tatsächlich. Sie haben die Blutgruppe nicht. Das ist Ihr Glück. Gehen Sie jetzt zur Ärztin und lassen Sie sich eine schriftliche Bestätigung darüber ausstellen und wenn Sie diese haben, will ich sehen, was sich machen läßt."

Schnell lief Siebert zur Lagerärztin Lewit, die ihm nach einer gründlichen Untersuchung der Haut des linken Oberarms, wozu sie eine starke Lupe gebrauchte, die gewünschte Bescheinigung ausstellte.

„Nun gut", sagte Major Serebrjanikow, als Siebert ihm das Papier gegeben hatte, „jetzt müssen Sie mir noch versprechen und zwar schriftlich, daß Sie nie etwas gegen die Sowjetunion unternehmen werden." Ganz ernst wurde der Major bei diesen Worten, als hätte er einen äußerst gefährlichen Verbrecher vor sich.

„Herr Major," erwiderte Siebert, „da brauchen Sie keine Sorge zu haben. Ich will den Frieden unter allen Völkern. Wie sollte ich da etwas gegen die „Friedensträgerin", gegen die Sowjetunion, unternehmen."

„Unterschreiben Sie das Protokoll hier und merken Sie sich eines: wenn Sie Ihr Versprechen nicht halten, so werden Sie es büßen. Wir finden Sie überall, auch wenn Sie sich in den Wolkenkratzern New-Yorks verstecken sollten. Wir holen Sie! Sie können sich darauf verlassen, Siebert. Und jetzt gehen Sie! Ich will sehen, ob **[S. 155]** es geht, Sie nach Hause zu schicken. Sie können damit rechnen." Siebert bedankte sich und ging zur Tür. Hier rief ihn der Major noch einmal zurück:

„Siebert, geben Sie jemand den Auftrag, mir ein Auto voll Holz zu sägen und lassen Sie dieses in meine Wohnung auf Puschkinskaja 78 bringen. Es darf aber kein anderer Offizier merken."

Dann ging Siebert zu seinen Kameraden, die gespannt auf das Ergebnis seiner Vernehmung warteten.

Keiner hatte irgendwelche Schwierigkeiten besonderer Art gehabt und somit wartete jeder auf die Heimkehrerliste, die erst am späten Abend auf die Wache gebracht wurde, wohin man die letzten 31 Männer bestellt hatte. Der wachhabende Offizier las jeden Namen langsam vor und ließ die Genannten auf die Seite treten. 27 Namen wurden verlesen. Vier Männer warteten noch auf ihren Namen, aber der Offizier faltete den Zettel und steckte ihn in die Tasche.

„Ja, ihr vier dürft nicht nach Hause fahren. Später kommt Ihr dran. Sergant Pawlow, damit sie nicht ausreißen, führen Sie die Männer in den Bunker. Hier ist der Schlüssel." Die Enttäuschung der Männer zu beschreiben, ist man einfach nicht in der Lage, denn jahrelang hatten sie sich auf die Heimfahrt gefreut und nun wieder alles aus, bis auf weiteres, wie die Russen zu sagen pflegten. Erbarmungslos führte Pawlow die Gefangenen Peschl, Emil Kellermann und zwei andere Österreicher ab.

Wo ist die menschliche Behörde, bei der man sich nach dem Verbleib dieser Opfer erkundigen kann? Höchstwahrscheinlich ist es selbst Major Serebrjanikow heute nicht mehr in der Lage darüber Aufklärung zu geben.

Siebert, der jetzt auch bei den Glücklichen stand, **[S. 156]** traute dem unsagbaren Glück nicht, obwohl er früher immer mit der Entlassung gerechnet hatte. Er konnte es nicht fassen, daß der Traum von der Rückkehr zu seinen Lieben jetzt endlich Wirklichkeit werden sollte. Nachdem die Österreicher eingesperrt waren, war aber auch die rechte Freude bei den anderen verschwunden, denn was konnte Major Serebrjanikow noch mehr [hindern ?], Männer in den Bunker sperren zu lassen. Mit dem, daß man auf der Entlassungsliste stand, war man noch lange nicht zu Hause. —

Als Siebert in der Baracke war, überfiel ihn eine Angst, wie selten in den langen Jahren, denn er fürchtete eben so wie seine Kameraden, daß man ihn noch wieder zurückstellen könnte, was seine Heimkehr um mehrere Jahre verzögern würde. Vielleicht konnten die Russen noch heute erfahren, wer er eigentlich war und ihn von der Entlassungsliste auf die Verbrecherliste übertragen. Fast schienen ihn seine Kräfte zu verlassen. Müde von der Angst fuhr er in die Stadt, um an einem einsamen Ort allein zu sein, denn seinen Kameraden und den Russen könnte seine niedergedrückte Stimmung auffallen. Nur allein zu sein, war sein einziges Verlangen.

Im Stadtpark angekommen, suchte er sich einen versteckten Winkel, kniete nieder und bat Gott um seinen Beistand:

„Ja nur noch jetzt hilf, großer Gott! Später führe mich, wie es Dir gefällt und für mich gut ist."

Wiederum verspürte Siebert die überwältigende Macht des Gebetes, denn nachdem er Gott seine Angst kund getan, erhob er sich und fuhr ins Lager zurück, wo man bereits auf ihn wartete. Die Russen hatten den Befehl erteilt, sofort die Einkleidung der Heimkehrer zu **[S. 157]** beginnen.

Schließlich war es Abend geworden und die letzte Nacht im Lager kam heran. Lange saßen die Männer beieinander und bauten Pläne für die Zukunft. Wie lebhaft waren diese Pläne, obwohl sich jeder bemühte, alles bis ins Kleinste auszuklügeln. Lückenhaft waren sie schon deshalb, weil keiner wußte, was er zu Hause antreffen würde. Wenn der eine oder andere auch ungefähr über seine privaten Verhältnisse orientiert war, so fehlten ihm doch jegliche Kenntnisse der allgemeinen Verhältnisse Deutschlands. Trotzdem schmiedete jeder an seinem Luftschloß weiter, um sich schließlich in einen halbfesten Traum zu verlieren. Aber auch der Traum von der Heimat in der Fremde ist wunderschön!

