Karl Fast · Canzona Publishing, Winnipeg · 1989

„Laß dir an meiner Gnade genügen“

Die vollständige Gesamtausgabe — die Geschichte von Mutter Siebert und ihrer Familie · alle fünf Teile in einem Band

Downloads

Für den persönlichen und familiären Gebrauch. Die Markdown-Datei ist die Quellfassung; die Word-Datei eignet sich zum Drucken und Weitergeben.

Zu dieser Transkription

Laß dir an meiner Gnade genügen

Karl Fast

Canzona Publishing · Winnipeg, Manitoba · 1989 · ISBN 0-929130-01-4 · Band zwei der Reihe (Band eins: Gebt der Wahrheit die Ehre)


Anmerkung zur Transkription

Digitale Transkription der Gesamtausgabe (v13), erstellt nach dem Familienexemplar und in mehreren Neufoto-Runden Wort für Wort geprüft. Die Bearbeitungs- und Prüfnotizen am Ende des Bandes dokumentieren alle Korrekturläufe.

Konventionen:

  • Seitenmarkierungen: [S. x] entsprechen der durchgehenden Paginierung des Originals (iv–138).
  • [?] kennzeichnet unsichere Lesungen der Vorlage; sie werden in weiteren Prüfrunden aufgelöst.
  • [sic] kennzeichnet Druckfehler und zeittypische Schreibungen der Vorlage — sie bleiben unverändert erhalten.
  • Eigennamen wie gedruckt; Bildunterschriften kursiv; Fotografien sind an ihrer Stelle als redaktionelle Notizen vermerkt.

Inhaltsverzeichnis

Titelei
  1. Anerkennung
  2. Vorwort zur ersten Auflage
  3. Geleitwort zur ersten Auflage
Erster Teil: 22. Juni 1941
  1. Die Ruhe vor dem Sturm
  2. Achtung!
  3. Die Pflicht der Mutter
  4. Der Krieg ergreift alle
  5. Der Sündenbock
Zweiter Teil: Die Trudarmee
  1. Der Stellungsbefehl
  2. Das muß doch ein Irrtum sein!
  3. Hinab in den Stollen
  4. Die Brüder treffen sich
  5. Das bittere Los
  6. Mutter Siebert nimmt Abschied
  7. Orsk
  8. Verzagt und verzweifelt
  9. Mutter Siebert vor dem Volksgericht
  10. Als Sträfling in Orsk
  11. Gerhard verschwindet
Dritter Teil: Der Krieg ist zu Ende
  1. Stalins Rache
  2. Hans kommt zurück
  3. Mutter Siebert kommt nach Hause
  4. Peter meldet sich wieder
  5. Erinnerungen
  6. Der Glaube wird zerstört
  7. Mutter Siebert heiratet
  8. Die Auswanderung
  9.  — Ein letzter Versuch
  10.  — Auch in Kanada gab es Schwierigkeiten
  11.  — „Mein Sohn lebt!“
Vierter Teil: Heinz Siebert
  1. Wohin führt der Weg nach Hause?
  2. Der große Rückzug
  3. Die Flucht geht weiter
  4. Betrogen
  5. Vreden
  6. Heinz ist in Rußland
  7. Das große Wiedersehen
  8. Einem unbekannten Schicksal entgegen
Fünfter Teil: Mutter Sieberts Leidensweg
  1. Die erste Post von Mutter
  2. Die Trennung
  3. Die Mutter singt
  4. Die Sorge blieb
  5. Die Bilanz
  6. Sie lebte in der Gnade
  7. Nachwort
  8. [Rückumschlag — Autorenbiografie]
Bearbeitungs- und Prüfnotizen
  1. Bearbeitungsnotizen (Rob)
  2. Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (zweite Runde)
  3. Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (dritte Runde — Originalgrößen)
  4. Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (vierte Runde — S. 93 und S. 85 in Originalgröße)
  5. Nachprüfung Juli 2026 (Reshoot-Runde: S. 100–106)
  6. Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (fünfte Runde — S. 35)
  7. Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (Runde: S. 57, 74, 77, 78, 83, 98, 115, 119, 135, 138)
  8. Korrekturrunde, 10. Juli 2026 (S. 32, 42, 60, 71, 72, 81, 82, 86 — vom Nutzer direkt übermittelte Lesungen)
  9. Korrekturrunde 2, 10. Juli 2026 (S. 60, 71, 86, 95, 113, 117, 133 — vom Nutzer direkt übermittelte Lesungen)

Titelei

Titelbild · Widmung · Vorwort · Geleitwort · 1989

S. iv

Copyright 1989, CANZONA PUBLISHING Winnipeg, Manitoba R2G 1L1

All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted, in any form, or by any means, electronic, mechanical, photo-copying, recording or otherwise, without the prior permission of CANZONA PUBLISHING.

ISBN: 0-929130-01-4

Printed in Canada

Number one in series: Gebt der Wahrheit die Ehre Number two in series: Laß dir an meiner Gnade genügen

Design/Layout by G. Loewen Media Services, typography by Heidi Harms, printing by Christian Press

Titelbild: Katharina Fast, Mutter des Verfassers. Katharina Fast, geborene Klassen, wurde in Neu-Chortitza, Ukraine, geboren. Mit ihren Eltern zog sie zu Beginn dieses Jahrhunderts in die Orenburger Ansiedlung. Sie besuchte die Schule in Dobrowka. Ihr Ziel, in den Missionsdienst zu gehen, hat sie nicht erreicht. Ihr Mann starb schon 1933 und sie blieb mit ihren fünf Kindern allein. Den größten Teil ihres Lebens opferte sie der Sorge um ihre Kinder. Ihr Leben war für ihre Lieben ein Beispiel in der Geduld und Aufopferung für ihre Familie und ein Segen für die, denen sie begegnete.

Photo: 1960

S. v

Gewidmet meiner lieben Mutter Katharina Fast, geb. Klassen, meiner Frau Grete und unserer Tochter Hilde.

„Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

2. Korinther 12,9

„Die heiligste Träne, die da rinnt, ist, Wenn eine Mutter betet für ihr Kind."

Adalbert Stifter

S. vi

Anerkennung

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Dr. Peter Letkemann und Dr. Georg Epp für die wertvollen Redaktionsvorschläge bedanken.

S. vii

Vorwort zur ersten Auflage

Als ich in den Jahren 1950, 1951, 1952 das Buch Gebt der Wahrheit die Ehre schrieb, erfüllte ich damit einen dringenden Wunsch meiner Leidensgefährten aus den Jahren der Kriegsgefangenschaft. Viele jener Gefangenen, Männer und auch Frauen, kamen nie wieder in die Freiheit zurück, von einer Rückkehr in die Heimat schon gar nicht zu sprechen. Ihrem Gedenken sollte Gebt der Wahrheit die Ehre ein Denkmal setzen.

Eine andere Gruppe der Deutschen, die in besonderer Weise zu leiden hatte, waren die Rußlanddeutschen, etwa zwei Millionen — ein großes, stummes Heer, das man leiden ließ, weil jemand meinte, zu wenig Raum und zu viel Recht zu haben und weil andere der Auffassung waren, die Pflicht zu haben, ein ungeheures Unrecht an diesen Armen zu rächen.

Es ist schwierig, ja fast unmöglich, die vielen Erlebnisse und Erfahrungen der Rußlanddeutschen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts völlig zu erfassen und zu beschreiben. Aus diesem Grunde habe ich versucht, das Schicksal einer mennonitischen Familie aus der Orenburger Ansiedlung zu schildern. Sie, die Mennoniten bei Orenburg, sind ein gutes Beispiel des Erlebens der Rußlanddeutschen aus der erbarmungslosen Zeit jener Tage.

Meine liebe Mutter, im Buch "Mutter Siebert" genannt, durchlebte die Zeit ganz intensiv. Sie lernte in der Schule Gottes und erkannte ihre Abhängigkeit von der Gnade ihres Meisters.

Meine Mutter schrieb in den elf Jahren unseres Briefverkehrs 276 Briefe. Diese Korrespondenz diente als Informationsquelle unüberschätzbarsten Wertes. Die Briefe zeugen von Schwäche und Kraft, von Verzagtheit und Mut, von Vertrauen und Glauben an Gottes Güte. Vor allem atmen diese Briefe die Liebe aus, die nur ein Mutterherz geben kann. Daher ist dieses Buch, das von dem Schicksal meiner Familie und besonders meiner Mutter erzählt, meiner Mutter gewidmet. Möge es ihr zur Ehre geschrieben sein!

Der Verfasser

Winnipeg, Manitoba 26. August 1989

S. x

Geleitwort zur ersten Auflage

In der tragikgeladenen Geschichte unseres Jahrhunderts waren es immer wieder die Mütter, denen das Schicksal die schwerste Last aufbürdete. Man denke nur an das „Denkmal der Mütter" in Straßbourg — eine Mutter hält ihre toten Söhne, die der Wahn dieses Jahrhunderts ins Verderben jagte, in den Armen. Ich denke auch an Kornelius Epps Gemälde, „Mutter" — die Last eines Jahrhunderts ist in die Züge dieser Frau gegraben. Und man muß auch das „Denkmal der Flüchtlingsmutter" vor der großen Mennonitenkirche in Bielefeld gesehen haben. Mütter mußten immer stark sein . . .

Denkmäler sprechen Bände. Sie mahnen zur Besinnung. Der Autor dieses Buches wurde von solchem Besinnen bewogen, zur Feder zu greifen, um seiner Mutter ein Denkmal durchs Wort zu schaffen. Seine Feder zeichnet das Schicksal einer deutschen Mutter in der Sowjetunion während der Stalinzeit.

Das Buch müßte volkstümlich werden, denn diese Mutter ging den Weg Tausender Mütter — Tausende werden in dieser Mutter die Seele ihrer eigenen Mutter erkennen. Wenn uns die einfache und doch erschütternde Wahrheit dieser Geschichte etwas aufrüttelt und zum Nachdenken führt, dann hat diese Erzählung ihren Zweck erfüllt.

Dr. Georg K. Epp Menno Simons College University of Winnipeg


Erster Teil: 22. Juni 1941

Der Krieg erreicht die Orenburger Ansiedlung

S. 1

Die Ruhe vor dem Sturm

Heiß brannte die sommerliche Sonne auf die noch grünen Berge und Täler des Uralgebirges und auf die ausgedehnten Ebenen, die sich wie große Terrassen vom Norden nach dem Süden erstreckten. Die Felder der vielen Kollektivfarmen waren nun alle bestellt und Mensch und Vieh, abhängig von den Erträgen der Erde, hofften auf eine gute Ernte, die ihnen dann die Versorgung mit Brot und allen anderen Mitteln durch den langen kontinentalen Winter sichern würde. Das war wichtig, sehr wichtig; daß man zu essen und zu trinken und daß man ein warmes Haus hatte. Wie oft hatte die Familie Siebert gelitten!

Und nicht nur die Sieberts freuten sich auf eine gute Ernte. Nein, alle Einwohner ihres Dorfes, auch die Einwohner der angrenzenden mennonitischen Dörfer der Orenburger Ansiedlung, auch die Baschkiren, die Kasachen und Tataren nach dem Norden hin hatten keinen sehnlicheren Wunsch und keine heißere Hoffnung als eine gute Ernte, die für sie Brot bringen, für ihr Vieh Futter und auch genug Brennmaterial für ihre Häuser abwerfen würde. Ja, eine gute Ernte würde sogar noch etwas Geld für die Anschaffung der allernötigsten Dinge übriglassen. Und was gab es nicht alles für Dinge, die man sich anschaffen wollte!

Wie lange hatte Tina schon auf ein neues Kleid gewartet, und wie lange freuten sich die Jungen schon auf das neue Fahrrad? Das alles sollte jetzt Wirklichkeit werden, wenn es eine gute Ernte geben würde, wenn nach der Abzahlung der Steuer, der Gebühren für den Gebrauch der vielen Ackergeräte und der Zurücklegung des nötigen Saatgutes noch etwas übrigbleiben sollte. Schon so viele Jahre hatten die Menschen in dieser Hoffnung gelebt! In diesem Jahr sollte sich alles zum Besseren wenden. Endlich sollte der Trost auf eine Besserung wahr werden. Endlich würde man sich satt essen und sauber kleiden können. Und damit würde dann das Glück in die Herzen der Menschen einziehen und das Warten auf die Heimkehr des ältesten Sohnes, Heinz, erleichtern.

In einem Jahr sollte die Dienstzeit für den Ältesten der Kinder von Mutter Siebert ablaufen. Sicher, in einem Jahr wäre ja Gerhard alt genug für den Dienst in der Armee, aber Heinz wäre dann wieder für immer zu Hause. Allein schon diese Gewißheit ließ ihr Herz höher und mutiger schlagen. Sie hatte um ihre Kinder Angst, denn es lagen auf ihrem Lebensweg so viele Gefahren, vor denen sie sie so gerne bewahren möchte.

S. 2

Bewahren! Wie sollte sie das in ihrer Schwäche fertigbringen? Sie hatte ja keine Kontrolle über die Erziehung ihrer Kinder, sie hatte keinen direkten Einfluß auf den Arbeitsplatz, wo ihre Jungen zum Einsatz kommen würden, denn die Gesellschaft, d.h. die Regierungsämter und die Bestimmungen der Partei- und Komsomolorganisation bestimmten über das Leben der jungen Menschen. Mutter Siebert konnte nur leise, ohne jeden Nachdruck, raten und bitten. Was muß sie doch anhaltend gebetet haben, daß Gott eingreifen und helfen möge! Ihre Gebete waren sicherlich nicht unerhört geblieben, denn Heinz kam zum Beginn des neuen Schuljahres 1939-40 nach Hause und unterrichtete im Nachbarort. Auch Gerhard übernahm eine Lehrstelle und zwar direkt in Dolinowka, im Heimatort.

Ihre beiden ältesten Jungen brachte ihr Gebet nach Hause. Sie sah ihre geheimen Wünsche allmählich in Erfüllung gehen. Sie freute sich auf das Glück ihrer Kinder und auf eine Zeit, in der die Sorge nicht mehr ihr ständiger Gast sein würde. Sie würde mit ihren Kindern endlich wieder in der Lage sein, ein anständiges, satteres und zufriedenes Leben zu führen.

Ihre Kinder kamen jetzt schon jahrelang mit den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nach Hause. Daß es ihnen so miserabel ging, lag ja, wie man das von amtlicher Stelle lehrte, nicht an der Unmöglichkeit der sozialistischen Ideen und an dem utopischen System, sondern die Wurzel allen Übels lag einzig und allein in der menschlichen Unzulänglichkeit, in den Überbleibseln „kapitalistischer" Denk- und Handlungsweise. So lehrte man die Jugend und Mutter Siebert fühlte immer stärker, daß sie der Einwirkung dieser Philosophie auf ihre Kinder nicht mehr gewachsen war.

Bei jedem Besuch der Kinder wurde ihre Diskussionsfreudigkeit schwächer und sie verlegte sich jetzt auf ihre letzte Stütze — auf das Gebet zu Gott. Dort war ihr noch immer Hilfe gekommen und ihre Hoffnung richtete sich vollends auf den Felsen, auf dem sie das Leben für sich und ihre Kinder gegründet hatte.

Die Familie Siebert sollte jetzt bald aus der Misere heraussein, so erklärten es freudig die Jungen und Mutter Siebert und Tina würden dann in geordneten Verhältnissen und im Wohlstand leben. Das Warten und Hoffen würde sich gelohnt haben. Die ganze Angst und das dauernde Bangen sollte ein Ende haben.

Heinz schrieb regelmäßig Briefe, in denen viel von Frieden gesprochen und von dem Leben eines Rotarmisten, eines Soldaten der „unbesiegbaren" Armee der Sowjetunion berichtet wurde. Das Leben in der Regimentsschule verlief planmäßig und nach anderthalb Jahren würde Heinz als Unterleutnant in die Heimat zurückkehren. Das

S. 3

würde ja schon was bedeuten, daß man als Deutscher in der Sowjetunion das Vertrauen erwarb, so einen ehrenhaften Stand einzunehmen.

In den Augen der jungen Soldaten aus den mennonitischen, lutherischen und katholischen Gemeinden war das eine hervorragende Leistung und man legte sich das Vorhandensein eines Wolgadeutschen Regiments im Verband der 102. Infanteriedivision als ein überzeugendes Zeichen dafür aus, daß die Diskriminierung gegen die Deutschen in der Sowjetunion nun endlich vorbei wäre. Diese ewigen und gefürchteten Beschuldigungen würden jetzt aufhören und die so sehnsüchtig erwartete Zeit der Gleichberechtigung sollte angebrochen sein. Das alles, so schrieb Heinz, gehöre jetzt zur Vergangenheit. Ja, wenn das alles in Erfüllung ginge, sollte Mutter Siebert ein friedliches und sorgenfreies Leben führen. Nur noch bis zur neuen Ernte in Feld und Garten und dann hatte die Not und Sorge nichts mehr zu melden. Sollte das eine frohe Zeit werden! Und dann kam der grauenhafte 22. Juni 1941.

Achtung!

Es war ein Sonntag, wie so viele andere Sonntage im Jahr. Man hatte nicht Zeit, sich der Ruhe hinzugeben, denn der Sommer war kurz und die Tage der angeblichen Ruhe gab es wenig. In den wenigen Stunden des Sonntags und des Feierabends mußte alles in Haus und Garten getan werden. Das war die kostbarste Zeit, wenn man für sich und die Seinen arbeitete. Trotz des Sonntags war man emsig bei der Arbeit, auch an diesem so verhängnisvollen Sonntag am 22. Juni 1941.

„Achtung! Achtung! Bürger der großen Sowjetunion, Achtung! Gleich folgt eine sehr wichtige Durchsage aus dem Kreml in Moskau! In wenigen Minuten wird Genosse Wyatscheslaw Molotow, Minister für Äußere Angelegenheiten der UdSSR zu den Völkern der Sowjetunion sprechen. Er beginnt seine Rede um 10 Uhr morgens. Achtung! Achtung! Versäumen Sie nicht, sich am Lautsprecher zu versammeln."

Was kann es schon für so außerordentlich Wichtiges geben, daß man die gesamte Bevölkerung des sechsten Teiles der Erde zu einer spontanen Versammlung, zu einem einzigartigen Meeting zusammenruft! Sollte eine Gruppe von Kommandeuren der Armee zu einem Putsch aufgerufen haben? Aber die tüchtigsten und von Stalin gefürchtetsten Offiziere waren ja doch schon längst als potentielle Feinde liquidiert worden. Viele Hunderte der besten Angehörigen des Offizierskorps waren den politischen Säuberungen Stalins und Jeshows zum Opfer gefallen. Sollte man jemand übersehen haben? Nein, das könnte nicht sein, denn man hatte in der Ausführung der Stalinschen

S. 4

Säuberungsaktionen Erfahrung; man hatte gelernt, die Opfer zu identifizieren, sie geschickt und möglichst unauffällig festzunehmen und sie dann aufgrund fabrizierter Anklagen auf Lebenszeit festzuhalten. Erzwungene Geständnisse machten diese repressiven Verhaftungen rechtskräftig und endgültig. Der Finnische Feldzug und dessen klägliche Erfolge hatten schon gezeigt, wie verderblich sich diese Säuberung des Offizierskorps auf die Rote Armee ausgewirkt hatte. Fast hätte das kleine Finnland seinem großen Nachbarn eine tödliche Niederlage zugefügt. Nein, ein Aufruhr der Armee war nicht zu befürchten: die NKWD Jeshows hatte ganze Arbeit getan. Die Kommissare und Politruks saßen fest im Sattel und kein Offizier wäre in der Position, etwas gegen Stalin und seine Helfer zu unternehmen. Es mußte etwas anderes sein.

Haben die Japaner den Mut gehabt, einen Versuch zu machen, sich ein Stückchen „heiliger russischer Erde" anzueignen? Hatten sie eventuell das Experiment am Hassan-See vergessen? Angeblich war es für die Japaner eine blutige Niederlage gewesen. Was sollte schon die Leute im Kreml beunruhigen und was sollte man den Menschen, so weit von Moskau entfernt, so Wichtiges sagen, das nicht bis zu einem günstigeren Zeitpunkt hätte warten können? Im Westen war doch alles in Ordnung. Polen war besiegt worden und das Territorium Polens war gerecht und sehr zufriedenstellend zwischen der friedliebenden Sowjetunion und dem Gerechtigkeit liebenden Nationalsozialistischen Deutschland aufgeteilt worden. Die polnischen Offiziere lagen, noch vier tausend an der Zahl, bei Katyn in einem Massengrab. Sie waren für Stalin keine Gefahr mehr. Ihretwegen rührte niemand mehr einen kleinen Finger.

Die übrigen Länder Europas? Sollten sie die Ursache dieser dringenden Durchsage sein? Wohl kaum. Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Finnland hatten kapituliert. England war in einem Krieg gegen Deutschland verwickelt. Und Deutschland? Deutschland hatte ja erst unlängst einen Nichtangriffsvertrag mit der UdSSR unterzeichnet. Dieser Vertrag zwischen Hitler und Stalin bürgte für den Frieden zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Darauf konnte man sich verlassen. Was war nun der eigentliche Grund dieser großen Aufregung, die über die ganze Sowjetunion gekommen war? Was führte Molotow im Auftrage seines allmächtigen Chefs an das Mikrophon im Kreml, dem Herzen des einen Sechstels dieser Erde?

Endlich war es zehn Uhr morgens. Die Einwohner des mennonitischen Dorfes Dolinowka waren ganz nahe an die Lautsprecher ihrer Häuser gekommen. Sie hatten nur einen Empfänger für die etwa dreißig Häuser im Dorf. Warum sollte man auch in jedem Haus einen

S. 5

Empfänger haben? Sie hörten so alle denselben Sender und dadurch war eine verschiedene Information ausgeschlossen. Auf diese Weise hatte man eine feste Kontrolle über das, was die Leute hören sollten. Kein Einfluß, auch nicht der geringste, sollte von außen die Denkweise der Menschen beeinflussen.

Der Radiooperateur im Büro der Kolchose schaltete den Empfang ein. Es knackte einige Male im Lautsprecher und man vernahm die etwas heisere Stimme Molotows:

„Genossen! Bürger der friedlichen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken! Mit großer Trauer und tiefer Erschütterung teile ich euch jetzt mit, daß seit der frühen Morgenstunden Hitlers Armeen unsere heilige Sowjetunion angreifen."

In seiner Rede sagte er, daß der Faschismus es wagte, seinen Schweinsrüssel in den Garten des Sozialismus zu stecken. Die deutschen Flieger haben viele westliche Städte angegriffen. Man bombardierte sogar Kiev, Minsk, Gomel und andere große Orte. Der Angriff auf die UdSSR hatte alle abgeschlossenen Verträge gebrochen und die sowjetischen Völker seien schmählich betrogen worden.

Molotow forderte alle Bürger der Sowjetunion auf zur Verteidigung des Landes, um den faschistischen Erobern eine gebührende Lektion zu erteilen und sie auf sowjetischem Boden zu vernichten. Er forderte alle Bürger auf zum Kampf gegen Saboteure und Schädlinge. Vor allem gelte es, gegen Panikmacher und Deserteure anzugehen. Proletarische Wachsamkeit wäre das Gebot der Stunde. Die Sowjetmacht, so versprach Molotow, werde erbarmungslos gegen jeden vorgehen, der sich in irgend einer Weise auf diesen Gebieten etwas zuschulden kommen ließe.

Alle Bürger wurden aufgerufen, an Ort und Stelle zu verbleiben und ihre Pflicht weiterhin zu tun. Flüchtige sollten gemeldet werden, damit sie für ihre schädliche Handlungsweise zur Verantwortung gezogen werden könnten.

Ein neues Gesetz für die Zeit des Kriegszustandes lag bereits vor. Dieses neue Gesetz besagte in ganz unmißverständlichem Ton, daß jeder Bürger oder Bürgerin der Sowjetunion, die sich ab jetzt strafbar machten, mit der ganzen Schärfe des sowjetischen Gesetzes bestraft würden. Alle Deserteure und Flüchtige aus dem Frontbereich sollten hingerichtet werden. Ihr Vermögen würde vom Staat beschlagnahmt. Im Fall, daß die Angehörigen des Verurteilten von dem verbrecherischen Vorhaben wußten, würden auch sie verurteilt und verbannt. Ihr Vermögen fiel ebenfalls an den Staat.

Molotow rief zum Schlusse seiner Rede alle Sowjetbürger zum aktiven Kampf gegen die faschistischen Eindringlinge auf. Jeder

S. 6

Bürger, jung oder alt, solle den Feind schlagen, wo immer man ihn auch antreffen möchte. In diesem Großen Vaterländischen Krieg gäbe es keine Gnade dem Feinde und seinen Kollaborateuren gegenüber. So schloß Molotow seine Rede an jenem Morgen.

Der Mann im Büro schaltete die Lautsprecher in den Häusern ab. Es knackte wieder im Apparat und damit war jeder mit seinen Gedanken allein, ganz allein. Allein schon deshalb, weil ab sofort niemand mit dem anderen über seine Gedanken und Gefühle reden durfte. Alles konnte ja als Panikmacherei, als Feigheit und Gerüchteverbreitung ausgelegt werden. Eine alleslähmende Angst legte sich über alle und allem.

Die Pflicht der Mutter

Mutter Siebert saß noch immer stumm und unbeweglich vor dem schon längst abgeschalteten Lautsprecher. Worauf wartete sie noch? Es kamen keine neuen Anweisungen mehr. Jetzt war Krieg und jeder hatte seine Pflicht im Krieg, ob jung oder alt, ob Mann, ob Frau, ob willig oder gezwungen. Auch für Mutter Siebert gab es eine Pflicht, die Sorge um ihre Kinder.

Sie hatte vier Söhne und eine Tochter, um die sie sich seit dem frühen Tode ihres Mannes sorgte und für die sie einzig und allein gearbeitet, sich abgemüht, ja für die sie gelebt hatte. Für sich hatte sie in den letzten acht Jahren nichts außer Sorge und Arbeit gehabt. Nur hin und wieder, wenn ihre Kinder alle zu Hause waren, sah man Freude auf ihrem früher so hübschen, jetzt aber verhärmten, verarbeiteten und viel zu früh gealterten Gesicht. Mutter Siebert war ja erst vierundvierzig Jahre alt. Trotz der wenigen Jahre hatte Mutter Siebert nicht viele Hoffnungen für ihr Leben, denn bis ihre jüngste Tochter selbständig sein könnte, würde sie selbst ganz alt und lebenssatt sein. Dazu kam jetzt dieser unheilbringende Krieg und mit ihm die verstärkte Sorge um ihre Söhne. Drei Söhne waren ja bei ihr und einstweilen sicher. Aber Heinz! Der war ja Soldat und es war Krieg. Dieser Gedanke traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wo mochte der an diesem 22. Juni 1941 nach Molotows Rede wohl sein? Die ganze, als unbesiegbar gepriesene Rote Armee war laut Molotows Worten zum Angriff angetreten und sollte den Armeen Hitlers schon in den nächsten Tagen den vernichtenden Schlag versetzen. Das war für Mutter Siebert aber noch immer kein Trost, denn ihr Sohn würde in den Reihen der kämpfenden Roten Armee sein und mit seinem ganzen Leben die Sowjetunion gegen die faschistischen Eroberer verteidigen. Molotow hatte von heißen und unerbittlichen Kämpfen gesprochen, bei denen man das Leben der Soldaten nicht schonte.

S. 7

Tief in Gedanken versunken, malte Mutter Siebert sich das Schlachtfeld im Westen der Ukraine aus. Sie hatte Bilder aus dem Ersten Weltkrieg gesehen, Bücher über den Krieg gelesen und Erzählungen ihres Mannes, der im Ersten Weltkrieg in der Krim als Sanitäter gedient hatte, gehört. Alle diese Berichte ließen sie erschauern, wenn sie sich ihren ältesten Sohn inmitten dieses Tötens vorstellte. Ihre Angst zeigte ihren Heinz in den traurigsten Lagen, die ihrer Phantasie entsprangen. Daß sie ihren Sohn verlieren, auf immer verlieren könnte, kam ihr überhaupt nicht in den Sinn. Wohl sah sie die Möglichkeit, daß er verwundet und verstümmelt werden könnte, aber fallen, nie wieder heimkehren, nein, das könnte es nicht geben. Sie hatte ihren Ältesten doch so lieb. Mit diesen trostlosen und quälenden Gedanken saß Mutter Siebert noch immer vor dem stummen Lautsprecher. Auf ihre vielen Fragen kam dort aus dem schwarzen Teller an der Wand keine Antwort. Dort gab es nur Anordnungen und Ermahnungen zur treuen Pflichterfüllung für „Mütterchen Rußland, für Väterchen Stalin und für die Heimat."

Für Mutter Siebert gab es aber noch größere Sorgen, die sie mit Millionen von Müttern teilte, denn die Angst um ihre Kinder empfanden die Mütter in ganz Rußland, Deutschland, England, Frankreich und in den vielen anderen Ländern, die durch gewissenlose „Führer" und „Väterchen" in dieses grausame Schlachten der Völker hineingerissen worden waren.

Antworten auf ihre bangen Fragen und Trost für ihren Kummer mußte sie wo anders suchen. Das hatte sie ja schon immer so getan: sie verließ sich auf die Hilfe, die ihr von Gott gegeben wurde. Bei ihm fand sie Trost. Bei ihm war sie immer zu neuen Kräften gekommen und bei ihm würde sie auch heute wieder die Ausrüstung finden, die sie für die Zeit des eben erst angefangenen Krieges mit all seiner Not, mit den drückenden Entbehrungen, mit seiner Angst und der großen Verlassenheit benötigen würde. Bedächtig und ruhig legte sie die gefalteten, schwieligen Hände in den Schoß. All ihre Sorge um ihre Kinder, um sich selbst und die Sorge um die vielen unzählbaren Menschen, die von den Folgen des Krieges betroffen waren, brachte Mutter Siebert vor den Thron ihres Gottes und bat um Gnade, Schutz und Bewahrung in dieser grauenhaften Zeit des Krieges, die Molotow eben erst heute am 22. Juni 1941 angekündigt hatte.

Mit diesem Gebet hatte Mutter Siebert ihre höchste und schönste Pflicht begonnen: ihre Gebete für ihre Kinder sollten nie aufhören, solange ihr Herz in ihrer liebenden Brust schlug. In ihrem Verkehr mit Gott hörte ihre Einsamkeit und Verlassenheit auf und sie fand die Kraft und den Mut, ihren Weg weiterzugehen. Eines betrübte sie aber

S. 8

immer wieder: ihre Kinder kannten ihren liebenden und gnädigen Gott nicht. Sie lehnten die erlösende Kraft Jesu ab und glaubten, ihr Schicksal allein meistern zu können. Zu tief waren die Lehren aus Schule und Gesellschaft in sie gedrungen. Alle wußten aber, daß die Mutter sie auf ihren Gebetshänden trug und daß sie besonders jetzt um ihre Seligkeit bangte. Sie glaubte felsenfest, daß Gott ihre Gebete für ihre Kinder erhören würde.

Der Krieg ergreift alle

Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion hatte die ganze Bevölkerung und auch die Regierung vollkommen überrascht. Man hatte ja noch in ganz letzter Zeit so durchgreifende Verträge abgeschlossen, die einen Krieg verhindern sollten und wenn die Verträge den Krieg auch nicht abhalten würden, so würden sie doch wenigstens einen Zusammenstoß aufschieben und die Sowjetunion hätte durch diese Freundschafts- und Nichtangriffsverträge Zeit, sich auf den Krieg mit der kapitalistischen Welt vorzubereiten. Und vorzubereiten gab es so vieles.

Die Verwaltung des Landes war in einem unorganisierten und unfunktionierenden Zustand und gleich mit den ersten Stunden des Krieges legte sich auf das gesamte Land eine bedrückende Stimmung, die die Moral der Bevölkerung fast auf den Nullpunkt brachte. Damit, daß die gesamte Ordnung im Westen zusammenbrach und zwar so schnell und mit solcher Überraschung, daß am Morgen des ersten Kriegstages die Weizenzüge und Kohlentransporte noch planmäßig nach Deutschland fuhren, entstand ein unkontrollierbares Durcheinander im Hinterland. Unter diesem Durcheinander und der allgemeinen Hilfslosigkeit litt nicht nur die kämpfende Truppe an der Front, sondern das tiefe Hinterland bekam diese Schwäche des sowjetischen Riesenreiches sofort zu spüren. Es mangelte an allen Waren, die aus anderen Gebieten herbeigeschafft werden mußten. Es fehlte an Kohlen, an Öl, an Lebensmitteln aller Art.

Am stärksten fühlten den Mangel die Menschen in den Städten, denn sie waren auf die tägliche Versorgung durch die Zufuhr der Güter per Eisenbahn abhängig. Die schon ohnehin überbelastete Bahn litt unter den Kriegsverhältnissen mehr als irgend ein anderes Gebiet der sowjetischen Wirtschaft.

Die Kolchosen kamen gleich von Anfang an unter den Druck der verschiedenen Regierungsstellen. Mit dem Verlust der reichen Ukraine, die schon so lange die Brotkammer nicht nur für Rußland, sondern für ganz Europa gewesen war, mußten die anderen Ackerbaugegenden zu erhöhter Produktion angetrieben werden. Orenburg gehörte zu den

S. 9

Gebieten, die jetzt für die Ukraine einspringen sollten. Die Behörden, die Dorfsowjets, die Sowjets der Rayone und der Oblastj setzten ihre Schrauben sofort an und verlangten schon vor der Ernte erhöhte Quoten für die Ablieferung von Getreide, Fleisch, Milch und Eiern nicht nur von den Kolchosen, sondern jede Familie hatte eine ganz bestimmte Norm zu erfüllen.

Die Drohungen und Beschuldigungen nahmen beängstigende Dimensionen an und jeder zitterte um sein Leben und seine Freiheit bei dem geringsten Fehlschlag oder bei der kleinsten Nichterfüllung der von der Regierung gestellten Ablieferungsnormen an Futter für die Armeen. Alles war ganz plötzlich kriegswichtig geworden und der totale Krieg ließ auch nicht die allertriftigsten Gründe für irgendein Versagen gelten.

Es dauerte nur wenige Tage und Orenburg mit seiner Industrie und seinem Ackerland war von den Kreisen der Kriegsflut umfangen und lebte nun in derselben Aufregung wie auch jede andere Großstadt der Sowjetunion. Auch Orenburg, das sonst soweit „vom Schuß" gelegen war, krümmte sich unter den Wehen des Krieges und die Bevölkerung wurde in dieses totale Ringen eingeschlossen.

Mit dem ersten Kriegstag setzte die allgemeine Mobilmachung ein. Alle Reserven wurden aufgerufen und in die verschiedenen Einheiten, die bis jetzt nur Friedensstärke hatten, geschickt. Es gab kaum Zeit, die Reservisten auszubilden, denn die anfänglichen Verluste der Roten Armee zählte man nach Millionen Soldaten. So hatte z.B. Marschall Timoschenko, der Oberkommandierende der 2. Armee im Weißrussischen Frontabschnitt, in den ersten acht Wochen nach Kriegsbeginn zwei Millionen Soldaten verloren. Der Ersatz für diesen hohen Ausfall mußte aus dem Hinterland, aus dem Osten Rußlands kommen. Und sie kamen, denn ihre Heimat war in äußerster Gefahr.

Der Ersatz für die Verluste an der Front im Westen ließ aber viele Lücken in den Fabriken und Kolchosen, in den Bergwerken und anderen Betrieben des Landes entstehen. Um diese Lücken zu füllen, machte man, was man in allen anderen Ländern, die vom Krieg erfaßt waren, machte: man holte die Frauen, minderjährige Kinder und Greise und steckte sie in die Fabriken, Kolchosen und Gruben. Und die Waffenschmieden, die Eisenbahnen und die vielen Gruben arbeiteten unaufhörlich Tag und Nacht und lieferten das Kriegsmaterial für die kämpfenden Truppen an den vielen Frontabschnitten.

Je länger der Krieg dauerte, umso knapper wurden die Menschenhände und dadurch verringerten sich die Leistungen in den Betrieben, die jetzt zum größten Teil auf Kriegsproduktion umgestellt waren und in den Kolchosen, die kaum noch für sich selbst das

S. 10

nötige Brot behalten durften. Die Not wurde immer größer und warf immer weitere Kreise ihres verheerenden Einflusses um sich.

Der Sündenbock

Die Bekanntgabe des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion traf die deutschstämmige Bevölkerung, und das schloß die Mennoniten ein, doppelt schwer. Die Bezeichnung „Deutscher" im Personalausweis war ein Kainszeichen schon zu Friedenszeiten und jetzt war Krieg! Ein Krieg von Deutschland angefangen! Ein Krieg gegen den ersten sozialistischen Staat der Welt! Ein Krieg gegen alle Völkerrechte und zum Trotz vieler Friedens- und Nichtangriffsverträge. Durch diesen Angriff wurden alle Deutschen des Krieges schuldig! Nicht nur die Deutschen des Dritten Reiches, das wäre noch zu begreifen, sondern die Deutschen der Wolgarepublik mit ihren blühenden Städten, mit ihrer Industrie und Kultur, mit den vielen Schulen und anderen Einrichtungen, die Deutschen um Odessa, Dnjepropetrowsk, Melitopol, Arkadak, Orenburg, Barnaul, Alma-Ata, Karaganda und im Kaukasus waren im Handumdrehen zu Handlangern und Helfershelfern der faschistischen Eroberer gestempelt worden. „Nazi", „Faschist" waren Namen, die diesen unschuldigen Menschen plötzlich anklebten. Und es gab kein Gesetz, das sie beschützte, es gab kein Mittel, das diesen Makel von ihrem Namen und aus ihrem Paß wischte.

Diese Menschen, die alles darangegeben hatten, ihrem Namen Ehre zu machen, die bestrebt waren, ihrem russischen Vaterland treu zu sein und redlich zu dienen, denen man fürwahr nie die Schuld zuschieben konnte, daß es in Österreich einen Hitler gegeben hatte, der sich dann nach Deutschland absetzte und der dort die Verhältnisse ausnützte, eine Macht aufzubauen, mit der er jetzt Europa knechtete und heute die Sowjetunion angriff, um sie seinen Plänen entsprechend vom Erdboden zu wischen, die trugen keine Schuld an dieser menschlichen Tragödie. Sie waren an diesem Unheil so unschuldig, wie sie auch kein Verdienst daran hatten, daß es in Deutschland einen Beethoven gegeben hatte, der die ganze Welt mit seiner Musik erfreute und bis heute noch die Herzen vieler Menschen, auch in der Sowjetunion, erfreut und bewegt.

Nein, die Deutschen der Sowjetunion trugen an dem wahnsinnigen Angriff Hitlers auf die Sowjetunion keine Schuld. Sie hatten nur einen Wunsch und zwar den, daß man sie in Ruhe und Frieden leben und arbeiten ließ. Kaum hatten sie die letzte Welle der Verschleppung überlebt, wenn auch mit einem Opfer von Tausenden ihrer besten Männer und Frauen, und schon waren die Gleise für eine neue, ungezü-

S. 11

gelte Repression gesetzt. Jetzt, so fürchtete man, würden sie der Spionage, der Sabotage, der Schädlingsarbeit und unzähligen anderen angeblicher Verbrechen beschuldigt werden. Der 22. Juni 1941 öffnete die Schleusen der Verfolgungswut gegen alle und alles, was deutsch war. Man brauchte jetzt einen Sündenbock und der mußte jetzt von den Deutschen gestellt werden.

Die Untersuchungsrichter würden ab jetzt in langen Überstunden die unglaublichsten Anklageschriften gegen die unschuldigen „Verbrecher" fabrizieren. Ihre Erfindungskunst kannte keine Grenzen. Hier hatte jemand einen Traktor zum Stehen gebracht, indem man Zucker und Sand in die Zylinder streute. Dort hatte jemand einen zutodegeschundenen Gaul krepieren lassen, und auf dem anderen Ende des Dorfes war ein Kuhstall niedergebrannt, als die Petroleumlampe zu heiß wurde. Noch war die Front Tausende Kilometer entfernt, aber hier saß angeblich ein Spion und hatte die Verdunklung in seinem Hause nicht ganz nach unten gezogen und wollte damit dem Feind das Ziel für einen Bombenangriff im Uralgebiet zeigen. Es waren gefährliche Tage im Anzuge, die der Rede Molotows folgten.

Noch am 22. Juni setzten die Verhaftungen ein. Die schon lange vorher gebrandmarkten Männer verschwanden ganz unauffällig und landeten irgendwo in den vielen Lagern als Verbrecher, deren einzige Schuld darin bestand, daß sie von deutschen Eltern geboren wurden, einen deutschen Namen wie Kliewer, Fast, Meyer und ähnlichen trugen. Oft waren sie auch auf diese Listen geraten, weil ihre Mitbürger sie aus Neid, Ärger oder aus Angst und Schwäche an die NKWD verkauft hatten. Diese Opfer wußten nichts von ihrer Schuld, sie wußten nichts von dem Verrat durch die, die ihnen nachstanden, sie hatten keine Ahnung von dem, was ihnen in der nächsten Zukunft bevorstand und sie begriffen in keiner Weise, daß sie für die nächsten vier bis fünf Jahre dazu auserlesen waren, als Sklaven in den vielen Lagern, in Kohlen- und Eisenbergwerken zu schuften. Sie konnten und wollten nicht wissen, daß sie in diesen vor ihnen liegenden Jahren einer Behandlung ausgesetzt sein würden, die jeglicher Beschreibung spotten sollte.

Gleich zu Beginn des Krieges hatte man auch Maßnahmen ergriffen, die deutschen Siedlungen unter allen Umständen in den östlichen Raum der Sowjetunion zu evakuieren und sie so vor dem Zugriff der deutschen Truppen sicherzustellen. Man war der Überzeugung, und das nicht ohne Grund, daß die Deutschen in Rußland nicht die überzeugtesten Anhänger des Kommunismus waren. Anderseits brauchte man diese Menschen als Arbeitskräfte in allen Zweigen der Wirtschaft. Die Evakuierung der Deutschen wurde fluchtartig vorgenommen und

S. 12

viele Siedlungen in der Ukraine wurden durch den raschen Vormarsch der Wehrmacht zurückgehalten. Was an Verschleppungen in der Ukraine nicht gelang, konnte man in der Republik der Wolgadeutschen mit fast einer Million Menschen bewerkstelligen. Das schloß auch andere Siedlungen wie Arkadak mit ein. Übernacht waren diese Armen, ehe sie es so recht merkten, zu Verbrechern und Kollaborateuren mit dem Feind erklärt worden. Sie waren als Nazis oder Faschisten gebrandmarkt und als solche nach dem Norden des Urals, in die Taiga, mitten in ein noch nie von Menschen bewohntes Gebiet geschickt, um hier auf Gedeih und Verderb, mit Frauen und Greisen, mit gebrechlichen Kindern für die Verteidigung ihrer Heimat ihr Leben hinzugeben.

Andere Züge dieser „Kollaborateure" zogen sich schleppend in die Weiten Sibiriens bis weit hinaus zur Stadt Magadan, um hier in den Bergwerken und Fabriken zu sterben oder als Überlebende neue Siedlungen zu errichten. Eine andere Richtung nahmen große Teile der Wolgadeutschen. Sie wurden in die Wüsten Mittelasiens geschickt, um hier in den Republiken der Kasachen, Usbeken, Tadshiken, Kirgisen und Turkmenen als billige Arbeitskraft und später als gute Mischung in der Völkerpolitik zu bleiben. Verschleppungen dieses Ausmasses betrafen in der Hauptsache die Deutschen in der ganzen Sowjetunion, obwohl auch die Krimtataren, die Kalmücken und kaukasische Völker in diese Aktion miteinbezogen wurden. Diese Volksstämme durften auch nach dem Kriege nie wieder in ihre Gebiete zurück. Sie waren dazu verdammt, auf immer in den ihnen fremden Gegenden zu verbleiben.

Die Deutschen versuchten, sich diesen plötzlichen Wandel ihrer Situation zu erklären, konnten aber zu ihrem großen Leidwesen keine plausible Antwort darauf finden. Schon 1941 begannen die Zeitungen und das Radio mit der propagandistischen Verleumdung und der Aufhetzung der nichtdeutschen Bevölkerung gegen die deutschen Bewohner. Man bereitete den Schlag gegen diesen Teil der Sowjetvölker geplant und gründlich vor. Das volle Maß der Konsequenzen des künstlich aufgeblasenen Hasses gegen die Deutschen begann aber erst so richtig im Jahre 1942. Die wahren Absichten und die wirkliche Einstellung der Behörden, nicht der allgemeinen Bevölkerung, kamen mit der Einberufung weiterer Bevölkerungsschichten in die sogenannte „Trudarmee" (Arbeitsarmee). Es war für jedermann klar, daß man Arbeitskräfte brauchte, und daß die noch nicht vom Krieg direkt betroffene Bevölkerung diese Kräfte stellen müßte.

Die Deutschen in der Sowjetunion waren alle vorgemerkt für die Trudarmee, die im Grunde genommen nichts anderes war als ein

S. 13

regelrechtes Konzentrationslager mit besonders strengem Regime. Hier waren die in die Trudarmee einberufenen Bürger unter strengster Bewachung, hinter vielfachem Stacheldraht, jeglicher Freiheit beraubt. Sie wurden morgens unter Bewachung zur Arbeit geführt und abends brachte man sie nach zehn- und vierzehnstündiger Arbeit unter dem Gekläff der deutschen Schäferhunde in die schmutzigen, völlig verlausten und verwanzten Baracken zurück. Unter diesen menschenunwürdigen Verhältnissen arbeiteten und lebten Tausende und Abertausende Menschen Jahre lang nur deshalb, weil sie nun einmal von deutschen Eltern geboren wurden und einen deutschen Namen trugen. Das war ihr einziges Verbrechen. In eines dieser Lager zu kommen, war ganz einfach: wenn auf der Linie, die der Frage nach der Nationalität folgte, „Njemetz" stand, gehörte man in jenen Tagen in eines der vielen Konzentrationslager mit den anderen „Verbrechern", derer es in den Jahren so viele gab.


Zweiter Teil: Die Trudarmee

Vier Kinder in der Arbeitsarmee

S. 14

Der Stellungsbefehl

Die Familie Siebert sollte nun auch sehr bald in den Bahnkreis der Trudarmee kommen, obzwar Mutter Siebert 1942 schon fünfundvierzig Jahre alt war und Gerhard erst neunzehn, Hans siebzehn, Peter fünfzehn und Tina neun Jahre alt waren. Familie Siebert hatte demzufolge vier Glieder, die für den Dienst in der Trudarmee in Frage kamen. Gerüchte sprachen von einer baldigen „Einberufung" in die Armee der Versklavten.

Anfang 1942 war es so weit. Gerhard war schon früh in die Schule gegangen, an der er seit Beginn des Schuljahres unterrichtete, als ihm der Bote vom Dorfsowjet die Karte mit dem sofortigen Stellungsbefehl überbrachte. Der Inhalt der Karte schien ganz friedlich und harmlos zu sein. Man las in einfacher und deutlicher Sprache, daß sich der Bürger Gerhard Siebert noch heute, um drei Uhr nachmittags beim Dorfsowjet im Nachbardorfe zu melden habe. Er brauche nichts Besonderes mitzunehmen außer warmer Kleidung, einer Extragarnitur an Unterwäsche, Gabel und Löffel, und wenn möglich, feste Schuhe. Das alles konnte man ohne Schwierigkeiten in einen einfachen Sack packen.

Warme Kleidung, feste Schuhe! Wenn man die nur kriegen könnte! Heute um drei Uhr nachmittags geht's los. Niemand weiß, wohin und auf wie lange. Mutter Siebert vernahm die Nachricht ohne irgendeine besondere Reaktion, denn sie konnte es nicht fassen, daß sie so bald den Zweiten ihrer Söhne würde abgeben müssen. Seit Anfang des Krieges fehlte von Heinz jegliche Spur. Entweder war er gefallen oder er war einer unter den Gefangenen, obzwar nach den Propagandameldungen keine sowjetischen Gefangenen gemacht wurden. Man behauptete, die Deutschen brächten die sowjetischen Gefangenen alle um.

Jetzt war Gerhard an der Reihe. Mutter Siebert machte sich um ihren zweiten Sohn besondere Sorgen. Es war aber ein Trost für die Mutter, daß Gerhard nicht an die Front mußte, sondern er kam ja ins entfernte Hinterland. Damals wußte man noch nicht, daß die Ausfälle in der Trudarmee sehr groß waren. An der Front starb man plötzlich und unter lautem Gefechtsfeuer. Hier an der Front der Trudarmee starb man eines langsamen Todes unter Schmerzen des Hungers, der Schläge und Drohungen und tiefster Erniedrigung.