Es war noch gänzlich dunkel am Morgen, als sich die Ungeduldigsten von ihren Pritschen erhoben und ihre Sachen anfingen zu packen. Aus Ungeduld gingen sie immer wieder aus und ein, bis es endlich gegen Mittag hieß, vor dem Wachhäuschen anzutreten.

Zum letzten Mal begann für die sowjetischen Lageroffiziere das reizende Vergnügen einer „Kriegsgefangenenfilzung". Jeder Lappen wurde einer Untersuchung unterzogen. In aller Ruhe ließen sich die Männer die Schikane gefallen, denn sie waren es bereits gewöhnt. Oft genug wurden sie geplagt, wenn „Filzungen" dieser Art oder Gesundheitsuntersuchungen veranstaltet wurden, bei denen sie völlig entkleidet vor den Offizieren, Ärzten, Ärztinnen und Krankenschwestern aufmarschieren mußten und die übelsten Schmähungen über sich ergehen lassen mußten. Lange sollte diese menschenunwürdige Behandlung nicht mehr dauern, nun, alles gut verlief [?]. Als letzter Heimkehrer ging Siebert durchs Tor. Nachdem

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**[S. 158]** man seine Sachen durchwühlt hatte und alle in Reih und Glied standen, verabschiedete sich Siebert von den Offizieren und bedankte sich im Namen der Kameraden für die Entlassung.

Als Sprecher der Offiziere trat Oberstleutnant Litwin vor und richtete die abgedroschenen, leeren Worte an die Gefangenen:

„Euren Dank hören wir gerne, denn ihr habt es bei uns wirklich nicht schlecht gehabt, wenn man in Betracht zieht, was Göbbels euch von der sowjetischen Gefangenschaft vorlog. Die Sowjetunion will niemand etwas zuleide tun und macht es auch nicht, wenn man sie in Ruhe läßt. Oder hat euch jemand unrecht getan?"

Siebert antwortete für seine Kameraden:

„Herr Oberstleutnant, jeder von uns ist im Laufe der Gefangenschaft von der Friedfertigkeit und der Güte der Sowjetunion überzeugt worden. Wir sind Ihnen und den übrigen Offizieren zu großem Dank verpflichtet. Mit besonderem Dank wenden wir uns aber an die Sowjetregierung."

Litwin war mit der Antwort äußerst zufrieden und fuhr in seiner Rede fort:

„Wenn ihr jetzt nach Hause fahrt, so haben wir den Wunsch, daß ihr die hier erworbenen Kenntnisse in der kommunistischen Weltanschauung in Deutschland anwendet, um auch bei euch so gute Verhältnisse für das deutsche Volk zu schaffen, wie sie das Sowjetvolk dank der umsichtigen Führung unseres großen Stalins hat."

Ruhig hörten sich die Gefangenen das Märchen an.

„Unsere letzte Bitte an euch ist jedoch folgende: Wir wissen, daß wir im Auslande viele Feinde haben, die die unmöglichsten Dinge über unseren Staat verbreiten. Tretet diesen Lügnern mit der Wahrheit entgegen. Be- **[S. 159]** richtet zu Hause von dem, was ihr hier in den Jahren der Gefangenschaft gesehen habt. Bleibt bei der Wahrheit, tut ihr die Ehre, denn damit tut ihr uns und dem ganzen Sowjetvolke einen wahrhaft großen Dienst. Werdet ihr diese Bitte erfüllen? Siebert, übersetzen Sie meine Frage den Gefangenen!"

Siebert übersetzte den anderen die Ausführungen des Offiziers und Dr. Heinrich erbot sich für alle zu antworten:

„Herr Oberstleutnant, wir kamen als Hitlers Soldaten in Ihr Land und wußten über die hiesigen Zustände soviel wie garnichts. Jetzt aber haben wir alles gesehen und wissen, daß das Sowjetvolk den Sozialismus verwirklicht hat und dem Kommunismus entgegen geführt wird von der starken Kommunistischen Partei der Bolschewiki. Davon wollen wir den Menschen zu Hause berichten. Glauben Sie uns, Herr Oberstleutnant, wir werden unter allen Umständen der Wahrheit die Ehre geben, so wie man es uns hier gelehrt hat."

„Na also, anderes erwarten wir von euch auch nicht, denn sonst hätten wir euch nicht entlassen. Es wäre ja umsonst gewesen. Jetzt wünschen wir euch allen eine gute Fahrt. Sollten wir uns jemals wiedersehen, so wollen wir es nur als Freunde tun! Leutnant Lebedjew, führen Sie die Leute zum Bahnhof!"

„Marsch!" und schon marschierten die Männer, so rasch sie konnten.

Am Bahnhof warteten auf sie noch mehrere kleinere Gruppen aus verschiedenen anderen Lagern. Alle waren mit dem Schmücken der Güterwagen beschäftigt. Viele Stalinköpfe auf riesigen Plakaten und unzählige Propagandatexte wurden an die Waggons angebracht. Die hauptsächlichsten Texte waren folgende:

**[S. 160]** Es lebe die Sowjetunion, das Bollwerk der freien Welt!

Es lebe Stalin, der Führer des Weltproletariats!

Als Feinde kamen wir, als Freunde gehen wir!

Jetzt trafen auch die Begleitmannschaften der Lagerinsassen ein. Unter ihnen waren auch zwei MWD-Offiziere, die sogleich anfingen unter den Gefangenen zu schnüffeln.

In der Abenddämmerung kam endlich die Lokomotive, koppelte den Wagen an und langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Welch ein erhebendes Gefühl, nach viereinhalb Jahren der Heimat, vielmehr der Freiheit entgegen zu fahren, alles Böse und Grauenhafte zurücklassend.

Mit Tränen in den Augen standen die abgehärteten Männer in den Türen und schauten der untergehenden Sonne nach, denn dorthin sollte sie der Zug bringen, dort lag das Ziel der jahrelangen Sehnsucht, dort war das Ende dieses schwere: [sic] Weges. Dort bei der untergehenden Sonne waren die Lieben, soweit sie noch am Leben waren.

Erst als Charkow und seine Vorstädte nach einer guten Stunde in der Dunkelheit der Blicken [sic] entschwunden war, kam einiges Leben in die Männer und leise Gespräche lösten das beglückende Schweigen.

„Heinz, wir fahren nach Hause. Wie ich mich freue! Du doch auch?" sagte Dr. Heinrich zu Siebert, der jedoch nicht zum Sprechen aufgelegt war, denn er saß in der Tür, die Füße aus dem Wagen hängend und ging seinen Gedanken nach, die alles andere als froh waren. Für ihn war diese Fahrt gerade das Gegenteil von dem, was sie für die Kameraden bedeutete. Sie fuhren der Heimat entgegen. Und er? Er ließ seine Heimat zurück, um für immer in die Fremde, ins Ungewisse zu fahren. Was wür- **[S. 161]** de ihm die Fremde geben? Jetzt da er der Heimat zum zweiten Male den Rücken kehrte, überfiel ihn die Sehnsucht nach seiner Mutter und seinen Geschwistern. Er kam ihnen nicht näher, denn jedes Klopfen der Räder brachte ihn weiter fort, immer weiter. Erst lange nach Mitternacht hatte er sich mit der traurigen Lage abgefunden, gezwungen durch die Erkenntnis, daß es für ihn ausgeschlossen war, jemals zu seiner lieben Mutter zu gelangen. Für ihn gab es in der Heimat, die er jetzt verlassen wollte, nur noch den sicheren Untergang.

Seine Heimat mußte in Zukunft dort sein, wo er seine Familie fand. Mit Gottes Hilfe würden sie sich wieder eine Existenz aufbauen. Wie und wo, das stand vorläufig noch bei den Sternen geschrieben, darauf [?] hatte er keinen Einfluß und beschäftigte sich auch weiter nicht mit dem Gedanken. Nur erst raus aus diesem Lande der ständigen Angst!

Warm umfing die Augustnacht ihn und Dr. Heinrich, der ebenfalls seinen Träumen nachging.

„Du schläfst doch nicht, Richard? Hörst du?"

„Was hast du, Heinz? Ob ich schlafe? Nein, ich dachte eben an meinen Jungen. Soll ein lieber Bengel sein. Meine Frau schrieb mir, er sei schon ganz groß und fragt immer nach seinem Vater. Ich kenne ihn garnicht, denn ich habe ihn nie gesehen. Er wurde erst geboren, als ich in der Gefangenschaft war. Das wird ein Erkennen. Wiedersehen kann man da doch nicht sagen, Heinz?"

„Du wirst ihn erkennen und ihr werdet euch sehr lieb haben, Richard. Welch ein großes Geschenk ist uns heute zuteil geworden! Wir fahren nach Hause! Kannst du das glauben? Ich nicht, obwohl ich spüre, daß ich im Wagen bin und die Räder auf den Schienen rollen. Ich weiß, daß wir zum Westen fahren, aber begreifen, nein, **[S. 162]** das kann ich nicht."

„Da geht es mir genau so wie dir, Heinz. Lange Jahre haben wir auf die Entlassung gewartet und da es jetzt so weit ist, glauben wir es nicht. Willst du mir einmal ins Ohr kneifen, damit ich feststellen kann, ob ich noch da bin und wirklich nach Hause fahre," bat der Doktor.

Siebert zwickte ihn gehörig ins Ohr.

„Au, Mensch, nicht so toll! Ich bin noch da!" rief Heinrich.

„Gut, wenn du wirklich da bist, sage mir doch, wann willst du denn anfangen zu glauben, daß du nach Hause fährst?" wandte sich Siebert an den Doktor.

„Auf der Fahrt wird mir das nicht passieren, denn ich könnte leicht enttäuscht werden, weil doch die MWD-Leutnants mit uns sind. Wenn ich erst in Baden-Baden bin und meine Frau und meinen großen Jungen in den Armen halte, will ich versuchen, zu glauben, daß ich zu Hause bin.

Die beiden Freunde saßen wieder schweigend da und schauten in die finstere Nacht, während die Räder auf den Schienen ihr monotones Lied klopften.

Obwohl Siebert genau wußte, daß es jetzt der Freiheit entgegen ging, war er immer noch nicht in der Lage, wie auch Dr. Heinrich, es mit seinem Verstande zu fassen. Wirklich nach Hause — Nein, das war nach so langer Zeit zu schön, um wahr zu sein.

Die Männer hatten tatsächlich alle Ursache, ihre Heimfahrt in Gefahr zu sehen, denn zwei MWD-Offiziere spionierten in jedem Wagen nach Männern, die sie zurück schicken konnten. Sieberts Angst stieg immer mehr, denn vielleicht [?] man auch nach der Abfahrt erst erfahren [?], wer er wirklich war. In so einem Falle würde **[S. 163]** man sofort telegraphieren. Noch in der ersten Nacht passierten sie Kiew. Erleichtert atmete Siebert auf, als der Zug Kiew [passiert hatte ?], denn falls man ihn zurückhalten würde, könnte ein Telegramm nur in Gomel vorliegen. Solche Gedanken beschäftigten ihn die ganze Nacht hindurch, doch er war fest entschlossen zu fliehen. Sollte man ihn suchen, so war er fest entschlossen zu fliehen [?]. Nur erst bis Gomel! Dort war der bekannte Schwarze Wald, den er noch als sowjetischer Soldat durchquerte. Der würde ihn auch jetzt wieder aufnehmen, denn jetzt noch in die Hände des MWD zu fallen, wäre zu entsetzlich gewesen. Falls in Gomel nichts geschah, so konnte er ruhig sein bis Brest-Litowsk, die letzte Stadt auf sowjetischem Boden. Auch dort konnte man entfliehen, weil es dort keine starke Bewachung mehr gab. Stets glaubte er die beiden MWD-Offiziere zu sehen, immer in dem Bestreben, ihn zu finden.

So saß Siebert noch immer in der Tür, als ein herrlicher Augustmorgen die weite ukrainische Steppe mit goldigem Licht überflutete.

Das erste Frühstück auf der Heimfahrt. Dann rollte der Zug, der ständig größer wurde, weil man auf fast allen Bahnhöfen Waggons mit Heimkehrern anhing, weiter nach Westen. Schon zählte der Transport über 1600 Mann. Viele waren es und doch nur so herzlich wenig, wenn man sie der Masse der Zurückgebliebenen gegenüberstellte.