„Mutter, sei nicht traurig," versuchte Gerhard zu trösten, „ich bin bald wieder zurück. Mein Dienst ist ja nur auf Kriegsdauer und solange

S. 15

kann der Krieg ja nicht mehr anhalten. Unsere Armee wird die faschistischen Eroberer schon zurückschlagen. Es wird ihnen schon bald leid tun, ihren Schweinsrüssel in unseren Garten gesteckt zu haben. Ich bin bald wieder da."

„Junge, als Heinz vor fast zwei Jahren von uns ging, sprach er genau so. Und wer weiß, wo er jetzt ist. Niemand hat eine Ahnung, wo die Division und all die anderen Einheiten geblieben sind. Verschwunden sind sie, wie vom Erdboden gewischt. Heinz wollte in zwei Jahren wieder zu Hause sein. Ich habe so eine düstere Ahnung, daß wir ihn nie wiedersehen."

Still vor sich hinweinend, packte Mutter Siebert die wenigen Habseligkeiten für Gerhard ein und um zwei Uhr war er reisefertig. Er war übrigens nicht allein, der diesen schweren Weg anzutreten hatte. Mit ihm hatte sich der ganze Jahrgang 1923 zu stellen. Schweigend gingen die jungen Männer von ihren Höfen, gefolgt von den noch übriggebliebenen Familienangehörigen. Noch eine letzte Umarmung, noch ein letztes „Lebewohl" und sie bestiegen die vorgefahrenen Lastwagen, die sie in Richtung des nächsten Ortes fuhren, wo die Miliz und nicht Vertreter der Armee auf sie wartete.

Jetzt waren sie alle beisammen, die Jugend der Siedlungen in dieser Gegend. Hier und da hörte man patriotische Reden, gespickt mit Phrasen, die man aus der Zeitung auswendig gelernt hatte. Ja, man würde das Vaterland in diesem Großen Vaterländischen Krieg schon verteidigen und den anderen, den Faschisten und Kapitalisten, zeigen, daß man weit besser dran ist, wenn man den ersten Staat der Arbeiter und Bauern in Frieden läßt. Die meisten aber gingen ihren eigenen Gedanken nach, die sie entweder nach Hause trugen oder weit weg in die entlegendsten Gegenden, in denen sie Verwandte und Bekannte hatten.

Es war nicht gut, wenn man über die wahren Verhältnisse in den Lagern der Trudarmee sprach. Gespräche dieser Art wurden als Zersetzung der Kampfmoral des Hinterlandes ausgelegt und besonders bestraft. Man schwieg am besten und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Die Gedanken waren noch frei.

Die Listen wurden verlesen und dann fuhren die offenen Lastwagen vor. Die Männer, die noch oft wie Kinder aussahen, bestiegen die Wagen. Ein schüchternes Winken und leises Weinen war der Abschiedsgruß von der lieben Heimat. Für manche war es der letzte Abschiedsgruß, denn vielen, vielen dieser Männer war es nicht beschieden, je wieder nach Hause zu kommen. Von ihnen verlangte dieser Krieg das größte Opfer, das ein Mensch zu geben hat: sie starben und ihre Grabstätten kennt niemand. Und wer sie kennt, möchte

S. 16

nicht, daß andere sie auch kennen sollen. Zu viele Mütter, Frauen, Väter und Kinder würden den Ruheplatz ihrer Toten suchen.

Langsam schleppten die Wagen ihre kostbare Last den Berg hinauf und verschwanden dann hinter dem Gipfel des nächsten Berges. Während der Fahrt sprach kaum jemand ein Wort. Nur hin und wieder hörte man die Frage nach dem „Wohin?" Doch darauf hatte niemand eine Antwort. Es gab ja so viele Plätze, wo man Arbeitshände brauchte, denn der Krieg, diese Strafe für die gesamte Menschheit, verschlang alles, was Menschenhände je geschaffen hatten und schufen. Unersättlich waren die Anforderungen des Krieges und das Hinterland mußte hergeben, was es hatte. Das wußten diese deutschen Jungen aus den Gegenden um Orenburg und sie setzten sich dieser Forderung auch nicht zur Wehr.

Nach knappen zwei Stunden kam der Transport in Orenburg an und hielt auf einem großen Hof, der überall von Soldaten in der Uniform der NKWD bewacht wurde: am Tor standen Wachsoldaten, auf den Ecken waren Wachtürme und am Zaun, von der Außenseite, gingen Soldaten, von Schäferhunden begleitet, lässig auf und ab. Beim Anblick dieses Aufzuges von Sicherheitsmaßnahmen verstummten alle Gespräche und ein ängstliches Fragen überfiel die meisten der Männer.

„Was sollen wir in diesem Hof und wozu die Stacheldrähte?"

„Ist dieses nicht ein Lager für Verbrecher?"

„Sind wir nicht alle ehrbare Bürger der Sowjetunion?"

„Hat man uns mit einem anderen Schub von Menschen verwechselt? Hier liegt doch bestimmt ein Fehler vor! Den wollen wir doch lieber gleich aufklären."

Es gab aber nichts aufzuklären, denn während die Rekruten sich noch ängstlich umsahen, mußten sie sich in Reih und Glied ordnen. Man führte sie zum Essenempfang und gleich darauf, nachdem man ihnen eine magere Reiseration an Verpflegung ausgehändigt hatte, ging es durch die Stadt zum Bahnhof. Die Menschen auf den Bürgersteigen sahen sich diesen zusammengewürfelten Haufen an und fragten sich unwillkürlich, was diese Leute wohl verbrochen haben könnten, daß man sie unter so einer starken Bewachung, mitten auf der Straße, fern vom Bürgersteig, durch die Stadt führe. Oder sollte es in der Sowjetunion so viele Volksfeinde geben und so viele davon unter den jungen Menschen?

Das Bahngleis, auf dem die für diesen Transport bestimmten Güterwagen standen, befand sich auf der äußersten Seite des Güterbahnhofs. Zehn große Güterwagen, rot angestrichen, mit kleinen, ganz oben angebrachten Fenstern standen mit weitaufgerissenen

S. 17

Türen da, die Männer aufzunehmen. Vor jedem Wagen blieb eine Gruppe von sechzig Männern stehen. Sie waren sehr genau gezählt worden. Die NKWD-Soldaten, die sie bisher bewacht hatten, übergaben ihre Gruppen vollzählig an die Bewachung der Waggons. Ehe der Befehl zum Einsteigen gegeben wurde, trat ein Leutnant der NKWD vor die Rekruten und in ernstem Ton richtete er folgende Worte an sie:

„Bürger, ihr wißt, daß Hitlerdeutschland unsere geliebte Sowjetunion überfallen hat. Große Teile unseres Heimatlandes sind von diesen faschistischen deutschen Barbaren verwüstet worden. Unser Land wehrt sich entschieden gegen diese fremden Eindringlinge mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Ihr seid Deutsche und manch einem könnte es in den Sinn kommen, den Nazis zu helfen durch Sabotage oder irgendwelche Spionageaktivitäten. Dazu werdet ihr keine Gelegenheiten haben. Seht euch einmal um. Seht ihr die Truppen auf den Dächern der Waggons, die Gitter an den Fenstern und die Hunde mit ihren Begleitern an den Zügen? Sie werden mit euch reisen bis an euer endgültiges Reiseziel. Ich möchte euch warnen, einen Fluchtversuch zu wagen, denn das kostet euch sofort das Leben. Bleibt bei eurer Gruppe! Ihr habt von jetzt an eure letzte Gelegenheit, zu beweisen, daß ihr treue Bürger der Sowjetunion seid. Ihr beweist dieses am besten durch Erfüllung der Arbeitsnormen und durch ein mustergültiges Betragen. Als Deutsche seid ihr ja an Fleiß und Disziplin gewöhnt. Für jeden Waggon haben wir einen Ältesten bestimmt. Sollte jemand eine Beschwerde oder eine Bitte haben, so meldet euch bei eurem Starschina. Ich rate euch noch einmal: nehmt meine Anweisungen ernst. Wir fahren sehr bald ab."

„Können Sie mir sagen, wohin wir fahren?" wagte einer zu fragen.

„Das werdet ihr am Endziel erfahren. Die Reise dauert ungefähr einen Tag und eine Nacht."

Damit war das Gespräch beendet. Die Marschverpflegung war gefaßt und die Reise konnte beginnen, ohne Ziel und ohne einen angegebenen Zweck. Man war plötzlich zu einer Nummer geworden, hinter der es nur einen Vermerk gab — „Deutscher". Dieser Vermerk gab auch gleich an, wie man einzusetzen war, wie man behandelt werden sollte. Wichtig war, daß man etwas leistete. Wenn man bei dem Druck und bei der unmenschlichen Behandlung kaputt ging, war auch nicht viel verloren. Es gab eben einen Deutschen weniger, ganz egal wo er herkam, aus Hitlers Deutschland oder aus Stalins Sowjetunion.

„Einsteigen! Einsteigen!" schallte es das Gleis entlang. Die großen Schiebetüren der Waggons fielen ins Schloß. Der Leutnant prüfte

S. 18

jeden Verschluß und gab der Bewachung nochmals strengste Anweisung für den Fall, daß jemand der Trudarmisten auf die Idee kommen sollte, zu fliehen. Im Waggon begannen sich die sechzig Reisenden einzurichten. Jeder fand einen Platz auf dem kahlen Fußboden. Man kauerte sich hin und war froh, wenn man einen Platz an der Wand bekam, nahe am Gitterfenster und möglichst weiter weg von dem großen Kübel, der jetzt für sechzig Männer als Toilette (Abort) dienen sollte. Da man den Kübel nur einmal am Tage entleerte, verschüttete die Jauche bei dem Hin- und Herrücken des Waggons und lief den Gefangenen unter ihre Sitze und machte es ihnen unmöglich, dort länger zu verharren.

Die Stimmung der Trudarmisten wurde immer gedrückter, je länger das monotone Rattern der Räder den Zug in nördlicher Richtung, immer an den Hängen des steigenden Uralgebirges entlang, trug. Nur selten hielt der Zug. Am Abend des anderen Tages hielt der Zug wieder auf einem Nebengleis. Die Lokomotive hängte die Waggons ab. Man war also am Ziel. Aber wo könnten sie sein? Die Männer sahen sich alle fragend an. Rasselnd schob man die schweren Türen zur Seite und die Soldaten gaben den Befehl zum Aussteigen.

Das muß doch ein Irrtum sein!

„In Gliedern zu fünf antreten! Das Gepäck ist mitzunehmen!"

„Skoreje! Dawaj! Dawaj!" brüllte man die Leute an. Und schon setzte sich die Kolonne langsam in Bewegung. Von dem vielen Liegen und Stehen waren den Männern die Glieder steif geworden. Mühsam schleppten sie sich zum Bahnhof hin.

„Korkino" leuchtete es auf einem Schild am Bahnhof auf. Der Name hörte sich für die meisten Ankömmlinge so fremd an, so unbekannt war die Gegend.

Aber hier waren sie jetzt in „Korkino", etwa fünfzig Kilometer südlich von Tscheljabinsk. Gerhard Siebert erinnerte sich, daß diese Stadt ein Zentrum in dem Kohlengebiet des Urals war. Sie lag ganz abseits von den anderen Städten. Nur die Eisenbahn und eine Straße verband sie mit der Außenwelt. Die Stadt hatte keinen Flughafen. Dichte Taiga umgab sie vom Norden, Osten und Süden. Im Westen grenzte sie an ein endloses Sumpfgebiet. Die ganze Stadt diente dem Kohlenbergbau. Hier waren viele Tausende Menschen zusammengetrieben worden, um die Energie für die Kriegsindustrie zu fördern. Gerhard und seine Leidensgenossen sollten jetzt ihren Beitrag zu dieser großen Sache ihres Vaterlandes machen.

Am Rande der Stadt, abgelegen von der sogenannten freien Bevölkerung, lag das Lager, eingezäunt von 2 m hohen Stacheldrahtzäunen.

S. 19

Zwischen diesen Zäunen lagen Rollen von Stacheldraht, die einen eventuellen Flüchtling an der Flucht hindern sollten. Drei Meter von der Innenseite des Zaunes zog sich der Warnungsdraht. Wenn jemand bis an diesen Draht kam, mußte er damit rechnen, daß er ohne weitere Warnung unter Beschuß von den Türmen auf den Ecken des Lagers kommen könne. Zwischen diesem Draht, der 50 cm hoch von der Erde lief, und dem Zaun lag der Todesstreifen, sauber geharkt und sehr gepflegt, denn wer je in diesem Streifen erwischt wurde, verließ ihn nur als Toter. An diesem Zaun entlang gab es nur eine Sprache, die Sprache der Maschinenpistole. Gerhard traute seinen eigenen Augen nicht. So eine Einrichtung gab es doch nur in den kapitalistischen Ländern, auf jeden Fall in dem Deutschland Hitlers, aber doch niemals in der Sowjetunion, dem freiesten Lande der Welt. Nein, hier mußte etwas falsch sein, denn sie, d.h. er und die anderen Deutschen aus Orenburg, nein, die gehörten keineswegs hier in diese Umzäunung. Noch vor einigen Tagen war er würdig genug, die Jugend der Sowjetunion zu erziehen und jetzt fand er sich und seine Freunde umgeben von einem unüberwindbaren Stacheldrahtzaun. So etwas könnte doch nicht wahr sein. Das müßte ein Irrtum sein, der sich in den nächsten Tagen schon aufbrechen würde.

Gerhard verstand und sah ein, daß man ihn für die Verteidigung seiner Heimat brauchte, dringend brauchte, aber daß er in diese tiefe Erniedrigung bis zum Niveau eines Gefangenen würde entwürdigt werden müssen, nein, das verstand er nicht und seine Freunde verstanden es ebenfalls nicht.

Die Kolonne hielt vor dem Lagertor. Die Begleitmannschaft, müde und verärgert von der langen Reise, verhandelte mit dem Wachhabenden und schließlich begann die Übergabe der Trudarmisten in einer schwierigen Prozedur.

Die ganze Kolonne trat in Fünferreihen an. Man zählte die Glieder. Jedes Glied mußte fünf Männer haben. Alles stimmte laut Liste. Die Kolonne war vollzählig in Korkino angekommen. Jetzt konnte der Einmarsch der Glieder, immer zu fünf in der Reihe, beginnen. Wieder wurde gezählt. Und jetzt geriet ein Glied in ein kleines Durcheinander und am Ende fehlte ein Mann. Die Aufregung steigerte sich mit jedem Augenblick. Die Lagerwachmannschaft weigerte sich, das Protokoll der Übergabe zu unterschreiben. Und das Zählen begann von vorne. Endlich stimmte die Zahl und man unterzeichnete das Protokoll. Gerhard und die anderen Männer aus Orenburg waren jetzt in Korkino angekommen, zur Erfüllung der ehrenvollen Pflicht ihrer Heimat gegenüber.

Innerhalb der Umzäunung standen niedrige Baracken für die Trud-

S. 20

armisten. Jede Baracke faßte dreihundert Mann. Als Betten hatte man dreistöckige Pritschen aufgebaut und jeder bekam so eine Lagerstelle, die von jetzt an sein Zu-Hause sein würde. Es gab keinen Stuhl, keinen Tisch, keine Bank, kein privates Plätzchen, nur das Lager. Auf der Pritsche lagen ein Strohsack und ein Kissen. Beide waren mit Stroh gefüllt, und darauf eine leichte Decke. Das Bündel mit den wenigen Habseligkeiten von zu Hause lag nun auf dem Bett, ganz oben auf dem dritten Stock der Pritsche. Gerhard war glücklich, sein Bett oben zu haben, denn oben hatte man doch etwas mehr persönliche Freiheit als unten, wo man immer auf deinem Bett saß und von oben fiel auch immer alles auf die unteren Bettgestelle.

Am schlimmsten waren die Wanzen, die in jeder Ritze, zwischen den Brettern und unter dem Strohsack hausten. Wenn es dunkel war, liefen diese Blutsauger überall herum und plagten die Menschen. Sobald das Licht eingeschaltet wurde, ließen sie sich von den oberen Brettern fallen und landeten auf den anderen Brettern darunter. Dadurch vermehrten sich die Plagen für den Inhaber der untersten Pritsche enorm.

Zwischen zwei Pritschen war ein enger Gang, etwa ein Meter breit und auf diesem engen Raum bewegten sich sechs erwachsene Männer mit allem, was sie besaßen, morgens, wenn sie aufstanden und abends wenn sie schlafen gingen. Hier hatten sie alles, was ihnen noch gehörte, in dem kleinen Bündel unter dem Kissen verstaut. Gerhard sah sich sein Bett und seine Umgebung an und eine unbeschreibliche Traurigkeit überfiel ihn.

Der erste Abend senkte sich über Gerhard und seine Freunde im Lager von Korkino. Die schon älteren Trudarmisten kamen abgearbeitet, völlig erschöpft ins Lager. Sie waren zwölf Stunden im Stollen gewesen und hatten Kohle gegraben, Gestein gesprengt, Stützen gestellt und Kohle gefahren. Ihre Lampen an der Stirne brannten noch und zeigten ihre schwarzen Gesichter in der Dämmerung. Langsam löste sich die graue Menschenmasse auf und verschwand in den niedrigen, langgestreckten Baracken des Lagers.

Es war schon dunkel, als das Signal zum Abendessen gegeben wurde. Anstatt einer Glocke, schlug man mit einem Stück Eisenrohr gegen ein Stück Eisenbahnschiene und alle strömten in den Speisesaal, in dem lange, schmale Tische standen. Jeder hatte seinen Eßnapf und Löffel mitgebracht und empfing sein Essen, das aus einer Suppe und aus Hirse, Buchweizen, oder auch aus Kartoffelbrei bestand. Die Brotration wurde in drei Stücken, jeweils 200 Gramm, ausgegeben. Ein Stück bekam man am Morgen, das zweite Stück war für die Mittagspause gedacht und das dritte Stück sollte am Abend gegessen

S. 21

werden. Das Mittagsbrot wurde aber meistens schon am Frühstückstisch gegessen. Man war hungrig und das Brot in der schmutzigen Manteltasche war eine unwiderstehliche Versuchung. Man aß dann eben nur zweimal am Tage.

Hinab in den Stollen

Gerhard stand zum ersten Mal in der Reihe, um sein Essen zu empfangen. In der Schlange zu stehen, sei es vor dem Laden oder sonst irgendwo in der Stadt, hatte er schon oft getan, aber wegen einer Suppe am Abend, nein, das war für ihn etwas ganz Neues. Bedrückt und niedergeschlagen setzte er sich an den Tisch. Er kannte nur hin und wieder einen Kumpel in seiner Nähe. Jeder war mit dem Löffeln der Suppe beschäftigt.

Schließlich wandte sich sein Gegenüber an ihn mit der Frage:

„Du bist wohl einer der Neuen?"

„Ja, erst heute nachmittags angekommen."

„Woher?"

„Aus dem Orenburger Gebiet, aus den deutschen Siedlungen."

„Ich weiß, wir haben schon mehrere von dort. Eure Jungs arbeiten hier schwer, aber dafür halten sie auch nicht lange aus. Man muß sich zu schonen wissen und das haben die wenigsten eurer Männer gelernt. Und dann sind sie so naiv, wie man es nur sein kann. Sie glauben an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit! Sie sagen bei der Angabe der Tagesleistung immer die Wahrheit und dabei kommt man nicht weit. Man kriegt eine kleinere Brotration, das Taschengeld wird weniger und dann ist man sehr bald am Hungerstrang und die Arbeitsleistung wird wieder kleiner und das Brot nimmt ab. Dazu kommen die Anpöbeleien der Brigadiere und Aufseher und sie werden häufiger und gehässiger. Nein, hier lebt man anders als in der Freiheit. Hier ist jedem sein eigenes Hemd am nächsten. Das müßt ihr Neuen schnell lernen, ehe es zu spät ist."

Eine Lebensweisheit wie diese war für Gerhard etwas ganz Fremdes und er wußte, daß er nach den Regeln dieses erfahrenen Trudarmisten nicht leben könnte. Seine Erziehung von zu Hause aus lehrte ihn etwas ganz anderes. Er erinnerte sich zu genau an das Sprichwort, das seine Mutter ihn und seine Brüder immer gelehrt hatte: „Üb' immer Treu und Redlichkeit!" Und danach wollte er leben, so gut und so lange er es konnte. Er hatte seine Suppe und den Brei gegessen. Das Brot würde er später auf seinem Bett in aller Ruhe genießen. Seine Bettnachbarn waren schon vom Essen zurück, als Gerhard sich zwischen den Leuten hindurchzwängte. Man unterhielt sich über die verschiedenen Ereignisse des Tages. Gerhard kletterte auf sein Bett und legte sich lang hin.

S. 22

In diesen Betten entkleidete man sich nicht, man zog die Schuhe aus und streckte sich aus.

Er schloß die Augen und dachte an zu Hause. Er war erst einige Tage von zu Hause weg und schon glaubte er, Monate lang weggewesen zu sein. Es schien, als wäre er schon lange nicht mehr im Klassenzimmer gewesen. Und dabei sollte er morgen um sieben Uhr zum ersten Mal den Förderkorb besteigen und in den Schacht fahren. Ja, morgen würde er den Beruf eines Bergmanns ergreifen. Und welch ein Unterschied zwischen Lehrerberuf und Bergmann! Ab morgen würde er Kumpel unter Kumpeln sein. Es würden ganz neue Erfahrungen auf ihn zukommen. Schwer, sehr schwer würde es ihm fallen. Zu schade, daß ihm niemand ein tröstendes „Glückauf!" zurief. Welch ein Wechsel! Aber es war Krieg und da mußte man mit allem rechnen.

Jetzt würde die Mutter sich auch bald in ihr Zimmer zurückziehen und wie immer in der Bibel lesen und dann würde sie, wie immer, am Bett niederknien und alle ihre Sorge, allen Kummer vor Gott niederlegen. Das machte sie, so lange Gerhard sich an Mutter erinnern konnte. Sie nahm alle ihre Kraft aus Gottes Hand, und das würde sie auch heute tun. In ihren Gebeten vergaß sie nie für ihre Kinder zu beten. Sie dachte an Heinz, von dem sie seit Kriegsanfang keine Nachricht mehr hatte, sie nannte alle anderen und bat für sie um den Schutz und Beistand Gottes und vor allen Dingen bat sie um die Gnade, daß ihre Kinder doch zu der Erkenntnis kämen, daß sie von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes abhängig sind.

Gerhard wußte genau, daß seine Mutter auch an ihn denken würde und das brachte ihm Ruhe und Frieden in dieser ersten Nacht in Korkino. Ja, so sagte er sich immer wieder, daß die Gebete der Mutter ihm und seinen Geschwistern stets ein Leitstern gewesen wären und das würde doch sicher auch weiterhin so bleiben.

Sechs Uhr morgens. Das Stück Eisenbahnschiene rüttelt alle wach: die Wachmannschaft und auch die Trudarmisten. Noch ist alles dunkel, draußen und auch in der dürftig beleuchteten Baracke. Alles wird jetzt lebendig, denn die Nachtschicht wartet auf Ablösung. Waschen und rasieren braucht man sich morgens nicht, das kann man auch am Abend machen oder an Ruhetagen, wenn es welche gibt. Schnell ißt man sein Frühstück, wieder eine Suppe, aber ohne den üblichen Brei, der die meisten Kalorien enthält. Das Stück Brot zum Mittagessen wird auch sofort gegessen oder in der Jackentasche verstaut.

Um dreiviertel sieben läutet die Schiene wieder zum Antreten und der Abmarsch beginnt. Langsam bewegt sich die Kolonne durch das Lagertor und die Männer werden von den NKWD-Mannschaften gezählt und abgeführt.

S. 23

Der Marsch durch den grauen Morgen und durch die verschneiten Straßen ist nicht weit, aber durch den langsamen Schritt und begleitet von Schreien und Flüchen der Konvois scheint er eine halbe Ewigkeit zu dauern. Gerhard und die anderen Neuankömmlinge sind noch nie in einer Kohlengrube gewesen und jetzt stehen sie wieder vor einem schweren Tor in einem Stacheldrahtzaun und gleich dahinter erhebt sich der Förderturm, aus dem ein ständiger Strom von Steinkohle fließt und nur beim Schichtwechsel kommen aus dem Förderkorb die Trudarmisten, die Bergleute, ans Tageslicht. Die Arbeitsbrigaden, so nennt man hier die kleinste Einheit der Kolonne, besteigen schweigend den Förderkorb und schon geht's hinunter in die Tiefe, hinein in den Stollen.

Gerhard wird einer Gruppe von erfahrenen Bergleuten zugeteilt. Er soll ab heute Bergmann werden. Es wird viel zu lernen geben, denn das Bergwerk ist ein komplizierter Bau und der Beruf verlangt eine Menge von Kenntnissen und allerlei Fertigkeiten. Heute soll er lernen, wie und wo man die Stempel setzt, um den Oberbau des Stollens abzusichern. Es ist eine gefährliche Arbeit und zugleich eine äußerst verantwortliche Aufgabe, die Gerhard in den nächsten Tagen schon wird lernen müssen. Er hoffte nur, daß er diese Periode seines Lebens wohl behalten bestehen könnte, wenn ihm bei seiner ersten Abfahrt in den Schacht auch niemand ein freundliches „Glückauf" zugerufen hatte.

Gerhards Schicht war um sieben Uhr abends zu Ende. Die ungewohnte Arbeit, der magere Bissen nassen Brotes und die unfreundliche Behandlung von den freien Vorgesetzten ließen den Tag lang werden. Müde schleppten sich die mit einer dicken Schicht von Kohlenstaub bedeckten Männer ihrer Baracke zu. Am liebsten wäre Gerhard gleich auf seine Pritsche geklettert und hätte sich zur Ruhe begeben, um einzuschlafen und an nichts, an gar nichts mehr, zu denken. Aber da war ja der Morgen mit seinen neuen Sorgen und Aufgaben und wehe, man kroch nicht aus dem Bett, wenn die Schiene über den Hof und über die Zäune und Dächer bimmelte. Da mußte man wieder mit, und man mußte sogar bei guten Kräften sein und seine Norm erfüllen, wollte man den nächsten Tag wieder essen. So ging es jeden Tag und so sollte es nun auch in Zukunft gehen, Tag für Tag, bis der Krieg zu Ende ist oder bis man mit seiner Kraft zu Ende gekommen ist. Mit diesen Gedanken begab er sich in die Waschräume und bereinigte sich schnell und dann rief man auch schon zum Essen und zum Brotempfang.

S. 24

Die Brüder treffen sich

Die Familie Siebert zählte zu Hause noch vier Personen. Von Gerhard kam nur selten Post und von Heinz fehlte noch immer jedwede Nachricht. Das Leben in der Kolchose ging seinen alten Gang. Jedermann war bei der Ernte, denn das Land brauchte Nahrung für die Städte, für die kämpfende Armee. Die Ansprüche wurden immer größer.

Im Westen des riesigen Reiches verlor man immer mehr Industriewerke aller Art und niemand hatte eine Ahnung, wie lange diese Rückzüge der Roten Armee noch anhalten könnten. Das Hinterland wurde mobilisiert, mit allem was es hatte, die Verluste im Westen wieder im Osten aufzubauen und zu ersetzen. Die Anstrengungen der sowjetischen Völker waren längst über das angenommene Maß hinausgestiegen. Diese Anstrengungen wurden noch größer, als man erst merkte, daß Hitler nicht nach Rußland gekommen war, die Völker zu befreien, sondern sie für die Ziele Großdeutschlands zu unterjochen und einzuspannen. Das sowjetische Volk mußte von zwei Übeln eines wählen: Hitler kannte man nicht; Stalin kannte man und man entschied sich für Stalin.

Die Mobilisierung der Zivilbevölkerung nahm weitere Ausmasse an und wieder kamen die Stellungsbefehle in die deutschen Siedlungen. Dieses Mal traf es die Siebzehnjährigen, die kaum aus der Schule waren. Hans Siebert bekam im Spätsommer 1942 seinen Stellungsbefehl, als er sich morgens anschickte, mit seinem Traktor aufs Feld zur Erntearbeit hinauszufahren.

Die Stellungsbefehle und die Verabschiedungen waren jetzt schon täglich auf der Tagesordnung und sie verursachten nicht mehr die gleiche Reaktion wie in den früheren Monaten. Man hatte sich leergeweint und fast schien es so, daß man den Schmerz nicht mehr so fühlte wie einst. Man hatte so oft geweint — erst, als die Väter geholt wurden, dann die ältesten Söhne und dann wieder die älteren Söhne, die noch verblieben waren und jetzt waren die Siebzehnjährigen an der Reihe. Auch sie sollten ihr Opfer bringen — für den Krieg, den sie nicht gewollt hatten, für Väterchen Stalin und für die Heimat. So sagte man es in den Zeitungen, so hörte man es aus den Lautsprechern des Radios.

Auch Hans Siebert wurde gerufen und Mutter Siebert brachte wieder ein Opfer. Sie war nun schon fast zur stillen Dulderin geworden. Drei Söhne hatte der Krieg von ihr verlangt. Wieviel Leid kann denn schließlich ein Mutterherz ertragen!? Mutter Siebert trug ihren Kummer, denn noch hatte sie zwei Kinder, für die sie leben

S. 25

mußte und zudem bestand ja immer noch die Hoffnung, daß ihre Söhne einst wiederkommen würden.

Hans Siebert ging mit seinen Freunden denselben Weg, den auch Gerhard gegangen war. Das Schicksal wollte es so, daß auch er nach der Reise in den Norden auf dem Bahnhof der Endstation den Namen „Korkino" erblickte. Der Marsch vom Bahnhof in das Lager für die nächsten Jahre endete in demselben Lager, in dem auch Gerhard seit Anfang des Jahres 1942 war.

Auch für Hans öffnete sich das knarrende Tor und er wurde als Nummer von einer Wachmannschaft an die andere übergeben. Die Nachricht von der Ankunft der Neulinge verbreitete sich rasch durch die Baracken. Bei so einer Nachricht lief jeder ans Tor, um unter den Neuen jemand aus seinem Verwandten- und Bekanntenkreis zu erblicken und auf so einer Art etwas von zu Hause zu erfahren. Die Nachrichten aus dem Heimatdorf waren ja so spärlich. Briefe durfte man wohl schreiben, aber wer hatte nach den langen Arbeitstagen noch Lust und Kraft zum Schreiben? Und wenn man schrieb, so ging die Post so langsam, weil die Zensur so viel Zeit in Anspruch nahm und dadurch ging manch ein Brief verloren, weil er einfach nie aus dem Büro des NKWD-Chefs herauskam.

Die Anweisungen über den Briefverkehr waren streng, denn wer wußte schon, was die Trudarmisten nach Hause berichteten. Wer kannte ihre Stimmung? Briefe in die Heimat würden sicherlich vieles an Interessantem über den inneren Zustand der Belegschaft des Bergwerks zu bieten haben. Besondere Vorsicht ließ man bei diesen Deutschen walten. Sie könnten so leicht etwas Kriegswichtiges aus diesem Industriegebiet schreiben.

„Hans, Hans Siebert! Hier ist dein Bruder Gerhard! Hörst du mich?" schrie Gerhard aus vollem Hals.

Hans sah sich nach allen Seiten um und konnte Gerhard in der gleichmäßigen Menge nicht erkennen. Sie hatten sich schon lange nicht gesehen und die Arbeit unter Tage im Bergwerk hatte Gerhard stark mitgenommen und äußerlich verändert.

Plötzlich erkannte Hans seinen lieben Bruder. Welch ein Zufall, daß Hans in dasselbe Lager kam, in dem Gerhard jetzt schon fast ein Jahr lang hauste und arbeitete.

„Mensch, Hans, wie kommst du hierher? Ist das nicht ein wahres Glück, daß wir jetzt zusammen sein werden? Natürlich, ist es traurig, daß du nun auch in diese Verhältnisse gekommen bist. Andererseits ist es aber eine wahre Fügung Gottes, so würde unsere Mutter dieses Treffen nennen, daß wir uns jetzt gegenseitig als Stütze haben, statt immer allein zu sein. Weißt du, Hans, ich bin in dieser Zeit hier sehr

S. 26

einsam, sehr allein gewesen. Das wird jetzt anders werden. Wie sieht es zu Hause aus?"

„Zu Hause? — Traurig sieht es aus. Die Männer sind alle fort. Frauen und Kinder müssen die Arbeit tun und da bleibt so vieles ungetan, was man unbedingt tun sollte. Unsere Mutter ist soweit gesund. Ihre Drüsenschwindsucht greift sie weiter nicht an. Sie muß natürlich schwer arbeiten, aber da ist sie ja keine Ausnahme. Alle müssen jetzt feste zupacken. Der Krieg hat alle in seine rauhen Hände genommen und nun hobelt er sie alle gleich, ohne Erbarmen und ohne Gefühle zu zeigen. Wenn unsere Mutter wüßte, daß wir hier zusammen sind, oder wenn sie auch nur geahnt hätte, daß wir uns treffen würden! Ja, die Arme wird immer stiller und genügsamer. Die bringt wahrscheinlich das größte Opfer. Drei ihrer Söhne hat ihr der Krieg bis jetzt genommen. Für irgend eine Mutter ist das viel, viel zu viel.

Sonst herrscht zu Hause die Not. Sieh, wir müssen alles abliefern, was wir in der Kolchose produzieren. Wir haben ja noch immer die Kuh, aber von der Milch bleibt uns nur ganz wenig. Jeden Morgen tragen wir sie weg. Auf der Sammelstelle wird der Fettgehalt geprüft, denn man versucht, die Milch mit Wasser zu verdünnen. Wenn jemand bei einer Stichprobe erwischt wird, so muß er schwere Strafen für den Betrug am Staat hinnehmen.

Mit der Fleischlieferung geht es nicht anders. Erst versuchte Mutter es mit einem halben Schwein. Sie behielt die eine Hälfte und der Nachbar nahm die andere. Das Schwein des Nachbarn wurde abgeliefert. Diese Nahrungsquelle ist ausgefallen, weil es kein Futter für das Schwein gibt. Aus diesem Grunde schafften wir uns Kaninchen an und die dienen jetzt als Fleischlieferanten. Da ich jetzt weg bin, ist niemand da, der die Viecher füttern wird.

Dasselbe Bild ist im Hühnerstall. Die paar Eier, die die Hühner legen, gehen erst an die Kolchose und was übrigbleibt, ist für uns. Es bleibt nicht viel."

„Und Peter und Tina? Wie geht es ihnen?" wollte Gerhard wissen.

„Peter und Tina, denen hat der Krieg auch ein Schnippchen gespielt. Niemand bleibt unberührt. Peter hat die Schule verlassen, weil man mit dreizehn Jahren heute schon arbeitsfähig ist. Er arbeitet in der Viehfarm, d.h. er hütet Kühe, Kälber und anderes Vieh der Kolchose. Tina mit ihren elf Jahren ist einstweilen noch in der Schule, aber mit dem Unterricht will es nicht so richtig klappen. Die Kinder arbeiten zu Hause mit und die Lehrer werden von unausgebildeten Leuten ersetzt. Der böse Krieg ist überall zu spüren."

„Alle neueingetroffenen Männer antreten!" schrie man plötzlich über den Lagerhof. Hans und Gerhard trennten sich. Aber Gerhard

S. 27

verließ die Neuangekommenen nicht. Als Hans seine Baracke zugewiesen bekommen hatte, gingen sie beide an Hans' Bettstelle und Gerhard, der nun schon Erfahrung als Trudarmist hatte und daher als ein „alter Hase" angesehen wurde, konnte seinem jüngeren Bruder manchen hilfreichen Rat geben. Wenn sie auch nicht in derselben Baracke wohnten und auf verschiedenen Arbeitsplätzen waren, so waren sie doch immer noch in der Lage, sich zu besuchen und sich gegenseitig zu trösten. Allein schon das Wissen, einen leiblichen Bruder im Lager zu haben, war eine unüberschätzbare Stärkung. Gerhard war wahrhaftig froh, jemand aus seiner eigenen Familie bei sich zu haben.

Schon am nächsten Morgen zog Hans mit den vielen anderen in die Grube hinein. Rüstig packte er das Werkzeug und begann an der Erfüllung der Tagesnorm zu arbeiten. Hier war er nun bedeutend besser dran als sein Bruder, der in den letzten Jahren kaum physisch gearbeitet hatte. Hans hatte Übung in körperlicher Arbeit. Das war hier ein besonderer Vorzug. Was Hans an körperlichen Vorteilen besaß, machte Gerhard mit seiner inneren Ruhe und Gelassenheit wieder wett. Sie tauschten sich gegenseitig in ihrer Verschiedenartigkeit aus und das allein machte ihr Los erträglicher. Hans gewöhnte sich schnell an die neuen Verhältnisse und fand sich auch auf der Arbeitsstelle bald zurecht.

So oft die Brüder Gelegenheit hatten, besuchten sie sich gegenseitig. Es gab ja auch sonst nichts zu tun, als arbeiten, essen und schlafen. Bei den Besuchen kam man zuerst auf das Thema ‚Nummer eins' zu sprechen — Essen! Der Hunger lenkte die Gedanken der Männer an die Erinnerungen vom Essen. Dann reihte man die verschiedenen Gerichte von zu Hause, aus besseren Zeiten, auf und im Geiste sah man sich am Tisch mit den leckeren Sachen sitzen. Der Gesichtsausdruck ließ erraten, wie herrlich jene Mahlzeiten von dazumal geschmeckt haben müssen. Das Wasser lief den beiden Brüdern im Munde zusammen. Ihre Augen leuchteten hell auf.

„Wie unsere Mutter es schaffte, immer etwas auf den Tisch zu bringen, als alles so knapp wurde, ist mir immer ein Rätsel geblieben," sagte Gerhard.

„Ja," erwiderte Hans, „auch ich wunderte mich, woher die Speisen kamen. Weißt du noch, wie wir nach einigen Tagen Hungerkur plötzlich Hirsegrütze im Hause hatten?

Das war so, Gerhard. Mutter hatte doch noch immer ihr Puppenzimmer mit Puppe und allem anderen Drumunddran aus ihrer Kindheit in der Großen Stube behalten. Wir Jungen durften nie damit spielen. Es stand da und wartete auf den Tag, wenn Tina alt genug sein

S. 28

würde, ihr Erbe anzutreten. Eines Tages fehlte die Puppe. Aber dafür hatten wir eine Hirsesuppe auf dem Tisch. Mutter hatte sich von ihrem Puppenzimmer gelöst. Erst ging die Puppe mit ihrem lachenden Porzellangesicht und dann in Abständen die einzelnen Möbelstücke, eines nach dem anderen."

Gerhard schwieg.

„Geklagt hat sie darüber nie."

Das bittere Los

Der Frühling 1943 kam ins Land. Stalingrad, die Stadt an der Wolga, war gefallen und für die Deutschen war die verlorene Schlacht mit den großen Verlusten an Menschen und Kriegsmaterial zum Anfang ihrer Niederlage geworden, während für die Sowjetunion Stalingrad zum Anfang des Sieges über Deutschland und seine Verbündeten wurde. Auf beiden Seiten war es aber erst ein Anfang. Die folgenden zwei Jahre sollten noch furchtbar schwierig und kostspielig sein.

Der Rückzug der deutschen Wehrmacht und der Vormarsch der Roten Armee verwüsteten das Land und zerstörten die Städte und trieben die Bevölkerung in immer größere Not. Die Anforderungen an die Landbevölkerung wurden von Tag zu Tag größer.

Ende 1943 kam man wieder in die ländlichen Gegenden und auch in die Kolchosen von Orenburg. Dieses Mal traf das bittere Los die fünfzehn- und sechzehnjährigen Jungen.

Peter, der vierte Sohn von Mutter Siebert, mußte einrücken. Man holte ihn genau so überraschend und schnell, wie seine Brüder vor ihm. Wie sollte er in dieser gefährlichen und bösartigen Welt bestehen? Er war ja eben erst dem Kindesalter entwachsen. Arbeiten, ja, was könnte er schon tun? Mit fast gebrochenem Herzen begleitete Mutter Siebert ihn wieder bis zur Straße und dort mußte sie ihn an den vorgefahrenen Lastwagen abgeben.

Auch Peter kam zum Bahnhof von Orenburg. Auch auf ihn warteten die roten Güterwaggons mit den weitgeöffneten großen Türen. Sie stiegen ein, in diese Viehwagen, und die Türen wurden verschlossen. Ohne lange Verzögerung fingen die Räder an zu rollen und klapperten unentwegt die Gleise entlang.

Dieses Mal rollten die mit Menschen beladenen Waggons schnurstracks in den Norden hinein, weiter, immer weiter. Erst nach ungefähr fünfhundert Kilometern Bahnfahrt hielt der Zug. Auch dieses Mal kannten die jungen Trudarmisten ihr Endziel nicht. Als sie die Waggons verließen, erfuhren sie, daß sie in der Stadt Perm (Molotow) angekommen waren.

S. 29

Sie waren in der Taiga mit ihren unendlich ausgedehnten Waldgebieten. Hier brauchte man Arbeiter für die Fabriken und als Holzfäller. Dazu, so sagte man, brauche man keine besonderen Kenntnisse, nur starke Arme und die Halbstarken aus den deutschen Kolonien würden mit der Arbeit schon fertig werden. Das Lager befand sich außerhalb der Stadt. Aus Mangel an Wachmannschaft und auch aus wirtschaftlichen Gründen hatte man das Lager mitten im Walde angelegt.

Die Gegend um Perm war nur ganz dünn besiedelt. Man fand nur Wald, Sümpfe und Seen. Nach Perm führte nur eine Bahnlinie aus dem Süden und zwei weiter in den Norden hinein. Eine Straße verband Perm mit der Stadt Kungur im Südwesten. Zwischen diesen Verbindungsstraßen lagen im Sommer unüberwindliche Sümpfe und im Winter undurchdringliche, verschneite Wälder, in denen sich „die Wölfe und andere Tiere Gute Nacht sagen." Perm und die Gegend um Perm eignete sich ideal für den Aufenthalt gezwungener Arbeitskräfte. Man bewachte nur die wenigen Zu- und Ausgänge um die Stadt und den Rest besorgte die Natur. Im Sommer standen die Sümpfe auf der Wacht und im Winter hielt der Wald die Wacht um die Lager. Wer einmal in Perm gelandet war, kam ohne Erlaubnis nicht mehr in die Freiheit. Nahm er Zuflucht zur Bahn, so wurde er auf den wenigen Bahnhöfen festgenommen und zurück ins Lager gebracht. Floh man im Sommer und glaubte, man käme durch das Sumpfgebiet, so täuschte man sich, denn das gesamte Gebiet war unpassierbar in der heißen Sommerzeit: der Morast und die Miriaden von Ungeziefer hielten ihre Opfer fest. Entschloß man sich zur Flucht im Winter, so taten der Schnee und die Bärenkälte ihre Wächterdienste. Man fand keine Nahrung und noch seltener eine Unterkunft. Wenn in die weitvoneinanderliegenden Orte einmal ein Fremder kam, wußte man sofort, daß er ein Flüchtling war und er wurde ohne Verzug an die Miliz ausgeliefert, denn wer war hier schon willens, sein Leben für einen anderen zu geben.

Die Insassen des Lagers kamen aus allen Gebieten der Sowjetunion. Die Arbeit war hier angenehmer als in den Bergwerken bei Korkino. Man war hier an der frischen Luft und man brauchte nicht so sehr um den Verlust seiner Gesundheit zu fürchten.

Peter wurde einer Waldbrigade angeschlossen, in der er als einer der Schwächsten mit Pferden die Stämme aus dem Wald zu schleppen und sie in bestimmte Längen zu schneiden hatte. Das Stapeln der Stämme machte er mit anderen Trudarmisten zusammen. Diese Arbeit hatte im Sommer noch einen anderen Vorteil: man sammelte allerhand Beeren und Pilze, mit denen man die magere Kost verbessern konnte. Da Peter Deutsch beherrschte, gab es für ihn auch eine andere Auf-

S. 30

gabe. In einem Lager neben dem Lager für Zivilisten gab es deutsche Kriegsgefangene. Wenn es für sie eine neue Arbeit gab, wurde Peter gerufen und er wurde dann für bestimmte Zeiten als Dolmetscher eingesetzt. Diese Tätigkeit schonte seine jungen Kräfte und gab dem monotonen Leben im Lager für Zivilisten eine gewünschte Abwechslung.

Diese Begegnung mit den feindlichen Soldaten ließ Peter erkennen, daß es eine Kehrseite zum Krieg gab. Die deutschen Soldaten waren zunächst einmal genau solche Menschen wie auch die Völker der Sowjetunion. Die Deutschen hatten genau solche Gefühle der Angst, der Sorge um ihr eigenes Leben und um das ihrer Lieben irgendwo in Deutschland. Sie waren nicht aus eigenem Willen in die Sowjetunion gekommen, sondern sie kamen, weil es eine Regierung in ihrem Lande gab, die die Vernichtung der Sowjetunion beschlossen hatte. Sie, die deutschen Soldaten, wären viel lieber bei ihrer Arbeit auf ihren Bauernhöfen geblieben, als in Rußland Tod und Verderben zu bringen und selbst den Tod zu finden. Peter fand, daß die deutschen Gefangenen genauso sehnsüchtig wie er und die anderen Trudarmisten nach dem Ende des Krieges ausschauten. Er bedauerte nur, daß man die andere Seite des Krieges in der Sowjetunion nicht kannte, denn wenn sich die Feinde besser kennen würden, dann würden sie sich weit besser verstehen und der Friede zwischen den Völkern würde nicht eine niezuerreichende Utopie sein, sondern eine greifbare Realität. Was konnte Peter hier im Wald für den Frieden tun?

Mutter Siebert nimmt Abschied

Wenige Wochen nach Peters Abreise kam man Ende 1943 wieder mit einer Hiobsbotschaft ins Land. Mehr Menschen, weit mehr Arbeitshände wurden benötigt. Die männlichen Personen waren nun alle genommen. Nur noch Kinder waren zurückgeblieben. Die Reihe war jetzt an die Frauen gekommen. Jetzt sollten sie ihre absolute Pflicht erfüllen. Alle Frauen im Alter von fünfzehn bis fünfzig sollten sich für den Einsatz in den Betrieben fertigmachen. Eine Ausnahme bildeten nur diejenigen, die noch Kleinkinder zu Hause hatten.

Mutter Siebert bekam auch ihren Stellungsbefehl, wie ihn ihre vier Söhne vorher bekommen hatten. Vier Söhne hatte sie zur Verteidigung des Landes abgegeben. War das Maß des Opfers immer noch nicht voll? Wäre sie allein gewesen, sie hätte den Befehl ohne Murren angenommen, aber da war ja noch Tina, ihre Tochter von elf Jahren. Die mußte zu Hause bleiben. Wie sollte das wohl werden? Mit elf Jahren ganz allein im Hause? Wer wird für sie sorgen? Wer wird sie erziehen und beraten? In diesen Tagen betete Mutter Siebert inbrün-

S. 31

stiger als je für ihre Kinder. Inniger als sonst flehte sie um Beistand für ihre Söhne, für ihre Tochter und für sich.

Nur einmal war sie zusammengebrochen und das war, als ihr Mann 1933 starb. Es war damals alles so dunkel, so aussichtslos. . .

Mit dem Umzug aus Dolinowka nach dem Dorf Kubanka war Mutter Siebert so ziemlich entwurzelt. Ihre Freunde und Bekannten waren in Dolinowka zurückgeblieben. In Kubanka war sie die Fremde, die sozusagen keine Beziehungen zu den anderen hatte. Bittere Not zog in ihr Haus ein. Die einzigen Brotverdiener waren die Kinder Heinz, Hans und Gerhard, von denen Heinz mit seinen kaum zwölf Jahren der älteste war.

Das Jahr hindurch waren sie in der Schule. Nur in den Sommerferien hatten sie Gelegenheit zu arbeiten, um wenigstens einige Arbeitstage im Jahr zu verdienen. Es gelang der Mutter, den Vorsitzenden der Kolchose zu überreden, ihre drei Söhne als Kälberhirten für den Sommer anzustellen. Diese Arbeit war ständig, jeden Tag, am Werktag und am Sonntag. Das sollte schon einige Arbeitseinheiten bringen!

Die Arbeitszeit begann früh am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, gleich nach dem das Großvieh zur Weide getrieben worden war. Mit Sonnenuntergang kam die Kälberherde wieder ins Dorf zurück. Es war ein langer Arbeitstag für die Kinder. Was die drei Brüder damals, 1933, an Tränen vergossen haben!

Besonders schlimm wurde das Kälberhüten an den heißen Augusttagen. Die großen Stechfliegen setzten sich auf den Rücken der Kälber fest und piesackten die Biester nach bestem Können und Vermögen. Dann merkte man den Andrang des Aufkommens des Sturms über die Kälberherde, wenn eines der achtzig Kälber den langen Schwanz hochstellte. Das war das beste Warnzeichen für eine wüste Lauferei. Das Kalb schlug irgendeine Richtung ein und lief, was Zeug und Leder hielt. Die anderen Kälber reihten sich ein und liefen in andere Richtungen. Und die drei Hüter mit ihren Peitschen versuchten die Viecher zurückzuholen. Aber vergebens, ihre Beine waren zu kurz und ihre Kräfte waren wegen der mageren Kost viel zu gering, um den Wettlauf mit den Kälbern zu gewinnen.

Bis zum Abend waren alle Kälber wieder beisammen und alle zogen friedlich die Dorfstraße entlang ihren Ställen zu. Kein einziges Tier durfte fehlen.

Auch dieser Sommer ging zu Ende und zum Winter hatte Mutter Siebert ihre Hälfte des Hauses verkauft und ein halbes Haus in Dolinowka erworben. Die Familie konnte nun wieder in ihre frühere Heimat zurückziehen. Die Sorgen und der Kummer kamen aber mit nach Dolinowka und sie hielten Mutter Siebert festumschlungen.

S. 32

Da Peter und Tina noch zu Hause waren und die ständige Aufsicht der Mutter brauchten, konnte Mutter Siebert erst dann übernehmen, wenn die größeren drei aus der Schule kamen. So eine Arbeit war die Stelle des Nachtwächters im Kuhstall. Tag für Tag, das runde Jahr hindurch tat Mutter Siebert diesen Dienst in dem Stall. Abwechselnd nahm sie ihre Jungen mit, damit sie mit der Angst und der Eintönigkeit nicht so allein sein mußte. Ihre Lieder, sie sang sie gerne, verkürzten ihr die langen und kalten Winternächte.

Heute schien es aber noch weniger Hoffnung zu geben als damals vor zehn Jahren. Jeder war auf sich selbst angewiesen und menschlich gesehen, war sie mit ihrer Familie am Ende. Die Familie löste sich auf und drohte zu verschwinden. Die einzige Vertreterin war jetzt noch zu Hause Tina, ein elfjähriges Mädchen, ohne Schutz und ohne Hilfe. Wohl gab es in den anderen Ortschaften Verwandte und Bekannte, die Tina gerne aufgenommen hätten. Es müßte aber jemand im Hause bleiben; auf die Wirtschaft, so klein diese auch war, mußte jemand achtgeben. Es könnte ja bald jemand nach Hause kommen und da müßte doch jemand zu Hause sein. Jemand müßte die Wohnung und den Hausrat zusammenhalten. Es gab nur diesen einen Ausweg.

Schweren Herzens ging Mutter Siebert zu ihrer Nachbarin, die mit Sieberts das Haus teilte. Helene Wiebe war ja durch all diese Jahre immer hilfreich und freundlich gewesen. Sie hatte ein Kleinkind zu betreuen und würde zu Hause bleiben. Ob sie sich Tinas annehmen wolle? Mutter Siebert brachte ihre schwere Bitte kaum über die Lippen.

„Natürlich will ich deiner Tochter mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir wollen schon zusehen, daß wir den Krieg hier zu Hause überleben. Viel größer ist die Frage, ob du und deine Jungen am Leben bleiben werdet. Ich und Tina, wir wollen für dich und die Deinen beten. Tust du dasselbe für uns?"

„Helene, du hast ja keine Ahnung, was für einen großen Stein du mir vom Herzen nimmst. Ich könnte Tina nicht allein lassen. Gott vergelte dir deine Liebe und Hilfsbereitschaft. Ich bleibe dir ewig in Schulden!"

Mit erleichtertem Herzen ging Mutter Siebert nach Hause, um sich für ihre Reise mit unbekanntem Ziel vorzubereiten. Niemand hatte eine Ahnung, wohin man die Frauen und Mädchen verfrachten würde.

„Tina, sitzt du immer noch hier? Sei getrost. Du und Helene Wiebe haben eine Lösung für dich gefunden. Tante Wiebe wird sich deiner annehmen und dir helfen

S. 33

und dich beraten. Du mußt natürlich auf ihren Rat horchen und tun, was sie dir sagt. Sieh, ab morgen bist du ganz allein von unserer Familie übriggeblieben, auf unser Haus, auf die Kuh, die Hühner und was sonst noch zu tun ist, aufzupassen. Du mußt zusehen, daß wir noch eine Bleibe haben, wenn deine Brüder und ich einst nach Hause kommen. Wir können doch nicht irgendwo auf der Straße bleiben. Kannst du das verstehen?" Mutter Siebert setzte sich zu ihrer Tochter.

„Ich weiß, es wird schwer sein, aber das alles legt uns der Krieg auf und wir, ich und du, deine Brüder und auch ich, wir müssen in diesen bitteren Apfel beißen. Du bleibst allein. Kannst du auch auf dich selbst achtgeben? Nicht nur du hast Angst, ich fürchte für dich fast mehr als für mich und die anderen. Eines mußt du aber nie vergessen: ich bete für dich und Gott wird meine Gebete schon hören."

Tina saß noch immer unbeweglich auf ihrem Platz. Müde hob sie die verweinten Augen zur Mutter empor und sagte mit zitternder Stimme: „Ich weiß nicht, Mama, wie ich das alles tun kann, aber ich werde versuchen. Wie gut, daß Tante Wiebe hier bleibt und daß ich bei ihr bleiben darf. Du kommst ja doch bald wieder, Mama, nicht wahr?"

Am nächsten Morgen begann in den vielen Häusern der Abschied. Ohne zu weinen, saß Mutter Siebert und wartete auf den Wagen, der sie abholen sollte. Tina hatte bei Mutter selten Tränen gesehen. Später glaubte Tina, es wäre für die Mutter leichter gewesen, wenn sie geweint hätte.

Der Wagen kam vorgefahren. Die Mutter wußte nicht, wie sie sich von ihrer Tochter verabschieden sollte. Sie nahm Tina beim Arm und sagte in ihrer weichen Stimme:

„Komm, setz dich noch eine Weile zu mir auf den Schoß."

Dann rief man die Mutter, und der Wagen nahm sie mit.

Auf manch einem Hof begann der Verfall oder hatte schon längst begonnen. Ohne den geringsten Widerstand, ohne auch nur zu murren, kamen die weiblichen Trudarmisten an die Straße, bestiegen weinend die Autos und die Fahrt ins Ungewisse begann. In Orenburg wurden wieder die üblichen Reden von Pflicht und Schuld gehalten. Man erinnerte die Frauen daran, daß es die deutsche Wehrmacht sei, die die Sowjetunion überfallen hätte, und daß sie als Deutsche durch ihren Beitrag nun Gelegenheit hätten, ihre Loyalität zur Heimat zu beweisen.

Eine pfeifende Lokomotive schob die üblichen Viehwaggons herbei und die Verladung konnte anfangen. Die Frauen, besonders die älteren, hatten Mühe, in die Waggons zu klettern. Jede richtete sich ein, so gut es ging. Sie saßen Schulter an Schulter. Jedes Privatleben

S. 34

hörte jetzt auf, jede Freiheit war ihnen genommen worden. Das einzige, das noch als Freiheit geblieben war, waren die Gedanken, die niemand erraten und knechten konnte.

Mutter Siebert saß auf dem Boden des Waggons und ging ihren Gedanken nach. Sie fragte sich, wohin Gott sie jetzt wohl führe. Unwillkürlich dachte sie an die Worte, die sie unlängst in der Bibel gelesen hatte: „... und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst."

Als sie noch jung war, damals in der Schule, da dachte sie daran, daß sie als Missionarin in den Osten, nach Indien, nach China, gehen möchte. Dann aber kam der Erste Weltkrieg und ihre Pläne wurden zerschlagen. Jetzt aber saß sie im Zug und rollte nach dem Osten, in eine Gegend, wo das Christentum noch unbekannt war, in eine Welt, in der man das „Vaterunser" noch nicht betete. Wie ganz anders hatte sich Mutter Siebert ihre Reise in den Osten gedacht.

Nach einer knappen Tagesreise hielt der Zug. Ob das hier wohl die Endstation ihrer Reise war? Tatsächlich, die Tür wurde zur Seite geschoben und das Kommando schallte in den Waggon: Aussteigen! Die Reihe der Waggons war dieses Mal lang. Die ersten Frauen kamen mit steifen Gliedern aus den Waggons, ihre Bündel hinter sich herschleppend.

Orsk

„Wo sind wir? Hat jemand schon den Namen der Stadt gelesen?" „Orsk, Orsk heißt die Stadt."

Die Stadt Orsk liegt ganz an der Grenze zwischen dem Orenburger Gebiet und der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Hier begann Kasachstan mit seinen großen Wüsten und dem äußerst kontinentalen Klima. Vor der Oktoberrevolution war Kasachstan von nomadisierenden Völkern, hauptsächlich Kasachen, besiedelt. Die Kasachen trieben meistens Schafzucht. Ihre großen Schafherden waren auch die Ursache des Nomadenlebens, denn das Klima brachte nur magere Weiden hervor und da zogen sie eben von Weideplatz zu Weideplatz.

Orsk ist eine Industriestadt, deren Grundlage die vielen Rohstoffe des Uralgebirges bildeten. Die Bedeutung dieser Stadt wuchs während des Krieges erheblich, denn die gesamte Industrie wurde auf Kriegsproduktion umgestellt. Die angekommenen Frauen sollten die Belegschaft in den Betrieben auffüllen und verstärken.

Mutter Siebert war Fabrikarbeit unbekannt. Auch hier arbeitete man laut Kriegsgesetz zehn Stunden täglich. Freie Tage gab es kaum, denn der Krieg tobte ja auch Tag und Nacht, jeden Tag, werk-

S. 35

und sonntags. Langsam schleppten sich die Tage durch die Jahre 1943 und 1944. Mechanisch stand Mutter Siebert morgens auf und mechanisch ging sie den Weg in die Fabrik und verrichtete dort ihre Arbeit. Solange sie gesund war und die Tagesnorm erfüllte, ging alles gut. Sie bekam ihren vollen Lohn und auch die vollen Lebensmittelzuweisungen. Es war nicht viel, aber wenn man von dem Lohn noch etwas auf dem schwarzen Markt hinzukaufen konnte, reichte es so leidlich aus, seine Kräfte zu erhalten. Still und ergeben ging Mutter Siebert ihren Weg. Nur hin und wieder, wenn sie an ihre Kinder dachte, konnte man Leben und Rührung in ihrem vergrämten Gesicht sehen. Von den Söhnen kam keine Nachricht und von Tina nur ganz selten.

Im Spätsommer 1944 wurde Mutter Siebert schwächer und nach einiger Zeit forderte die Drüsenschwindsucht das ihrige und sie konnte das Arbeitspensum nicht mehr leisten. Sie erhielt einen geringeren Lohn und die Lebensmittelration wurde gekürzt. Diese Maßnahme verschlechterte ihren Zustand noch mehr.

Zu diesem schwachen Gesundheitszustand kam noch die ständige Sorge um ihre fünf Kinder, die nun ganz selbständig in der Welt lebten. Besonders sorgte sie sich um Tina. Wie würde sie in diesen Zeiten der Not mit allem fertig werden? Ohne Verdienst, kein Geld, nur auf die Zuteilung aus der Kolchose angewiesen, sollte das Kind nun leben. Mutter Siebert konnte sich die Lage, in der sich ihre Tochter befand, kaum ausdenken. Müde, hungrig und krank, schleppte sie sich morgens zur Arbeit und abends in ihre Wohnung.

Seit mehreren Tagen kam Mutter Siebert an einem kleinen Garten vor einem Haus vorbei. Ein dichter Stachetenzaun trennte den Garten und was darinnen war, von der Straße. Direkt am Zaun wuchsen ein paar Zuckerrüben. Einige der Blätter der Rüben hatten sich zwischen die Stacheten gedrängt und wuchsen auf der Straßenseite lustig weiter. Mutter Siebert hatte die Blätter schon einige Tage bemerkt. Wenn man diese Blätter in die dünne abendliche Hirsesuppe tun könnte, wäre das Abendessen reicher und würde auch besser schmecken. Aber sie gehörten nicht ihr und gerade so pflücken und mitnehmen? Nein, das wäre ja Stehlen, auf alle Fälle ein Vergreifen an fremdem Gut. Und das wollte Mutter Siebert nicht auf dem Gewissen haben.

Täglich ging Mutter Siebert an diesen Rübenblättern vorbei. Der Hunger sprach immer eindringlicher: „Pflücke die Blätter. Tu sie in deinen Beutel und du hast eine bessere Suppe. Die Blätter werden jetzt bald zertreten und dann ist es zu spät. Die Rübe wächst auch ohne die drei Blätter. Nimm sie ruhig mit."

Heute konnte Mutter Siebert sich noch beherrschen und ging an den Rübenblättern vorbei. Sie gehörten nicht ihr, sondern waren das

S. 36

Eigentum des Ehepaares, das im Hause hinter dem Zaun wohnte.

Am nächsten Abend erlag Mutter Siebert der Versuchung, die Rübenblätter zu pflücken und mitzunehmen, und konnte nicht länger widerstehen. Als sie bei den Blättern war und dabei war, ein paar der losen Blätter an sich zu nehmen, schrie eine Frauenstimme aus dem Garten:

„Stepan, Stepan, komm schnell, diese verdammte Deutsche ruiniert unseren Garten. Eben wollte sie die Blätter stehlen. Sieh, da hat sie die Blätter noch in der Hand!"

Als hätte Stepan nur auf den Ruf seiner Frau gewartet, so kam er den Steg entlang und eine keuchende Stimme hörte man über die ganze Straße:

„So ein Verbrechen, diese faschistischen Weiber sollen sehen, was man mit ihnen tun kann. Gib die Blätter her! Und hier ist der Lohn für deinen Diebstahl!" Mit voller Wucht traf Mutter Siebert die Faust des Hauswirts. Sie wankte und fiel auf die Straße. Menschen liefen zusammen. Die Umstehenden sahen, um was es sich handelte, schüttelten den Kopf und gingen wieder ihrer Wege. Mutter Siebert liefen vor Schmerz, Schande und Demütigung dicke Tränen über ihr staubiges Gesicht. Sie erhob sich, schüttelte den Staub vom Kleid und ging ihrer Wohnung zu. Sie konnte es nicht recht fassen, so schnell war alles verlaufen. Zu Hause angekommen, warf sie sich in ihr Lager und nach langer Zeit ließ sie ihren Tränen freien Lauf.

Verzagt und verzweifelt

Der Vorfall mit den Rübenblättern hatte aus Mutter Siebert einen anderen Menschen gemacht. Ihre Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lage war dahin. Aber wohin könnte sie gehen? Es gab ja nur einen Platz, an den sie gehörte und der war zu Hause. Ja, dorthin wollte sie gehen.

Am folgenden Tag ging sie zur Arbeit wie immer, aber anstatt zur Fabrik zu gehen, schlug sie die Straße zum Bahnhof ein. Es gelang ihr, eine Fahrkarte zu lösen und schon saß sie im Zug Orsk–Orenburg. Trudarmisten hatten alle einen Personalausweis, den sie an ihrem ständigen Wohnort brauchen durften. Für längere Reisen brauchte man einen richtigen Paß und eine Bescheinigung der Reiseerlaubnis. Mutter Siebert reiste heute ohne Erlaubnis, und diese Tatsache machte sie zu einer Deserteurin. Ihre einzige Rettung war, daß heute keine Ausweiskontrolle stattfand. Sie hatte Glück gehabt: nie-

S. 37

mand fragte diese abgearbeitete, in ärmster Kleidung sitzende Frau nach ihrem Ausweis.

Unbehelligt kam sie in Orenburg an.

Hier kannte sie sich aus. Auf staubiger Straße ging sie zur Vorstadt. Die Leute aus den Kolchosen stiegen hier ab, wenn sie in die Stadt kamen. Hier konnte man übernachten, eine Kleinigkeit essen bekommen und die beste Zuversicht war, daß heute auch wieder jemand aus ihrem Dorf oder wenigstens aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gekommen sein würde. Das wäre dann die beste Gelegenheit, nach Hause zu kommen. Schon aus der Ferne sah sie das Haus, in dem sie schon früher übernachtet hatte. Auch einige Autos standen auf dem Hof. Es war also jemand da. Vielleicht durfte sie sogar heute noch mit nach Hause fahren.

Als sie den Hof betrat, erkannte sie den Fahrer der Nachbarkollektive, der sich freute, ihr einen Gefallen zu tun und außerdem verdiente er so ganz nebenbei ein paar Rubel. Noch vor dem Abend wollte er zu Hause sein.

Die Fahrt auf der löcherigen Straße ging nur langsam voran. Lange vor dem Kriege begann man mit dem Bau dieser Straße von den Siedlungen nach Orenburg. Jeden Sommer mußten die Kolchosen Brigaden von Arbeitern zum Straßenbau absondern. Mit kleinen Tragbahren, ohne Kasten, schütteten sie Sand auf den Fahrdamm auf. So lange es trocken war, durfte man auf diesem Damm fahren. Bei feuchtem, nassem Wetter fuhr man neben dem Damm, um die weiche Oberfläche der Straße nicht aufzuwühlen.

Der Fahrer wohnte in einem naheliegenden Dorf, etwa drei Kilometer von Dolinowka entfernt. Sie stieg vom Wagen. Da der Fahrer allein gefahren war, hatte sie das große Vorrecht, beim Fahrer in der Kabine zu sitzen. Passagiere saßen doch gewöhnlich hinten auf dem Kastenboden. So gut gereist war sie noch nie.

In einer Stunde sollte sie zu Hause sein. Der Abend war nicht so kalt und mutig setzte sie [ihren Weg] auf der schmalen Straße in die Schlucht hinein fort. Hinter dem Berg lag Dolinowka.

Mit jedem Schritt, den sie ihrem Ziel näher kam, begann ihr Herz stärker zu klopfen. Voller Angst versuchte sie, sich Tina vorzustellen. Wie würde das Kind diese zwei Jahre überstanden haben? Ob sie gesund ist? Wie mag wohl das Haus aussehen, in dem das elfjährige Mädchen allein gehaust hat? Es gab doch immer etwas auszubessern, hier mußte etwas gerichtet werden, dort mußte etwas erneuert werden. Tina konnte doch gar nichts am Hause tun.

S. 38

[FOTO — Bildunterschrift: „Das Dorf Dolinowka, Orenburger Ansiedlung". Schwarzweiß-Aufnahme des Dorfes mit Häusern und Hügellandschaft. Für Website zu digitalisieren.]

Aber all das sollte jetzt anders werden. Sie wollte schon alles wieder in Ordnung bringen, sobald sie zu Hause war. Bei diesem Gedanken beschleunigte sie ihren Schritt, denn es galt, keine Zeit zu verlieren. Jetzt war Mutter Siebert am Ende der Dorfstraße. Sie hatte vergessen, daß sie ohne Erlaubnis aus Orsk fortgefahren war, daß sie kein Recht hatte, hier auf der Straße nach Hause zu laufen. Sie hatte vergessen, daß sie sich mit ihrer Flucht aus Orsk strafbar gemacht hatte. Sie hatte gegen die Gesetze des Krieges gehandelt. Ihr Wegbleiben schädigte die Wehrkraft der Sowjetunion.

Ihre Sehnsucht und der Gedanke, bald bei ihrem Kind zu sein, sich in Ruhe und Frieden in ihren eigenen vier Wänden ausruhen zu können, ließen alle Gefahren verschwinden. Nur noch einmal nach Hause, so schnell wie möglich nach Hause.

Das Dunkel des Abends hüllte die Häuser in die Schatten der Nacht. Nur hie und da sah man ein matterleuchtetes Fenster. Man war sparsam geworden. Jetzt war Mutter Siebert [am Ende] der Dorfstraße angekommen, nur noch zwei Höfe weiter und sie war zu Hause. Wie man sich doch freut, in der Heimat zu sein, weit entfernt von allen fremden und bitteren Menschen, von allem Zank und Jagen in der Fabrik! Nein, hier würde sie Ruhe und Frieden finden.

Ihr Haus, d.h. die Hälfte des Hauses, die sie mit Helene Wiebe teilte, lag dunkel vor ihr. Vorsichtig ging sie auf den Hof. Niemand rührte sich. Sie drückte die Klinke an der Tür und öffnete diese ganz leise. „Ist hier jemand zu Hause?" fragte sie in friesischem Platt, das man zu Hause immer sprach. Als sich jetzt nichts rührte, fragte sie in lautem Russisch, ob wohl jemand da wäre. Niemand

S. 39

antwortete. Behutsam, als käme sie zu fremden Leuten, trat sie über die Schwelle ihres eigenen Hauses. Niemand war hier. Schon standen ihr die Tränen in den Augen, als sie die Tür in der Mittelwand bemerkte, die früher nicht dagewesen war. Ein dünner Lichtstrahl schien durch die Türspalte. Sie klopfte an diese Tür und Helene hieß sie eintreten.

„Ja, meine Güte, Katharina, wo kommst du plötzlich her und dann noch zu so später Stunde?"

„Mama, du bist es ja! Komm doch herein!" Und schon hatte Tina ihre Mutter umarmt und zog sie ins Zimmer hinein.

„Was haben wir auf dich gewartet! Ich wußte, eines Tages kommst du wieder. Bleibst du jetzt zu Hause oder mußt du wieder fort?" wollte Tina wissen.

„Ob ich zu Hause bleiben darf? Das weiß ich noch nicht. Aber jetzt bin ich hier und das reicht auch für heute. Ich bin ja so müde von der langen Reise und so schmutzig bin ich wohl noch nie in meinem Leben gewesen."

Nachdem Mutter Siebert etwas gegessen hatte, ging sie mit Tina in ihre Wohnung. Während Wasser für ein Bad gewärmt wurde, saßen Tina und Mutter Siebert bei einer niedrigbrennenden Kerosinlampe, dicht umschlungen, und erzählten sich gegenseitig von ihren Erlebnissen in den vergangenen anderthalb Jahren.

Tina war im Herbst und im Sommer in der Kolchose tätig gewesen. Alle Schulkinder mußten mitarbeiten. Im Winter, wenn es draußen nichts zu tun gab, ging sie zur Schule. Mit dem Essen war es knapp, sehr knapp gewesen, aber Helene Wiebe verstand es, mit dem Wenigen hauszuhalten. Notdürftig waren sie immer satt geworden.

Und dann begann Mutter Siebert von dem zu erzählen, was sie in Orsk gesehen und erlebt hatte.

„Ja, mein Kind, was wir wohl dort in dem kalten Orsk durchzumachen hatten! Die Frauen lebten anfangs in baufälligen Holzbaracken. Das Dach und die Wände bestanden aus dünnen Brettern. Im Winter waren die Wände und das Dach mit einer dicken Eisschicht belegt. Kalt und naß war es in den überbelegten Unterkünften.

Eines Tages kam der Befehl zur Räumung der Baracken. Man benötigte die Räumlichkeiten als Lagerraum für Ersatzteile. Die Frauen sollten selbst für ihre Unterkunft sorgen. Man wies ihnen ein Baustück an und dort grub man große Löcher in die Erde. In der Mitte war das Loch etwas tiefer, damit man darinnen aufrecht stehen konnte, und an beiden Seiten lagen die Frauen, eine neben der anderen. Es gab kein Wasser zum Waschen. Wir waren verlaust und dreckig. Wir

S. 40

sollten hier umkommen.

Morgens standen die Frauen auf, wenn die Weckuhr, ein meterlanges Stück Eisenbahnschiene, die sechste Stunde ansagte. Das Aufstehen dieser verzagten und müden Frauen war gar nicht so einfach. Naß gingen die Frauen zur Arbeit und in noch feuchterer Kleidung kamen sie abends wieder. Hart war der Boden im Sommer und gefroren war er im Winter.

Im Winter passierte es mehrmals, daß ganze Brigaden von Frauen sich im Schutze des Grabens hinsetzten, um auszuruhen, und einschliefen. Ihr Blut wurde dick und sie wachten nicht mehr auf. Sie hatten ihre ‚Norm' erfüllt, das Pensum war geleistet. Meine Erzählung, mein Kind, klingt hart und rauh. Aber so waren jene Tage damals. Gott bewahre uns vor einer Wiederholung.

Gott sei Dank, daß wir wieder zusammen sind, Tina. Ich habe immer für dich und für die Jungen gebetet. Das Gebet hat mich getragen in den Tagen der Not, der Angst und der Schmerzen über den Verlust unserer Familie. Wir wollen weiterhin unsere Zuversicht auf Gott setzen. Er verläßt uns bestimmt nicht. Und nun laß uns schlafen. Gute Nacht, mein Kind. Morgen erzählen wir weiter."

„Mutter, warum ist der Krieg?" fragte Tina.

„Weil die Menschen böse sind und Gott nicht gehorchen. Der Krieg ist eine Strafe der Menschen für ihren Ungehorsam," erklärte die Mutter.

„Dauert er noch lange?" wollte Tina wissen.

„Ich wollte, er hätte nie angefangen. Wer weiß, wie lange dieses Morden und Vernichten noch anhalten wird. Die Menschen sind schon so müde vom Krieg. Lange kann es so nicht weitergehen. Gute Nacht."

Lange lagen sie nebeneinander, wie zu Zeiten, als Tina noch klein war, und dachten über das nach, was heute geschehen war.

Mutter Siebert vor dem Volksgericht

Erst als Mutter Siebert Tina ruhig schlafen hörte, wurde es ihr bewußt, daß sie eigentlich in Orsk sein sollte. Sie hatte unerlaubterweise ihren Platz in der Fabrik verlassen, sie war fortgelaufen und galt nun als Volksschädling. So nannte man die Menschen, die man mit irgendeiner Sache beschuldigte. Bald würde man sie suchen und schnell

S. 41

gefunden haben. Es könnte ja nur einen Platz geben, wohin eine Mutter flüchten würde: nach Hause zu ihrem Kind. Man würde sie bald wieder abholen, denn sie mußte sich zu Hause bei der Miliz anmelden. Das alles mußte innerhalb von drei Tagen bei der Miliz erfolgen. Aber heute war sie zu müde. Bis morgen und übermorgen [Zeit zu] denken. Mutter Siebert schloß die Augen und schlief in ihrem eigenen Bett.

Am nächsten Morgen begab sich Mutter Siebert zur Kolchosenverwaltung. Sie kannte die Männer und Frauen, die man als unabkömmlich, als treue Parteimitglieder zu Hause behalten hatte. In den meisten Fällen waren es jüngere Männer und Frauen, die schon während der Zeit der kommunistischen Gehirnwäsche geschult und erzogen worden waren. Die meisten dieser Leute waren Deutsche, trugen deutsche Namen und sprachen das unverfälschte Plattdeutsch, das bis jetzt immer noch als Umgangssprache galt.

„Guten Tag, Kornelius!" sagte Mutter Siebert schüchtern. Kornelius Pätkau, der Vorsitzende der Kolchose, saß vor seiner Arbeit und traute seinen Augen nicht. Das war doch kein Gespenst? Nein, das war Katharina Siebert, die vor anderthalb Jahren in die Trudarmee geschickt wurde. Sie ist hier.

„Tante, Sie sind hier?" fragte Pätkau in seinem Erstaunen.

Ja, „Tante" war die richtige Anrede. „Genossin" paßte für Mutter Siebert nicht. „Tante" war doch ehrwürdiger als das so leichtgebrauchte „Genossin".

„Ja, Kornelius, ich bin hier, und da möchte ich mich melden, damit ich wieder eingeschrieben werden kann."

„Haben Sie Ihren Urlaubschein, das heißt, eine Bescheinigung Ihrer Entlassung aus der Trudarmee bei sich?" fragte Pätkau.

„Leider habe ich keinen Schein. Ich bin ganz ohne Erlaubnis weggefahren. Was kann man da machen?" Mutter Siebert suchte nach einem Stuhl.

„Das sieht aber schlimm aus, Tante Siebert. Noch ist Krieg. Sie dürfen Ihren Arbeitsplatz nicht mir nichts dir nichts verlassen. Ich kann für Sie nichts tun. Gut, daß Sie sich freiwillig gemeldet haben. Hätten Sie sich versteckt, so wäre die Sache viel schlimmer gewesen. Ich muß Ihre Anwesenheit sofort bei der Miliz melden. Was dann passiert, weiß ich nicht. Ich hätte ja gerne etwas für Sie getan, aber ich kann beim besten Willen nichts für Sie tun." Damit war das Gespräch mit Kornelius Pätkau beendet. Mutter Siebert hatte ihre Pflicht

S. 42

getan. Sie ging wieder nach Hause.

Die erste Woche nach ihrer Heimkehr verlief ruhig und ohne Störung. In der zweiten Woche wurde Katharina Siebert in das Dorfsowjet vorgeladen. Der Vorsitzende, Daniel Esau, musterte die Frau, die er früher gut gekannt hatte, von oben bis unten. Mutter Siebert sah jetzt so anders aus als damals, als er, Daniel, bei Sieberts als Knecht gearbeitet hatte. Die letzten Jahrzehnte hatten alles umgekehrt. Hier stand seine Wirtin vor ihm, in ihrem einzigen abgetragenen Kleid. Er saß hinter einem großen Schreibtisch, erkannte Mutter Siebert das marmorne Schreibzeug ihres Mannes. Sie konnte ihre Einkommensteuer nicht bezahlen, und da beschlagnahmte Esau das Schreibzeug und erließ ihr dafür die Steuer. Seit der Zeit stand das Schreibzeug bei ihm auf dem Tisch und er war stolz darauf.

„Genosse Esau, Sie haben mich rufen lassen?" sagte Katharina Siebert leise.

„Ja, Sie sind ohne Erlaubnis aus Orsk geflüchtet. Wie kommen Sie dazu, so einfach auf- und davonzulaufen? Wissen Sie nicht, daß wir in einem Krieg gegen die deutschen Faschisten stehen? Es geht um Leben und Tod. Unsere Sowjetheimat blutet an allen Enden. Tausende Sowjetbürger sterben täglich für die Heimat und für ihren geliebten Führer Stalin, und Sie, Sie fahren einfach nach Hause. Sie lassen Ihre Arbeit liegen, obwohl man die Erzeugnisse Ihrer Arbeit braucht. Als Volksschädling und Drückeberger unterstützen Sie den Feind mit Ihrer Flucht. Dafür kommen Sie vor das Volksgericht, das Sie für Ihre Verbrechen gebührend bestrafen wird." Daniel Esau sah die vor ihm stehende Frau mit seinen grauen Augen vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf. Daß Mutter Siebert den Mut hatte, aus Orsk zu fliehen und sich dann freiwillig bei den Behörden zu melden, hätte er ihr nie zugetraut. Was der Mensch in der Not nicht alles zustande bringt! — „Sieh, Daniel," Mutter Siebert unterließ die amtliche Anrede, „ich war krank und müde. Ich wollte mein Kind so gerne wieder sehen. Ich habe es nicht böse gemeint."

„Das alles mag schon stimmen, Bürgerin Siebert, aber ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß Sie schon in der nächsten Woche vor das Volksgericht unseres Rayons kommen. Am Freitag in acht Tagen findet die Sitzung des Gerichtes statt. Hier ist die Vorladung. Versäumen Sie es nicht, rechtzeitig dort zu sein!" sagte Esau streng.

Mutter Siebert war entlassen.

Die Woche in Freiheit verging schnell

S. 43

und die Gerichtsverhandlung kam näher. Es fand keine Untersuchung statt. Es schien alles klar zu sein. Es war eine Art Standgericht.

Am Freitag um neun Uhr morgens kam Katharina Siebert zu dem [Ort] an, wo das Volksgericht gewöhnlich tagte. Während des Krieges tagte das Gericht regelmäßig, es gab immer jemand, der sich etwas zuschulden kommen lassen hatte. Die Strafen waren streng und die Urteile wurden sofort vollstreckt.

Das Gericht bestand immer aus drei Personen — einem Richter und zwei Beisitzern. Die Beisitzer waren einfache Laien aus der Kolchose und sie verkörperten die demokratische Einrichtung des Gerichts. Im Grunde genommen waren sie nur der Form halber an dem mit einem roten Tuch bedeckten Tisch. Sie konnten zur Verhandlung nichts sagen, hatten der „Volksrichter" sie schnell auf ihre Pflicht als Beisitzer aufmerksam gemacht und sie nie zu Wort kommen lassen.

Ein Milizionär führte die Angeklagte Katharina Siebert in das Zimmer und sie wurde aufgefordert, auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Der Richter musterte Mutter Siebert mit strengem Blick und erklärte die Sitzung des Volksgerichts als eröffnet.

„Wie heißen Sie, Angeklagte?"

„Katharina Siebert."

„Wo und wann sind Sie geboren?"

„In der Ukraine, Gebiet Dnjepropetrowsk. 1897."

„Ihre Nationalität?"

„Deutsche."

„So, so, das erklärt schon vieles," sagte der Richter, indem er die beiden Beisitzer ansah. „Sie waren in der Trudarmee in der Stadt Orsk?"

„Ja."

„Wie lange waren Sie dort, Angeklagte?"

„Anderthalb Jahre," antwortete Mutter Siebert. „Wann kamen Sie nach Hause?"

„Vor knappen zwei Wochen."

„Hatten Sie Erlaubnis, Ihren Arbeitsplatz im Betrieb zu verlassen?"

„Nein."

„Dann sind Sie also von Ihrem so wichtigen Dienst in der Fabrik geflüchtet?"

Mutter Siebert sagte auf diese Frage nichts.

„Ich fragte Sie, ob Sie aus Orsk geflüchtet sind? Ja oder Nein?" schrie der Richter.

S. 44

„Ja, ich habe Orsk ohne Erlaubnis verlassen," sagte Mutter Siebert kaum hörbar.

„Aus was für einem Grund sind Sie geflüchtet?"

„Ich war krank und konnte nicht mehr arbeiten. Mein Lohn wurde immer geringer und reichte nicht aus, auch nur die allernotwendigsten Lebensmittel zu kaufen. Ich wurde mit jedem Tag schwächer und wäre in kurzer Zeit vollkommen arbeitsunfähig geworden. Ich dachte, zu Hause könnte ich mich viel schneller erholen. Meine kleine Tochter würde mich schon gesundpflegen. Ich bitte Sie, Genosse Richter, haben Sie Nachsicht mit mir, denn ich wollte ja nur wieder gesund werden."

„Angeklagte Siebert, Sie haben durch Ihr eigenmächtiges Verlassen Ihres Arbeitsplatzes die Wehrkraft unseres Landes geschädigt. Die Produktion Ihrer Arbeit in der Fabrik hätte unserer Sowjetarmee die Waffen gegeben, den Feind besser zu schlagen. Durch Ihr Betragen haben Sie die Arbeitsmoral in der Fabrik und auch zu Hause erheblich gestört. Sie haben den Feind in der Zerstörung unseres Landes unterstützt. Aufgrund dieser schweren Verbrechen muß ich Sie zu einer Strafe verurteilen, die Ihren Verbrechen entspricht und die all denen, die ähnliche Gedanken der Kollaboration mit dem Feind im Herzen tragen, eine gute Lehre [ist]. Stehen Sie auf, Angeklagte Siebert!"

Mutter Siebert erhob sich und sah sich ängstlich im Saal um. Es waren nur wenige Leute da außer einigen Milizleuten, die im Hause die Wache hatten. Nein, hier gab es keinen Trost, hier gab es kein Mitleid für Menschen wie sie. Der Richter schrieb etwas in die Akten der Angeklagten. Er erhob sich und verlas das kurze, aber verhängnisvolle Urteil:

„In dem Falle der Angeklagten Katharina Siebert handelt es sich um eine grobe und schwerwiegende Verletzung des sowjetischen Gesetzes. Diese Übertretung ist umso beachtlicher, da es sich hier um die Schwächung unserer Wehrkraft gegen die deutschen faschistischen Eroberer handelt. Die Angeklagte zeigt als Deutsche Sympathien mit den Deutschen, die unsere Heimat überfallen haben. Dieses Verbrechen wird nach dem sowjetischen Gesetz strengstens bestraft. Ehe ich das Urteil verlese, frage ich Sie, Angeklagte Siebert, ob Sie noch irgendwelche mildernden Umstände anführen möchten?"

„Genosse Richter, ich bitte Sie, in Betracht zu ziehen, daß vier meiner Söhne für das Wohl unseres Landes im Dienst stehen. Mein ältester Sohn kämpfte seit Kriegsbeginn an der Westfront. Leider fehlt mir jegliche Nachricht. Die anderen drei Söhne stehen im Dienst der Trudarmee und tun ihre Pflicht. Ich selbst habe mein

S. 45

Möglichstes in den letzten anderthalb Jahren getan. Ich bitte Sie, Genosse Richter, diese positiven Umstände zu berücksichtigen."

Der Richter erhob sich wieder und verlas das folgende Urteil:

„Angeklagte Siebert, weil Sie Ihren Arbeitsplatz in der Kriegsindustrie in Orsk ohne Erlaubnis verlassen haben und weil Sie damit die Moral unseres Volkes untergruben und die Panik unter dem Volk anschürten und wegen Sympathie mit dem Feind, verurteile ich Sie zu acht Monaten Arbeitslager in Orsk. Sie werden schon morgen wieder unter Begleitung nach Orsk gebracht werden. Heute dürfen Sie noch nach Hause, um das Wichtigste zu packen. Sie dürfen jetzt gehen. Morgen früh um sieben sind Sie beim Dorfsowjet. Man wird Sie dort erwarten."

Als Sträfling in Orsk

Kurz vor den Festlichkeiten im November 1944 war Mutter Siebert wieder in Orsk. Dieser zweite Aufenthalt in Orsk wurde für Mutter Siebert besonders schwer. Die Unterbringung, d.h. die sogenannten Baracken, waren riesige Löcher in der Erde, einen Meter tief und fünf Meter breit. Darüber war ein Dach gesetzt, unter dem man mit gebeugtem Haupt stehen konnte. Die Baracken, oder Erdzimmer, waren naß und finster. Die einzige Beleuchtung waren Kerosinlaternen, die fürchterlich qualmten. Die Beheizung war ärmlich — ein Bunkerofen, mit Holz oder Kohle angefeuert.

Die Bettstellen bestanden einfach aus Brettern, die man etwa fünfzig Zentimeter von der Erde wie eine Bretterstraße festgenagelt hatte. Hier lagen die Frauen, eine neben der anderen. Sie waren vergrämt und bitter, hungrig und krank. Die kranken Frauen kamen in Zelte, die wohl etwas mehr von privatem Leben zuließen, aber im Winter waren sie kalt, eisig kalt!

Die Gemeinschaft im Lager war rauh und unfreundlich. Man zankte und stritt sich andauernd. Jegliches Privatleben hörte hier im Lager auf. Man schlief in einem Gemeinschaftsraum, man wusch und bereinigte sich im Beisein und vor den Augen der anderen, man badete mit anderen zusammen. Man hatte seine Persönlichkeit aufgegeben.

Wenn Menschen gezwungen sind, auf engstem Raum oder auch nur in demselben Haus oder in derselben Wohnung zu leben, merkt man sehr bald, wie stark die Einwirkungen des einen Menschen auf den anderen sind. Das kleinste Vergehen, oft die geringste Äußerung oder Bewegung kann den anderen zum Streit und zu Zank reizen, ohne Grund und ohne Ursache. Allein schon ein Blick kann den anderen zu Zornausbrüchen veranlassen und zu häßlichen Szenen führen.

Diesen Umständen waren die Frauen ausgesetzt und sie mußten sich

S. 46

in dieses Schicksal ergeben, ohne sich dagegen wehren zu können. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als in sich zu gehen und sich gegen den Haß und den Streit abzukapseln und alles für sich alleine zu behalten oder es eben abzuschütteln.

Der Verlust des Privatlebens war für Mutter Siebert besonders schwer. Nur langsam gewöhnte sie sich daran, mit anderen Frauen die Gemeinschaftstoilette zu benützen. Still und fast unbemerkt lebte sie ihre Tage dahin. Sie war eine der ältesten Frauen im Lager. Die Arbeit war für sie schwer. Sie mußte die Erdhütten der anderen Gefangenen sauberhalten. Dreckig, ohne jegliche medizinische Hilfe, vegetierten die Frauen dahin. Der Tag begann mit Beschimpfungen und Schikanen gröbster Art und hörte auch so wieder auf.

Die Trudarmistinnen hatten eine sehr wichtige Arbeit. Sie mußten sommers und winters tiefe Löcher ausheben. Die Norm war hoch und konnte nie erfüllt werden. Wenn die Löcher ausgehoben waren, kamen andere Frauen und schütteten die Löcher wieder zu. Und so ging es tagein — tagaus!

Die Monate schlichen langsam dahin. Man arbeitete, ruhte, wenn es ging, sorgte sich um sein tägliches Brot, bangte um die in alle Winde zerstreute Familie.

Dann eines Tages, es war Anfang des Jahres 1945, traf Familie Siebert, besonders Mutter Siebert, ein harter Schlag. Die Nachrichten von Heinz fehlten völlig. Er hatte einmal aus dem Felde geschrieben und seitdem schwieg er. Entweder war er gefallen, oder er könnte in die Gefangenschaft geraten sein. Es bestand ja auch immer noch die Möglichkeit, daß Heinz irgendwo im Untergrund bei den Partisanen lebe. Man schrieb ja in der sowjetischen Presse so viel über die heroischen Taten der Widerstandskämpfer. Mutter Siebert konnte es nicht fassen, daß ihr Ältester nicht mehr am Leben sein sollte. Sie hatte dieses eigenartige Gefühl, das nur Mütter besitzen, und das Gefühl sagte ihr, daß ihr Sohn Heinz noch am Leben sei.

Von Gerhard, Hans und Peter kamen mitunter Briefe. Es waren jene Briefe, die ohne Umschlag abgeschickt wurden. Man beschrieb das Blatt von einer Seite und faltete es zu einem Dreieck so, daß man die offene Seite des Briefes mittels einer Briefmarke verschließen konnte. Zu berichten hatten die drei nicht viel, aber jeder Brief war ein Lebenszeichen und das war ja auch immer das Wichtigste.

Von Hans war seit Neujahr 1945 schon mehrere Wochen keine Post eingetroffen. Warum er wohl nichts von sich hören ließ? Auch Gerhard schwieg beharrlich. Ob ihnen etwas zugestoßen sein könnte?

Endlich kam ein Brief von Hans aus Korkino. Mutter Siebert öffnete freudig den Brief, jedoch schon nach den ersten Zeilen wurde

S. 47

ihr Blick angstvoll und ihre Haut im Gesicht erblaßte. Sie legte den Brief ungelesen in den Schoß, als würde er zentnerschwer sein. Nach einer längeren Zeit nahm sie das Blatt wieder in die Hände und zögernd begann sie zu lesen:

Liebe Mutter!

Sei mir gegrüßt! Dann wünsche ich Dir eine gute Gesundheit und auch sonst ein erträgliches Leben. Ich will mich zuerst bei Dir entschuldigen für das lange Schweigen. Ich weiß, ich hätte Dir schon lange schreiben sollen, aber ich brachte einfach nicht die Kräfte auf, Dir das zu sagen, was ich Dir jetzt sage. In den letzten Wochen hatte Gerhard Schwierigkeiten bei der Arbeit. Er konnte sein Arbeitspensum nicht mehr erfüllen. Nicht, daß man ihm jetzt weniger Brot gab, sondern man rief ihn immer häufiger zum NKWD zum Verhör. Man beschuldigte ihn der Sabotage, der Drückebergerei und der Sympathie mit dem Feind. Du weißt, daß Gerhard ein anständiger, fleißiger Bürger ist.

Als ich vor einigen Wochen zu ihm in die Baracke kam und ihn besuchen wollte, war er nicht mehr da. Man sagte mir, er sei morgens wie immer zur Arbeit gegangen und am Abend kam er nicht mehr nach Hause. Seit der Zeit warte ich auf seine Rückkehr. Er ist nicht wieder gekommen. Ich warte weiter. Ich weiß, auch Du wirst auf ihn warten. Tue das, liebe Mutter, aber vergiß nicht, daß Du noch andere Kinder hast, die Dich brauchen.

Bleibe gesund und verliere nicht die Hoffnung.

In Liebe, Dein Hans.

Mit dem Eintreffen dieser Hiobsbotschaft begann für Mutter Siebert erst recht die Zeit des Opferns. Zwei ihrer Söhne waren jetzt weg, der Krieg hatte sie genommen und niemand wußte, ob er sie wieder hergeben würde.

Jetzt aber galt es, doppelt stark zu sein, denn es würde für sie schwer werden, für die anderen Kinder eine Stütze zu sein. Zunächst galt es, die Strafe abzubüßen und wieder heil und gesund aus diesem Lager zu entkommen. Mit Mühe und Not schrieb sie einen kurzen Brief an Hans mit der Bitte, nach Gerhard auszuschauen, denn es bestand ja immer noch die Möglichkeit, daß er wieder auftauchen könnte.

S. 48

Gerhard verschwindet

Hans aber hatte seiner Mutter nicht den ganzen Sachverhalt über das Verschwinden Gerhards geschrieben. Am Abend vor dem Tag, als Gerhard nicht mehr zurückkam, war Hans bei Gerhard in der Baracke gewesen und sie hatten sich lange über Gerhards Fluchtpläne unterhalten. Gerhard war wieder, wie so oft, nach der Arbeit zur Vernehmung zum NKWD-Offizier des Lagers gerufen worden. Man suchte nach verschiedenen Gründen, Gerhard das Leben schwer zu machen und ihn mit verschiedenen Dingen zu beschuldigen. In letzter Zeit hatte man ihn mehrere Mal geschlagen und jetzt waren seine Kräfte erschöpft, seine Nerven waren zerrüttet und müde. Er glaubte, es nicht länger aushalten zu können.

„Hans, ich muß hier weg, ich halte es nicht länger aus. Ich habe immer an Gerechtigkeit geglaubt und immer wieder ist mein Glaube an diese soziale Gerechtigkeit zuschanden geworden. Hier in Korkino ist mir erst so recht das Licht über die große Ungerechtigkeit, die man an den Menschen unseres Landes verübt, aufgegangen. Täglich sterben in unseren Gruben Hunderte von Männern. In einem Lager hier in der Nähe starben im Laufe des letzten Winters von siebentausend Mann über die Hälfte der Belegschaft. Hans, sie starben vor Hunger, Übermüdung und Kummer. Ohne Ärzte und ohne medizinische Betreuung.

Das Sterben begann ja nicht nur während des Krieges. Es fing schon 1917 an und hörte nie auf. Man sagte, das Sterben wäre nötig, um einen sozialistischen Staat aufzubauen. Kann man diese Millionen Opfer damit rechtfertigen, daß man ein sozialistisches Gesellschaftssystem aufbauen wollte? Nein, der Preis ist zu hoch, viel zu hoch.

Und wie grausam und herzlos man dabei ist! Noch gestern sah ich, wie man morgens die Leichen von den Pritschen holte. Sie waren nachts gestorben, allein, vollkommen verlassen. Vielleicht mit einem stillen Gebet auf den Lippen? — Wer weiß? — Sehr oft ist es in solchen Lagern zu spät zum Beten. Die Kräfte haben den Menschen verlassen. Man beerdigt die Leichen nicht, denn die Erde ist mehrere Meter tief gefroren. Man wirft die Toten auf einen Schlitten und fährt sie in den Wald. Dort kippt man den Schlitten um und die Leichen fallen in den Schnee. Die Natur und die Tiere kümmern sich um sie.

Lieber Hans, ich ertrage dieses Leben nicht länger. Komme, was da wolle, aber ich komme morgen nicht mehr ins Lager zurück."

„Aber Gerhard, es ist jetzt Winter, es ist grausam kalt und der Schnee liegt hoch. Wie willst du gehen? Du kommst ja nirgendwo hin.

S. 49

Schwach bist du auch. Hab doch noch Geduld. Bald muß der Krieg zu Ende sein und wir gehen wieder alle nach Hause."

„Sieh, man schlug mich heute wieder. Man brüllte mich an, weil ich nicht mehr so schnell wie früher die Kohle in den Karren bringen konnte. Sind wir denn Maschinen? Ich bin doch auch nur ein Mensch. Ja, und dann diese Schikanen, die man als Deutscher zu ertragen hat."

„Gerhard, es gibt nur eine Eisenbahnstrecke, die nach dem Süden führt, und nur eine Autobahn. Beide werden streng bewacht. Wenn du diese Verbindungen mit der Außenwelt verläßt und in den Wald gehst, bist du ebenfalls verloren. Du ermüdest, legst dich hin, schläfst ein und du wachst nie wieder auf," versuchte Hans seinen Bruder zu überreden.