Als der Zug nach dem Frühstück auf einem kleinen Bahnhof hielt, kam der Gefangene Möller zu Siebert mit der aufregenden Meldung:

„Heinz, komm doch mal her," flüsterte Möller Siebert zu.

„Leutnant Korobowski geht von Waggon zu Waggon und sucht nach politisch unzuverlässigen Leuten.

**[S. 164]** Du weißt ja selbst, daß wir mehrere Spitzel mit nach Hause nehmen. Denen kann es leicht passen noch eine Dummheit mehr zu begehen. Kannst du nicht helfen? Bringe doch den Leutnant auf ein anderes Thema."

„Gut, Möller, wollen sehen, was sich machen läßt," antwortete Siebert, ohne überhaupt einen Ausweg aus dieser Lage zu kennen, denn es würde nicht so leicht sein, den Leutnant auf andere Gedanken zu bringen. Korobowski war ein äußerst eifriger MWD-Offizier und es würde ihm bestimmt eine beachtenswerte Anerkennung einbringen, wenn er auf der Fahrt noch einen „Kriegsverbrecher" oder einen „fanatischen Faschisten" entdeckte und diesen wieder nach Charkow brachte.

Siebert begab sich sofort zum Propagandawaggon, wo er Dr. Heinrich und Hans Pietsch aufsuchte, denn sie kannte er als wirklich zuverlässig. Ihnen teilte er die Meldung Möllers mit. Fassungslos schauten sich die drei an. Dann aber glaubten sie einen Ausweg gefunden zu haben. Auf der nächsten Haltestelle nahmen sie ein Schachbrett, Domino und ein Lottospiel und begaben sich zum Waggon, in dem Korobowski reiste.

„Herr Leutnant," sprach Siebert den Offizier an, „Sie spielen doch Schach oder Domino, nicht wahr?"

„Selbstverständlich."

„Dann gestatten Sie uns, zu Ihnen hinein zu steigen, denn uns wird die Zeit lang."

„Klar, kommt nur herein, mir geht es genau so," sagte Korobowski vergnügt.

Jetzt spielten Korobowski und sein Kollege unentwegt bald Schach, bald Domino von morgens bis zum späten Abend mit erstaunlichem Ausdauer [sic], während die Gefangenen sich ablösten und immer neue Spieler suchten. Keiner ahnte, was mit dem dauernden Spiel be- **[S. 165]** zweckt wurde, aber es gelang, die Offiziere im Wagen zu halten, bis man in Brest-Litowsk ankam.

Am ersten September kam der Transport in Brest-Litowsk mit zweitausend Mann an. Hier mußte umgestiegen werden, weil die sowjetischen Geleise zu Ende waren. Alles wurde auf die normalspurigen Geleise verladen.

In Brest-Litowsk fand auch die letzte Untersuchung statt. Jedes Stück Papier, selbst Packpapier wurde abgenommen, denn die Gefangenen könnten vielleicht Spionagematerial mit sich führen. Diese Untersuchung lief ohne besondere Zwischenfälle ab. Um genau auf dem Laufenden zu sein, stellte Siebert sich dem Transportführer zur Verfügung und schlichtete alle Mißverständnisse, sofern welche vorkamen.

Gegen Abend, nachdem auf einem freien Platz eine große politische Kundgebung abgehalten war, auf der man den Gefangenen noch einmal einschärfte, bei ihren Berichten über die Sowjetunion in der Heimat der Wahrheit die Ehre zu geben, ging es bei geschlossenen Türen über die sowjetisch-polnische Grenze. Hier wurde der Zug von deutschem Zugpersonal übernommen und fort gings jetzt schon mit einer deutschen Lokomotive, geführt von deutschen Menschen, im schnelleren Tempo der Heimat zu.

Am zweiten September kam man in die deutschen Ostgebiete, die jetzt unter polnischer Verwaltung standen. Überall das gleiche Bild der Verwüstung und Öde. Ganze Ortschaften leer, keine Menschenseele war auf den Straßen zu sehen. Auf den Weiden weidete kein Vieh und die Felder waren vom Unkraut überwuchert, denn seit 1945 dachte kein Mensch daran, die Heimstätten der vertriebenen Deutschen zu bewohnen und selbige in Ord- **[S. 166]** nung zu halten.

Wie ausgestorben lagen die Häuser da. Über riesige Gebiete, auf denen einst schöpferisches Leben herrschte, sang der Wind ein Sterbelied, das von dem ungeheuren Unrecht, welches die Sieger in Potsdam zur Welt brachten, zeugte. Solche Zustände herrschten bis an die Oder, wo man die deutsche Ostgrenze erreicht hatte.

Polnische Grenzschutzbeamte traten an den Zug: „Türen schließen. Es geht über die Grenze", befahlen sie. Die großen Schiebetüren rollten zu und schwere Riegel wurden von außen vorgeschoben.

Laut pfiff die Lokomotive und setzte mit aller Kraft an. Langsam schleppte sie die vielen Waggons über die Oderbrücke, um bald wieder zu halten. Die Riegel rasselten und die Türen fielen zurück.

„Männer, ihr seid zu Hause! Ihr seid auf deutschem Boden! Seid uns willkommen. Lange haben wir auf euch gewartet," riefen die deutschen Eisenbahner in die Wagen. Welch eine Begrüßung! Alle stürzten aus den Waggons auf die Eisenbahner zu! Erst als der Zug hin und herrückte, stiegen die Männer wieder ein. Der Jubel wollte kein Ende nehmen. Aber nach kurzer Zeit kam eine kalte Ernüchterung über die Männer, als sie bettelnde Frauen und Kinder sahen. Auch eine Begrüßung!

„Das ist Deutschland? So weit gesunken? Bis an den Bettelstab hat man unser Volk gebracht?"

Hier zeigten sich die wahren Verhältnisse in der sowjetischen Besatzungszone.

Die Russen hatten den Gefangenen genügend Brot für die Fahrt mitgegeben, das aber vor Aufregung nicht angerührt worden war, so daß man jetzt reichlich an die Bevölkerung austeilen konnte. Wie freuten sich die hungrigen Kinder zu dem Stück Schwarzbrot! Sie kannten **[S. 167]** seinen Wert.