„Das alles habe ich mir hundertmal überlegt. Ich kenne das Risiko so einer Flucht, aber dennoch: manchmal gelingt es dem einen oder dem anderen. Da haben wir hier bei uns in der Brigade einen Mann, der wurde aus der Gegend von Pskow 1935 samt seiner Familie, Vater und Mutter und seinen zwei jüngeren Schwestern, aus ihrem Hause abgeholt. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Sie kamen in die Güterwagen und fuhren mit anderen Familien mit der Eisenbahn von Pskow über Nowgorod, Wologda bis nach Konoscha, immer in den Norden hinein. Beim Kilometerstein Nummer 29 hielt der Zug. Man ließ die Leute aus einem Waggon mit ihren Familien aussteigen und dann fuhr der Zug zum nächsten Kilometer. Wieder wurde ein Waggon entladen und so ging es weiter, bis der Zug leer war. Aus Pskow kamen drei Züge. Der Starschina der Wachkompanie erklärte: ‚Bürger, hier werdet ihr eine neue Heimat aufbauen. Als Kulaken hattet ihr es zu ansehnlichem Wohlstand gebracht. Jetzt wollen wir einmal sehen, ob ihr das in den unendlichen Wäldern der Taiga auch könnt. Die Werkzeuge für den Aufbau der neuen Existenz habt ihr mitgebracht. Jeder Erwachsene, der stark genug ist, eine Axt und eine Säge zu halten, soll sie haben. Da ihr vor Abend noch mit der Errichtung einer Behausung für die Nacht fertig sein müßt, rate ich euch, sofort mit dem Bau zu beginnen.' Nach diesen Worten ging er in den Zug und fort ging es zur nächsten Haltestelle.

„Der Vater," so fuhr Gerhard fort, „und sein Schwager begannen mit dem Bau. Sie bauten das Gerüst der Bude und belegten die Enden und Seiten mit Tannenzweigen. Man räumte den Schnee weg und legte auf den gefrorenen Boden der Hütte Tannenzweige. In der Mitte der Hütte machte man ein Feuer an und schon zog die Familie ein. Kannst du dir vorstellen, wie den armen Menschen zumute gewesen sein muß? Ganz sich selbst überlassen! Weit und breit kein Haus, nur Wald, Wald und Schnee, blendend weißer Schnee.

S. 50

Es dauerte nicht lange und die Menschen verzagten und wußten weder ein noch aus. In ihrer Verzweiflung fingen die Menschen an, Selbstmord zu begehen. Sie hingen an den Bäumen oder liefen in den Wald und sie kamen nicht wieder. Ob sie mit dem Leben davonkamen, ist ungewiß; aber sie waren wenigstens auf kurze Zeit in der Freiheit gewesen oder sie starben als freie Menschen.

Der Mann, der mir diese Geschichte erzählte, kam durch. Er ging in die Ukraine und arbeitete in der Kolchose. Als man ihn nach einem Ausweis fragte, behauptete er, diesen verloren zu haben. Nach drei Jahren fuhr er sogar zurück zum Kilometer 29 in der Nähe des Städtchens Konosha und besuchte seine Eltern und Geschwister. Damals, am Anfang der Ansiedlung, hatte man die Menschen nicht gezählt, denn das Leben eines Kulaken und seiner Familie war der Zählung nicht wert. Erst nach den ersten zwei Jahren begann man die Leute zu zählen. Es waren zu viele gestorben. Lieber Hans, ich erzähle dir diese Geschichte, um dir zu zeigen, daß ich eine ganz geringe Hoffnung habe, auch durchzukommen. So wie es jetzt ist, habe ich keine Hoffnung, aus diesem Korkino herauszukommen."

„Ich werde hier bleiben," sagte Hans.

„Das freut mich, denn wer von uns überlebt, wenn einer überlebt, kann dann über den anderen später berichten. Hans, du darfst über meinen Plan nicht sprechen. Mit niemand. Mitwisser über eine Flucht werden genau so bestraft wie der Flüchtling. Wenn du Mutter schreibst, dann sage ihr nur, ich wäre nicht mehr da. Verstehst du das? Das ist unser Geheimnis."

„So soll es auch bleiben, Bruder. Ich habe noch meine Brotration aufgespart. Die will ich dir schnell holen. Da hast du doch etwas länger zu essen," sagte Hans, als er erkannte, daß Gerhards Entschluß endgültig feststand. Nach einer Weile kam Hans mit seinem Stück Brot, das Gerhard zu dem seinen legte:

„Ich danke, lieber Bruder," und er umarmte Hans und wünschte ihm gute Heimkehr. Sie verabschiedeten sich voneinander und Hans ging raschen Schrittes in die Finsternis der Baracke. Gerhard stieg auf seine Pritsche und versuchte einzuschlafen.

Der nächste Tag begann, wie alle anderen Tage auch. „Frühstücken! Antreten! Marsch zur Arbeit!" Niemand fiel an Gerhard etwas Besonderes auf. Er marschierte wie immer neben seinem Freund Friesen, ohne ein Wort zu reden.

Der Arbeitstag war zu Ende. Er dauerte in dieser Jahreszeit von Dämmerung bis zur Dämmerung. Es war schon dunkel, als die Arbeitskolonnen ins Lager kamen.

Die Reihen wurden gezählt und dabei kam man auf den fehlenden

S. 51

Mann. Die Wachmannschaft lief durcheinander und erst nach mehrmaligem Zählen erkannte man, daß Gerhard Siebert nicht mit der Arbeitskolonne zurückgekehrt sei.

Zunächst beruhigte man sich damit, daß Siebert wahrscheinlich irgendwo im Bergwerk geblieben sei. Er könnte ja auch [müde] geworden sein und würde wohl in einem Stollen eingeschlafen sein. Wenn das so wäre, würde er in der abschließenden Schicht gefunden werden und würde sich morgen schon einfinden. Diese Annahme war für Gerhards Flucht zum Vorteil. Man würde erst morgen intensiv nach ihm suchen. Die so gewonnene Zeit gab ihm einen guten Vorsprung, falls es einen Ausweg aus dieser Situation gab.

Hans Siebert wartete voller Angst. Die Leute aus der Arbeitsbrigade, in der Gerhard am Tage vorher gearbeitet hatte, wußten von Gerhard nicht [wohin er sei]. Fast war es wie eine Erleichterung für Hans, daß Gerhard entkommen war. Was hätte der Arme auszustehen gehabt, hätte man ihn ins Lager als Deserteur zurückgebracht! Zur Strafe hätte man ihn vor versammeltem Lager zur Schau gestellt. Er wäre in den Karzer gekommen. Die vielen Vernehmungen mit allen Grobheiten und erfundenen Beschuldigungen hätten Gerhard ruiniert. Diese Schändung brauchte er nicht zu erleiden.

Andererseits wußte Hans auch nicht, was ihm sonst begegnet sein könnte. Die Wachmannschaft an der Bahn und auf den Bahnhöfen machten oft ganz kurzen Prozeß mit den Flüchtlingen. Die Nachrichten, daß jemand auf der Flucht erschossen worden sei, trafen im Lager häufig ein. Oft war das Opfer nie auf der Flucht gewesen. Es war eine Todesursache, wie die vielen Todesfälle wegen Lungenentzündung, bei denen die [Betroffenen] aus Gründen der Unterernährung und Herzerkrankung starben. Die Leichen wurden untersucht und der Arzt unterschrieb eine Erklärung, daß Bürger „X" eben an einer Lungenentzündung, eines natürlichen Todes, gestorben sei. Gerhard könnte auf der Flucht, irgendwo am Bahndamm, erschossen worden sein.

Hans dachte aber auch an die Möglichkeit, daß Gerhard es tatsächlich gelungen wäre, aus dem Kreis der Wachen um Korkino auszubrechen. Dann würde er sich durch den Wald zu den zugefrorenen Seen und Sümpfen schleppen. Seine Widerstandskraft war wegen der schlechten Ernährung gering. Wohin würde er seine Schritte lenken? Wegen der aufgehetzten Bevölkerung war kaum damit zu rechnen, daß er Hilfe von den weitläufig gelegenen menschlichen Behausungen erwarten könnte.

S. 52

Wie einfach war es, in den weiten stillen Wäldern zu ermüden und des leichtesten und schmerzlosesten Todes zu sterben! Lange würde Gerhard die ziellose Wanderung durch die Taiga nicht aushalten.

Hans wartete jeden Tag auf eine Nachricht von oder über Gerhard, aber es kam nichts. Er war in den Wald gegangen und kehrte nie wieder zurück. Nach mehreren Wochen traute Hans sich, die traurige Nachricht vom Verschwinden Gerhards seiner Mutter zu schreiben. Er schrieb ihr den kurzen, aber für Mutter Siebert so inhaltsreichen Brief.

Nach dem Verschwinden von Gerhard wurde Hans einige Male zur Vernehmung zum NKWD vorgeladen und eindringlich befragt. Glücklicherweise konnte er die Offiziere davon überzeugen, daß er keine Beihilfe zur Flucht geleistet und keine Ahnung von der Flucht [gehabt habe] — Gerhards alleiniges Unternehmen. Man ließ Hans später in Frieden. Gerhard aber blieb verschwunden, ohne auch nur eine leise Spur zu hinterlassen. Wäre Hans nicht zufällig mit Gerhard zusammen gewesen, Mutter Siebert hätte nie etwas über das Schicksal Gerhards erfahren, denn keine Behörde hat je zu der Sache über Gerhard Siebert Stellung genommen. Er war und blieb verschollen.

S. 53

Dritter Teil: Der Krieg ist zu Ende

Heimkehr, zweite Ehe und ein Brief aus Kanada

Stalins Rache

Die Deutsche Wehrmacht wurde seit Stalingrad und später seit der Invasion der englischen und amerikanischen Truppen immer mehr auf die deutschen Grenzen zurückgedrängt. Man sah schon das Ende dieses grausamen Ringens der Völker. Im Januar 1945 setzten die sowjetischen Truppen zur großen Offensive an, nachdem die gesamte Front achtundvierzig Stunden unter ununterbrochenem Artilleriefeuer gelegen hatte. Der Vormarsch der sowjetischen und der alliierten Truppen ging nun unaufhaltsam auf Berlin zu und am 9. Mai 1945 hatte das sechsjährige Schlachten ein Ende.

Eine unbeschreibliche Freude beseelte an jenem 9. Mai 1945 die Völker, die nun sechs Jahre lang inmitten oder auch nur am Rande dieses großen Sterbens gelebt hatten. Endlich ruhten die Waffen.

Mit Kriegsende begann man in der Sowjetunion auch gleich mit dem Abbau der Lager, die mit Zivilisten besetzt waren, da es nun eine andere Gruppe von Menschen gab, die die Stelle der Trudarmisten einnehmen mußte: diese Gruppe setzte sich aus den vielen Verdächtigten aus den besetzten Gebieten zusammen, aus Sowjetbürgern, die die Deutschen zwangsweise nach Westeuropa verschleppt hatten und aus Leuten, die von den vorrückenden sowjetischen Truppen überholt oder auch von den Alliierten an die Sowjetunion ausgeliefert wurden.

Die Rußlanddeutschen, einschließlich die Mennoniten, standen am Tage des Kriegsendes am Anfange einer langen Periode unsäglicher Strapazen, langer Strafen, die sie ganz entschieden nicht verdient hatten, sondern die ihnen das Schicksal einfach vor die Füße gelegt hatte. Sie trugen die Bürde dieses grausamen Elends ruhig und ohne Widerstand. Da sie von den Nachwehen des großen Völkerringens völlig überrumpelt worden waren, war diese widerstandslose Ergebung in ihr Schicksal vielleicht auch der weiseste Weg, den diese ohnmächtigen Frauen, Kinder und Greise einschlagen konnten. Hätten sie sich damals gewehrt, sie wären ohne Zweifel von der Kriegsmaschine zermalmt worden.

Jeder Deutsche wurde damals nach dem Kriege als faschistischer Kriegsverbrecher angesehen oder zumindest verdächtigt, einer zu sein. Der Begriff der Kollektivschuld war fest in den Hirnen der Siegermächte eingehämmert. Da diese kollektive Schuld nun einmal alle Rußlanddeutschen umfaßte, fielen sie ganz automatisch unter die Auswirkung der kollektiven Strafe. Allein schon der Vermerk „Deutscher" war Ursache und Grund genug, von verbitterten Polen erbar-

S. 54

mungslos niedergeschossen oder von rachsüchtigen Tschechen als sklavenähnliche Fronarbeiter behandelt zu werden.

Die von der Sowjetarmee überrannten Flüchtlingstrecks wurden in große Auffangslager gebracht. Hier blieben sie oft Monate lang bis zu ihrem Abtransport. Man machte ihnen großzügige Versprechungen für die Zukunft. Alle, so sagte man den Frauen und Kindern, kämen in die frühere Heimat und dort würden sie auch ihre Männer und Väter treffen, wenn diese den Krieg überstanden hätten. Viele glaubten den Versprechungen und warteten voller Ungeduld auf den Abtransport nach Rußland.

Die deutschen Behörden hatten in jenen Tagen nach dem totalen Zusammenbruch auch nicht gerade die erbarmungsvollste Einstellung den Flüchtlingen gegenüber. Denn einmal waren die Behörden bedacht, die Anordnungen der Besatzungsmächte zu gehorchen. Zweitens waren sie froh, einige hungrige Mäuler weniger zu haben. Sehr oft war man auch unfreundlich gegen die „Ostdeutschen", weil sie eben [anders] waren als die Deutschen aus dem ehemaligen Reichsgebiet.

Noch im Oktober 1945, fünf Monate nach Kriegsende, rollten die vollgepackten Güterwagen mit dem kostbaren Menschengut dem Osten zu. Immer weiter ging die Reise. Für viele hörte die Bahn erst in Magadan, jener Stadt nahe Alaska, auf. In die frühere Heimat kam niemand.

Die Ansiedlungspolitik Stalins war eine ganz einfache: die deutsche Volksgruppe sollte in der großen Masse der anderen Völker aufgehen und verschwinden. Das Verschwinden oder der Prozeß der Verschmelzung war aber auch noch als Strafe gedacht. Die Strafe sollte der deutschen Volksgruppe, die im allgemeinen keine geplanten Vergehen begangen hatte, auferlegt werden, weil sie einfach in den Strudel der Kriegsereignisse hineingeraten war. Wohl ließen sich einige Mitglieder der deutschen Volksgruppe von den Besatzungstruppen mitreißen und machten sich der Kollaboration mit dem Feind schuldig, aber wo geschieht das nicht? Die Männer, die dieses Vergehens wegen hätten beschuldigt werden können, waren ja meistens nicht unter den Zurückkehrenden. Bei diesen Zügen der Repatriierten handelte es sich um Frauen, Kinder und Greise. Sie sollten jetzt für das geradestehen, was andere ihnen eingebrockt hatten. Das Schicksal faßte sie hart an und verlangte Opfer sondergleichen.

Familie Wiens hatte der Krieg und die Flucht im Jahre 1943 nach der Tschechischen Grenze verschlagen. Hier erwischte sie auch der Zusammenbruch nicht nur des Deutschen Reiches, sondern alles um sie herum fiel zusammen wie ein Kartenhaus. Als Deutsche kamen sie in ein Lager, das von tschechischen Soldaten bewacht wurde. Diese

S. 55

glaubten, daß für sie endlich die Stunde der Rache gekommen sei. In der Blindheit ihres Hasses dem deutschen Volk gegenüber bemerkten sie nur nicht, daß ihnen Menschen in die Hände gefallen waren, die nichts an ihrem Unglück hätten ändern können, denen ja selbst eine jahrelange Verfolgung und eine lange Flucht an der Stirne geschrieben war. Nein, die Rußlanddeutschen hatten nicht die geringste Schuld an der Not der Tschechischen und Slowakischen Bevölkerung. Aber wer fragte in jenen Tagen schon nach Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld. „Njemetz" das genügte damals, wie es früher genügte „Jude" auf der Jacke zu haben.

Familie Wiens verbrachte in dem Lager die Monate nach Kriegsende bis Oktober 1945. Jeden Tag wurden die arbeitsfähigen Männer und Frauen zur Arbeit geholt und das ohne Bezahlung. Man war froh, wenn es etwas zu essen gab. Dann hieß es eines Tages, daß die Reise nach Hause beginne. In langer Kolonne zogen die müden und verzagten Flüchtlinge zum Bahnhof. Immer achtzig Leute in einen Güterwagen. Das Gepäck, wenn es welches gab, wurde auf einem Ende des Waggons gelagert und die Menschen drängten sich wie Heringe auf dem anderen Ende. Die Waggons waren ungeheizt, aber bei der Überbelegung war es auch ohne Heizung heiß und die Luft stinkend und verbraucht. Da es kaum Verpflegung gab, mußte ein jeder zusehen, wie man seine Familie ernähren könnte. Man hatte etwas Mehl oder Grütze, die man kochen konnte, wenn der Zug hielt. Schnell wurde, nachdem der Zug anhielt, ein Feuer gemacht, in der Hoffnung, daß der Zug lange genug halten würde, um den Brei zu kochen. Manchmal gelang es der einen oder der anderen Familie die Mahlzeit zuzubereiten, aber so oft fuhr der Zug ohne Warnung ab und alles mußte man stehen und liegen lassen, wenn man seine Familie nicht verlieren wollte.

Vollkommen erschöpft und vom Hunger gequält, kamen Familie Wiens und die übrigen Leidensgenossen in der Gegend der Stadt Kirow an. Was würde man hier mit ihnen anfangen? Wie würde sich ihr Leben gestalten? Der Zug hielt, wie so viele Transportzüge in jenen Tagen, irgendwo im Wald. Hier sollte der Wald geschlagen werden und hier würde die neue Siedlung der zurückgebrachten Rußlanddeutschen entstehen. Gleich mit dem letzten Stoß der Lokomotive, ehe sie hielt, lag es klar auf der Hand, daß sehr viele der Neuankömmlinge nicht lange auf ihrer neuen Siedlung aushalten würden. Die Kälte, der Hunger, die vielen Krankheiten und der Mangel an Unterkunft taten das Ihrige. Die Kreuze aus schlichtem Birkenholz vergrößerten den neuangelegten Friedhof zusehends.

Hier, weit entfernt von der Zivilisation und noch weiter entfernt

S. 56

von einem jeglichen barmherzigen menschlichen Herzen büßten diese Menschen für etwas, das sie nie getan hatten, auf das sie keinen Einfluß gehabt hatten. Sie waren einfach in das Getriebe der Räder des Weltgeschehens geraten, ohne es so richtig zu merken. Ihre Strafe dauerte an, ohne daß man das Ende dieses Leidens kannte.

Hans kommt zurück

Gleich nach Kriegsschluß durften viele aus Orenburg wieder in ihre Heimatdörfer zurückkehren. Sie kamen in Gruppen, sie kamen einzeln, sie kamen aus dem Uralgebirge, aus der Taiga, sie kamen aus Mittelasien und aus dem hohen Norden. Die noch am Leben waren, fanden meistens den langen Weg sehr bald nach Hause und nahmen ihren Platz in der Familie und in der Gesellschaft wieder ein. Der Krieg mit seinen vielen Nebenerscheinungen hatte sie alle verändert. Sie waren älter geworden und den natürlichen Frohsinn hatte die Trudarmee ihnen genommen. Die Reihen der Männer waren lichter geworden, die Frauen waren häufiger durch die Strapazen gekommen. Das hatte zur Folge, daß das Alter der Ehepartner sich verschob. Die Mädchen heirateten vielfach drei oder vier Jahre jüngere Männer. Anfangs war der Altersunterschied auch nicht so ernst, aber in den späteren Jahren spielte das Alter der Frauen eine immer bedeutendere Rolle.

Hans Siebert war der erste, der von seiner Familie nach Hause kam. Er reiste aus Korkino wieder per Bahn bis Orenburg und aus der Stadt fuhr er mit einem Lastwagen in seinen Heimatort. Das letzte Stück von Kitschkass nach Hause ging er zu Fuß. Zwei Jahre war er weggewesen. Wie immer, ging er eine Strecke auf ebener Straße. Dann kamen die wohlbekannten drei Hügel. Beim Aufstieg des ersten sah man vor dem Krieg die Spitzen der hohen Pappeln. Wenn man vom Tal zwischen dem ersten Hügel auf den zweiten kam, sah man nur die Schornsteine der Häuser und erst, wenn man auf dem Rücken des dritten Hügels stand, konnte man das unmittelbar vor sich liegende Dorf sehen. Dann war man zu Hause.

Hans konnte die Pappelbaumspitzen nicht sehen. Sie fehlten ihm. Erst als er auf dem dritten Hügel stand, erkannte er, warum er die Pappeln nicht gesehen hatte. Da, wo früher Bäume gestanden hatten, war heute nichts, sogar der Zaun an der Straße entlang war weggebrochen worden und die Bäume hatte man abgeholzt. Hans kam an die offene Haustür, denn man schloß damals keine Türen ab. Es war nicht nötig. Er trat ein und grüßte mit Absicht laut und vernehmbar. Es meldete sich niemand. Auch bei Helene Wiebe blieb alles ruhig und still. Hans setzte sich auf die Türschwelle, wie

S. 57

er das früher auch immer getan hatte, wenn Mutter Siebert zu spät von der Arbeit kam. Tina müßte ja bald kommen und dann würde Hans auch etwas von den anderen erfahren. Die Sonne fiel schon hinter die Hügel, als Tina vom Felde kam. Die Frühjahrsaussaat war im vollen Gange und Tina war beim Kartoffelpflanzen.

„Hans, unser Hans! Wo kommst du her? Laß dich einmal sehen." Tina ließ ihren Bruder sogar aufstehen, drehte ihn einmal im Kreis herum und fand alles an ihm in Ordnung; er war heil und gesund nach Hause gekommen.

„Wo ist Peter, wo ist die Mutter?" wollte Tina, die nun bald vierzehn Jahre zählte, wissen.

„Von denen habe ich bisher nichts Neues gehört. Heinz und Gerhard sind noch immer verschollen. Ob die wohl je wiederkommen?"

Beide gingen in die Küche und stellten fest, daß es in ihrer Küche nichts gab, um ein Abendessen zu machen. Sie würden heute noch einmal bei Helene Wiebe zum Abendessen einkehren und ab morgen wollten sie sich dann, so gut es eben ging, selbst beköstigen.

[FOTO — Bildunterschrift: „Hans Siebert bei der Maisernte in der Kolchose". Schwarzweiß-Aufnahme mit Traktor, Erntemaschine und Lastwagen im Feld. Für Website zu digitalisieren.]

Schon in den nächsten Tagen begann Hans mit der Arbeit in der Kolchose, denn man mußte ja auch etwas verdienen. In der Trudarmee arbeitete man umsonst oder nur für einen ausgesprochenen Hungerlohn. Tina hatte ja kaum etwas verdient. In jenen Tagen war es mit dem Verdienst in der Kolchose nicht weit her. Für jede Leistung wurde eine Einheit oder auch ein Teil von einer Einheit angeschrieben. Am Ende des Jahres zählte man die Einheiten, die einem angeschrieben worden waren, zusammen. Nachdem man die Ernte verteilt hatte, d.h. nach dem der Staat seinen Teil für die ewige freie Nutznießung

S. 58

des Bodens bekommen hatte, nachdem die Maschinentraktorenstationen für die zur Verfügung gestellten Maschinen ihren Teil kassiert hatten und nachdem die Saat für das nächste Jahr gelagert war, wurde der Rest, wenn es einen gab, an alle verdienten Kolchosenarbeiter verteilt.

Was bei dieser Berechnung herauskam, war der Jahreslohn für die Kolchosenarbeiter. Bargeld gab es kaum, es sei denn, man konnte von der einen Kuh, die man einer Familie halten durfte, übriggebliebene Milch verkaufen. Vielleicht konnte man Eier zum Markt bringen oder man hatte ein oder mehrere Kaninchen zu verkaufen. Wenn die Ernte gut war, hatte man Brot für sich und die Familie und das Futter für das Vieh, das man im Privatbesitz halten durfte.

Tina und Hans warteten sehnsüchtig auf die Heimkehr ihrer lieben Mutter, die ihre Monate Strafe jetzt bald abgebüßt hatte.

Mutter Siebert kommt nach Hause

Noch im Frühsommer 1945 wurde Mutter Siebert aus dem Lager entlassen. In den Wochen vor der Entlassung wurde sie von Tag zu Tag schwächer. Schließlich erbarmte sich der Arzt und verschaffte ihr eine ärztliche Untersuchung. Aufgrund dieser Untersuchung wurde sie als vollkommener Invalide entlassen. Auch für sie hatte nun der Krieg ein Ende. Die Jahre waren lang und reich an Entbehrungen gewesen. Sie hatte sich abgemüht und ihr Haupt, obzwar sie erst knapp achtundvierzig Jahre alt war, war in diesen Jahren grau geworden. Sie kam unerwartet, ohne vorherige Anmeldung, nach Hause.

Nach Hause! Was war zu Hause noch geblieben? Das Haus stand. Der Garten war nicht gemacht [und] mit hohem Unkraut bewachsen. Dort gab es für diesen Winter 1945–1946 nichts. Älter geworden, geschwächt und mutlos, stand sie bei der Auffahrt ihres Hofes.

Freudig vernahm sie, daß Hans und Tina zu Hause waren. Von ihren anderen drei Söhnen noch immer keine Nachricht vorlag. Peter, ihr Jüngster, ja der war in Perm und der würde ja auch eines Tages kommen, aber ihre beiden ältesten Söhne, die ließen noch immer nicht von sich hören. Ob die beiden wohl je wiederkehren würden? Ein banges Gefühl, daß sie Heinz und Gerhard für immer verloren haben konnte, befiel sie immer häufiger.

Am Abend saßen Hans und Tina mit ihrer Mutter in der Küche. Nach langer Zeit waren sie zu dritt am Tisch zum Abendessen. Was war das für eine Freude und dennoch eine

S. 59

Trauer um die anderen drei, die noch in der Fremde und Ferne weilen mußten!

„Kinder, laßt uns zusammen danken für das, was Gott uns getan hat."

Hans und Tina hatten in den Jahren, die sie von der Mutter getrennt und unter dem verderblichen Einfluß der atheistischen Propaganda gewesen waren, das Beten und ihren Glauben an Gott sozusagen verloren. Jetzt sahen sie auf ihre Mutter, die schon die Hände zum Gebet gefaltet [hatte]. Leise, aber voller Ernst und tiefer Überzeugung sprach Mutter Siebert das Gebet für sich und ihre Kinder, die mit ihr am Tisch saßen, und auch für die, die noch irgendwo in der Fremde waren:

„Heiland Herr Jesus, [deine Wege] haben wir nicht immer verstanden und uns manchmal so schwer [erschienen]. In all diesen Jahren des Krieges, der Angst und Sorge, in den Zeiten der Trennung und des Alleinseins, bist du aber immer mit uns gewesen. Wenn es scheinbar keinen Ausweg mehr gab, dann kamst du und halfst uns, unser Kreuz zu tragen. Dein starker Arm und dein liebevoller Trost [waren] mit uns in diesen verhängnisvollen Jahren. Du hast uns getragen bis hier.

Wenn wir dich und die Wege, die du mit uns gingst, auch nicht immer begriffen, so wissen wir dennoch, daß du es gut mit uns meintest, denn du liebst uns ja. Du machst keine Fehler mit uns, auch nicht, wenn wir durch die tiefsten Tiefen geführt werden.

Du hast mich zu Tina und Hans gebracht, wir dürfen wieder zusammen sein und dürfen ein ganz neues Leben beginnen. Wir preisen dich in deiner Liebe zu uns und für deine Sorge um uns. Wir danken dir für deine Gnade bis hier.

Herr, wir kommen aber auch in großer Sorge um Heinz, Gerhard und Peter zu dir. Sie sind noch in der Fremde und unterwegs. Wir kennen ihre Wege nicht, aber du kennst den Weg meiner Kinder. Du kannst ihnen helfen und sie erhalten. Du weißt, warum und wozu sie so schwere Straßen zu wandeln haben. Nur in deiner Obhut können sie erhalten bleiben. Gib ihnen die Gnade, daß sie dich sehen und dir folgen. Du kannst das vollbringen, nur du hast die Kraft dazu. Wir vertrauen auf dich und deine Güte.

Großer Gott, wir bitten dich, erhalte uns den Frieden in unserer Welt und in unserem Land. Segne uns bei dem Neuanfang in unserem

S. 60

Leben. Erhalte uns die Gesundheit und segne das Werk unserer Hände. Liebreicher Vater, komm du an unsern Tisch, sei du unser Gast und segne uns diese Speise, die wir nach langer Zeit wieder zum ersten Mal gemeinsam einnehmen wollen. Amen."

„Amen! Amen!" wiederholten Hans und Tina und beide waren froh, daß sie dank ihrer Mutter, durch ihren festen Glauben, in die Nähe Gottes gekommen waren, auch wenn sie es alleine, von sich aus, nicht vermocht hatten.

Über die mennonitischen Dörfer war es eine Art „Ruhe nach dem Sturm" gekommen. Die den Krieg überlebt hatten, kehrten allmählich in ihre Familien zurück und die mehr kamen, wurden als gefallen, verhungert oder sonst aus irgendeinem Grund als tot erklärt. Noch lagen der Schmerz und die Trauer als dunkle Wolke auf den Familien. Aber auch das würde sich mit der Zeit ändern, denn die Zeit heilt manch eine Wunde. Die Narben der Erinnerung und des Gedenkens bleiben aber in den Herzen erhalten.

Peter meldet sich wieder

Im Hochsommer erlebte Mutter Siebert mit ihren Kindern wieder nach langer Zeit eine großartige Freude. Der Postbote kehrte bei Sieberts nur selten ein. Aber heute war es anders. Die Briefträgerin, Netti Wiebe, eine gute Freundin von Mutter Siebert, rief schon von der Straße aus:

„Mutter Siebert, Mutter Siebert! Ich habe heute endlich Post für Sie!"

Mutter Siebert war gerade bei einer Arbeit im Garten, als sie den Ruf ihrer Freundin vernahm. Die Hände in ihrer Schürze trocknend, lief Mutter Siebert der Briefträgerin entgegen. Sie hatte schnell erkannt, daß es ein Brief von Peter aus Perm war. Sie kannte die Handschrift ihrer Kinder zu gut. Trotzdem versicherte sie sich ihrer Annahme und prüfte den Absender eingehend. Peter hatte geschrieben. Der Jüngste war also doch noch immer in der Stadt Perm. Lange hatte er nichts mehr geschrieben.

Wie mochte er wohl aussehen? Er war ja eben erst achtzehn geworden. Der Familienkreis würde ihm so gut tun. Noch starrte sie immer auf den dreieckigen Brief mit der linkischen Handschrift darauf.

„Ja, warum öffnen wir nicht den Brief? Was mag Peter wohl schreiben?" sagte Mutter Siebert erstaunt über sich selbst. Die Briefträgerin hatte Mutter Siebert schon verlassen, als sie anfing zu lesen:

S. 61

Liebe Mama!

Nun bei uns ist [es] schon lange der Krieg „kaputt", wie die Kriegsgefangenen und Russen immer sagten. Hier waren wir vor lauter Freude ganz außer uns, als wir erfuhren, daß das Töten nun ein Ende hat. Ich bin soweit gesund und es geht mir hier nicht schlecht. Ich arbeite noch immer als Holzfäller und mein Verdienst reicht für das bescheidene Leben, das man hier führt, aus.

Viele meiner Freunde und Bekannten sind schon in die Heimat gereist.

Auch könnte ich schon zu Hause sein, aber aus manchen Gründen zieht es mich nicht nach Hause. Die letzten Jahre vor dem Krieg waren so trüb und traurig, daß ich keinen besonderen Zug nach Hause verspüre.

Klar, ich wäre gerne bei den Geschwistern, wenn sie erst zu Hause sind. Oder sind die Brüder schon alle zu Hause? Sei mir nicht böse, wenn ich auf mich warten lasse. Wenn und wann ich nach Hause komme, weiß ich jetzt noch nicht. Ich werde wieder schreiben. Grüße die Geschwister von mir, wenn sie zu Hause sind. Tina soll doch einmal schreiben.

Wie geht es Dir, liebe Mutter? Es grüßt Dich herzlich Dein Sohn Peter.

Lange hatte Mutter Siebert auf einen Brief von Peter gewartet. Sie war froh, daß Peter lebte und daß [er] die schweren Jahre überlebt hatte. Daß er nicht vorhatte, nach Hause zu kommen, sondern im Norden des Landes zu bleiben, machte sie traurig. Daß Peter dort heiraten wollte, konnte sie [nicht] verstehen, denn bei [Sieberts] waren Mischehen in ihrer weiten Familie noch nicht vorgekommen. Würde Peter der erste sein, der mit der hergebrachten Sitte brach? Sie entschloß sich, Peter einen langen Brief zu schreiben und ihn zu bitten, doch nach Hause zu kommen.

Mutter Siebert wehrte sich gegen eine Heirat zwischen Peter und seiner Freundin. Sie unternahm sogar die beschwerliche Reise nach Perm, um Peter nach Hause zu holen. Mit aller ihrer Überredungskunst, mit der Anwendung

S. 62

ihrer Liebe, war ihr Bemühen vergebens. Peter kam nicht nach Hause. Er und Valentina blieben in Perm.

Erst neun Jahre nach seiner Einberufung in die Trudarmee kam Peter in das Heimatdorf zurück. Mutter Siebert, Hans und Tina freuten sich zu der Heimkehr Peters, aber Peter hatte Valentina und einen Sohn, den Valentina bei sich behielt, in Perm zurückgelassen. Das machte sie alle traurig, denn man konnte doch nicht gerade so mir nichts dir nichts eine Familie gründen und diese dann, ohne besondere Umstände zu machen, wieder verlassen. Das war doch etwas Unerhörtes gewesen in den Zeiten vor dem Krieg.

Wie ganz anders, wieviel lockerer war die Moral, als das in den Vorkriegsjahren der Fall gewesen war. Um eine bessere Kontrolle über die Leute in den Verbannungsgebieten zu haben, war die Regierung nicht an ein festes Ehebündnis zwischen Mann und Frau interessiert. Man zog zusammen in eine Wohnung, wenn es eine Wohnung gab, man lebte zusammen, zeugte Kinder, ohne eine besondere Verantwortung gegeneinander zu haben. Es war sogar verordnet, daß die Frauen, wenn sie in ein Eheverhältnis mit einem Mann eingingen, ihren Mädchennamen weiterhin behielten. Dadurch konnte die Miliz den Frauen leichter auf der Spur bleiben. Wie leicht, so argumentierte man, könnten sich die Frauen hinter dem Namen des Mannes verstecken und einfach in der Menge verschwinden.

Mit diesen Belastungen kam Peter nach mehr als neun Jahren nach Hause. Es war für ihn keine leichte Sache, sich in dem Leben der Dorfgemeinschaft zurechtzufinden. Als Peter in die Heimat zurückkam, war aus dem Jungen, der damals in die Trudarmee eingezogen war, ein richtiger Mann geworden. Die langen Jahre in der Fremde und in einer feindlichen Umgebung hatten Peter schweigsam werden lassen. Alle seine Sorgen trug er mit sich. Niemand erfuhr, wie es in seinem Inneren wirklich aussah. Er hatte den Frohsinn und das Lachen verlernt. Nur hin und wieder sah man ein Lächeln über sein gealtertes Gesicht huschen. Dann verrieten seine Züge, daß sein Gemüt dennoch lebte. Nur langsam fand er den Weg in die Familie zurück.

Schon gleich nach seiner Heimkehr fiel es Mutter Siebert auf, daß Peter oft ausging und sehr oft angetrunken nach Hause kam. Diese Entdeckung am Leben ihres Jüngsten beunruhigte sie sehr stark, denn die Trunksucht war weit und breit im ganzen Lande das verbreitetste Laster: man trank Wodka in großen Mengen, wo immer Männer zusammenkamen. Es tranken niedriggestellte und hochgestellte Leute. Gründe zu einem Gelage gab es genug. Meistens trank man am Abend, auf Staatsfeiertagen und auf Hochzeiten. Man trank zum Spaß und ohne Maß. Sehr oft suchte man sich jemand aus der Gesellschaft

S. 63

oder aus der Gruppe der Gäste, dem man eine Lektion erteilen wollte oder mit dem man ein „Hühnchen" zu rupfen hatte. Dann forderte man den Gast auf, zu trinken, bis er vollends betrunken war und dadurch zum Gelächter der Anwesenden wurde oder auch zur Schande der ganzen Familie herabsank. Das war noch eine milde Form der Beschämung. Ganz anders lief das Gelage aus, wenn man die Trunkenheit politisch auslegte. Dann konnte es vorkommen, daß die betreffende Person den Arbeitsplatz verlor oder bei der NKWD schwarz angekreidet wurde. Der dunklen Flecken in den Akten des Trinkers wurde man nicht sobald wieder los. Man brauchte diese Eintragung in den Akten immer wieder als Erpressung für verschiedene Gelegenheiten.

Die Trunksucht ruinierte den Menschen. Sie verringerte die Produktivität und vernichtete das Familienleben, sie trieb die Armen nur noch in größere Armut. Gegen dieses Laster waren Staat und Gesellschaft gleichermaßen rat- und hilflos. Nun brauchte Mutter Siebert auch noch damit fertigzuwerden.

Mutter Siebert litt unter dieser Erscheinung schwer, wie alle anderen Mütter litten, die diese Selbstzerstörung der jungen Menschen, ihrer eigenen Kinder, hilflos mitansehen mußten. Immer wieder baten sie in ihren Gebeten um Hilfe, aber scheinbar war die Prüfungszeit für sie und die anderen Mütter noch nicht vorbei. Erst viel später wurde das Gebet von Mutter Siebert erhört. Die Söhne wurden frei von der Trunksucht und gaben Gott die Ehre für die Kraft, die sie [erhielten]. Immer wieder sagten sie in ihren Gesprächen: „Wie schade, daß unsere liebe Mutter nicht mehr erlebt hat, daß wir auch ohne Alkohol leben können. Ihre Freude wäre übergroß gewesen."

Erinnerungen

Allmählich kam wieder Ordnung in das Leben der Familie Siebert. Man hatte sich wieder, so gut es in jenen Jahren ging, eingerichtet,

S. 64

obzwar man mit den geringen Mitteln nicht viel anfangen konnte. Man war froh, daß man ein Dach über dem Kopf und Brot hatte. Für die anderen deutschen Siedlungen aus der Ukraine und den russischen Gebieten westlich des Urals war die Lage bedeutend schlimmer. Sie waren über den Norden Rußlands, über ganz Sibirien und Mittelasien zerstreut, in die Verbannung geschickt worden. Erst nach Stalins Tod wurde ihre Situation erträglich und allmählich zogen sie in die Städte und Gegenden Mittelasiens zusammen und bildeten wieder geschlossene Siedlungen.

Die Orenburger Ansiedlung war eine der wenigen deutschen Siedlungen, die den Krieg intakt überstanden hatten, ohne ihre Zusammensetzung und hergebrachte Organisation eingebüßt zu haben. Man lebte in denselben Dörfern, bearbeitete dasselbe Land, sprach immer noch das friesische Platt in alter Form. Nur selten hatte man in den Dörfern Mischehen mit anderen Völkern. Erst in den folgenden Jahren traf es sich, daß es zu Mischehen kam. Da die ganze Umgebung aber deutsch war, wurden die aus anderen Völkern stammenden Ehepartner schnell absorbiert.

Seit März 1933 war Mutter Siebert Witwe gewesen und hatte mit verhältnismäßig gutem Erfolg ihre Familie erzogen. In den Jahren nach dem Tode ihres Mannes hatte sie kein Glück und nur selten eine kurze Freude erlebt. Voller Wehmut und Sehnsucht erinnerte sie sich der 15-jährigen Ehe mit Abram Siebert. Sie hatten große Pläne für die Zukunft gehabt, als sie 1918 nach dem Krieg heirateten. Das Leben voller Versprechungen lag ja damals vor ihnen.

Ihr Mann, Abram Siebert wollte Lehrer bleiben und er erhoffte sich so viel von diesem Beruf. Seine Frau, Mutter Siebert, freute sich, aus der Enge der Familie herauszukommen und ein friedliches und freies Leben mit ihrem Mann zu führen.

Ganz anders müssen die Pläne Gottes ausgesehen haben, denn Abram Siebert durfte nicht Lehrer bleiben, wenn er seinen Glauben an Gott und an Jesus Christus nicht leugnen wollte. Er entschied sich für die Nachfolge Jesu und wurde Kaufmann in der Kooperative. Das war für die Leute in Orenburg um 1926 eine Wahl, die viele als hochtrabend und einem Mennoniten nicht anstehend, fanden. Abram Siebert gab nach einiger Zeit die Stellung als Einkäufer auf und kaufte sich ein Stück Land und wollte nun doch wieder zum Beruf des Vaters zurück. Er ahnte, daß es für ihn zum Vorteil sein könnte, nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er hatte sich ein großes Haus gekauft. Als die Wirtschaft von Ältestem Krahn niederbrannte, vertauschte er an Isaak Krahn seinen großen Hof gegen die Ruinen von Krahns Haus,

S. 65

baute dieses viel kleinere Haus zurecht und versuchte nun, den Boden zu bebauen.

Mutter Siebert wollte sich auch als Bäuerin betätigen. Sie hatte es sich doch ganz anders gedacht mit Abram Siebert.

Über jene Zeit schrieb damals Jacob Siebert, der Bruder von Abram Siebert, an seine Schwester in Saskatchewan:

Unsere Schwägerin hat nun immer so hohe Gedanken, wie auch unser Bruder. Sie wollen groß hinaus und hoffen, sie können ihre Erwartungen erreichen. Aber es geht mit allem bergab. Unser Bruder mußte sein großes, schönes Haus zurückstecken. Er hat sich ein kleines Haus zurechtgebaut, um nicht bei den Behörden als Reicher aufzufallen. Sein großes, schönes Haus ist weg. Seine Frau, meine Schwägerin, das Tinchen, sieht vieles nicht ein, aber es dauert nicht mehr lange, und auch sie wird klein werden. Geschieht ihr auch ganz recht, denn warum soll einer mehr haben als der andere? Ich will nicht neidisch erscheinen, aber Mitleid habe ich mit ihnen auch nicht.

Die Jahre nach Abram Sieberts Tod, die Hungerjahre seit Beginn der Kollektivierung oder die Zeit der Vergesellschaftung allen Eigentums, die [Erwartungsjahre] und die mageren Nachkriegsjahre hatten alle gleichgehobelt. Alle waren sie auf den Nullpunkt herabgesunken. Niemand brauchte mehr auf den anderen neidisch sein oder in Mißgunst auf den Nächsten herabsehen. Alle waren sie gleich. Jacob Siebert hatte recht behalten. Seine Schwägerin Tinchen war klein geworden, indem sie durch Zeiten größter Not und unbeschreiblicher [Not] und unsäglicher Demütigung ging. Gott lehrte sie, bescheiden zu sein.

Als ihr Mann starb, war sie fünfunddreißig Jahre alt gewesen. Schon lange vor seinem Tode war Abram Siebert durch Magenkrebs zum Tode gekennzeichnet. Die letzten drei Jahre verbrachte er als Kranker im Bett zu Hause und im Hospital in der Stadt Orenburg. Seine Kräfte schwanden ständig ab.

Auch vor der Erkrankung hatte Mutter Siebert wenig von ihrem Mann. Er war ständig auf Reisen und die Mutter sah zu Hause mit Hilfe eines Knechtes und einer Haushälterin nach dem Rechten. Die Erziehung ihrer vier Söhne lag fast ausschließlich auf ihren Schultern. Die Wochentage und Feiertage, solange es noch [welche] gab, verbrachte die Familie zusammen.

S. 66

Um die geordneten Verhältnisse in der Gesellschaft völlig durcheinanderzubringen und dann nach dem Schlagwort „Das Alte zerstören wir und auf den Trümmern des Alten bauen wir dann etwas Neues" eine neue Gesellschaftsform zu errichten, führte man in den 30-er Jahren die „Fünftagewoche" ein. Jetzt kamen die Namen der Tage — [der] „Auferstehungstag" nicht mehr in Frage; an die Stelle der Tage mit den althergebrachten Namen [traten] nur noch Nummern — erster, zweiter, dritter und vierter Tag. Der fünfte Tag hieß jetzt der „Ausgetag" [„Ausgehtag"? zu prüfen]. Diese Regelung hielt allerdings nicht lange vor, [und] weil [man] einen guten Grund dafür anzugeben [hatte], kam nach einigen Jahren die Siebentagewoche mit dem „Auferstehungstag" und dem „Sabbath" wieder zurück.

Die Rückkehr der Siebentagewoche hatte aber nur einen geringen Einfluß auf die religiöse Einrichtung. Die Produktivität war alles andere als befriedigend und man mußte am Sonntag arbeiten wie an jedem anderen Wochentag. Damit die Sonntagsarbeit legal wurde, erklärte die Regierung den Sonntag immer häufiger als „Subotnik", d.h. einen Sabbath, an dem man sich freiwillig [und] ohne Bezahlung [zur Arbeit stellte]. Die Wirtschaft sollte dadurch genesen. Man vergaß dabei, daß der Mensch am Montag abgeackert, mürrisch und ohne Freude die neue Arbeitswoche begann. Die Arbeitsmoral sank auf ein immer niedrigeres Niveau herab und machte die Arbeit zur regelrechten Strafe für den Menschen.

Der Glaube wird zerstört

Eine besonders große Verheerung erlitt die mennonitische Gesellschaft durch die antireligiösen Maßnahmen, die ab 1927 besonders verschärft durchgeführt wurden.

Inspektoren erschienen in den Schulen und sie verboten jeglichen Religionsunterricht. Lehrer, die an ihrem Glauben festhielten, wurden aus dem Schuldienst entlassen und durch Atheisten und angebliche Atheisten ersetzt. Den Eltern untersagte man ebenfalls die religiöse Unterweisung ihrer Kinder.

Gottesdienste durften ab jetzt nicht mehr in Privathäusern abgehalten werden, sondern nur noch in den Gotteshäusern. Das scheint auf den ersten Blick auch ganz in Ordnung zu sein, denn die Gotteshäuser waren dafür auch bestimmt. Mit dieser Regelung, [die] so fair und logisch zu sein schien, hatte man aber etwas ganz anderes im Sinn.

S. 67

Einmal konnte man den Gottesdienst besser kontrollieren und die Gottesdienstbesucher konnten überwacht und gezählt werden. Bei den Repressalien der folgenden 30-ger Jahre war das sehr wichtig für die Miliz und NKWD.

Weil es lange nicht in allen Dörfern Gotteshäuser gab, mußte man unbedingt Fahrzeuge haben, um zu den Gottesdiensten in den entfernten Gotteshäusern zu kommen. Diese Fahrgelegenheit fehlte jetzt überall. Um zu Fuß zum Gottesdienst zu gelangen, fehlte es bei der angestrengten Arbeit an Kräften und an Zeit. Infolgedessen mußten die Leute, die in Dörfern ohne Gotteshäuser wohnten, ohne gottesdienstliche Betreuung bleiben.

Besondere Schwierigkeiten verursachte diese Verordnung bei Beerdigungen, die in mennonitischen Gemeinden immer in Privathäusern abgehalten wurden. Das war jetzt verboten. Man war damals gezwungen, die Toten ohne Gottesdienst, ohne Lied und Gebet zu beerdigen. In Dörfern, in denen es ein Gotteshaus gab, wurden die Begräbnisse jetzt in den Kirchen abgehalten, so weit diese nicht für andere Zwecke wie Speicher, Schulen, Klubhäuser u.s.w. verwendet wurden.

Das Verbot, gottesdienstliche Veranstaltungen außerhalb des Gotteshauses zu haben, vernichtete auch die wöchentlichen Bibel- und Gebetstunden. Diese wöchentlichen Veranstaltungen hatten erst vor einigen Jahren Eingang in die mennonitischen Dörfer gefunden und jetzt sollten sie so ganz schnell eingestellt werden.

Dasselbe betraf auch die Sonntagsschule für die Kinder. Diese Unterrichtsstunden fanden an den Sonntagnachmittagen in Privathäusern statt. Jetzt war auch diese so wertvolle Einrichtung unter dem Schlag der antireligiösen Einstellung der Behörden zertrümmert worden.