Stillschweigend ging die Fahrt bis zum Bahnhof in Frankfurt an der Oder, wo sofort ausgestiegen wurde und die lange Kolonne wälzte sich durch die Straßen der Stadt zum sowjetischen Entlassungslager, in dem die Gefangenen von den deutschen Behörden übernommen werden sollten.

Bevor die Gefangenen übergeben wurden, mußten sie Entlassungsscheine bekommen, die allerdings erst angefertigt werden mußten. Zu diesem Zweck versammelte man alle, die der russischen Sprache mächtig waren, und die Ausfertigung der Scheine begann.

Zum letzten Mal nahm Siebert eine Vorsichtsmaßnahme vor, indem er sich seinen Entlassungsschein zuerst ausschrieb und ihn tief in die Tasche versenkte, denn im Notfalle würde er mit dem Wisch, der ihm und seinen Kameraden den Weg in die Freiheit bahnte, auch ohne Dienstsiegel durchkommen.

Ohne Schwierigkeiten kam man ins deutsche Lager Gronenfelde, wo die Gefangenen gleich am Tor von Vertretern der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) empfangen wurden.

„Kameraden, wir begrüßen euch auf's wärmste in der Heimat. Wir freuen uns, daß ihr da seid und hoffen durch euch eine kräftige Unterstützung in unserem Kampfe für ein einheitliches Deutschland erhalten zu haben. Helft uns den Sozialismus in der Heimat errichten. Gebraucht wird jeder."

Keiner der Gefangenen hörte auf den Mann, der seine Rede mit heiserer Stimme in die Masse schrie.

Nur weiter, nur nach Hause — war der einzige Wunsch aller.

Hier wurden die russischen Entlassungsscheine ein- **[S. 168]** gezogen, um eine eventuelle Flucht zu unterbinden.

Jeder erhielt fünfzig Deutsche Ostmark ausgehändigt, welche aber sofort verausgabt werden mußten, denn Ostmark durften nicht in die Westzonen mitgenommen werden.

Freudigen Herzens vernahm jeder die Kunde von der Möglichkeit, den Angehörigen telegraphisch das Eintreffen mitzuteilen. Als einer der ersten war Siebert auf dem Postamt und gab ein Telegramm an Ella auf:

„Grüße herzlich. Heinz. Frankfurt an der Oder."

Wie lange hatte Ella auf diese Nachricht warten müssen!

Gott hatte sie nicht verlassen. Nur noch eine kleine Strecke trennte sie von einander. Wie wunderbar hatte er sie bisher geführt!

Endlich, nach einer durchwachten Nacht im überfüllten Lager wurden die Transporte für die Westzonen abgefertigt. Nach langen Jahren trennten sich die Männer von einander, verteilten sich über ganz Deutschland, um sich vielleicht nie wieder zu sehen.

Siebert fuhr mit noch etwa 350 Mann in die englische Zone. Der Transport wurde bis nach Heiligenstadt an der Zonengrenze geleitet und für eine Nacht dort untergebracht. Am anderen Morgen sollte es über die Grenze gehen, an dem letzten sowjetischen Schlagbaum vorbei in die Freiheit. Die ganze Nacht wanderten die Männer auf dem Hofe umher, der Schlaf wollte ihnen nicht kommen, denn eine unsagbare Unruhe hatte alle befallen, die sich mit jeder Minute steigerte. Sollte es wirklich wahr sein, endlich nicht mehr Gefangener zu sein? Ob man wirklich keine Angst mehr haben braucht vor all den Dingen, die in den vielen Jahren die Gemüter peitschten und die Nerven bis zum äußersten spannten?

**[S. 169]** Wie langsam verstreicht die Zeit doch, wenn man auf etwas wartet? Wie zum Trotz scheinen die Zeiger der Uhr auf der Stelle zu stehen.

„Sechs Uhr! Aufstehen! Entlassungsscheine empfangen!" ruft der SED-Mann über den Hof. Einzeln empfangen die Männer die Scheine und treten vor dem Hofausgang an.

„So, meine Herren, wir sind fertig und können gehen", sagte der Mann von der Treppe herunter.

„Was heißt fertig? Wir haben unsere Scheine nicht erhalten!" rufen sechzig Männer wie aus einer Kehle, unter denen sich auch Siebert befand.

Der SED-Funktionär stand wie verdattert da und rang die Hände:

„Aber so etwas ist mir noch nicht passiert, meine Herren, denn ich habe alle Entlassungsscheine, die ich hatte, ausgeteilt. Hier ist ein Mißverständnis entstanden, denn eure Scheine sind wahrscheinlich in Frankfurt zurückgeblieben. Nehmt es nicht so tragisch, ihr könnt morgen über die Grenze gehen. Die anderen: Marsch!"

Die angetretenen Mannschaften marschierten der nahen Zonengrenze entgegen, während das kleine Häuflein in Heiligenstadt zurückbleiben mußte.

Die Gefangenen verließen das Dienstzimmer des SED-Mannes nicht früher, bis er telefonisch festgestellt hatte, daß die Entlassungsscheine, ohne die man die Zonengrenze nicht passieren konnte, in Frankfurt lagen und mit dem nächsten Transport am kommenden Tage nachgeschickt werden sollten.

Nachdem die Männer diese Auskunft erhalten hatten, gingen sie einzeln und in Gruppen die Stadt besichtigen, wobei auch dieser Tag herumgebracht wurde.

Als am anderen Morgen der nächste Transport ein- **[S. 170]** traf, waren die Entlassungsscheine tatsächlich da und jetzt durften die sechzig wartenden Männer zur Zonengrenze marschieren, die etwa zwanzig Minuten von der Stadt entfernt war.

„Seht ihr den Schlagbaum? Dort müssen wir durch!" riefen die Männer vor Begeisterung. „Dort sind wir zu Hause und ganz frei!"

Schließlich stand man vor dem Schlagbaum. Auf der östlichen Seite war die Wachstube der Russen, auf der anderen Seite hatten die Engländer ihre Posten aufgezogen. Beim Vorbeigehen zeigten die Männer ihre Scheine vor und kehrten den Russen die Rücken zu. Nur noch einige Schritte und dann war man drüben. Jetzt gab es kein Zurück mehr, jetzt war alles vorbei.