Ein besonderes Augenmerk fiel auf die Prediger, Ältesten und Diakonen der Gemeinden. Hier machte man keine Ausnahme mit den verschiedenen Konfessionen. Es spielte keine Rolle, ob man zur orthodoxen, katholischen, lutherischen oder mennonitischen Gemeinde gehörte. [Man] belegte diese Personen mit unmäßigen Obligationen in Bargeld oder verlangte von ihnen unmögliche Getreide[abgaben]. Wenn die betreffenden Geistlichen diesen Forderungen nicht nachkamen, wurden sie der Sabotage beschuldigt und verhaftet. Nur wenige dieser Unglücklichen kehrten je in die Freiheit zurück. Sie kamen in den Gefängnissen, in den Lagern und in den verschiedenen Verbannungsgebieten ums Leben, still und von der Öffentlichkeit kaum gesehen. Zu jener Zeit, wie auch später in den 30-ger Jahren, war das öffentliche Märtyrium der Gläubigen ein Dorn in den Augen der Behörden. Das öffentliche Zeugnis für den Glauben an Gott und an

S. 68

die Erlösung der Menschheit durch Jesus Christus war gefährlich und spornte die Menschen zu stärkerem Glauben und Zeugenmut an. Deshalb erfand man Mittel und Wege, den Predigern, Diakonen und Gläubigen verschiedene sogenannte Verbrechen, wie Volksschädlinge, aller Art zur Last zu legen. Sie wurden bei Nacht und Nebel verhaftet und geheim verurteilt und verbannt. Die Öffentlichkeit hörte nie wieder etwas von ihnen. Erst lange nach dem Kriege, nach 1956, wurden sie rehabilitiert und man gab den Angehörigen, wenn diese noch lebten, die Auskunft, daß die von ihnen gesuchte Person unschuldig ums Leben gekommen war. In jenen Tagen des Terrors, 1936, 1937 und 1938 hatten die noch in der Freiheit Lebenden ständig Angst für ihre eigene Freiheit und um das Schicksal ihrer Lieben in den Gefängnissen und in den Verbannungsgegenden.

Die Jugend jener Tage hatte oft keine Ahnung, was um sie passierte. Sie wußte nicht, warum ihre Väter, Brüder, Onkel und andere Verwandte und Bekannte plötzlich nicht mehr da waren. Sie waren einfach verschwunden, wie vom Erdboden weggewischt, wie man zu Hause den Tisch wischt. Die plausibelste Antwort war dann die, daß der liebe Vater, der gute Bruder und der freundliche Onkel oder Nachbar eben zu einem „Volksfeind" geworden war. Was könnte es sonst gewesen sein? Gestohlen und gemordet hatten sie nicht. Sie hatten auch keine bösen Reden gegen den Staat geäußert. Sie waren immer still und fleißig ihrer Arbeit nachgegangen und hatten auch sonst ihre Pflicht getan. Es müßte dann eben ein anderer Grund vorgelegen haben, der die Inhaftierung dieser vielen guten Menschen rechtfertigte. Die Jugend in ihrer Naivität und in ihrem jugendlichen Eifer konnte es nicht fassen, daß man Tausende und Tausende unschuldige Menschen bei dunkler Nacht aus dem Bett jagen und auf immer von ihren Familien reißen würde. Ohne einen triftigen Grund auf immer von Frau und Kind genommen zu werden? Das ging doch nicht! So böse kann kein Mensch sein! Die Jugend suchte nach dem Grund, warum ihre Mutter Witwe und ihre Kinder Waisen geworden waren. Sie wußte es nicht. Die Alten aber, sie wußten es, durften es aber nicht sagen.

Eines Tages, Abram Siebert war schon fast vier Jahre tot, sagte Mutter Siebert zu ihren Kindern, als sie alle um den Tisch versammelt waren:

„Kinder, ich bin ja so froh, daß euer Vater tot ist." Stille herrschte im Zimmer. Alle vier Augenpaare ihrer Söhne waren auf die Mutter gerichtet. Hatten sie etwas verpaßt in dem Leben der Eltern? Sie wußten, daß der Vater die Mutter herzlich lieb hatte. Die Mutter hatte nie auch nur ein einziges böses Wort über ihren Vater gesagt. Und

S. 69

jetzt war sie plötzlich froh, daß Vater nicht mehr lebte. Wie war denn das möglich?

Erst viel später erfuhren die Kinder, was ihre Mutter mit dieser Äußerung sagen wollte. In all den Jahren hatte sie darum gebangt, daß ihr Mann eines Tages nicht mehr heimkehren würde oder daß man ihn mit einem herzlosen Klopfen an der Tür wecken und befehlen, sich anzukleiden, sein Bündel zu packen und mitzukommen, ohne sich von den Kindern zu verabschieden. Er würde dann, wie viele vor ihm und nach ihm, vor ein ruchloses Gericht kommen, nachdem man ihn dann in die Verbannung schicken, wo er sein Leben bis zum Tode in unmenschlichen Verhältnissen dahinvegetieren müßte. Nein, da war es doch tausendmal besser, er stürbe zu Hause im Bett. Er ruhte, wie auf dem Schleifen über dem Sarge stand, sanft. Mutter wußte, wo er war. Und das war ihr Trost. Mutter Siebert hatte damals schon gelernt, den Willen Gottes zu erkennen und sich darein zu fügen. Sie ließ sich an seiner Gnade genügen.

Mutter Siebert heiratet

Das Leben Mutter Sieberts war durch all die Jahre schwer und eintönig verlaufen, bis 1947 ganz plötzlich eine Änderung eintreten sollte. Peter Pries, ein Witwer aus dem Nachbarort, machte Mutter Siebert einen Heiratsantrag. Er war bedeutend älter als Mutter Siebert und hatte eine große Familie. Die meisten Kinder seiner Familie [waren] noch zu Hause.

Trotzdem, daß Mutter Siebert schon lange im Witwenstand lebte, fiel ihr die Entscheidung in dieser Sache nicht leicht. Nach langer Überlegung willigte sie ein, die Frau von Peter Pries zu werden. Sie sah die Schwierigkeiten, die mit der Übernahme einer so großen Familie entstehen könnten, aber sie hoffte, doch noch etwas von einem Familienglück zu haben. Sie glaubte, im Kreise der Familie Pries Ruhe und Frieden zu finden.

Mit einer kleinen Andacht wurde die Ehe geschlossen. Man registrierte die Ehe im Dorfsowjet und damit war das Ehebündnis gültig. Gleich am nächsten Tag wurden die wenigen Habseligkeiten in das Haus der Familie Pries übergefahren, und für Mutter Siebert und die Tochter Tina begann ein ganz neuer und fremder Lebensabschnitt.

Das Haus, in dem Mutter Siebert, Tina und Hans bis jetzt gelebt hatten, wurde von Hans übernommen, der ja nun auch schon das

S. 70

heiratsfähige Alter erreicht hatte. In Tina Neufeld fand er seine Lebensgefährtin, die, wie so viele Frauen in jener Zeit, vier Jahre älter als ihr Mann war.

Das Leben lief in Riesenschritten weiter. Mutter Siebert lebte und arbeitete in der Wirtschaft ihrer neuen Familie. Tina besuchte die Schule und hatte vor, den Beruf einer Krankenschwester zu erlernen. Dann kam eines Tages die große Überraschung für Mutter Siebert, als Tina ihr mitteilte, sie möchte den Sohn von Peter Pries, d.h. ihren Stiefsohn [sic], heiraten. Mutter Siebert wollte sich dagegen wehren, war aber machtlos, irgendeinen ernsten Schritt gegen den Wunsch ihrer Tochter zu unternehmen. Sie heiratete den Stiefbruder Willi, als sie siebzehn Jahre alt war. Wohl verließ das junge Paar das elterliche Haus, aber für Mutter Siebert blieb die Sorge um ihre junge Tochter zurück.

Durch die Heirat mit Peter Pries hatten sich die Lebensverhältnisse von Mutter Siebert drastisch verändert. Sie hatte plötzlich nichts Eigenes mehr. Als sie ihr Haus verließ, nahm sie die Kuh und einige Kleinigkeiten wie Kleider und sonstiges mit. Wohl brauchte sie sich nicht mehr um den Verdienst des Lebensunterhaltes zu sorgen, aber dafür hatte sie die Verantwortung für die große Familie, die hauptsächlich aus erwachsenen, weiblichen Personen bestand. Die Familie war mehrere Jahre ohne Mutter gewesen und die Töchter des Hauses hatten verlernt, sich den Anweisungen der Mutter zu fügen. Mutter Siebert hatte mit ihrer Heirat kein leichtes Los gewählt.

Besonders schwer war es in der Familie, wenn der häufige Streit zwischen den Kindern und ihrem Vater ausbrach. Die Beschimpfungen und das Geschrei wollten schier kein Ende nehmen. Und mitten in diesem Zank stand nun Mutter Siebert. Sie hatte gehofft, in ihrer zweiten Ehe nach all den Jahren der Einsamkeit, der Entbehrung und Unsicherheit, Liebe, Genüge und Sicherheit zu finden. Gerade das Gegenteil hatte sich eingestellt. Was sie nie für möglich gehalten hatte, mußte sie jetzt Tag für Tag erdulden. Ihre ganze Kraft und Geduld wurde gebraucht, sich aus den laufenden Streitigkeiten herauszuhalten und die Atmosphäre der Gehässigkeiten zu ertragen.

Immer häufiger verglich sie ihren Zustand mit den Verhältnissen ihrer Ehe mit Abram Siebert und mit den Verhältnissen ihres elterlichen Hauses. Dann überfiel sie eine richtige Sehnsucht nach Hause. Aber wo war denn dieses „zu-Hause"? Das gab es ja gar nicht mehr. Das war damals vor mehr als zwanzig Jahren ausgelöscht worden, als ihre Eltern mit den fünf unverheirateten Kindern alles verkauften und nach Kanada, oder wie man das allgemein nannte, nach Amerika auswanderten. Das waren jetzt schon einundzwanzig Jahre her, daß sie

S. 71

ihre Eltern und Geschwister nicht mehr gesehen hatte, und dennoch war es ihr so klar, wie an dem kalten Februartag im Jahre 1926, als ihre Eltern ihr Gepäck auf mehrere Schlitten luden und sich von den zurückbleibenden Kindern und Enkeln verabschiedeten. Sie würden sich bald wiedersehen, sehr bald. Jetzt waren mehr als zwanzig Jahre ins Land gezogen. Sie hatten sich immer noch nicht wiedergesehen.

Die Auswanderung

Mutter Siebert saß in ihrem Zimmer und strickte, wie sie das immer in ihrer freien Zeit machte. Dabei konnte sie ganz ungestört ihren Gedanken nachgehen und in der Vergangenheit den Schlüssel zur Gegenwart finden.

Der Anfang, so erinnerte sich Mutter Siebert noch genau, dieser Trennung begann schon mit dem Ausbruch der Revolution im Jahre 1917. Schon im August 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, begannen die Deutschen in Rußland zu fühlen, daß sie trotz aller Anstrengung Fremdlinge in dem großen Land geblieben waren. Dieses Empfinden wurde nur noch größer, als die zaristische Regierung, die die Deutschen ins Land gerufen hatte, die weitgreifenden Liquidationsgesetze herausgab. Diese Gesetze verlangten die Abschaffung des größten Teiles des deutschen Landbesitzes und der deutschen Unternehmungen.

Die Ausführung der Liquidationsgesetze kam nicht zustande, weil die Revolution im Februar 1917 und die darauffolgende Oktoberrevolution dieses verhinderten. Wäre die Revolution 1917 nicht gekommen, die Deutschen und mit ihnen Mennoniten, wären ohne ihren Landbesitz und ohne ihre Fabriken übernacht arm geworden.

Das große Durcheinander in Rußland, verursacht durch Revolution, durch den völligen Zusammenbruch der Front gegen Deutschland und durch den anschließenden Bürgerkrieg, kam anfangs 1920 zum Stillstand. Erst jetzt konnten die Verluste und Zerstörungen richtig abgeschätzt werden. Das Ergebnis war erschütternd. So viele Männer waren im Krieg geblieben und so viele Menschenleben hatte der Bürgerkrieg verlangt. Diese Verluste machten sich besonders in der Landwirtschaft und in der Versorgung des Landes mit den nötigen Lebensmitteln bemerkbar.

Das Brot war schon immer knapp gewesen, seitdem der Krieg wütete. Die revolutionären Versorgungskomitees hatten alles, was es an Getreide gab, gewaltmäßig eingezogen, so daß sogar die Landbevölkerung am Hungerstrang knabberte. 1921 kam die Hungersnot, die Stadt und Land in dem weiten Rußland mit unerbittlicher Härte

S. 72

umschlungen hatte, in vollem Ausmasse spürbar. Tausende und Abertausende von Menschen starben vor Hunger zu Hause, auf den Straßen der Städte und in den Gräben der Landstraßen. Es schien allen seinem Ende entgegenzugehen.

Die Deutschen hatten bis jetzt noch nie Hunger gelitten, aber das Jahr 1921 ließ die Vorratskammern der sonst so reichen und sparsamen Bauern auch leer werden. Diese Tatsache war ein schlagender Beweis, daß die Hungersnot eine harte und nichtzuleugnende Wirklichkeit war.

In dieser Zeit fiel auch die Gründung des Mennonitischen Zentralkomitees in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Mennoniten in den Vereinigten Staaten sandten ihre Hilfe nach Rußland. In der Hauptsache bestand diese Hilfe aus Lebensmitteln, Saatgetreide und später auch aus landwirtschaftlichen Maschinen wie z.B. die kleinen, grauen Fordsontraktoren.

Mutter Siebert erinnerte sich noch so genau an die Milchdosen, die man damals an die hungernde Bevölkerung verteilte. Bis auf den heutigen Tag bewahrt sie eine sogenannte Hoeppnerflasche, in der man das amerikanische Sonnenblumenöl gebracht hatte. Den Namen hatte die Flasche nach dem Überbringer der Lebensmittelspende, D.R. Hoeppner. Mutter Siebert fragte sich jetzt immer noch, wie wohl aus den vielen hungernden Kindern und auch Erwachsenen geworden wäre, hätten die amerikanischen und kanadischen Mennoniten nicht ihre helfenden Hände ihren leidenden Geschwistern in der Ukraine, am Trakt, im Kaukasus, ja bis nach Barnaul und Slawgorod hin ausgestreckt.

Mutter Siebert, und sicherlich auch viele andere ihrer Generation, hatte die Liebe, die ihnen damals in der großen Not gezeigt wurde, nicht vergessen. Obwohl das Mennonitische Zentralkomitee eine große Unterstützung für die Mennoniten war, konnte es die Not der Bevölkerung nicht auf längere Zeit beseitigen. Das Land war zu groß, die Zerstörung der gesamten Wirtschaft zu umfassend.

Zu diesem wirtschaftlichen Tiefstand gesellte sich noch der Verlust des Vertrauens in die neuen Absichten der Regierung aus Moskau. Wohl hatte sich die Liquidation des deutschen Eigentums nicht verwirklichen lassen, aber dafür stand die Enteignung und die Verstaatlichung allen Eigentums durch die bolschewistische Regierung noch aus. Das würde dann die Deutschen, ja alle Bauern Rußlands ihr Land, wenn sie es besessen hatten, verlieren würden. Allein schon die Möglichkeit dieser Landreform war für die Mennoniten beängstigend genug, nach einem Ausweg aus dieser bedrohlichen Lage zu suchen. Auch sahen die Mennoniten eine große

S. 73

Gefahr für den Weiterbestand ihres Glaubens und ihrer Kultur unter dem immer stärker werdenden Einfluß der kommunistischen Weltanschauung.

Alle diese Gründe führten schließlich dazu, daß die Mennoniten Rußlands eine Studienkommission gründeten, die sich mit der Möglichkeit einer Auswanderung nach Nordamerika befassen sollte. Die Mitglieder dieser Kommission reisten in die Vereinigten Staaten, untersuchten Möglichkeiten zur Ansiedlung der Mennoniten in Deutschland und sogar in den Vereinigten Staaten, Mexiko und in den alten Kolonien in Afrika. Dann kam das Jahr 1923. Die erste Gruppe Mennoniten aus Rußland war nach langer Reise in Kanada angekommen und sollte bei Rosthern, Saskatchewan angesiedelt werden. Fremd war ihnen das Land, fremd die Sprachen der Einwohner und fremd die Menschen des Landes. Dazu kam noch die völlige Mittellosigkeit dieser Einwanderer. Dafür aber waren sie frei von jeder Unterdrückung. In der ersten Zeit nach der Ankunft in Kanada konnten einige bei den Verwandten, die in den Jahren 1874, 1875, 1876 nach Kanada gekommen waren, zeitweilig unterkommen. Die überwiegende Mehrheit der Einwanderer begann sich unter den neuen Verhältnissen und unter fremden Leuten einzuleben, was durchaus nicht eine leichte Aufgabe war. Sie brauchten Geld für den eigenen Unterhalt, für den Ankauf von Land und Vieh und für die Tilgung der Reiseschuld bei der Canadian Pacific Railroad Company. Es war für viele fast unmöglich, in jenen Tagen einen klaren Blick für die Entwicklung der Dinge zu behalten.

Der ersten Gruppe folgten weitere. Die kanadische Prärie nahm sie auf, ohne sie zimperlich zu behandeln. Und die russische Steppe der Ukraine, des Urals und Sibiriens gab sie her, einen Transport nach dem anderen.

Um die zerrüttete Wirtschaft des Landes wieder instand zu setzen und sie anzukurbeln, entschloß sich Lenin 1922 zur Proklamierung der Neuen Ökonomischen Politik, die nun wieder Privateigentum und Privatinitiative zuließ. Die Bauern durften ungehindert nach eigenem Gutdünken den Boden bebauen. Die Fabrikunternehmer, falls sie noch am Leben und im Lande waren, durften wieder die Produktion aufnehmen. Alles schien wieder besser zu werden und die Zukunft sah wieder rosiger aus als vorher.

Diese verbesserten Verhältnisse verringerten auch das Interesse an der Auswanderung nach Kanada. Der Strom der Auswanderer schrumpfte in den Jahren 1927, 1928 beachtlich zusammen und wollte sogar versiegen, bis Stalin die Neue Ökonomische Politik aufhob und im Handumdrehen die Betriebe verstaatlichte und die Bauernhöfe

S. 74

vergesellschaftlichte und die Kollektivwirtschaften oder Kolchosen einführte. Die leichtgläubigen Unternehmer und Bauern waren der Regierung auf den Leim gegangen. Mit der Einführung des ersten Fünfjahresplanes hatten sie jetzt alles verloren, was sie mit größter Anstrengung in den letzten fünf Jahren aufgebaut hatten.

Man begann erneut an der Vorbereitung zur Auswanderung zu arbeiten. Jetzt wollte auch die Familie Siebert zu den Verwandten in Kanada auswandern. Mutter Siebert erinnerte sich noch so genau an den Brief, den ihr Mann am 27. Januar 1927 an seine Schwester in Saskatchewan geschrieben hatte:

... Wir grüßen Euch herzlich in dem fernen Amerika. Es kommt einem doch fabelhaft vor, daß Ihr noch unlängst hier in dem armen Orenburg wart und jetzt in Kanada wohnt. Wir freuen uns, daß Ihr dort seid, denn schade darf Euch hier nichts sein. ... Die langen Winterabende werden dazu ausgenützt, Eure Briefe aus Amerika immer wieder zu lesen und zu besprechen. Man erzählt sie wörtlich wieder. Es gibt ganze Geschichten über Euer Leben dort. Viele, die damals unmöglich auswandern wollten, sind heute willens, zu fahren, wenn es nur ginge. Es hat aber ganz den Anschein, als ob aus den Reisen in Euer Land nichts wird, denn es werden keine Pässe mehr ausgestellt. Eine Gruppe von hier wartet schon seit Oktober vorigen Jahres auf Pässe. Man vertröstet sie von einer Woche zur anderen. Jakob Wolf, der sich um die Ausstellung der Pässe bemühte, ist in Moskau festgenommen worden. Er sitzt dort im Gefängnis. Man redet viel davon, daß Amerika viele Auswanderer aufnehmen will, aber wenn es hier nicht anders wird, wird die Zahl der Emigranten nur klein sein. Auch wir wollen, wenn es nur eben möglich sein wird, im Frühling oder Herbst auswandern. Daher hätten wir gerne erfahren, wie Ihr es an Ort und Stelle seht. Schreibt uns doch bitte, wie Ihr die Dinge dort gefunden habt. Gefällt es Euch? Es ist doch für uns eine ganz fremde Welt, mit anderen Sitten und anderen Bräuchen. Unlängst lasen wir einen Brief von Peter Redekopp. Der hat die guten und auch die schlechten Seiten beschrieben. Da kann man sich doch wenigstens ein Bild von Kanada machen. ... Von Peter Thiessen hören wir auch nichts. Die sind bestimmt froh, daß sie von hier weg sind und denken nicht mehr an uns arme Rußländer. Hätte Euch noch so manches zu sagen, aber leider ist das nicht mehr ratsam.

S. 75

Mit herzlichen Grüßen und mit den besten Glückwünschen für Euch in Eurer neuen Heimat verbleiben wir Eure Geschwister Abram und Katharina Siebert.

... Früher, ja da konnte man es noch wagen, jemandem alles zu schreiben, was die Seele bedrückte. Mutter Siebert erinnerte sich an einen Brief vom 25. März 1928, den sie an die Schwester ihres Mannes, Cornelia Block, in Saskatchewan geschrieben hatte. In den 30-ger Jahren hätte man solch einen Brief als großes Kardinalverbrechen angesehen.

Liebe Geschwister!

Will schnell einmal versuchen, von uns ein Lebenszeichen zu geben. Zuvor ich weiter schreibe, wünsche ich Euch dort allen ein gutes Wohlergehen an Leib und Seele. Auch wir sind noch alle, Gott sei Dank, schön gesund. Wir entschuldigen uns herzlich für das lange Schweigen, aber wir lesen Eure Briefe gerne und mit grossem [sic] Interesse...

Meine Eltern und Geschwister wohnten in Saskatchewan. Dort verfror ihnen der Weizen auf zweihundert Acker. Scheinbar konnten sie die Zahlungen nicht machen und da haben sie die Farm einfach im Stich gelassen und sind nach dem Norden Ontarios gezogen. Dort gibt es nur Wald, lauter Wald. Ihr Häuschen steht direkt an der Bahnlinie. Schulden haben sie jetzt keine. Das Land kauften sie für fünfig [sic] Zents pro Acker. Sonst haben sie sozusagen gar nichts. Ihr Vieh- und Geflügelbestand besteht aus zwei Hühnern und einem Hahn. Kühe, so schreiben meine Eltern, sind dort eine Seltenheit. Sie haben für die siebenköpfige Familie nur ein winziges Häuschen mit einem Fenster und einer Tür. Meine Mutter schreibt, das Häuschen sei nur aus Weihnachtsbäumen gebaut und die Ritzen zwischen den Stämmen habe man mit Moos verstopft.

Wenn ich das so lese, dann bin ich ja froh, daß wir hier geblieben sind. Aber dann bleibt es sich ja fast egal, wo man ist. Hier wird es jetzt auch immer schwerer. Wir müssen jetzt nur noch ans Zahlen denken: zahlen, zahlen und nochmals zahlen. Unsere Steuer müssen wir in drei Terminen zahlen. Jetzt dürfen wir nichts mehr für bares Geld kaufen. Für alle Textilien- und Lederwaren müssen wir in Weizen bezahlen, den wir leider nicht besitzen. Jetzt wird jeder Familie zwangsweise eine Regierungsanleihe auferlegt. Wir nahmen nur fünf Rubel. Mehr konnten wir uns nicht erlauben. Wir haben kein Geld.

S. 76

Abram erzählte unlängst, daß einer seiner Bekannten gezwungen wurde, eine Anleihe von tausend Rubel zu unterzeichen [sic]. Er nahm die Kreditscheine, hängte sie an einer Schnur um den Hals und erhängte sich dann. Ist das nicht traurig?

Jetzt leiht man Geld von der Bank. Auf unseren Dorfsowjet kommen siebenhundert Rubel; auf unser Dorf entfallen davon dreihundert Rubel. Woher das Geld kommen soll, ist uns allen schleierhaft. Es scheint uns allen schwierig zu werden, aber alles wird doch wohl so seinen Gang gehen müssen, denn hier scheint alles dem Ende zuzugehen.

Vor einigen Tagen tauchte hier ein sogenannter Inspektor auf, um die Schulen zu besuchen. Die Sonntagsschule und auch der Religionsunterricht sind ab sofort verboten. Und dennoch, trotzdem daß man so streng gegen alles Religiöse und alles Göttliche ist, bekehren sich sehr viele Menschen, erst in den Städten unter den Russen und von dort breiteten sich große Erweckungen auf dem Lande aus. In Neusamara bei Orenburg bekehrten sich ganze Dörfer zum Herrn. In Fedorowka, Nummer 7, bekehrten sich über hundert Personen. Ganze Familien haben sich entschlossen, dem Herrn Jesus nachzufolgen. Auch aus Eurem Dorfe kommen immer mehr Menschen zu Jesus. Deine Geschwister sind auch dabei. Anna, Jacobs Frau, ist so glücklich, daß Dein Bruder auch das Verlangen hat, in die Nachfolge Jesu zu treten.

Wir wünschen Euch allen eine frohe Osterzeit!

Zum Schluß grüßt Euch herzlich Eure Katharina Siebert.

Am 7. April 1928 schrieb Abram Siebert auch einen Brief an seine Schwester Kornelia in Oxbow, Saskatchewan:

... Nun es freut uns, daß Ihr dort seid. Könnt uns ruhig die Schattenseiten von Kanada beschreiben. Wir werden Euch trotz allem beneiden. An eine Auswanderung ist hier nicht mehr zu denken, denn es gibt keine Pässe mehr. Sollte es aber möglich sein, nach Kanada auszuwandern, wir gingen lieber heute als morgen schon zu Fuß los. Wir gehen hier durch sehr unruhige Zeiten. Müssen sehr hohe Zahlungen an der auferlegten Obligation u.s.w. machen. Wir hofften, daß wir für dieses Jahr genug bezahlt hatten, aber wer weiß ... Haben jetzt unsere eigenen Traktoren, mit denen wir pflügen und säen wollen. Wir richten uns, wie Ihr seht, die

S. 77

Wirtschaft auf amerikanisch ein; nur schade, daß wir alle in die Kollektive eintreten sollen, das heißt, wir müssen zusammen pflügen, säen und ernten. Wir brauchen aber einstweilen noch nicht zusammen aus einem Topf zu essen. Das Reichwerden haben wir Rußländer bald alle aufgegeben. Man spricht immer häufiger davon, wie man seine Wirtschaft kleiner und sicherer gestalten könnte, damit man ein besseres Auskommen garantiert hat. Man muß hier zur Zeit so vieles tun, um sich und seine Familie vor dem Untergang zu schützen.

Lieber Johann, schreib doch einmal, was man bei Euch über die Auswanderung der Mennoniten aus Rußland nach Kanada hört. Wir haben uns hier jetzt von allem, was uns bisher hielt, losgemacht. Hier sind die Aussichten hoffnungslos. Onkel Born wartet schon fast ein Jahr auf das Ausreisevisum. Andere haben sich damit abgefunden, daß sie in Rußland bleiben müssen und richten sich dementsprechend ein. ...

Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen, denn hier ist alles so unbeständig. So wie es jetzt zugeht, kann es nicht lange mehr gehen. Es sieht alles so dunkel aus, auch mit unserer Reise nach Amerika. Wir wollen so gerne raus aus Rußland, aber es wird immer klarer, daß es weit mehr braucht als den bloßen Willen.

Ein letzter Versuch

Mit dem Abschluß der neuen Ökonomischen Politik und mit der Einführung der zwangsweisen Kollektivisierung steigerte sich das Interesse der Mennoniten an einer Auswanderung nach Kanada sehr stark und 1929 war eine regelrechte Flucht der Mennoniten nach Moskau im Gange, in der Hoffnung, daß man trotz allen öffentlichen Erklärungen über das Verbot, die Sowjetunion zu verlassen, eine Ausreisegenehmigung erhalten werde. In Moskau und in der Umgebung Moskaus befanden sich damals über dreizehntausend Mennoniten. Die meisten von ihnen wohnten in den Datschas um Moskau. Ihr Geld ging in vielen Fällen zur Neige. Das Leben mit den großen Familien war sehr kostspielig und die Leute hatten das ersparte Geld oder auch den Erlös vom Verkauf ihrer Wirtschaften, d.h. ohne Land, bald verbraucht.

Ganz überraschend durften etwa fünftausend Deutsche und darunter dreitausend Mennoniten nach Deutschland auswandern, allerdings mit der Bedingung, daß sie nach Kanada und Paraguay weiterreisen

S. 78

würden. Diese fünftausend hatten ihren Erfolg den Bemühungen von Dr. Benjamin Unruh und anderen Mitgliedern der Studienkommission zu verdanken.

Die Sowjetregierung griff jetzt zu ganz radikalen und rücksichtslosen Maßnahmen, den Strom der Auswanderungslustigen für immer zu stoppen. Man verhaftete erst die Leitenden der Auswanderer und gleich im Anschluß daran die Familienhäupter. Die Frauen und Kinder wurden in ihre Heimatdörfer zurückgeschickt. Mittellos und ohne Obdach kamen sie zu Hause an. Die meisten der Väter kehrten nie wieder nach Hause. Diejenigen, die noch einmal aus dem Gefängnis entkamen, wurden später wegen ihres Auswanderungsversuches immer wieder belästigt, bis sie dann doch verhaftet wurden und irgendwo in der Verbannung ums Leben kamen.

Mutter Siebert hatte zwei Schwager, die mit ihren Schwestern und deren Kindern nach Moskau kamen. Beide wurden ins Weiße Meer auf die Insel Solowki gebracht und dort sind sie auch geblieben. Mit diesen rigorosen Maßnahmen hatte die Auswanderung der Deutschen Rußlands ein jähes Ende gefunden.

Diejenigen, die die Flucht ins Ausland überlebt hatten, sprachen in jenen Tagen nach Möglichkeit nie von ihrer Absicht, auch ins Ausland gewollt zu haben. Es war sogar ratsam, diese Pläne zu verheimlichen. Jeder, der Verwandte im Ausland hatte, wurde in den späteren Jahren spionageverdächtig oder als staatsfeindlich angesehen und als solcher gebrandmarkt. Es wurde so schlimm mit diesem „dunklen Punkt“ in den Akten der Verwandten in Rußland, daß man sich vielfach von den Geschwistern und anderen nahen Verwandten dadurch distanzierte, indem man auf ihre Korrespondenz nicht reagierte oder sie wieder ungeöffnet an den Absender zurücksandte.

Als die Verwandten in Kanada von der großen Hungersnot im Jahre 1933 in Rußland hörten, schickten sie Geld und auch Lebensmittel. So wenig es auch war, aber die Empfänger freuten sich zu den Liebesgaben von den Verwandten. Man hatte dann vielleicht auf eine knappe Woche Vorrat. Für das kanadische Geld durfte man in Moskau in den dafür speziell eingerichteten Läden Lebensmittel aus den Beständen der Sowjetunion einkaufen. Diese „Torgsin-Läden“ waren eine sichere Einnahmequelle für die Regierung. Und dennoch bewog man die Leute zur Absage dieser Gaben, um zu zeigen, daß man mit den Verwandten nichts zu tun haben wollte.

Mutter Siebert erinnerte sich so gut an die Überwindungskraft, die es sie und ihren Mann kostete, als sie das letzte Paket mit Mehl, Reis und Zucker in ihren Händen hielt. Man hatte sie direkt ins Postamt gerufen und verlangte, daß sie die Annahme des Pakets verweigere.

S. 79

Schweren Herzens bat sie einen Postbeamten, auf das Paket den Vermerk „Annahme verweigert“ zu machen. Mit lobenden Worten für ihre Ergebenheit zu ihrer sowjetischen Heimat durfte Mutter Siebert wieder nach Hause zu ihren hungrigen Kindern gehen. Das in Aussicht gestellte Essen blieb aus.

Pakete kamen nach diesem Ereignis keine mehr. Wohl schickte man noch Geld, für das man in Moskau Lebensmittel wie Hirsegrütze, Reis und wenn es die nicht mehr gab, Maisgrütze einkaufen konnte. Um diese geringen Einkäufe zu machen, mußte man von Orenburg sechsunddreißig Stunden per Bahn nach Moskau fahren und dann wieder genauso lange zurückreisen. Das war schon beschwerlich in guten Zeiten und in der Zeit dieser allgemeinen Hungersnot waren diese Strapazen doppelt schwer.

Wie groß die Hungersnot war, zeigt schon die Tatsache, daß man an den Straßenrändern die Leichen verhungerter Kasachen und Kirgisen fand. Mutter Siebert beobachtete in ihrer Schule ein sogenanntes „heißes Frühstück“, das aus einem Brötchen und einer Tasse „Prips“ [Ersatzkaffee] bestand. Den Ersatzkaffee durften die Jungen trinken. Das Brötchen wurde in den Schulranzen sauber aufbewahrt und am Schlusse des Unterrichts nach Hause getragen. Mutter Siebert sah, wie das Mittagsmahl für die Familie Siebert weiter nichts enthielt als die zerstückelten drei Brötchen. Natürlich konnte man von dem bißchen Brot nicht satt werden und gesund bleiben. Am meisten litt [ihr Jüngster] unter dem Mangel an Nahrung. Er lag am Tage vor einer Bank, zu müde, um zu spielen. Sein Leib war dick angeschwollen und Mutter Siebert fürchtete um sein Leben.

So recht traurig wurde die Brotfrage aber erst, als der Vater am 24. März 1933, im Jahr der großen Hungersnot in Rußland, gestorben war. Da es nicht die gesamten Vorräte gab, setzte die Not sofort ein. Mutter Siebert sah sich gezwungen, die einzige Kuh, die man jetzt wieder halten durfte, zu schlachten. Man hatte für die Kuh kein Futter

S. 80

und zudem brauchte man das Fleisch als einziges Nahrungsmittel. Mit dem Schlachten der Kuh hatte man aber auch die ständige Nahrungsquelle vernichtet. Wo sollte jetzt die Milch herkommen? Wo konnte man jetzt Butter hernehmen? Mutter Siebert, und mit ihr die Millionen anderer Mütter, lebte mit ihren Kindern von der Hand in den Mund. Man sorgte nur für den heutigen Tag. Die Sorge für morgen war zwecklos, denn es gab keine Lösung für die überwältigenden Probleme jener Tage. Man lebte damals in einer kaum faßbaren Apathie, ohne zu murren und zu klagen. Alles andere wird in solchen Zeiten so nebensächlich, ja total unwichtig — man denkt nur an das ständige Hungergefühl.

Als der ständige Schmerz über den Tod von Vater Siebert etwas in den Hintergrund gedrängt worden war, mußte Mutter Siebert sich wieder um die Zukunft ihrer Kinder kümmern.

Kurz vor dem Tode ihres Mannes, d.h. drei Tage [ehe] er starb, war die Familie in das Dorf Kubanka umgezogen. Vater Siebert lag nun schon fast ein Jahr lang mit Magenkrebs im Bett und im Bett wurde er auf den Schlitten geladen und aus einem Dorf ins andere überführt. Es war ein trauriges Bild, wie der vom Tod gekennzeichnete Mann bemüht war, für seine Frau und Kinder zu sorgen. Sie sollten, nachdem ihr Haus vom Feuer zerstört worden war, wieder in einem eigenen Haus wohnen. Klar, es war in einem Ort, in dem Mutter Siebert fremd war, aber Vater Siebert konnte nicht ahnen, als er das Haus kaufte, daß Gott ihn so bald seiner Familie nehmen würde.

Im Frühling 1934 hatte Mutter Siebert ihr Haus in Kubanka verkauft und sie kaufte sich ein halbes Haus in Dolinowka, wo sie zu Hause war und wo sie so viele Menschen und die Verhältnisse kannte. Wegen der langjährigen Krankheit ihres Mannes und wegen des Umzuges hatte ihre Familie nur wenige Arbeitstage verdienen können und daher war die Brotfrage für die Kinder zur ständigen Sorge geworden. Wie sollte sie die hungrigen Mäuler satt machen? Da kam ihr ein Gedanke in den Sinn, vor dem sie sich fürchtete, gegen den sie sich aber immer gewehrt hatte. Ihre Kinder könnten ihr dabei helfen.

„Heinz, suche doch zwei Eimer im Stall und geht ihr alle vier in die Täler, wo es auf dem Feld schon abgetrocknet ist und dann säuft ihr die Zieselmäuse. Von den Bergen kommt noch genug Schneewasser. Ihr braucht es dann nicht so weit zu tragen. Wenn ihr erst zehn Mäuse habt, dann kommt gleich nach Hause.“

Heinz sah [sie] mit großen Augen an. Er erkannte, daß die Lage sehr traurig sein müßte. Schweigend ging er in den Stall, holte zwei Eimer und dann rief er seine Brüder. Auch sie sagten kaum ein

S. 81

Wort. Früher, da waren sie auch auf Zieseljagd ausgezogen, aber gewöhnlich ging es um etwas anderes. Gewöhnlich ging es um das Fell, das man für einige Kopeken verkaufen konnte. Aber heute ging es um das Fleisch der Mäuse, die nach ihrem langen Winterschlaf noch gut bei Fleisch und Fett waren.

Zuerst suchte man das Wasser, das noch von den Bergen kam. Hatten sie das Wasser gefunden, dann suchte man die Löcher der Mäuse. Es war eine einfache Sache, denn die bewohnten Erdlöcher zeigten sich schon durch ihre Öffnungen. Bei so einem Loch befindet sich immer der kleine Hügel Erde, den die Maus beim Bau der Wohnung hinausgeworfen hat. Jede Wohnung der Zieselmaus hat immer zwei Öffnungen, eine schräge in die Erde. Hat man die eine Öffnungen erst einmal gefunden, so gießt man das Wasser in die Öffnung und falls die Maus im Loch ist, kommt sie in einer Öffnung heraus. Wenn die Jungen geschickt waren, saßen sie am Loch, die Hand wie zu einer Zange bereit, die Maus zu greifen, sobald sie den Hals weit genug aus dem Loch streckte. Schnell griff man zu und schlug die Maus auf die Erde und die Jagd war zu Ende.

Die Brüder hatten an diesem Morgen Glück. Ihr Weidmannsheil brachte genug und sie kamen bald mit ihrer Beute nach Hause. Auch später sprach Mutter Siebert über diese Mahlzeit kein Wort. Auch später wurde diese Zeit nie erwähnt, als ob niemand jener Tage sich erinnern wollte, um noch nachträglich an jene Demütigung zu denken. Zu böse und zu erniedrigend waren jene Zeiten gewesen.

Auch in Kanada gab es Schwierigkeiten

Wie ein böser Traum zogen die einundzwanzig Jahre seit der Auswanderung der Eltern und der jungen Geschwister an dem geistigen Auge von Mutter Siebert vorüber. Seit dem letzten Brief aus dem Jahre 1937 hatte sie von ihnen nichts mehr gehört. Die Briefe waren ganz selten geworden, seitdem sie sich fürchtete; immer wieder fragte man nach angeblichen Verwandten im Ausland, ganz gleich, wie zuverlässig und unauffällig man auf jeden Fall [war].

Mit Kriegsausbruch hörte jeglicher Verkehr mit dem Ausland auf. Obzwar Kanada zu den Verbündeten der Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus gehörte, war es dennoch ein feindliches Land. Es wurde, wie man das immer wieder erklärte, von Kapitalisten regiert und diese Klasse der menschlichen Gesellschaft könne und werde nie ein aufrichtiger Freund der Sowjets sein. Aus diesem Grunde ließ Mutter Siebert jeden Versuch, mit ihrer Mutter in Verbindung zu

S. 82

kommen, bleiben. Zwischen den beiden Kontinenten war nicht nur der Atlantische Ozean als unüberwindliche Kluft, es war nicht [nur, daß] die Erdteile eine politische Grenze trennte, die nicht einmal die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern übersteigen konnte. Mutter Siebert hoffte auf ein Wiedersehen, wenn es dann möglich wäre, mit ihren Eltern in Verbindung zu treten.

Es war für ihre Eltern und für die Geschwister nicht so leicht gewesen, in Kanada eine neue Existenz zu schaffen. Nach langer Schiffahrt und ermüdender Eisenbahnreise von Halifax bis Saskatoon kamen sie endlich in den Städtchen Dundurn an. Hier sollten sie einstweilen bleiben, bis sie eine Farm oder auch nur ein Stück Land erwerben konnten.

Die Eltern hatten dann auch über ihren Anfang genauestens berichtet. Schön waren die Tage der Ansiedlung in der Prärie Saskatchewans nicht gewesen, aber man war eigener Herr und konnte tun und lassen, was man wollte. Man war frei und das war ja schließlich wichtiger als alles andere.

Nach der Fahrt von Halifax durch das halbe Kanada wurde die Familie Gerhard Klassen von seinem Bruder Peter Klassen auf einer Farm bei Dundurn aufgenommen. Peter Klassen war schon 1923 in Kanada angekommen und er und seine Familie galten als Alteingewanderte, die in dem neuen Land [schon] vertraut waren. Sie kannten sich schon aus.

Nach drei Monaten Aufenthalt auf der Farm seines Bruders bezog Gerhard Klassen mit seiner Familie, die aus sieben arbeitsfähigen jungen Menschen bestand, seine eigene Farm. Er hatte auch etwas Geld, ganz voll Schulden [sic], aber sie gehörte ihm. Seine Hoffnung war fast grenzenlos und wahrhaftig rosig war es.

Auf über 640 Acker großer Aussaatfläche standen die Gebäude, mit einem großen, aus rotem Backstein gebauten Wohnhaus. Im Stall standen acht gesunde Arbeitspferde, eine Reihe Milchkühe, Schweine, Hühner, sogar der Hund fehlte es nicht [sic]. Was könnte sich ein mennonitischer Bauer aus den Steppen der Ukraine und aus dem Ural mehr wünschen? Solange es Land und Felder gab, könnte er Weizen, Hafer und Roggen anbauen, könnte doch nichts schief gehen. Nein, er, Gerhard Klassen, wollte schon zeigen, wie man aus dem Nichts etwas herausstampft. Er würde es schon zu etwas bringen. Er und seine Söhne würden in kurzer Zeit zu einem Wohlstand gelangen, der die anderen Einwanderer, ja auch diejenigen, die die Reise über das große Wasser nicht gewagt hatten, in Staunen versetzen sollte.

Ja, die Schuld für die Farm! Kleinigkeit! Sie sollte mit der halben

S. 83

Ernte pro Jahr abgetragen werden. Was waren schon zweiundfünfzigtausend Dollar? Gleich im ersten Frühling, 1927, säte Gerhard Klassen auf seiner Farm zweihundert Acker Weizen. Das würde die Schuld um einen guten Happen verringern. In einigen Jahren könnte der Familie nichts mehr passieren. Dafür würde er schon aufkommen.

Gerhard Klassen wollte seinem jüngeren Bruder schon beweisen, daß er auf sicherem Grund stand. Das war nicht nur, weil er der ältere war, sondern auch schon deshalb, weil er in religiöser Hinsicht auf einer anderen Ebene stand. Noch von Rußland her, ehe die Familie Gerhard Klassen aus der Ukraine in die neue mennonitische Siedlung im Ural zog, spaltete sich die Familie in zwei verschiedene Richtungen, in die Kirchliche Gemeinde und in die Mennoniten Brüdergemeinde. Gerhard Klassen war der einzige, der mit seiner Familie zu der neuen Mennoniten Brüdergemeinde hinüberwechselte. Bei diesem Wechsel ging es selten friedlich und fair zu. Man beschuldigte sich gegenseitig mit zu wenig Frömmigkeit und mit Scheinheiligkeit und mit vielen großen und kleinen Übertretungen „christlicher“ Gesetze.

Eine andere Angelegenheit hielt die beiden Brüder auseinander, und das war die Taufform. Weil man nach verschiedener Form getauft worden war, sprach man sich gegenseitig das Bekehrtsein ab. Dadurch entzweite sich die Familie in vielen Fällen für die Zeit ihres Lebens. Agathe Klassen, die Frau von Gerhard Klassen, hatte sich nach der Trennung der Gemeinde in den letzten vierzig Jahren nie wieder mit ihrer Schwester getroffen, obwohl sie gar nicht so weit voneinander wohnten. So manches wäre leichter und einfacher gewesen, hätten sich die beiden Brüder Gerhard und Peter brüderlich vertragen können. Der Streit, der in der Ukraine angefangen hatte, wurde hier in dem neuen Lande, in dem man auch in Glaubensfragen hätte neuanfangen können, fortgesetzt. Die verheerenden Früchte blieben nicht aus.

Ganz groß begann die erste Aussaat im Frühling 1927 auf der neuen „Schwagerfarm“ bei Dundurn. Zu den zweihundert Ackern Weizen kamen noch achtzig Acker Roggen. Die Witterungsverhältnisse waren gut. Die Ernte stand großartig und vielversprechend. Ja, Gerhard Klassen hatte alle Ursache, hoffnungsvoll und mit sich und seiner Arbeit zufrieden zu sein. Es hatte sich gelohnt, nach Kanada zu kommen. Die großen Unkosten der langen Reise und die großen Verluste in Rußland würden bald vergessen sein. Mitte August war alles zur Ernte fertig. Die Pferde waren von der Frühjahrsarbeit ausgeruht, die Maschinen überholt. Das Getreide wuchs üppig von Tag zu Tag. Nur noch einige Tage gutes Wetter und dann könnte es losgehen. Gerhard Klassen sah schon den Erntesegen in seine Speicher fließen. Und dann kam das Unglück, mit dem niemand rechnen konnte. Die

S. 84

Temperatur fiel ganz schnell, in einer Nacht, auf -10 C. Die Felder waren steif gefroren. Das Getreide, so versprechend es gestern noch gestanden hatte, war steif und als es am Nachmittag auftaute, fiel es schwarz zur Erde. Nur der Roggen hatte den Frost überstanden.

Gerhard Klassen war geschlagen. Seine Hoffnungen waren auf den Nullpunkt gesunken. Er glaubte keine Aussichten mehr zu haben. Er faßte die Situation als ein Gericht Gottes auf und er war bereit, alles aufzugeben. Der frühere Eigentümer der „Schwagerfarm“ versuchte ihn zu überreden, doch auf der Farm zu bleiben. Er konnte ja mit der halben Ernte, was das auch immerhin bedeuten könnte, seine diesjährige Zahlung machen. Die achtzig Acker Roggen brachten 50 Buschel pro Acker. Das wäre ja noch immer etwas. Und dann kam ja auch noch die Ernte des nächsten Jahres. Die könnte ja wieder sehr gut ausfallen. Aber an Gerhard Klassen gingen alle diese Argumente vergeblich vorbei. Er hatte seinen Mut verloren und er war nicht in der Lage, sich wieder aufzuraffen. Er hatte seinen Entschluß gefaßt: fort von dieser Farm, nur fort, so weit wie möglich.

Bei diesem Entschluß kam ihm ein Zufall zur Hilfe. Die kanadische Regierung war dabei, den Norden Ontarios mit seinen unendlichen Waldbeständen zu erschließen. Um dieses Unternehmen schmackhaft anzubieten, verkaufte man hier bei dem Städtchen Kapuskasing Land zum Preis von fünfzig Cents per Acker. Jede Person, die achtzehn Jahre und darüber alt war, durfte eine Parzelle von achtzig Acker kaufen. Es war nur eine Bedingung dabei: der Eigentümer der Parzelle mußte innerhalb eines Jahres auf dem gerodeten Land ein Gebäude errichtet haben als Zeichen, daß ihm die Besitznahme des Landes ernst sei.

Gerhard Klassen zog mit seiner Familie in die Einöde des nördlichen Ontarios, in die Gegend von Kapuskasing und kaufte drei Parzellen Land — eine für sich, eine für seine Frau und eine für seinen Sohn Peter, der nun achtzehn Jahre alt geworden war. Die Gegend um Kapuskasing war damals das Land der Holzfäller. Richtig ansässige Leute hatte die Gegend nur wenige. Man verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Fällen des Baumbestandes und mit dem Verkauf des Holzes. Die Einnahmen waren gut und da es fast keine Gelegenheiten gab, das Geld auszugeben, dauerte es nicht lange und Gerhard Klassen kam zu vielem Geld. Die Umgebung war so leicht besiedelt, daß man nicht einmal eine Bank eingerichtet hatte. Eintönig zog das Leben der wenigen mennonitischen Familien von einem Tag zum andern. Und das wurde der Familie hier zum Verhängnis.

In Deutschland und später in Rußland lebten die Mennoniten in geschlossenen Städten und Dörfern, wo einer vom andern abhängig

S. 85

war, wo einer den anderen beobachtete, wo einer den anderen zurechtwies. Es war in einer geschlossenen, mennonitischen Siedlung verhältnismäßig leicht gewesen, an Sitten, Bräuchen und Tradition festzuhalten. Besonders in Sachen des Glaubens fand man bei dem andern eine Stütze und Hilfe. Diese gegenseitige Hilfe machte sich besonders in der Erziehung der Kinder bemerkbar. Man verkehrte mit seinesgleichen und man lebte wie der Nachbar.