Die böse dreinschauenden Russen mußten tatenlos zusehen, wie die Männer die verhaßten Russenmützen in die Luft warfen und sie nicht wieder aufhoben. Ein ganzer Berg von diesen Mützen hatte sich hier aufgetürmt.

Krankenschwestern, Vertreter der Geistlichkeit und der Behörden empfingen die Heimkehrer mit herzlichen Worten, selbst ein kräftiges Essen fehlte nicht. Direkt vor dem Schlagbaum wurde gegessen.

Ein unbeschreibbares Gefühl, so dicht bei den Russen zu sein und zu wissen, daß sie nichts mehr anstellen können! Herrlich!

Während die Gefangenen noch aßen, rollten große Omnibusse heran, um die Gefangenen in das englische Entlassungslager Friedland zu bringen. Den Männern ging es nicht schnell genug, bis sich die Kolonne in Bewegung setzte: nur nach Hause, so schnell wie möglich.

Friedland, ein Lager aus vielen, vielen Wellblechbaracken bestehend, nahm die Ungeduldigen auf. Eine große **[S. 171]** Registratur aller Heimkehrer war hier im Gange. Die sowjetischen Entlassungsscheine wurden eingezogen und an ihre Stelle sollten englische ausgegeben werden, wozu jeder seine Personalien anzugeben hatte.

Siebert stellte sich in die lange Schlange der Wartenden. Der Beamte fragte ihn ganz freundlich nach seinem Namen.

„Und wo sind Sie geboren?"

Was? Auch hier wieder diese böse oft gestellte Frage. Wieder lügen? Nein, nur nicht mehr lügen! Hier darf man die Wahrheit sagen. Kurz entschlossen nannte er seinen Geburtsort.

„Menschenskind, Sie wollen in Rußland geboren sein? Und dann sind Sie entlassen worden? Ein seltener Fall. Ich gratuliere herzlich." Der Beamte schrieb alles auf den Schein.

„So und nun warten Sie, bis der Offizier vom englischen Sicherheitsdienst die Entlassungsscheine unterschrieben hat und dann können Sie fahren."

„Danke." Siebert lief zum Telegraphenamt, um Ella von seiner Ankunft in der englischen Zone zu benachrichtigen.

— Bin in Friedland, komme übermorgen. —

Aber so schnell sollte Siebert seinen Entlassungsschein nicht bekommen. Alle Kameraden hielten die herrlichsten aller Scheine schon strahlend in den Händen, nur Siebert wartete immer noch auf seinen Passierschein in die Freiheit.

„Heinz Siebert, kommen Sie sofort zum Sicherheitsoffizier," rief man über den Hof.

„Der Heimkehrer Heinz Siebert meldet sich zur Stelle."

„Fein, nehmen Sie Platz," befahl ein junger eng- **[S. 172]** lischer Offizier in tadellosem Deutsch und setzte sich selbst hinter den großen Tisch.

„Sie sind in Rußland geboren?"

„Ja."

„Wie kommen Sie in so einem Falle nach hier?"

Siebert erklärte ihm die Geschichte, worauf er gehen durfte. Eine halbe Stunde verging, ehe man ihn wieder rief.

„Sagen Sie, bitte, welchen Auftrag haben Sie vom sowjetischen Sicherheitsdienst? Daß Sie nur mit einem solchen Auftrag herübergekommen sind, bezweifeln wir nicht, denn sonst hätte der Russe Sie nie entlassen", sagte derselbe Offizier.

Siebert traute seinen Ohren nicht: wo er glaubte endlich frei zu sein, wurde er als sowjetischer Spion verdächtigt. Entrüstet erhob er sich:

„Mein Herr, auf diese üble Verdächtigung habe ich leider nicht gerechnet, sonst wäre ich auf keinen Fall so früh mit der Wahrheit herausgeplatzt. Nur weil ich nicht mehr lügen wollte, wie ich es Jahre hindurch gezwungen war zu tun, sagte ich die Wahrheit und wie sie sehen, habe ich mich ins eigene Fleisch geschnitten. Glauben Sie etwa, ein sowjetischer Spion würde zu Ihnen kommen und sich beim Sicherheitsdienst anmelden? Halten Sie die Russen denn für so verrückt? Ich will zu meiner Familie, sonst nichts, weshalb ich dringend um meinen Entlassungsschein bitte."

Erstaunt blickte der Offizier Siebert an:

„Beruhigen Sie sich, denn wir, ich und der Major, können nicht glauben, daß der Russe Sie ohne besonderen Grund entlassen hat. Ich will mit dem Major über Ihre Person sprechen. Warten Sie, bitte, draußen vor der Tür."

**[S. 173]** Wieder saß Siebert eine gute halbe Stunde und wartete auf die Entscheidung des Majors. Die vielen Kameraden waren bereits in die Baracken gegangen, um endlich auszuruhen, denn die Züge der Heimkehrer gingen erst am Morgen.

Als Siebert wieder ins Zimmer gerufen wurde, sah er seinen Entlassungsschein bereits unterzeichnet auf dem Tische liegen, nur zu seinem Bedauern mit dem Hinweis „Zur besonderen Beobachtung" versehen.

„Hier haben Sie Ihren Entlassungsschein. Wir hoffen, Sie haben den festen Vorsatz, uns nicht zu schädigen. Im widrigen Falle könnte es Ihnen an den Kragen gehen", sagte der Offizier, während er Siebert den Entlassungsschein aushändigte.

Soll es hier wieder von vorne beginnen, dieses ewige Hin und Her? So fragte Siebert, als er seiner Baracke zuging. Noch hatte er seine Unterkunft nicht erreicht, als die Glocken des Lagers die Heimkehrer zum Dankgottesdienst in die Lagerkapelle riefen, worauf sich Siebert ohne in die Baracke zu gehen, begab, denn er hatte wahrlich allen Grund, Gott für seine große Gnade und seinen Beistand zu danken.

Die Lagerkirche war bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Einmütig und innig klang das Lied „Nun danket alle Gott". Danken wollte jeder, auch die, die es erst in den harten Jahren der Gefangenschaft erfahren hatten, daß es einen allmächtigen und gnädigen Gott gibt. Über den guten Willen zum Danken bestanden fürwahr keine Zweifel, nur war man sich seiner Kräfte zum Dankbarbleiben nicht ganz gewiß und darum faltete mancher die Hände mit der großen Bitte an Gott:

„Erhalte mich immer so dankbar wie jetzt."

Nach dem Gottesdienst begaben sich die meisten in **[S. 174]** ihre Betten, um sich vor der Fahrt noch etwas auszuruhen, denn in den Morgenstunden des 6. Septembers sollten die Züge in alle Richtungen Westdeutschlands gehen.

Der Zug kam langsam ins Rollen. Wie gemütlich war es hier, denn jetzt saßen die Männer, die keine Gefangene mehr waren, nicht mehr in Güterwagen wie in Rußland und in der Ostzone Deutschlands, sondern sie reisten wie alle übrigen Menschen in richtigen Personenzügen. Köstliches Empfinden, wieder ein gleichberechtigtes Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein!

Die Ankunft des Sonderzuges mit den Heimkehrern war bereits am Vortage überall bekanntgegeben worden, so daß auf jedem Bahnhof den Männern ein guter Empfang vorbereitet war.

Alle, die zum Bahnhof gekommen waren, freuten sich, daß wieder eine große Anzahl von Männern in die Heimat zurückkehren durfte. Suchend und fragend gingen Frauen und Mütter von Waggon zu Waggon, aber nur selten entdeckten die Suchenden ihren Mann oder Sohn: sie waren entweder noch nicht an der Reihe oder würden nie wiederkehren. Hoffnungslos standen die Armen auf dem Bahnsteig und schauten den abfahrenden Zuge [sic] nach. Vielleicht kommt er morgen oder übermorgen, denn Mütter glauben selten, daß ihr Sohn nicht wiederkehrt. Wie könnte die Mutterliebe Raum für so einen Gedanken haben?!

Kaum war man eine Stunde gefahren, als die ersten ausstiegen — sie waren zu Hause. Jetzt konnte man auf jedem Bahnhof die rührendsten Wiedersehensszenen sehen, wobei vielen bange wurde, denn viele der Lieben waren nicht mehr da. Ferner die bange Frage: Sind die Lieben, bin ich selbst während der langen Trennung **[S. 175–176]** derselbe geblieben? Wie lange wird es dauern, bis man sich wieder zusammengelebt hat, denn ein Auseinanderleben der Geschwister und noch viel mehr der Ehegatten konnte unter solchen Umständen nicht ausbleiben.

*[Nachtrag Juli 2026: Der Text der S. 175–176, deren Blatt aus dem Familienexemplar herausgefallen war, wurde nachgetragen. Die genaue Lage des Seitenwechsels zwischen S. 175 und S. 176 ist in der Vorlage nicht ersichtlich; die Seitenmarke ist daher zusammengefaßt gesetzt.]*

Am frühen Nachmittag lief der Zug in den Bahnhof von Hamm ein.

„Eine halbe Stunde Aufenthalt!" rief der Zugführer. Schnell lief Siebert wieder zur Post, um Ella von seiner heutigen Ankunft zu verständigen, denn sie mußte ja ihn auf Grund seines Telegramms von Friedland erst morgen erwarten.

Viele der Kameraden stiegen aus, so daß der Zug leer der nahenden Westgrenze entgegenlief.

Der nächste Bahnhof war der von Ahaus — das Endziel Sieberts.

Wenn er während der ganzen Fahrt aufgeregt zum Fenster hinausgesehen [?] hatte, so wurde er bei dem Gedanken, daß er nun in kurzer Zeit bei Ella und Lilli sein würde, ganz ruhig. Er konnte einfach nicht begreifen, daß er nun zu Hause sein sollte. Die lange Trennung hatte das Ihrige getan, um den Begriff „zu Hause" gehörig abzustumpfen.

Wie würde er Ella begegnen? Und Lilli? Ob sie ihn überhaupt als Vater annehmen wird? Als er sie zum letzten Mal sah, war sie drei Wochen alt. Und jetzt? Fünf Jahre war sie jetzt schon alt. Wie groß mag sie *[Satz bricht in der Vorlage ab; vermutlich fehlen hier einige Zeilen, darunter die Ankunft in Ahaus — gegen das Original prüfen]* Langsam schritt er zum Auskunftsschalter, um sich nach dem Wege zur „Heimat" zu erkundigen.

„Sie wollen nach Vreden? Da benützen Sie den Autobus, der jeden Augenblick abfahren muß. In einer Stunde sind Sie dort." Siebert kam gerade zur rechten Zeit, denn kaum hatte er den Wagen bestiegen, als sich dieser in Bewegung setzte und in eine von beiden Seiten von hohen Bäumen eingefaßte Straße einbog. Er hatte in dem fast leeren Wagen hinten am Fenster Platz genommen und beobachtete, in Träumen vom nahen Wiedersehen mit Frau und Tochter versunken, die schöne Landschaft Westfalens. Jeder Augenblick brachte ihn der Heimat näher, die er erst erreichen sollte, nachdem ganz Deutschland durchquert war, denn Vreden lag ganz unmittelbar an der holländischen Grenze. Plötzlich sah Siebert vorne an einem Schild die Aufschrift „Vreden".

Zu Hause! Endlich am Ziel.

Schon taucht der Marktplatz auf, wo die Haltestelle des Autobusses sein mußte. Ganz langsam schiebt sich der große Wagen durch die enge Straße auf den Platz. Dort sieht Siebert auch schon eine Frau mit einem Mädchen, das seine Mutter mit der einen Hand hält und mit der anderen einen großen Strauß Rosen hochhebt. Die Augen der Frau suchen die Fenster des Fahrzeuges ab. Das Kind redet immer heftiger auf die Mutter ein.

Jetzt ist der Wagen den beiden gegenüber und Siebert erkennt seine Frau. Ella! Das Kind an ihrer Hand kann nur Lilli, seine Tochter sein.

Sie sind beide ganz nahe an den Wagen getreten, als Siebert diesen verlassen will.

„Heinz, du bist da! Lilli, das ist Papa!"

„Endlich ist es Wirklichkeit geworden. Ich habe euch wieder."

„Komm, Heinz, dort wartet auf uns ein Wagen," sagte Ella unter Tränen nach der ersten Begrüßung. Willig ließ Lilli sich vom Vater auf den Arm nehmen. Eng schmiegte sie sich an ihn, jedoch ohne ein einziges Wort zu sagen.