In Kapuskasing war man auf sich selbst angewiesen. Da Gerhard Klassen in der Erziehung seiner Kinder schon immer streng und engherzig gewesen war, entstand zwischen ihm und seinen Söhnen immer wieder eine sich ständig vergrößernde Kluft, die sich mit dem zunehmenden Alter seiner Kinder nur noch schneller weitete. Er merkte, daß seine Söhne immer rebellischer gegen ihn auftraten und daß ihm die Kontrolle über seine Kinder entglitt.

Seine Söhne fingen an, mit andersdenkenden Ansiedlern zu verkehren und sie verbrachten ihre Freizeit, die in den langen Winterabenden immer ausgedehnter wurde, mit Kartenspiel, Trinken und Rauchen, alles Dinge, die für Gerhard Klassen ausgesprochene Sünde und absolutes Tabu waren. In ihrem Protest gegen den Vater kamen die Söhne soweit, daß sie sich einigten, dem Vater ein Häuschen zu errichten und dort könnte er, obzwar er erst einundfünfzig Jahre zählte, mit der Mutter seine Jahre zu Ende leben. Sie, die Söhne, würden ihr Erbe, wenn es überhaupt etwas zu erben gab, frühzeitig antreten. Für die Eltern waren diese Jahre, in denen es um das Wohl ihrer Söhne ging, fürwahr keine leichte Zeit.

1929 war ein besonders reiches Jahr für die Farmer in Saskatchewan und Alberta. Die Ernte versprach überaus reich zu werden. Um die Ernte rechtzeitig einzubringen, brachte man Arbeitskräfte von Europa, von den östlichen Provinzen Kanadas und aus den U.S.A. Der Ruf kam auch bis nach Kapuskasing zur Familie Klassen. Es wurde beschlossen, daß die drei Söhne, Peter, David und Hans in den Westen reisen würden, um dort als Erntearbeiter ihr Glück zu versuchen. Der Lohn sollte gut sein, die Reise billig und man kam endlich aus dem Bereich der so unangenehmen Bevormundung des Vaters. Dort draußen in der fremden Welt sollte es besser werden. Nur einmal weg aus der Enge von Kapuskasing.

Mutter Siebert erinnerte sich so gut an die Briefe ihrer Mutter, die voller Sorge um ihre Jungen waren. Besonders sorgte sie sich um Hans, der ja erst sechzehn Jahre alt war. Wie würde er mit allem fertig werden und wie würde er zurückkommen? Ja, der Preis, den Gerhard und Agathe Klassen für das freie Kanada zahlten, war gar nicht so niedrig, wie es anfangs schien. Das Leben des Menschen stellt halt überall seine

S. 86

Forderungen. Dann aber kam der Brief mit der Nachricht, daß David und Hans wieder in Kapuskasing seien. Peter aber sei noch weiter nach Westen, nach Medicine Hat, gegangen. Er hatte sich eine Farm gekauft und wollte dort selbstständig sein Leben gestalten. Erst nach etwa zwei Jahren schrieb Gerhard Klasen an seine Tochter, dass Peter auf der Farm in Alberta bankrott gegangen sei und er mit ganz leeren Händen in das Haus seines Vaters in Kapuskasing zurückgekommen sei. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, so schrieb damals Mutter Sieberts Vater, werde auch heute immer wieder Wirklichkeit. Gelernt hatten die Brüder aus diesem verwirklichten Gleichnis leider gar nichts.

Ganz schlimm wurden die Zustände, als David durch eine Reklame darauf aufmerksam gemacht wurde, daß man in Toronto per Post richtige Revolver, blank und geölt, zusammen mit beliebigen Mengen Munition, per Post kaufen könnte. Ohne zu zögern, bestellte David die Pistole. Fein verpackt kam diese in Kapuskasing an. Gerhard Klassen vernahm die Mitteilung über die Ankunft der Pistole als ob er seinen Ohren nicht trauen würde. Er, ein wehrloser Mennonit, dem es um diese Eigenart besonderes zu tun war, hatte, so glaubte er, seine Söhne im Geiste der Wehrlosigkeit erzogen und nun sehe man sich das an: sein Sohn bringt ihm eine Pistole ins Haus! Wenn es noch ein Jagdgewehr gewesen wäre, hätte er es verstanden. Aber wozu eine Pistole? Weit und breit keine feindliche Seele und hier trägt sein Sohn eine Pistole am Gurt, während er Bäume fällt. Gerhard Klassen wußte, daß es jetzt höchste Zeit sei, einen Ort zu finden, wo man wieder unter Glaubensgenossen leben, mit ihnen verkehren und von ihnen Unterstützung erwarten konnte.

Gerhard Klassen suchte in Ontario, Saskatchewan und schließlich in Manitoba. In Steinbach schien die Familie Gerhard Klassen nach sieben Jahren endlich einen Platz gefunden zu haben, wo sie in Ruhe und Frieden leben konnte.

„Mein Sohn lebt!“

Man schrieb das Jahr 1947. Mehr als zwei Jahre waren ins Land gegangen, seitdem der Zweite Weltkrieg nicht mehr an den Fronten im Norden, im Osten, im Westen, ganz abhängig davon, wo man gerade stand, geführt wurde. Das Schweigen der Waffen aller Art, aber die Folgen des Krieges wüteten, wenn auch nicht auffällig wie 1939-1945. Das seelische Leid war fast größer und tiefer als auf dem Schlachtfeld. Das seelische Leid, gekoppelt mit dem physischen, überstieg die früheren Leidenswege der Menschen bei weitem. Millionen Gefangene, Millionen Flüchtlinge! Heimatlos und ledig jeglicher Hoffnung, führten sie ihr kummervolles Dasein. Man suchte

S. 87

seine Angehörigen, man suchte seine Heimat, die für viele so fremd geworden war, man suchte eine neue Existenz, ja, oft suchte man sich selbst, weil man sich in der grenzenlosen Konfusion nicht mehr [zurechtfand]. [Für viele war das Wort] Lieben schon längst ein leerer Begriff, andere klammerten sich an ihren Rest ihrer Hoffnung. Sie warteten geduldig auf ein Wiedersehen mit ihren Lieben. Wie oft aber mußten diese wartenden Mütter, Väter und Frauen an den Bahnhöfen [Ausschau] halten nach dem gesuchten Gesicht, wenn die Züge aus den verschiedenen Himmelsrichtungen einliefen, oder sie hielten die Bilder der Lieben in der Hand gedrückt oder in bittender Frage: „Haben Sie meinen Sohn vielleicht irgendwo im Osten gesehen? Mein Mann war zuletzt in Frankreich. Ich suche ihn.“ Selten, fast nie, konnte jemand mit einer günstigen Nachricht helfen. Man schüttelte nur mit dem Kopf und ging weiter seines Weges.

In dieser Zeit begegnete Mutter Siebert ein aufregendes Ereignis, mit dem sie jetzt nicht mehr gerechnet hatte, obwohl ihr Herz immer noch den Hoffnungsstrahl auf ein Wiedersehen mit diesen zwei Söhnen hochhielt.

Heute kam die Briefträgerin eiligen Schrittes die Straße entlang. Sie bog direkt auf den Hof der Sieberts und schwenkte schon von der Straße einen Brief.

„Mutter Siebert! Mutter Siebert! Ich habe für Sie einen Brief! Er kommt aus Kanada!“ Mit zitternden Händen nahm Mutter Siebert den Brief entgegen, ohne ein Wort zu sagen. Ja, wirklich, er kam aus Kanada und trug die Handschrift, die sie vor einundzwanzig Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Der letzte Brief von ihr war vor mehr als sechzehn Jahren gekommen. Sie betrachtete den Brief von vorne und hinten und las die Anschrift immer wieder. Wahrhaftig, der Brief war von ihrer Mutter und er war an sie gerichtet. Erst jetzt fand sie [die Zeit], sich bei der Briefträgerin für den Brief zu bedanken.

Mutter Siebert ging ins Haus und ließ sich dort am Tisch nieder. Vorsichtig öffnete sie den Umschlag und zog den Brief heraus. Dabei entfiel ihrer Hand eine Fotografie. Sie erkannte, obwohl sie das ihr unbekannte Bild [ansah], daß neben der Frau, [die] auf einem Stuhl [saß], ein Mädchen [stand]. Sie konnte ihre Augen nicht von dem Bild wenden. Wer mochten die Menschen, die Frau und das Mädchen, wohl sein? Dann las sie auf der Rückseite der Fotografie: „Liebe Oma, das bin ich, Ella Siebert, Heinz' Sieberts Frau und unsere Tochter Lilli.“ Weiter stand auf der Rückseite des Fotos nichts. Kein Wort davon, wo Ella und Lilli wohnten, keine Silbe über den Aufenthalt von Heinz.

S. 88

[Ganzseitige Fotografie]
Bildunterschrift: Ella und Lilli in Vreden, 1947

S. 89

Still liefen Mutter Siebert, wie so oft in den letzten siebzehn Jahren, die Tränen über ihr vergrämtes und eingefallenes Gesicht. Teils waren es Freudentränen, denn der Brief würde doch sicherlich etwas über Heinz und seine Familie sagen. Andererseits waren es Tränen der Trauer und der Sorge. Wenn der Brief aus dem Ausland kam, dann war ein Wiedersehen kaum zu denken. Ein nach-Hause-kommen von Heinz und seiner Familie kam nicht in Frage.

Behutsam entfaltete Mutter Siebert den Brief. Man sah der Schrift an, daß die Mutter älter geworden war. Die Buchstaben, in alter gotischer Schrift, waren von zitternder Hand geführt worden. In alter Zeit hatte auch an den Menschen in Kanada [die Zeit] das Ihrige getan. Geistig fand sie ihre Mutter noch auf alter Höhe — rege und scharf!

Liebe Tina und Kinder!

Zum Gruß von uns allen hier in Kanada wünsche ich Euch dort in Rußland den Frieden Gottes. Er wolle Euch allen nahe sein mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. Wir wünschen und glauben, daß Ihr dort in Orenburg auch alle gesund und wohlauf seid.

Gott sei Dank, daß der grausige Krieg damals vor zwei Jahren zu Ende ging. Endlich ist wieder Friede. Hier bei uns war ja der Krieg nicht so direkt zu spüren wie bei Euch, aber auch unsere jungen Männer mußten ihr Leben für die Freiheit der Völker geben. Wir sind so froh, daß aus unserer Familie niemand in den Krieg brauchte. Deine Brüder wurden alle auf der Farm gebraucht und daher sind sie auch am Leben. Nur Euer Vater hat uns verlassen. Er starb ganz plötzlich im Jahre 1942 und wurde auf dem Friedhof in Steinbach beigesetzt. Euer Vater fehlt mir sehr. Sonst aber bin ich mit allem versorgt.

Du wirst Dich über das beigelegte Bild wundern. Freue Dich, denn die Frau auf dem Bild ist Deine Schwiegertochter und das liebe, kleine Mädchen ist Deine Enkelin. Ella und Lilli wohnen seit einiger Zeit in dem Ort Gaxel in Westfalen. Es geht ihnen den Verhältnissen entsprechend in ihrem Flüchtlingsdasein gut. Sie haben ein Dach über dem Kopf und haben zu essen. Sie sind geborgen. Heinz ist noch nicht bei ihnen, aber er lebt. Der Weg nach Gaxel war ein langer und voller Beschwerden und Ängsten. Doch darüber schreibe ich Dir später. Für dieses Mal reicht es. Wir wollen Gott, der uns alle in diesen schlimmen Zeiten führte, danken und preisen, daß er uns

S. 90

nicht vergessen hat: Euch dort, uns hier in Kanada und Deine Kinder in Deutschland. Grüße unsere anderen Kinder von uns hier. Wenn es geht, laß auch sie schreiben. Ich sehne mich so nach Euch. Mit vielen Grüßen und Wünschen verbleibe ich

Eure Mutter und Großmutter Agathe Klassen.

Mutter Siebert konnte das Gelesene kaum fassen. Ihr Sohn, um den sie so große Angst gehabt und für den sie immer gebetet hatte, lebte und war geborgen! Welch eine Gnade Gottes! Leise sprach sie vor sich hin: „Laß dir an meiner Gnade genügen.“ Die Nachricht vom Vorhandensein von Heinz' Familie war schon eine wunderbare Berührung für Mutter Siebert. Weitere Einzelheiten sollte sie im Laufe der folgenden Jahre erfahren. Es kamen Briefe aus Kanada und aus der Sowjetunion. Freunde, die mit ihm während des Krieges zusammen gewesen waren, meldeten sich und berichteten über jene Zeit mit erstaunlicher Genauigkeit. Schließlich konnte Mutter Siebert sich ein genaues Bild über die Wege von Heinz und seiner Familie machen.

S. 91

Vierter Teil: Heinz Siebert

Krieg, Gefangenschaft und Auswanderung des ältesten Sohnes

Wohin führt der Weg nach Hause?

Die Irrwege von Heinz Siebert begannen gleich, nachdem die letzten Worte Molotows am 22. Juni 1941 verklungen waren. Die Einheit, in der Heinz damals seinen Dienst tat, lag in einem ausgedehnten Wald in der Gegend von Krementschug in der Ukraine. Die Nachricht von dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion hatte auch die Rote Armee völlig überrascht.

In Eile wurde das Sommerlager abgebaut und in einer Stunde war die 102. Infanteriedivision marschbereit. Eine unübersehbare Menge von Menschen. Die Friedensstärke einer Division betrug 26000 Soldaten und Offiziere. Pferde, Waffen und sonstiges Kriegsmaterial zogen auf den Straßen in alle Richtungen, als wäre die ganze Gegend schon von Deutschen umzingelt. Erst nach drei Tagen Marsch, der die Kolonnen immer im Kreise führte, gelangte man beim Bahnhof in Krementschug an. Eilig begann jetzt die Verladung und nach zwei angestrengten Tagen rollte der Zug in Richtung Westen einem unbekannten Schicksal entgegen. Die Division war dem Verband der 2. Armee unter dem Oberbefehl von Marschall Timoschenko unterstellt. Niemand von den Mannschaften hatte eine Fronterfahrung. Daher kann man ruhig sagen, daß diese jungen Menschen ganz in naiver Weise an eine Art Spazierfahrt dachten, als sie sich der Stadt Mogilew nahten. Sie wollten es den Deutschen schon zeigen, was es heißt, die Sowjetunion anzugreifen. Sie würden den Faschisten schon eine gebührende Abfuhr erteilen.

Westlich von Mogilew kam für die Division der erste Fronteinsatz. Welche Ernüchterung! Welch eine vernichtende Enttäuschung für die Rotarmisten und deren Offiziere! Innerhalb sechs Wochen war die 2. Armee zerschlagen und die vielen Tausenden Menschen liefen führungslos in den Wäldern Weißrußlands umher oder sie waren gefangengenommen worden. Die Zahl der Gefallenen konnte damals bei den fluchtartigen Rückzügen niemand ermitteln.

Die ersten Kriegswochen, -monate und -jahre waren für die Rote Armee ein wahrer Kessel des Wahnsinns, denn es hieß nur immer wieder, daß man sich zurückziehen solle und die Panik vergrößerte die Katastrophe nur noch mehr. Das Menschenleben kostete keine Kopeke. Es schien, als habe man ein unerschöpfliches Reservoir von Menschen, die man nur zu rufen brauchte und schon kamen sie. Sie liefen gegen die moderne Kriegsmaschinerie der Deutschen an, bis man

S. 92

dann vor den deutschen Linien fiel „für Stalin und für die sowjetische Heimat.“ Heinz Siebert entkam bei dem Durchbruchsversuch in den schwarzen Wald östlich von Mogilew. Der ganze Wald war voll von Rotarmisten — ohne Waffen, ohne Offiziere und ohne Nahrung. Nach neun Tagen waren die Truppen weiter nach Osten abgezogen und die Rotarmisten schwärmten in alle Richtungen. Für die schien der Krieg 1941-42 zu Ende zu sein. Aber auch das war eine Illusion, denn das russische Reich ist groß und die Völker Rußlands sind weit stärker als die anderen Völker dieses wissen und wahr haben möchten.

Die Größe des russischen Reiches, sein Reichtum und die unheimliche Wille zur Erhaltung seiner Freiheit boten den vorrückenden deutschen Truppen Halt. Die Opfer auf beiden Seiten waren riesengroß.

Heinz Siebert und sein russischer Freund Michail Gorbunow entschlossen sich, in den Süden der Ukraine zu ziehen, um bei Verwandten in dem mennonitischen Dorf Konteniusfeld den weiteren Verlauf des Krieges abzuwarten. Der Weg in die Freiheit führte über Gomel, Rommy, Ramodan, Kiew, Pjatichatka bis in das mennonitische Dorf Alexandrowka. Es war ein beschwerlicher Marsch im Hinterland der deutschen Truppen. Immer wieder wurden sie festgenommen und wie das liebe Vieh in Gehegen bewacht. Verpflegung gab es keine. Man war damals froh, wenn man Wasser hatte.

Glücklicherweise waren die Deutschen anfangs des Krieges in der Bewachung der Kriegsgefangenen ganz großzügig und milde. Wohin sollte man auch mit den Millionen von Gefangenen? Sie mußten doch alle versorgt werden und woher sollte man das Brot für sie nehmen? Da war es doch schon einfacher, man überließ sie sich selbst. Hauptsache, sie stifteten keine Unruhe.

Heinz und Michail Gorbunow kamen im Oktober 1941, es war ein warmer, sonniger Tag, auf dem letzten Weg im mennonitischen Dorfe Alexandrowka an. Sie meldeten sich bei dem Bürgermeister des Ortes und der wies sie zu zwei Familien, bei denen sie wohnen sollten und ab dem nächsten Tag sollten sie sich zur Arbeit beim Einbringen der Ernte bereithalten.

Das war eine willkommene Beruhigung. Nach all den langen Wanderungen und nach dem ständigen Von-Tür-zu-Tür sollte jetzt Ruhe und Ordnung eintreten. Man hatte ein Dach über dem Kopf, man konnte sich unterhalten. Sie sprachen Ukrainisch mit Russisch gemischt, Hoch- und Plattdeutsch. Michail leider hatte seine Schwierigkeiten mit dieser Sprache, denn er sprach und verstand nur Russisch.

Die Leute in Alexandrowka wohnten hier seit dem Ende des 19.

S. 93

Jahrhunderts auf gepachtetem Land. Der hundertjährige Pachtvertrag wurde durch die Landreform 1917 annuliert [sic] und seit der Kollektivisierung war das Land Besitz der Kolchose. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen wurde das Land wieder an die Bauern zurückgegeben.

In dem Dorf wohnten ungefähr dreißig Familien. Sie hatten ihre eigene Schule gehabt, die jetzt aber geschlossen war, weil es einmal keinen Lehrer gab und weil es einfach an Lehr- und Lernmitteln fehlte. Als die Leute hörten, daß Heinz Siebert Lehrer von Beruf war, kam der Bürgermeister zu ihm und erkundigte sich, ob Heinz eventuell willens wäre, die Lehrstelle in Alexandrowka zu übernehmen. Freudig sagte Heinz zu und schon am nächsten Morgen fuhr er mit dem Bürgermeister in die Stadt Pjatichatka. Hier gab man ihm einen neuen Anzug aus dem Lager des Bahnhofs. Die Kleidung, viel zu groß und so eine Art blaue Uniform war nicht die geeigneteste, aber sie war sauber, warm und was das allerwichtigste war, sie war läusefrei. Läuse! Was diese sechsbeinigen Biester für eine Plage sein können, kann nur der in vollem Ausmaß ermessen, der sie zu Hundertschaften in seiner Kleidung und am eigenen Körper beherbergt hat.

Heinz fuhr nach Hause in die Wohnung, bat die Wirtin, Frau Maria Derksen, um eine Gelegenheit, sich zu baden. Die verlauste Kleidung wurde verbrannt, samt allen Läusen! Sauber gewaschen, (wann hatte Heinz sich zum letzten Mal gebadet?) ordentlich gekämmt, stand Heinz als neugeborener Mensch wieder da. Morgen würde er nach langer Zeit wieder als Lehrer vor der Klasse stehen. Er fühlte sich heute schon als Mensch, der eine Aufgabe zu erfüllen hatte und dessen Leben wieder sinnvoll war.

Das Schulleben nahm Siebert ganz in Anspruch und ließ ihm keine Zeit für die schweren Probleme jener Tage. Hier in Alexandrowka schien tiefer Friede zu sein. Nur selten sah man vereinzelte Truppen der deutschen Wehrmacht durchziehen. Sonst aber ging alles seinen friedlichen Lauf.

Im Mai 1942 kam in das Leben der Einwohner von Alexandrowka eine plötzliche Veränderung: alle Deutschen aus Alexandrowka wurden nach den mennonitischen Siedlungen Steinfeld und Grünfeld umgesiedelt.

Heinz kam zuerst nach Grünfeld, wo er bis zum Ende des Schuljahres unterrichtete. Da man in Steinfeld keinen Lehrer hatte, übernahm er mit dem Beginn des neuen Schuljahres die Leitung der Schule in Steinfeld.

Es gab aber auch noch einen anderen Grund, warum Heinz nach Steinfeld versetzt werden wollte. Sehr bald nach seiner Ankunft in

S. 94

Alexandrowka lernte er dort Ella Penner kennen. Aus ihrer Bekanntschaft entstand eine innige Liebe. Jetzt war Heinz nicht mehr allein, er fand [jemanden], mit dem er alle seine Sorgen und Nöte teilen konnte. Bei Ella fand er Verständnis und sie gab seinem ganzen Sein wieder Inhalt und Halt zugleich. Ellas Einfluß auf Sieberts Tun und Denken machte sich immer stärker bemerkbar.

Beide besuchten gemeinsam den Gottesdienst, sangen im Gemeindechor und als 1943 in Steinfeld die Gemeinde den Taufunterricht einrichtete, entschlossen sich beide, ihren Glauben an die vergebende Gnade Jesu durch den Empfang der Glaubenstaufe zu bekunden. Dieser Entschluß veränderte das Leben und die Einstellung zu den verschiedenen Fragen des Lebens bei Ella und Heinz drastisch. Beide wurden Pfingsten 1943 in der Mennonitengemeinde in Grünfeld von Ältestem Johann Penner getauft und in die Gemeinde aufgenommen. Beide waren fest entschlossen, ihr Leben dem Herrn Jesus zu weihen und in seinem Dienst zu bleiben, solange Gott sie dort gebrauchen könnte.

[Fotografie]
Bildunterschrift: Das Gotteshaus in Grünfeld, Ukraine, in dem Heinz und Ella getauft wurden.

Seit der Kapitulation der deutschen Truppen in Stalingrad im Februar 1943 wurde das Leben in den besetzten Gebieten der Sowjetunion unruhig. Die scheinbare Stille vor dem Sturm schien zu Ende zu gehen und damit waren die eben doch deutsch besetzten Siedlungen in der Ukraine in große Gefahr. Sollten die Deutschen die Ukraine aufgeben

S. 95

müssen, würden auch die Deutschen, die hier nun schon länger als 150 Jahre lebten, ihre Heimat verlassen müssen. Wohin? Ja, einfach nur weg, immer nur weg, ohne Ziel und ohne Hoffnung.

Noch aber herrschte Ruhe und Ordnung. Da eines Tages im September Gerüchte durch den Ort gingen, daß alle jungen Männer in die Wehrmacht eingezogen werden sollten. Die Aufregung war groß. Ella und Heinz machten sich ernste Sorgen um ihre Zukunft.

Nach langem Hin und Her kamen sie zu dem Entschluß, daß sie heiraten würden, ehe Heinz zur Wehrmacht einrücken mußte. Nur junge Menschen können Entschlüsse wie diesen machen. Allein die Liebe, die voller Hoffnung und Vertrauen ist, kommt zu so einem Entschluß. Heinz und Ella wollten heiraten, auch dann, wenn sie nur kurze Zeit zusammen sein würden. Am 10. Oktober 1943 sollte die Trauung stattfinden.

Die Verlobungszeit konnte nur eine Woche dauern, da die Ostfront mit Riesentempo immer weiter nach Westen verschoben wurde. Auf der Hochzeitsfeier konnte man während der Trauung ganz deutlich den Kanonendonner hören. Der Hochzeitstag, ein sonniger Sonntag, war trotzdem für Ella und Heinz der Höhepunkt ihres Lebens.

Der große Rückzug

Gleich am Montag darauf war Heinz wieder im Klassenzimmer mit seinen Schülern. Noch war die Welle der Flüchtlinge nicht nach Steinfeld gelangt. Sie kam aber mit jedem Tag näher. Unaufhaltsam riß sie alles mit sich fort. Jedermann schien nur auf die Rettung des eigenen Lebens und das seiner Familie bedacht zu sein. Am 21. Oktober kam der Befehl an die Einwohner Steinfelds, Grünfelds, Gnadentals und Hochfelds, sich zur Flucht bereitzuhalten. In aller Eile wurden die Vorbereitungen getroffen und in Richtung eines unbekannten Zieles setzte man sich in Bewegung. Die Trostlosigkeit dieses Unternehmens spottet jeglicher Beschreibung. Mensch und Tier wurden hier auf eine Probe gestellt, wie sie die Welt noch nicht gekannt hatte. Fuhrwerk an Fuhrwerk, Wagen an Wagen, reihten sich die Flüchtlinge sieben Wochen lang. Menschen starben, Kinder wurden geboren! Alles auf dem Wagen, auf schlammiger Straße, in Schnee und Eis. Es wurde Winter. Der Treck, mit einer Million Menschen, passierte die Städte Kriwoi Rog, Perwomaisk, Uman, Winniza und hielt endlich in dem Ort Proskurow. Wieder sollte der Treck übernachten und ausruhen, falls dieses die Kriegsumstände erlauben würden.

Heinz und Ella Siebert hatten mit ihrem vierspännigen Fuhrwerk

S. 96

glücklich die erste Etappe der Reise überstanden. Nichts Außergewöhnliches war geschehen. Kein Rad war gebrochen, die Achsen blieben ganz und die Pferde hatten den langen Wagen immer tapfer gezogen, bergab und bergauf. Sogar die Familie Neufeld, bestehend aus der Mutter und drei Kindern, war wohlbehalten angekommen. Nur einmal fehlte einen Tag lang Frau Neufeld.

Da Heinz und Ellas Wagen genug Platz bot, gab der Bürgermeister ihm den Wagen und die Pferde mit der Bedingung, daß Heinz und Ella seine Schwägerin und deren Kinder mitnehmen. Der Mann der Frau Neufeld war in den 30-ger Jahren verhaftet und nie wieder nach Hause gekommen.

Weihnachten 1943 verbrachten die Flüchtlinge aus der Baratower Ansiedlung unweit der polnischen Grenze. Erst Ende Januar kam der Befehl zur Weiterreise. Da war man damit beschäftigt, sein eigenes Fuhrwerk für den Frühling auszubauen, denn das Wetter würde die weitere Reise per Schlitten unmöglich machen.

Ella und Heinz gaben den Wagen und zwei Pferde an Frau Neufeld ab und behielten selbst zwei Pferde, vor die sie [einen kleineren Wagen] spannten. Glücklicherweise war die Reise nur kurz. Am Bahnhof mußten die Gespanne stehen bleiben und man gab den Befehl, per Bahn weiterzufahren.

Die Flüchtlinge stiegen mit ihren wenigen Sachen in die Güterwagen. Jeder fand ein Plätzchen für sich und man richtete sich für die Fahrt ein. Wohin? Niemand hatte auch nur eine leise Ahnung. Das einzige, das jetzt feststand, war, daß die Lokomotive in Richtung Westen stand. Heinz, Ella, Ellas Eltern und Ellas Schwester waren auch eingestiegen und warteten der Dinge, die da kommen sollten.

Ohne Warnung zog die Lokomotive die vielen Waggon mit einem Ruck an und setzte den Zug in Bewegung. Still saß in einem Zug jeder seinen eigenen Gedanken nach. Was würde noch aus den vielen Menschen werden? Wovon würden sie leben? Wo sollten sie wohnen? Auf diese und viele andere Fragen gab es einstweilen keine plausible Antworten. Wie froh waren Heinz und Ella, daß sie sich gegenseitig als Stütze hatten. Trostlos, ja trostloser als jetzt, wäre die Lage gewesen, hätten sie einander nicht gehabt.

Nach mehreren Tagen Fahrt erreichte der Transport die Stadt Lodz (Litzmannstadt). Hier wurde der Transport aufgeteilt und die Reise

S. 97

ging weiter in anliegende kleine Städte des früheren polnischen Reiches. Heinz, Ella, ihre Eltern und ihre Schwester Anni, kamen in ein Kloster in Freihaus (Zdunska Wola). Hier im Kloster, in einem großen Saal, wurden die Leute untergebracht: man breitete auf dem Holzfußboden Stroh aus und legte die Leute einfach der Reihe nach hin. Im Kloster gab es eine Gemeinschaftsküche, die allen Lagerinsassen die denkbar magersten Mahlzeiten ausgab. Aber einstweilen war man gesund und heil im Warthegau, wie man den von Deutschen besetzten Teil Polens nannte, angekommen.

[Fotografie]
Bildunterschrift: März 1944. Das Lager No. 224, Johannisdorf im Warthegau.

Der Vormarsch der sowjetischen Truppen war etwas ins Stocken gekommen und da glaubte man, es wäre jetzt die rechte Zeit, mit der Ansiedlung der Deutschen im Warthegau zu beginnen. Man holte die Leute aus dem Lager weg und setzte sie in die Häuser der vertriebenen Polen. Das Unrecht, das damals den Polen zugefügt wurde, verdient entschieden ein Denkmal irgendeiner Art. Man verjagte sie von Hof und Haus mit einem kleinen Bündel von Habseligkeiten, das sie selbst tragen konnten.

Heinz und Ella wurden in einer leerstehenden Schule untergebracht. Auch hier begann Heinz seine Lehrtätigkeit. Wieder arbeitete er sich in eine neue und fremde Situation ein. Jedoch schon Ende Mai

S. 98

1944 erhielt er einen Stellungsbefehl für den Dienst in der Deutschen Wehrmacht. Das würde dann wohl endgültig das Ende des kurzen Eheglücks von Heinz und Ella bedeuten.

Am Tage der medizinischen Untersuchung fanden sich die Männer aus den Flüchtlingslagern alle zusammen. Die ärztliche Untersuchung begnügte sich mit der Frage nach den Augen und nach dem Gehör und ob man Hände und Füße richtig gebrauchen könnte. Waren diese Fragen zur Zufriedenheit der Ärzte beantwortet, so entschied die Frage nach der Körpergröße, zu welcher Waffengattung man eingezogen werden sollte. Man maß die Männer und wer an dem Morgen 168 cm groß war, blieb in der Halle; alle kleineren Männer durften wieder nach Hause gehen. Man würde sie zu einem späteren Termin rufen. Heinz war größer als das nötige Maß von 168 cm und mußte bleiben. Ein Offizier trat vor die Männer und erklärte ihnen in lakonischer Weise, daß sie sich heute morgen freiwillig für Kriegsdauer zu den Waffen SS gemeldet hätten. Keiner der Anwesenden war je nach einer Meldung zu dieser Waffengattung gefragt worden. Alle waren über diese Art der Verdrehung der Tatsachen bestürzt. Aber an dieser Sache war nun nichts mehr zu ändern. Man gab nur noch bekannt, daß die Männer sich in drei Tagen, am 4. Juni wieder zu melden hätten, um dann auf einem der vielen Truppenübungsplätzen für den Einsatz an der Front ausgebildet zu werden.

Schnell vergingen die drei Tage. Bangen Herzens begaben sich Heinz und Ella zum Bahnhof. Ob dieses wohl ihr letzter gemeinsamer Gang sein würde? Im Krieg, und besonders als Soldat, war alles möglich. Schon die ersten Minuten des ersten Einsatzes könnte das sichere Ende für viele sein. Schweigend, Hand in Hand, gingen sie einem unbekannten Schicksal entgegen.

Heinz hatte von beiden scheinbar noch das leichteste vor sich. Ella aber erwartete ihr erstes Kind. Wie sollte das wohl alles werden? Wer würde sich ihrer annehmen und wer würde für sie sorgen? Alles Gesagte ist ja so banal und trostlos, daß man am besten schweigt. Und sie schwiegen.

Auf ihrem Wege zum Bahnhof waren Heinz und Ella aber nicht allein. Viele gingen an jenem Morgen denselben Weg, traurig und stumm, ein jeder ging seinen Gedanken nach. Unter den anderen waren auch Ellas Eltern. Sie begleiteten ihren Sohn Peter zum Bahnhof. Sie sollten ihn nie wiedersehen.

Als man den Bahnhof erreichte, stand der Zug für die Rekruten schon bereit und nach kurzem Abschied setzte sich der Zug in Bewegung. Die meisten der Männer kamen nie wieder zu den Ihrigen zurück. Der Krieg und die furchtbaren Nachkriegsjahre hatten sie

S. 99

verschlungen ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen. Bald war der Zug mit den lieben Menschen hinter den Häusern von Freihaus verschwunden. Bedrückten Herzens gingen Ella und ihre Eltern, die in dem Städtchen Schadeck wohnten, auf der Straße ihren Häusern zu.

Ella stand nun allein in der leeren Schule, die abseits von den anderen Häusern gelegen war. Fremd und ohne Hilfe sollte sich ihr Leben gestalten. Hatte es jetzt noch einen Wert und Sinn, für das Leben zu kämpfen, für sich und das neue Leben, das sie in sich trug? Sie war doch für so eine Härte viel zu schwach und die auf sie zukommenden Situationen waren doch weit zu überwältigend, als daß sie sie hätte bestehen können. Und dennoch bestand sie diese schweren Zeiten, weil Gott sie nicht im Stich ließ, weil er für sie sorgte und sie führte. Ella verlebte den Sommer mit ihrer Schwester in Freihaus, wo ihnen ihr Bruder Jacob eine Wohnung besorgt hatte. Das Leben in dem Schulgebäude wäre für Ella zu gefährlich und zu allein gewesen. Von Zeit zu Zeit konnte sie ihre Eltern in Schadeck besuchen.

Dann am 20. Oktober 1944 wurde Lilli geboren. Nicht in einem Krankenhaus unter der Aufsicht eines Arztes, nein, Jacob holte eine Hebamme ins Haus und die tat, was sie konnte. Lilli war von Anfang an ein gesundes Kind. Ella aber erkrankte und mußte lange das Bett hüten. Erst vierzehn Tage nach Lillis Geburt gelang es Heinz, auf zwei Wochen in Urlaub zu kommen.

Groß war die Freude, als Heinz in das kleine Häuschen in Osmolin trat. Jetzt waren sie wieder zusammen. Und nicht nur er und Ella waren vereint, nein, Lilli, ihre Freude, war auch da. Welch ein Glück! Auch Maria, Ellas Schwester und deren Kinder waren mit ihnen, Jacob und die Eltern Ellas und Anni, die Zwillingsschwester von Ella, waren ganz in der Nähe. Konnte man in diesen Kriegsjahren wohl noch mehr verlangen? Aber kaum wandte man sich von diesem oberflächlichen Glück zur Seite, dann sah man das gräßliche Gesicht des Krieges um die Ecke grinsen. Es schien, als wollte die Fratze sagen: „Seht, ihr naiven Menschen, die Urlaubszeit geht bald zu Ende und dann wird die Einsamkeit doppelt schwer. Die Not kommt dann in haushohen Wellen über euch und dann kommt für viele der sichere Untergang mit seinem Leid und seiner unbeschreiblichen Not. Freut euch noch, solange ihr könnt! Das Weinen wird lange anhalten und die Tränen werdet ihr noch lange vergießen.“

Und das Kriegsgespenst hatte recht. Heinz mußte seinen Rucksack packen und ab gings in den Weichselbogen, in den Stellungskrieg. Die Schützengräben zogen sich damals von Finnland im Norden bis nach dem Schwarzen Meer im Süden. Sie waren eng besetzt mit Mann-

S. 100

schaften von jeder Seite, die sich mit tödlicher Verbissenheit gegenseitig bekämpften. Man fragte sich immer wieder, wie das wohl einmal auslaufen würde.

Heinz kam sehr bald nach der Rückkehr aus dem Urlaub weiter nach dem Süden Europas, nach Ungarn. Die Briefe [erreichten] ihn nun wohl noch auf die Post [sic], aber schon immer seltener erreichten sie das Ziel. Briefe von Ella und Lilli kamen kaum noch an. Alles befand sich in so einem Durcheinander, daß man kaum wußte, wo die Organisation zusammenbrach. Im Kessel von Budapest hörte nun alles auf. Mit großen Verlusten zogen sich die deutschen Truppen vor den vorrückenden sowjetischen Truppen zurück. Am 3. Februar 1945 brach die endgültige Katastrophe über die Einheit, in der Heinz Siebert diente, herein. Sein Schwager Peter, noch nicht ganz dreiundzwanzig Jahre alt, wurde erschossen. Heinz wurde gefangengenommen [und] nach Rußland geschickt. Damit hatte die Zeit der Ungewißheit, des Suchens und Wartens begonnen, die scheinbar nie ein Ende nehmen wollte.

Die Flucht geht weiter

Ellas und Lillis Leben, wie das Leben von Millionen anderer Menschen, verlief verhältnismäßig ruhig bis zum 18. Januar 1945, [als] der große Angriff der Sowjetarmee auf die deutschen Linien begann. Die Entfernung von Warschau bis nach Osmolin war gering und in wenigen Tagen würde die Front mit ihrer allesvernichtenden Walze alles zermalmen, was ihr in den Weg kam.

Für die Deutschen, die damals im Warthegau lebten, gab es nur die Wahl, entweder blieb man an Ort und Stelle und riskierte sein Leben oder aber man ließ alles im Stich und lief und lief immer weiter vor den angreifenden sowjetischen Truppen her, ohne Ziel, ohne jeden Halt. Wie sollte diese Flucht einmal enden? Wo sollten diese Millionen Menschen endlich zur Ruhe kommen? Gott wußte es. Menschen waren nicht in der Lage, sich auch nur annähernd ein Ende dieses Wahnsinns auszudenken.

Ganz zufällig, wenn es so etwas wie „Zufall“ überhaupt gibt, entschloß Ella sich mit Lilli zu ihren Eltern nach Schadeck auf Besuch zu gehen. Da diese Strecke zu Fuß zurückzulegen war, zog sie sich für den Winter nur ganz leicht an. Auch für Lilli hatte sie nur das Allernotwendigste mitgenommen.

Die Kanonade von mehr als neuntausend Rohren der Sowjetarmee am 18. Januar, die achtundvierzig Stunden andauerte, überraschte Ella und Lilli in Schadeck. Alle, die irgendwie laufen oder fahren konnten, oder die noch in letzter Minute Hoffnung auf ein Plätzchen

S. 101

in einem Zug hatten, rüsteten sich eiligst zur Flucht und setzten sich in Bewegung. Alle Straßen der Stadt waren verstopft mit Fußgängern, Pferdewagen und Autos. Die Finsternis der Nacht vergrößerte das Durcheinander nur noch mehr. Es gab plötzlich keine Ordnung mehr, keine Autorität und keine Regierung mehr. Jeder war plötzlich auf sich selbst angewiesen.

Es wurde Abend an jenem verhängnisvollen Tag, als Herr Riehn, ein Mühlenbesitzer in Schadeck und bei dem Ellas Vater längere Zeit gearbeitet hatte, zu Ellas Eltern kam und mit dem Vater ein langes, leises Gespräch führte. Die beiden wurden sich einig, daß Ellas Vater den polnischen Knecht mit dem anderen Gespanne fahren würde. Herr Riehn selbst würde in den Tagen das Auto fahren [sic]. Nachts konnte man das Auto in aller Frühe, es war noch stockfinster, ja, [wo] man je immer ohne Licht fahren mußte.

Ella mit ihrem noch ganz drei Monate alten Säugling saß auf dem Wagen, den ihr Vater fuhr. Die Uhr schlug zwei, als sich die Gruppe Riehn leise und ganz unauffällig in Bewegung setzte. Die polnische Bevölkerung durfte von der Flucht der Deutschen nichts merken. Die starken Pferde zogen den Wagen gemächlich durch die stockfinsteren Straßen der Stadt Schadeck. Schon sah man in der Ferne den Himmel erleuchtet von Bränden und Gefechten. Man sah aber nicht klar, wo der Westen lag und wo der Osten lag, und man strebte dem Westen zu.

Die ganze Gesellschaft bestand aus Herr Riehn, seiner Frau und ihrem Sohn, dem polnischen Knecht, Ellas Eltern und Anni und Ella mit Lilli. Gott muß seine Hand an Ella und Lilli und deren Schicksal gelegt haben, denn wäre sie nicht in Schadeck gewesen, sie wäre mit Maria, ihrer Schwester und deren Kindern nach Rußland verschleppt worden und dort, wie sie, ums Leben gekommen.

Die Abreise geschah in großer Eile, denn die Front der angreifenden Sowjetarmee kam rasch näher. Die deutsche Ostfront brach zusammen. Man mußte so bald wie möglich über die Oder setzen, denn die wenigen Brücken würden bald von den Deutschen oder von den Sowjettruppen zerstört werden. Man fuhr drei Tage und drei Nächte ohne Rast. Riehn und seine Leute setzten über den Fluß und sprengten am kommenden Tag die Brücke hinter sich. Wer jetzt noch östlich der Oder war, der blieb im Osten.

Jetzt zog die kleine Kolonne, meistens auf Nebenstraßen fahrend, etwas langsamer.

Auf der langen Fahrt gab es neben den Häßlichkeiten des Krieges

S. 102

auch immer wieder milde und gütige Hände. Nur einen Abend mußten die Mitglieder der Reisegesellschaft Riehn unter freiem Himmel bleiben. An den übrigen Reisetagen wurden sie in Häusern der Leute, die noch nicht geflüchtet waren, aufgenommen, oder man machte sich Nachtquartier in verlassenen Wohnungen, Fabriken und Schlössern.

Wenn Ella mit ihrem Kind in ein Haus kam, fand sie meistens mitleidige Herzen. Dann durfte sie ihr Kind baden und ihm den Saft aufgeweichter Zwieback und Brot [geben]. Lilli hatte gelernt, sich [auf] der ganzen Reise fast gesund [zu ernähren] und weinte kaum. Ella hatte es sogar gelernt, wie man nasse Windeln, von denen sie ganze sechs teilig [sic] besaß, am eigenen Körper trocknet; sie legte die nassen Windeln einfach um den Leib und wartete geduldig, bis sie trocken waren.

Nach zwei Monaten waren die Reisenden durch die Aufmerksamkeit und Umsicht von Herrn Riehn ungehindert und wohlbehalten in die Gegend von Hannover gekommen. Hier war jetzt schon klar, daß die sowjetischen Besatzungstruppen nicht weiter in den Westen vordringen würden. Die Gruppe Riehn entschloß sich, in den Raum von Hannover zu ziehen. Man wählte einen Ort Ehmen im Kreise Gifhorn, etwa zwanzig Kilometer von der KdF-Stadt Wolfsburg. Flüchtlinge aus allen Ostgebieten Europas waren in diese Gegend gekommen und warteten hier das Ende des Krieges ab.

Dieses Ende war im April schon ganz nahe gekommen. Niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung, wie es aussehen würde. Das Ende kam ganz schnell, als am 9. Mai die deutschen Truppen an allen Fronten die Waffen streckten. Der Krieg war zu Ende.

Betrogen

Als am 18. Januar 1945 die große Offensive der Russen einsetzte, waren noch alle Rußlanddeutsche — unter den deutschen Behörden als Schwarzmeerdeutsche SMD bezeichnet — im Warthegau oder in den Ostgebieten Deutschlands. Obwohl bereits im Herbst 1944 im Amtskommissariat Pläne zur Evakuierung der deutschen Bevölkerung entworfen worden waren, kamen diese leider nicht zur Ausführung, denn die Panzer der Sowjets waren schneller da als [von den] deutschstämmigen [Behörden] angenommen. Jeder, der noch Zeit dazu hatte, trat die hoffnungslose Flucht an. Wenn die Flucht 1943 aus Rußland nach Polen übermenschliche Strapazen und Entbehrungen, unsagbare Schrecken, Gefahren und Not mit sich brachte, so übertraf die Flucht aus Polen durch das schwer ausgebombte Westdeutschland die erstere in seinem weiten

S. 103

Der unübersehbare Flüchtlingsstrom geriet in die Kolonnen der abziehenden deutschen Truppen, was das Elend nur noch vergrößerte. Zu guter Letzt zogen die müden Flüchtlinge wieder allein, die Truppen hatten sie überholt — bald vor den Mündungen der sowjetischen Artillerie. Erbarmungslos fuhren die großen Panzer in die Menschenmasse und zermalmten alles, was unter ihre schweren Raupen kam.

Ein Teil der Rußlanddeutschen zog weiter inmitten der fürchterlichen Kriegsfurie nach dem Westen. Der größte Teil wurde von den vorstürmenden Russen überholt und angehalten. Für diese Menschen hatte der lange Weg der Flucht aus Rußlands weiten Gefilden nach Deutschland plötzlich ein Ende genommen. Doch dieses Ende war noch nicht das Ende ihrer Elendstraße, denn diese sollte erst recht beginnen.

Diejenigen, die Deutschland erreicht hatten, wurden in Lagern zusammengetrieben und hatten hier der weiteren Dinge zu harren. Laut den Vereinbarungen von Jalta sollten die Sowjetbürger wieder in die Sowjetunion zurückgeführt werden. Viele dieser Menschen hatten jegliche Hoffnung auf eine Existenzmöglichkeit in den westlichen Besatzungszonen Europas aufgegeben und meldeten sich in den Auffanglagern, die die Sowjetunion in den westlichen Besatzungszonen eingerichtet hatte. Hier versprach man den Leuten in so freundlichen Tönen, daß man sie in keiner Weise beschuldigen würde, daß sie ihre Heimat verlassen hätten. Sie würden frei und ungestört leben dürfen. Sie sollten wieder zurückkommen. Und sie kamen. Die meisten der sogenannten „Schwarzmeerdeutschen“ waren jetzt schon fast auf den Straßen der Flucht gewesen [sic]. Sie glaubten den Versprechungen, weil sie müde geworden waren, weil sie nur nach Hause und in Frieden zu leben [wollten]. Sie hatten sich auch nichts zuschulden kommen lassen. Nein, sie hatten kein Verbrechen begangen. Ihre einzige Schuld bestand darin, daß sie Deutsche waren, deren Vorfahren vor mehr als 150 Jahren in die Ukraine kamen, um dort den Boden zu bebauen, und das auf die Einladung der russischen Zarin Katharina II. Nein, warum sollten sie wohl nicht in die Heimat gehen? Dann würde auch der Hunger, dieses schmerzhafte Gefühl, von ihnen genommen werden. Alles sollte wieder gut werden. Ja, man sagte ihnen, daß ihre vermißten Angehörigen schon zu Hause wären und sie warteten auf ihre baldige Rückkehr. Welch herrliche Aussichten! — Tausende hatten die Flucht in die westlichen Besatzungszonen überstanden. Jetzt sollte es aber in die Heimat gehen.

S. 104

In Wolfsburg war ein großes Sammellager für geflüchtete und von den Deutschen verschleppte Sowjetbürger. Dort sollte die Reise in die Heimat beginnen.

Den ganzen Sommer kamen die Leute in dieses Lager. Aus reiner Langeweile legten sie Blumenbeete an, in deren Mitte ein aus weißen Scherben ausgelegter Sowjetstern leuchtete. Um die Sache recht patriotisch zu machen, sang man zu diesem Zeitvertreib die Internationale, die mit den folgenden Worten beginnt:

Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt. ...

Ein Hohn sondergleichen: mit den folgenden Worten sangen sie sozusagen sich selbst ihren Todesgesang. Ja, die Leute waren so weit von der Wirklichkeit entfernt, daß sie nicht einmal mehr wußten, daß die Internationale schon längst nicht mehr die Nationalhymne der Sowjets war.

Die Sammellager standen wohl unter sowjetischer Aufsicht, aber der Ein- und Austritt stand jedem frei, [bis] dann mit dem Wort „Heimat“ [der Aufbruch] kam. Am Bahnhof fielen die Türen an den Güterwagen [zu] und mit Schloß, und mit der Freiheit war es ab jetzt ein Ende. Niemand der Unglücklichen ist in die herkömmlichen Orte gekommen. Niemand kam in die Freiheit.

Die Züge schleppten sich langsam durch die Ukraine und von dort weiter durch das große Rußland. In den sibirischen Wäldern und in der kirgisischen Wüste wurden diese Menschen gebracht, wo sie immer wieder denselben Gefahren ausstanden, plus der schweren körperlichen Arbeit in den Bergwerken und Wäldern. Nur wenige brachten vom Schicksal dieser Ärmsten der Armen eine Kunde. Kein Mensch konnte ihnen Hilfe leisten, nur der allmächtige Gott, der Schöpfer Himmels und der Erden, sah und wußte von dem schweren Los dieser Menschen. Wüßte man [nicht], daß er der Freund aller Geknechteten ist, so müßte man ob soviel Elend und Not wahrlich verzagen!

Vreden

Ella, ihre Geschwister und ihre Eltern entschieden sich, die sowjetischen Sammellager nicht aufzusuchen, sondern im Westen zu bleiben. Jetzt ging es darum, sich aus dem großen Durcheinander jener Verwirrung herauszufinden und einen neuen Anfang zu machen. Wo sollte man anfangen? Wo konnte man Flüchtlinge neu erfassen? Wo sollte man die verschwundenen Familienmitglieder finden? Fragen über Fragen, auf die es kaum eine Antwort hatte. ...

Im Sommer 1946 begann die Arbeit des Mennonitischen Zentralkomitees in Europa. Die amerikanischen Mennoniten, im Verein mit

S. 105

den Mennoniten Kanadas, begannen den Flüchtlingen in Europa bei ihrer Suche nach einem neuen Ansiedlungsort behilflich zu sein. Ganz unauffällig begann man, die Mennoniten in der britischen Besatzungszone zu sammeln, um ihnen mit Nahrungsmitteln und anderen Mitteln zu helfen. Man gründete in Gronau sogar ein mennonitisches Flüchtlingslager. Hier versammelten sich die Mennoniten, die es vorzogen, nicht nach Rußland zurückzukehren. Es bestand für sie noch die Hoffnung, eventuell in den USA und in Kanada [zu ihren Verwandten zu kommen]. Und dann hatten die meisten Verwandte in diesen Ländern. Vielleicht. ...

Ella und ihre Eltern erfuhren von der Umsiedlung der Flüchtlinge im Sommer 1946. Diese Aktion mußte damals noch geheimgehalten werden, um nicht den Verdacht der sowjetischen Besatzungsmacht zu wecken, denn nach Jalta sollten ja alle Bürger wieder zurück in ihre Hände bekommen [sic].

Eines Tages war es dann so weit. Ella und ihre Eltern und auch Anni reisten per Bahn in den Westen. Als Reiseziel war der Ort Gaxel bei der Kleinstadt Vreden in Westfalen angegeben worden. Die Grenze zwischen Holland und Deutschland ging leicht und ohne Schwierigkeiten vonstatten. Die Reisenden reisten ja auch noch immer ohne Baggage, denn ihre Bündel mit ihrem Eigentum waren im letzten Jahr für sie [nicht] größer und größer geworden [sic]. Es gab ja nichts zu kaufen und dazu kam noch der gänzliche Mangel an Geld. In jenen Tagen florierte der Tauschhandel. Die Flüchtlinge hatten aber in der Regel nichts zu vertauschen und waren eben nur auf das angewiesen, was ihnen aus reinem Mitleid [jemand] schenkte.

Der Zug brachte Ella und Lilli mit noch vielen zum Bahnhof Ahaus. Allgemeines Aussteigen! Dann nahm man wieder die wenigen Habseligkeiten auf und ging müden Schrittes, ja wohin sollte man auch eilen, zum Marktplatz. Da die meisten der Ankömmlinge in Ehmen auf Bauernhöfen untergebracht waren, sollte man sich auch hier wieder auf dem Dorfe für die Flüchtlinge Unterkunft, Arbeit und Verpflegung [suchen]. Aus diesem Grunde hatte man die Bauern von den umliegenden Höfen an den Marktplatz bestellt, um bei der Zuteilung der durchaus nicht willkommenen Einquartierung dabei zu sein.

Etwa vierzig Flüchtlinge standen in kleinen Kreisen herum, teils saßen sie auf ihrem Reisegepäck und warteten der Dinge, die da

S. 106

kommen sollten. Ganz wie vor vielen Jahren Sklaven zum Markt geführt wurden, so wurden die Häuflein von den Bauern betrachtet und abgeschätzt. Wenn man schon jemand aufnehmen mußte, dann wollte man am liebsten handfeste Arme nehmen, die bei der Arbeit auf dem Hof auch zufassen konnten. Langsam wurden die Gruppen kleiner. Übrig blieben die älteren Personen und Familien mit kleinen Kindern. Ella, die nur Lilli am Arm hatte, blieb immer noch auf dem Marktplatz, auch noch dann, als es allmählich Abend wurde. Sollte man wohl schon die Frau eines Lehrers [nicht] von irgendjemand mitgenommen [haben]? Da sie nicht auf dem Marktplatz übernachten konnte, befahl der Bürgermeister einem Bauern, Ella und das Kind mitzunehmen.

„Kommen Sie doch! Wir werden für Sie und Ihr Kind schon einen Winkel auf dem Hof finden.“

Über Wiesen und Felder hinweg ging es zu dem Bauern. Nach einer knappen halben Stunde war man auf dem großen und gut eingerichteten Bauernhof. Hier mußte man ja zu Hause sein! Aber das war ja gerade das Problem, man war hier nicht zu Hause, sondern man war hier fremd, man war ein Flüchtling. Man kam sich hier in Westfalen sozusagen irgendwie im weiten Rußland [vor] [sic] — als lauter Fremde. Man kam sich wie ein Eindringling [vor], der den Menschen, die hier seit Jahrhunderten gelebt hatten, beunruhigte, falls man eventuell sogar erwartete, daß man ein Stück Brot und ein Glas Wasser gäbe. Diese Flüchtlinge hätten doch bleiben sollen, wo sie herkamen! Aber sie sollten doch wenigstens jetzt, da der Krieg zu Ende war, wieder nach Hause gehen. Sie machten den Bauern das Leben nur unbequem.

Diese Menschen wollten ja auch verstanden sein. Sie hatten auch jahrelang Opfer bringen müssen. Die jungen Männer waren gefallen, gefangen oder verstümmelt aus dem Krieg gekommen. Auch sie waren müde geworden und sehnten sich, wie jeder andere auch, nach Ruhe

S. 107

und Frieden. Und die Flüchtlinge brachten ihnen nur das Gegenteil von dem, was sie ersehnten.

Am anderen Morgen kam die Hausfrau mit den Mägden in den Stall, die Kühe zu melken. Ella kam zur Bäuerin und bot ihre Hilfe beim Melken an.

„Was, Sie können melken? Ich dachte, sie seien die Frau eines Lehrers und melken bei uns nicht.“ Ella erwiderte: „Doch, ich kann melken. Ich wuchs auf einem Bauernhof auf.“

Die Bäuerin reichte ihr den Eimer und den Melkstuhl und sah mit aufmerksamem Gesicht zu, wie Ella die Kuh melkte. So eine Frau konnte sie schon gebrauchen. Flüchtlinge dieser Art mußte man mehr haben.

Gegen Mittag kam der Bürgermeister auf den Hof und wollte Ella und Lilli abholen. Er hatte für sie einen anderen Hof gewählt, wo man sie gerne aufnehmen wollte. Er sagte zur Bäuerin:

„Ich möchte Ella Siebert und ihr Kind mitnehmen. Ich habe für sie einen anderen Hof gefunden.“

„Wieso,“ sagte die Bäuerin. „Ich möchte die Frau behalten. Ich kann sie sehr gut gebrauchen.“

„Tut mir leid,“ sagte der Bürgermeister. „Es ist jetzt zu spät. Der andere Bauer ist schon unterwegs.“

Und wirklich, da kam auch schon der Bauer mit einem Schubkarren, wie man ihn auf den Bauernhöfen hat. Er legte das Bündel auf den Karren, Ella und Lilli zogen um. Wie oft waren sie in den letzten Jahren schon umgezogen, von einem Ort zum andern! Kaum hatte man sich etwas eingelebt, kaum hatte man die Leute etwas kennengelernt und schon schnürte man wieder das Bündel und zog weiter. Wohin? Spielte das überhaupt noch eine Rolle? Fremd war man hier und dort. In den letzten Jahren waren sie so oft unwillkommene Gäste gewesen. Nein, sie waren ohne eigenes Dazutun anderen im Weg gelaufen und bedrohten dadurch die Ruhe und die relative Geborgenheit der anderen.

Wie überrascht war Ella, als sie auf den neuen Hof kam und von der Wirtin und ihren Töchtern so freundlich begrüßt und aufgenommen wurde. Welch ein Unterschied von gestern! Lilli, die meistens froh und vergnügt in die Welt schaute, lenkte sofort die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ihre Not sollte jetzt ein Ende nehmen.

Die Bäuerin hatte für Ellas Aufgabe als Mutter Verständnis und gab ihr Arbeit im Hause, damit Lilli auch unter Aufsicht war. Das

S. 108

Kind gewöhnte sich an die geordneten Verhältnisse und wuchs schnell zu einem gesunden Kind heran.

Nach einiger Zeit kamen noch weitere Ostflüchtlinge aus Schlesien nach Westfalen und man mußte die älteren Flüchtlinge dichter zusammenlegen, um die neuen unterzubringen. Ellas Eltern und ihre Schwester Anni lebten bei einem Bauern ganz in der Nähe des Hofes, auf dem Ella und Lilli untergebracht waren. Es wäre für alle Beteiligten zum Vorteil gewesen, wenn Ella auf dem Hofe, wo die Eltern wohnten, untergebracht wäre. Der Bauer hätte eine gute Arbeitskraft mehr gehabt, Ella hätte für Lilli bei der Großmutter einen sicheren Aufenthaltsort und Ella wäre mit den ihren zusammen. Die Verständigung zwischen den beiden Bauern und der darauffolgende Umzug waren einfach. Wieder zogen die Habseligkeiten zusammen und man war auf dem Wege zum neuen Quartier.

[Fotografie]
Bildunterschrift: Der Hof Hubbeling, Vreden, Westfalen

Der Hof Hubbeling war ein gut eingerichtetes Unternehmen. Schon mehrere Jahrhunderte lebten die Hubbelings auf diesem Hof. Alles ging hier nach alter Tradition und alten Bräuchen. Jeder kannte hier seinen Platz. Die vier erwachsenen Söhne waren aus dem Krieg nach Hause gekommen. Hein, der älteste Sohn und Erbe des Hofes, hatte beide Beine bis über den Knien verloren, sonst aber waren sie alle heil und tüchtig bei der Arbeit. Auf dem früheren Hof waren nur Töchter; bei den Hubbelings waren es nur Männer. Daher nahmen Anni und Ella mit Lilli eine Sonderstellung

S. 109

ein. Die Aufnahme hier war freundlich und wohlwollend. Das Haus war groß, aber die Familie, einige Mägde, Ellas Eltern und Anni nahmen die Zimmer schon längst ein. Was sollte für Ella und Lilli geschehen?

Man fand eine Lösung. Gleich neben der Tenne gab es eine Sielenkammer, in der man das Pferdegeschirr bisher untergebracht hatte. Dieser Raum, kaum größer als drei Meter mal drei Meter, wurde ausgeräumt und als Zimmer eingerichtet. Ein kleiner Ofen kam hinein, eine Bank, aus Ziegelsteinen und einer Bohle gebaut, und ein kleiner Tisch. Das war das ganze Mobiliar von Ellas und Lillis Zimmer. Es war sehr ärmlich, aber das war jetzt ihr Zu-Hause. Hier waren sie endlich einmal allein. Hier konnte man am Ende des Tages ausruhen und miteinander sprechen. Hier würden sie einstweilen wohnen und abwarten, was das Schicksal für sie wohl auf Lager hatte.

Heinz ist in Rußland

Der Krieg war jetzt schon fast anderthalb Jahre zu Ende, aber für die Flüchtlinge gab es noch immer keinen Frieden und ihre Probleme waren noch immer ungelöst. Für die Frage, ob Heinz wohl lebe und wenn ja, wo könnte er jetzt wohl sein und wann würde er zu ihr und Lilli zurückkehren? Diese Fragen verließen sie nie.

Sie suchte überall, aber ohne Erfolg. Träge zogen die Herbsttage im Oktober 1946 ins Land. Die Ernte war eingebracht und das Wintergetreide war in der Erde. Ella arbeitete überall mit, im Hause, im Stall und auf dem Felde. Lohn bekam man damals keinen für die Arbeit, aber Unterkunft und das Essen waren damals viel wert. Ellas Eltern, Anni und Ella waren [wieder ein Teil] der großen Familie Hubbeling. Es war Ende Oktober 1946. Eines Abends waren die Eltern eben dabei, sich zur Ruhe zu begeben, als jemand noch zu später Stunde heftig ans Fenster klopfte.

„Ella, Ella, öffne doch! Ich bringe Dir eine Rote-Kreuz-Karte von Heinz! Dein Heinz lebt!“

Ella erkannte die Stimme ihrer Kusine sofort und ließ sie eintreten. Völlig vom Regen und vor Kälte zitternd, trat Eva ins Zimmer.

Schweigend las Ella die Karte mit den fünfundzwanzig Wörtern darauf: „Liebe Ella, liebe Lilli! Endlich kann ich Euch sagen, daß ich lebe und gesund bin. Ich bin in sowjetischer Gefangenschaft. Es küßt Euch Euer Heinz.“

Ella starrte auf die gelbliche Karte mit dem roten Kreuz und dem

S. 110

roten Halbmond, dem Symbol des Sowjetischen Roten Kreuzes.

„Aber, Eva, woher hast du die Karte? Und wieso kommst du zu so später Stunde hierher?“

„Ja, das war so. Wir hatten in Gronau Wochenendschluß. Am Ende der Versammlung verlas man die noch nicht abgeholte Post. Dabei kam man auch auf deinen Namen. Man fragte, ob jemand Ella Siebert kenne. Ich schrie so laut ich konnte, daß ich meine Kusine wäre und daß du und Lilli in Gaxel wohnt. Ich nahm die Karte und lief zum Bahnhof und ich fand euch und freue mich mit dir und deinem Kind.“

„Komm, trink erst einmal eine Tasse heißen Tee und dann reden wir weiter.“

Ellas Vater und ihre Mutter kamen aus ihrem Zimmer, wo die beiden Frauen waren.

„Vater, Heinz lebt! Hier sieh selbst!“ sagte Ella. Lange sah der Vater die Karte an.

„Aber Kinder, seht ihr denn nicht, wo Heinz ist. Der ist ja in Rußland und der Weg von dort nach hier ist so schwierig und weit. Freut euch nicht zu sehr. Lasset uns lieber danken, daß Heinz lebt und laßt uns Gott bitten, daß er ihn, wenn es sein Wille sollte, auch wieder zu uns führe.“

Noch lange hörte man die beiden Frauen reden. Sie konnten vor lauter Aufregung kaum ruhig bleiben. Erst früh am Morgen schliefen sie endlich ein. Es war ein wahres Wunder, daß Heinz' Karte Ella in Gaxel erreichte.

Lange hatte Heinz gesucht, aber seine Frau und Tochter fand er nicht. Sogar aus dem Einwohneramt in Berlin berichtete man ihm, daß es sechsundzwanzig Familien mit dem Namen Siebert gäbe, aber Ella Siebert sei nicht darunter. Er wußte nicht [mehr], an wen er sich weiter wenden sollte. Schließlich fiel ihm die Adresse von Prof. Dr. Benjamin Unruh ein. Es war derselbe Unruh, der 1921 in die Mennonitische Studienkommission gewählt wurde und sich so stark für die Auswanderung der Mennoniten nach Kanada eingesetzt hatte. Dr. Unruh blieb in Deutschland und nun setzte er sich wieder für seine Familie und Verwandten [ein]. Um ihnen dabei behilflich zu sein, richtete er eine Suchkartei ein. Diejenigen, die jemand vermißten, meldeten sich bei ihm und [er] versuchte dann, die Suchenden zusammenzuführen. Es schien für Heinz die letzte Möglichkeit zu sein, seine Frau und Kind zu finden.

Ganz von ungefähr schrieb Heinz an die Adresse von Dr. Unruh. Er hatte keine Ahnung von der Suchkartei und auch die Adresse war ihm

S. 111

sehr unvollkommen im Gedächtnis haften geblieben. In seinem Bemühen, Ella und Lilli zu finden, falls diese im Westen geblieben sein sollten, ließ Heinz keine Möglichkeit unversucht. Er schrieb an Dr. Benjamin Unruh in Karlsruhe. Und wirklich, Dr. Unruh hatte den Krieg gesund und heil überstanden und wohnte sogar im selben Haus wie früher.

Bei einer Postverteilung im Lager Mitte 1946 war auch eine Karte von Dr. Unruh für Heinz Siebert dabei. Kurz und schlicht brachte sie für Heinz die freudige Nachricht: „Lieber Herr Siebert, Ihre Frau und Tochter wohnen in Ehmen 18, bei Fallersleben, Kreis Gifhorn. Gott befohlen! Ihr B. Unruh.“

Sie leben! Welch eine Freude und Gnade Gottes! Heinz faltete die Hände und dankte Gott für seine Hilfe. Ja, alle drei waren sie am Leben, aber so weit voneinander getrennt. Wieviele Schwierigkeiten lagen noch zwischen ihnen! Wieviele Gefahren sollten noch überstanden werden, ehe sie erst wieder einmal zusammen sein konnten?!

Bei seinen Gedanken über die Zukunft fielen Heinz die Worte ihres Trautextes in den Sinn: „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Guten dienen.“ Dann müßte ja auch diese Trennung über Tausende Kilometer weg, dann müßte ja auch diese gefahrvolle Zeit zum Besten dienen, denn beide, Ella und er, liebten Gott, der sie bisher so gnädig geführt hatte. Und wieder fielen Heinz' Augen auf Dr. Unruhs Schriftzüge „Gott befohlen!“ Darauf würde es jetzt ganz ankommen, in dem Schutz Gottes zu bleiben. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Ella und Lilli und die ständige Sehnsucht nach ihnen sollten ab jetzt seine Kraftquelle für die kommenden Jahre werden.

Schon mit der nächsten Postsendung ging die Karte an Ella ab. Leider erreichte die Karte Ella schon nicht mehr in Ehmen, sondern über Gronau kam sie damals bei Nacht zu Ella und Lilli nach Gaxel. Das Zusammenfinden von Ella, Lilli und Heinz ist immer ein großes Wunder in ihren Augen, denn genau so wie auch Heinz schrieb Ella an Dr. Unruh. Auch sie hatte nur Bruchstücke seiner Adresse im Gedächtnis, aber ihr Brief erreichte ihn und ihr Brief traf sich mit dem Brief von Heinz. Sie wußten jetzt voneinander, daß sie lebten. Wann, wie und wo würden sie sich wieder treffen? Das lag alles in Gottes Hand und auf ihn vertrauten sie.

Es war im Herbst 1947 als wieder ein Transport von Poltawa nach Hause fuhr. Unter den Heimkehrern war auch ein guter Freund von Heinz, der sich anbot, einen Brief an Ella mitzunehmen. In diesem Brief redete Heinz sich so manches, das ihn bedrückte, vom Herzen und daraus konnte Ella erkennen, wie es um Heinz' Denken und um sein Gemüt stand.

S. 112

Heinz saß lange an seinem Tisch in dem primitiven Büro und schrieb seinen langen Brief, der von Sehnsucht nach Freiheit sprach und das Heimweh nach Frau und Kind ausdrückte. Der Schmerz der jahrelangen Trennung wuchs von Tag zu Tag und drohte irgendwann einmal alles zu zerreißen und in den Grund zu stoßen. Niemand war sich seiner Geduld und Ausdauer sicher. Die einzige Hoffnung war die baldige Entlassung, die den Gefangenen immer wieder in Aussicht gestellt wurde. Von dieser Hoffnung lebten die Kriegsgefangenen in den traurigen Nachkriegsjahren. Von dieser Hoffnung zeugten die vielen Gespräche der Gefangenen und auch ihre Briefe an ihre Lieben in der Heimat.

Heinz' Brief sprach einerseits von der großen Hoffnung eines baldigen Wiedersehens und andererseits war er eine Art Abschiedsbrief für den Fall, daß eine Heimkehr nicht mehr zustande kommen sollte. Wenn man den Gefangenen auch immer wieder eine Entlassung versprach, so bedeutete das in keiner Weise, daß diese auch Wirklichkeit werden könnte.

Der Verfasser dieses Buches in dem Lagerbüro in Charkow, das in dem Schacht des Fahrstuhles der Dreschmaschinenfabrik „Serp i Molot" eingerichtet war.

Um Ella all das zu sagen, was er ihr gerne nach der Entlassung gesagt hätte, schrieb Heinz diesen Brief, den er mit einem kranken Kameraden mitschickte:

S. 113

Den 13.11.47

Liebe Ella und liebe Lilli!

Meine innigsten Grüße sende ich Euch allen auf diesem Wege. Ich möchte, daß dieser Brief Euch bei bester Gesundheit antreffe, wie er mich hier verläßt. Daß ich wirklich gesund bin, wird Dir, liebe Ella, der Herr, der Dir den Brief überbringt, bestätigen können. Es geht mir auch nicht schlecht, ich meine in materieller Beziehung, denn meine russischen Sprachkenntnisse, die ich während meiner Studienzeit in Königsberg aneignen konnte, haben mir große Dienste geleistet. Wie froh bin ich immer, wenn es mir gelingt, jemand zu helfen. Und gerade dadurch habe ich es leichter gehabt, gerade dadurch hatte ich viele Freunde, die mir halfen, die mir fühlten und mit mir lebten. Ich habe es mir zu meinem Grundsatz für die Zukunft gemacht, immer dort helfend einzuspringen, wo es nötig und nur eben möglich ist. Findest Du das, liebe Ella, nicht auch übertrieben? Du darfst nicht glauben, daß Du dadurch vernachlässigt werden wirst. Nein, im Gegenteil, ich nehme an, daß Du mir in dieser Sache treu zur Seite stehen wirst. Wieviel könnte ich Dir darüber erzählen! Wie ich mich freue, wenn ich daran denke, daß Du meine Anschauungen teilen wirst!

Bevor ich nun weiter schreibe, will ich Dir und Lilli von Herzen den Segen und Beistand des Herrn wünschen. Er möge mit Euch sein, wie er es mit mir war, ist und sein wird. Nichts ist so wahr als: „Wer dem Herrn vertraut, der hat auf keinem Sand gebaut." Wie oft hat sich dieses in den letzten vier Jahren bewahrheitet!? Gott will uns alles geben, nur erbeten muß es sein. Seine Gnade, liebe Ella, ist so groß. Durch sie kann uns immer geholfen werden. Und ich bin der Auffassung, daß uns beiden nur durch die Gnade geholfen worden ist, nicht durch unsere Verdienste. Lies hierzu Römer 11,6. Ich habe mich oft an diesen Worten erbaut. Möge alles auch oft trostlos erscheinen, sei getrost, es wird alles wieder gut. Deshalb soll für uns alles so gehen, wie es für uns beschieden ist. Am Ende erkennen wir wieder das Gute. Mein Gebet war in der ganzen schweren Zeit nur immer das: Möge Gott uns noch einmal zusammenführen, noch einmal wolle er uns diese Bitte erfüllen und dann habe ich keine Bitten mehr, nur noch danken will ich ihm. Ab-

S. 114

dann möge er bestimmen und uns so führen, wie er will. Gerne erhört er unsere Bitten, wenn auch nicht immer sofort, aber es wird vollbracht, nur vertrauen muß man ihm. Und durch den Glauben an ihn bin ich bisher erhalten geblieben und gestärkt worden. Es wird einmal schön werden, wenn wir beide, liebe Ella, einmal für alles werden danken können. Bist Du nicht auch derselben Meinung? Soweit ich Dich noch kenne, zweifle ich nicht daran. Was Lilli diesbezüglich betrifft, so möchte ich nur, daß sie in diesem Sinne erzogen wird.

Nun wird Dich sicherlich interessieren, wie, wo und wann ich in die Gefangenschaft kam. Habe Dir das alles schon einmal früher in einem Brief erzählt, der Dich aber nicht erreicht hat. Nachdem ich Anfang Dezember 1944 nördlich von Warschau zum Einsatz kam, drückte es bis kurz vor Weihnachten und wurde dann nach Ungarn versetzt, um dort eine völlig verlorene Sache zu retten. Die ganze Sache war von vorne herein aussichtslos, aber ich mußte angeblich sein. Vier Wochen lagen wir am Plattensee, bis wir dann anfangs Februar 1945 unseren Rückzug antreten mußten. Am 3. Februar waren von den 183 Mann unserer Kompanie 17 Mann übriggeblieben. Gegen zehn Uhr morgens wurde Peter dann zweimal am Unterschenkel verwundet. Wir legten ihn auf einen Schlitten und so zogen wir weiter. Gerhard Wiebe war auch mit uns. Im darauffolgenden Gefecht wurde Peter noch einmal verwundet. Ein Schuß traf ihn in die Brust. Ich allein, wie durch ein Wunder heil geblieben, ging in die Gefangenschaft. Peter und Gerhard gingen beide selig in die Ewigkeit zum Herrn, denn kurz vor der Gefangennahme sagten sie noch zu mir: „Heinz, komm, bete mit uns. Du kannst es am besten!" Gottgewollt starben sie. Es war für sie ein Gebet andächtig gesprochen und daher auch richtig. Ella, von Gerhard wollte ich eigentlich nicht schreiben, aber ich habe es wohl überlegt. Sage es seiner Schwester Liese schonend. Wie schon gesagt, ging ich um 17 Uhr 30 Minuten in die sowjetische Gefangenschaft, die ich nun hoffentlich bald glücklich überstanden habe. Die Gefangenschaft geht mit raschen Schritten ihrem Ende zu. Ich rechne stark damit, daß ich bis März–April kommenden Jahres zu Hause bin. Wie schön wird das sein! Ist das nicht ein Beweis für die große Gnade Gottes?! Sie, die Gnade, ist

S. 115

groß, liebe Ella, sehr groß! Bis dahin bleibe ich erhalten. Bleib auch Du schön brav!

Jetzt, da der Winter wieder ins Land gezogen ist, bin ich schön warm angezogen, brauch nicht zu frieren und zu hungern. Mach Dir in dieser Beziehung keine Sorgen. Nur die Sehnsucht nach Dir, nach Lilli und nach allem, was die Freiheit bietet, ist so groß und erschwert diese Zeit enorm. Alles hat einmal ein Ende und so auch die Gefangenschaft. Und eines Tages bin ich wieder bei Dir. Dann aber für immer! Wir werden uns dann gegenseitig gehören, nur uns selber, schon deshalb, weil wir ja alles gemeinsam tun werden. Arm in Arm werden wir durchs Leben gehen, mag es auch noch so schwer sein. Wir haben es ja nie leicht gehabt und trotzdem meisterten wir das Leben. Ich kann arbeiten, davon bin ich überzeugt, denn mein Beruf ist mir heute lieber als je zuvor. Stell Dir einmal vor, ich stehe wieder inmitten einer frohen Kinderschar. Sie sind doch so ganz anders als erwachsene Menschen: aufrichtig und ehrlich, dankbar und offen. Sie werden meine Arbeit voll und ganz ausfüllen. Es mag sein, daß ich nach dieser langen Unterbrechung noch einmal etwas lernen muß, was aber nicht das Schlimmste ist. Offen gesagt, würde ich es sogar gerne tun, denn ich habe erst jetzt, liebe Ella, erkannt, daß ich noch vieles wissen möchte und müßte. Um diese Lücken auszufüllen, muß ich viel arbeiten. Aber das wird mir Freude bereiten. Ich freue mich darauf, weiß ich doch, daß Du, liebe Ella, mich verstehst und auch verstehen wirst, wenn ich mich auch in einigen Stücken verändert habe. Wir werden nach dieser langen Trennung schnell wieder zueinander gefunden haben, da doch die Liebe die stärkste Brücke von Mensch zu Mensch ist. Ob Du mir hier wohl recht gibst, Ella?

Zu all dem lernten wir bescheiden sein und gerade dieser Umstand wird uns das Leben um vieles erleichtern. Was früher noch lange nicht gut genug war, finden wir heute wunderbar. Wie Du siehst, kann auch diese schwere Zeit nutzbringend sein. Alles führt zum Guten. Wenn wir auch alles verloren haben, es ist alles nur halb so schlimm. Trotz allem: unser Heiland führte alles wohl. Wir wollen ihm dafür dankbar sein, Ella.

Wie oft habe ich mich gefragt, was wohl aus Euch geworden sein mag. Ich suchte Euch überall, bis ich dann

S. 116

eines Tages die Freudenbotschaft erhielt, daß Ihr lebt und gesund seid. Ich fragte nie nach dem „Wie", sondern ausschlaggebend war für mich nur, daß Ihr überhaupt lebt. Deshalb auch heute nicht die Frage. Wir werden uns das Versäumte später, wenn ich erst einmal da bin. Gut? Und außerdem sind wir ja noch jung, das Leben liegt vor uns. Daher gibt es ja keinen Grund, den Mut zu verlieren. Schon allein Lilli sind wir es schuldig, zu leben und uns nach Möglichkeit zu erhalten.

Wie mag Lilli wohl sein? Ob sie meinen Wünschen und Vorstellungen entspricht? Weißt Du, Ella, ich versuche so oft, mir Lilli vorzustellen, gelingt mir nie, denn ich weiß ja kaum, wie ein dreijähriges Mädchen aussieht. Offen gestanden, Ella, ich setze ganz große Hoffnungen auf unsere Lilli. Meine größte Sorge wird sein, Lilli das zu ersparen, was uns auferlegt wurde. Ich glaube, daß wir beide auch Lillis Teil in Schwerem getragen haben. Sie soll vergnügt und sorgenlos ihre Jugend verbringen, ganz anders als wir. Ihre Erziehung, liebe Ella, liegt mir besonders am Herzen. Vor allen Dingen soll sie anständig und bescheiden sein, im gewissen Grade stolz und dennoch demütig. Sie soll das Schöne im Leben voll auskosten. Andererseits muß sie auch wissen, daß alles durch harte Arbeit errungen wird, daß Arbeit glücklich und zufrieden macht. Im Glauben möchte ich Lilli so erziehen, wie wir es heute sind.

Jetzt aber etwas anderes. Ich freue mich außerordentlich über den Briefverkehr. Daß der Briefverkehr von dort weitergeleitet wurde, ist das weniger erfreulich. Das hättest Du mir nicht schreiben sollen. Ob Du Jacob um Rat gefragt hast? In einer Karte bat ich ihn, Dir mit gutem Rat zu helfen. Ich möchte ihn hiermit noch einmal darum gebeten haben. Hans und Tina werde ich schreiben, sobald ich wieder frei bin. Du mußt

S. 117

nicht böse sein, wenn ich etwas schimpfe. Es ist aber nicht so tragisch, Ella, hast Du meine Ausweise mitgenommen? Falls sie verlorengegangen sind, brauchst Du Dir keine Mühe zu machen. Ich will sie schon besorgen, wenn ich wieder bei Euch bin. In Deinen Briefen schreibe mir viel über Dich, über Lilli, die Eltern und über Deine Geschwister. Alles andere ist vorläufig unwichtig.

Und jetzt, liebe Ella, komme ich zum Schluß. So viel, erzählen wir uns mündlich. Ich wünsche nur, daß Gott unsere Bitten erhört und das wird er auch in Zukunft tun. Ella, der diesen Brief bringt, war mir ein guter Kamerad. Nimm ihn als solchen auf. Er kann Dir viel Näheres über mich erzählen.

Solltest Dir andere Kameraden schreiben, so danke ihnen, daß ich komme und dann erledige ich alles persönlich. Und jetzt, meine liebe Ella und Klein-Lilli, seid vielmals geküßt bis auf ein baldiges Wiedersehen von Eurem Heinz Siebert.

Das große Wiedersehen

Heinz Siebert lebte nun schon über vier Jahre in der Gefangenschaft. Die Zeit verlief manchmal schnell, beängstigend schnell. Den Gefangenen war es so oft so bange, daß sie mit der Zeit nicht Schritt halten konnten. Die Dinge nahmen oft so überraschend schnell andere Formen und Gestalten an, daß man sich vor schleierhaftes Bild machen konnte. Dann aber vergingen die Jahre wieder so schleppend langsam, als würde diese böse Zeit von Ewigkeit zu Ewigkeit andauern.

Die Züge mit entlassenen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion setzten erst 1947 so richtig in Bewegung. Erst waren es nur kranke und unterernährte Männer. Deren gab es so viele in den vielen Lagern der Sowjetunion. Geschwollen, mit gelblich-grauer Farbe im Gesicht, zogen die Männer in die Heimat zurück. Welch ein Unterschied zwischen dem Auszug an die Front und dem Rückzug aus dem Osten!

Damals sauber angezogen, in gutsitzender Uniform, die Militärmütze keck auf dem Kopf, waren die meisten Männer ein herrliches Bild. Jetzt nach vier- und fünfjähriger Gefangenschaft kamen sie wieder. Müde und krank war ihr Schritt, ihre Glieder vor Hunger vielfach geschwollen. Der Blick war trübe und traurig ihr Sinn. Oft gingen die Heimkehrer an einem Stock oder sie stützten sich auf den Arm eines Kameraden, der auch nicht mehr allein zu gehen vermochte.

S. 118

Ihre Kleidung war abgerissen. Auf den Ärmeln sah man den weißen Flecken, der die Anfangsbuchstaben „W.P." — Kriegsgefangener — trug. Auf dem Kopf trugen die meisten eine typische russische Ohrenklappenmütze. Die war im Winter sehr passend, aber im Sommer so dick und zu warm. So kamen die schäbigen Reste der geschlagenen Deutschen Wehrmacht nach Hause, wenn es ein Zuhause noch überhaupt gab. Viele dieser Männer haben ihr Zuhause nie wieder gefunden. Es könnte unter den Trümmern begraben liegen, irgendwo in den zerstörten Gebieten liegen. Das Zuhause könnte auch einfach nur verschwunden sein. Es hatte aufgehört zu existieren. In diesen Fällen standen die Männer am Bahnhof und warteten vergebens, daß irgendjemand sie abholen würde. Schließlich landeten sie dann doch in einem der vielen Auffanglager. Es dauerte meistens lange, bis sich diese vom Schicksal Ausgestoßenen zu einem neuen Anfang aufraffen konnten.

Am 26. August 1949 wurde Siebert die Nachricht gebracht, daß auch er nach Hause fahren dürfe. In dem Lager wurden achtundzwanzig Gefangene entlassen. Unter denen waren vier Österreicher, die man an dem Tage nicht entließ. Für die vier muß dieser Tag der trostloseste gewesen sein. Von den anfänglichen achtzehntausend Gefangenen in Charkow waren diese vier allein übriggeblieben. Man sperrte sie in den Karzer, ein Loch von der Größe eines Meters Breite, eines Meters Höhe und vier Meter Länge. Heinz Siebert und dreiundzwanzig andere Deutsche durften an dem Tage nach Hause fahren. Es war Heinz' 28. Geburtstag.

Was würde das für eine Überraschung sein, wenn er nach einigen Tagen, nach fast fünf Jahren vor Ella und Lilli stehen würde! Welch eine Freude! Sie hatten sich so lange nicht gesehen. In der Zeit der Trennung waren sie älter und reifer geworden; ihre Gesinnung hatte sich gefestigt und ihr Wesen anders geworden. Was sich nicht geändert hatte, war ihre Liebe zueinander. Hier war ihre Liebe echt und rein geblieben, wie sie vor sechs Jahren an ihrem Hochzeitstag gewesen war. Das wußten sie beide auch aus den Karten, die sie so regelmäßig wie möglich geschrieben hatten.

Heinz Siebert war nun aber auf dem Wege nach Hause. Was sollte sein Zuhause sein? Wo würde es sein? Was war er für Menschen, dem Ella und Lilli würden? Alles Fragen, die ihm niemand beantworten konnte. Der Zug mit den heimkehrenden Gefangenen wurde immer länger. Es waren im Herbst 1949 noch viele Gefangene in sowjetischen Lagern.

In Brest-Litowsk wurde der Transport von Breitspur auf europäische Normalspur umgeladen. Nun waren bald alle Hindernisse

S. 119

überwunden. Die Räder des langen Zuges, der etwa tausendsechshundert Gefangene trug, rollten durch Polen nach Frankfurt an der Oder und von dort durch die Ostzone nach Heiligenstadt. Weiter ging der Zug nicht. Die Gefangenen, immer noch bewacht, erhielten ihre Entlassungsscheine und am folgenden Tag marschierten sie auf den Schlagbaum an der Grenze bei Friedland zu. Noch wenige Schritte und man war in der Freiheit. Die Gefangenschaft mit ihrer Angst und Ungewißheit, mit der ständigen Sorge um die Gesundheit, ums tägliche Brot und um die Lieben zu Hause hatte jetzt ein Ende, als man durch das Tor des Durchgangslagers Friedland ging.

Der Weg nach Gaxel bei Vreden führte über Hamm, Dortmund, Münster und Ahaus. Von Ahaus nach Vreden ging es per Bus. Vreden war Endstation. Schon aus der Ferne erkannte Heinz den Namen, der ihm allerdings nur von den Karten bekannt war. Das Städtchen lag ganz dicht an der deutsch-holländischen Grenze. Und in diesem Ort lebten Ella und Lilli, denn Gaxel lag direkt am Rande von Vreden. Als der Bus in Vreden hielt, sah Heinz an der Straße eine schwarze Kutsche. Bei den Pferden standen zwei Männer und etwas von ihnen entfernt eine Frau und ein kleines blondes Mädchen. Das war ja Ella und das Kind neben ihr war Lilli! Wahrhaftig, das waren sie, diese beiden Menschen, die ihn durch all die langen Jahre zum Überleben angespornt hatten, die für ihn bei Gott eingetreten waren. Die Sehnsucht nach ihnen hatte Heinz ins Gebet getrieben und Gott hatte diese Gebete erhört. Nur noch einige Schritte trennten sie. Mit tränenüberströmten Gesichtern fielen sie sich in die Arme, kaum fassend, daß das erhoffte Wiedersehen jetzt Wirklichkeit war. Die beiden fremden Männer waren die Söhne des Bauern Hubbeling, Clemenz und Jupp. Der Bauer hatte darauf bestanden, Heinz vom Bahnhof abzuholen, als wäre er ein Sohn der Familie. Ella und Lilli gehörten ja auch ganz zur Familie. Selbstvergessen saßen die drei, festumschlungen in der Kutsche und fuhren in Richtung des Gehöfts der Hubbelings. Die ganze Familie war vor dem Hause, als sei einer der ihrigen nach langen Jahren nach Hause gekommen. Für Heinz, Ella und Lilli hatte das lange Warten jetzt ein Ende. Dank Gottes Gnade waren sie wieder vereinigt und konnten einen Neuanfang machen.

Wo aber und wie sollte der Neuanfang begonnen werden? Ohne Mittel, ohne Bekannte, ohne eine Bleibe zu haben, nur eine Stube neben der Küche im Hause, als Wohnung. Das war aber auch alles und das gehörte nicht ihnen. Die Leute im Ort hatten Ella und Lilli fest ins Herz geschlossen und Heinz gehörte nun auch dazu. Der Ort hatte neben der katholischen Schule auch eine evangelische Schule und die Lehrstelle in der evangelischen Schule hatte man für Heinz reserviert,

S. 120

sobald er nach Hause käme. Er könnte jetzt zu irgendeiner Zeit in den Schuldienst einsteigen. Sie meinten es wirklich gut, diese sonst so dickköpfigen Westfalen. Die Sorgen von Heinz und Ella waren aber viel weiter gespannt, als nur um Wohnung und Arbeit. Ihr Leben in der Zukunft sah viel komplizierter aus, als nur Arbeit und Brot betreffend.

Einem unbekannten Schicksal entgegen

Ella und Lilli hatten die ganzen Jahre auf dem Hofe der Hubbelings zugebracht. Sie gehörten schon fast zu der Familie. Aber trotzdem wollten sie jetzt, nachdem Heinz zu ihnen gekommen war, sobald wie möglich auswandern und irgendwo von neuem anfangen. Ihre Verwandten in Kanada hätten sie gern eingeladen, aber das würde die Auswanderung nur verzögern, denn man hatte wegen Heinz, Ella und Lilli keine Anträge zur Einwanderung nach Kanada gemacht. Heinz war ja zu der Zeit in der Gefangenschaft und seine Heimkehr war für viele Leute eine sehr fragliche Angelegenheit. Man war in dieser Hinsicht skeptisch gewesen. Es blieb also nur der schnelle und viel billigere Weg, mit Hilfe der IRO (International Refugee Organization) als Rübenarbeiter nach Kanada auszuwandern.

Der Vertrag wurde mit Hilfe von Frieda Dyck, die damals als Flüchtlingsfürsorge im Auftrage des Mennonitischen Zentralkomitees betreute, unterzeichnet und die Abfertigung durch das kanadische Konsulat konnte beginnen. Die Erlaubnis lag sehr bald vor: Heinz, Ella und Lilli

S. 121

sollten zu einem gewissen Farmer Brandt in der Gegend von Giroux bei Steinbach in Manitoba auswandern. Ein Jahr lang auf der Farm zu bleiben, war die Abmachung.

Wo lag Giroux? Wer war der Farmer John Brandt? Fragen dieser Art waren nebensächlich und man sprach in jenen Tagen nicht darüber. Die Hauptsache war, daß man in Freiheit war, daß man keine Angst haben brauchte, von irgendjemand belästigt zu werden, daß man in Ruhe und Frieden mit seinem Nächsten zusammenleben könnte. Das war schon ein Jahr als Rübenarbeiter nach Kanada wert.

Die Vorbereitungen zur Reise waren einfach. Nachdem man die erwünschte Genehmigung von den kanadischen Behörden erhalten hatte, brauchte man nur die wenigen Habseligkeiten zu packen. Der ganze Besitz der Familie fand genug Raum in einem Koffer. Man war jetzt reisefertig.

Ende Oktober 1949 ging es ab in das große Flüchtlingslager Gronau bei Cuxhaven. In diesem Lager lebten damals Tausende von Flüchtlingen aus aller Herren Länder auf ganz engem Raum zusammengepfercht. Die Verwaltung dieses Lagers lag zum größten Teil in den Händen der Flüchtlinge selber, die zwar durch den Krieg zwangsweise in den Westen gekommen waren, aber aus verschiedenen Gründen nicht mehr willens waren, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Die Vorbereitungen zur Fahrt über den Ozean nach Kanada gingen nur langsam voran. Aber schließlich war es dann soweit. Am 18. November 1949 ging man an Bord des amerikanischen Schiffes „SS Samaria" mit insgesamt tausendfünfhundert anderen heimatlosen Menschen. Sie gingen einem unbekannten Schicksal entgegen, in ein Land, das sie nicht kannten, dessen Einwohner für sie fremd waren und die Sprache, die diese Menschen sprachen, hörte sich zwar melodisch an, war aber für die meisten ein großes Rätsel. Der einzige Trost für diese Menschen bestand in der Hoffnung, in dem neuen Lande frei zu sein. Mehr brauchten sie zur Zeit nicht.

Die Fahrt auf der Nordsee verlief ohne Zwischenfälle und in knappen zwei Tagen legte das Schiff im Hafen von Le Havre an. Obzwar über diese Zeit des Jahres das Meer meistens stürmisch war, war in diesem Jahr doch verhältnismäßig ruhig und die Reise war bequem, war nicht die Seekrankheit so widrig über einen gekommen. Genau zehn Tage, vom 21. bis zum 30. November hatte die Fahrt gedauert. Ohne besondere Anstrengung lief das Schiff in Halifax ein und die Auswanderer gingen an Land.

S. 122

Halifax! Das ist also das gelobte Land Amerika, zu dem auch Kanada gehören sollte. Während der ganzen Reise gab es Musik aus vielen Lautsprechern. Es schien den Reisenden fast so, als würde es in diesem Amerika nur zwei Melodien geben: die Nationalhymne der Vereinigten Staaten und das Lied „Amerika, Amerika!" Von Kanada hörte man die Reisenden kaum etwas. Als Heinrich Warkentin sie an einem Tisch vorbeigehen ließ und jeden im Namen der Mennonitischen Emigrationsbehörde in Kanada willkommen hieß. So kamen Heinz, Ella und Lilli auf die Landungsbrücke und sahen zum ersten Mal ein Stück von Kanada.

Und dieses Kanada sah so unfreundlich aus. Es war kalt. Eine dicke Schneedecke bedeckte alles. Die Menschen hasteten hier wie überall in der Welt. Man redete und verhandelte, von dem man drei nichts verstanden. Sie gingen an Land und kamen auch zu Warkentins Tisch. Der war freundlich, gab jedem die Hand und wünschte den Einwanderern alles Gute in dem neuen Kanada.

Damit niemand an etwas mangele, erhielt jeder eine Gabe von vierzig Dollar und die Fahrkarte für den Zug von Halifax bis zum Endziel. Für Sieberts war das Ziel Winnipeg. Nach kurzem Aufenthalt in der Emigrationshalle wurden die Reisenden, in deren Paß jetzt der Stempel „Landed Immigrant" stand, zum Bahnhof gebracht und die Fahrt, durch mehr als das halbe Kanada, konnte beginnen. Am Abend des 3. Dezembers fuhr der Zug endlich in den Bahnhof von Winnipeg. Hier sollte die Familie Siebert zu Hause sein.

In Winnipeg hatten die Sieberts viele Verwandte und Bekannte. Steinbach war ja nur eine Stunde Fahrt weg. Ellas Eltern und Geschwister waren schon seit 1948 in Winnipeg und eine Reihe anderer Leute, die man kannte, waren in Winnipeg zu Hause. Jetzt sollte alles anders, besser werden.

Es war dunkel geworden, als der Zug in Winnipeg hielt. Große Schneeflocken fielen auf die Erde. „Winnipeg!" rief der Schaffner und alle, die nach Winnipeg wollten, schoben sich zum Ausgang zu. Es dauerte nicht lange, bis Ella und Lilli Opa und Oma Penner in der Menge entdeckt hatten. Welch eine Freude, unter den Seinen zu sein und sich geborgen fühlen!

Ellas Eltern waren beide am Bahnhof. Sie waren gesund und stark geblieben und hatten sich in dem einen Jahr seit ihrer Auswanderung nach Kanada in dem neuen Land gut eingelebt. Klar, sie wohnten bescheiden in einem kleinen Häuschen, aber sie hatten von allem, was man damals unbedingt brauchte.

Oma Klassen, die Großmutter von Heinz, war auch zum Bahnhof

S. 123

gekommen. Sie sah ihn an und sagte immer wieder: „Daß ich das noch erleben würde, den Sohn von Tina zu sehen, hätte ich nie geglaubt. Gut, daß Ihr da seid. Da bin ich doch wirklich froh und dankbar!"

Ella und Heinz standen nun vor einem großen Neuanfang in ihrem Leben: Ohne Geld, ohne Sprache, ohne Beruf. Und dennoch waren sie zuversichtlich und guten Mutes. Gott hätte sie ja bis hier geführt, er würde auch weiterhin ihren Rat wissen.

Zuerst meldeten sie sich bei John Brandt in Giroux. Dort sollten sie doch ihr erstes Jahr in Kanada verbringen. Herr Brandt empfing sie freundlich und sagte:

„Dort ist eure Wohnung. Meine Frau hat für den Winter gesorgt. Niemand wird hier hungern durch den Tag gehen [sic]. Wir werden im Jahr für euch sorgen. Arbeit habe ich für euch keine."

„Zuerst wollen wir uns bei Ihnen, Herr Brandt, für Ihre Freundlichkeit bedanken. Es ist für uns so wichtig, daß Sie uns aufnehmen. Anders wären wir nicht so bald von Deutschland nach Kanada gekommen. Daß Sie für uns keine Arbeit haben, sehen wir ein, denn Ihre Zuckerrübenfelder liegen jetzt unter tiefem Schnee. Wenn es Ihnen recht ist, fahren wir dann wieder nach Winnipeg. Sollten Sie uns im Laufe des Jahres brauchen, rufen Sie uns in Winnipeg an. Wir möchten unseren Verpflichtungen, wie sie im Vertrag festgelegt wurden, gerne nachkommen. Wir danken Ihnen noch einmal für Ihre Hilfe," erklärte Heinz dem freundlichen Farmer Brandt.

„Wir werden Sie kaum anrufen. Wir wollten uns mit der Bürgschaft für Sie nur behilflich erweisen und wünschen Ihnen noch einmal Gottes Segen zu Ihrem Neuanfang in Kanada. Wir wünschen Ihnen, daß Sie ein Teil zur Linderung der Not in Europa beitragen können," sagte Brandt zum Abschied.