Ein fremder Mann öffnete den Wagenschlag und Siebert stieg mit seinen Lieben ein. Keiner vermochte ein Wort zu sprechen, denn die glücklichen Menschen waren zu tief von der übergroßen Freude bewegt, als daß sie in der Lage gewesen wären, auch nur ein Wörtchen [hervorzubringen ?]. Das große Schweigen war der reinste Ausdruck der Glückseligkeit, weil Worte doch nie vermocht hätten, die wahren Gefühle ihrer Seelen auszudrücken.

„Ella, willst du mir jetzt sagen, wohin wir fahren?"

„Nach Hause, Heinz, in das große Glück, wo du immer bei uns bleiben mußt, immer."

„Mama, will Papa schon wieder fort? Er soll bei uns bleiben," meldete sich Lilli, die die Frage und Antwort nicht recht verstanden [hatte ?].

„Hab keine Sorge, kleiner Liebling, ich bleibe jetzt bei euch. Hast du mich denn überhaupt lieb?" Lilli legte beide Ärmchen um Sieberts Hals und schmiegte sich noch enger an ihn, ohne weiter auf seine Frage [einzugehen ?].

„Heinz, du wirst dich bei uns auch wohl fühlen, denn wir wohnen seit drei Jahren bei sehr netten Leuten, die wirklich gut sind, denn sie haben uns geholfen, wo sie nur eben konnten. Und wie lieb sie uns haben! Wir leben hier wie zu Hause. Wie gut, daß wir damals bis hier flüchteten. Gott vergelte ihnen ihre Güte, denn wir werden's nie können. Weißt du, Papa und Mama Hubbeling freuten sich schon so sehr auf deine Heimkehr. Und die Jungens, du wirst sie liebhaben, ich weiß es sicher. Aber was rede ich denn da so lange. Verzeih, Heinz, ich freue mich so riesig, daß du da bist. Jetzt brauchen wir nicht mehr Angst um dich haben. Aber dort ist ja schon der Hof, auf dem wir wohnen. Sieh, die ganze Familie erwartet uns. Schade, daß meine Eltern nicht da sind. Sie warten auf die Nachricht von deiner Heimkehr in Kanada, wohin sie vor einem guten Jahr auswanderten, nur ich und Lilli, die so groß und brav ist, blieben hier, um auf dich zu warten. Wir zwei haben dich so lieb."

Der Wagen hielt vor der Haustür. Siebert hob seine Lieben aus dem Wagen und schon kam Papa Hubbeling, auf dem Stock gestützt; mit Tränen in den Augen nahm er Lilli auf den Arm und begrüßte den Fremden, den er allerdings aus den Erzählungen Ellas längst kannte. Dann wandte er sich an Lilli:

„Jetzt hast auch du wieder einen Papa, liebes Kind. Du wirst mich doch aber nicht ganz vergessen."

Herzlich und aufrichtig war das Willkommen der Söhne Hubbeling. Nein, diese Menschen konnten nur gut sein, war Sieberts Eindruck, als er den Männern die Hand reichte.

Ella führte Siebert in ihr Zimmer und nun begann ein großes Erzählen aus den Zeiten der Trennung, aus Zeiten der Not und der Sehnsucht.

Lilli hatte sich zwischen den Eltern ein Plätzchen verschafft, beide mit ihren kleinen Ärmchen umfaßt und lauschte, von Zeit zu Zeit schüchtern ein Wort an ihre Mutter richtend, denn zum Vater zu reden, getraute sie sich noch nicht. Er war ihr etwas zu neu in ihrer Umgebung. Während die Mutter von den durchlebten Strapazen auf der Flucht aus dem Warthegau nach Westdeutschland und von der Not nach dem Zusammenbruch Deutschlands erzählte, neigte sich Lillis Köpfchen immer mehr zur Seite und fiel schließlich schlaff in der Mutter Schoß.

Behutsam nahm Siebert sie auf den Arm, um sie **[S. 177 — Schlußseite, ohne sichtbare Seitenzahl]** schlafend in ihr Bett zu tragen. Dieses gelang ihm nicht, denn ganz groß öffneten sich die Augen des Kindes und schauten ihn strahlend an:

„Papa!" das erste Wort, das sein Kind zu ihm sagte, brach alles Fremde zwischen Vater und Kind.

Als Ella die Kleine zu Bett legen wollte und sie daran erinnerte, ihr Nachtgebet zu beten, faltete das Kind die Hände und betete das übliche Gebet mit dem Schluß:

„Lieber Heiland und dann bitte ich dich, schicke uns den lieben Vater recht bald gesund nach Hause. Amen." ohne daran zu denken, daß der Heiland ihre Bitte heute in Erfüllung gehen ließ.

„Du liebes Kind, nun brauchen wir den Heiland nicht mehr darum zu bitten, den Vater zu schicken. Er hat unser Gebet, deines und meines und des Vaters erhört. Papa ist ja bei uns und bleibt immer hier. Hör her, Lilli, ab heute betest du doch lieber so:

„Lieber Heiland, ich danke dir, daß du uns unseren lieben Vater nach Hause geschickt hast."

Dann schlief das Kind in Ruhe und Frieden, wie nur Kinder zu schlafen vermögen.

„Ella, erst jetzt glaube ich, daß ich bei euch bin, was ich bis jetzt nicht fassen konnte. Laß uns Gott für dieses große Glück, das uns aus Gnade von Gott beschert wurde, stets danken und immer den Herrn im Himmel bitten, uns stets dankbar und zufrieden zu erhalten, denn Er, und nur Er, schenkte uns das Wiedersehen aus Gnade."

**Ende**

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# Anhang: Provenienznotizen

Handschriftliche Einträge und Vermerke, die auf dem physischen Exemplar des Ersten Teiles gefunden wurden (Vortitelblatt):

*Vorderes Vortitelblatt:*
- „N. 17" · „Jacob Warkentin, Marquette Man. 1951" · Preisvermerk „3.50 [?]"

*Rückwärtiges Vortitelblatt / Schlußseite:*
- „N. XVII" (durchgestrichen), darunter „N. 18"
- Am rechten Rand (vertikal): „Jacob Warkentin, Marquette Manitoba 1951"
- Oben rechts: Preisvermerk „3.– [?]"



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