Heinz, Ella und Lilli fuhren zurück nach Winnipeg. Brandt hat nie angerufen. Als das Jahr zu Ende war, meldete sich Heinz noch einmal bei John Brandt und beide Partien waren mit der Ausführung der Bedingungen des Vertrages zufrieden. Heinz hört ihn heute noch sagen: „Ja, wir sind jetzt quitt."

S. 124

Fünfter Teil: Mutter Sieberts Leidensweg

Die Briefjahre 1953–1965

Die erste Post von Mutter

In all dem Durcheinander der Nachkriegsjahre wartete Mutter Siebert noch immer auf Nachricht von ihren ältesten Söhnen. Sie suchte ihre Kinder überall, beim Roten Kreuz, bei den Einheiten, wo sie gedient hatten. Manchmal kam eine nichtssagende Antwort, manchmal hüllte man sich in Schweigen. Der Krieg hatte sie genommen und nur wenige gab er wieder her. Sie wartete und betete und hoffte immer noch, daß endlich ein Lebenszeichen auftauchen würde. Manchmal war es ihr, als wollte sie ausrufen: „Schicksal, bleib stehn!"

Heinz hätte unter normalen Verhältnissen schon längst schreiben sollen, aber er hatte Angst. Es war in jenen Tagen eine große Gefahr, Schwierigkeiten zu bringen für die Angehörigen eines „Kollaborateurs" mit dem Feinde. Briefverkehr nach Rußland zu haben. So gerne er auch etwas von zu Hause gewußt hätte, aber die Gefahr schien so groß zu sein. Erst Ende 1953 schrieb Heinz den ersten Brief an seine Mutter, die er als Tante anredete und als Neffe unterschrieb.

Auf diesen Brief antwortete Mutter Siebert mit einem Kartengruß in russischer Sprache. Ihre Freude war übergroß, denn sie erkannte ihren Sohn sofort als den Schreiber des Briefes. Am 29. November 1953 folgte dann ihr erster Brief:

Lieber Neffe und liebe Nichte, ach, liebe Kinder!

Gestern haben wir zu unserer Freude und Überraschung Euren lieben Brief erhalten. . . . Wie schön, daß wir einander in Liebe gedenken können, besonders im Kämmerlein vor unserem himmlischen Vater. Für diese Gemeinschaft bin ich immer dankbar, wenn wir sonst auch weit voneinander getrennt sind. Ich wünsche Euch für Euer ganzes Leben den Frieden und Segen Gottes. . . . Hans und Tina sind verheiratet. Beide haben zwei Kinder. Auf Peter warten wir jetzt sehnlich. Er will nun endgültig nach Hause kommen. Ich besuchte ihn vor zwei Jahren und Hans war im Herbst bei ihm. Bis Perm ist es ein langer Weg. . . .

Schreibt bald wieder. . .

Lebt wohl! Gott mit Euch!

Katharina Pries

Nicht nur Mutter Siebert hatte ihren Sohn sofort als den Schreiber

S. 125

des Briefes erkannt. Die Leute vom NKWD kamen auch bald dahinter. Damit hatte es auch keinen Sinn, weiterhin in dieser Sache Versteck zu spielen.

Es war im Jahre 1955, vierzehn Jahre nach seinem letzten Brief aus dem Frontabschnitt von Minsk, als der erste Brief vom Sohn, anstatt vom Neffen, „Heinz Siebert" direkt an Mutter Siebert ankam. War das eine Freude! Das lange gehütete Geheimnis war jetzt gelüftet. Man konnte über alles reden, denn in den Jahren seit Kriegsschluß war viel geschehen. Der direkte Verkehr zwischen Heinz' Familie und seiner Mutter und den Geschwistern konnte jetzt aufgenommen werden.

Mutter Siebert schrieb voller Freude ihre Briefe:

„Junge, ich bin so dankbar und froh, daß Du lebst und daß Du eine liebe Familie hast. Noch dankbarer bin ich, daß Du Deinen Heiland kennst." Und dann sprach Mutter Siebert über den Satz, den sie bei einem Gespräch über den Tod des Vaters gesprochen hatte: „Ich bin so dankbar, daß Du nicht nach Hause gekommen bist."

Scharf schnitten sich diese Worte in Heinz' Herz. Mutter Siebert wollte nichts sehnlicher, als ihre Kinder bei sich zu haben und dann kam so ein Satz, der scheinbar das krasse Gegenteil ausdrückte. Nein, das war die Bereitschaft zu dem größten Opfer einer Mutter, die da wußte, daß die Heimkehr ihres Sohnes nur unsägliches Leid über ihr Kind und Schmerz und Kummer über die Familie bringen würde. In Kanada, weit, weit weg von zu Hause, dort war Sicherheit und Frieden für ihren Sohn und seine Familie.

Mutter Siebert hatte sogar die Kraft, ihren Lieben in Winnipeg als Motto zu schreiben: „Junge, . . . laß Dir an meiner Gnade genügen." Und da hatte sie Recht, denn Gott hatte sie alle aus den Kriegswirren gezogen und in ein ruhiges und friedliches Land gebracht, in dem man zu ihnen gut war.

Für Mutter Siebert, wie auch für viele, viele andere Mütter, war der Verlust ihrer Kinder ein großes Opfer, ein Opfer, das nur liebende Mütter zu bringen imstande waren.

Heinz bekam regelmäßig Post. Die Briefe waren in der sauberen Schrift seiner Mutter geschrieben und am Ende stand dann der

S. 126

Abschluß: „Eure Euch liebende Mutter, Katharina Pries."

Das befremdete etwas, aber es war ja das gute Recht der Mutter, nach all den Jahren des Alleinseins wieder zu heiraten.

Mutter Siebert hatte schon von der Heirat mit Peter Pries. Einen Heiratsantrag gehabt. Es war in der Zeit kurz vor dem Krieg. Schon damals gab es einen großen Frauenüberschuß, weil man die Männer in die Verbannung schickte oder in Gefängnissen sperrte. Manch eine Familie wäre froh gewesen, wenn die Mutter wieder einen Ehemann gehabt hätte und die Kinder wieder einen Vater. Die Kinder von Mutter Siebert hatten diesbezüglich eine andere Meinung. Der Onkel Peters, dem vor einiger Zeit die Frau gestorben war, paßte den Jungen nicht als Stiefvater und Mann für die Mutter. Nein, sie hätten schon jemand anderen, der den Jungen sympathischer war.

Als die Mutter ihren Kindern von dem Antrag des Herrn Peters sagte, lehnten sie ihn ab. Nein, mit Peter wollten sie von vornherein ab [sic]. Hans hatte sogar eine längere Ansprache und sagte dann zum Schluß:

„Mutter, wenn du diesen Onkel Peters heiratest, dann gib mir bitte das rote Kalb und damit gehe ich dann weg."

Die Mutter sah ihre Kinder mit großen Augen an und fügte sich ihren Wünschen. Sie blieb einstweilen allein.

Später sprachen die Kinder oft über diese Forderung an ihre Mutter. Hatten sie denn überhaupt ein Recht, ihrer Mutter das bißchen Glück zu versagen? War das Opfer, das sie von ihrer Mutter verlangten, nicht viel zu groß? Wer dachte schon daran, daß Mutter Siebert noch einen Wunsch nach einem geordneten Leben hatte?

Es mag aus diesen Gründen gewesen sein, daß dieses Mal niemand von den anwesenden Kindern gegen die Heirat mit Peter Pries etwas einzuwenden hatte. Vielleicht hatten sie auch eingesehen, daß der wahre Grund zur Ehe die wirtschaftliche Seite zu sein schien. Der Ehebund sollte für beide das Leben leichter machen, so hatten sie gedacht. Das Gegenteil trat ein. Das Leben wurde für Mutter Siebert ein langes, dunkles Tal.

Die Trennung

Mutter Siebert hoffte in der Ehe mit Peter Pries wenigstens einen ruhigen Lebensabend zu finden. Dann folgten plötzlich die Briefe mit Katharina ‚Siebert' anstatt ‚Pries' unterschrieben. Für eine Erklärung dieses Wechsels sorgten die Briefe nicht. Der Inhalt ihrer Briefe wurde immer trauriger und schwerer.

Heinz und Ella fragten wiederholt nach der Ursache dieser Veränderung, blieben aber ohne Antwort von Mutter Siebert. Erst als Heinz seine Schwester um Aufklärung bat, kam der schwierigste Brief im

S. 127

Leben von Mutter Siebert, datiert vom 6. Juli 1956:

Liebe Kinder und Enkelkinder!

Heute nehme ich die Feder schweren Herzens zur Hand. Ich hätte es schon lange tun sollen, aber immer fehlte mir der Mut und die Kraft. Ich bin ja so froh, daß Ihr mich immer wieder fragt, was aus mir und Peter Pries geworden ist. Es war mit der Ehe so, daß ich nicht nach dem Willen Gottes gehandelt habe, sondern ich möchte meinen eigenen Weg gehen. Dieser Weg war der verkehrte und ich mußte umkehren, um auf einen schmalen und rechten Weg zurückkehren.

Während der Zeit, die ich im Hause von Peter Pries verlebte, wurde ich gezwungen, die schwierigsten Arbeiten auf dem Hof zu tun. Ich vertauschte alles, sogar meine Lebensmittel. Die Kinder schrien mich an und beschimpften mich und Tina als „Mitfresser" und „Nichtstuer". Jeden Tag suchten sie sich etwas anderes aus. Anfangs hatte ich noch keinen Schutz vor meinem Mann. Tina und ich standen allein. Tina durfte nicht mehr in die Schule gehen. Sie sollte sich ihr Brot selbst verdienen.

In diese Zeit fällt dann auch Tinas Hochzeit mit dem Sohn von Peter Pries. Ich war so gegen diese Hochzeit, aber ändern konnte ich es nicht. Sie heirateten. Willi ist nett und lieb zu Tina und steht ihr bei.

Als man erst alle Mittel der Bosheit angewandt hatte, griff man auch bei den Briefen von mir ein und beschuldigte mich und meine Kinder der Spionage. Gott sei Dank, daß sie mit den Drohungen nicht weiter machten. Wenn ich manchmal am späten Abend kam, gab ich Ihr etwas zu essen, dann protestierten mein Mann und seine Kinder so heftig, daß niemand von unseren Kindern mehr zu mir kam.

Die Streitigkeiten zwischen Vater und Kindern waren grausam anzuhören und die Schlägereien waren mir ein Greuel. Wir mußten die Leute aus dem Dorfrat zur Hilfe rufen. Wie weit waren sie gekommen! Fremde Leute mußten die Familie zur Ruhe und Ordnung bringen. Und ich hatte vor all diesem das große Glück erhofft. Lieber Junge, ganz schlimm wurde es im Herbst vorigen Jahres. Kalt waren die Tage und es regnete oft. Beim Kartof-

S. 128

felgraben beschädigte ich meinen Daumen und die ganze Hand war geschwollen. Ich hatte so große Schmerzen in dem ganzen Arm. Keinem konnte ich mein Leid klagen. Mein Mann hörte sich die Spöttereien seiner Kinder an und sagte dann in seinem Jähzorn: „Wenn du deinen Daumen mit dem Hammer plattschlägst, dann bist du hoffentlich gesund, das sage ich dir."

Ich bekam richtige Angst vor ihm. Am Tage darauf kam Hans zu mir. Nachdem ich ihm meinen Kummer gesagt hatte, war er kurz entschlossen: „Mutter, laß alles stehen und liegen und komm nach Hause. Warum sollst du unter diesen ruchlosen Menschen leben?" Ich ging nach Hause und bin nie wieder über die Schwelle des Hauses von Peter Pries getreten.

Ich weiß, es war ein Fehltritt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht um Vergebung bete. Ich hoffe und glaube, daß Jesus auch mir diesen Fehltritt vergibt. Ich wollte nur das Gute. Jetzt bin ich bei meinen Söhnen, die mich versorgen und die auf mich achtgeben. Ich habe verzichtet auf alles andere auf der Welt. Behaltet mich lieb! Seid alle Gott befohlen: Du Heinz, Ella, Lilli, Lorie und Marlies.

In Liebe Eure Mutter und Oma.

Nachdem Mutter Siebert Peter Pries verlassen hatte, kam sie zu Hans und später wohnte sie bei Peter. Sie war müde und schwach geworden. Das Leben verlangte von ihr zu viel. Sie hatte keinen Lebensmut mehr. In einem Brief vom 19.9.56 schrieb sie:

Ich will euch schnell zu Gast kommen, weil ich Euch alle so lieb habe und mich so nach Euch sehne. . .

. . . Ich bin Euch so dankbar, daß Ihr mir Mut zusprecht, die traurigen Zeiten zu vergessen. So etwas kann man nicht vergessen. Die Wunden verheilen, doch die Narben bleiben. Ich habe mich zu Euch zurückfinden können.

Die Mutter singt

Die Hungerjahre seit Beginn der Kollektivierung, die Jahre nach Abram Sieberts Tod, die schweren Kriegsjahre, die mageren Nachkriegsjahre und nun die Jahre mit Peter Pries hatten ihre Spur hinterlassen. Mutter Siebert war klein, ganz klein geworden, indem sie durch Zeiten größter Einsamkeit und unbeschreiblicher Not und unsäglicher Demütigung ging. Gott lehrte sie, bescheiden zu sein.

Wie tief die Demütigung von Mutter Siebert noch gehen sollte,

S. 129

oder wie „klein" sie werden mußte, zeigten die Begegnungen von Mutter Siebert mit ihrer Nichte Helene. Sie waren lange Strecken ihres Lebens gemeinsam gewandert. Sogar Orsk war ihr gemeinsames Erlebnis gewesen.

Mutter Siebert sang viel und an ihren Liedern erkannte Helene ihren seelischen Zustand. Wenn sie das Lied „Hoffnung sei mein Wanderstab" sang, dann war es ihr bange ums Herz. Sie sang sich buchstäblich selbst Mut zu, den sie in dem Augenblick so dringend benötigte.

Helene wußte auch, wie es um den Mut von Mutter Siebert war, wenn sie sang:

Habt Erbarmen, habt Erbarmen! Seht mein Elend, meine Not. Gebt mitleidig, o mir Armen, Auch nur ein Stückchen Brot. Schon zwei Tage keinen Bissen, Speise nicht in meinem Mund. Steine waren meine Kissen Und mein Bett war Wiesengrund.

Dieses Lied erzählte die Geschichte eines Bettlerkindes. Das Kind ging von Tür zu Tür und sang dieses Bettellied. Wie mag es im Herzen von Mutter Siebert ausgesehen haben, wenn sie auf das Niveau dieses kleinen Bettlers sank und seine Gedanken und Worte zu den ihrigen machte?

Die Nichte von Mutter Siebert wußte auch genau, wann Mutter Siebert von Heimweh und Sehnsucht nach ihren Kindern geplagt wurde. Dann sang sie eines jener maßlos traurigen Lieder, die man so recht nur in Russisch singen kann.

Helene erinnerte sich auch an eine Begebenheit, die eine einfache Brotkruste zum Inhalt hatte. Helenes Mutter kam ihre Schwester, der es etwas besser ging, zu Besuch. Mutter Siebert bekam ein Stück Brot, von dem sie ihrer Schwester ein Stück gab. Gierig aß Helenes Mutter den weichen Teil des Brotes sofort auf. Gierig? Nein, das war der Hunger, der beißende Hunger. Die Kruste blieb zurück, weil die Mutter sie mit ihrem kranken Gebiß nicht essen konnte. Sie wickelte die Kruste in ein Tuch und nahm sie für ihre hungrigen Kinder mit nach Hause. Eine Kruste Brot und wieder hungrige Kinder!

„Wir standen alle um den Tisch," erzählt die hungrige Helene, „zerteilte die Kruste. Hat diese Einteilung aber lange gedauert! Ich konnte es fast nicht abwarten, bis ich meinen Bissen, mehr war es nicht, bekam."

S. 130

Mutter Siebert war stiller, verschlossener und kleiner geworden. Hunger und Not lassen die Menschen immer stiller und stiller werden. Wenn das Gegenteil wahr wäre, würden die Lieder trauriger Menschen aus Orsk, Korkino und aus den Dörfern der Orenburger Ansiedlung durch die Täler, über Hügel und Berge das Leid in die weite Welt hinausgetragen haben. So aber wurde es um die Hungrigen immer leiser. Kein Mensch berichtet davon. Nur hin und wieder hat jemand von jenen Tagen berichtet.

Mutter Siebert wußte davon ein Lied zu singen.

Die Sorge blieb

Wohl war der Krieg da draußen in der weiten Welt schon lange zu Ende. Aber für Mutter Siebert und für die vielen anderen Menschen in der Sowjetunion blieb der ständige Kampf ums Dasein. Es ging den Menschen um das Obdach, um das Brot und um die Kleidung, ja es ging ihnen um den leiblichen Frieden und um die innere Ruhe ihres Lebens. Die Sorge war für die meisten Menschen der ständige Begleiter auf ihrem Wege durchs Leben.

Nach der langen Abwesenheit während der Kriegsjahre befanden sich die Häuser in den Dörfern in schlechtestem Zustand. Wegen des großen Materialmangels war es fast unmöglich, ein neues Haus zu bauen oder das baufällige zu reparieren. Man mußte die Materialien auf dem schwarzen Markt für teures Geld kaufen oder sonst durch Bestechungen erstehen. Man konnte es auch einfach stehlen. Man nannte diese Art der Baumaterialbeschaffung auch „einfach".

Mutter Siebert kannte die Schwierigkeit des Hausbaues und sie sorgte sich um ihre Kinder, die alle neue Häuser bauen mußten. Es dauerte zwei, manchmal drei Jahre, bis ein Haus zum Einzug fertigstand.

Das Grundstück war in der Kolchose da. Man brauchte nur die Genehmigung zum Bau. Dann erst kam der Bau des Fundaments. Wo sollte man die Steine dazu finden? Hatte man die Steine gefunden, mußten diese auch zum Bauplatz gefahren werden. Wer würde das Auto oder den Traktor zur Verfügung stellen? Wieviel Flaschen Wodka mag das Ganze kosten?

Hatte man das Fundament richtig an Ort und Stelle, mußte man die Lehmziegel machen. Man nannte die Herstellung „das Streichen der Lehmziegel." Das muß man von den Ägyptern gelernt haben, denn man strich die Ziegel wie zur Zeit Pharaohs. Das war die schwerste Arbeit, die man nach Feierabend oder am Sonntag machte. Ein langwieriger Prozeß!

Standen die Mauern des Hauses, kam die Holzarbeit dran. Das

S. 131

Holz konnte man nur als Rundholz, d.h. in Stämmen, im Norden von Orenburg bekommen. Man kaufte sich Bäume, wie sie im Wald standen. Die Anfuhr des Holzes war mit vielen Problemen verbunden. Es mußte alles getauscht werden. Man tauschte Holz gegen Butter oder Honig, Nägel gegen Fleisch und Fett. Man konnte für das Geld, aber dafür konnte man doch nichts kaufen [sic]. Oft passierte es, daß man mit einem Wagen auf dem Wagen die Kolonie verließ und mit Holz wieder zurückkam. Man mußte schon einen Geschäftssinn haben.

Genau suchte man Blech oder Schiefer für das Dach und Farbe für das Holz. Arbeit und viele Sorgen gab es da und viel Mühe und Ärger. Aber schließlich stand das Haus und man zog ein. Mutter Siebert hatte aber immer noch die Sorge um das Glück ihrer Kinder, die sie mit ihrer ganzen Liebe umschloß.

Peters Haus in Dolinowka.

Früher, als ihre Kinder noch alle zu Hause waren, traf es sich immer wieder, daß die ganze Familie am Tisch saß und Zukunftspläne schmiedete. Diese Luftschlösser waren durchaus nicht auffallend, aber immerhin, sie waren der Art, wie die Not um das tägliche Brot und um Kleidung nicht mehr Raum in den Zukunftsgedanken hatte. Alle vier Brüder waren sich darin einig, daß die Mutter bei wohnen sollte und Tina würde auch keinen Kummer kennen, dafür würden ihre vier Brüder so sorgen. Leider wurde aus diesen Plänen nichts, denn alle Geschwister wurden Wege geführt, die in ihren Plänen für die Zukunft überhaupt nicht vorkamen.

S. 132

Mutter Siebert hatte auch hier eine Ahnung, die sie laut zum Ausdruck brachte, aber immer wieder tauchte die Frage in ihren Mahnungen auf: „Jungs, ihr macht große Pläne, aber was wollt ihr tun, wenn es einmal anders kommt, als ihr es euch gedacht habt?"

Die Söhne konnten damals nicht glauben, daß es aus dem Elend auch noch einen anderen Weg gab, als den, den sie eingeschlagen hatten. Hans und Peter suchten lange nach einem Ausweg aus der Not, aber vergebens. Je länger sie auf diesem Wege gingen, umso weiter kamen sie von ihrem gesteckten Ziel. Mutter Siebert mußte hilflos zusehen, wie ihre beiden jüngsten Söhne immer wieder zurückgeworfen wurden.

Besonders aufregend war in dieser Zeit, als Hans einmal von einer Feier in dem Klubhaus der Kolchose nicht mehr nach Hause kam. Es war ein stürmischer Wintertag. Der Wind fegte den Schnee durch die Täler und über die Berge. Nichts war zu sehen. Sogar die Markierung der Straße war verschwunden. Die Sonnenblumenstengel, die im Winter den Verlauf der Straßen anzeigen, hatte der Wind umgebrochen oder der Schnee hatte sie zugedeckt.

Tina, Hans' Frau, machte sich rechtzeitig Sorgen, daß Hans nicht zu Hause war. Man suchte ihn im Dorf, auf den Straßen, in den Häusern, aber ohne Erfolg. Er war nicht da. Jetzt machten sich die Männer auf und gingen ihn suchen. Gegen Morgen legte sich der Sturm und man fand Hans. Er war außerhalb des Ortes zu einem Strohhaufen gekommen. Völlig ermüdet, kauerte er in dem Stroh. In ganz kurzer Zeit, hätte man ihn nicht gefunden, wäre er erfroren.

Mutter Siebert hatte aber auch ihre frohen Stunden, von denen sie in ihren Briefen schrieb. Es war in einem Brief aus dem Jahre 1957, in dem sie von den Predigten des Ältesten Heinrich Voth berichtete. Der Mann war schon über achtzig Jahre alt und machte den weiten Winterweg immer noch mit. Bis in die entferntesten Siedlungen. Hans fuhr in dem Winter einen Raupenschlepper. So ein Traktor war das einzige Fahrzeug, das durch den tiefen Schnee hindurch konnte. Als niemand fahren wollte, bot Hans sich an, Ältesten Voth mit seinem Raupenschlepper bei grimmiger Kälte nach Perwolotzk zum Bahnhof zu fahren. Es waren doch immer noch Zeichen der Güte in den Herzen ihrer Söhne. Mutter Siebert schöpfte immer wieder Hoffnung für die Zukunft.

Eine wichtige Frage in den Jahren war für die Leute das Problem des Verkehrs. Mutter Siebert schrieb in ihren Briefen von ihren Reisen auf dem Hintersitz oder im Beiwagen des Motorrades. Abenteuerlich schilderte sie das Wagnis so einer Fahrt auf den Straßen mit

S. 133

unzähligen Schlaglöchern und Wasserpfützen. Peter brachte Mutter Siebert auf seinem Motorrad zu einem Fest und holte sie am anderen wieder ab, aber selbst blieb er nicht dort. War es Gleichgültigkeit oder war es der Unglaube oder war es die Angst vor den Behörden?

Zu ihrer Zeit gab es nur wenige Personenautos und daher fuhr die Mutter auf einem Motorrad mit. Bis Peter sich ein Auto kaufte.

Die Anschaffung des Autos war ein Erlebnis sondergleichen. Als einer der besten Arbeiter in der Kolchose, belohnte man Peter mit einer Gelegenheit, sich ein neues Auto zu kaufen. Unter normalen Umständen ist ein Autokauf etwas ganz Einfaches. Aber nicht so in Dolinowka.

Peter hatte das nötige Geld für das Auto, das siebeneinhalbtausend Rubel kosten sollte. Die Schwierigkeit bestand aber darin, daß das Auto nicht mit Geld, sondern nur mit Fleisch, Rind oder Schwein, bezahlt werden sollte. Peter hatte jetzt aber nur ein Schwein. Er brachte aber das Gewicht von etwa 29 Schweinen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Schweine zu kaufen, und zwar zu dem Preis des schwarzen Marktes — 7,00 Rubel pro Kilo. Der Staat kaufte ihm das Fleisch aber nur für 3,50 Rubel ab. Nach langem Hin und Her kaufte Peter das Auto. Er hatte genug Quittungen von verkauftem Fleisch aufgetrieben. Der Wagen kostete daher über fünfzehntausend Rubel.

Damals schrieb man aus Orenburg: „Ist es Euch jetzt klar, warum wir keine Zeit zum Briefe schreiben haben?"

Die Bilanz

Es gab im Leben von Mutter Siebert auch Zeiten, in denen es um sie ruhig wurde. Dann schien der Sturm nachgelassen zu haben. Aber das war nur äußerlich. In ihrem Herzen waren die Unruhe, die Angst und der Kummer geblieben. In diesen Stunden kam die Sehnsucht nach längst vergangenen Tagen unbändig über sie. Dann sah sie im Geiste die Großfamilie Siebert, — Heinrich, Hans, Franz, Jakob, Gerhard, Peter und Katharina — die Geschwister ihres Mannes, vor sich. So viele waren weg! Sie hatte der Kriegssturm mitgenommen. Kein Haus war verschont geblieben. Es sah fast so aus, als wäre ein Waldbrand durch die Gegend gezogen. Mutter Siebert ging im Geiste nach dem Ort Stepanowka und kehrte bei ihrem Schwager Heinrich Siebert ein. Er und seine Frau Maria hatten sieben Kinder gehabt. Seine Frau bekam dafür den Titel „Mutter-Heldin". Und eine Heldin war sie, denn diese vielen Kinder zu erziehen, war fürwahr eine Heldentat. Die Familie Heinrich Siebert war während des Krieges zum Totaleinsatz gekommen. Heinrich und seine Kinder waren alle in der Trudarmee. Er selbst, der Vater, war

S. 134

bald abgewirtschaftet und als Wrack durfte seine Tochter ihn nach Hause holen. Kurze Zeit nach seiner Heimkehr starb er eines „natürlichen" Todes. Sein ältester Sohn war verschollen, aber die anderen kamen wieder nach Hause.

Wie in früheren Jahren kehrte Mutter Siebert bei Hans Siebert ein. Er war immer Buchhalter gewesen. Ihn holte man aus der Gefangenschaft und dort ist er schon nach kurzer Zeit [gewesen]. Seine Frau und Kinder kamen im Winter nach Hause. Das Ende dieses Teiles der Familie Siebert war besonders traurig, denn man berichtete, daß Hans Siebert, der Onkel, im betrunkenen Zustande gestorben war. Er war der Last des Leidens erlegen.

Franz Siebert wurde 1941 verhaftet und man hat nie wieder von ihm gehört. Vor seiner Verhaftung war er Jahre lang gut genug gewesen, die Maschinentraktorenstation zu leiten. Eines Tages hatte man ihn aber zum Volksfeind gemacht. Solche Menschen, so schrieb Mutter Siebert, starben durch einen Pistolenschuß. Die Familie von Franz Siebert füllte die Reihen der Trudarmee auf.

Ganz anders sah es bei dem Schwager Gerhard Siebert aus. Er kehrte wohl bald nach Kriegsschluß aus der Trudarmee zurück, starb aber an den Folgen des schweren Dienstes.

Peter Siebert, dem jüngeren Bruder ihres Mannes, erging es besonders schlecht. Er und sein Sohn wurden zur Wehrmacht eingezogen. Die Familien wußten, daß ihre Männer in der Gefangenschaft waren, aber ob sie gefallen waren? Kamen sie in Gefangenschaft? Wer kennt schon ihren Weg?

Mutter Siebert ging mit ihren Gedanken zu der jüngsten Schwester ihres Mannes. Die beiden Schwägerinnen hatten sich in letzter Zeit besonders lieb gehabt, weil sie beide allein waren. Den Mann ihrer Schwägerin hatte man gleich mit Kriegsausbruch festgenommen. Er wurde in dem Orenburger Gefängnis buchstäblich zu Tode gefoltert. Die Familie Siebert hatte ihren blutigen Beitrag an Opfern geleistet. Menschlich gesehen, ein gerütteltes Maß an Opfern.

Ihre Gedanken trugen Mutter Siebert nach Fjedorowka, wo die Familie Klassen wohnte. Zwei Schwestern wußten, daß ihre Männer auf der Insel Solowki im Weißen Meer in Eis und Schnee gestorben waren. Manche heiratete noch einmal, aber sie mußte auch diesen Mann hergeben.

Mutter Siebert dachte an diese vielen Opfer, die ihre Familie ruinierten. Das war nur eine Familie! Aber solche Tragödien gab es — überall! Aber solche Hoffnung gab es, daß die Zeit die Tränen trocknet und die Wunden heilt [sic]. Eines Tages, so hoffte sie,

S. 135

würde auch der Schmerz vergessen sein.

Die Deutschen Orenburgs, ja in der ganzen Sowjetunion, zogen die Bilanz und das Ergebnis war erschütternd.

Sie lebte in der Gnade

Mutter Sieberts Leidensweg war aber noch nicht zu Ende. Am 10. Oktober 1956 schrieb sie über ihre Verdienstmöglichkeiten in der Kolchose. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich mit anfallenden Arbeiten. Aber so richtig arbeiten konnte sie nicht mehr. Sie strickte und nähte. Manch einen Ballen Wolle hat sie in jenen Jahren zu Garn gesponnen und dann das Garn zu Strümpfen und Jacken verstrickt. Nun hatte man sie als arbeitsunfähig erklärt. Versorgt wurde sie zum Teil aus der Armenkasse der Kolchose. Man gab ihr im Monat ein Kilogramm Butter und auch Mehl fürs Brot. Den Rest ihrer Bedürfnisse besorgten die Kinder.

Mutter Siebert war mit ihrem Los zufrieden. Sie widmete sich ganz ihren Kindern und Enkelkindern und stand ihnen, so gut es ging, mit Rat und Tat zur Seite. Sie hatte ihre frohen und nicht so frohen Tage. So, wie sie früher für ihre Kinder der Leitstern gewesen war, so blieb sie es auch in den späteren Jahren.

In den 60-ger Jahren war es hier und dort gelungen, Verwandte aus der Sowjetunion nach Kanada einzuladen. Anfangs war diese Idee für Mutter Siebert fremd. Auch hatte sie Angst, sich um eine Ausreisegenehmigung zu bewerben. Wie leicht könnte ihr das zum Verhängnis werden! Aber dann war es eines Tages so weit: sie wollte es wagen, nach Kanada zu kommen. Bangen Herzens freute sie sich schon auf die Möglichkeit, ihre Lieben zu sehen. Aber ihr Brief vom 18. September 1965 klang traurig und ähnelte einem Abschiedsbrief:

Jetzt bin ich fast siebzig Jahre alt. Das ist doch schon eine lange Zeit für mich. Viel habe ich gesehen und erlebt. An viele Ereignisse denke ich ungerne zurück. Manch einen dunkeln Weg hat der liebe Gott mich geführt. Ich kann Euch aber froh bekennen, daß der Herr mich nie verlassen hat. Laßt auch Ihr Euch an seiner Gnade genügen. Ich schreibe Euch einige Verse, die mir so recht aus dem Herzen gesprochen sind:

So manchen Berg hab ich erklommen, Das Steigen war oft bitter schwer. Der Atem ward mir fast genommen, So daß ich dacht', ich kann nicht mehr!

S. 136

Oft war ich müde zum Verzagen, Oft stieß mein Fuß sich wund am Stein. Da sprach der Herr: „Ich will dich tragen." Und Kraft von oben setzte ein.

Manch dunkles Tal, das ich durchschritten, War finster, schwer wie eine Nacht. An Kleinmut hab' ich oft gelitten, Vergaß, daß über mir ein Auge wacht.

Jetzt wandle ich getrost die Straße, Ob steil der Berg und finster auch das Tal. Bin nie allein und nie verlassen, Denn Gott, mein Schutz und Schirm, ist überall.

Und kommt einst meine letzte Stunde, Mir, da ich alt, schon nicht mehr fern, Dann wird auch mir die Gnadenstunde: „Komm, ruh dich aus bei deinem Herrn!"

Mutter Siebert muß ihre letzte Stunde wirklich geahnt haben, denn der Brief mit dem Gedicht war ihr letzter Brief. Sie starb kurz nach ihrem achtundsechzigsten Geburtstag, ganz plötzlich. Still, wie sie gelebt hatte, so ging sie aus der Mitte ihrer Kinder. Heute ruht ihre Hülle auf dem Friedhof in Dolinowka. Und über das Grab hin hört man die Bitte der Kinder:

Sprich mit mir, Mutter! Lange hast du mir kein Lied gesungen, Gebeugten Hauptes an der Wiege. Im Vogelflug die Zeit verging. Und der Faden zur Jugend zerriß.

Sprich mit mir, Mutter, Über irgendetwas, sprich, bis hinein in die Mitternacht der Sterne, Schenk mir die Kindheit noch einmal.

Ich bin mit meinem Schicksal zufrieden, Bedauere nichts, was schon geschehn, Nur manchmal zieht's mich hin Zu dir in jene wolkenlose Ferne.

S. 137

Jene märchenhaften Zeiten Verbleiben im Herzen ewig mir. Nichts ist mir heute teurer Als dein zärtlich, sanftes Lied.

Während ihres ganzen Lebens hatte Mutter Siebert ständig gebetet. Sie hatte zuletzt einen Wunsch: ihre Kinder sollten den Weg der Nachfolge Jesu einschlagen. Zu ihrer Lebenszeit wurde ihr diese Sehnsucht nicht erfüllt. Erst lange nach ihrem Tode konnte Peter, ihr Jüngster, den Herrn erkennen. Ihre Tochter Tina und der Sohn Hans ließen sich nach mehreren Jahren taufen und bekannten sich damit zu ihrem Herrn und Heiland. Gott hatte die Gebete von Mutter Siebert erhört.

S. 138

Nachwort

Die Lebensgeschichte von Mutter Siebert ist keine schöne Geschichte. Sie ist keine außergewöhnliche Geschichte. Sie ist für die Zeit, in der Mutter Siebert lebte, fast normal, wenigstens in vielen Aspekten wiederholte sie sich im Leben unzähliger Mütter immer wieder, wenn auch in unterschiedlichen Varianten. Das Leiden und die Opfer der Mütter wurden zu etwas ganz Alltäglichem und dadurch zu einer akzeptierten Selbstverständlichkeit, die man sehr oft nicht wahrnahm oder absichtlich übersah. Das Buch ist meiner lieben Mutter gewidmet, die in ihrem Leben das Glück und die Freude nur selten, im Vorüberhuschen, erlebte. Das Los meiner Mutter ertrugen aber in gleichem Ausmaß Tausende und Abertausende anderer Mütter, deren Kinder nicht minder dankbar sind für die liebende und selbstverleugnende Aufopferung, die ihnen zuteil wurde.

Auch diesen Müttern ist dieses Buch gewidmet. Es soll ein Versuch sein, ihnen ein kleines Denkmal zu setzen, das von ihrem Heldentum, in aller Stille und in aller Unauffälligkeit getan, zeugt und die Nachwelt an ihre Liebe erinnert. Das ist mein Wunsch. Möge das Buch diesem Wunsch gerecht werden!

Karl Fast Winnipeg, Manitoba 1989


[Rückumschlag — Autorenbiografie]

Karl Fast wurde 1921 in der Orenburger Ansiedlung als Sohn mennonitischer Eltern geboren. Hier erhielt er auch seine Grundausbildung und eine nichtabgeschlossene Berufsausbildung als Lehrer für Russisch und Deutsch.

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann er seine Tätigkeit als Lehrer. 1940 wurde er zum Dienst in der Sowjetarmee eingezogen. Gleich mit dem Ausbruch des Krieges kam er in Weißrußland zum Einsatz und kam dann als Versprengter in die Ansiedlung Alexandrowka bei Pjatichatka, Ukraine. Nach zweijähriger Tätigkeit in der Schule der Baratower Ansiedlung bei Kriwoi Rog flüchtete er mit seiner Frau, gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingen, in den Warthegau. Hier wurde er zum Dienst in der Deutschen Wehrmacht eingezogen. Anfangs 1945 geriet er in Ungarn in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst im September 1949 nach Westfalen zu Frau und Tochter entlassen wurde.

Noch im selben Jahr wanderte die Familie nach Kanada aus und ließ sich in Winnipeg nieder. Fast nahm sein Studium an der Universität von Manitoba wieder auf und schloß selbiges mit einem Bachelor of Arts ab.

In Kanada unterrichtete er am Westgate Mennonite Collegiate, am Lowe Farm Collegiate und an der Steinbach Senior High School. Die letzten vierzehn Jahre seines Berufslebens war Fast als Berater für den Fremdsprachenunterricht beim Manitoba Erziehungsministerium tätig. Seine Arbeit auf dem Gebiete der Förderung des Deutschunterrichts in Manitoba wurde mit der Verleihung des Verdienstkreuzes Erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland anerkannt.

Karl Fasts erstes Buch Gebt der Wahrheit die Ehre wurde als dreiteiliges Werk zum ersten Mal 1950, 1951 und 1952 veröffentlicht. Die zweite Auflage erschien 1989 im Canzona Verlag.

Das Buch Laß dir an meiner Gnade genügen wurde in den Jahren 1987–1989 geschrieben.

Heute lebt Karl Fast als Rentner in Winnipeg.

ISBN: 0-929130-01-4


Bearbeitungs- und Prüfnotizen

Redaktioneller Anhang zur Transkription (Gesamtausgabe v13)

Aus dem Abschnitt S. 32–71 übernommen; betrifft die dort genannten Seiten.

Bearbeitungsnotizen (Rob)

Zwei Fotos in diesem Abschnitt (für Website / Digitalisierung): 1. S. 38 — „Das Dorf Dolinowka, Orenburger Ansiedlung" (Landschaft mit Dorf). Vorschlag: an das Kartenstopp/Kapitel „Dolinowka / Heimkehr" koppeln. 2. S. 57 — „Hans Siebert bei der Maisernte in der Kolchose" (Traktor + Erntemaschine + Lkw). Vorschlag: an das Kapitel „Hans kommt zurück" koppeln.

Lesbarkeit / Prüfbedarf. Dies ist eine erste Rohfassung nach Foto. Die Erzählseiten (S. 32–63) sind größtenteils sicher. Deutlich mehr Prüfung gegen das physische Buch brauchen:

Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (zweite Runde)

Hochauflösende Neufotos abgeglichen: S. 62, 67, 68, 70, 84. Korrekturen eingearbeitet:

Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (dritte Runde — Originalgrößen)

Vollständig gegen Originalfotos abgeglichen: S. 56, 64, 76, 99. Korrekturen eingearbeitet:

Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (vierte Runde — S. 93 und S. 85 in Originalgröße)

S. 67 unteres Drittel bestätigt korrekt (Rob, 10. Juli 2026): „[Man] belegte" und „Getreide[abgaben]" bleiben als gedruckt stehen — keine Änderung nötig. S. 68 korrigiert (Rob, 10. Juli 2026): Druck liest „ihre Mutter Witwe" (Singular), nicht „Mütter Witwen". Damit sind alle zehn Neufoto-Seiten (56, 62, 64, 67, 68, 70, 76, 84, 93, 99) sowie S. 85 vollständig abgeglichen und geschlossen.

Nachprüfung Juli 2026 (Reshoot-Runde: S. 100–106)

Grundlage: sieben neue Originalaufnahmen (volle Auflösung, S. 100–106). Sechs offene Stellen geklärt:

Die Seiten 100, 102 und 105 enthielten keine offenen Markierungen; die Neuaufnahmen dienten der Bestandssicherung. Verbleibende `[?]`-Markierungen im Gesamttext: 87.

Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (fünfte Runde — S. 35)

Vollformat-Neufoto (3024×4032) der S. 35 abgeglichen; Seite vollständig gegen den Druck verifiziert. Elf Korrekturen, darunter zwei im Master fehlende Sätze wiederhergestellt und alle drei [?]-Marker der Seite aufgelöst:

Neufoto-Abgleich, 10. Juli 2026 (Runde: S. 57, 74, 77, 78, 83, 98, 115, 119, 135, 138)

Zehn Neuaufnahmen in Originalauflösung (3024×4032 bzw. 4284×5712 px) abgeglichen; alle 27 `[?]`-Markierungen dieser Seiten aufgelöst und zahlreiche verstümmelte bzw. fehlende Passagen nach dem Druckbild rekonstruiert. Wichtigste Wiederherstellungen:

Verbleibende `[?]`-Markierungen im Gesamttext (ohne Prüfnotizen): 54.

Hinweis: Verifikation erfolgte anhand einer Ganzseiten-Ansicht (1100 px) des Vollformat-Fotos, nicht per Streifenzerlegung; Lesbarkeit war durchgehend gut. Bei Bedarf Stichprobe in künftiger Runde.

Offen: Vollformat-Neufotos für S. 57, 74, 77, 78, 83, 98, 115, 119, 135, 138 liegen vor (S. 57 ausstehend — nur Thumbnail erhalten), konnten in dieser Sitzung wegen Ausfalls der Bildanzeige nicht ausgewertet werden.

Korrekturrunde, 10. Juli 2026 (S. 32, 42, 60, 71, 72, 81, 82, 86 — vom Nutzer direkt übermittelte Lesungen)

17 vom Nutzer direkt gegebene Korrekturlesungen angewandt; 15 `[?]`-Markierungen sowie mehrere unmarkierte Klammer-Vermutungen aufgelöst.

Verbleibende `[?]`-Markierungen im Gesamttext (ohne Prüfnotizen): 38.

Korrekturrunde 2, 10. Juli 2026 (S. 60, 71, 86, 95, 113, 117, 133 — vom Nutzer direkt übermittelte Lesungen)

10 vom Nutzer direkt gegebene Korrekturlesungen angewandt; alle `[?]`-Markierungen dieser Seiten (außer zwei, siehe unten) sowie zahlreiche verstümmelte Passagen aufgelöst.

Verbleibende `[?]`-Markierungen im Gesamttext (ohne Prüfnotizen): 28.## Korrekturrunde 3, 10. Juli 2026 (S. 34, 36, 39, 40, 43, 58, 60, 63, 69, 73, 79, 92, 94, 97, 106/107, 109, 114, 116, 124, 125, 126, 131, 132, 133, 134 — vom Nutzer direkt übermittelte Lesungen)

25 Korrekturlesungen angewandt; 24 `[?]`-Markierungen aufgelöst. Strukturelle Korrekturen:

Einzelkorrekturen (Auswahl): S. 36 „an den sie gehörte"; S. 39 „niedrigbrennenden Kerosinlampe"; S. 58 Heimkehr-Absatz („Von ihren anderen drei Söhnen noch immer keine Nachricht vorlag [so die Lesung] … Ein banges Gefühl … befiel sie immer häufiger."); S. 60 „Der Familienkreis würde ihm so gut tun."; S. 63 Trinkgelage-Passage rekonstruiert („zum Gelächter der Anwesenden wurde oder auch zur Schande der ganzen Familie herabsank … wenn man die Trunkenheit politisch auslegte … den Arbeitsplatz verlor oder bei der NKWD schwarz angekreidet wurde"; frühere [sic]-Stelle entfällt); S. 69 „Er ruhte, wie auf dem Schleifen über dem Sarge stand, sanft." (so übermittelt; ggf. „auf den Schleifen" — prüfen); S. 73 „Die kanadische Prärie nahm sie auf, ohne sie zimperlich zu behandeln."; S. 79 „Lebensmittel wie Hirsegrütze, Reis und wenn es die nicht mehr gab, Maisgrütze … von Orenburg sechsunddreißig Stunden per Bahn nach Moskau" (zuvor irrig „Kilometer"); S. 92 „denn das russische Reich ist groß und die Völker Rußlands sind weit stärker als die anderen Völker dieses wissen und wahr haben möchten."; S. 94 „Beide wurden Pfingsten 1943 in der Mennonitengemeinde in Grünfeld … getauft"; S. 97 „Das Unrecht, das damals den Polen zugefügt wurde, verdient entschieden ein Denkmal … das sie selbst tragen konnten." (frühere [sic]-Stelle entfällt); S. 109 Sielenkammer-Absatz nach Druck („kaum größer … was das Schicksal für sie wohl auf Lager hatte."); S. 114 „Wie schon gesagt, ging ich um 17 Uhr 30 Minuten … Die Gefangenschaft geht mit raschen Schritten ihrem Ende zu … Wie schön wird das sein!"; S. 116 „ausschlaggebend"; S. 124 „Sie wartete und betete und hoffte immer noch …"; S. 125 „Mutter Siebert wollte nichts sehnlicher … und dann kam so ein Satz, der scheinbar das krasse Gegenteil ausdrückte."; S. 132 „bot Hans sich an, Ältesten Voth mit seinem Raupenschlepper bei grimmiger Kälte …"; S. 133 „die Geschwister ihres Mannes, vor sich. So viele waren weg! Sie hatte der Kriegssturm mitgenommen. Kein Haus war verschont geblieben. Es sah fast so aus, als wäre ein Waldbrand durch die Gegend gezogen."; S. 134 „hatte man gleich mit Kriegsausbruch festgenommen. Er wurde …".

Zur Bestätigung vorgemerkt (wie übermittelt übernommen, Lesung wirkt unvollständig):

Prüfrunde v13 (Neufotos S. 91 und S. 111, Juli 2026):

S. 91 — Seitenmarke korrigiert: S. 91 beginnt laut Neufoto bereits mit der Teilüberschrift „Vierter Teil: Heinz Siebert / Wohin führt der Weg nach Hause?" (Marke entsprechend vorverlegt). Textkorrekturen nach Druck: „von dem Überfall"; „das Sommerlager abgebaut" (statt „das Bataillon"); „Eine unübersehbare Menge von Menschen." (Einschub [Es war] entfällt); „zogen auf den Straßen"; „Erst nach drei Tagen Marsch, der die Kolonnen immer im Kreise führte, gelangte man beim Bahnhof in Krementschug an." ([sic] entfällt); „Eilig begann jetzt die Verladung und nach zwei angestrengten Tagen rollte der Zug in Richtung Westen …"; „Niemand von den Mannschaften hatte eine Fronterfahrung. Daher kann man ruhig sagen, daß diese jungen Menschen ganz in naiver Weise … als sie sich der Stadt Mogilew nahten."; „eine gebührende Abfuhr"; `[?]`-Stelle aufgelöst: „daß man sich zurückziehen solle und die Panik vergrößerte die Katastrophe nur noch mehr."

S. 111 — Seitenanfang: „sehr unvollkommen im Gedächtnis …". Textkorrekturen nach Druck: „In seinem Bemühen, Ella und Lilli zu finden, falls diese im Westen geblieben sein sollten, ließ Heinz keine Möglichkeit unversucht."; „Bei einer Postverteilung … eine Karte von Dr. Unruh für Heinz Siebert dabei. Kurz und schlicht brachte sie für Heinz die freudige Nachricht" ([sic] entfällt); „Ja, alle drei waren sie am Leben, aber so weit voneinander getrennt. Wieviele Schwierigkeiten … Wieviele Gefahren sollten noch überstanden werden, ehe sie erst wieder einmal zusammen sein konnten?!" (Absatzwechsel danach); „die Worte ihres Trautextes"; „Dann müßte ja auch diese Trennung über Tausende Kilometer weg, dann müßte ja auch diese gefahrvolle Zeit zum Besten dienen …, der sie bisher so gnädig geführt hatte."; „in dem Schutz Gottes zu bleiben"; „sondern über Gronau kam sie damals bei Nacht zu Ella und Lilli nach Gaxel."; `[?]`-Stelle aufgelöst: „Das Zusammenfinden von Ella, Lilli und Heinz ist immer ein großes Wunder in ihren Augen, denn genau so wie auch Heinz schrieb Ella an Dr. Unruh. Auch sie hatte nur Bruchstücke seiner Adresse im Gedächtnis, aber ihr Brief erreichte ihn und ihr Brief traf sich mit dem Brief von Heinz."; „Wann, wie und wo würden sie sich wieder treffen?"; „Es war im Herbst 1947 als wieder ein Transport von Poltawa nach Hause fuhr. Unter den Heimkehrern war auch ein guter Freund von Heinz, der sich anbot …"; „redete Heinz sich so manches … und um sein Gemüt stand."

Verbleibende `[?]`-Markierungen im Gesamttext (ohne Prüfnotizen): 0. Beide Neufoto-Anforderungen erledigt.

Nach oben ↑